Kant: "Leben und Werk"

    This site uses cookies. By continuing to browse this site, you are agreeing to our Cookie Policy.

    • Kant 3: Die Kritik der reinen Vernunft - 3. Die transzendentale Analytik II

      In diesen Urteilsformen offenbaren sich die Grundformen unseres Denkens. Sie müssen auch der Begriffsbildung zu Grunde liegen. Wir brauchen nur hinter jeder der zwölf Urteilsformen den ihr entsprechenden Begriff zu suchen, so haben wir die Grundformen aller Begriffsbildung vor uns. Diese nennt Kant Kategorien. Zum Beispiel können wir ein allgemeines Urteil offenbar nur bilden, weil wir in unserem Verstand einen Grundbegriff „Wirklichkeit“ haben; ein verneinendes auf Grund eines Begriffs „Nichtwirklichkeit“ usw. Dies auf alle zwölf Urteilsformen angewandt, ergibt folgende Tafel der Kategorien (reiner Verstandesbegriffe):

      1. Quantität
      Allheit
      Vielheit
      Einheit

      2. Qualität
      Realität (Wirklichkeit)
      Negation (Nichtwirklichkeit)
      Limitation (Begrenzung)

      3. Relation
      Substanz und Akzidens
      Ursache und Wirkung
      Gemeinschaft (Wechselwirkung

      4. Modalität
      Möglichkeit - Unmöglichkeit
      Dasein – Nichtsein
      Notwendigkeit - Zufälligkeit
      Gruß Joachim Stiller Münster
    • Kant 3: Die Kritik der reinen Vernunft - 3. Die transzendentale Analytik III

      "Wie entsteht also der Begriff eines Gegenstandes? Aus den Empfindungen entsteht zunächst durch die apriorischen Formen der Sinnlichkeit die Anschauung in Raum und Zeit. Der Verstandverknüpft die Anschauung nahc den Gesichtspunkten der zwölf Kategorien. Das bibt empirische Begriffe (mit anschaulischem Material gebildete). Reine Begriffe erhalten wir, wenn wir bloße Formen der Sinnlichkeit und des Verstandes, also Raum und Zeit und Kategorien, miteinander verknüpfen. Aud die systematische Aufsuchung und Zusammenstellung dieser Begriffe lässt sich Kant nicht weiter ein; ebensowenig auf eine Definition der Kategorie, "ob ich gleich im Besitz derselben sien möchte"." (Störig, S.458 )
      Dazu eine kurze Anmerkung: Vielleicht ist es hier einafach sinnvoll, die Kategoeiern selbst die reinen Verstandesbegriffe zu nennen. Und so viel ich wieß, hat Kant das auch oft so gehandhabt...

      Gruß Joachim Stiller Münster
    • Kant 3: Die Kritik der reinen Vernunft - 3. Die transzendentale Analytik IV: Die Deduktion der reinen Verstandesbegriffe

      "Die Hauptfrage steht uns noch bevor: Wie sit es möglich, dass die Kategorien, die ja a priori sind, als vor aller Erfahrung im Verstand liegen, sich auf Gegenstände der Erfahrung beziehen können - so dass ich, eben mit Hilfe dieser apriorischen Formen, Gegenstände erkennen kann? Die Antwort gibt Kant in der transzendentalen Deduktion (Ableitung) der reinen Verstandesbegriffe.
      Nehmen wir als Beispiel die Kausalität. Der Empirist Licke sagt: Wenn wir die ursächliche Verknüpfung zweier Vorgänge wahrnehmen, so erkennen wir hier eine Kraft, die zwischen den "wirklichen" Dingen (den Substanzen) wirksam ist. Der Skeptiker Hume sagt: Wir können gar keine kausale Verknüpfung wahrnehmen. Wir nehmen immer nur ein Aufeinanderfolgen wahr. Das Kausalitätsprinzip aht daher auch gar keine objektive Gültigkeit. Esist nur eine Art (praktisch gerechtfertigtes) Gewohnheitsrecht. Kant sagt: Darin aht Hume gnaz recht, dass das Kausalitätsprinzip nicht aus der Wahrnehmung abzuleiten ist. Es stammt nämlich aus dem Verstand. Und doch gilt es allbemein und notwendig für alle Erfahrung! Wie sit das möglich? Es kann gar nicht anders sein: Da alle Erfahrung so zustande kommt, dass der Verstand in den von der Sinnlichkeit gelieferten Rohstoff seine Denkformen (unter ihnen als eine der "Relationen" die Kausalität) einprägt, so ist klar, dass wir in aller Erfahrung diese Formen auch weider antreffen müssen!
      Für die Dinge an sich gelten die Kategorien freilich genausowenig wie die apriorischen Formen der Sinnlichkeit, Raum und Zeit. Für die Dinge, wie sie uns erscheinen, gelten die Kategorien jedoch allgemein und notwendig. Es kann uns niemals eine Erfahrung vorkommen, die mit dem Kauslagesetz nicht übereinstimmt - weil ja alle Erfahrung erst durch die formende Tätigkeit des Verstandes mittels der Kategorien zusatnde kommt." (Störig, m S.458-459)
      Gruß Joachim Stiller Münster
    • Kant 3: Die Kritik der reinen Vernunft - 3. Die transzendentale Analytik V: Die transzendentale Urteilskraft

      "Wir ahben in den Kategorien die apriorischen Formen kennengelernt, deren sich der Verstand beid er Ordnung des Anschauungsmaterials bedient. Woher weiß aber der Verstand, welche der zwölf Kategorien er jeweils auf den ungeordneten Haufen dieses Materials anzuwenden hat? Er aht ein Vermögen, das ihn befähigt, die richtigen zu treffen. Dieses Vermögen nennt Kant Urteislkraft.
      Das Verbindungsglied zwischen den Kategorien und dem Stoff, den sie formen sollen, besteht darin, dass alles Mannigfaltige der Anschauung einer allgemeinen Form, der Zeit, unterleigt. Jeder Kategorie entspricht daher ein zeitliches Schema. Damit sit freilich nur die Funktion der Urteislkraft angedeutet; die eizelnen Erörterungen Kants über diesen "Schematismus der reinen Verstandesbegriffe" wollen wir übergehen." (Störig, S.459)
      Kurze Anmerkung: Dass Kant einfach eine "transzendentale" Urteilskraft postuliert, die uns immer die richtigen Kategorien treffen lässt, ist ein genialer Schachzug. Dadurch entledigt sich Kant eine fast unüberschaubaren Vielzahl von Problemen...

      Gruß Joachim Stiller Münster
    • Kant 3: Die Kritik der reinen Vernunft - 3. Die transzendentale Analytik VI: Die Möglichkeit der Naturwissenschaft

      "Die zweite Grundfrage der Kritik: Wie ist reine Naturwissenschaft möglich? ist durch die transzendentale Analytik nun auch beantwortet. Sie ist möglich - aus gnaz parallelen Gründen, wie Mathematik möglich ist. Die gesetzmäßige Ordnung der Erscheinungen nennen wir Natur, ihre Gesetze Naturgesetze. Die gesetzmäßige Ordnung der Natur rührt aber daher, dass unser Verstand die Erscheinungen nach den in ihm liegenden Normen verknüpft. Der Mensch ist der Gesetzgeber der Natur! Da es unser eigenes Denken sit, welches die Natur (zwar nicht "schafft", aber) "macht", kann man sagen, nicht unsere Erkenntnis richtet sich nach den Gegenständen, sondern die Gegenstände richten sich nach unseren Erkenntnissen!
      Dieses Ergebnis der Untersuchung Kants bedeutet eine Revolution, nicht geringer als die, die die Ergebnisse des Kopernikus in der Astronomie hervorbrachten. Kant selbst gebraucht diesen Vergleich: "Bisher nahm man an, alle unsere Erkenntnis müsse sich nach den Gegenständen richten; aber alle Versuche, über sie a priori etwas durch Begriffe auszumachen, gingen unter dieser Voraussetzung zunichte. Man versuche es daher einmal, obe wir nicht in den Aufgaben der Metaphysik damit besser fortkommen, dass wir annehmen, die Gegenstände müssen sich nach unseren Erkenntnissen richten, welches so schon besser mit der verlangten Möglichkeit einer Erkenntnis derselben a priori zusammenstimmt... Es ist hiermit ebenso wie mit dem ersten Gednaken des Kopernikus bewandt, der, nachdem es mit der Erklärung der Himmelsbewegungen nicht gut fortwollte, wenn er annahm, das gnaze Sternheer drehe sich um dne Zuschauer, versuchte, ob es nciht besser gelingen möchte, wenn er den Zuschauer sich drehen und dagegen die Sterne in Ruhe ließ." (Störig, S.459-460)
      Gruß Joachim Stiller Münstger
    • Kant 3: Die Kritik der reinen Vernunft - 4. Die transzendentale Dialektik

      "Versuchen wir, indem wir das bisher Gesagte überschauen, eine Antwort auf die dritte der Grundfragen zu gewinnen: Wie ist Metaphysik (als Wissenschaft vom Übersinnlichen) möglich? - so wird die Antwort negativ, ja vernichtend ausfallen. Der Bereich der Wissenschaft, als geordneter Erkenntnis von Notwendigkeit und Allgemeinheit. Wir sind auf die Welt der Erscheinungen beschränkt.
      Aber: "Die menschliche Vernuft hat das besondere Schicksal..., dass sue dzrcg Fragen belästigt wird, die sie nicht abweisen kann; denn sie sind ihr durch die Natur der Vernunft selbst aufgegeben, die sich aber auch nicht beantworten kann, denn sich übersteigen alles Vermögen der menschlichen Vernunft." Im Menschen liegt nun einmal ein unwiderstehlicher Drang, über die Welt der Erscheinungen un Raum und Zeit hinauszugehen. Was ist Seele? Was ist die Welt? Was ist Gott? Das sind Frage, die wir nicht einfach beiseite schieben können, wenn wir zu einer voll befriedigenden Lebensanschauung gelangen wollen. Wie verhält sich dazu unster Vernunft? Hat die Natur hier einen Trieb in uns hineingelegt, der auf ewig Unerfüllbares hinausstrebt?
      Dieser Frage tritt Kant in der transzendentalen Dialktik näher (Er tritt ihr wirklich nur näher, er beantwortet sie nicht erschöpfend - das ginge über den Bereich der theoretischen Vernunft hinaus.)Wenn wir in den einleitenden Bemerkungen gesagt haben, dass dieser Teil die "Vernunft" im Unterschied zum Verstande behandle, so müssen wir hier anfügen, dass "Vernunft" dabei selbstverständlich in einem anderen - engeren - Sinne als im Titel des Werkes gebraucht ist. Dort bedeutet Vernunft den Inbegriff aller unserer Geistes- oder Gemütskräfte. Hier ist Vernunft "das Vermögen der Ideen" - abgegrenzt gegen Sinnlichkeit als Vermögen der Anschauung und Verstand als Vermögend er Begriffe.
      Nach dem früher Gesagten werden wir nicht fehlgehen in der Erwartung, dass "Idee" für Kant etwas anderes bedeuten muss als zum Beispiel für Platon. Hat doch Kant schon in der Einleitung zur Kritik festgestellt, dass Platon sich auf den Flüglen der Ideen in einen leeren Raum gewagt habe, wo der keine Stütze merh finden konnte.
      Die Vernunft bildet über Sinnlichkeit und Verstand gewissermaßen ein weiteres, noch höheres Stockwerk. Die Vernunft ist ihrem logischen Gebrauch nach - von den Ideen zunächst noch abgesehen - das "Vermögen zu schließen". Der Verstand bildet Begriffe und verknüpft sie zu Urteilen. Die Vernunft verbindet die Urteile zu Schlüssen. Sie ist in der Lage, aus einem oder mehreren Sätzen einen neuen abzuleiten. Was ist das Ergebnis dieser verbindenden Tätigkeit der Vernunft? So wei der Verstand das Mannigfaltige der Anschauung in Begriffe Ordnet, so verbindet die Vernunft das Mannigfaltige der Begriffe und Urtiele wiederum zu einem höheren Zusammenhang. Die Vernunft stellt also eine noch eiter gehende Einhiet in unseren Erkenntnissen her." (Störig, S.460-461)
      Gruß Joachim Stiller Münster
    • Kant 3: Die Kritik der reinen Vernunft - 4. Die transzendentale Dialektik II

      "Aus dieser vereinheitlichenden Tätigkeit der Vernunft erwächst ganz natürlich das Bestreben, die Mannigfaltigkeit nicht nur relativ - in höheren Teileinheiten - zu vereinheitlichen, sondern eine vollkommene Einheit herzustellen. Die Vernunft wird nach einem Unbedingten hinstreben. Dieses Streben der Vernunft wird geleitet von gewissen "leitenden Vernunftbegriffen": den Ideen.
      Kant nennt die Ideen auch "regulative Prinzipien". Das heißt: Die Vernunft leitet den Verstand auf eine ähnliche Weise, wie dieser die Sinnlichkeit erleuchtet (ihre Anschauung in Begriffen verständlich macht). Aber ein eintscheidender Unterschied besteht: Die Vernunft gibt dem Verstand nur Reglen, wie er verfahren "soll". Daher "regulative Prinzipien".
      Was für Idden gibt es nun, wie kommen sie im einzelnen zustande, und wie wirken sie? Wie die Tafel der Urteilsformen zeigt, gibt es drei mögliche Arten de rBeziehung, in denen Sätze verknüpft werden können. Diesen entsprechend entwickelt die Vernunft drei Ideen. Der kategorischen, unbedingten Art der Verknüpfung entspringt die Idee einer unbedingten, allen unseren Vorstellungen zugrundeliegenden Einheit des denkenden Subjekts, die psychologische Idee oder Idee der Seele.
      Der hypothetischen, bedingten Art der Verknüpfung entspringt das Bestreben, aus der endlosen Reihe von bedingten Erscheinungen zu einer unbedingten Einheit aller dieser Erscheinungen zu kommen, zur kosmologischen Idee, zur Idee der Welt. Der disjunktiven, ausschließenden Art der Verknüpfung entspringt die Idee einer unbedingten Einheit aller Gegenstände des Denkens überhaupt, die Idee eines höchsten Wesens, die theologische Idee, die Idee Gottes.
      Entscheidend ost, dass die Ideen nur Sollvorschriften sind. Sie sind gleichsam auf ein im Unendlichen liegendes Ziel hinzeigende Richtweiser in unserem Innern. Die Idee der Seele sagt mir: Du sollst alle psychischen Erscheinungen so verknüpfen, als ob ihnen eine Einheit, die Seele, zugrunde läge. Dioe Idee der Welt: Du sollte die Reihe der bedingten Erscheinungen so verbinden, als ob ihnen eine unbedingte Einheit , die Welt, zugrunde läge. Die Idee Gottes: Du sollst so denken, als ob es zu allem, was existiert, eine erste notwendige Ursache, den göttlichen Schäpfer, gäbe. Auf diesen drei Wegen sollst du suchen, eine systematische Einheit in das Ganze deiner Erkenntnisse zu bringen." (Störig, S. 461-462)
      Gruß Joachim Stiller Münster
    • Kant 3: Die Kritik der reinen Vernunft - 4. Die transzendentale Dialektik III

      "Mehr kann die Kritik der reinen Vernunft auf diesem Gebiet nicht tun. Sie zeigt, dasss die genannten Ideen denkmöglich sind, also keinen inneren Widerspruch in sich enthalten, ja sich beim Gebrauch der Vernunft sozusagen zwangsläufig ergeben. Aber wir dürfen auf keinen Fall hier Denken und Erkennen verwechseln und anneehmen, dass ihnen eine mögliche Erfahrung entsprechen könne.
      Die Versuchung dazu liegt nahe. Erliegt man ihr, so gerät die Vernunft auf unauflösliche Widersprüche (Antinomien). Die Vernunft wird "sophistisch", "dialektisch". Kant wendet große Mühe daran, im einzelnen zu zeigen, dass die sich so ergebenden Widersprüche unauflöslich sind, insbesondere auch im Hinblick auf die theologische Idee und die von der Theologie stets von nehem versuchten vernünftigen Gottesbeweise. Gott kann aber mit der Vernunft weder beweisen, noch wiederlegt werden. Und so für die anderen Ideen.
      Was ist nun mit alledem für die Metaphysik gewonnen? Kant selbst sagt: "Ich musste das Wissen aufheben, um zum Glauben Platz zu bekommen!" Das heißt: Kant hat gesagt, wo die Grenzen unserer (theoretischen) Venrunft liegen. Sie leigen genau sa, wo der Bereich möglichen Erfahrungswissens aufhört. Was darüber hinaus liegt, darüber kann die Vernunft nichts ausmachen. Das bedeutet aber zweierlei: Die Vernunft kann allgemein metaphysische Ideen wie Gott, Freiheit und Unsterblichkeit - und das sind für Kant die alleinigen Zwecke iher Nachforshcung, alles andere ist bloß Mittel dazu - nicht beweisen. Sie kann sie aber auch nicht widerlegen. Insofern ist Platz geschaffen, sie zu glauben.
      "Ist das aber alles, wird man sagen, was reine Vernunft ausrichtet...? So viel hätte wohl der gemeine Verstand, ohne darüber die Philosophie zu Rate zu ziehen, ausrichten können!... Aber verlagt ihr denn, dass eine Erkenntnis, welche alle Menschen angeht, den gemeinen Verstand übersteigen und euch nur von Philosophen entdeckt werden sollte? Eben das, was ihr tatelt, ist die beste Bestätigung von der Richtigkeit der bisherigen Behauptungen, da es das, was man anfangs nicht vorhersagen konnte, entdeckt, nämlich dass... die höchste Philosophie in Ansehung der wesentlichen Zwecke der menschlcihen Natur es nicht weiterbrignen könnte als die Leistung, welche sie (die Natur) auch dem gemeinsamen Verstande hat angedeihen lassen." (Störig, S. 462-463)
      Gruß Joachim Stiller Münster
    • Kant 4: Sittlichkeit und Religion

      "Die "Kritik der reinen Vernunft" hat Kant berühmt gemacht. Vielen - insbesondere auch Gegnern Kants - gilt sie als die einzige wichtige aus seinem Werk. Zu Unrecht? Kant war kein bloßer Erkenntnistheoretiker, sondern ein wahrer Philosoph, ein "Weltweiser", der das Ganze der Welt denkend zu erfassen bemüht war. Zum ganzen Kant kann man nur vordringen, wenn man seinen übrigen größeren Werken eine nicht geringere Würdigung widerfahrne lässt als der ersten Kritik. Wir können das hier freilich nicht ausführen, wollen es aber wenigstens ansprechen." (Störig, S.463-464)
      Gruß Joachim Stiller Münster
    • Kant 4: Sittlichkeit und Religion - 1. Die Kritik der praktischen Vernunft

      "Der Mensch ist erkennendes Wesen. Als solches macht er von seiner Vernunft einen theoretischen Gebrauch. Der Mensch ist aber auch mindestens ebensosehr handelndes Wesen. Als solches macht er von seiner Vernunft einen praktischen Gebrauch. Diese praktische Seite der Vernunft hat Kant hauptsächlich in zwei Werken behandlet, der "Grundlegung zur Metaphysik der Sitten" und der "Kritik der praktischen Vernunft". Die erste Schrift ist eine vorbereitende Darlegung dessen, was in der zweiten systematische und im Einzelnen ausgeführt ist." (Störig, S.464)
      Gruß Joachim Stiller Münster
    • Kant 4: Sittlichkeit und Religion - 1. Die Kritik der praktischen Vernunft - Einige Grundbegriffe

      "Autonomie und Heteronomie. Wie sollen wir handeln? Wodurch soll unster Wille bestimmt werden? Es gibt zweit Möglichkeiten. Entweder wird unser Wille bestimmt durch Gesetze, die in uns selbst, die in unserer Vernunft liegen. In diesem Fall wäre die Vernunft autonom (selbstgesetzgebend). Oder unser Wille wird bestimmt durch etwas, das außer uns, außerhalb unserer Vernunft liegt. Dann wäre unser Wille durch ein fremdes Gesetz bestimmt (Heteronomie).
      Alle bisherigen Versuche der Philosophie, eine Ethik als Lehre vom richtigen Handeln zu entwickeln, haben nach Kant den Fehler, dass sie den Bestimmungsgrund für unseren Willen außerhalb unser selbst legen. Sie stellen alle ein "höchstes Gut" auf; sei es nun "Glückseligkeit" oder "Vollkommenheit". Sie suchen dann den Weg zu weisen, wei man zu diesem Gut gelangen könnte. Das ist Heteronomie. Auf diese Weise ist kein notwendig und allgemein geltendes Prinzip des Handelns zu gewinnen. Wie man am besten zu einem erstrebten Gut gelangt, das ist schließlich eine Sacher der Erfahrung. Ein wriklich allgemein geltendes Prinzip könnte nur der Vernunft entnommen werden.

      Maxime und Gesetz.
      Die Frage, ob die Vernunft für sich allein den Willen bestimmen kann, muss auf genau die gleiche Weise gelöst werden wie die Frage der Kritik der reinen Vernunft: "Wie sind synthetische Urteile a priori möglich?" - nämlich durch eine kritische Untersuchung dieses Vernunftvermögesn, durch eine Kritik der praktischen Vernunft. Die Untersuchung zeigt als erstes, dass in unserer Vernunft eine gnaze Anzahl verschiedener Grundsätze vorhanden ist, die auf die Bestimmung des Willens zielen.
      Maxime nennt Kant einen Grundsatz, der nur für das Handlen eines einzelnen Menschen gelten soll. Wenn ich mir vornehme, nicht mehr zu rauchen, so betrifft das nur mich; ob andere rauchen, spielt dabei keine Rolle. Im Gegensatz zur Maxime nennt Kant praktisches Gesetz einen Grundsatz, der den Willen jedes Menschen bestimmen soll.

      Hypothetischer und kategorischer Imperativ. Die Gesetze der theoretischen Vernunft haben einen zwingenden Charakter. Sie sagen: So ist es. Die Gesetze der praktischen Vernunft haben einen fordernden Charakter. Sie sagen: So sollst Du handeln. Sie fordern, aber sie zwingen und nicht, so zu handeln. Sie gleichen einem Befehl. Auch einen Befehl kann mans ausführen oder missachten (dann muss man freilich die Konsequenzen auf sichh nehmen). Deshalb nennt Kant die praktischen Gesetze Imperative.
      Ein solcher Imperativ kann bedingt oder unbedingt sein. Der Satz "Willst Du ein hohes Alter erreichen, so musst Du deine Gesundheit erhalten" ist ein derartiger Befehhl. Er gilt für jeden Menschen. Zerstört er seine Gesundheit, so wird er erkranken und sterben. Er gilt aber für mich nur unter der Bedingung, dass ich überhaupt Wert darauf lege, ein hohes Alter zu erreichen. Solche Sätze heißen hypotetische Imperative. Sie gleten allgemein, aber nur bedingt. Dagegen heißen Sätze, dei ebenfalls allgemein, aber unbedingt gelten sollen, unbedingte oder kategorische Imperative. Es ist klar, dass eine Ethik, die allgmeein und unbedingt gelten soll, nur aus einem kategoriischen Imperativ begründet werden kann.

      Das bisher Gesagte veranschulicht die angehängte Übersicht... Gruß Joachim Stiller Münster
      Files
    • Kant 4: Sittlichkeit und Religion - 1. Die Kritik der praktischen Vernunft - Grundgedanken

      "Der kategorische Imperativ. Lässt sich ein kategorischer Imperativ auffinden? Alle Grundsätze, die ein Objekt zum Bestimmungsgrund des Willens machen, können kein allgemeingültiges praktisches Gesetz abgeben. Wenn es für ein vernünftiges Wesen allgemeine praktische Gesetze geben soll, so können das demnach nur solche Prinzipien sein, die den Bestimmungsgrund des Willens nicht dem Objekt, der Materie nach, sondern bloß der Form nach enthalten. Wenn ich aber von einem Gesetz, welches lautet: Su sollst das und das tun, du sollst das und das erstreben, das Objekt, den Gegenstand, wegnehme - bleibt dann überhaupt noch etwas davon übrig? Es bleibt etwas übrig, die bloße Form eines allgemeinen Gesetzes!
      Damit haben wir den Grundsatz gefunden, der allein - weil rein formal und von allem Empirischen frei - das Prinzip einer allgemeingültigen Ethik sein kann: Gib deinem Willen die Form der allgemeinen Gesetzgebung! So kommt Kant zum Grundgesetz der praktischen Vernunft, welches lautet: "Handle so, dass die Maxime deines Willens jederzeit zugleich als Prinzip einer allgemeinen Gesetzgebung gelten könne."
      Dieses Gesetz passt, eben wegen seines bloß formalen Charakters, auf jeden beliebigen Inhalt. Wenn ich schwanke, ob ich einen begehrten Gegenstand einem anderen wegnehmen soll, so brauche ich mich nur zu fragen: Kann ich wollen, das alle Menschen sthelen? Das würde jeden Besitz, den ja auch ich erstrebe, unmöglich machen. Wenn es mir in einer bestimmten Lage schwerfällt, die Wahrheit zu sagen, so brauche ich micht nur zu fragen: Kann ich wollen, dass alle Menschen das Lügen zu ihrem Prinzip machen?
      Vor einem Missverständnis muss man sich hierbei hüten. Kant will nicht eine Moralphilosophie "erfinden" oder "aufstellen". Nicht Kant ist derjenige, der die Forderung des kategorischen Imperativs an die Menschen richtet. Sondern Kant untersucht die Arbeitsweise unserer praktischen Vernunft und findet dabei, dass ihr allgemeines Prinzip dieser kategorische Imperativ ist. Und so wie Kant können alle Menschen zu jeder Zeit dasselbe finden, wenn sie auf die Stimme des Gewissens achten, die in ihnen spricht, und wenn sie deren reines Prinzip zu ermitteln sichen.
      Freiheit. Das allgemeine Sittengesetz (der kategorische Imperativ) ist etwas, dem wir zwar nicht folgen müssen, aber folgen sollen. Aber können wir das denn überhaupt? Das Vorahndensein eines solchen Imperativs in uns hat nur Sinn, wenn wir auch die Möglichkeit haben, dem Genüge zu tun, das heißt, wenn wri frei sidn, ihm zu folgen. Das ist der Sinn des Satzes: Du kannst, denn du sollst! Insofern zwingt uns die praktische Vernunft, die Freiheit des Willens (welche dei theoretische Vernunft niemals beweisen kann) als bestehend anzunehmen." (Störig, S.466-467)
      Gruß Joachim Stiller Münster
    • Kant 4: Sittlichkeit und Religion - 1. Die Kritik der praktischen Vernunft - Grundgedanken II

      "Die bloße Form eines Gesetzes ist nicht Gegenstand der Sinne. Sie gehört folglich nicht unter die Erscheinungen (welche untereinander kausal zusammenhängen). Wenn ein Wille von dieser bloßen Form bestimmt werden kann, so muss ein solcher Wille unabhängig von den Gesetzen der Erscheinung, unabhängig von der Kausalität sein. Ein Wille, der durch solches Gesetz bestimmbar ist, muss frei sein.
      Das alles mag als Ableitung der Willensfreiheit gnaz folgerichtig klingen; es führt aber dich zu einem Ergebnis, das auf den ersten Blick paradox erscheinen muss. Nehem wir einen praktischen Fall. Ein Mensch hat einen Diebstahl begangen. Die äußere Handlung des Diebstahls gehört dem Reich der Erscheinungen an. aber auch die Motive, Gefühle, Willensregungen, die den Dieb bewegen, gehören demselben Bereich an. Sie erscheinen uns unter der Form der Zeit. Im Bereich der Erscheinungen steht alles unter dem Kausalgesetz, es ist die notwendige Folge von etwas anderem, das ihm zeitlich vorausgegangen ist. Da wir über die bereits vergangene Zeit keine Gewalt haben, haben wir auch keine Gewalt über die Ursachen, die zu der bestimmten Handlung geführt haben. Tatsächlich lässt sich auch die Handlung aus den vorausgehenden äußeren und innerne - psychologischen - Bedingungen (kausal) "erklären". Sei musste geschehen.
      Das Sittengesetz sagt jedoch, dass sie hätte unterlassen werden können, wenn der Handelnde frei gewesen wäre, zu sthelen oder nicht zu sthelen. Wie kann dieser scheinbare Widerspruch zwischen Naturmechanismus und Freiheit in der gleichen Handlung aufgelöst werden?Man muss sich erinnern, dass nach der Kritik der reinen Vernunft dei Kausalität nur für das gilt, was unter Zeitbestimmungen steht, eben die Dinge als Erscheinung. Das gilt auch für das handelnde Subjekt. Für die Dinge an sich gilt das Kausalgesetz nicht. Auch das gilt für das handelnde Subjekt. Insofern der Mensch seiner selbst auch als eines Dinges an sich beswusst si, betrachtet er auch sein Dasein als nicht unter Zeitbestimmungen stehend, nicht dem Kausalgesetz unterworfen. Das heißt, das wir in unserem sittlichen Handlen über die Sphäre der Dinge als Erscheinungen hinausgehoben sind in eine übersinnliche Welt. In dieser sind wir frei, und die Forderung des Sittengesetzes besteht zu Recht." (Störig, S.467-468 )
      Gruß Joachim Stiller Münster
    • Kant 4: Sittlichkeit und Religion - 1. Die Kritik der praktischen Vernunft - Grundgedanken III

      "Dass das so ist, bestätigt auf schlagende Art die Arbeitsweise des wundervollen Vermögens in uns, das wir Gewissen nennen. Mag der Täter zehnmal sich seine Tat aus bestimmten Ursachen als notwendig erklären, der Ankläger in ihm wird dadurch nicht zum Verstummen gebracht. Er sagt dem Handelnden, dass er doch anders hätte handeln sollen und können. Reue über eine längst vergangene Tat fragt denn auch nicht nach der Zeit, die inzwischen vergangen ist, sondern nur, ob die Begebenheit mir als Tat angehört - eben wegen des überzeitlichen Charakters der sittlichen Persönlichkeit.
      Gut und Böse. Wie man handeln sollte, folgt nicht aus dem, was "gut" ist. Sondern aus dem Sittengesetz, das sagt, wei man handeln solle, folgt erst, was gut ist. Gut ist der sittliche Wille. "Es ist überall nichts in der Welt, ja überhaupt auch außerhalb derselben zu denken möglich, was ohne Einschränkung für gtu könne gehalten werdne, als allein ein guter Wille." Auf die innere Einstellung kommt es an! Wer einem anderen hilft, wei er ihn gern mag, oder weil der glaubt, dass Die Gesellschaft das von ihm erwartet, der tut zwar (äußerlich) das, was das Sittengesetz verlangt. Seine Handlung hat Legalität. Er tut es aber nicht aus Pflicht, sondern aus anderen Motiven, Der Handlung fehlt die Moralität.
      Pflicht und Neugung. "Pflicht, du erhabener, großer Name..." - in dieser berühmten Stelle, einer der weingen, wo Kant sich zu feierlichem Pathos erhebt, gingt Kant das Hohelied auf die Pflicht. Die Erhabenheit des Sittengesetzes kommt darin zum Ausdruck, dass es uns nötigt, ohne oder gar gegen unsere Neigung zu handlens, rein um der moralischen Nötigung willen.
      Beschluss. Nachdem wir, wenn auch nur im Fluge, die Bereiche der reinen und der praktischen Vernunft durchmessen haben, verstehen wir erst recht die volle Bedeutung der Worte, die Kant selbst an den Schluss der zweiten Kritik gesetzt hat. Der Mensch ist ein Bürger zweier Welten! im Bereich der Erscheinungen ist alles, was er ist und tut, ein winziges Glied im notwendigen Zusammenhang, aber er gehört zugleich einem übersinnlichen, über Raum und Zeit erhabenen Reich der Freiheit an. "Zwei Dinge erfüllen das Gemüt mit immer neuer und zunehmender Bewunderung und Erhfurcht, je öfter und anhaltender sich das Nachdenken damit beschäftigt: der bestirten Himmel über mir und das moralsiche Gesetz in mir... Der erste Anblick einer zahllosen Weltenmenge vernichtet gleichsam meine Wichtigkeit, als eines tierischen Geschöpfs, das die Materie, daraus es war, dem Planeten (einem bloßen Ounkt im Weltall) weider zurückgeben muss, nachdem es eine kurze Zeit (man weiß nicht wei) mit Lebenskraft versehen gewesen. Der zweite erhebt dagegen meisten Wert, als einer Intelligenz, unendlich durch meine Persönlichkeit, in welcher das moralsiche Gesetz mir ein von der Tierheit und selbst von der gnazen Sinnewelt unabhängiges Leben offenbart..." (Störig, S.468-469)
      Gruß Joachim Stiller Münster
    • Kant 4: Sittlichkeit und Religion - 2. Die Religion innerhalb der Grenzen der bloßen Vernunft

      "Haben die Ergebnisse der beiden Kritiken die Religion "erledigt"? Ein Dogmatismus, der seinen Glauben an Gott durch Wissen bewiesen sehen möchte, ist nach ihnen allerdings unmöglich geworden. Wissen ist auf ewig beschränkt auf die Dinge in Raum und Zeit.
      Aber sosehr Kant eine Religion vom Wissen her als unmöglich erweist, so sehr begründet er sie zugleich neu vom Handeln her. Freiheit, Unsterblichkeit, Gott - die theoretische Vernunft kann über sie nichts ausmachen, soe lässt sie höchstens als regulative Ideen zu un lässt im übrigen Platz, zu glauben. Die praktische Vernunft führt viel weiter: Sie veranlasst uns, sie zu glauben. Wie sich aus der Tatsache des kategorischen Imperativs in und die Gewissheit der Freiheit ergibt, wurde schon gezeigt.
      Ebenso gewiss aber fühlen wir, obwohl wir es nicht beweisen können, dasss es eine Unsterblichkeit gibt. Das Sittengesetz fordert von uns, durch höchste Tugend der höchsten Glückseligkeit würdig zu werden. Wer den Lauf der Welt unvoreingenommen betrachtet, sieht deutlich genug, dass der Zustand der höchsten Tugend, in dem wir des vollkommenen Glückes würdig wären, von Menschen auf Erden kaum je erreicht word. Dazu müssten wir reine Vernunftwesen und nicht an die Sinnlichkeit gekettet sein. Er sieht weiter, dass das Maß an Glückseligkeit, das dem einzelen zuteil wird, kaum jemals seinem Maß an Glückwürdigkeit, also seiner Tugend, entspricht. Wenn die Stimme des Sittengesetzes in uns gleichwohl spricht und verlangt, nicht einfach nach irdischem Glück zu suchen - das wäre eher eine Sacdhe der Geschicklichkeit als der Tugend -,sondern das Gute mit sittlicher Unbedingtheit zu tun - also nach Glückwürdigkeit zu streben -, so muss es einen gerechten Ausgleich in einem jenseitigen Leben für die sittliche Persönlichkeit geben.
      Ebenso gibt uns die praktische Vernunft die Gewissheit vom Dasein Gottes, die die theoretische nicht geben konnte. Konsequentes moalisches Handeln is tnicht möglich ohne den Glauben an Freiheit, Unsterblickeit und an Gott. Wer moralsich handelt, gibt durch sein Handeln zu erkennen, dass er an sie glaubt - auch wenn er sie theoretische vielleicht verleugnet. Sittliches Handeln ist praktische Gottesbejahung.
      Für das Verständnis von Moral und Religion sehen wir nun ganz klar, dass bei Kant die Moral das Ursprüngliche, die Religion das Hinzukommende ist. Was bringt die Religion eigentlich noch zur Moral hinzu? Religion ist die Erkenntnis unserer Pflichten als göttlicher Gebote. Die Pflichten stehen bereits durch das Sittengesetz fest. Die Religion erklärt diese Pflichten als von Gott in unsere Vernunft gelegt. Sie umkleidet sie mit der Majestät des göttlichen Willens." (Störig, S. 469-470)
      Gruß Joachim Stiller Münster
    • Kant 4: Sittlichkeit und Religion - 2. Die Religion innerhalb der Grenzen der bloßen Vernunft II

      "Die religion deckt sich also inhaltlich mit der Moral. Da es nun nur eine einzige Moral gibt - wie ist es möglich, dass es verschiedene Religionen gibt? Die verscheidenen geschichtlichen Religionen sind entstanden, indem die Menschen das Reich der (einzelnen) Religionen mit einer Anzahl von Glaubenssätzen erfülltne, die sie alle (zu Unrecht) als göttliche Gebote ausgeben. Wenn aus den geschichtlichen Religionen der reine - moralsiche! -Kern herausgeschält werden soll, so müssen sie am Prüfstein der sittlicehn Vernunft gemessen, und so muss Echtes von Unechtem geschieden werden.
      Die Schrift, in der Kant eine solche Untersuchung durchführt, heißt treffend "Die Religion innerhalb der Grenzen der bloßen Vernunft". Innerhalb der Grenzen: Vor allem darf die in der Kritik der reinen Vernunft gezogene Grenze nicht überschritten und das, was nur Gegenstand des Glaubens sein kann, als beweisendes Wissen hingestellt werden. Kant kommt übrigens zu dem Ergebnis, dass das Christentum die einzige moralisch vollkommene Religion ist. Das Werk handelt in vier Stücken:
      I. von der Einwohnung des bösen Prinzips nebend em Guten; oder über das radikal Böse in der menschlichen Natur;
      II. von dem Kampf des guten Prinzips mit dem bösen um die Herrschaft über den Menschen;
      III. vom Sieg des guten Prinzips über das böse und die Gründung eines Reichs Gottes auf Erden;
      IV. vom Diesnst und Afterdienst unter der Herrschaft des guten Prinzips oder von Religion und Pfaffentum.
      Solche Untersuchungen vorzunehmen, hielt Kant nicht nur für erlaubt; es war für ihn geradezu eine Pflicht, "in der Schrift denjenigen Sinn zu suchen, der mit dem Heiligsten, was die Vernunft lehrt, in Harmonie steht". Kant war also (wie andere Philosophen vor ihm) überzeugt, mit seinen religionsphilosophischen Untersuchungen der Religion einen Dienst zu erweisen. Anderer Meinung waren diejenigen (auch wie bei anderen Philosophen), die sich als die bestallten Vertreter der Religion fühlten." (Störig, S.470-471)
      Gruß Joachim Stiller Münster
    • Kant 4: Sittlichkeit und Religion - 2. Die Religion innerhalb der Grenzen der bloßen Vernunft III

      "Als Kants Buch erschien, regierte in Preußen nicht mehr Friedrich der Große - unter dem Kant sich uneingeshcränkter Lehrtätigkeit erfreut hatte -, sondern Friedrich Wilhelm II., ein unbedeutender Herrscher, der ganz unter dem Einfluss aufklärungsfeindlicher Geister stand. Es war eine besondere Zensurbehörde eingerichtet, die Geistlichen und Lehrer zu überwachen und jede Abweichung von der offiziellen Krichenlehre zu rügen und zu unterbinden. Von ihr erhielt Kant folgende Kabinettsorder:
      "Von Gottes Gnaden Friedrich Wilhelm, König von Preußen usw. Unsern gnädigen Gruß zuvor.
      Würdiger und Hochgelahrter, lieber Getreuer! Unsere höchste Person hat schon seit geraumer Zeit mit großem Missfallen erfahren, wei Ihr Eure Philosophie zu Entstellung und Herabwürdigung mancher Grundlehren der Heiligen Schrift und des Christentums missbraucht, wie Ihr dieses namentlich in Eurem Buch "Religion innerhalb der Grenzen der bloßen Vernunft"... getan ahbt... Wir verlagen, des ehesen Eure gewissenhafte Verantwortung und gewärtigen uns von Euch, bei Vermeidung unserer höchsten Ungnade, dass Ihr Euch künftighin nicht dergleichen werdet zuschulden kommen lassen, sondern vielmehr, Eurer Pflicht gemäß, Euer Ansehen udn Eure Talente dazu verwenden, dass unsere landesväterliche Intention je mehr und mehr erreicht werde, wiedrigenfalls Ihr Euch bei fortgesetzter Renitenz unfehlbar unangenehmer Verfügungen zu gewärtigen habt. Sind Euch mit Gnaden gewogen.
      Auf seiner Königlichen Majestät allergnädigsten Spezialbefehl Wöllner."
      In seirn Antwort an die Regierung versprach Kant, sich künftig - "als Eurer Kgl. Majestät getreuester Untertan", damti meinte er: nur zu Lebzeiten des jetzigen Königs - aller Äußerungen über die Religion in Vorträgen und Schriften gänzlich zu enthalten. Kant war siebzig Jahre alt; und er hatte sein Wort bereits gesprochen. Nach dem Tode des Königs gab Kant im "Steit der Fakultäten" eine freimütige Darstellung der Vorgänge und sprach sein Überzeugung erneut sehr offen aus." (S.471-472)
      Gruß Joachim Stiller Münster
    • Kant 5: Die Kritik der Urteilskraft

      "Wir haben Kants Betrachtungen der Religion gleich an die Kritik der praktischen Vernunft angeschlossen, weil für Kant die Religion unmittelbar aus der Sittlichkeit erwächst. Aber damit ahben wir eigentlich vorgegriffen. Kants "kritisches Geschäft" war mit der zweiten Kritik noch nicht beendet. Bevor er sich dem "doktrinären" zuwendete, wollte er durch eine umfassende Kritik aller Vermögen des menschlichen Gemüts den Grund, der das systematische Gebäude tragen sollte, so sichern, dass er an keiner Stelle nachgeben konnte. Der "Kritik der praktischen Vernunft" folgte - noch vor der Schrift über die Religion - die "Kritik der Urteilskraft".
      Sie bildet als den Schlussstein in Kants kritischen Untersuchungen.
      Welches die Stelle ist, die im Gesamtsystem der Kritiken noch auszufüllen war, das können wir selbst vermuten, wenn wir uns bemühen, das von den beiden ersten Kritiken errichtete Gebäude aus einigem Abstand zu betrachten. Wir werden dann das Gefühl ahben, dasss die beiden Welten, deren Bürger der Mensch ist, die Welt als Natur - Erscheinung - einerseits, die Welt als Freiheit - Ding an sich - andererseits, bisher noch etwas unvermittelt nebeneinanderstehen. Und wir vermuten weiter, dies könnte damit zusammenhängen, dass von den drei "Vermögen", die die Menschen von alters her in sich angetroffen und unterschieden haben, bisher nur zwei von Kant kritisch beleuchtet wurden: Denken und Erkennen in der Kritik der reinen Vernunft, Wollen und Handeln in der Kritik der praktischen Vernunft. Dasjenige in uns, was wir Gefühl und Phantasie nennen können, hat i System der Kritiken bisher noch keine rechte Stätte.
      Die Lücke zu shcließen unternimmt die Kritik der Urteilskraft. Das Werk ist ein genauso unentbehrliches Glied im systematischen Zusammenhang von Kants Gedanekne, wie die beiden anderen Kritiken. Lässt man sie außer Acht, so ergibt sich ein unvollständiges, ja durchaus falsches Bild. Bezieht man sie in die Betrachtung ein, so fallen viele der Vorwürfe, die sonst gegen Kant erhoben werden könnten und auch erhoben worden sind, in sich zusammen. Das Ziel der folgenden Bemerkungen ist nur dies, unter Verzicht auf alle Einzelheiten zu zeigen, in welchem Sinne Kant die genannte Kücke schließt, und wie er dabei konswquent in der in den beiden ersten Kritiken eingeschlagenen Richutng weiterschreitet." (Störig, S.472-473)
      Gruß Joachim Stiller Münster
    • Kant 5: Die Kritik der Urteilskraft II

      "Dass das dritte Werk, welches sich also der Welt der Gefühle zuwendet, den Namen einer Kritik der "Urteilskraft" führt, muss auf den ersten Blick befremden. Dies müssen wir zunächst zu verstehen suchen. Was tut ein Richter, der zu einem (juristischedn) "Urteil" kommen will? Er wendet Rechtssätze auf vorliegende Tatbestände an. Er wendet allgemeine Sätze auf den besonderen Fall an. Oder aber, umgekehrt ausgedrückt: er sicht den gegebenen Tatbestand dem richtigen Rechtssatz unterzuordnen (zu "subsummieren"). Er sucht zum besonderen Fall das allgemeine Gesetz. Daraus können wir folgende Definition von "Urteilskraft" gewinnen: Urteilskraft ist das Vermögen, das Besondere als enthalten unter dem allgemeinen zu denken.
      Das ist auch Kants Definition. Das Vermögen nun, zu einem gegebenen Allgemeinen (Regel, Prinzip, Gesetz) das darunter zu ordnende Besondere zu finden, nennt Kant bestimmende Urteilskraft. Die bestimmende Urteilskraft ist das Vermögen des Verstandes, welches uns befähigt, die (a priori vorhandenen, allgemeinen) Kategorien auf die besonderen Anschaungsinhalte richtig anzuwenden. In diewsem Sinne haben wir ihr auch in unserem Schema der reinen theoretischen Vernunft die entsprechende Stelle angewiesen. - Ist aber ein Besonderes gegeben, zu dem erst das Allgemeine aufgefunden werden soll, so ist die Urteilskraft reflektierend (überlegend). Unsere reeflektierende Urteilskraft unterwirft also einen gegebenen (einzelnen) Gegenstand eienr Betrachtung undt einem allgemeinen Prinzip, das wir nicht dme Gegenstand, sondern uns selbst entnehmen.
      Was hat das alles aber mit unseren Gefühlen zu tin?Eben in unseren Gefühlen tun wir dies: Wir beziehen einen Gegenstand - genauer: die Vorstellung eines Gegenstandes - auf einen Maßstab, der in uns slebst leigt. Das kritische Problem lautet nun ganz ähnlich wie in den beiden ersten Kritiken: Gibt es für unsere Gefühle einen allgemeinen und notwendig - a priori gegebenen - Maßstab?
      Alle unsere Gefühle sind Lust- oder Unlsutgefühle. Lust empfinden wir, wenn etwas einem Bedürfnis in uns entspricht; Unlust, wenn das Bedürfnis nicht befriedigt wird. Bedürfnisse können wir im allgemeinsten Sinne auch als Zweck bezeichene. Damti kommen wir von selbst auf den Begriff der Zweckmäßigkeit. Eine Aussage über eien Gefühlserfahrung aht immer die Form der Unterodnugn eine vorgestellten Gegenstandes unter einen Zweck." (Störig, S.473-474)
      Gruß Joachim Stiller Münster
    • Kant 5: Die Kritik der Urteilskraft III

      "Wenn ich etwas esse, worauf ich Appetit ahbe, so habe ich ein Lustgefühl, weil eben dieses Essen für die Befriedigung dieses Bedürfnisses "zweckmäßig" ist. Ein andermal, wenn ich keinen so gerichteten ode rüberhaupt keinen Apetit habe, wird mir das gleiche Essen vielleicht zuwider sein. Ein solches Lustgefühl bleibt rein subjektiv, durch meien jeweiligen Stimmungen und Bedürfnisse bedingt. Einen allgemeinen Maßstab für Gefühlsurteile gibt es dabei nciht.
      Aber gibt es vielleicth andere Gebiete, auf denen sich doch allgemeine Grundsätze für unsere Gefühlsurteile auffinden lassen? Als solches Gebiet bietet sich die Lehre vom Schönen (Ästhetik) an. Während ich von niemandem verlange, dasss das, was mir schmeckt, auch ihm schmecken müsse (de gustibus nin est disputandum), erhebe ich, wenn ich etwas als (ästhetisch) "schön" bezeichne, schon eher - wenn auch wohl nicht mit gleicher Entschiedenheit, wie bei theoretischen Erkenntnisurtielen oder moralsichen Urtielen - den Anspruch, dass der gleiche Gegenstand auch anderen in gleicher Weise gefallen müsse. Ich bin geneigt, dem, der das nicht zugibt, den "Geschmack" abzusprechen. So ergibt sich die Aufgabe, die Kant im ersten Teil der Kritik der Urteilskraft durchführt; eine Kritik der ästhetischen Urteilskraft (wobei "Ästhetik" also einen anderen - nämlich den heute gebräuchlichen - Sinn hat, als in der "transzendentalen Ästhetik" der ersten Kritik).
      Es gibt jedoch ncoh ein zweites, weiteres Gebiet, in dem wir ständig Aussagen über "Zweckmäßigkeit" machen: das Rich organischen Lebens. Das Prinzip der Zweckmäßigkeit, dem wir in unseren Urteilen über die lebende Natur überall begegnen, ost jedoch von andrer Art als die Zweckmäßigkeit der Ästhetik. Das Schöne ruft in mir ein Gefühl der Lust hervor, weil es mit etwaa in mir, mit meinem ästhetischen Gefühl, in Harmonie steht. Die Befriedigung, die ich empfinde, wenn ich den zweckmäßigen Bau eines lebenden Organismus betrachte, ist nicht eine soche des Gefühls, sondern des Verstandes, und zweckmäßig heißt hier, dass die Form des Gegenstandes nicht mit etwas in mir, sondern mti etwass in ihm slebst, mit seinem Wesen, mit seiner Bestimmung, in Harmonie steht. Das ist objektive Zweckmäßigkeit." (Störig, S.474-475)
      Gruß joachim Stiller Münster