Was bedeutet (Anti-)Reduktionismus bei Testimonial-Überzeugungen (soziale Erkenntnistheorie)?

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    • Was bedeutet (Anti-)Reduktionismus bei Testimonial-Überzeugungen (soziale Erkenntnistheorie)?

      Hallo,

      ich habe eine Verständnisfrage. Ich beschäftige mich gerade mit einem Text über Testimonial-Überzeugungen (testimonial beliefs), also Überzeugungen, die man aufgrund von Aussagen anderer hat und inwiefern man Berichte von anderen als zuverlässige Quelle des Wissens ansehen kann. In diesem Zusammenhang gibt es häufig eine Diskussion über Reduktionismus vs. Antireduktionismus.

      Im Zusammenhang mit dem Reduktionismus finde ich immer nur die Formulierung, dass dieser Position zufolge der epistemische Wert von Testimonial-Überzeugungen auf andere empirische Quellen wie Wahrnehmung, Erkenntis oder induktive Schlüsse (inductive inference) zurückgeführt wird. Das verstehe ich irgendwie nicht. Inwiefern wird was genau auf diese empirischen Quellen zurückgeführt? Ist das auf den Empfänger der Nachricht bezogen, also dass der Empfänger seine Überzeugung letztendlich doch nicht durch die Aussage des anderen hat, sondern durch seine eigene Wahrnehmung, Erinnerung, Schlussfolgerung? Oder ist die Reduktion auf den Sender der Nachricht bezogen, also dass der Sender die Erkenntnis, die er vermittelt, aus empirischen Quellen (seiner Wahrnehmung, Erinnerung usw.) gewonnen hat?

      Den Antireduktionismus verstehe ich so, dass er behauptet, dass Testimonial-Überzeugungen epistemischen Wert besitzen und als verlässlich angesehen werden können allein aufgrund der Tatsache, dass sie geäußert wurden. Kann man das so grob sagen?

      Kann mir das einer vielleicht kurz erklären? Das würde mir die Weiterarbeit mit meinem Text enorm erleichtern. Vielen Dank und LG :) Hoffe, meine Fragen waren verständlich gestellt.
    • Alexander Brunner, Reason and transmission in the epistemology of testimony - A Critique of Jennifer Lackey’s Discussion of Reductionism and Non-Reductionism, 2012; Diplomarbeit, Universität Wien wrote:

      Zeugenschaft ist eine zentrale Quelle von Wissen. Es ist daher eine wichtige Aufgabe der Epistemologie, zu erklären, wie wir durch das gesprochene und geschriebene Wort anderer zu Wissen kommen können. In der jüngeren philosophischen Literatur hat die Fragestellung, wie eine Person vernünftigerweise eine gerechtfertigte Meinung durch Zeugenschaft erlangen kann, zu einer komplexen und umstrittenen Debatte geführt.

      Auf der einen Seite behaupten Reduktionisten, dass es vernünftig sei, eine getätigte Aussage im Hinblick auf den reichhaltigen Schatz an induktivem Beweismaterial, das uns durch unsere Erfahrung gegeben ist, zu akzeptieren.

      Auf der anderen Seite verteidigen Nicht-Reduktionisten die Ansicht, dass wir durch die Aussagen anderer Wissen erlangen, weil unser vermeintliches Verständnis eine apriorische Berechtigung darstellt, eine Aussage als wahr zu akzeptieren.

      In der Auseinandersetzung mit Jennifer Lackeys wegweisendem Buch Learning from Words, 2008, ist die Hauptaussage meiner Diplomarbeit, dass eine dichotome Unterteilung in ein reduktionistisches und ein nicht-reduktionistisches Lager nicht in der Lage ist, substantiellen Fortschritt in der epistemologischen Debatte herbeizuführen. Durch philosophische Gegenbeispiele versucht Lackey, beide Ansichten zu widerlegen und den Fokus bei Unterredungen weg von den Überzeugungen des Sprechers, hin zu den Aussagen selbst zu verlegen. Ich behaupte, dass dieser Versuch erfolglos bleibt.

      Insbesondere behaupte ich, dass ihre Gegenbeispiele nicht überzeugend genug sind, um die etablierte Ansicht zu widerlegen, dass Zeugenschaft am besten als Ausdruck einer Überzeugung gefasst wird. Letztendlich erscheint Lackeys Entwurf, die Überzeugungen von Sprechern als epistemisch irrelevant zu verwerfen, unfruchtbar. Um zu verstehen, wie Wissen durch Zeugenschaft anderer erlangt werden kann, ist es wichtig, die Intentionalität von Sprechern zu begreifen. Nimmt man Sprecher als Personen ernst, scheint sowohl Reduktionismus als auch Nicht-Reduktionismus in der Lage, auf richtige und relevante Herausforderungen von Unterredungsszenarien antworten zu können. In diesem Sinne ist die Idee, dass es eine hinreichende Begründung geben muss, um das Verstehen einer Aussage als rational begreifen zu können, ein Gedanke, den beide Lager begrüßen können, damit eine daraus resultierende Überzeugung gerechtfertigt sein kann.

      In dieser Arbeit, die als PDF in voller Länge erhältlich ist (oben auf Zitat-Überschrift klicken), werde alle von dir genannten Punkte angesprochen und auseinander gesetzt.
      "Ein wackerer Engländer vermisst an den Deutschen Feinheit des Verständnisses, ja wagt zu sagen, der deutsche Geist scheint etwas Verbogenes, etwas Stumpfes, Ungeschicktes und Unglückliches zu haben" (Friedrich Nietzsche, Vom Nutzen und Nachteil der Historie für das Leben, 1874).
    • Vielen Dank für eure schnellen Antworten und den Aufsatz! Da werden ja auch Beispiele genannt, hatte ich davor noch nicht gefunden. Wenn ich es richtig verstehe (habe gerade ein paar Stellen aus dem Aufsatz gelesen), dann ist beim Reduktionismus mit der Zurückführung auf empirischen Quellen die Wahrnehmung und Erfahrung gemeint, die der Rezipient mit dem Sender der Nachricht bzw. den Umständen/Kontext der Äußerung hat? Also da wird ja das Beispiel eines Physiklehrers genannt, der den Studenten etwas erzählt und diese glauben seinen Ausfürhungen aufgrund der Wahrnehmung seiner ruhigen Stimme, ihrer bereis gemachten Erfahrung mit der Institution und dem Lehrer usw.? Ist das also mit Reduktion gemeint?
      Danke!! :)
    • darkmorning wrote:

      Wenn ich es richtig verstehe (habe gerade ein paar Stellen aus dem Aufsatz gelesen), dann ist beim Reduktionismus mit der Zurückführung auf empirischen Quellen die Wahrnehmung und Erfahrung gemeint, die der Rezipient mit dem Sender der Nachricht bzw. den Umständen/Kontext der Äußerung hat? Also da wird ja das Beispiel eines Physiklehrers genannt, der den Studenten etwas erzählt und diese glauben seinen Ausführungen aufgrund der Wahrnehmung seiner ruhigen Stimme, ihrer bereis gemachten Erfahrung mit der Institution und dem Lehrer usw.? Ist das also mit Reduktion gemeint?

      Es geht zunächst darum, dass man annimmt, Wissen werde durch Induktion erworben.
      Induktion bedeutet: Rabe 1 ist schwarz, Rabe 2 ist schwarz, ..., Rabe n >> 2 ist schwarz; also sind alle Raben schwarz.

      Zunächst baut sich jeder (gemäß dieser Auffassung) seine Erkenntnisse selber nach diesem Muster zusammen.

      Nun erzählt mir ein anderer, was er angeblich weiß.
      Die Frage ist nun: Wenn ein anderer mit mir sein Wissen teilt, wie kann ich wissen, dass das, was er mir erzählt, nicht gelogen ist?

      Ich gehe (gemäß dieser Auffassung) so vor, dass ich aus meinem Wissen über diesen anderen eine Metainduktion nicht betreffs seines Wissens, sondern betreffs seiner Person mache:
      In Situation 1 belog er mich nicht, was ich prüfen konnte;
      in Situation 2 spendete er für die Armentafel, obwohl er selber nicht viel Geld zur Verfügung hatte;
      ...,
      in Situation n gab er eine ehrliche Antwort, obwohl das seine Freundin ärgerlich machte;
      also ist das, was er mir erzählt, wenn er mit mir sein Wissen teilt, nicht gelogen.

      So ist das gemeint.
      "Ein wackerer Engländer vermisst an den Deutschen Feinheit des Verständnisses, ja wagt zu sagen, der deutsche Geist scheint etwas Verbogenes, etwas Stumpfes, Ungeschicktes und Unglückliches zu haben" (Friedrich Nietzsche, Vom Nutzen und Nachteil der Historie für das Leben, 1874).

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