Verzeihen

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  • Zeihen ist ein altes, kaum noch gebrauchtes Wort. Eigentlich ist es nur noch in „verzeihen“ in Gebrauch. „Jemanden einer Sache zeihen“ heißt, sie ihm vorwerfen oder ihn dieser Sache beschuldigen. Wir haben hier eine in aller Regel eine Dreierstruktur: Zumeist zwei Personen* und eben jene Sache. Zeihen heißt also vorwerfen oder beschuldigen. Und das Gegenstück dazu ist dann die Entschuldigung oder die Verzeihung, die quasi die Dreierstruktur erbt. Jemand hat sich gegenüber einem anderen etwas zu Schulden kommen lassen, wurde dieser Sache beschuldigt oder geziehen und darf (bzw. muss!) nun ggf. auf eine Entschuldigung hoffen oder eben auf Verzeihung. Er kann hoffen! Denn eine Entschuldigung wird erbeten und nicht gefordert und es liegt am „Geschädigten“ dies zu gewähren.

    Ein unpassendes Beispiel wären Geldschulden. Hier gleicht man die Schulden aus, indem man sein Geld zurück zahlt :) Leider ist es nicht immer so einfach wie in diesem Fall, seine Schuld(en) zu begleichen. Denn in vielen Fällen wird derjenige, der die Schuld auf sich geladen hat, nichts (zurück)-geben können, weshalb er auf Ver-gebung hoffen muss. Das heißt, derjenige, der in Schuld geraten ist, hat (oft oder immer?) keine Möglichkeit von sich aus einen „Ausgleich“ der Schulden herzustellen. Er kann es nicht adäquat "aus der Welt schaffen". Manchmal versucht man es mit Geschenken, aber dadurch dass sie der Schuld oft nicht angemessen sein können, macht er es „nur noch schlimmer“ einerseits, aber andererseits weist er zumindest auf seine Reue, die quasi im Leeren ohne Anhaltspunkte ist. Und zudem zeigt er auch seine eigene Ausweglosigkeit. Er ist auf die Entschuldigung des Anderen angewiesen! Sie ist sein einziger Ausweg! Er kann nichts geben, alle Gaben sind vergebens, also muss er auf Vergebung hoffen. (Der Andere gerät dabei sogar in Gefahr, sich selbst schuldig zu machen, wenn die Sache so zu werten ist, dass er verzeihen sollte!)

    Wenn dieser Andere aber auf einen "wirklichen" „Ausgleich“ bedacht ist, wird er womöglich nach der Methode „wie du mir so ich dir“ auf Rache als Schuldenausgleich sinnen. Zieht man dies in Betracht, dann ist Entschuldigung und Verzeihung eine Form von Schuldenerlass ohne jeden Ausgleich.

    Bei kleineren Sünden kann man hoffen, dass sie schließlich vergessen werden. Die Zeit heilt auch hier die Wunden, wenn auch nicht alle. Dazu passt dies: Jemand der erfolgreich um Verzeihung gebeten hat, erhält er manchmal als Antwort: Okay, alles ist vergessen! Es ist – per Handschlag – aus der Welt geschafft. Schwamm drüber! Es ist von der Tagesordnung. Damit verbunden ist wohl auch eine Verbindlichkeit für den Verziehenden. Die Sache darf nun nicht mehr (zumindest nicht bewusst) als Grund für Handlungen und Gedanken herhalten. Beide sind nun in der schwierigen Situation etwas „existentes“ als „inexistent“ zu behandeln zu wollen oder sollen. Das mag ein Grund sein die „Okay, alles ist vergessen!-Methode“ durch andere Methoden zu ersetzen … etwa klärende Gespräche oder vergleichbares. … die aber ggf. die Schuld präsent halten.

    Man könnte man hier von der Kunst des Verzeihens sprechen, die beide beherrschen müssen - der oder diejenige, der den Fehler gegangen hat und nicht aus der Welt schaffen kann und der- oder diejenige, die verzeihen und entschuldigen möchte (oder auch nicht).

    Ist Verzeihen ein Gefühl?. „Jemanden einer Sache zeihen.“ Um welche Sache es dabei geht, mag hier entscheidend sein. Oft ist derjenige, der verzeihen kann, darf, soll oder will in irgendeiner Weise verletzt worden, vielleicht gekränkt. Das heißt, um diese Metaphorik (?) weiter zu führen, dass es auch um Heilung geht! Der erste Schritt könnte dabei sein, dass der andere um Verzeihung bittet, also zu seiner Schuld steht. Das kann bereits für den Gekränkten und Verletzten etwas „Hebendes“ haben und zu einer körperlich spürbaren Besserung führen. Denn immerhin: es wird eine Gemeinsamkeit festgestellt. Die Sache, der jemand geziehen wird und deretwegen er um Verzeihung bittet, wird von beiden ähnlich bewertet! Das Verzeihen selbst kann (muss natürlich nicht) ein weiteres tun.

    Das heißt, das Verzeihen kann also mit starken Gefühlen einhergehen. Ich vermute es kann mit diesen verwachsen sein – vielleicht eine selbstheilende Großzügigkeit? (Allerdings steht nun der andere mit einer unverdienten Gabe da ... die ggf. einer Rückgabe harrt ...)

    Was in dieser Betrachtung noch völlig fehlt ist dies: Ich sprach zu Beginn von einer Dreierstruktur. Das mag richtig sein. Es fehlt aber jeweils die Bestimmung der Beziehung der beiden beteiligten Personen. Wenn für die beiden etwas gemeinsames auf dem Spiel steht – vielleicht ihre Liebe – dann wird dies für die Grade der Verletztheit aber auch für die Bereitschaft, um Vergebung zu bitten und diese auch zu gewähren eine nicht ganz unbedeutende Rolle spielen …

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