Das Bedürfnis nach "Zukunft"

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  • Das Unwissen über seiner eigenen Zukunft war sicherlich einer der Gründe für die Religiosität des Menschen. Was wird Morgen sein? Was bringt mir die Zukunft?
    „Das Interesse an Zukunftswissen war zu allen Zeiten groß. Zur göttlichen Vorsehung gesellte sich die menschliche voraussage. Der religiöse Hoffnungsbegriff wurde erweitert – vor allem zur Zeit der Aufklärung“.[1]
    Die Zukunft ist eine Szenario mit der man sich auseinandersetzen muss, allein weil wir schon Morgen in ihr leben werden. Denke ich über Morgen nach, denke ich über die Zukunft nach, somit gilt der Versuch einer Vorhersage der Zukunft, zu jenen Fähigkeiten die den Menschen vom Bewusstsein auferlegt wurde und das uns vom Tier unterscheidet. Die Menschen sind in der Lage „sich aus der je vorhandenen Gegenwart heraus und in vergangene wie zukünftige Gegenwarten hineinzudenken. Sie können sich imaginativ nicht nur an andere Positionen im Raum, sondern auch an andere Stellen in der Zeit versetzen[MH1] “.[2]Wenn der Mensch über die Zukunft nachdenkt, bedient er sich Fiktionen, macht sie zum zentralen Ausgangspunkt seines Denkens und transformiert sie zu Utopien. „Als aktives Wesen hat der Mensch die Fähigkeit, sich in die Zukunft zu projizieren, indem er seine Zukunft plant und sich in Richtung auf sie entwickelt. Dabei ändert er sowohl seine Umwelt als auch sich selbst. In diesem Zusammenhang bekommt der Begriff transzendental eine klare Bedeutung und wird integral Bestandteil einer sozialwissenschaftlichen Perspektive.“[3] In ihrer Fantasie und ihren transzendentalen Fähigkeiten begaben sich schon früh die Literaten auf die Suche nach Zukunftsvisionen. Die populäre Science-Fiction Literatur lieferten schon in der Vergangenheit die Blaupausen für verschiedene Zukunftsszenarien. Bereits 1516 veröffentlichte Thomas Morus sein „Utopia“ und beschrieb darin eine Gesellschaft der Gleichen, Tommaso Campanella folgte 1602 mit „Der Sonnenstaat“, und Louis – Sébastian Mercier veröffentlichte 1771 einen Roman der über das Paris im Jahre 2440 handelt und der in der Weltliteratur als ersten Zukunftsroman gilt. Bekannter sind die technischen Zukunftsaussichten eines Jules Verne.

    Zukunftskonzepte
    „Als Zukunft bezeichnet man die kommende Zeit der Geschichte. Die Rede von der Zukunft setzt einen Standpunkt in der Gegenwart voraus, von dem aus der historische Blick sich, wie zurück in die Vergangenheit, so auch nach vorn in die Zukunft richtet. Insofern ist sie eng mit der Vorstellung von einer allumfassenden, homogenen und linearen Zeit verknüpft“.[4] Die Zukunftskonzepte moderner Gesellschaften basieren auf Eckpfeiler wie Wohlstand, Umweltschutz, sozialer Gerechtigkeit, Frieden und Freiheit. Die Verwirklichung von diesen gesellschaftlichen Zielvorstellungen unterliegt den Spannungsverhältnissen zwischen Politik, Wirtschaft, Individuen und Religion und deren Handlungs- und Wirkungsausrichtungen in Institutionen, Organisationen und den Teilsystemen (Wissenschaft, Kunst und Medien). Den Zukunftskonzepten moderner Gesellschaften unterliegen komplexe Kräfte die eine lineare Zukunftsvorschau erschweren. Irrationale politische Entscheidungen, Verwerfung eines Wertesystems und die Dynamik der Globalisierung sind nicht die einzigen Dissonanzfaktoren die zukunftsorientiertes Handeln erschweren können. Zukunftsprognosen kranken an sich selbst, weil Aspekte der Zukunft nicht vorhersehbar sind. Dennoch trifft die Notwendigkeit von Zukunftsprognosen und ihre bedürfnisorientierte Legitimation, die ihnen stetiges Überleben garantiert, auf die vom Historiker Herman Lübbe postulierte „prinzipieller Nichtprognostizierbarkeit“. Natur- und Technikkatastrophen, Terroranschläge, Finanzkriese, politische Unruhen wie z. B der sogenannte „Arabische Frühling“, sind weder Voraussagbar noch sind ihre global-nationalen Auswirkungen überschaubar.

    Praktische Zukunftsvorhersagen
    In den 1970er Jahren prognostizierten Experten das Versiegen der Ölquellen bis 1980 voraus. Im Jahre 2000 sagten politische US – Kommentatoren voraus, das der Irak und Nordkorea bis spätestens 2010 in Besitz von Nuklearwaffen sind, die die Vereinigten Staaten erreichten. Im Jahre 2008 hieß es in einer großen Studie der Wall – Street Analysten, dass die Aktienmärkte auch in diesem Jahr zulegen würden – während sie in Wahrheit zusammenbrachen.[5]
    1967 formulierten Experten eine Zukunftsperspektive für die nächsten Jahrzehnte: 1975 könne die Entstehung von Hurrikans verhindert werden, 1982 werde es auf den Mond eine permanent mit zehn Menschen besetzte Basis geben, 1985 werde zum ersten Mal in der Geschichte der Menschheit nahezu jedes Kind auf der Erde eine Schule besuchen, 1990 werde der Mensch das Klima auf der Erde nach eigenem Willen gestalten können und 1994 werde es überall auf der Erde einen generellen Impfschutz gegen alle Bakterien- und Viruserkrankungen geben.[6]
    Aus dem Jahre 1995 kommt die Zukunftsprognose für 2030: Die Zentren des 21. Jahrhunderts sind Schanghai. Sao Paulo und Johannesburg. Während sich die Europäische Union um Maastricht IV streite, schalten Lateinamerika und Südostasien Satellitenfunkstrecken zwischen ihren Supercomputern; geschützte Datennetze verbinden die Informationseliten. Die schnelle Eingreiftruppe der NATO unterstützt die Blauhelme an der chinesischen Grenze, die den Konflikt zwischen Kasachen und Uiguren eindämmen. Die Weltwirtschaft internationalisiert sich stündlich weiter. Die Börsen notieren besonders günstig 128 – Megabyte – Chips aus Malawi. China hat begonnen, konkurrenzlos billige Exportautos auf den australischen Markt zu werfen. Im Jahre 2030 gibt es keinen Computerchip mehr, der nicht in japanischer Lizenz gebaut wurde, keine Hifi Anlage mit integriertem Stereofernseher, der nicht aus Korea stammt. Die Welt - ein großer Bazar, in dem sich die Arbeitskräfte international gegenseitig unterbieten?[7]

    Voraussage, Prophetismus, Futurologie
    Inzwischen hat die Wucht der Globalisierung mit seiner Superdynamik die meisten politischen- kulturellen- gesellschaftlichen und vor allem wirtschaftlichen Strukturen infiziert. Es zeigt sich das die Verwandtschaft zwischen Spekulation[MH2] und etablierte Zukunftsforschung bis zum Eintreten oder Nichteintreten von Vorhersagen fließend sind und sich unter den Slogan des „es könnte wahr werden“ vereinen. obwohl sich die Futurologie der wissenschaftlichen Methode von systematischer[MH3] Repräsentation von wahrscheinlichen Entwicklungen in sozialen Funktionssystemen und den Auswirkungen neuer Technologien hinsichtlich des Verhältnisse von Individuum und sozialen Institutionen untersucht, bleiben ihre Erkenntnisse letztendlich Prognosen. Der klassische Prophetismus der sich der Vorhersagetechniken des Orakelns, Wahrsagens und der Visionen bediente wurde allerdings unlängst von der fortschrittlicheren Methode der Prognose und der futurologischen Darstellungen abgelöst und in die esoterische Fraktion verbannt. Die Unterscheidungen seriösen Prognosearten können auf vier Aspekte festgelegt werden: Bei der Tendenzprognose werden zeitlich gestaffelte Reihe gleicher Daten aus der Vergangenheit in die Zukunft hochgerechnet. Die Analogieprognose versucht über das Wiedereintreten eines Ereignisses aufgrund strukturell gleicher Umstände vorauszusagen. Bei der dialektischen Prognose wird der Umschlag eines Zustands in sein Gegenteil für den Fall vorausgesagt, dass er sich nicht mehr halten lässt. Und als letztes kann die die Gesetzesprognose angeführt werden, bei der bestimmte Folgen aus einem immer wirkenden Naturgesetz abgeleitet wird.[8]
    Der Zukunftsforscher Robert Jungk teilte die Methode der Voraussage in zwei Kategorien auf. „Das exploratory forecasting, die forschende Vorausschau, verlängert bereits wahrnehmbare Trends in die Zukunft hinein. Das normative forecasting, die normative Vorausschau setzt zum Teil aufgrund der auf diese Weise gewonnenen Einsichten wünschenswerte Ziele fest und fragt sich, wie die Lücke zwischen dem Erstrebten und Verfügbaren überwunden werden könnte.[9] Die geschichtswissenschaftlichen Einwände gegen die Voraussage liegen in ihren nachweisbaren Scheitern[MH4] .
    „Keiner soziologischen Untersuchung sei es bisher gelungen, den Habitus der zukünftigen Generation korrekt vorherzusagen und alle Versuche „Mentalitäten aus objektiven Verhältnissen“ direkt abzuleiten sind gescheitert[MH5] “.[10]

    Notwendigkeit von Zukunftsprognosen
    Man kann jene gescheiterten Zukunftsprognosen beliebig aneinanderreihen, die Notwendigkeit und das Bedürfnis der Zukunftsdeutung bleiben bestehen. Die Kenntnis von den Auswirkungen des Faschismus und Stalinismus, die Kenntnis über das Zerstörungspotenzial nuklearer Kriegsführung, die verheerenden Folgen von Umweltzerstörungen und Klimawandel bilden Sicherheitsmechanismen in kollektiven Gedächtnissen und sind ausschlaggebend für die kommenden oder vorhandenen Zukunftsszenarien. Der Notwendigkeitsanspruch der Futurologie bleibt erhalten.








    [1] Horst Opaschowski (2006): Deutschland 2020 – Wie wir morgenleben – Prognosen der Wissenschaft. VS Verlag für Sozialwissenschaften, Wiesbaden.

    [2] R. Hitzler / M. Pfadenhauer (2005): Gegenwärtige Zukünfte. VS Verlag für Sozialwissenschaften, Wiesbaden.

    [3] Amitai Etzioni (2009): Die aktive Gesellschaft – eine Theorie gesellschaftlicher und politischer Prozesse. VS Verlag für Sozialwissenschaften, Wiesbaden.

    [4] Stefan Jordan (Hrsg.)(2002): Lexikon der Geschichtswissenschaften. Reclam, Stuttgart.

    [5] Leo Gough (2012):Parkinsons Gesetz. Gabal Verlag, Offenbach.

    [6] Zitiert nach Horst Opaschowski (2006): Deutschland 2030, Seite 484.

    [7] PZ – Wir in Europa. Bundeszentrale für politische Bildung. Heft Nr. 84, Dezember 1995.

    [8] F. Jäger / B. Liebsch (2011): Handbuch der Kulturwissenschaften (Band 1) – Themen und Tendenzen. Metzler Verlag, Stuttgart.

    [9] Robert Jungk (1973). Der Jahrtausendmensch. Bertelsmann Verlag, München, Gütersloh, Wien.

    [10] H. Fend (1988): Sozialgeschichte des Aufwachsens. Bedingungen des Aufwachsens und Jugendgestalten im zwanzigsten Jahrhundert. Suhrkamp, Frankfurt.

    [MH1]Selke / Dittler: Postmediale Wirklichkeiten. S. 1

    [MH2]Prophetismus: Orakel, Visionen, Weissagungen – Prop. Spekulationen: basieren auf Halbfakten die zu einer Prognose abgerundet werden. Vor allem die Informationsfülle der digitalen Medien begünstigen dies.

    [MH3]Lexikon d. Soziologie: Zukunftsforschung (Futurologie) , S. 759

    [MH4]Lexikon der Geschichtswissenschaften, Seite315.

    [MH5]Ahrbeck / Dörr / Göppel: Strukturwandel der Seele. Seite 15

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Comments 3

  • Philzer -

    Kann man "Das Unwissen über seiner eigenen Zukunft" auch als Angst vor der Welt, vor ihren Gefahren, weil man diese nicht versteht - wie Unwetter, begreifen ?
    Wenn ja, würde ich zustimmen, dass dieses rationale Moment (die Welt zu erklären) ein wichtiges, das wichtigste Element bei der Entstehung der Religion war.
    (siehe auch Blumenberg oder Rudolf Bahro)

  • 56er -

    Treffliche ''Zusammensicht''!

  • Fliege -

    Gute Arbeit!