Kopfnoten

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    • Auch von einer anderen Warte als der Schülerperspektive ist das mit den Kopfnoten problematisch:

      Wenn ein Schüler sich in einem Fach sprichwörtlich fast den Arm ausreißt, dann wird er ohnehin schon mit einer besseren Note als es eine bloße, kalte Prüfungsnote vielleicht aussagen würde, versehen. Besonderes Engagement schlägt sich also auch so schon nieder, ganz ohne Kopfnote. Jetzt kommt also eine Art Doppelbewertung ins Spiel. Man fragt sich, warum dann nur gewisse Charakteristika benotet werden, andere aber nicht, insbesondere da die Quantifizierung von "Konfliktverhalten" oder "Engagement" ebenso unmöglich ist, wie die Quantifizierung von hypothetisch genau so gut benotbaren Qualitäten wie "Intuitivität" oder meinetwegen sogar "Pfiffigkeit".

      Das nach wie vor schwerwiegendste Argument gegen Kopfnoten ist aber wohl der ideologische Unterton, den das ganze Projekt hat. Sperrige Persönlichkeiten, kritische Geister und ganz allgemein Nonkonformisten sollen so normiert oder, falls das misslingt, ausgesiebt werden. Das ist ein fataler Schritt hin zum stromlinienförmigen Einheitsmenschen, der dann reibungsfrei in den Wirtschaftskreislauf eingespeist werden kann.
      "For it is a knell, that summons thee to Heaven - or to Hell!" W. Shakespeare, MacBeth
    • Das lustige ist ja noch, dass diejenigen die da zumindest ansatzweise was reißen könnten z.B. Schülervertretung sagt: Ne einach zu sagen, wir wollen das nicht geht nicht. Das heißt sie suchen nur nach Möglichkeiten diese gerechter zu gestalten, was schwer wenn nicht gar unmöglich ist. Ganz davon abgesehen werden sie nie gerecht sein. Aber einfach ein Schreiben zu verfassen mit allen Negativaspekten ist natürlich Quatsch....
      Was tun?
    • Zur Erklärung:

      Von der vierten Klasse bis zum Abiturzeugnis müssen die Klassenlehrer auf einer Skala von eins bis vier nun Sozialnoten vergeben. Die dabei zu bewertenden Bereiche sind Leistungsbereitschaft, Zuverlässigkeit und Sorgfalt, Selbstständigkeit, Verantwortungsbereitschaft, Konfliktverhalten und Kooperationsfähigkeit. Diese Maßnahme erscheint zuerst einmal auch nicht falsch, denn die Schule hat sich verändert. Lehrer stehen immer mehr vor der Aufgabe, nicht nur Wissen, sondern auch soziale Werte zu vermitteln.

      Soziales Verhalten wird wieder wichtig. Die Lehrer werden durch die Notenvergabe gezwungen, sich intensiver mit ihren Schülern auseinanderzusetzen, auch mit deren sozialem Umfeld. Zudem können Schüler wie Eltern anhand der Noten die Entwicklung ihrer Kinder nachverfolgen. Kinder lernen dadurch, dass Sozialverhalten wichtig für ihre Persönlichkeit ist und ein positives Verhalten mit guten Noten belohnt wird.

      Kopfnoten sollen also in erster Linie motivieren. Wer mitarbeitet, anderen Schülern hilft, stets seine Hausaufgaben erledigt und sich neben der Schule ehrenamtlich engagiert, soll dafür mit einer guten Note im Zeugnis belohnt werden.

      Auch die Wirtschaftsverbände in Nordrhein-Westfalen begrüßen deshalb die Einführung der Benimm-Noten. Sie bekommen die Möglichkeit, Bewerber für Lehrstellen auch anhand von Teamfähigkeit und Verantwortungsbewusstsein zu vergleichen und auszuwählen.

      Nur: Nach welchen Kriterien sollen Lehrer diese Kopfnoten verteilen? Jeder Lehrer muss seine Schüler beurteilen, der Klassenlehrer schlägt dann eine Endzensur für das Zeugnis vor. Das Schulministerium in Nordrhein-Westfalen hat dazu einen Katalog mit Empfehlungen herausgegeben. Darin wird beispielsweise geraten, die Kooperationsfähigkeit eines Schülers dadurch zu bewerten, ob Leistungen anderer anerkannt und „Höflichkeitsformen situationsangemessen“ beachtet werden.

      Jedoch können Schüler im Unterricht zwar gut mitarbeiten, ihre Klassenkameraden auf dem Schulhof aber mobben und verprügeln, ohne das es dem Lehrpersonal auffällt. Das Opfer spricht aus Scham und Angst oft nicht über das, was ihm in der Pause wiederfahren ist, während der Täter sich seinen Lehrern gegenüber vorbildlich verhält und mit guten Kopfnoten rechnen kann.

      „Schleimnoten“ nennen Schüler deshalb die Zensuren für Anstand und Benehmen und laufen Sturm gegen ihre Einführung. Sie haben Angst davor, dass sich Schüler im Unterricht vielleicht nicht mehr kritisch äußern, weil sie fürchten, mit einer schlechten Verhaltensnote abgestraft zu werden, heißt es in einer Mitteilung der Landesschülervertretung.

      Rückendeckung bekommen die Schüler von der Lehrervertretung. „Kopfnoten sind pädagogischer Unfug“, kritisiert Berthold Paschert von der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) in Nordrhein-Westfalen die Verhaltensnoten. Auf eine Benotung von Fleiß und Benehmen seien die Pädagogen nicht genügend vorbereitet. Zudem erfordern die Benimm-Noten zusätzliche Mehrarbeit. Laut GEW hat die Gesamtschule Köln Hohlweide ausgerechnet, dass die Lehrer der 1800 Schüler zählenden Schule 22 Tage am Stück mehr arbeiten müssten, wenn sie pro Note drei Minuten Zeit hätten.

      Dabei sind Kopfnoten eigentlich nichts Neues: Doch sie verschwanden in den 70er Jahren fast überall in der Bundesrepublik aus den Zeugnissen. Sie passten nicht zur bildungspolitischen Stimmung und galten als Disziplinierungsmaßnahme. Lediglich schriftliche Bemerkungen werden in einigen Bundesländern noch in die Zeugnisse eingetragen.

      Die Einführung von Kopfnoten in Nordrhein-Westfalen ist die Konsequenz eines immer straffer geführten, auf Leistung ausgerichteten Schulsystems. Denn Disziplin und Fleiß in der Schule werden gerade von konservativen Politikern und Pädagogen schon länger wieder betont. „Wir müssen dem gestiegenen Wert von Tugenden wie Leistungsbereistschaft und Teamfähigkeit Rechnung tragen“, sagt der Andrej Priboscheck, Pressesprecher des Schulministeriums in Nordrhein–Westfalen.

      Doch Teamfähigkeit, Kooperationsbereitschaft und Verantwortungsbereitschaft lassen sich nicht mit Hilfe von Notendruck erreichen. Sicher kann es durchaus ein Anreiz sein, eine schlechte Fachnote durch eine gute Betragennote auszugleichen. Wenn ein Schüler, gerade in der Pubertät, ohnehin keinen Wert auf gute Noten legt, werden ihn Kopfnoten jedoch nicht motivieren, seine Einstellung zu ändern. Auch die Aussicht, einen Ausbildungsplatz nur mit sehr guten Sozialleistungen zu bekommen, schafft zusätzlichen Druck.

      Soziales Verhalten zu erlernen ist jedoch ein Prozess, der viel Aufmerksamkeit und Zeit erfordert. Lob und Kritik sollten deshalb besser in der direkten Situation geäußert werden und nicht erst ein halbes Jahr später auf einem Zeugnis stehen.

      [QUELLE]
      Gustav

      ~Nur wer die Kälte kennt, weiß die Wärme zu schätzen~
    • Also in Baden-Württemberg gab es Kopfnoten schon immer (zumindest in meiner Schulzeit und zur Schulzeit meiner Brüder).

      Erfahrungsgemäß hatte wirklich JEDER in Mitarbeit und Verhalten eine 2. Für eine 3 musste man schon ziemlich hart arbeiten (das heißt regelmäßig schwänzen oder möglichst viel Schuleigentum mutwillig kaputtmachen). Eine 1 bekam nur wer Schülersprecher war oder sich sonst irgendwie außergewöhnlich engagierte. Interessiert hat sich für diese Note absolut niemand, deswegen halte ich ihre Einführung in anderen Bundesländern für überflüssig, zumal eine Ziffer von 1 bis 4 kaum den Charakter eines Schülers beschreiben können.
      Beim Brand der einzigen Bibliothek auf Melmac sind beide Bücher verbrannt. Und eines davon war noch nicht einmal fertig ausgemalt.

      ALF
    • Original von Schimmermatt
      Auch von einer anderen Warte als der Schülerperspektive ist das mit den Kopfnoten problematisch:

      Wenn ein Schüler sich in einem Fach sprichwörtlich fast den Arm ausreißt, dann wird er ohnehin schon mit einer besseren Note als es eine bloße, kalte Prüfungsnote vielleicht aussagen würde, versehen. Besonderes Engagement schlägt sich also auch so schon nieder, ganz ohne Kopfnote. Jetzt kommt also eine Art Doppelbewertung ins Spiel. Man fragt sich, warum dann nur gewisse Charakteristika benotet werden, andere aber nicht, insbesondere da die Quantifizierung von "Konfliktverhalten" oder "Engagement" ebenso unmöglich ist, wie die Quantifizierung von hypothetisch genau so gut benotbaren Qualitäten wie "Intuitivität" oder meinetwegen sogar "Pfiffigkeit".

      Das nach wie vor schwerwiegendste Argument gegen Kopfnoten ist aber wohl der ideologische Unterton, den das ganze Projekt hat. Sperrige Persönlichkeiten, kritische Geister und ganz allgemein Nonkonformisten sollen so normiert oder, falls das misslingt, ausgesiebt werden. Das ist ein fataler Schritt hin zum stromlinienförmigen Einheitsmenschen, der dann reibungsfrei in den Wirtschaftskreislauf eingespeist werden kann.



      Super Beitrag, spiegelt genau meine Konflikte als Schüler wieder.
      Die Lehrer konnten mich nicht wirklich bewerten, denn ich wollte ihnen nur den kleinen Finger reichen - mit dem Endergebnis, dass sie mir ein Abi bescherten, dass bis auf die x-te Kommastelle der Kreiszahl Pi entsprach... dabei war ich der undurchschnittlichste Durchschnitt...^^
      Taufrisch waren deine berauschenden Waldesaugen,
      von Wildheit versüßt (...)

      Sie, die er kennt;
      sie, die sich erkannten -


      dantesdatscha.npage.de/


    • Auch die Wirtschaftsverbände in Nordrhein-Westfalen begrüßen deshalb die Einführung der Benimm-Noten.


      Benimm-Noten für´s gute Benehmen und für die Bereitschaft zur Verantwortung wollen die Wirtschaftsverbände jetzt auch bei der künftigen Wahl zum "Manager des Jahres" einführen. Ob das stimmt? :LtD:

      The post was edited 1 time, last by Nauplios ().

    • Das waren also die Kopfnoten. Also hart dafür "gearbeitet" habe ich nicht, aber in Mitarbeit hatte ichs Mal auf "unbefriedigend" gebracht.

      Original von rob
      Erfahrungsgemäß hatte wirklich JEDER in Mitarbeit und Verhalten eine 2. Für eine 3 musste man schon ziemlich hart arbeiten (das heißt regelmäßig schwänzen oder möglichst viel Schuleigentum mutwillig kaputtmachen)
      Die Hälfte der Menschheit ist immer unglücklich,
      weil sie das nicht bekommen kann,
      womit die andere Hälfte unglücklich ist.
    • Ich find, dass Kopfnoten eigentlich ne ganz gute Sache sind. Mich hats mit vier Einsern und zwei Zweiern auch ganz gut getroffen, aber wer da schlecht abschneidet hat natürlich auch später bei Bewerbungen ein Problem. Bei uns an der Schule kommt das aber denk ich eh nicht vor, da man denke ich oft Schema F verwendet und sechs mal "gut" einfach abstempelt....
      Toleranz ist das unbehagliche Gefühl, der Andere könnte am Ende vielleicht doch recht haben.
    • Erfahrungsgemäß hatte wirklich JEDER in Mitarbeit und Verhalten eine 2. Für eine 3 musste man schon ziemlich hart arbeiten (das heißt regelmäßig schwänzen oder möglichst viel Schuleigentum mutwillig kaputtmachen)



      Bei uns kriegt man schon ne 4 eingetragen wenn man Ein Formular nicht rechtzeitig mit hat(also erst die 1 dann die 2 usw) und wenn man das nicht nach der 4 nicht mit hat, dann kriegt man einen Brief nach Hause.
      Darf der Lehrer das?
      The Master Punk...

      Das leben geht weiter