Dialektik der Aufklärung, Exkurs II

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    • Dialektik der Aufklärung, Exkurs II

      Horkheimer/Adorno haben mit der Dialektik der Aufklärung eine rabenschwarze Attacke gegen die als kalt empfundene und in letzter Instanz rücksichtslos egoistische Aufklärung geführt. Insbesondere im 2. Exkurs (Juliette oder Aufklärung und Moral) findet sich Kant unter schwerem Beschuss. Schlussendlich muss die Frage aufgeworfen werden, ob nach Auschwitz nicht nur jede Kunst (dieser Auffassung war Adorno), sondern sogar jede Philosophie barbarisch, im Sinne einer "kulturellen Barbarei", sein muss.

      Erst einmal stellen Adorno und Horkheimer fest, dass "der Ausweg des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit" (Kant: Was ist Aufklärung?) den biologischen Überlebenskampf (oder nietzscheanisch ausgedrückt "der Wille zu Macht") in ein neues Level erhebt. Wehe dem, der nicht in der Lage ist, dass "Systematische", "den Zusammenhang aus einem Prinzip" (hier schwingt in der Kritik der reinen Vernunft noch sehr viel der alten [und extrem modernen!] Univozität des Seins etwa eines Leibniz mit) zu erkennen! Die Vernunft brandmarkt alles andere Denken, als jenes, welches das Univozitätssystem bestätigt, als ziellos, ideologisch, abergläubisch oder sogar autoritär - und erhebt sich stillschweigend zum eigenen Dogma. Nicht erst seitdem die Vernunft eine außerordentlich prominente Position bei der Schaffung der realen Lebensverhältnisse des einzelnen Subjekts einnahm, sondern schon seit dem das Univozitätssystem den effektiven Einklang mit der Natur einging, bedeutete es in drastischer Konsequenz den Tod, die Systematik der Ereignisse nicht selbst erkennend zu durchdringen. Der Kampfplatz der Vernunft ist also ein weiteres Schlachtfeld der Machtpolitik - die schon seit Hobbes, vielleicht schon seit Macchiavelli, ein eng der echsenhaften Biologie des Menschen verhaftetes war. Eine Kapitalismuskritik, dahingehend, dass der Markt das neue Schlachtfeld der konkurrierenden Vernünfte ist, gelingt von diesem Punkt aus ebenfalls recht leicht.

      Zweitens verbannnt Kant das Mitleid aus der moralphilosophischen Diskussion und ersetzt es blank und kalt durch eine kategorische Pflicht. Unter Zugrundelegung der strengen kantischen Prämissen ist es überhaupt nicht einsehbar, weshalb ein Mensch nicht zu seinem eigenen Vorteil stehlen soll, wenn das von niemandem gemerkt wird. Der angebliche größere Nutzen einer pflichtschuldigen Moral muss als reiner Aberglaube enttarnt werden - Adorno/Horkheimer nennen Sades Juliette als logische Konsequenz der strikten Anwendung aufgeklärten Denkens. Es gibt keinen intellektuellen Grund für "das Aushalten in der Gesellschaft, wenn das Interesse versagt." (Dialektik der Aufklärung) Die gescholtene Empathie, sie sei zu willkürlich und zufällig, zeigt sich implizit dennoch in den "harten, ideologischen und sentimentalen" Morallehren der Aufklärung. Der ständige Vernunftoptimismus zeugt von dem "tiefen Entsetzen vor dem Rückfall in die Barbarei" (siehe auch Schopenhauer: Mitleid als einzige Möglichkeit, ein Leben in der schlechtesten aller möglichen Welten halbwegs erträglich zu gestalten)!

      Drittens ist dieser Rückfall praktisch doch geschehen. Von Kant bis Nietzsche lässt sich eine Prophezeiung des Faschismus diagnostizieren. Der Prüfstand der Vernunft ist über die Jahrhunderte (möglicherweise schon seit der Entstehung der thomistischen Perspektive, dass der Glaube vollständig durch die reine Vernunft zu rechtfertigen sei) zur bloß technischen Rationalität verkommen. Der Gedanke größtmöglicher Efiizienz hat zu Optimierungsberufen und zu einem abstrakten Finanzwesen geführt - die Rationalität, ehedem stärkste Hoffnung des Menschen, hat sich ihm vollends entkoppelt. Sade hat diese Perversion früh erkannt, als er Juliette Sexteams beschäftigen ließ, damit ja keine Körperöffnung übermäßig lange ohne Berücksichtigung bleiben müsse. Effizienz hat als Selbstzweck alle anderen möglichen Zwecke verunmöglicht. Die Funktionalisierung aller Vernunft kennt heute kein "Heute" mehr - Zeit ist Geld!

      Somit klingt der kategorische Imperativ hohl. Abgesehen von der unbestreitbaren Tatsache, dass er keine motivationale Ebene kennt, im Gegenteil: die Neigung wird lutherisch-protestantisch dämonisiert, kann er ohne das, von der Vernunft nicht weiter begründbare! (KdV, Prolegomena) Postulat Gottes, unter rationaler Betrachtung nur als weiterer Mythos gelten. Worauf sollen wir jetzt unsere Moral noch gründen? Wie soll Philosophie nun noch möglich sein, jetzt, da ihr Paradigma, nämlich die Vernunft, als kaltes Instrumentarium der Macht enttarnt ist?

      [Korrektur auf Wunsch des Autors.]
      "For it is a knell, that summons thee to Heaven - or to Hell!" W. Shakespeare, MacBeth

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    • Der kantische Vernunftbegriff ist vielleicht am besten durch seinen Artikel "Was ist Aufklärung?" von 1784 zu verdeutlichen:

      "Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit, Unmündigkeit ist das Unvermögen, sich seines Verstandes ohne Leitung eines anderen zu bedienen. Selbstverschuldet ist diese Unmündigkeit, wenn die Ursache derselben nicht am Mangel des Verstandes, sondern der Entschließung und des Mutes liegt, sich seiner ohne Leitung eines andern zu bedienen. Sapere aude! Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen! ist also der Wahlspruch der Aufklärung. [...]"

      Habe im Übrigen einen Fehler in meinem Eingangsbeitrag entdeckt. Es muss im zweiten Satz des zweiten Absatzes statt "Wer", "Wehe dem, der" heißen und der Punkt am Satzende durch ein Ausrufezeichen ersetzt werden. Bitte an die Moderatoren, dies abzuändern!
      "For it is a knell, that summons thee to Heaven - or to Hell!" W. Shakespeare, MacBeth
    • Das, Paul Fels, ist meiner Begriffsfuchserei auch nicht entgangen. Es liegt mir auch fern, eine Identität zwischen der Vernunft bei Kant und seinem Aufklärungsbegriff herzustellen. Aufgrund der wohl unbestreitbaren Tatsache, dass die Aufklärung und die Vernunft bei Kant engstens miteinander verwoben sind, habe ich mir im Sinne der Vereinfachung diese Verringerung an Präzision erlaubt. Wesentlich für diese Entscheidung war das geringe Feedback, welches dieser Thread erfuhr.

      Aber wenn Du möchtest, kann ich einen etwas ausführlicheren Exkurs zu Kants Vernunftbegriff starten, wenngleich ich bezweifle, dass so etwas mit hinreichender Genauigkeit möglich ist, ohne in einen langatmigen Romanverschnitt auszuarten. Falls Du in der gebotenen Kürze zur Präzisierung beitragen kannst (wovon ich ausgehe, ich lese ja nicht den ersten Beitrag von Dir), so möchte ich darum bitten.


      Mir ging es eigentlich nur als Subtext um Kant, an sich wollte ich, wie man leicht nachlesen kann, auf etwas anderes hinaus. Kann natürlich sein, dass der Name Kant Garant dafür ist, dass Grundlagen neu verhandelt werden müssen. Bitte nicht falsch verstehen, denn es ist damit weder eine Selbstbeweihräucherung noch eine Geringschätzung von Nachschlagewerken oder anderer User intendiert: Ich verstehe mich nicht als Philosophielexikon oder Interpretationshilfe. Mir geht's um die Diskussion, nicht um die Erläuterung dessen, was jeder in den beschriebenen Werken selbst nachlesen kann.
      "For it is a knell, that summons thee to Heaven - or to Hell!" W. Shakespeare, MacBeth
    • Original von Schimmermatt

      "Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit, Unmündigkeit ist das Unvermögen, sich seines Verstandes ohne Leitung eines anderen zu bedienen. Selbstverschuldet ist diese Unmündigkeit, wenn die Ursache derselben nicht am Mangel des Verstandes, sondern der Entschließung und des Mutes liegt, sich seiner ohne Leitung eines andern zu bedienen. Sapere aude! Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen! ist also der Wahlspruch der Aufklärung. [...]"


      [SIZE=7]Kant als verkappter Anarchist?[/SIZE]
    • RE: Dialektik der Aufklärung, Exkurs II

      Original von Schimmermatt
      Worauf sollen wir jetzt unsere Moral noch gründen? Wie soll Philosophie nun noch möglich sein, jetzt, da ihr Paradigma, nämlich die Vernunft, als kaltes Instrumentarium der Macht enttarnt ist?

      Das sind zwei verschiedene Fragen, die vielleicht zusammengehören, aber nicht identisch sind.

      Zur ersten: Es wäre zu überlegen, ob Vernunft überhaupt eine ausreichende Grundlage für Moral oder Ethik sein kann. Du hast ja schon das Mitleid angespochen. Wenn Vernunft hierfür ohnehin nicht ausreicht, ist ja nicht alles verloren, nur weil die Vernunft "enttarnt" worden ist.

      Zur zweiten: Ich weiß nicht, ob Horkheimer/Adorno wirklich die Vernunft enttarnen. Sie reden ja immer wieder von der instrumentellen Vernunft, und ich denke, das geschieht in wohlüberlegter Absicht, um nämlich diese Art der Vernunft von einer anderen abzugrenzen. Sie schreiben sich dabei zwar in einen Abwärtstaumel, der einen an jeglicher Vernunft zweifeln lassen könnte. Aber ihre "Aufklärung über die Aufklärung" ist nach meinem Verständnis selbst ein Akt der Vernunft. Jedenfalls würde es mir unlogisch erscheinen, wenn sie uns dem ganz und gar Irrationalen überlassen wollten. Dann hätte es der Aufdeckung des Irrationalen im Rationalen nicht bedurft.



      Noch eine Verständnisfrage: Was bedeutet Univozität in diesem Zusammenhang? Ich habe das Wort nachgeschlagen, kann das Gefundene aber nicht richtig übertragen. Univok im Sinne von: alles ist rational erfassbar?
    • Worauf sollen wir jetzt unsere Moral noch gründen? Wie soll Philosophie nun noch möglich sein, jetzt, da ihr Paradigma, nämlich die Vernunft, als kaltes Instrumentarium der Macht enttarnt ist?

      Ich habe den Eindruck, als würde die Macht allein negativ gesehen werden. Warum dies?
      Ist Macht ein Synonym für Eigennutz oder für Egoismus?
      Im Guten liegt das Große, nicht das Große im Guten.
      Sokrates
    • @ EmmaWeden: Kant ist möglicherweise sogar von Anarchisten instrumentalisierbar. Ich würde das aber eher als recht abwegig empfinden. Nachdem Kant Thron und Kirche mit dieser Aussage den Boden unter den Füßen entzogen hat, versucht er ja dennoch, die alten Strukturen mit neuer Rechtfertigung wieder einzusetzen. Es graut ihm ein wenig vor den Geistern, die er da gerufen hat.

      @ Jovis: Ich finde die Differenzierung, die Du vorgenommen hast, ganz richtig. Ich habe das Mitleid, wie Kant und auch Adorno als unzureichend, weil willkürlich und zufällig, für ein Moralfundament beschrieben.

      Zum zweiten Punkt: Hier wird es in der Tat richtig interessant. Ich meine, mit der Unterstützung Adornos rechnen zu können, wenn ich die instrumentelle Vernunft als teleologisch notwendiges Endresultat des Aufklärungsprozesses entlarve. Und in der Tat sieht es mir so aus, als ob Adornos kritische Philosophie alle Auswege verneint - und damit eine pragmatische Handlungsempfehlung unmöglich für ihn (und mich) wird.

      Univozität (hast Du meine Leibnizarbeit gelesen, Jovis?): Die Annahme, dass ein Attribut (z.B. Gerechtigkeit) einer Entität mit dem gleichlautenden Attribut einer anderen Entität identisch ist. Die Scholastik des Thomas von Aquin etwa verneinte dies und verwies auf die aristotelische Annahme, dass Analogieschlüsse von einem Wesen (etwa dem Menschen) auf ein anderes Wesen (etwa Gott) unzulässig seien. Ohne die Annahme der Seinsunivozität ist das systemische Denken, welches für Kant Kennzeichen aufgeklärter Philosophie ist, unmöglich. Kein Analogieschluss (gang und gebe in den Naturwissenschaften) wäre mehr statthaft.

      Nach dem Univozitätsprinzip unterscheiden sich die Attribute, Dinge und Sachverhalte nicht grundsätzlich oder qualitativ voneinander, sondern nur graduell, quantitativ. Die Masse eines Hauses ist nicht etwas vollkommen anderes, als die Masse eines Baumes. Sie gehorchen der gleichen Maßeinheit, sie sind VERGLEICHBAR.

      @ LordCrash: Wenn Du bereitwillig de Sade, Nietzsche und Macchiavelli die Hand reichen willst, dann wird es Dich nicht stören, dass Moralbegründung unsinnig geworden ist. Fortan gilt das Recht des Mächtigeren. Mit Nietzsche: "Es gibt keine Stärke jenseits ihrer Ausübung." Hörst Du schon sein bösartiges "Wohlan!"? Jetzt heißt Macht mit Sicherheit Eigennutz!

      Der Kantianer wird aber wohl eher versuchen, bei Rousseau Zuflucht zu nehmen (was Adorno aber wieder als Aberglauben identifizieren könnte).
      "For it is a knell, that summons thee to Heaven - or to Hell!" W. Shakespeare, MacBeth

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    • Original von Schimmermatt
      Ich habe das Mitleid, wie Kant und auch Adorno als unzureichend, weil willkürlich und zufällig, für ein Moralfundament beschrieben.

      Ich habe bei Diskussionen des Themas Moral immer wieder dasselbe Problem, dass ich nämlich nicht verstehe, wieso Moral begründet und gefordert werden muss. Dieses "Du sollst ..." ist mir überhaupt nicht einleuchtend. Meiner Meinung nach ist es gerade umgekehrt: wir verhalten uns längst moralisch, und wir ächten unmoralisches Verhalten, wenn es stattfindet. Das ist doch der Ausgangspunkt: Die tatsächliche, ungeforderte, faktische Moral. Woran auch nichts ändert, dass sie immer wieder gebrochen wird. Millionenfach mal mehr wird sie eingehalten. Bei jedem einzelnen vielleicht "willkürlich" und "zufällig", aber aufs Ganze gesehen doch erstaunlich stabil.

      Ich meine, mit der Unterstützung Adornos rechnen zu können, wenn ich die instrumentelle Vernunft als teleologisch notwendiges Endresultat des Aufklärungsprozesses entlarve. Und in der Tat sieht es mir so aus, als ob Adornos kritische Philosophie alle Auswege verneint - und damit eine pragmatische Handlungsempfehlung unmöglich für ihn (und mich) wird.

      Ja, soweit ich Adorno verstanden habe, sieht er es wohl so, dass die instrumentelle Vernunft keine bedauerliche, aber vielleicht vermeidbare Fehlentwicklung war, sondern es im Wesen der Vernunft selbst liegt, ins Totalitäre umzuschlagen. Und "Auswege" hat er ganz gewiss nicht anbieten wollen, denke ich. Wohl eher: der Sache direkt ins Gesicht sehen. In der Hoffnung, sie damit doch überwinden zu können.

      Ich habe kein Zitat von Adorno selbst zu diesem Thema gefunden, weil mir zu Hause die Literatur fehlt. Aber im Netz gibt es ein Interview mit seinem Biographen Stefan Müller-Dohm, der gefragt wurde, ob Adorno am Ende seines Lebens resigniert habe. Darauf antwortete Müller-Dohm:

      "Nein. Er hat ja wenige Wochen vor seinem Tod einen Artikel mit dem Titel Resignation geschrieben, in dem er sich gegen den Vorwurf verteidigt, dass die Kritische Theorie als praktisch wirksame Aufklärung resigniert habe. Adorno rekurriert in diesem Aufsatz wiederum auf die Idee des Glücks. Glück sei der Gedanke, noch wo er das Unglück bestimmt, indem er ausspricht, was falsch ist in der Welt. Das ist ein Grundmotiv dieses letzten Artikels, aber auch im Gesamtwerk finden sich Passagen, die immer wieder die Hoffnung zum Ausdruck bringen, dass dann, wenn die vollendete Negativität ins Auge gefasst sei, sie als Spiegelschrift ihres Gegenteils gelesen werden könne.
      Adorno hätte nicht diese ungeheure Produktivität als Gesellschaftskritiker entwickeln können, wenn er nicht davon überzeugt gewesen wäre, dass die Wahrheit in den Figuren des Scheins verborgen wäre."
      ( Quelle)

      Univozität (hast Du meine Leibnizarbeit gelesen, Jovis?)

      Ja, und das ist auch einer der Punkte gewesen, an dem ich nachgeschlagen habe. Aber auch da ist das ein schwieriger Begriff für mich. Weil ich im Grunde nicht wirklich weiß, worauf er sich bezieht: auf Substanzen? Auf Funktionen? Ist ALLES "eins" oder nur das, was man vergleichen will? (In deinem Beispiel: Masse ist gleich Masse; aber ist auch Masse gleich Energie?) Ist Univozität in etwa gleichbedeutend mit Monismus? Gibt es im dualistischen Denken von Descartes diese Univozität also nicht?
    • Selbst wenn dies den ursprünglichen Univozitätsbegriff möglicherweise überstrapaziert, so würde ich doch sagen, dass die empirisch erfahrbare Welt (ich würde materielle Welt sagen und Energie und Materie darin subsumieren, aber das führt wohl nur zu neuen Missverständnissen) EINEM Prinzip gehorcht. Es geistert der Begriff der "Weltformel" durch die naturwissenschaftliche Diskussion, allein der Begriff verrät viel Glauben an die Univozität. Im Grunde wird hier ein Analogieschluss postuliert, der bislang noch spekulativ ist. So, wie alle Lehrsätze der Physik widerspruchsfrei sein müssen, muss es auch eine Grundlage geben, von der alle diese Lehrsätze Variationen sein müssen. Dieses Postulat ist die tiefe Wurzel des naturwissenschaftlichen Weltbilds - es ist manifestierte Aufklärung!

      In diesem Sinne ist Univozität nicht identisch mit Monismus. Es ist nur die theoretische Rückführung aller Sachverhalte auf einen einzigen zureichenden Grund. Das bedeutet nicht, dass alles eins ist. Es bedeutet aber sehr wohl, dass alles auf einem Universalgesetz basiert.
      "For it is a knell, that summons thee to Heaven - or to Hell!" W. Shakespeare, MacBeth
    • Dass ich kein besonderer Freund von Vernunftethiken bin, bedarf ja eigentlich keiner besonderen erwaehnung. Trotzdem sollte nicht unerwaehnt bleiben, dass wir es bei Kant eigentlich mit zweierlei Vernunft zu tun haben: der "reinen" und der "praktischen".

      Fuer Ethik ist, wie man weiss, die "praktische Vernunft" (der "Vernunftwille") zustaendig. Die (reine) Vernunft erweitert um den Willen, durch den sie sich selbst das moralische Gesetz gibt.

      Von diesem Vernunftwillen ist freilich bei dem, was sich als "instrumentelle Vernunft" enthuellt hat, nichts zu finden. Instrumentelle Vernunft, das ist eben nur die Haelfte - fuers Ganze genommen.

      Dieser Beitrag wurde bereits 1 mal editiert, zuletzt von Paul Fels ()

    • Das bleibt bei Kant wohl absichtlich extrem ambivalent. Der Wille, die Neigung, wird ja insofern abgelehnt, als diese motivationale Ebene keinen eigenen Wert hat. Moralisches Handeln ist Pflichthandeln! Pflicht gegenüber dem kategorischen Imperativ, der auf einem bloßen Postulat baut. Die Neigung wird so oder so irrelevant.
      "For it is a knell, that summons thee to Heaven - or to Hell!" W. Shakespeare, MacBeth
    • "Das Gute oder Böse bedeutet aber jederzeit eine Beziehung auf den Willen, so fern dieser durchs Vernunftgesetz bestimmt wird, sich etwas zu seinem Objekte zu machen; wie er denn durch das Objekt und dessen Vorstellung niemals unmittelbar bestimmt wird, sondern ein Vermoegen ist, sich eine Regel der Vernunft zur Bewegursache einer Handlung (dadurch ein Objekt wirklich werden kann) zu machen."
      Immanuel Kant. Kritik der praktischen Vernunft. 1. Teil - Elementarlehre - 1. Buch - Analytik. [60] 105.

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    • Ja, man kann sich dazu trainieren, die Pflicht tun zu wollen, Paul. Aber darum geht es einfach nicht. Es geht um das Fundament der Moral (das moralische Gesetz) und das ist laut Kant ganz und gar aus der Vernunft herleitbar. Eben das ist aber zu kurz gedacht. Unter den Kriterien für vernünftiges Handeln (und das steht meines Wissens nach sogar in der "Metaphysik der Sitten", bin mir aber nicht vollkommen sicher) ist ein Auswickeln der eigenen Vernunft im Sinne eines konkurrierenden Gegeneinanders durchaus erwünscht, da es (klingt verdächtig biologistisch, oder?) die Auswicklung der Vernunft, die dereinst nur in der gesamten Gattung erreicht werden wird, schärft! Unter diese Prämisse muss ein auf Gott rekurrierendes Postulat, wie das moralische Gesetz, welches nur angeblich (ich kann beim guten alten Kant nicht entdecken, WIE er es tun will) über die Vernunft zu erwerben ist, zwingend fallen. Der kantische Kontraktualismus ist eine Farce mit Hilfe Rousseaus. Wie gesagt: Kant graut vor den Geistern (á la Hobbes!) die er rief!
      "For it is a knell, that summons thee to Heaven - or to Hell!" W. Shakespeare, MacBeth