Deutscher Idealismus und analytische Philosophie

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    • Deutscher Idealismus und analytische Philosophie

      Karl Ameriks und Jürgen Stolzenberg, Einleitung - Deutscher Idealismus und die analytische Philosophie der Gegenwart [*]:

      I.

      Lange Zeit schienen Anhänger des deutschen Idealismus wie der analytischen Philosophie einander eher als hartnäckige Gegner denn als hilfreiche Partner zu behandeln. Einige einschlägige Textsammlungen mögen vielleicht noch immer den Eindruck erwecken, als habe die analytische Philosophie des zwanzigsten Jahrhunderts, wie sie vor allem in den Werken von Bertrand Russell, G. E. Moore und den frühen Positivisten ihren Ausdruck findet, einen hundertjährigen Krieg der Philosophen geführt, der von den führenden Protagonisten auf beiden Seiten des Kanals ausgetragen worden ist. Diese weit verbreitete Annahme ist von sorgfältigen Historikern inzwischen erfolgreich widerlegt worden, und der Charakter der Beiträge im vorliegenden Band [**] demonstriert auf höchst lebendige Weise, daß solche Vorstellungen längst der Vergangenheit angehören.
      Diese Entwicklung sollte allerdings nicht überraschen. Denn nicht nur Russell und Moore, sondern auch Frege, Wittgenstein, Carnap, C. I. Lewis, P. F. Strawson, Wilfrid Sellars und andere zentrale Figuren der analytischen Schule erhielten eine philosophische Ausbildung, die durch Fragestellungen der Kantischen Tradition geprägt war. Und, um ein Lieblingswort von Sellars zu zitieren: Wo immer man Kant begegnet, da ist Hegel nicht weit. So bemühen sich spätestens seit dem letzten Viertel des des zwanzigsten Jahrhunderts führende Kenner des deutschen Idealismus, die von ihren analytischen Kollegen aufgebrachten zentralen Fragestellungen zu würdigen und in ihre eigene philosophische Arbeit einzubeziehen. Gleichzeitig haben sie eine sorgfältige Rekonstruktionsarbeit geleistet, die entscheidend dazu beigetragen hat, die Relevanz des deutschen Idealismus unter Beweis zu stellen; dies geschah unter anderem dadurch, daß er von den gröbsten Mißverständnissen befreit wurde, die seine Wirkung beeinträchtigt haben. Darüber hinaus sind in jüngster Zeit vielfältige überraschende substanzielle Konvergenzen unter den Perspektiven der analytischen Philosophie und des deutschen Idealismus hervorgetreten. Unter den Experten beider Traditionen hat sich ein gemeinsames starkes Interesse daran entwickelt, eine Alternative zu den allzu engen Extremen eines traditionellen Empirismus einerseits, einer dogmatischen Metaphysik andererseits ausfindig zu machen. Auf so unterschiedlichen Gebieten wie der Erkenntnistheorie oder der Ethik bemühen sich Philosophen heute darum, [S. 2] sich weder dem 'Mythos des Gegebenen' auszuliefern, noch sich auf eine relativistische Preisgabe systematischer Philosophie insgesamt zurückzuziehen. Dies war natürlich auch eine der Absichten Kants wie der späteren Idealisten Fichte, Schelling und Hegel. Es verwundert daher nicht, daß die Autoren dieses Bandes es als angemessen empfinden, ihre eigenen Argumente zu systematischen Fragen im Gewand einer kritischen Aneignung der Gedanken von Philosophen der idealistischen Epoche zu präsentieren.

      [*]
      In: Karl Ameriks und Jürgen Stolzenberg (Herausgeber), Deutscher Idealismus und die analytische Philosophie der Gegenwart; Internationales Jahrbuch des Deutschen Idealismus, Band 3, 2005; deutsch S. 1-9, englisch S. 10-17

      [**]
      Beiträge:
      - John McDowell, Self-Determining Subjectivity and External Constraint; S. 21
      - Dieter Sturma, Grund und Grenze - Erträge der idealistischen und analytischen Philosophie des Selbstbewußtseins; S. 38
      - Violetta L. Waibel, Emotion und Kognition in der Philosophie der Romantik (Hardenberg/Novalis) und in der Analytischen Philosophie (Damasio, Nussbaum, de Sousa); S. 59
      - Stephen Darwall, Fichte and the Second-Person Standpoint; S. 91
      - Christian Klotz, 'Beschränktheit der Freiheit selbst' - Die Entdeckung der praktischen Identität in Fichtes Wissenschaftslehre nova methodo; S. 114
      - Robert Brandom, Sketch of a Programm for a Critical Reading of Hegel - Comparing Empirical and Logical Concepts; S. 131
      - Thomas Auinger, Praxis und Objektivität - Anmerkungen zu Robert Brandoms postanalytischer Hegel-Interpretation; S. 162
      - Bill Bristow, Bildung and the Critique of Modern Scepticism in McDowell and Hegel; S. 179
      - Lorenz B. Puntel, Hegels Wahrheitskonzeption - Kritische Rekonstruktion und eine 'analytische' Alternative; S. 208
      - Pirmin Stekeler-Weithofer, Mathematical Thinking in Hegel's Science of Logic; S. 243
      - Christoph Halbig, The Philosopher as Polyphemus? - Philosophy and Common Sense in Jacobi and Hegel; S. 261
      "You can fool all the people some of the time and some of the people all the time, but you cannot fool all the people all the time" (Abraham Lincoln). — "Der Mensch ist gut! Da gibt es nichts zu lachen! [...] Der Mensch ist gut. Da kann man gar nichts machen. Er hat das, wie man hört, vom lieben Gott" (Erich Kästner).
    • II.

      Epistemologische Themen stehen im Zentrum des ersten Beitrages dieses Bands, einer Diskussion zum Thema 'Selbstbestimmung Einschränkung' von John McDowell. McDowells Werk hat insgesamt weithin ein großes Interesse auf sich gezogen, und zwar wegen seiner entschiedenen Verteidigung eines im weiten Sinne idealistischen Zugangs zu dem grundlegenden Problem des Verhältnisses von Geist und Welt. Ähnlich wie die Hauptvertreter der früheren analytischen Philosophie wie Wittgenstein, Sellars und Strawson ist es McDowells Interesse, bei der Behandlung dieses Problems der Spontaneität von Subjektivität eine zentrale epistemische Rolle zu sichern, ohne dabei in einen reinen Subjektivismus zurückzufallen. In seinem Beitrag zeigt McDowell, daß eine solche Antwort auch in zentralen Texten von Kant und Hegel zu finden ist, insbesondere mit Blick auf Kants Bemerkung, daß 'dieselbe Funktion' die Einheit der Vorstellungen sowohl hinsichtlich der Anschauungen als auch hinsichtlich des Verstandes bewirkt. Eine Komplikation, die hier entstehen könnte, liegt darin, daß für Kant 'Funktion' und 'Einheit' sich in erster Linie auf Akte der Spontaneität beziehen, so daß ein solches Verfahren die Objektivität unterminieren könnte. Man könnte daher meinen, daß Erkenntnis ohne eine Einschränkung und Begrenzung von außen gar keine Erkenntnis sein kann, sondern nur eine Angelegenheit der Spontaneität des Subjekts ist, das sie Vorstellungen nach eigenem Belieben verbindet. Aus diesem Grund insistiert Kant darauf, daß unsere Erkenntnis Rezeptivität miteinschließt und spezifischen 'Formen der Sinnlichkeit' unterworfen ist. Kritiker könnten allerdings befürchten, daß die Einführung einer solchen Begrenzung am Ende doch die Einführung eines mysteriösen, gänzlich externen und 'schlicht gegebenen' Kriteriums unserer Erkenntnis bedeutet. Um dem entgegenzutreten, argumentiert McDowell dafür, daß die Kantischen Anschauungen, faßt man sie insgesamt als sinnliche, gleichwohl durch Begriffe verbunden, auf, als relevante, aber 'harmlose' Einschränkungen unseres Wissens dienen können. Durch sie können wir auf die Welt gleichsam antworten, ohne den Geist über die Grenzen der Selbstbestimmung hinausgehend einzuschränken. Den bekannten Sellars-Schülern Richard Rorty und Robert Brandom entgegen, behauptet McDowell darüber hinaus, daß [S. 3] eine solche objektivistische Kantische Antwort keinen Rückzug von echt idealistischen Positionen bedeuten oder sich letztlich auf Institutionen einer spezifisch gemeinschaftlichen Praxis berufen müsse.
      "You can fool all the people some of the time and some of the people all the time, but you cannot fool all the people all the time" (Abraham Lincoln). — "Der Mensch ist gut! Da gibt es nichts zu lachen! [...] Der Mensch ist gut. Da kann man gar nichts machen. Er hat das, wie man hört, vom lieben Gott" (Erich Kästner).
    • Das Problem der Selbstbestimmung des Geistes läßt sich auch im Blick auf die klassischen Fragen der Philosophie des Geistes formulieren. Ist der Geist nichts anderes als ein komplexe Zusammenfügung materieller Teile, oder braucht man zu seinem Verständnis irgendein anderes Prinzip, zu dem die idealistische Tradition einen hilfreichen Beitrag geliefert hat? Um dieser Frage näherzukommen, konzentriert sich Dieter Sturma in seinem Beitrag auf das Phänomen des Selbstbewußtseins. Sturma macht darauf aufmerksam, daß die bekanntesten Methoden des Idealismus und der analytischen Philosophie in schärfstem Kontrast zueinander zu stehen scheinen. Seit Kants Zeiten hat man im Phänomen des Selbstbewußtseins einen nicht wegzudenkenden Ausgangspunkt der idealistischen Philosophie gesehen. Die analytische Philosophie dagegen – zumindest war dies über eine lange Zeit der Fall – favorisiert bei der Behandlung philosophischer Fragen einen linguistischen Zugang; dabei wird der direkte Bezug zu privaten Bewußtseinszuständen eher vermieden, und man konzentriert sich statt dessen auf allen Menschen zugängliche Gegenstände der alltäglichen Erfahrung.
      Dies heißt nun aber nicht, daß der Idealismus als bloß spekulativ abgetan werden muß und unfähig wäre, eine positive Beziehung zur analytischen Philosophie herzustellen. Am aussichtsreichsten scheinen diejenigen idealistischen Versuche zu sein, die ihre Behauptungen über das Selbstbewußtsein auf eine Klärung der epistemologischen Eigentümlichkeiten der Selbstreferenz, d. h. der 'unmittelbaren Selbstvertrautheit' der Ich-Perspektive beschränken. Dabei müssen sich derartige Versuche auf keine extravaganten metaphysischen Lehren hinsichtlich eines direkten Zugangs zu transzendenten personalen Wesenheiten festlegen. Daher sieht Sturma in idealistischen Theorien des Geistes wie der Schellingschen eine besondere Relevanz, weil sie die Notwendigkeit betonen, eine Tiefenstruktur im Bewußtsein anzuerkennen, welche in der Alltagserfahrung niemals explizit gegeben ist.
      Ein weiterer zentraler Bereich zeitgenössischer Philosophie des Geistes betrifft die emotionale Seite des Selbst. Während die cartesianische Tradition der neuzeitlichen Philosophie den Gedanken an ein rein rationales theoretisches, auf Objektivität abzielendes Subjekt betonte, haben gegenwärtige analytische Philosophen die Aufmerksamkeit auf die maßgebliche Rolle der Gefühle und Emotionen bei allen kognitiven Prozessen gelenkt. In diesem Zusammenhang diskutiert Violetta Waibel die Philosophie von Friedrich von Hardenberg (Novalis). In einer Sammlung von Notizen unter dem Titel Fichte-Studien (1795/6) entwickelt Hardenberg eine Position, die Einsichten von Kant und Fichte verbindet. Bekanntlich ging Fichte darin über Kant hinaus, daß er die aktiven, schöpferischen Kräfte des Subjektes betonte. Dieser Schritt fand Hardenbergs begeisterte Zustimmung; sie hinderte ihn allerdings nicht an [S. 4] einer Kritik der Fichteschen Position eines absoluten Selbst. Dies wird besonders deutlich bei Erlebnissen von Gefühlen, die einerseits den ursprünglichen Impetus zur Philosophie abgeben, andererseits die Grenzen des diskursiven Denkens aufzeigen. Novalis weist ferner darauf hin, daß Kants Kategorientafel neu organisiert und um Kategorien der Emotionalität erweitert werden können, die geeignet sind, intuitives und entscheidungskompetentes Denken zu erklären. Schließlich konfrontiert Waibel Hardenbergs Theorieansatz mit neueren Arbeiten von von Antonio Damasio, Martha Nussbaum und Ronald de Sousa, in denen ebenfalls die zentrale Bedeutung der emotionalen Kompetenzen für die kognitive Entwicklung betont wird und die aus der Sicht moderner Forschungsergebnisse hermeneutische Ressourcen für das Verstehen von Hardenbergs Überlegungen bieten.
      "You can fool all the people some of the time and some of the people all the time, but you cannot fool all the people all the time" (Abraham Lincoln). — "Der Mensch ist gut! Da gibt es nichts zu lachen! [...] Der Mensch ist gut. Da kann man gar nichts machen. Er hat das, wie man hört, vom lieben Gott" (Erich Kästner).
    • Abrüstung und Zusammenarbeit?

      als hartnäckige Gegner denn als hilfreiche Partner.

      ich bin fast Freude und Eierkuchen darüber, dass bestimmte Aspekte
      des Rorty-Threads dort ausklammern und hier skizzieren kann.

      Festzustellen bleibt, dass es noch versprengte und munter-marodierende
      Einheiten beider Richtungen gibt( Idealismus---analytische Philosophie),
      an die sich die frohe Botschaft noch nicht hat durchkämpfen können.

      Ich bin also jetzt auf der Suche nach Gesten der Friedfertigkeit und immer
      bereit auch das Fremde (und nicht: das Andere) wenn es sich denn zeigt, wahrzunehmen.

      Nach Davidson (s.92) kommt, der verbreiteten Auffassung der Subjektivität
      entsprechend, das Subjektive vor dem Objektiven. Doch sind, seinem soeben
      (a.a.O.) entwickelten Entwurf nach, das Objektive und das Intersubjektive
      wesentlich, ja konstitutiv für den Kontext in dem die Subjektivität Gestalt
      annimt. (hier wird Collingwood zitiert). Wenn dadurch der Eindruck erweckt
      worden wäre, dass er keine Gespür für die Beschaffenheit des Verstands und
      der Vorstellungskraft einzelner Geister und Kulturen hätte, habe das damit
      zu tun dass er grad (a.a.O.) das darstellen wollte, was ihm als das Primäre
      zu sein schien. Das bedeute aber keineswegs, dass er nicht bereit wäre andere
      Einstellungen zu verstehen. Es könnte nämlich sein, dass die anderen Dinge
      wissen, die ihm unbekannt sind oder die er gar nicht wissen kann. Gewiß sei
      es, dass die Klarheit und Leistungsfähigkeit seiner eigenen Begriffe mit der
      Zunahme seines Verstehens anderer wachsen werden. Dem Dialog seien keine
      Grenzen gesetzt. Es besteh also keine Gefahr,dass, in dem wir die objektive
      Welt betrachten, den Kontakt zu uns verlieren würden.

      Und genau das ereignet sich oft, fürchte ich, wenn etwa ein Nach-Nietzscheaner
      aufgespürt wird.
      Ein Leben beginnt gewöhnlich mit der Geburt---meins nicht.
      Zumindest weiß ich nicht, wie ich ins Leben gekommen bin.

      (W.Moers: Die 13 1/2 Leben des Käpt'n Blaubär, Kapitel 1.: Mein Leben als Zwergpirat, 1. Satz)

      Dieser Beitrag wurde bereits 1 mal editiert, zuletzt von byLaszlo ()

    • byLaszlo schrieb:

      Festzustellen bleibt, dass es noch versprengte und munter-marodierende Einheiten beider Richtungen gibt (Idealismus---analytische Philosophie), an die sich die frohe Botschaft noch nicht hat durchkämpfen können.

      Man kann durchaus auf die Idee kommen, die "frohe Botschaft", die das Jahrbuch des deutschen Idealismus verbreitet, sei eher Wunschdenken, um die Position des deutschen Idealismus, die ein wenig in den Schatten getreten ist, anhand einer vorgeblichen Nähe zu einer allseits respektierten Position wie der analytischen Philosophie in hübschem Glanz erstrahlen zu lassen. Umso interessanter ist deswegen, dass Autoren wie John McDowell, Robert Brandom und Dieter Sturma in diesem Jahrbuch des deutschen Idealismus veröffentlicht haben mit dem Wissen um einen solchen abglanz-generierenden Effekt, sollte die "frohe Botschaft" bloß propagandistisch verlautbart worden sein.
      "You can fool all the people some of the time and some of the people all the time, but you cannot fool all the people all the time" (Abraham Lincoln). — "Der Mensch ist gut! Da gibt es nichts zu lachen! [...] Der Mensch ist gut. Da kann man gar nichts machen. Er hat das, wie man hört, vom lieben Gott" (Erich Kästner).
    • byLaszlo schrieb:

      Nach Davidson (s.92) kommt, der verbreiteten Auffassung der Subjektivität entsprechend, das Subjektive vor dem Objektiven. Doch sind, seinem soeben (a.a.O.) entwickelten Entwurf nach, das Objektive und das Intersubjektive wesentlich, ja konstitutiv für den Kontext in dem die Subjektivität Gestalt annimt. (hier wird Collingwood zitiert).

      Dass Davidson sich auf Collingwood bezieht, halte ich für bezeichnend, denn Collingwood ist Idealist. Es gibt eine Nähe zwischen beiden, die ich nicht für eine zufällige Laune halte, sondern für eine Folge konzeptioneller Übereinstimmungen. (Diese Übereinstimmungen haben meines Erachtens mit Wittgenstein zu tun, der den englischen und amerikanischen Pragmatismus idealismus-kompatibel gemacht hat.)

      Zu Collingwood und zum zeitgenössischen philosophischen Umfeld schreibt Peter Hoeres in "Krieg der Philosophen - Die deutsche und britische Philosophie im Ersten Weltkrieg", 2004, S. 75-76:
      Neben der beginnenden Logistik [...] fand auch auch der Pragmatismus Anhänger in Großbritannien, der polemisch gegen alle 'Absolutisten' zu Felde zog. So etwa Henry Sturt, der 1906 eine antiidealistische Kampfschrift mit dem bezeichnenden Baconschen Titel Idola Theatri verfaßte. Vier Jahre zuvor hatte er den Sammelband Personal Idealism herausgegeben, der am Beginn des englischen Pragmatismus steht. Mit der Ableitung einer reinen Vernunft verweisen die Pragmatisten auf den aktiven Charakter des Denkens, das keine absolute Wahrheit, sondern einen Prozeß hervorbringt, der durch Nützlichkeit und Anerkennung, also Erfolg verifiziert wird. So ist beim führenden pragmatischen Kopf des englischen Pragmatismus, Ferdinand Canning Scott Schiller (1864-1937), die Welt von uns voluntaristisch geformt. Wenn man von dieser menschlichen Erkenntnis absieht, bleibt die reine Potentialität zurück, die der scholastischen Materia prima gleicht. [...]
      Besonders durch den Neurealismus geriet die philosophische Logik und Erkenntnistheorie des Idealismus seit der Jahrhundertwende ins Wanken. Annäherungsversuche an die Neurealisten wurden von diesen ignoriert. [...] Zudem war der Idealismus die Philosophie der Feinde. [...]
      Mit dem Ende des Ersten Weltkrieges war der britische Idealismus aber nicht gänzlich am Ende. Gerade jetzt schien Bosanquet die Frage nach dem gemeinschaftlichen Zusammenleben aktuell. Und sowohl inhaltlich als auch personell zeigte der Idealismus auch in den 20er Jahren noch Präsenz. John Alexander Smith (1863-1939) und Robert George Collingwood (1889-1943) gingen den umgekehrten Weg wie Russell und Moore. Nach anfänglichen realistischen Tendenzen wurde Smith unter dem Einfluß Croces, der auch auf den späteren Bosanquet wirkte, zum 'postwar defender of idealism at Oxford'. Collingwood blieb bis 1917 der realistischen Erkenntnistheorie lose verpflichtet, nach dem Krieg bezeichnete er sich jedoch selbst als Idealisten, der die realistische Doktrin Cook Wilsons 'knowing makes no difference to what is known', ein in Mind und den Proceedings of the Aristotelian Society viel diskutiertes Thema dieser Jahre, zugunsten eines idealistischen 'esse est percipi' ablehnte. Collingwood schrieb mit Speculum Mentis (1924) das Hauptwerk des Nachkriegsidealismus.
      "You can fool all the people some of the time and some of the people all the time, but you cannot fool all the people all the time" (Abraham Lincoln). — "Der Mensch ist gut! Da gibt es nichts zu lachen! [...] Der Mensch ist gut. Da kann man gar nichts machen. Er hat das, wie man hört, vom lieben Gott" (Erich Kästner).

      Dieser Beitrag wurde bereits 5 mal editiert, zuletzt von Fliege ()

    • Peter Hoeres: Mit der Ableitung einer reinen Vernunft verweisen die Pragmatisten auf den aktiven Charakter des Denkens, das keine absolute Wahrheit, sondern einen Prozeß hervorbringt, der durch Nützlichkeit und Anerkennung, also Erfolg verifiziert wird. So ist beim führenden pragmatischen Kopf des englischen Pragmatismus, Ferdinand Canning Scott Schiller (1864-1937), die Welt von uns voluntaristisch geformt. Wenn man von dieser menschlichen Erkenntnis absieht, bleibt die reine Potentialität zurück, die der scholastischen Materia prima gleicht. [...]
      Materia prima: Im Rahmen der Metaphysik versteht man unter der materia prima die reine Potenz, d.h. ein kategorial völlig unbestimmtes Seiendes.
      Das ist sicher richtig. Trotzdem bleibt die Frage ausgeklammert, worin denn das Sein dieses Seienden besteht, bzw. dass es der konstruierenden Möglichkeit der Bestimmung Raum bietet, ohne dabei selbst in den Blick genommen werden zu können. Denn die Möglichkeit, dass die Welt eine von uns voluntaristisch geformte ist, ist uns gegeben. Fragt sich nur, von oder durch was...
    • Nach Davidson (s.92) kommt, der verbreiteten Auffassung der Subjektivität entsprechend, das Subjektive vor dem Objektiven. Doch sind, seinem soeben (a.a.O.) entwickelten Entwurf nach, das Objektive und das Intersubjektive wesentlich, ja konstitutiv für den Kontext, in dem die Subjektivität Gestalt annimmt.
      Sofern man durch das Vorhandensein von Anderen darauf aufmerksam wird, dass man Individuum ist in dem ungeteilten Sinne, dass emergent dort unten keine Anderen sein können, so bleibt beides reziproke Wahrheit, ohne dass da ein Primäres festgemacht werden könnte: Zwar ist da ein Individduum, das von sich aber noch nichts weiß; und zwar sind da viele Individuen beisammen, die sich erst durch ihr Zusammensein im Laufe evolutiver Zeit aufeinander aufmerksam machen, trotzdem bleibt beides aufeinander verweisender Aufgang des Bewusstseins, ähnlich wohl dem der Sonne, die dabei ihr Wörtchen mitzureden hatte.
    • Watt schrieb:

      Nach Davidson (s.92) kommt, der verbreiteten Auffassung der Subjektivität entsprechend, das Subjektive vor dem Objektiven.

      Der Satz ist irgendwie missverständlich formuliert. Die Idee, dass man einen Erkenntnisgrund à la Descartes etwa ins Subjekt und seine Selbstevidenz legt, lehnt Davidson ja gerade ab. Ich vermute Laszlo hat das so auch gemeint - man kann es aber auch anders lesen.
    • berichtigend

      ich habe es verkürzt, weil ich auf diese Prioritätsgezerre
      kommen wollte. Die Stelle heisst:

      "Auf der philosophischen Auffassung der Subjektivität lasten eine Geschichte und eine Menge von Voraussetzungen hinsichtlich des Wesenes des Geistes und der gemeinten Bedeutung, die die Bedeutung
      einer Äusserung oder Inhalt eines Gedankens von Fragen bezüglich der äusseren Realität abtrennen und so eine logische Kluft schaffen zwischen "meiner" Welt und der Welt, wie sie anderen erscheint. Nach dieser verbreiteten Verfassung gilt, dass das Subjektive vor dem Objektiven kommt, dass es eine subjektive Welt gibt, die der Erkenntnis der äusseren Realität vorgeordnet ist. Es leuchtet ein, dass das hier von mir skizzierte Bild des Denkens und der gemeinten Bedeutung für eine solche Vorrangstellung keinen Platz hat". in Dialektik und Dialog, der Aufsatz, Subjektiv, Intersubjektiv, Objektiv. s. 92.
      Ein Leben beginnt gewöhnlich mit der Geburt---meins nicht.
      Zumindest weiß ich nicht, wie ich ins Leben gekommen bin.

      (W.Moers: Die 13 1/2 Leben des Käpt'n Blaubär, Kapitel 1.: Mein Leben als Zwergpirat, 1. Satz)
    • Davidson: "Nach dieser verbreiteten Verfassung gilt, dass das Subjektive vor dem
      Objektiven kommt, dass es eine subjektive Welt gibt, die der Erkenntnis
      der äusseren Realität vorgeordnet ist. Es leuchtet ein, dass das hier
      von mir skizzierte Bild des Denkens und der gemeinten Bedeutung für eine
      solche Vorrangstellung keinen Platz hat."
      Na dann. Allerdings beantwortet das meine Frage natürlich nicht. Macht aber nichts.
    • Watt schrieb:

      Allerdings beantwortet das meine Frage natürlich nicht.

      Die folgende?:

      Watt schrieb:

      Das ist sicher richtig. Trotzdem bleibt die Frage ausgeklammert, worin denn das Sein dieses Seienden besteht, bzw. dass es der konstruierenden Möglichkeit der Bestimmung Raum bietet, ohne dabei selbst in den Blick genommen werden zu können. Denn die Möglichkeit, dass die Welt eine von uns voluntaristisch geformte ist, ist uns gegeben. Fragt sich nur, von oder durch was...

      Das verstehe ich leider alles nicht.
    • Jörn: Das verstehe ich leider alles nicht.

      Watt: Denn die Möglichkeit, dass die Welt eine von uns voluntaristisch geformte ist, ist uns gegeben. Fragt sich nur, von oder durch was...

      Zur Erläuterung der Frage ein altbekanntes Schopenhauer-Zitat:

      "Soweit wir auch die Fackel der Erkenntnis tragen, immer wird ewige Dunkelheit um uns herrschen."
    • Watt schrieb:

      Watt: Denn die Möglichkeit, dass die Welt eine von uns voluntaristisch geformte ist, ist uns gegeben. Fragt sich nur, von oder durch was...

      Die Möglichkeit ist uns gegeben ... kann ich das übersetzen mit: es ist möglich?
      Dann ergäbe sich: Es ist möglich, dass wir die Welt so geformt haben, wir wir es wollen. (Hmmm: Ja, manches in der Welt haben wir geformt, anderes nicht.) Doch die Frage, die du dann stellst, kann ich vermutlich nicht einordnen. Meinst du das hier?: Wieso ist es möglich? Die Antwort wäre dann, weil wir in der Welt handelnd unterwegs sind, hier mal einen Baum abhacken, dort eine Straße bauen, etc.

      Aber ich denke, du meinst mit Welt etwas anderes. Kannst du erklären was?

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    • byLaszlo zitiert Davidson (S. 92) schrieb:

      "Auf der philosophischen Auffassung der Subjektivität lasten eine Geschichte und eine Menge von Voraussetzungen hinsichtlich des Wesenes des Geistes und der gemeinten Bedeutung, die die Bedeutung einer Äusserung oder Inhalt eines Gedankens von Fragen bezüglich der äusseren Realität abtrennen und so eine logische Kluft schaffen zwischen "meiner" Welt und der Welt, wie sie anderen erscheint. Nach dieser verbreiteten Verfassung gilt, dass das Subjektive vor dem Objektiven kommt, dass es eine subjektive Welt gibt, die der Erkenntnis der äusseren Realität vorgeordnet ist. Es leuchtet ein, dass das hier von mir skizzierte Bild des Denkens und der gemeinten Bedeutung für eine solche Vorrangstellung keinen Platz hat."

      Eine Bemerkung von Johannes Giesinger wirft Licht auf diese Passage (Das Triangulations-Modell von Erziehung und Unterricht, 2008, S. 10, PDF-S. 11, Fußnote 7):
      Wenn Davidson von Objektivität spricht, so bedeutet dies nicht, dass er der Auffassung ist, in Triangulations-Beziehungen würde die Welt durch Sprache objektiv (d.h. so, wie sie wirklich ist) abgebildet. Er sieht Triangulation als Voraussetzung dafür, die Welt als objektiv (d.h. unabhängig von der subjektiven Perspektive) wahrzunehmen und Überzeugungen darüber auszubilden.
      "You can fool all the people some of the time and some of the people all the time, but you cannot fool all the people all the time" (Abraham Lincoln). — "Der Mensch ist gut! Da gibt es nichts zu lachen! [...] Der Mensch ist gut. Da kann man gar nichts machen. Er hat das, wie man hört, vom lieben Gott" (Erich Kästner).

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    • Wenn Davidson von Objektivität spricht, so bedeutet dies nicht, dass er der Auffassung ist, in Triangulations-Beziehungen würde die Welt durch Sprache objektiv (d.h. so, wie sie wirklich ist) abgebildet.

      Bist du denn der Ansicht, dass Sätze die Welt abbilden bzw. wie man häufig auch sagt: repräsentieren.
    • Jörn schrieb:

      Bist du denn der Ansicht, dass Sätze die Welt abbilden bzw. wie man häufig auch sagt: repräsentieren.

      Wird Repräsentation mit einem Völligkeitsgrad versehen, so dass Völligkeiten zwischen 0 (unzutreffend) und 100 Prozent (zutreffend) möglich sind, dann lautet meine Antwort: ja.
      Völligkeitsgrade dürften mehrdimensional sein, wobei neben dem Grad des Zutreffens einer Darstellung auch deren Grad der Detailtiefe in Betracht kommt.
      "You can fool all the people some of the time and some of the people all the time, but you cannot fool all the people all the time" (Abraham Lincoln). — "Der Mensch ist gut! Da gibt es nichts zu lachen! [...] Der Mensch ist gut. Da kann man gar nichts machen. Er hat das, wie man hört, vom lieben Gott" (Erich Kästner).

      Dieser Beitrag wurde bereits 1 mal editiert, zuletzt von Fliege ()

    • Völligkeitsgrad kenn ich nicht. Was soll das sein? Gibt's da ein verständliches Wort für?

      Unsere Sätze bilden - deiner Ansicht nach - die Welt also ab. So wie sie ist. (Zumindest manchmal) Wie machen sie das? Wie würdest du diese Position bezeichnen? Klingt nach (naivem?) Realismus.

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