Am seidenen Faden

    This site uses cookies. By continuing to browse this site, you are agreeing to our Cookie Policy.

    • Am seidenen Faden

      Ich mag Stilleben sehr gern, besonders die aus dem 17. Jahrhundert (wenn es nicht gerade Prunkstilleben sind). Die stille Selbstverständlichkeit des Alltäglichen, die plötzlich "kunstwürdig" wird; die mal mehr, mal weniger spürbare Überhöhung der Dinge; die meditative Stimmung - das alles mag ich.

      Dann habe ich eines Tages dieses Stilleben kennengelernt:

      [Blocked Image: http://www.wga.hu/detail/s/sanchez/cotan/stillife.jpg]

      Juan Sanchez-Cotán (1561-1627)

      Ich verstehe dieses Bild nicht. Macht sich der Maler auf eine sehr subtile Art lustig? Über wen? Mich reizt das Bild zum Lachen, aber ich weiß nicht warum. Es ist irgendwie absurd - aber wieso?

      The post was edited 1 time, last by Jovis ().

    • An was erinnert Dich das Bild, Jovis? :)

      Mich reizte es nicht zum Lachen, weil es mich sofort an die schlesischen Weber erinnerte (Gerhard Hauptmann), die von sich gesagt haben sollen, dass sie sonntags einen Hering in der Küche aufgefädelt haben, und jedes Familienmitglied durfte mal dran lecken.

      Nun muss ich erstmal gucken, wann die schlesischen Weber gelebt haben, aber vermutlich später als der Maler.
    • Ich habe beim Anblick des Bildes mehr praktisch gedacht.

      Die Melone und die Zuchini (oder ist es eine Gurke)? liegen halt, weil diese dazu gedacht sind, sofort gegessen zu werden.
      Die beiden anderen sind zwecks Vorratshaltung aufgehängt.
      Und auch damit der Kohl nicht geschmacklich auf die Melone abfärbt.
      Und der Apfel hängt am höchsten, weil Äpfel bei vielen anderen Gemüsen und Obstsorten bewirken, daß diese schneller reifen, wenn der Apfel direkt daneben liegt.

      Also so etwas wie ein Kühlschrank der damaligen Zeit.
      Oder so.
      Ich sage doch, ich denke bei so einem Bild immer praktisch.

      viele Grüße
      tigerente
      kkkkk
    • Ich könnte eine Art Allegorie des Lebenszykluses darin entdecken:

      Der Apfel steht für die frühe Jugend. Er ist schön, saftig, frisch und vollkommen. Aber er hängt noch in der Luft. Idee: Makelose Jugend.

      Der Salat schwebt auch noch über dem Boden. Er ist ein junges Gewächs, das viele Schichten bildet. Bald fangen die Blätter an zu welcken. Idee: Erwachsen werden.

      Die Melone ist endlich auf der Erde angekommen. Sie ist ausgewachen und reif geworden. Ihre Samen und ihr Wertvollstes bewahrt sie im Inneren auf und schützt es mit einer harten Schale. Ihr Fleisch ist das Süßeste unter allen Früchten. Aus ihr wird ein Stück herausgeschnitten. Idee: Reifwerden und Vermehren.

      Am Ende steht die runzelige, alte Gurke. Sie hat ein rauhe, schrumpelige Oberfläche und ist innerlich sauer und zäh geworden. Sie steht schon kurz vor dem Fall über die Kante in den Abgrund. Idee: Alter und Tod.

      The post was edited 3 times, last by Don Quijote ().

    • RE: Am seidenen Faden

      Interessant ist auch der Lichteinfall. Das Leben beginnt in der dunklen Hälfte des Bildes (im Schatten des Lebens) und strebt der Hellen zu (zur Erleuchtung). Vielleicht auch hier eine geschickte Art um Erkenntniswachstum (das Licht der Erkenntnis) und Erfahrung zu versinnbildlichen. Was auch das traurige Schicksal der Gurke etwas aufwertet. Sie ist im wahrsten Sinne des Wortes "erleuchtet". :)

      Den Boden würde ich tatsächlich als den harten Boden der Realität, des Lebens interpretieren. Die Jugend (das kleine Früchtchen und das junge Gemüse) steht eben noch nicht mit beiden Beiden fest auf der Erde, sondern baumelt in der Luft. Sie sind im wahrsten Sinne künstlich an einem Faden (von den anderen) aufgehängt und werden festgehalten. Und mit aller Kraft streben sie der Erde entgegen.

      Der Erwachsene hat den Boden erreicht und darf endlich dauerhaft, reif und prall werden (wie die Melone/der Kürbis). Aber er muss sich teilen und zerschneiden lassen. Er verliert seine „vollkommene Ganzheitlichkeit“, die er noch in der Jugend hatte.

      Das Alter hat nichts Schönes mehr und neigt sich dem Abgrund entgegen. Es ist alt und ausgedorrt. Nachdem man sein ganzes Leben lang so sehr bemüht war, den Grund zu erreichen, muss man letztlich wieder von ihm herunter fallen. Aber dafür liegt die Gurke am hellsten und wärmsten Ort des Lebens.

      Gute „Alte“ Kunst ;)

      The post was edited 1 time, last by Don Quijote ().

    • Tolle Interpretation, Don, darauf wäre ich nie gekommen!

      Kleine Frage am Rande: Was ist, wenn man die "alte" Gurke einlegt? :)

      Ich bin viel formaler an das Bild herangegangen. Das erste, woran ich gedacht habe, war: das ist ein Teil einer Parabel (oder welche Figur auch immer das in der Mathematik ist). Und weil der Maler dieses Arrangement mit Legen allein nicht hingekriegt hätte, hat er einige Früchte einfach aufgehängt. Und das erschien mir wie ein kleiner Seitenhieb auf die herkömmlichen Stilleben, die möglichst natürlich aussehen sollen, diese "Natürlichkeit" aber auch nur dem ordnenden Zugriff des Malers verdanken. Als ob Sanchez-Cotán sich gedacht hat: wenn schon manipuliert wird, dann soll es auch jeder deutlich sehen.
    • Folgenden Text habe ich zu dem ersten Bild gefunden:

      Stillleben mit Quitte, Melone und Gurke». Der Titel, den Juan Sánchez Cotán (1560–1627) seinem Werk gegeben hat, tönt einfach. Doch genau genommen geht es dem Maler nicht wirklich um Früchte. «Hinter der dargestellten Natur verbirgt sich Gott», sagt der Kunsthistoriker Bodo Vischer, der an Stillleben spanischer Meister des 16. bis 18. Jahrhunderts und der damaligen geistesgeschichtlichen Entwicklung untersucht hat, wie sich mit der wandelnden Naturauffassung auch der Blick auf die Dinge verändert. In Cotáns Werk offenbart sich Gott laut Vischer über Zeichen, die durch Ähnlichkeit auffallen. Das Wurmloch in der Quitte und der Kern auf der Melone oder die Richtungsparallelen in der Struktur von Kohl, Melone und Gurke sind solche Zeichen. Sie verraten ein schöpfungstheologisches Naturverständnis, das ebenso wie die Zeichenlehre in der spanischen Renaissance weit verbreitet war.

      Später, im 17. Jahrhundert, erscheint die Natur nicht mehr als Sprachrohr Gottes, aber immer noch als Mittel zum Zweck; Velázquez etwa thematisiert in seinen Stillleben sein künstlerisches Schaffen. Erst bei Meléndez und anderen Malern der Aufklärung erhält die Natur ein Eigenleben. Möglichst symbolfrei und enzyklopädisch genau wird erfasst, was sie aus eigener Kraft hervorbringt.
    • RE: Am seidenen Faden

      Als ich die beiden neuen Bilder gesehen habe, fürchtet ich schon, mich bei der Auslegung des Ersten gewaltig geirrt zu haben. War es vielleicht nur Zufall, dass sich im ersten Bild alles so wunderbar in meine Interpretation des Lebenszyklus’ fügt?
      Bei den neuen Bildern stehe ich mit meiner Sichtweise vor einigen Problemen, die ich nicht „auflösen“ kann.

      Das Zweite, der von Me’s geposten Bilder, ist offensichtlich eine Variante von Jovis’ Bild.

      [Blocked Image: http://www.wga.hu/detail/s/sanchez/cotan/stillife.jpg]

      [Blocked Image: http://www.kgi.ruhr-uni-bochum.de/stillleben/data/images/a/3/abb_3.jpg]

      Die gleiche Anordnung, die selben Dinge (bis auf das Gemüse unter dem Salat). Nur, dass jetzt vier tote Vögel den vormals leeren Raum füllen. Nach dem ersten Eindruck kommt mir dieses Bild überfüllt und überladen vor. Und irgendwie macht mir das baumelnde Federvieh ein schlechtes Gewisses, macht mich irgendwie befangen und traurig. Die Vögel werden immer größer und fetter, je weiter das Leben (nach meiner Auslegungsweise) voranschreitet. Zum Schluss rückt die Ente die Gurcke gar in den Hintergrund. Hier könnte ich tatsächlich eine Art „moralische Warnung“ herauslesen: Das Gewissen nimmt am Ende des Lebens den ganzen Raum ein. Das Gewissen ist das letzte, was dem Menschen am Ende übrig bleibt, wenn alle Kraft und Größe von ihm gegangen sind. Es ist letztlich von größerer Bedeutung als der Mensch selbst (die Ente überdeckt die Gurke). Ich kann mir vorstellen, dass dies die christliche Lebenshaltung wiederspiegelt: Am Ende des weltlichen Lebenslaufes ist der Mensch wieder ganz auf sich selbst zurückgeworfen und steht allein mit seinem Gewissen vor seinem Schöpfer.
      Außerdem ist mir aufgefallen, dass die Dinge jetzt viel näher an der Kante liegen, also ständig vom Fall bedroht. Vielleicht wieder ein Hinweis auf die ständige moralische Bewährung des Menschen.


      Im zweiten Bild von Me (das Große) bin ich mit meiner Auslegungsweise nicht weit gekommen. Ich kann mir auch hier wieder ein versinnbildlichte Entwicklung vorstellen. Im ersten Moment erinnerten mich die beiden baumelden Zitronen (konzentriert und saftig) an ein Paar Hodensäcke. Auf dem Boden findet man eine Zitronenscheibe. Vielleicht hier ein Sinnbild des Samens, der Befruchtung?

      Ich könnte mir generell auf jeden Fall vorstellen, dass der Maler Motive christlicher Anthropologie im Wesen und der Eigenart natürlicher Dinge sichtbar machen will (also eine Art christlicher Anthropomorphismus der Natur. Das wäre theologisch bestimmt sehr modern gewesen und allemal fortschrittlicher als lebloser Dogmatismus).

      The post was edited 1 time, last by Don Quijote ().