Platon 14: Kratylos

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    • Zur Gliederung des Kratylos

      Hier einmal die Gliederung des Kratylos. Die Seitenangaben bzeihen sich auf Band 3. der Rowohlt-Enzyklopädie "Platon - Sämtliche Werke"...

      A: Einleitung

      1. Die Ansicht des Kratylos von der natürlichen Richtigkeit der Benennungen 15
      2. Gegenthese des Hermogenes: Die Benennungen gründen auf Vertrag und Übereinkunft 16

      B: Theoretische Darstellung über Wahrheit und Wesen des Wortes

      3. Wahrheit der ganzen Rede und ihrer Teile 17
      4. Falschheit des Satzesdes Protagoras 18
      5. Dinge und Handlungen haben ihr eigenes bestehendes Wesen 19
      6. Reden und Benennen als Handlung haben ihre eigene Natur 20
      7. Bestimmung des Wortes als belehrendes Werkzeug 21
      8. Der Gesetzgeber als Urheber dieses Werkzeugs 22
      9. Verfertigung der Wörter im Hinblick auf das, was das Wort in Wahrheit ist 23
      10. Aufsicht und Beurteilung bei der Wortverfertigung kommt dem Dialektiker zu 24

      C: Überprüfung der beabsichtigten Richtigkeit der Wörter anhand von Einzel-Ethymologien

      I. Eigennamen von Menschen und Heroen
      11. Homers Unterscheidung der Benennung durch Götter und Menschen 26
      12. Die beiden Namen für Hektors Sohn 27
      13. Benennung nach der natürlichen Abstammung 28
      14. Die Namen des Atridenhauses und des Zeus und seiner Vorfahren 30
      15. Herkunft der Begeisterung des Sokrates und Plan der weiteren Untersuchung 33

      II. Namen des Immerseienden und des in der Natur Fortbestehenden
      16. Die Bezeichnung "Götter", "Dämonen" und "Heroen" 34
      17. "Mensch", "Seele" und "Körper" 36

      III. Die Bedeutung der Götternamen
      18. "Hestia" als das Sein der Dinge 38
      19. "Rhea", "Kronos", "Tethys", "Poseidon" und "Pluton" 39
      20. Philosophisches Wesen des "Hades" 41
      21. "Demeter", "Hera" und "Persephone" 43
      22. Das Wesen von "Apollon". Die "Musen", "Leto" und "Artemis" 44
      23. "Dionysos" und "Aphrodite", "Athene", "Hephaistos", "Ares" und "Hermes" 45
      24. "Pan" als die Rede. "Sonne", "Mond" und "Sterne" 47
      25. Grund der Unerklärbarkeit einiger Wörter: "Luft", "Äther", "Erde", "Zeit" und "Jahr" 49

      IV. Die auf die Tugend bezüglichen Wörter
      26. Die Ansicht der Alten von der Bewegung der Dinge. "Gesinnung", "Einsicht", "Verstand", das "Gute" 51
      27. Das Problem des Gerechten und seine Lösungsversuche 53
      28. "Tapferkeit", "Mann", "Welt" und "Frau", die "Kunst" 54
      29. "Tugend", "Bosheit" und "Feigheit", das "Schändliche" und das "Redlcihe" 56
      30. Das "Vorteilhafte", "Gewinnvolle", "Zweckmäßige", "Nützliche" 58
      31. Das "Gefährliche", "Billige" und "Hinderliche" 59
      32. "Wollust" und "Schmerz", "Beschwerde" und "Vergnügen", "Fröhlichkeit", "Trieb" und "Sehnsucht, "Gedanke" und "zwang" 61
      33. Das "Wahre" und "Falsche", das "Sein" und das "Wesen". Das Problem der Stammwärter 63

      D: Vom Problem der Stammwörter ausgehende erneute Bestimmung des Wesens der Wörter

      34. Das Wesen des Wortes als Nachahmung. Ihre Art und ihr Gegenstand 65.
      35. Entwurf einer auf Erkenntnis der Buchstaben und Silben gegründeten Methode zur Erforschung der Stammwärter 67
      36. Schwierigkeit dieser Forschung und Unmöglichkeit der Ausflucht 69
      37. Die natürlcihe Bedeutung der Buchstaben 70

      E: Erneute Überprüfung des Gesagten zusammen mit Kratylos

      I. Frage der Möglichkeit von Falschheit
      38. Hunzuziehung des Kratylos und dessen These, dass niemand etwas Falsches sagt 71
      39. Beweis des Sokrates, dass es Falschheit der Rede gibt 75
      40. Es muss Falschheit geben, wenn die Wörter Darstellungen von etwas sind 78

      II. Einbeziehung des Kratylos in die früheren Überlegungen
      41. Notwendiger Beitrag der Verabredung zur Richtigkeit der Wörter 81
      42. Bedenken gegen die Zuverlässigkeit der in den Wörtern niedergelegten Wahrheit 83
      43. Erkenntnis der Wahrheit ist weder allein noch in vorzüglicher Weise durhc die Wörter möglich 85

      F: Schluss

      44. Ohne etwas Beständiges ist keineErkenntnis möglich 87

      Gruß Joachim Stiller Münster

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    • Der Universalienstreit

      Der Dialog "Kratylos", der in mehrfacher Hinsicht interessant und aufschlussreich ist, beginnt mit folgenden Worten:

      Hermogenes: Wisst du also, daß wir auch den Sokrates zu unserern Unterredungen hinzuziehen?
      Kratylos: Wenn du meinst.
      Hermogenes: Kratylos hier, o Sokrates, behauptet, jegliches Ding habe seine von Natur ihm zukommende richtige Benennung, und nicht das sei ein Name, wie Einige unter sich ausgedacht haben etwas zu nennen, indem sie es mit einem Teil ihrer besonderen Sprache anrufen, sondern es gebe eine natürliche Richtigkeit der Wörter, für Helenen und Babaren insgesamt die nämliche."

      Die hier aufgeworfene Fragestellung lautet also: Haben die Benennungen ihre Bedeutung von Natur aus, wie Kratylos, oder durch (bloße) Übereinkunft, wie Hermogenes sagt?

      Wir finden in dieser Fragestellung praktisch den gesamten Universalienstreit der Frühscholastik präformiert. Kratylos vertritt dabei die Position der (Universlien-) Realismus, Hermogenes die Position des Nominalismus. So weit dürfte dei Sacher erst einmal klar sein. Sokrates wird nun als Schiedsrichter im Streit eingeschaltet, wobei er - Sokrates - zunächst die Position des (Universalien-) Realisten einnimmt und sich auf die Seite von Kratylos stellt. Der 1. Teil des Dialoges ist daher auch ein Dialog zwischen dem Lehrer Sokrates und seinem Schüler Hermogenes.

      Wer sich etwas eingehender mit dem Universalienstreit beschäftigen will, in meinem Werk "Philosophische Schriften" findet sich eine kurze Darstellung des Universalienstreites in dem Text "Anthropos". Die Darstellung stammt von Hans Joachim Störig.

      Eine weitere Auseinandersetzung mir dem Universalienstreit findet sich in dem "Grundkurs Philosophie - Band 2: Metaphysik und Naturphilosophie" von Wolfgang Detel. Ich lasse einen kurzen Textauszug folgen, der vielleicht ganz interessant ist... Bis dann Joachim Stiller Münster

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    • Allgemeine Arten von Gegenständen

      Bei Detel lesen wir:

      (1) Einzeldinge und Universalien
      Einzeldinge sind nicht-wiederholbare Gegenstände, die zu einer bestimmten Zeit eine bestimmte Raumposition einnehmen können. Universalien sind wiederholbare Entitäten ("Entität" vom lateinischen ens (Seiendes) ist ein verbreiteter Kunstausdruck für Gegenstände im allgemeinen Sinne), d.h. zu verschiedenen Zeiten und an verschiedenen Orten kann ein und dasselbe Universale von verschiedenen Einzeldingen instantiert werden.

      (2) Konkrete und abstrakte Gegenstände
      Wenn Gegenstände wahrnehmbar sind, wird nur dann, wenn sie zugleich auch eine bestimmte Position in Raum und Zeit einnehmen, sind sie konkret. Wenn Gegenstände zeitlos und unverändrlich sind, und nur dann, wenn sie zugleich auch nicht-wahrnehmbar sind, sind sie abstrakt.

      (3) Es gibt nach (1) und (2) vier allgemeine Arten von Gegenständen: Einzelne konkrete Gegenstände, einzelne abstrakte Gegenstände, konkrete Universalien, abstrakte Universalien; entsprechend gibt es auf der linguistischen Ebene konkrete und abstrakte Nominatoren sowie konkrete und abstrakte Prädikatoren.

      Gruß Joachim Stiller Münster

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    • Die Begriffe

      Platon scheint von Vornherein einen ganz richtigen Zugriff auf das zu haben, was man einen Begriff nennt. So sagt er im Grunde - genau wie die moderne Linguistik auch - Begriffe seien zusammengesetzt aus dem bloßen Wort und dem Begriffsbild, das Platon mit den Urbild gleichsetzt. Diese Urbilder oder Begriffsbilder meinen das Wesen der Dinge, also die Frage, worin alle Dinge übereinstimmen, die mit unter einen bestimmten Begriff fallen. Natürlich sind die Worte, die bloßen Benennung reine Erfindungen des Menschen. Über diesen grundsätzlichen Zugriff löst sich dann auch das Universalienproblem auf: So haben die Nominalisten Recht, wenn sie sagen, dass die bloßen Worte oder Benennungen rein willkürlich sind, und reine Vereinbarungssache sind. Die Realisten haben hingegen Recht, wenn sie ein die allgemeinen Dinge verbindendes Wesenhaftes annehmen, dass der bloßen Benennung (dem Wort) inhaltlich zugurnde liegt. Dieses Wesenhafte oder Urbildliche ist, so sagt es Abälard, in den Dingen (in rebus). Die Worte hingegen sind Schall und Rauch...Gruß Joachim Stiller Münster
    • Universalienstreit II

      Bei Detel lesen wir:

      Der Universalienstreit ist die Jahrtausende alte Debatte zwischen ontologischem Relaismus und Nominalismus.

      Interessant sind nun noch die folgenden Punkte, die ich hier nicht extra ausführe:

      2.45 Ontologischer Realismus (= Universalienrealismus)

      2.46 Klassischer Nominalismus

      2.47 Moderne Varianten von Nominalismus und Ontologischem Relaismus

      Gruß Joachim Stiller Münster

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    • Zur Logik der kategorischen Urteile

      Nominatoren bezeichnen Einzeldinge. Allquantoren bezeichnen Universalien.

      "Autos sind Fortbewegungsmittel für den Straßenverkehr" ist ein analytisches Urteil a priori.

      "Viele Autos sins schwarz",
      "Manche Autos sind weiß",
      "Einige Autos sind rot",
      "Dieses Auto ist grün"
      sind synthetische Uteile a posteriori. Das korrespondiert mit Kants Unterscheidung von allgemeinen, besonderen und einzelnen Urteilen. Allgemeine Urteile sind immer analytisch a priori. Besondere und einzelne Urteile sind immer synthetisch a posteriori.

      Siehe auch den Thread zu den kategorischen Urteilen:

      Kategorische Urteile - Frage zu 2 Beispielsätzen

      Gruß Joachim Stiller Münster
    • Das Gespräch des Sokrates mit Hermogenes

      Nachdem Sokrates in dem Hauptgespräch mit Hermogenes festgestellt ahtte, dass die Begriffe, also die Benennungen der Dinge eben alle Dinge zusammenfassen, die qua iherer wesensgleichen Eigenschaften mit unter diesen Begriff fallen, und damit die Begriffe, soweit sie ein Wesenhaftes zum Ausdruck bringen, den Dingen sozusagen von Natur aus zukommen, versucht sich Sokrates nun daran, aus dem Wesenhaften der "Benannten" auch noch die Eigentümlichkeiten der "Benennungen" abzuleiten. Und in diesem Punkt geht Platon natürlich fehl, denn die Worte sind tatsächlich rein willkürlich gewählt, wenn auch aus psychologischen Gründen. Hermogenes hatte also in diesem Punkt ganz Recht, allein Sokrates zeigt sich hier uneinsichtig, und versucht nun, alle nur denkbaren Begriffe als lautmalerische Ausgestaltungen der Urbilder hinzustellen. So die Bezeichnungen Gott, Daimon, Heros, Mensch, die Bezeichnungen Seel und Körper, die Götternamen, die Gestirne, die Elemente, die Zeit usw, dann die bezeichnungen für menschliches Verhalten, für Empfindungen und Beurteilungen und schließlich Wörter, die sich auf bestimmte Tugenden beziehen. Man kann leicht erkennen, dass dieses Geschäft des Sokrates ebenso mühselig ist, wie überflüssig. Keine Sophisterei der Welt wird die Lautsprache je in Deckung mit den Urbildern, also dem Wesenhaften der Dinge bringen. So viel sollte heute klar sein. Man braucht ja nur einmal daran zu denken, wie viele unterschiedliche Sprachen es gibt. Am Ende lässt Platon den Leser unbefriedigt zurück. Da kann ich gut verstehen, dass der Universalienstreit im Mittelalter erneut aufgeflammt ist. Was Platon in dieser Frage sagt, ist tatsächlich mehr als unbefriedigend... Gruß Joachim Stiller Münster

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    • Das Gespräch des Sokrates mit Kratylos

      Im Gespräch mit Kratylos dreht und wendet Sokrates noch einmal die These, dass die Benennungen den Dingen ähnlich sind, in dem Sinne, dass die Worte mehr oder weniger genaue Abbilder der Dinge und ihrer Wesen sind.

      Dann wird noch erörtert, dass man sich schon auf die Worte einigen muss.

      In Bezug auf die These des Kratylos, dass man, wenn man die Worte versteht, auch die Dinge versteht, also die These von der Sprache als der Welterschließung, weist Sokrates genialer Weise nach, dass es sich dabei um eine contradictio in adejcti handelt - einen Widerspruch in sich selbst - denn wie könnte Sprache in Bezug auf die Dinge in die Welt kommen, wenn kein vorsprachliches Verständnis da wäre. So sagt Sokrates:

      "Es ist also doch möglich, wie es scheint, Kratylos, die Dinge kennen zu lernen ohne Hilfe der Worte,..."

      Diese Auffassung ist auch die meinige. Mit anderen Worten: Es gibt ein Denken ohne Sprache... Gruß Joachim Stiller Münster
    • Die Differenz zwischen Benennung und Benanntem

      2.1. Nochmals die These des Hermogenes

      Sokrates: Vielleicht freilich hast du recht, Hermogenes; doch laß es uns überlegen: Der Name also gebührt jedem, den man ihm beilegt?
      Hermogenes: Das ist meine Ansicht.
      Sokrates: Und zwar gleichviel, ob ein Einzelner den Namen gibt oder der Staat;
      Hermogenes: So meine ich.
      Sokrates: Wie denn? Wenn ich irgend ein Ding benenne, z.B. was wir jetzt ›Mensch‹ nennen, wenn ich das ›Pferd‹ nennt, und was man jetzt ›Pferd‹ nennt, ›Mensch‹, wird ihm dann von Staats wegen der Name ›Mensch‹, von meinetwegen der Name ›Pferd‹ gebühren? Und von meinetwegen wieder der Name ›Mensch‹, von Staats wegen ›Pferd‹? Meinst du es so?
      Hermogenes: Das ist meine Ansicht.

      Gruß Joachim Stiller Münster

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    • Die Differenz zwischen Erscheinung und Wesen

      2.2.2.1. Die Dinge haben unabhängig von uns ein beständiges Wesen

      Sokrates: Wohlan denn, laß uns zusehen, Hermogenes, ob es dir auch um die Dinge ebenso zu stehen scheint, daß jedes von ihnen für jeden ein besonderes Wesen habe, wie Protagoras behauptete, wenn er sagt, das Maß aller Dinge sei der Mensch, so daß also die Dinge für mich so sind, wie sie mir zu sein scheinen, und für dich wieder, wie sie dir erscheinen; oder scheinen sie dir in sich eine Wesensbestimmtheit zu besitzen?
      Hermogenes: Ich war, o Sokrates, darüber schon einmal im Zweifel und fühlte mich zu der Meinung des Protagoras hingezogen. Doch scheint mir die Sache nicht ganz so richtig.
      U.s.w.

      Gruß Joachim Stiller Münster

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    • Die Differenz zwischen Wort und Begriffsbild

      2.2.2.4. Der Gesetzgeber verfertigt die Benennungen nach den Urbildern der Dinge

      Sokrates: Wohlan denn, überlege: Wonach richtet sich der Gesetzgeber, wenn er die Worte festsetzt? Überdenke es aber gemäß dem Vorhergehenden: Wonach richtet sich der Drechsler, wenn er die Weberlade macht? Nicht etwa nach etwas, dessen Natur das Weben ist?
      Hermogenes: Gewiß.
      Sokrates: Wie dann? Wenn ihm bei der Arbeit die Weberlade zerbricht, wird er dann nach der zerbrochenen sich richten, wenn er wieder eine neue machen will, oder nach jenem Bilde (Begriff), nach dem er auch die zerbrochene machen wollte?
      Hermogenes: Nach ihm, dünkt mir.
      Sokrates: Können wir jenes nicht mit vollem Recht die an sich seiende Weberlade (die Idee der Weberlade) nennen?
      Hermogenes: So scheint mir's.
      Sokrates: Also alle Weberladen, ob er nun eine für dünnes Zeug oder für dickes, für Leinen oder Wolle oder was sonst machen soll, müssen den Begriff der Weberlade enthalten; die Beschaffenheit aber, durch die sie je für den Zweck am besten geeignet wird, muß er jedesmal in dem Werke wiedergeben?
      Hermogenes: Jawohl.
      Sokrates: Auch mit den anderen Werkzeugen hat es natürlich dieselbe Bewandtnis: Die naturgemäße Eigentümlichkeit je nach seinem Zweck muß man ausfindig machen und in jenem Stoffe wiedergeben, aus dem man das Werk bildet, nicht also eine willkürliche, sondern die natürliche. Denn man muß verstehen, die je nach dem Zweck naturgemäße Eigentümlichkeit des Bohrers in das Eisen hineinzulegen.
      Hermogenes: Gewiß.
      Sokrates: Und die naturgemäße Eigentümlichkeit der Weberlade je nach dem Zweck in das Holz.
      Hermogenes: So ist's.
      Sokrates: Denn von Natur gehört offenbar für jede Art von Gewebe eine besondere Weberlade, und in anderen Dingen ist es ebenso.
      Hermogenes: Jawohl.
      Sokrates: Muß demnach, mein Bester, nicht auch der Gesetzgeber die naturgemäße Eigentümlichkeit des Wortes in die Laute und Silben zu legen verstehen und sich richten nach eben jenem wahrhaft seienden Worte (der Idee des Wortes) und nach diesem alle Worte bilden und festsetzen, wenn einer ein tüchtiger Bildner von Worten sein will; Wenn aber nicht jeder Gesetzgeber in dieselben Silben einbildet,
      so darf uns das nicht befremden: denn auch nicht jeder Schmied bildet in dasselbe Eisen, obwohl doch jeder zu demselben Zwecke dasselbe Werkzeug fertigt. Vielmehr hat es gleichwohl seine Richtigkeit mit dem Werkzeug, wenn er nur dieselbe Idee einbildet, wenn auch in anderes Eisen, mag er hier oder unter den Barbaren es verfertigen. Nicht wahr?
      Hermogenes: Gewiß.
      Sokrates: So wirst du also auch über den hiesigen Gesetzgeber und einen unter den Barbaren urteilen, solange er nur den jedem Dinge zukommenden Begriff des Wortes wiedergibt, in welchen Silben auch immer, sei der hiesige Gesetzgeber nicht schlechter als einer irgendwo sonst?
      Hermogenes: Allerdings.

      Gruß Joachim Stiller Münster

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    • Erscheinung, Wort und Wesen

      Die obigen Überlegungen bringen mich auf einen Zusammenhang, den ich hier einmal als eine Art Dreieck darstellen möchte. Ich bitte das zunächst einfach nur als Arbeitshypothese zu nehmen:


      .......................................Wesen
      .........................................x.x
      ......................................x.......x
      ...................................x.............x
      ................................x..................x
      .............................x.......................x
      ..........................x.............................x
      ..................Erscheinung......xxxxxxx..........Wort


      Ich habe einfach das Problem, das es da noch mindestens eine tiefere Ebenen geben muss. Ich finde sie aber leider nicht...

      Gruß Joachim Stiller Münster

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    • Plato könnte heute den Duden oder irgend ein anderes Wörterbuch aufschlagen und uns zeigen, wie dieselben Buchstabenfolge durch Konvention ganz verschiedene Bedeutungen hat. Dies entspricht in etwa der Position des Hermogenes.

      Anderseits könnte er durch den Vergleich zu einem veralteten Wörterbuch feststellen, dass ein Rat der Weisen neue Wörter kreiert oder zulässt. Womit die Position des Kratylos belegt ist.

      Die Wörterbücher belegen somit, dass die im Kratylos behandelte Frage, heute durch ein "sowohl als auch" beantwortet wird. Durch die sokrates'sche Analyse der Sprache kommt man somit der eigentlichen Frage - nach der die Erkenntnis fundierenden Beständigkeit und nach der Beständigkeit der Erkenntnis - nicht bei. Dank Wittgenstein u.a. wissen wir, dass uns auch eine aufwendigere Sprachanalyse nicht hilft, zu verstehen wie aller erste Erkenntnis zu jedem einzelnen kommt.

      LG Alltag
    • Keine Frage, meine Sympathien für Hermogenes sind unbestritten. Und doch bin ich kein klassischer Nominalist. Dein "sowohl als auch" trifft es wohl am Besten. Eienrseits liegt dem Begriff ein Begriffsbild zugrunde, dass seinem "Wesen" entspricht, oder beim späten Platon der Idee. Andererseits ist das Wort, durch das wir den Begriff ausdrücken, wie das Wort "Tasse" oder das Wort "Stuhl" reine Vereinbarungssache. Der sprachliche Ausdruck selber ist eben "nur" Zeichen oder Symbol. In diesem Punkt hat Platon für mich eindeutig unrecht. Das führt aber noch nicht zu einem strengen Nominalismus, der das Wesen des Begriffs, und damit die Universalie (im Sinne des Universalienstreites) generell leugnet. Entweder Platon gesteht die freie Vereinbarung der Worte ein, oder aber der Nominalismus erkennt die Universalien an. Eine andere Möglichkeit gibt es da nicht. Jedenfalls meines Erachtens. Es ist einfach unabdingbar, zu verstehen, dass "zwei" Dinge zu einem Begriff gehören: a) das Begriffbild oder Wesen, und b) das eigentliche Wort als sprachlicher Ausdruck. Und dafür spielt es keine Rolle, ob es sich um konkrete Begriffe (Dinge) oder abstrakte Begriffe (Relationen) handelt. Platon wusse jedenfalls den ersten Punkt bereits ganz richtig. Und doch geht er am Ende ein Wenig fehl, als er daran festhält, die Worte als sprachlichen Ausdrücke seine von Natur so, wie sie sind... Eigentlich schade...Gruß Joachim Stiller Münster
    • Über Die Sprache

      Ursprünglich! Was ist Sprache ursprünglich? Deine Struktur respektierend, meine ich:

      b) Das eigentliche Wort als sprachlicher Ausdruck.

      a1) PHONOTOP: In den Geräuschkulissen des Bergbaches oder des Strandes fühlen wir uns heimisch. Im Geplätscher vernehmen wir das Dumpfe der sich gegenseitig im Bachbett rund schlagenden Steine. Im Wellenschlag sind die zurückrollenden Kiesel zu hören. Anders als das Biotop, ist das Phonotop nicht ortsgebunden. Das Gezwitscher der Spatzenschar zieht mit ihr weiter. Beim Sonntagsausflug ist zu beobachten, wie die Kinder in der Nähe des ihnen vertrauten, familiären Plaudertons bleiben.

      a2) AUFMERKER: Das schlagende Gezwitscher es Alt-Spatzes markiert „Katz, Katz, Katz …“ und beschwört die Überleben sichernde Aufmerksamkeit herauf.

      Bis heute ist Sprache genuin auf das Zugleich aus: Die Abwesenheit des Allgemeinen (Phonotop) markiert das „Wesen“ als Aufmerksamkeit erheischendes Besonderes! Das Wesentliche ist nicht an und für sich, sondern notwendigerweise auch im Drumherum, das da ist: Konnotation, Kontext etc. Die Sokrate‘sche Simplizität des „entweder oder“ lässt mich die Notwendigkeit des „sowohl als auch“ als Synomym für "das Zugleich" aufmerken! --- LG --- Alltag
    • Die Lösung des Universalienproblems

      Habe mir nun doch noch eine Lösung für das Universalienproblem überlegt:


      "Universalien sind die Allgemeinbegriffe. Die Begriffe, und nicht nur die Allgemeinbegriffe, setzten sich nun aus zwei Elementen zusammen.

      1. dem Begriffsbild, das dem Wesen des Sache entspricht
      2. dem Wort, also der bloßen Benennung der Sache

      Beide Elemente fallen also im Allgemeinbegriff zusammen, das Wesen und die Benennung.

      Die Universalienrealisten hatten in der Folge Platons ja gerade das Wesen der Dinge ins Feld geführt. Andererseits, und auch darin folgen sich wohl oft Platon, sahen sie in den Benennungen keine bloßen Namen, sondern rein wesenhafte Ausdrücke, die sich von den Urbildern (dem Wesen) herleiten ließen. Wie haben bereits festgestellt, dass sich dieser letzte Punkt nicht aufrechterhalten lässt.

      Die Nominalisten stellten nun gegenüber den Universalierealisten fest, dass die Benennungen der Dinge bloße Namen sind. Das ist absolut korrekt, wie wir herausgefunden haben. Allerdings lehne nun die meisten Nominalisten ein Wesen der Dinge, etwa im Sinne eines Urbildes ab. Aus diese Weise wird immer ein Graben zwischen den Universalienrealisten und den Nominalisten bleiben. Es gäbe aber eine Lösung, wenn man die beiden richtigen Element der Universalienrealisten und der Nominalisten zusammendenken, aber die beiden falschen Elemente fallen lassen würde.

      Die Universalienrealisten müssten dann akzeptieren, dass die Benennungen bloße Namen sind, lautsprachliche Ausdrücke, die lediglich der allgemeinen Vereinbarung unterliegen.

      Die Nominalisten müssten dann allerdings auch akzeptieren, dass die Benennungen nicht auf die Einzeldinge gehen, sonder auf die Urbilder, die Wesen der Dinge im Sinne von allgemeinen Begriffen (Universalien).

      In dem Moment, wo sowohl die Universalienrealisten, als auch die Nominalisten zu einem solchen Zugeständnis bereit wären, wäre das Universalienproblem, und damit auch der Universalienstreit, ein für alle Mal gelöst."

      Gruß Joachim Stiller Münster

      The post was edited 1 time, last by Joachim Stiller ().