Erich Kästners Gebrauchslyrik

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    • Erich Kästners Gebrauchslyrik


      Ganz besonders feine Damen

      Sie tragen die Brüsten und Nasen
      im gelichen Schritt und Tritt
      und gehen so zart durch die Straßen,
      als wären sie aus Biskuit.
      Mit ihnen ist nicht zu spaßen.
      Es ist, als trügen sie Vasen
      und wüßten nur nicht, womit.

      Sie scheinen sich stündlich zu baden
      und sind nicht dünn und nicht dick.
      Sie haben Beton in den Waden
      und Halbgefrorenes im Blick.
      Man hält sie für Feen auf Reisen,
      doch kann man es nicht beweisen.
      Der Gatte hat eine Fabrik.

      Sie laufen auf heimlichen Schienen,
      Man weit ihnen bessr aus.
      Sie stecken die steifsten Mienen
      wie Fahnenstangen heraus.
      Man kann es ganz einfach nicht fassen,
      daß sie sich beißen lasssen,
      in und außer Haus.

      Man könnte sich denken sie stiegen
      mit Hüten und Mänteln ins Bett.
      Und stünden im Schlaf, statt zu liegen.
      Und schämten sich auf dem Klosett.
      Man könnte sich denken, sie ließen
      die Männer alle erschießen
      und kniffen sie noch ins Skelett.

      So schweben sie zwischen den Leuten
      wie Königinnen nach Maß.
      Doch hat es nichts zu bedeuten.
      Sie sind ja gar nicht aus Glas!
      Man kann sie, wie andere Frauen,
      verführen, versehn und verhauen.
      Denn: fein sind sie nur so zum Spaß.

      Ich bin ein Freund der Weisheit,
      aber nicht alle ihrer Freunde
      sind auch meine Freunde.

    • Wenn auch nicht von Kästner :-) ...

      Jene Große

      Weil jeder sie so entzückend
      Grün und natürlich fand,
      Ging die große Mimose
      Von Hand zu Hand.

      Und ging und lebte, ward müde und schlief,
      Und ward herumgereicht.
      Und wünschte sich vielleicht - vielleicht! -
      Ganz tief,
      So unempfindlich zu sein
      Wie ein Stein.

      Und wie sie trotzdem wunderbar
      Organisch grün und wissend klar
      Gedieh,
      Umschwärmten, liebten, achteten sie
      Die Menschen und die Tiere,
      Merkten aber fast nie,
      Daß sie keine Rose,
      Daß sie eine große Mimose war.

      (Joachim Ringelnatz)
      Es ist und bleibt das gleiche allerorten – man sagt am Ende nichts, in vielen Worten.
      M. Kaléko

    • Hallo Bartleby,

      danke für das Gedicht, es hat mich seltsam tief berührt. Ich möchte aber doch noch mal meinem "Schatzi" Kästner das letzte Wort lassen.

      Kurzgefasster Lebenslauf

      Wer nicht zur Welt kommt, hat nicht viel verloren.
      Er sitzt im All auf einem Baum und lacht.
      Ich wurde seinerzeit als Kind geboren,
      eh ich s gedacht.

      Die Schule, wo ich viel vergessen habe,
      bestritt seitdem den größten Teil der Zeit.
      Ich war ein patentierter Musterknabe.
      Wie kam das bloß? - Es tut mir jetzt noch leid.

      Dann gab es Weltkrieg, statt der Großen Ferien.
      Ich trieb es mit der Fußartillerie.
      Dem Globus lief das Blut aus den Aterien.
      Ich lebte weiter. - Fragen sie nicht, wie.

      Bis dann die Inflation und Leipzig kamen.
      Mit Kant und Gotisch, Börse und Büro,
      mit Kunst und Politik und jungen Damen.
      Und sonntags regnete es sowieso.

      Nun bin ich beinah 40 Jahre
      und habe eine kleine Versfabrik.
      Ach, an den Schläfen blühen graue Haare,
      und meine Freunde werden langsam dick.

      Ich setze mich sehr gerne zwischen Stühle.
      Ich säge an dem Ast, auf dem wir sitzen.
      Ich gehe durch die Gärten der Gefühle,
      die tot sind, und bepflanze sie mit Witzen.

      Auch isch muss meinen Rucksack selber tragen!
      Der Rucksack wächst. Der Rücken wird nicht breiter.
      Zusammenfassend lässt sich etwa sagen:
      Ich kam zur Welt und lebe trotzdem weiter.


      Ich bin ein Freund der Weisheit,
      aber nicht alle ihrer Freunde
      sind auch meine Freunde.