Ist Introspektion ein wissenschaftliches Verfahren vergleichbar der Beobachtung in den empirischen Wissenschaften?

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    • Ist Introspektion ein wissenschaftliches Verfahren vergleichbar der Beobachtung in den empirischen Wissenschaften?

      Die Introspektion ist wissenschaftlich suspekt, weil sie die Innenschau des betreffenden Individuums darstellt, zu der dies Individuum einen exklusiven Zugang hat.

      Kann ein Mensch wissen, was in einem andern Menschen vorgeht? Die positivistisch orientierten Wissenschaften lehnen die Introspektion weitgehend ab.

      Andererseits könnte unser Zusammenleben nicht gelingen, wenn wir überhaupt nicht wüssten, was in unsern Mitmenschen vorgeht.

      Was kann die Introspektion leisten und was nicht?
      E.

      The post was edited 1 time, last by Eberhard ().

    • Eberhard wrote:

      Die positivistisch orientierten Wissenschaften lehnen die Introspektion weitgehend ab.

      Erstaunlich. Ich kenne den Begriff ganz anders. Positivistische Wissenschaften orientieren sich - um metaphysikfrei operieren zu können - am "Gegebenen" und das ist ebenso "innen" wie die "Gegenstände" der Introspektion.
    • Wie der Name "Behaviorismus" schon sagt, wollte man nur beobachtbares Verhalten als Datenbasis der Psychologie nehmen. Dazu gehört nicht die Innenschau des Individuums. Der einzelne Mensch wurde als eine Art "black box" behandelt, dessen Input (Reiz) und Output (Reaktion) man beobachten kann. Was in der black box geschieht, konnte nur durch hypothetische Theorien formuliert werden.

      Der positivistische Ansatz hat insofern eine gewisse Berechtigung, als ich z. B. nicht Deine Zahnschmerzen fühle.
      E.
    • Hallo Eberhard,

      Ist Introspektion ein wissenschaftliches Verfahren vergleichbar der Beobachtung in den empirischen Wissenschaften?


      Im weitesten Sinne schon, auch wenn sich unsere heutigen Abwehrmechanismen längst der Vorherrschaft des Kopfes angepasst haben und uns vor der eigentlichen Wahrheit "schützen" möchten, wird die Wahrheit immer präsent sein und sich ihren Weg suchen. Erst wenn der Mensch wieder die Herrschaft über sein Denken übernimmt, kann er die Wahrheit so akzeptieren, wie sie ist.

      Kann ein Mensch wissen, was in einem andern Menschen vorgeht? .............


      Ein Mensch kann mitfühlen, aber er kann nicht wissen, was in einen anderen vorgeht.

      Was kann die Introspektion leisten und was nicht?


      Diese Erfahrung kann nur jeder für sich machen, denn sie ist individuell.

      LG Denise
    • Eberhard wrote:

      Wie der Name "Behaviorismus" schon sagt, wollte man nur beobachtbares Verhalten als Datenbasis der Psychologie nehmen. Dazu gehört nicht die Innenschau des Individuums. Der einzelne Mensch wurde als eine Art "black box" behandelt, dessen Input (Reiz) und Output (Reaktion) man beobachten kann. Was in der black box geschieht, konnte nur durch hypothetische Theorien formuliert werden.

      Der positivistische Ansatz hat insofern eine gewisse Berechtigung, als ich z. B. nicht Deine Zahnschmerzen fühle.

      Aha, es geht irgendwie um Bahaviorismus. Okay. Aber was die genaue Frage/Problemstellung des Threads ist, erschließt sich mir nun noch weniger.
    • Es geht um die Frage, ob die Introspektion, die "Innenschau" des Individuums, ein Weg zur wissenschaftlichen Erkenntnis ist, vergleichbar der Beobachtung. Die Betonung liegt auf "wissenschaftlich". Wenn die Wissenschaft nach allgemeingültiger Erkenntnis strebt und wenn Allgemeingültigkeit die allgemeine Nachvollziehbarkeit der vorgebrachten Argumente erfordert, dann ist die Beschreibung meiner Gedanken oder Empfindungen durch mich selber zumindest nicht ohne weiteres nachvollziehbar und damit kein geeigneter Baustein wissenschaftlicher Erkenntnis.

      Es scheint, dass hier ein schwerwiegender Unterschied zwischen dem zentralen Kriterium der Erfahrungswissenschaften, der intersubjektiv übereinstimmenden Wahrnehmung, und der offenbar nicht nachvollziehbaren Introspektion jedes Einzelnen besteht.
    • Der Naturwissenschaftler, der eine allgemeine Regelmäßigkeit entdeckt hat, kann mit den Ergebnissen seiner Beobachtungen und Experimente eine von anderen, also intersubjektiv nachvollziehbare Begründung für diese Regelmäßigkeit geben. Er muss dazu eine Beschreibung seines Experimentes geben, damit es von anderen Wissenschaftlern wiederholt werden kann. Wenn das vorhergesagte Ergebnis des Experimentes eintritt, wird die Entdeckung bestätigt.

      Dies ist gewissermaßen der Idealfall in der Wissenschaft. Er macht die "Objektivität" der Naturwissenschaften aus. Aber wenn man genauer hinsieht, beruht das Ergebnis ebenfalls auf Introspektion, indem die beteiligten Wissenschaftler über ihre eigenen Wahrnehmungen berichten ("Ich sehe, dass das Gemisch aus den Flüssigkeiten f und g zu brennen beginnt"). Dies ist zweifellos ein introspektives Vorgehen.
      E.

      The post was edited 1 time, last by Eberhard ().

    • Eberhard wrote:

      ("Ich sehe, dass das Gemisch aus den Flüssigkeiten f und g zu brennen beginnt"). Dies ist zweifellos ein introspektives Vorgehen.

      Nein, denn der Vorgang spielt sich in der Außenwelt ab, kann von anderen Beobachtern eingesehen und bestätigt werden, was bei der Introspektion nicht der Fall ist. Introspektion bezieht sich auf die Innenwelt (Vorstellungswelt) des Beobachters.
    • die "vermessene" Innenwelt

      Watt wrote:

      Eberhard wrote:

      ("Ich sehe, dass das Gemisch aus den Flüssigkeiten f und g zu brennen beginnt"). Dies ist zweifellos ein introspektives Vorgehen.

      Nein, denn der Vorgang spielt sich in der Außenwelt ab, kann von anderen Beobachtern eingesehen und bestätigt werden, was bei der Introspektion nicht der Fall ist. Introspektion bezieht sich auf die Innenwelt (Vorstellungswelt) des Beobachters.

      Wenn ich den Threadsteller eigenermaßen verstehe, geht es ihm um die Aufwertung der Introspektion:
      wie könnte ich meine Innenwelt nach verlässlichen Regeln vermessen, mein Wissen über mich
      (vor mir selbst) rechtfertigen UND es mit wissenschaftlichem Anspruch kommunizieren ?

      Bevor mich meine Einwände gegen solches Unternehmen am Schreiben hindern, versuche ich ihm etwas
      abzugewinnen.

      Auch dann wird mein Weg nicht über unhaltbare Vergleiche führen: wir können nicht das postulierte Gesamtverfahren
      (Introspektion) mit einem Moment aus dem Repertoire der empirischen Wissenschaften -nämlich Beobachtung-
      vergleichen nur weil sie AUCH als dem Beobachter Innerliches ausgelegt werden kann. Sie alleine, selbst
      als ausdrückliche 3. Person-Perspektive, würde noch lange nicht für die Wissenschaftlichkeit bürgen.

      Allerdings: ohne eine relativ verlässlich vermessene Innenwelt könnten wir die 3. Person-Perspektive kaum einnehmen.
      Ein Leben beginnt gewöhnlich mit der Geburt---meins nicht.
      Zumindest weiß ich nicht, wie ich ins Leben gekommen bin.

      (W.Moers: Die 13 1/2 Leben des Käpt'n Blaubär, Kapitel 1.: Mein Leben als Zwergpirat, 1. Satz)

      The post was edited 1 time, last by byLaszlo ().

    • Mit der letzten Bemerkung im Beitrag #9 wollte ich die sogenannte Objektivität der naturwissenschaftlichen Beobachtung etwas relativieren.

      Ein Individuum A kann in einem ersten Schritt nur seine eigenen Wahrnehmungen berichten und zum Beispiel sagen: "Ich sehe vor mir eine Tanne." Dieser Satz hat jedoch nicht dieselbe Bedeutung wie der objektiv formulierte Satz: "Vor mir ist eine Tanne". Wahrnehmungen sind Vorstellungen, also individuelle Bewussteinsinhalte. Sie unterscheiden sich von anderen Arten von Bewusstseinsinhalten wie Träumen und Erinnerungen darin, dass sie Interpretationen von Sinneseindrücken sind.

      Erst wenn andere Individuen übereinstimmende eigene Wahrnehmungen berichten (B: "Ich sehe auch vor A eine Tanne" etc.) kann A mit Berechtigung von dem Satz "Ich sehe vor mir eine Tanne" zu dem Satz übergehen: "Vor mir ist seine Tanne".

      Ob A wirklich vor sich eine Tanne wahrnimmt, ist nur A durch Introspektion unmitttelbar zugänglich. Er könnte sich auch irren oder lügen.

      Diesen Sachverhalt habe ich als "introspektives Vorgehen" bezeichnet. Vielleicht sollte ich besser von einem "introspektiven Element" in der naturwissenschaftlichen Erkenntnisgewinnung sprechen.
    • Watt, die Frage ist, wie ein weiterer Beobachter das Protokoll einer Selbstbeobachtung überprüfen kann. (Ich habe mich an anderer Stelle mit Heideggers Gebrauch von nur introspektiv zugänglichen Erfahrungen auseinandergesetzt: ethik-werkstatt.de/Heidegger_warum.htm#nachvollziehbar).

      Um die Diskussion etwas zuzuspitzen, schlage ich vor, die Möglichkeit wissenschaftlicher Introspektion anhand des Wollens zu erörtern, das zu den wichtigen, nicht direkt beobachtbaren Aktivitäten von Menschen gehört. Menschen wollen manches und wollen anderes nicht, sie wollen etwas mit unterschiedlicher Stärke und Dringlichkeit. Manches ist ihnen wichtig und dringend, anderes ist nicht so wichtig und hat Zeit. Wie kann man feststellen, was jemand will und wie dringlich dies für ihn ist?

      Diese Frage taucht immer dort auf, wo es Willenskonflikte gibt und ein Abwägen zwischen unterschiedlichen Willensinhalten notwendig ist.
      E.
    • Vielleicht kommt die Diskussion in Gang, wenn ich die Fragestellung in einen größeren sozialphilosophischen Zusammenhang stelle.

      Spätestens seit Rousseaus Konzeption des "Allgemeinen Willens" stellt sich das Problem, angesichts sich widersprechenden Wollens der Einzelnen einen einheitlichen Willen des politischen Gemeinwesens zu bilden und dabei zugleich die Freiheit jedes Mitglieds des Gemeinwesens zu erhalten.

      Rousseau glaubte, man könne dies dadurch erreichen, dass alle Staatsbürger zugleich Gesetzgeber und Adressaten der Gesetze sind, wobei er unter einem "Gesetz" nur eine solche Norm verstand, die allgemein formuliert war und sich an alle Staatsbürger in gleicher Weise richtete.

      Rousseau glaubte, dass die Staatsbürger dann keine ungerechten Gesetze beschließen könnten, denn niemand könne sich selber Unrecht tun. (Dieser Irrtum, dass allein die allgemeine Form einer Norm die Gerechtigkeit dieser Norm garantieren könne, findet sich nachfolgend auch bei Kant und dessen Kategorischen Imperativ.)

      Die allgemeine Form des Gesetzes hat jedoch nur dann die von Rosseau und Kant erhoffte Wirkung, wenn die Staatsbürger zusätzlich hinsichtlich ihrer Bedürfnisse und ihrer äußeren Lebenslage gleich sind. Nur dann werden sie auch dieselben Gesetze wollen.

      Wenn die Staatsbürger verschieden sind und deshalb nicht das Gleiche wollen, muss man den Willen des Gemeinwesens aus dem Wollen der Einzelnen ableiten. Dies muss allerdings so geschehen, dass grundsätzlich jeder Einzelne frei von jeglichem Zwang, allein aufgrund von Argumenten, dieser Ableitung zustimmen kann. Dies erscheint nur dann möglich, wenn jeder das Wollen jedes Anderen so berücksichtigt und gewichtet, als sei es zugleich sein eigenes Wollen.

      Um das Wollen des Andern berücksichtigen zu können, muss man es jedoch hinreichend kennen. Wie kann man das Wollen Anderer erkennen?

      Meine Antwort lautet:
      Man kann das Wollen Anderer dadurch erkennen, dass man sich möglichst genau vorstellt, in deren Lage zu sein.
      E.
    • Hallo Eberhard

      ich möchte eine Antwort auf folgende Aussage/ Frage geben:

      Eberhard wrote:

      Es geht um die Frage, ob die Introspektion, die "Innenschau" des Individuums, ein Weg zur wissenschaftlichen Erkenntnis ist, vergleichbar der Beobachtung. Die Betonung liegt auf "wissenschaftlich".
      Eine allgemeine Nachvollziehbarkeit - zumindest bei den Sozialwissenschaften - ist zum Beispiel mittels der Gütekriterien: Objektivität, Reliabilität, Validität oder auch der Triangulation zu erreichen. Um deine Frage zu beantworten, würde ich den Vorgang der Introspektion anhand dieser oder anderer von der Wissenschaft anerkannten Kriterien wissenschaftl. Arbeitens überprüfen und bewerten.

      Konkret an einem Bsp. sieht das dann so aus:
      • In der analytischen und in der tiefenpsychologie/- therapie allgmein ist das Phänomen der Übertragung bekannt. Bei diesem Vorgang erlebt der Therapeut, die Gefühle, teilweise Gedanken und Bilder seines Gegenüber. Die Durchführung der Erhebungsmethode stellt die Übertragung dar. Ob diese Art der Introspektion - hier als Innenschau definiert - durch Wiederholung - beim ein und denselben bzw. bei mehreren Klienten in ähnlichen Situationen - zu den selben Ergebnissen führt, kann lediglich der Therapeut feststellen. Das Kriterium der Objektivität wird in dem Falle jedoch verletzt, da die Ergebnisse vom Therapeuten und von der Situation (u. a. Ort des Settings und Proband/Klient) nicht unabhängig erhoben wurden.
      • Besonders in der qualitativen Sozialforschung sind solche Schwierigkeiten bekannt, was zu einer Abänderung der Gütekriterien geführt hat. Ich denke das dein Thema mit dieser Problematik, also die Erhebung und Auswertung nicht standardisierten Daten, einhergeht.

      Viele Grüße
    • Eberhard wrote:

      Der Naturwissenschaftler, der eine allgemeine Regelmäßigkeit entdeckt hat, kann mit den Ergebnissen seiner Beobachtungen und Experimente eine von anderen, also intersubjektiv nachvollziehbare Begründung für diese Regelmäßigkeit geben. Er muss dazu eine Beschreibung seines Experimentes geben, damit es von anderen Wissenschaftlern wiederholt werden kann. Wenn das vorhergesagte Ergebnis des Experimentes eintritt, wird die Entdeckung bestätigt.

      Dies ist gewissermaßen der Idealfall in der Wissenschaft. Er macht die "Objektivität" der Naturwissenschaften aus. Aber wenn man genauer hinsieht, beruht das Ergebnis ebenfalls auf Introspektion, indem die beteiligten Wissenschaftler über ihre eigenen Wahrnehmungen berichten ("Ich sehe, dass das Gemisch aus den Flüssigkeiten f und g zu brennen beginnt"). Dies ist zweifellos ein introspektives Vorgehen.
      E.
      Ich erkenne in dieser Frage eher das große Problem von Wissenschaften wie der Psychologie. Der nicht zu bestrietende große Erfolg der Naturwissenschaften, der gerade auch aus dem Beharren auf strenge Regeln wie der prinzipierllen Überprüfbarkeit und Reproduzierbarkeit eines beschriebenen Phänomens resultierte, verleitete nicht nur Herrn Skinner zu doch recht bizarren Ansätzen. Wenn vor den Augen einer Mutter ein LKW ihr Kleinkind überfährt, so kann ich ihren ehrlichen Schilderungen über ihre inneren Zustände Glauben schenken. Ich muss nicht das Flüssigkeitsvolumen der vergossenen Tränen dazu heranziehen. (By the way, wie wollte Herr Skinner denn je den Unterschied von Krokodilstränen zu echten Tränen "ermessen" wollen.).

      Wenn Fifi mit dem Schwanz wedelt, so kann ich auch Annahmen machen, wie "Er freut sich". Mit Sicherheit gehen aber viele "Vermenschlichungn" vieler Verhaltensbiologen entschieden zu weit.

      Ich würde aber doch dafür plädierenwollen , dass die Psychologie und andere Wissenschaften, wie der Soziologie, sich eines stärkeren Selbstbewusstseins ermächtigen sollten, dass sich auch auf ganz andere Methoden, als sie aus den klassischen Naturwissenschaften bekannt sind, speisen sollte. Die Introspektion ist denn mE unverzichtbar. Viel fraglicher ist doch, wie ich meine Schau nach Innen sprachlich nach aussen kehre. "Immer wenn ein Hund bellt, fühle ich mich unbehaglich" Das kann natürlich vieles heissen. Wie sagte K. V. schon so treffend:
      „Wie möcht denn der sehng, ob i rot sehng kann, wenn i doch aa net siehch, ob er rot sehng kann"
    • Granathos wrote:


      Wenn vor den Augen einer Mutter ein LKW ihr Kleinkind überfährt, so kann ich ihren ehrlichen Schilderungen über ihre inneren Zustände Glauben schenken. Ich muss nicht das Flüssigkeitsvolumen der vergossenen Tränen dazu heranziehen.
      Trauer kommt aus der Güte des Herzens wenn das was von Güte als Kinder ummantelt ist leidet.

      Reinheit der Güte des Herzens aber ist der Vater im Himmel.

      Alles muß sich ändern bevor Neues beginnt bis die Güte abgelöst wird von der Liebe aus der Bereitschaft der Unterordnugg der die die Welt wieder in ein mildes Licht taucht...