Im Altenheim – Frau W. wird es zu eng

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    • Im Altenheim – Frau W. wird es zu eng

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      Frau P. ist in ihrer manischen Phase (einer bipolaren Störung). Sie stapft aufgeregt über den Gang und sucht Leute zum „Knüpfen“, wie sie sagt. Ich grinse ihr zu und sage: „Solange sie nicht ans ‚Aufknüpfen‘ gehen, mache ich mit“. Frau W. hat lange Weile und freut sich, aus ihrem Dösen aufgescheucht zu werden, sie schließt sich an.
      Frau P. hat in den vergangenen Tagen mit unermüdlichem Tatendrang ihr Zimmer auf den Kopf gestellt; was einst in den Schränken war, liegt jetzt auf Tisch, Sessel, Fensterbrett, Bett und Fußboden ausgestreut. „Sie sehen ja, ich mache gerade Ordnung“, lautet ihre Erklärung. Frau W. guckt mich entgeistert an, während Frau P. das Fenster schließt und wir uns einen Platz zum Sitzen freiräumen. Doch kaum beginnt Frau P. zunächst im Werkzeugkasten, dann im Zahnputzbecher nach Fäden zum Knüpfen zu suchen, murmelt Frau W. mir zu: „Ich muss hier raus - die Luft!“, sie zeigt auf ihren Brustkorb und japst ein paar Mal bekräftigend. Ich begleite sie nach draußen. Dort meint sie kopfschüttelnd zu mir: „Das sieht aus bei der“. Sie zieht ab, von Luftnot ist keine Spur mehr.

      Was ist passiert?
      Als ich Kollegen die Geschichte erzählte, hörte ich ausschließlich folgende Interpretation: Frau W. verabscheute die Unordnung bei Frau P., wollte nur noch aus dem Zimmer und suchte einen Vorwand, den sie in angeblicher „Luftnot“ gefunden hat.
      Ich bin nicht dieser Meinung. Meines Erachtens wurde Frau W. wirklich eingeengt und zwar leiblich - die Fülle der Gegenstände legte sich ihr einleibend auf eine Leibesinsel nahe der Brust, was ihr Atmen behinderte, trotz eines gut gelüfteten Zimmers. Sie musste quasi anatmen gegen die Massen in Frau P.'s Zimmer. Sie hat eine für sie unzuträgliche Masse am eigenen Leib engend gespürt und musste - weg, raus, dorthin, wo man wieder frei (!) atmen kann.
      Wie Frau W. geht es vielen: Ihre Mitteilungen werden, als einzige Unterscheidung die von Körper und Seele/Gefühle anerkennend, rationalisierend gedeutet und damit missdeutet. Obwohl für ihren Körper (die Lungen) genügend Luft da war, fühlte sich Frau W. real leiblich betroffen. Sie wollte weder einen Vorwand finden, noch höflich sein (also ihre innere Missbilligung von Unordnung verschweigen), noch sonst irgendetwas „anderes“ mit ihrem Verhalten ausdrücken, sie wollte der Enge entfliehen - ins weite, freie Land.