Verschiedene Arten von Subjektivität nach de Sousa

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  • Spazieren gehen

    Du gehst im Park spazieren und schaust in den Himmel: es ist ein klarer, kalter Tag. Der Himmel ist hellblau und wunderschön. Nur ein paar Wolken sind zu sehen. Diese dort sieht ein wenig aus wie der Denker von Rodin. Ein Skulptur, die du nicht mehr magst seit der blöde Schmidt dir eine „mangelhaft“ verpasst hat für deinen (wirklich coolen) Aufsatz darüber. Unglaublich. Das ist nun Jahrzehnte her und du echauffierst dich trotzdem noch jedes Mal, wenn du daran denkst. Du wischst diesen Gedanken fort (bitte nicht an diesem Tag über Schmidt nachdenken – was für ein Arsch!) und folgst weiter deinen Schritten, die dich durch den Park führen … doch der Gedanke ist hartnäckig und kehrt in anderer Form zurück. Du fragst dich: „Mag ich Rodin (denn ich mag ich seine Zeichnungen wirklich sehr) weil sie schön sind. Oder sind sie schön, weil ich sie mag?“

    Während du diesen Gedanken hin und her wälzt – wer weiß wie lange – und der Park gleichsam um dich herum „verschwindet“, meldet sich die Realität plötzlich mit Wucht zurück: ein kläffender Köter schreckt dich aus ebenjenen Gedanken und du zitterst am ganzen Körper, obwohl du mittlerweile schon erkannt hast, dass es sich um einen ganz ungefährlichen kleinen Pinscher handelt, der an seiner Leine hoch und runter springt, als wolle er dich zerfleischen, wenn man ihn nur ließe. (was glaubt der eigentlich?) Während dir noch der Schreck in den Gliedern sitzt (obwohl die Angst vor dem Hund für die Katz war) fällt dir ein ungewöhnlich schöner junger Mann auf, der deine ganze Aufmerksamkeit auf sich zieht. So eine Schönheit denkst du leise und auch ein wenig traurig vor dich hin …

    Eine kurze Episode, die ähnlich sicher jeder schon mal erlebt hat. Alles ganz subjektiv. Aber muss man all das, was da erlebt wurde, in einen einzigen Subjektivitätstopf werfen? Oder kann man hier differenzieren? Ist die Bläue des Himmels in derselben Weise subjektiv, wie deine Abneigung gegen Schmidt? Die Angst vor dem Hund, die für einen kurzen Moment den ganzen Körper ergreift – ist sie genau so subjektiv wie deine Vorliebe für Rodins Zeichnungen und ihre Leichtigkeit – ist sie genau so subjektiv wie deine Abneigung für Rodins Denker, die an „idiosynkratrischen“ (oder vielleicht besser privaten?) Umständen hängt (der blöde Schmidt) und im Grunde nichts mit der Skulptur selbst zu tun hat? Dass du in der Wolke diese Skulptur wieder erkannt hast, das ist subjektiv. Dass du dem schönen jungen Mann einen traurig sehnsuchtsvollen Blick hinter her geworfen hast auch. Aber ist es dadurch einfach dasselbe? Einfach nur subjektiv? Du gehst im Park spazieren – du bist es, der spazieren geht; irgendwie ist die Welt um dich herum und du bist in ihr zentriert. Auch das ist subjektiv. In derselben Weise subjektiv wie die langsam abklingende Angst vor dem Hund? Und genau so subjektiv, wie ein Zeitempfindung subjektiv sein kann?

    All das ist irgendwie subjektiv. Aber ist es auch „bloß“ subjektiv? Ist das alles in der selben Hinsicht oder in der selben Art und Weise subjektiv? Ist dabei alles, weil es subjektiv ist, zugleich nicht objektiv? Wie lässt sich das alles besser differenzieren? Oder gehört es alles in denselben Topf? Ein Topf dessen Deckel das Etikett "subjektiv" hat?

    Die Rationalität des Gefühls

    Ronny de Sousa unterscheidet in „Die Rationalität des Gefühls“ (S. 242 ff.) fünf Spielarten der Subjektivität, wobei er selbst nicht mal sicher ist, ob er nicht vielleicht besser daran täte, nur bis vier zu zählen, so dass er Nr. 5 nur kurz erwähnt:
    1. Phänomenologie
    2. Projektion
    3. Relativität
    4. Perspektive
    5. (Täterschaft, agency)
    Phänomenologie

    Das Wörtchen Phänomenalität fände ich genauer – aber vielleicht gibt es das Wort gar nicht, wenigstens klingt es nicht so gut, bleiben wir also bei Phänomenologie. Hier genügt vielleicht schon das Stichwort „Qualia“. (Vielleicht genügt es auch nicht - es hat schließlich nicht für jeden Philosophen einen guten Klang.) Im obigen Beispiel wäre es die Bläue (allerdings nicht das Blau) des Himmels. Eine Quale – eben die Bläue – gibt es nur, wenn es auch Subjekte gibt. Und so gesehen ist sie subjektiv. Aber in einem anderen Sinne ist es natürlich nicht bloß subjektiv, dass der Himmel (zumindest manchmal) blau ist.

    Projektion

    In einer Fußnote grenzt de Sousa seinen Begriff von dem gängigeren der Psychoanalyse ab: »Projektion« hat in der Psychoanalyse eine besondere Bedeutung. Dort bezieht sich dieser Begriff darauf, dass ich eigene Eigenschaften — gewöhnlich solche, die ich verachte — unbewusst jemand anderem zuschreibe. Der Sinn, in welchem ich-dieses Wort verwende, ist umfassender. (Man denke an die Projektion eines Films auf eine Leinwand.) Doch etwas von dem, was zum psychoanalytischen Sinn gehört, möchte ich beibehalten: Für die Projektion in meinem Sinne ist wesentlich, dass der Inhalt dessen, was ich projiziere, gänzlich von mir selbst kommt und dass ich völlig überzeugt bin, dass es sich um einen objektiven Teil der Welt handelt, die ich wahrnehme.

    Ich bin mir nicht ganz sicher, ob Projektion in diesem Sinne in meinem Spaziergangs-Beispiel vorkommt. Ein Kandidat wäre vielleicht die Wolke, die wie „der Denker“ erscheint. Aber so richtig passt das nicht, da die Ähnlichkeit ja durchaus „objektiv“ bestehen kann – in welchem Sinne von „objektiv“ auch immer. Wenn unserer Spaziergänger eine Wolke halluzinieren würde, dann hätten wir wohl eine perfekte Projektion. Und in der Tat nimmt de Sousa im späteren Text darauf Bezug.

    Relativität

    Relativität heißt hier bei de Sousa wohl so viel wie Beziehung. „Relativität ist die Ansicht, dass die Eigenschaften, die den Objekten zugeschrieben werden, in Wirklichkeit aus den Beziehungen zwischen dem Objekt und dem Beobachter hervorgehen.“ Es gibt im obigen Text zwei Kandidaten für Relativität: Der Himmel ist blau. Der Himmel ist schön. Man spricht hier – bekanntermaßen – manchmal auch von sekundären Eigenschaften, bzw. (in Bezug auf „schön“) sogar von tertiären Eigenschaften. Flapsig gesagt, wäre „schön“ dann noch etwas „subjektiver“ als „blau“. Warum gehört „blau“ nicht zur Phänomenologie? Und warum nicht zur Projektion? De Sousa diskutiert das nicht, also stricke ich mir selbst eine Antwort: Wie ein jeder weiß, sind Zombies nicht etwa lebende Tote, sondern Kunstfiguren der Philosophie des Geistes. Sie sind wie wir – sehen also nicht wie jene Filmzombies aus – und unterscheiden sich von uns nur darin, dass sie kein „Wie es ist“ und kein „Wie es sich anfühlt“ kennen. Sie schauen hinauf zum Himmel, haben aber kein Blauerlebnis, sie wissen nicht, was Bläue ist, verstehen aber sehr wohl, dass der Himmel blau ist, wen wir sie darauf ansprechen. Die erste Form der Subjektivität ist ihnen nicht zu Eigen. Warum ist blau keine Projektion? Nun auf irgendeine Weise ist es ja mit dieser Welt verbunden, wenn sich der Himmel zuzieht und ergraut :-) dann kovariiert Objektives mit Subjektiven, sicher nicht 1:1, aber auf irgendeine Art und Weise.

    Ich zitiere den Abschnitt noch etwas ausführlicher:

    Relativität ist die Ansicht, dass die Eigenschaften, die den Objekten zugeschrieben werden, in Wirklichkeit aus den Beziehungen zwischen dem Objekt und dem Beobachter hervorgehen. Den Prototyp dafür finden wir wiederum in Platons Theaitetos, in der »geheimen Lehre« von der Wahrnehmung, die Protagoras zugeschrieben wird. Nach dieser Lehre entstehen die wahrnehmbaren Qualitäten der Objekte als 'Resultat der Wechselwirkung zwischen Subjekt und Objekt. Eine weniger strikte Variante dieser Ansicht ist von Patrick Nowell-Smith in seiner Diskussion dessen vertreten worden, was er »aptness words« nennt. Dabei handelt es sich um Wörter wie >schön<, die auf den ersten Blick wie gewöhnliche Adjektive aussehen, gewöhnlich jedoch verwendet werden, um eine Reaktion oder Einstellung auszudrücken, die normalerweise von einem bestimmten Spektrum objektiver Eigenschaften des Gegenstands verursacht wird. Sie unterscheiden sich sowohl von deskriptiven Adjektiven wie >grün< oder >sonnenförmig< als auch von »Gerundiv«-Adjektiven wie >verpflichtend< oder >bindend<, die eine strenge Ermahnung zu einem bestimmten Verhalten vermitteln.

    Eine Form der Relativität ist perspektivische Relativität: die Tatsache, dass Dinge aus verschiedenen Winkeln und Entfernungen verschieden aussehen. […] Man muss hinsichtlich der perspektivischen Relativität betonen, dass sie in keiner Weise mit Objektivität unverträglich ist. Sie sollte deshalb nicht mit der nächsten Form der Subjektivität verwechselt werden, welche die (reine) Perspektivität ist.

    In diesem Zitat wird etwas Weiteres deutlich: de Sousa will nicht nur das Begriffsfeld „Subjektivität“ übersichtlich kartographieren – oder wie immer man das nennen will. Ein wichtiger Punkt ist dabei ist ebenso, die viel zu einfache Gleichung subjektiv = ¬ objektiv in Frage zu stellen. Manches, was unter Subjektivität fällt, ist mit Objektivität durchaus „verträglich“ und manches natürlich auch nicht. Man muss hier Schritt für Schritt auf philosophische Tretminen achten und darf es sich nicht zu leicht machen.

    Perspektive

    „Perspektivität ist die am schwersten fassbare Form von Subjektivität.“ Stimmt, Ronny. Weil es so schwer ist, mache ich es mir leicht und zitiere besagten Abschnitt einfach. Im Parkbeispiel oben habe ich es auch unterzubringen versucht: Um es von der „sehenden“ Perspektivität abzugrenzen, habe ich den Protagonisten als in Gedanken verloren dargestellt, während das Gehen und sich Orientieren quasi automatisiert ist (Ichlos erfolgt?) ist die „Ichheit des Ich“ „in“ den Gedanken „situiert“.

    "Perspektivität ist die am schwersten fassbare Form von Subjektivität. Ihr Name suggeriert irreführenderweise perspektivische Relativität, doch jeder andere Name, den ich dafür finden konnte, wäre unaussprechlich. Eine Form davon ist das Problem der „Ichheit des Ich“. Alles, was wir wissen und wahrnehmen, wird von einem vorgegebenen Standpunkt aus gewusst und wahrgenommen. Wir können niemals den »Blick von nirgendwo« erreichen, wie Thomas Nagel einprägsam formuliert, wie sehr wir uns auch darum bemühen. Nur Gottes Allwissenheit könnte frei von Perspektive sein, doch selbst diese führt direkt zu einem Paradox. Denn Gottes Objektivität schließt Gottes Allwissenheit aus: Wenn es perspektivische Wahrheiten gibt, dann weiß jeder von uns etwas, das selbst Gott nicht wissen kann. In meinem Fall besteht der Teil des Geheimwissens, das somit die Existenz eines allwissenden Gottes widerlegt, darin, dass ich Ronnie bin.

    Dies Paradox der Allwissenheit sollte uns helfen zu erkennen, dass das Problem der Perspektive nicht so sehr ein Problem mit dem Selbst als solchen ist, wie häufig angenommen wird, sondern ein Problem damit, was als echte Information gelten soll. Dieser Punkt wird vielleicht klarer, wenn ich versuche, ihn vermittels eines etwas anders gelagerten Problems darzustellen, das auf den ersten Blick überhaupt nichts mit dem Selbst zu tun hat.

    Dies ist ein Problem, das die Zeit betrifft. Es entsteht aus John McTaggarts Charakterisierung zweier Zeitreihen oder Weisen des Denkens über die Zeit. Die subjektive Reihe (welche er die »A-Reihe« nannte) wird mit Hilfe der Ausdrücke Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft geordnet. Die objektive Reihe (die »B-Reihe«) wird mittels früher als, gleichzeitig mit und später als geordnet. Das Problem ist nun, dass die subjektive Reihe offenbar keinerlei spezifizierbare Information zu liefern vermag, die nicht durch einen Ausdruck der objektiven Reihe erfasst wird. Zum Beispiel wird der Informationsgehalt von „Gestern aß ich eine Bratwurst“ lediglich explizit gemacht, aber nicht wesentlich verändert, wenn er umformuliert wird in „Am Tage vor jenem, der gleichzeitig mit dem Schreiben des Satz-Tokens ‚Gestern aß ich eine Bratwurst' durch Ronnie ist, aß Ronnie eine Bratwurst“. Der Reformulierung scheint etwas Entscheidendes zu fehlen, nämlich dass sich dieses Schreiben jetzt vollzieht. Doch die Forderung, zu sagen, was fehlt, kann niemals erfüllt werden, da ich, um dies zu sagen, entweder eine synonyme »A-Reihe« oder eine subjektive Formulierung liefern müsste, was die Frage unbeantwortet ließe, oder es mittels eines »ewigen Satzes« (siehe Quine) formulieren müsste, der nur objektive Zeitparameter enthält. Dies ist offenbar genau dieselbe Schwierigkeit wie diejenige, zu erklären, worin der zusätzliche Informationsgehalt der Tatsache besteht, dass ich Ronnie bin, über die empirische Tatsache hinaus, dass Ronnie der Autor dieser Worte ist, und die triviale Tatsache, dass Ronnie Ronnie ist.

    Insoweit sie nicht durch Projektion ausgeschöpft wird, gehört die Subjektivität der reinen Wahl vielleicht ebenfalls unter den Titel der Perspektivität. Eine Wahl muss immer jemandes Wahl sein, ebenso wie ein Standpunkt, und niemand kann jemals buchstäblich die Wahl irgendeiner anderen Person für diese vollziehen. Doch weil dies das gleichermaßen mysteriöse Element der Täterschaft einschließt, sollten wir vielleicht Wahl als eine fünfte Art von Subjektivität auffassen."

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