Deutscher Idealismus und analytische Philosophie

    Diese Seite verwendet Cookies. Durch die Nutzung unserer Seite erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies setzen. Weitere Informationen

    • Jörn schrieb:

      Wie würdest du diese Position bezeichnen? Klingt nach (naivem?) Realismus.

      Da das hier ein Thread zu Quellmaterial ist, möchte ich die Aussprache eher weniger auf mich beziehen.

      Eine kompakte Darstellung zum Thema hat August Messer unter dem Titel "Der kritische Realismus" (1923) vorgelegt (Büchlein mit 75 Seiten).
      In Kapitel 8 fasst er sein "Ergebnis" zusammen (S. 72-73):
      Mit ein paar Worten soll noch das Hauptergebnis unserer Erörterungen kurz zusammengefaßt werden. Wir fanden, daß diejenige theoretische Auffassung und Deutung unseres Erkennens, die wir als 'kritischen Realismus' bezeichnen, in Übereinstimmung steht mit dem Wesen des Erkennens wie mit dem der Realität. Daß sie ihrem Kerne nach mit der instinktiven Überzeugung des 'naiven Realismus' harmoniert, die wir alle im praktischen Leben teilen, darf sicher als eine gewichtige Empfehlung angesehen werden, wenn dies auch nicht entscheidend ist für die Frage der Gültigkeit.
      Bedeutsamer ist, daß der Realismus den Voraussetzungen und Verfahrensweisen der Natur- und Geisteswissenschaften und ebenso einschließlich der Metaphysik gerecht wird, wofern er seine 'naive' Gestalt durch die 'kritische' ersetzt. Es gelingt ferner diesem kritischen Realismus, die Bedenken, die von seiten des subjektiven und objektiven Idealismus und des Phänomenalismus gegen ihn erhoben werden, zu widerlegen und seinerseits eine ausgeführte Methoden- und Kriterienlehre der genannten Wissenschaften zu liefern, während die übrigen erkenntnistheoretischen Richtungen bei ihrer Umdeutung aller Erkenntnisgegenstände in phänomenale oder ideale Objekte sich ganz auf allgemeine Behauptungen beschränken und eine auf die konkreten Forschungsweisen eingehende Wissenschaftstheorie jedenfalls bis jetzt nicht einmal ernstlich versucht haben.
      So darf der kritische Realismus als die weitaus am besten gesicherte erkenntnistheoretische Richtung bezeichnet werden, zumal sie auch dem relativen Wahrheitsgehalt der anderen Richtungen gerecht zu werden vermag.
      "You can fool all the people some of the time and some of the people all the time, but you cannot fool all the people all the time" (Abraham Lincoln). — "Der Mensch ist gut! Da gibt es nichts zu lachen! [...] Der Mensch ist gut. Da kann man gar nichts machen. Er hat das, wie man hört, vom lieben Gott" (Erich Kästner).
    • Watt: Denn die Möglichkeit, dass die Welt eine von uns voluntaristisch geformte ist, ist uns gegeben. Fragt sich nur, von oder durch was...

      Jörn: Die Möglichkeit ist uns gegeben ... kann ich das übersetzen mit: es ist möglich?
      Dann ergäbe sich: Es ist möglich, dass wir die Welt so geformt haben, wir wir es wollen. (Hmmm: Ja, manches in der Welt haben wir geformt, anderes nicht.) Doch die Frage, die du dann stellst, kann ich vermutlich nicht einordnen. Meinst du das hier?: Wieso ist es möglich? Die Antwort wäre dann, weil wir in der Welt handelnd unterwegs sind, hier mal einen Baum abhacken, dort eine Straße bauen, etc.

      Aber ich denke, du meinst mit Welt etwas anderes. Kannst du erklären was?

      Nicht nur die Tatsache unseres Daseins ist uns gegeben, sondern auch die Möglichkeit der Frage danach.

      Deshalb kann Schopenhauer sagen, dass um uns für immer ewige Dunkelheit herrschen wird. Denn wenn die Möglichkeit des Fragens nach dem Herkommen aus der Dunkelheit unseres eigenen bewusstseinsmäßigen Gegebenseins stammt, ist die Immanenz dieser Situation vollkommen und es kann nicht über sie hinaus gefragt oder gewussst werden. Aber eine andere Seite ist dadurch aufgetan: Wobei sich dann auch die Frage daraus erhebt und sich genau danach richtet -> "Das Sein", "Realität an sich", "das Umgreifende" etc. . Animal rationale/animal metaphysicum eben.

      Mit "Welt" - wenn man schon mit diesem differenzlosen Begriff operiert - kann immer nur dasselbe gemeint sein: Alles. Oder: "Die Welt ist alles, was der Fall ist"; oder eben das, was als Möglichkeit von Wirklichkeit der Fall sein kann. Ich kann demnach mit "Welt" gar nichts anderes meinen als du oder irgendwer, sofern alles was gesagt werden kann, als deren Bestandteil gedacht werden muss.


      (Aber man ist hier tatsächlich bei "Quellmaterial", daher gehört das eigentlich alles nicht hierher.)

      Dieser Beitrag wurde bereits 1 mal editiert, zuletzt von Watt ()

    • Interessant könnte in diesem Zusammenhang auch sein, was Eduard von Hartmann angemerkt hat ("Kritische Grundlegung des Transcendentalen Realismus"; 3. Auflage, 1885, S. 81-82):
      Der Idealismus sucht im Allgemeinen mit der Naturwissenschaft auf gutem Fusse zu stehen, und thut so, als ob seine Weltanschauung Raum böte für die unveränderte Aufnahme aller naturwissenschaftlichen Errungenschaften, ja als ob dieselben eigentlich nur auf Grundlage seiner Voraussetzungen einen rechten Sinn hätten. Der Idealismus nimmt ganz richtig an, dass die Naturwissenschaft sich nur mit den causalen Beziehungen von Erscheinungen unter einander beschäftigt, aber er fügt unrichtig die Annahme hinzu, dass die objectiven Phänomene, von denen die Naturwissenschaft redet, mit den subjectiven Erscheinungen der Erkenntnistheorie identisch seien, während sie sich zu diesen vielmehr als Dinge an sich, und nur zu der metaphysischen Wurzel des Daseins als Erscheinungen verhalten.
      Die gesetzmäßigen causalen Beziehungen, welche die Naturwissenshaft ermittelt und feststellt, gelten niemals für unsere subjectiven Wahrnehmungsbilder untereinander, sondern immer nur für die von unserem vorstellenden Bewusstsein unabhängigen Dinge an sich, welche als correspondirende reale Correlate dieser Wahrnehmungsbilder supponirt werden. [...]
      Wer also behauptet, oder der Behauptung Glauben schenkt, dass die Naturwissenschaft es mit einer immanenten Causalität zwischen subjectiven Erscheinungen zu thun habe, der lässt sich von dem bloss zufälligen Gleichklang des mehrdeutigen Wortes Erscheinung blenden, und hat über das Wesen der naturwissenschaftlichen Causalität niemals näher nachgedacht.

      Auf Davidson übertragen könnte Hartmann, statt von "immanenter Causalität zwischen subjectiven Erscheinungen" zu sprechen, auch "immanente Causalität zwischen intersubjectiven Erscheinungen" sagen, was in Hartmanns Variante allerdings insofern bereits inbegriffen ist, als er durchaus von Kants transzendentaler Subjektivität ausgeht, die bereits eine intersubjektive bzw. objektive Subjektivität ist.


      Watt:
      (Aber man ist hier tatsächlich bei "Quellmaterial", daher gehört das eigentlich alles nicht hierher.)

      Allzu eng müssen wir das nicht sehen, aber auch nicht allzu weit *g*.
      "You can fool all the people some of the time and some of the people all the time, but you cannot fool all the people all the time" (Abraham Lincoln). — "Der Mensch ist gut! Da gibt es nichts zu lachen! [...] Der Mensch ist gut. Da kann man gar nichts machen. Er hat das, wie man hört, vom lieben Gott" (Erich Kästner).

      Dieser Beitrag wurde bereits 3 mal editiert, zuletzt von Fliege ()

    • Statt Definition...

      Idealismus und analytische Philosophie.... diese
      zwei Gedankenanstösse traue ich mich nur deshalb nebeneinander zu stellen,
      weil es sich aus dem Threadtitel ergibt und Jörn danach gefragt hat. 8|

      Wenn man mir sagen würde, dass sich Moritz Schlick auf Hörderlin berufen hat
      oder sich Hans Blumenberg auf Wittgenstein, würde ich aufgrund meiner...na...also...
      einfachheitshalber: "Bildung" :pinch: also... vermuten, dass sowohl bei M. Sch. als auch bei H.B.
      eine Hauptbestrebung ihres Schaffens skizzierbar/erfassbar ist UND, dass in diesem
      Streben jeweils ein lebendiger Mensch gleichen Namens involviert war.

      Von hier aus ist mir etwas leichter zu sagen, dass Christian Wolff (gestorben kurz
      vor Kants 30. Geburtstag) in mitten einer Descartes'schen Metaphysik stehend
      doch irgendwie "ein analytischer Philosoph" war. Mathematische Logik, angewandt
      auf Begriffe! Wolff schreibt: "Ich habe, da ich das Buch geschrieben, beständig mich
      angestellet, als wenn ich von allen diesen Dingen noch nicht wüste, sondern sie erst
      durch Nachdenken herausbringen solte. Und dannenhero sind alle Materien in der
      Ordnung zu finden, wie sich nach und nach aus einander können entdeckt werden.
      Wer hierauf acht hat, der wird von einem jeden Articul den Grund anzeigen können,
      warum er auf den anderen folget, und in dem Ordnung finden, was ihm sonst unordentlich
      vorkommen dürfte" ;(

      Aber die Begriffe geben uns "die Welt"---oder? Kant (in einer Untersuchung...aus dem Jahre
      1764, Mozart war schon 8 Jahre alt) nimmt beide Spuren auf: die Begriffe der Mathematik
      sind gemacht, jene der Philosophie gegeben; die künstliche Begriffe der Mathematik unter-
      liegen der Willkür des Mathematikers und sind deshalb in ihrer Bedeutung klar umrissen.
      Die natürliche Begriffe der Philosophie sind empirisch und begegnen den Philosophen, und
      so muss er sie akzeptieren, wie er sie vorfindet, also auch dann, wenn sie verworren sind,
      woher sie auch kommen. Für Wolff fallen ratio essendi und ratio cognoscendi zusammen---
      wie in der Mathematik--- das Irrationale ist per definitionem ausgeschlossen. Die Begriffe
      der Mathematik sind im Zeichen und in ihrer Definition anwesend und symbolisieren sie
      deshalb nichts, sondern stehen für nichts als für sich selbst, wogegen bei der Analyse der
      philosophischen Begriffe das Problem besteht, sie uns "jederzeit vor Augen" zu führen, sie
      also mit Anschaulichkeit zu tränken und sie mit dem Bild der Welt um uns zu verknüpfen.
      So gut es geht.
      (Russell, 1901: "....wesentlich ist, dass gar nicht erst erörtert wird ob die erste Aussage
      wahr ist...Als Mathematik können wir also das Gebiet bezeichnen, auf dem wir nie wissen,
      wovon wir eigentlich reden und ob das, was wir sagen auch, wahr ist.) Wenn es heisst,
      dass vermittelst der Sinnlichkeit uns die Gegenstände gegeben werden (denn sie alleine
      liefert die Anschauungen) durch Verstand werden sie geordnet/gedacht und von ihm
      entspringen die Begriffe, dann bedeutet es auch, dass wir heute hinzufügenen müssen:
      Sinnlichkeit ereignet immer "life" , hier und jetzt. Die Theorie der Intersubjektivität
      macht dann exakt von hier an ihre "Entdeckungen"---worauf mir jetzt wirklich nicht
      ankommt, auch auf die Frage nicht, ob nicht die Mathematiker die Idealisten sind und
      Philosophen die "wahren" Analytiker?

      Sondern darauf: Das Irrationale ist die Stelle, wo sich Sinnlichkeit ereignet und von
      hier ausndurchkämme ich die Literatur über die Gefühlsphilosophie. Nicht "irrational"
      im Sinne einer Religion (ich finde sie sowieso nicht irrational) sondern als die Stelle,
      wo die Forschung steht und was sie vor sich hat. :)
      Ein Leben beginnt gewöhnlich mit der Geburt---meins nicht.
      Zumindest weiß ich nicht, wie ich ins Leben gekommen bin.

      (W.Moers: Die 13 1/2 Leben des Käpt'n Blaubär, Kapitel 1.: Mein Leben als Zwergpirat, 1. Satz)

      Dieser Beitrag wurde bereits 1 mal editiert, zuletzt von byLaszlo ()

    • Wenn alle Quellen sprudeln. Davidsons (ziemlich böser) Text über Antirealisten:

      Indeterminismus und Antirealismus

      Der Antirealismus ist eine Äußerung des in der abendländischen Philosophie nicht zu unterdrückenden Drangs, zu verbürgen, daß alles Reale erkannt werden kann. Das versucht der Antirealismus zu erreichen, indem er allem, was nach seinen Bestimmungen die Reichweite der menschlichen Erkenntnis übersteigt, die Existenz abspricht. Daher sollte Parmenides als früher und extremer Antirealist gelten, da er verkündet, das kugelförmige, homogene und unveränderliche Eine sei das einzig Reale, und zur Begründung anführt, es sei der einzig mögliche Gegenstand der Erkenntnis. Platon muß natürlich zu den Antirealisten gezählt werden, denn nach seiner Auffassung sind die physische Welt und ihr gesamter Inhalt nicht wirklich real, denn sie seien unerkennbar. Die meisten reduktionistischen Ismen — Idealismus, Pragmatismus, Empirismus, Materialismus, Behaviorismus und Verifikationismus — sollten als Formen des Antirealismus gelten. Sie alle versuchen die Realität so zurechtzustutzen, daß sie in ihre jeweilige Erkenntnistheorie paßt. Jeder dieser Standpunkte hat Trost anzubieten: Normale Gegenstände wie Tisch und Besteck seien zwar, wie wir erfahren, real, existierten aber nur im Bewußtsein; physische Gegenstände seien nichts weiter als permanente Möglichkeiten der Empfindung; geistige Zustände seien nichts weiter als Verhaltensmuster; intentionale Phänomene seien nichts anderes als physische Ereignisse und Gegenstände usw. Die Terminologie unserer alten Ontologie wird uns nur so lange zugestanden, wie wir uns einverstanden erklären, lediglich das zu akzeptieren, was wir aus mit Gewißheit erkennbaren Entitäten zusammenschustern können. Von diesen Beschwichtigungsangeboten an den Skeptizismus sollten wir uns allerdings nicht täuschen lassen — Antirealismen bleiben Saure-Trauben-Formen der Philosophie. Ihr Motto lautet: Wenn man die Trauben nicht (in einer gebilligten Bedeutung des Worts) zu fassen bekommt, sind sie nicht bloß sauer, sondern haben überhaupt nie existiert. [...] Aus meiner Sicht ist der Realismus keineswegs die Alternative zum Antirealismus. [...]

      In: Donald Davidson, "Subjektiv, intersubjektiv, objektiv", Indeterminismus und Antirealismus, Seite 127 ff.
    • Fortsetzung ...

      LMU München, Department für Philosophie; Hauptseminar zu "Donald Davidson – 'Subjektiv, intersubjektiv, objektiv'"; Joachim Lipski, Referat zu "'Indeterminismus und Antirealismus' (1997)", 2004:
      Antirealismus nach Davidson (S. 127 f.): Was nicht erkennbar (oder stärker: mit Gewißheit erkennbar) ist, ist nicht real. Realität wird ontologisch 'zurechtgestutzt' (S. 127 m.) und 'beschnitten' (S. 128 m.). Davidson führt Platonismus, Idealismus, Pragmatismus, Empirismus, Materialismus, Behaviorismus und Verifikationismus ('reduktionistische Ismen') als Beispiele an. Realismus ist keine Alternative zum A.[ntirealismus], denn ungeklärt bleibt die für ersteren [Realismus] zentrale Frage, wie ein Ding einen Satz wahr macht (bzw. wahr machen kann, S. 129 o.).
      "You can fool all the people some of the time and some of the people all the time, but you cannot fool all the people all the time" (Abraham Lincoln). — "Der Mensch ist gut! Da gibt es nichts zu lachen! [...] Der Mensch ist gut. Da kann man gar nichts machen. Er hat das, wie man hört, vom lieben Gott" (Erich Kästner).

      Dieser Beitrag wurde bereits 1 mal editiert, zuletzt von Fliege ()

    • Davidsons Denken, wie vermutlich das Denken nicht nur aller Philosophen, sondern (fast) aller Menschen ist nicht monolythisch. Oder anders gesagt: er ist kein Betonkopf. Oder noch anders gesagt, weil sein Kopf rund ist, hat sein Denken hier und da die Richtung geändert, wie es Francis Picabia so schön zum Ausdruck brachte. Also: Davidson hat sich selbst an verschiedenen Stellen auch zum Realismus bekannt. Allerdings ist Realismus nicht gleich Realismus, sowie Idealismus nicht gleich Idealismus ist. Metaphysischen oder internen Realismus hat er (soweit ich weiß) stets abgelehnt ... und seine eigene Version vertreten und - so wie es aussieht - auch wieder verworfen.

      Eigentlich erstaunlich, dass Denker vom Kaliber Davidsons und Putnams sich stets selbst kritisieren, während diese Gabe anderen nicht gegeben ist :)

      Dieser Beitrag wurde bereits 1 mal editiert, zuletzt von _its_not_me_ ()

    • Jörn schrieb:

      Eigentlich erstaunlich, dass Denker vom Kaliber Davidsons und Putnams sich stets selbst kritisieren, während diese Gabe anderen nicht gegeben ist

      Davidson exemplifiziert sehr schön, wo der analytischen Philosophie der Schuh drückt und immer schon gedrückt hat, nämlich hinsichtlich der Frage (Referat), "wie ein Ding einen Satz wahr macht (bzw. wahr machen kann, S. 129 o.)". Je nach Antwort auf diese Frage ergeben sich verschiedene Auffassungen.

      (Vielleicht magst du die betreffende Passage aus Davidsons Aufsatz noch einbringen.)
      "You can fool all the people some of the time and some of the people all the time, but you cannot fool all the people all the time" (Abraham Lincoln). — "Der Mensch ist gut! Da gibt es nichts zu lachen! [...] Der Mensch ist gut. Da kann man gar nichts machen. Er hat das, wie man hört, vom lieben Gott" (Erich Kästner).
    • Den Schuh, von dem du sprichst, findest du, wenn du an dir selbst herunter schaust. Denn das ist nämlich, wenn ich mich an die entsprechende Stelle recht erinnere, ein Teil der Problemerörterung des Realismus.

      (Gehört Davidson zur analytischen Philosophie? Eigentlich doch eher nicht. Man hat hierfür den schönen Begriff der postanalytischen Philosophie erfunden. Naja: ob einem das beim Verstehen von Davidson, Rorty, Putnam, Brandom, McDowell und wie sie alle heißen, hilft, ist doch sehr fraglich ...)
    • byLaszlo ist mit Literatur exzellent bestückt; eventuell kann und möchte er die Passage beisteuern.
      "You can fool all the people some of the time and some of the people all the time, but you cannot fool all the people all the time" (Abraham Lincoln). — "Der Mensch ist gut! Da gibt es nichts zu lachen! [...] Der Mensch ist gut. Da kann man gar nichts machen. Er hat das, wie man hört, vom lieben Gott" (Erich Kästner).
    • Jörn schrieb:

      Ich geh jetzt baden und später scann ich es ein. Es ändert aber nicht an meiner vorherigen Bemerkung.

      Dank im voraus. Ja, es ändert nichts an deiner vorherigen Bemerkung; es vertieft sie.
      "You can fool all the people some of the time and some of the people all the time, but you cannot fool all the people all the time" (Abraham Lincoln). — "Der Mensch ist gut! Da gibt es nichts zu lachen! [...] Der Mensch ist gut. Da kann man gar nichts machen. Er hat das, wie man hört, vom lieben Gott" (Erich Kästner).
    • Donald Davidson | "Subjektiv intersubjektiv objektiv" Indeterminismus und Antirealismus | Seite 127 ff. schrieb:



      [Ich hab noch Gutdünken, der besseren Leserlichkeit halber, ein paar Absätze hinzugefügt. Außerdem hab ich einfach - ohne auf eine Sinneinheit zu achten - zwei weitere Doppelseiten eingescannt.]

      [...] Ihr Motto lautet: Wenn man die Trauben nicht (in einer gebilligten Bedeutung des Worts) zu fassen bekommt, sind sie nicht bloß sauer, sondern haben überhaupt nie existiert. Aus Gründen, die ich sogleich darlegen werde, lassen sich manche Formen des Antirealismus besser ausdrücken, indem man auf epistemische Begrenzungen des Wahrheitsbegriffs abhebt. So kann man etwa die Ansicht vertreten, wir sollten, wenn unsere epistemischen Vermögen zur Bestimmung der Wahrheit oder Falschheit eines Satzes mangelhaft sind, festsetzen, daß der Satz gar keinen Wahrheitswert hat, oder von einer eingeschränkten Bedeutung des Wahrheitsbegriffs Gebrauch machen. Das Ergebnis ist das gleiche: Das Reale bzw. das Wahre wird beschnitten, bis es der Größe einer bevorzugten Erkenntnisform entspricht.

      Aus meiner Sicht ist der Realismus keineswegs die Alternative zum Antirealismus. Wir können die eine oder andere Lesart des Antirealismus mit der Begründung ablehnen, daß die für sie angeführten Argumente scheitern, ohne deshalb eine vage Position namens Realismus gutheißen zu müssen. Nach einer verbreiteten Kennzeichnung behauptet der Realismus, es gebe etwas in oder an der Welt, was unsere Äußerungen, Behauptungen oder Gedanken wahr mache, wenn sie wahr seien, einerlei, ob wir über das Vermögen zur Bestimmung ihrer Wahrheit verfügen oder nicht. Die meisten kritischen Einwände gegen diese Formulierung stürzen sich verständlicherweise auf die Schwierigkeit einer genauen Erläuterung dessen, was in diesem Kontext mit »Vermögen« und »bestimmen« gemeint ist.

      Ich glaube aber nicht, daß wir uns so tief auf die Sache einlassen müssen, denn meines Erachtens verstehen wir nicht einmal die vorherige These, wonach es in oder an der Welt etwas gebe, was unsere Gedanken oder Behauptungen wahr mache, wenn sie denn wahr seien. In Wirklichkeit ist es nämlich so, daß noch nie jemand dazu imstande gewesen ist, in nichttrivialer Weise anzugeben, was für ein »Ding« es sei, das einen Satz (oder sonst einen Wahrheitsträger) wahr mache. Manche Sätze, Äußerungen oder Überzeugungen sind wahr, und es gibt eine Vielzahl von Dingen in der Welt, aber es erklärt gar nichts, wenn man sagt, die Wahrheitsträger würden von den Dingen wahr »gemacht«. Das Ergebnis besteht darin, daß die Realisten mit dem Wahrheitsbegriff dastehen, ohne jedoch erklären zu können, inwiefern die Realität darüber Aufschluß gibt. Zugleich wird durch das Scheitern der korrespondenztheoretischen Versuche, dem Wahrheitsbegriff Gehalt zu verleihen, gezeigt, wie nichtssagend es ist, den Realismus durch Bezugnahme auf Übereinstimmung zu kennzeichnen.

      Hier erörtere ich jene Lesarten des Antirealismus, die im Lichte der Unbestimmtheit der Übersetzung bzw. Interpretation die Realität geistiger Zustände und Ereignisse in Zweifel ziehen. Ebenso befasse ich mich mit denen, die wie folgt argumentieren: Wenn man die Unbestimmtheit der Interpretation akzeptiere, müsse man hinsichtlich des Status der propositionalen Einstellungen — oder zumindest hinsichtlich des Status der Zuschreibungen von propositionalen Einstellungen — im Zweifel sein. Da ich meinerseits die These der Unbestimmtheit der Interpretation bejahe, würde es mich bedrücken festzustellen, daß sie eine Form von Antirealismus impliziert. Meiner Meinung nach tut sie das aber gar nicht, wie ich im folgenden zu erklären versuche.

      Nach meinem Dafürhalten zeigt der Indeterminismus weder, daß die propositionalen Einstellungen nicht ganz real seien (was immer das heißen mag), noch daß wir den Wahrheitsbegriff modifizieren müssen, sobald wir propositionale Einstellungen zur Sprache bringen. Mit anderen Worten: Viele unserer Überzeugungen und Aussagen über das, was die Menschen glauben, beabsichtigen, wünschen und sich erhoffen, sind wahr, und sie sind deshalb wahr, weil die Menschen diese Einstellungen haben.

      Drei Überlegungen scheinen der Zustimmung zu dieser These im Weg zu stehen. Bei der ersten handelt es sich um eine Form von Szientismus. Wie es aussieht, sind die propositionalen Einstellungen nicht dazu geeignet, in eine einheitliche wissenschaftliche Weltsicht integriert zu werden. So heißt es bei Quine, »für die wesentlich schauspielerische Ausdrucksform der propositionalen Einstellungen« sei in einer strengen Wissenschaft »kein Platz«,1 und unser mentalistisches Vokabular stehe »hartnäckig in Widerspruch zu wissenschaftlichen Mustern«. Meiner Ansicht nach hat Quine recht, wenn er meint, es sei nicht möglich, das mentalistische Vokabular reduktionistisch zurückzuführen bzw. in das Vokabular der Physik oder einer der übrigen »harten« Naturwissenschaften einzugliedern.

      Ein Grund für diese Irreduzibilität ergibt sich daraus, daß jede richtige Erklärung der Überzeugungen eines Akteurs und seiner sonstigen Einstellungen das im kognitiven Inhalt angelegte normative Element anerkennen muß. Eine Einstellung steht in logischen Beziehungen zu anderen; und diese Beziehungen werden zwar durch die Grenzen unserer Vermögen verzerrt und in Unordnung gebracht, dienen aber dennoch dazu, den Inhalt unserer Gedanken zu lokalisieren und somit zu identifizieren. Wenn wir verfahren wie in den Naturwissenschaften und die Welt als geistlos behandeln, entspricht jener Dimension des Mentalen gar nichts. Eine weniger oft beachtete Eigenschaft, die unser Reden über geistige Zustände vom Vokabular der avancierten Wissenschaften abhebt, ist die Abhängigkeit von Kausalbegriffen. Das normale Reden über Physisches steckt, ebenso wie das Reden über Psychisches, voller kausaler Begriffe: Der Begriff des Katalysators ist ebenso kausal wie der Begriff der intentionalen Handlung. Der Unterschied liegt in dem der Physik innewohnenden, aber für die Psychologie irrelevanten Ver\sprechen, daß der kausale Begriff im Laufe der Zeit und nach einiger Forschungstätigkeit durch eine Darstellung des Mechanismus ersetzt werden kann, der erklärt, was der unbeholfene kausale Begriff lediglich erschlichen hat.

      Man, darf die Gesetze der Physik, wenn man will, kausal nennen. Ausschlaggebend ist, daß sie sich keiner kausalen Begriffe bedienen. Die Konzentration der Psychologie auf die kausale Rolle der Gründe schließt jede Hoffnung auf die Möglichkeit aus, die mentalen Grundbegriffe in ein abgeschlossenes System von Gesetzen einzufügen. Daneben gibt es eine weitere (viel-diskutierte) Erwägung, die gegen die nomologische oder definitorische Zurückführung geistiger Begriffe auf Begriffe der Physik spricht, und diese Erwägung bezieht sich auf die Tatsache, daß propositionale Einstellungen und verwandte Ereignisse und Zustände zum Teil mit Hilfe ihrer kausalen und sonstigen Beziehungen zu Ereignissen identifiziert werden, die sich in zeitlicher wie örtlicher Hinsicht außerhalb des durch sie gekennzeichneten Akteurs abspielen.

      So wird - meines Erachtens zu Recht — die Meinung vertreten, daß die Geschichte jenes Prozesses, durch den ein Individuum Wörter und Begriffe lernt und zu gebrauchen übt, in maßgeblichen Fällen notwendig zur Bestimmung der Bedeutung der Wörter und des Inhalts der Begriffe beiträgt. Außerdem glaube ich, daß die interpersonelle Verständigung hinsichtlich der Möglichkeit und der Natur des Denkens eine notwendige Rolle spielt. Wenn solche externalistischen Faktoren tatsächlich dominante und unvermeidliche Merkmale des Mentalen sind, liegt es auf der Hand, daß eine Eingliederung der Psychologie in eine einheitliche wissenschaftliche Theorie der Welt unmöglich ist.

      Diese Bemerkungen sind nichts weiter als Erinnerungen daran, warum viele Philosophen — darunter auch ich selbst - überzeugt sind, daß die Psychologie nicht zu einem Teil der Physik oder irgendeiner anderen »Natur«-Wissenschaft gemacht werden kann, solange man annimmt, daß unter anderem die Begriffe des absichtlichen Handelns, des Glaubens, der Wahrnehmung und der affektiven Einstellungen zur Psychologie gehören. ...

    • Jörn schrieb:

      Donald Davidson | "Subjektiv intersubjektiv objektiv" Indeterminismus und Antirealismus | Seite 127 ff.

      Ihr [der Antirealisten] Motto lautet: Wenn man die Trauben nicht (in einer gebilligten Bedeutung des Worts) zu fassen bekommt, sind sie nicht bloß sauer, sondern haben überhaupt nie existiert. Aus Gründen, die ich sogleich darlegen werde, lassen sich manche Formen des Antirealismus besser ausdrücken, indem man auf epistemische Begrenzungen des Wahrheitsbegriffs abhebt. So kann man etwa die Ansicht vertreten, wir sollten, wenn unsere epistemischen Vermögen zur Bestimmung der Wahrheit oder Falschheit eines Satzes mangelhaft sind, festsetzen, daß der Satz gar keinen Wahrheitswert hat, oder von einer eingeschränkten Bedeutung des Wahrheitsbegriffs Gebrauch machen. Das Ergebnis ist das gleiche: Das Reale bzw. das Wahre wird beschnitten, bis es der Größe einer bevorzugten Erkenntnisform entspricht.

      Aus meiner Sicht ist der Realismus keineswegs die Alternative zum Antirealismus. Wir können die eine oder andere Lesart des Antirealismus mit der Begründung ablehnen, daß die für sie angeführten Argumente scheitern, ohne deshalb eine vage Position namens Realismus gutheißen zu müssen. Nach einer verbreiteten Kennzeichnung behauptet der Realismus, es gebe etwas in oder an der Welt, was unsere Äußerungen, Behauptungen oder Gedanken wahr mache, wenn sie wahr seien, einerlei, ob wir über das Vermögen zur Bestimmung ihrer Wahrheit verfügen oder nicht. Die meisten kritischen Einwände gegen diese Formulierung stürzen sich verständlicherweise auf die Schwierigkeit einer genauen Erläuterung dessen, was in diesem Kontext mit »Vermögen« und »bestimmen« gemeint ist.

      Ich glaube aber nicht, daß wir uns so tief auf die Sache einlassen müssen, denn meines Erachtens verstehen wir nicht einmal die vorherige These, wonach es in oder an der Welt etwas gebe, was unsere Gedanken oder Behauptungen wahr mache, wenn sie denn wahr seien. In Wirklichkeit ist es nämlich so, daß noch nie jemand dazu imstande gewesen ist, in nichttrivialer Weise anzugeben, was für ein »Ding« es sei, das einen Satz (oder sonst einen Wahrheitsträger) wahr mache. Manche Sätze, Äußerungen oder Überzeugungen sind wahr, und es gibt eine Vielzahl von Dingen in der Welt, aber es erklärt gar nichts, wenn man sagt, die Wahrheitsträger würden von den Dingen wahr »gemacht«. Das Ergebnis besteht darin, daß die Realisten mit dem Wahrheitsbegriff dastehen, ohne jedoch erklären zu können, inwiefern die Realität darüber Aufschluß gibt. Zugleich wird durch das Scheitern der korrespondenztheoretischen Versuche, dem Wahrheitsbegriff Gehalt zu verleihen, gezeigt, wie nichtssagend es ist, den Realismus durch Bezugnahme auf Übereinstimmung zu kennzeichnen.

      Antirealist (A) sagt: "wir sollten, wenn unsere epistemischen Vermögen zur Bestimmung der Wahrheit oder Falschheit eines Satzes mangelhaft sind, festsetzen, daß der Satz gar keinen Wahrheitswert hat".
      Davidson (D) sagt: "Realisten [stehen] mit dem Wahrheitsbegriff [da], ohne jedoch erklären zu können, inwiefern die Realität darüber Aufschluß gibt".

      Die Sätze A und D weisen meines Erachtens eine beträchtliche Ähnlichkeit auf, da in beiden Fällen angenommen wird, Realität müsse, so sie existiert (als notwendige Bedingung von Realität), hinreichend Aufschluss geben, um den Wahrheitswert von Sätzen anhand dieses Aufschlusses zutreffend entscheiden zu können. (Korollar: Was eine solche Entscheidung zulässt, ist "Realität" als Wirklichkeit.)

      Realist (R) sagt: Ein Erkenntnisproblem entsteht überhaupt erst deswegen, weil Realität nicht hinreichend Aufschluss gibt, um den Wahrheitswert von Sätzen anhand dieses Aufschlusses zutreffend entscheiden zu können.
      "You can fool all the people some of the time and some of the people all the time, but you cannot fool all the people all the time" (Abraham Lincoln). — "Der Mensch ist gut! Da gibt es nichts zu lachen! [...] Der Mensch ist gut. Da kann man gar nichts machen. Er hat das, wie man hört, vom lieben Gott" (Erich Kästner).
    • Ich ärgere mich immer über Joachim Schulte (den Übersetzer) Ich hab stets das Gefühl, er sei ein schlechter Übersetzer. Die Sprache, die er all den Autoren anhängt ist nicht sehr schön. Aber immerhin: es gibt noch schlimmeres Deutsch, wie dein Beitrag zeigt. Man Danke also dem Herrn, dass du nicht der Schulte bist.

      Dieser Beitrag wurde bereits 1 mal editiert, zuletzt von _its_not_me_ ()

    • Watt schrieb:

      Das dürfte ernsthaft kaum in Zweifel gezogen werden können.

      Führe doch ein wenig mehr zu diesem Thema aus.
      "You can fool all the people some of the time and some of the people all the time, but you cannot fool all the people all the time" (Abraham Lincoln). — "Der Mensch ist gut! Da gibt es nichts zu lachen! [...] Der Mensch ist gut. Da kann man gar nichts machen. Er hat das, wie man hört, vom lieben Gott" (Erich Kästner).
    • Jörn schrieb:

      Man Danke also dem Herrn, dass du nicht der Schulte bist.

      So gilt dein artiger Dank einem Herrn,
      von dem man, wie es scheint,
      wohl davidsonisch meint,
      er werde auch hör'n.
      "You can fool all the people some of the time and some of the people all the time, but you cannot fool all the people all the time" (Abraham Lincoln). — "Der Mensch ist gut! Da gibt es nichts zu lachen! [...] Der Mensch ist gut. Da kann man gar nichts machen. Er hat das, wie man hört, vom lieben Gott" (Erich Kästner).