Omega: Parmenides Beweis mit Bezug auf das Praktische, gemäss Fragment B8V42-52

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    • Omega: Parmenides Beweis mit Bezug auf das Praktische, gemäss Fragment B8V42-52

      Das breite Volk kannte damals den Wurfkörper im Imperativ βάλλ᾽, d.h. wirf! Ein solcher Spielball gab aber gewiss kein gutes Muster für eine ideale Kugel. Ob auch Fragment 8 als Schauspiel für und vor der Polis durchgeht, steht und fällt mit der Akzeptanz der von Parmenides idealisierten Sphäre.

      Wodurch gewann der Gelehrte Parmenides seine Mitbürger und Einwohner? Gewiss wäre es ihm gelungen, wenn er einen von der Natur selbst wohlgeformten ideale Kugel hätte präsentieren können. Die Seemänner in den Rängen hätte er gar mit einem Souvenir, einer Reiseerinnerung gewinnen können (μνημονεύειν , mnhmoneuein).

      Ein in solcher Weise geeignetes Erinnerungsstück habe ich am Südstrand auf Sizilien vor Jahren eingesammelt, ohne zu ahnen, dass es mir bei der Übersetzung der Parmenides Fragmente dienlich sein könnte. Mein Souvenir, man glaubt es kaum, trieb im Wellengang dem Strand entlang. Mit jeder Welle ging’s den Sand hinauf und im Wurfbogen rollte es sanft wieder runter. Mit jeder Welle war’s rund und ründer und mit jeder im Sand liegenden Faser aus Gras oder Tang gross und grösser. Es war als ob die Kugel im Westen dem Sonnenuntergang entsprang, um im Osten am andern Tor von Tag und Nacht zu verschwinden. Der Romantiker, der dieses sah, sprang auf, rannte hinterher und nahm’s auf: es fühlte sich pelzig aber dennoch fest an, und erstaunlich rund und homogen war‘s.

      B 8, 42 Ferner nachdem du zuletzt[1] prüfst[2]; (was) vorgezeigt[3] wird, s’ist
      B 8, 43 in jeder Beziehung - ein gut gerundeter Ball ähnlich d e m Gewicht[4] -
      B 8, 44 aus der Mitte überallhin ausgewogen; denn weder grösser
      B 8, 45 noch kleiner wird’s, es ist, wie’s zu sein hat, da genauso wie dort!
      B 8, 46 Denn einerseits gibt’s nicht Seiendes, das es hindert zu werden
      B 8, 47 ein Gleiches, anderseits ist Seiend derart, dass Seiendes leiden könnte
      B 8, 48 da mehr aber dort weniger [4]; Da's überall unverletzt ist,
      B 8, 49 ist’s in jeder Beziehung gleich, zugleich befindet es sich in Grenzen.

      B 8, 50 Das war’s, nun beende ich die dir anvertrauten Überlegungen und das Vernommene
      B 8, 51 fern der Wahrheit [5]; aber aufgrund menschlicher Erwartungen
      B 8, 52 erkenne die trügerische Ordnung, diese von mir bevorzugten Gedichte hörend.

      Parmenides reicht seine Erinnerungsstücke herum. Die Zuschauerschar löst sich in einem Tumult um die Bälle auf. Die helle Aufregung ist für ihn mehr als noch so tosender Applaus.



      [1] πύματον [LSJ: neut. πύματονas Adv.] at the last, for the last time; zuletzt

      [2] πεῖρας[ verb 2nd sg aor imperat mid poetic von πειράζω] prüfe ; [verb 2nd sg pres ind_subj von πειράω] du prüfst ; damit wird der Übersetzung von πεῖρας als πείρασ᾽ [noun pl neut dat poetic von πεῖραρ] als ‘Grenze’ nicht gefolgt.

      [3] τετελεσμένον [part sg perf mp masc acc; neut A,N,V von τελέω] LSJ: III. initiate in the mysteries; (was) initiiert wird; vorgezeigt wird

      [4] Redaktioneller Hinweis: der Schauspieler greift sich theatralisch an den Hodensack und zaubert eine Kugel hervor.
      [5] RedaktionellerHinweis: der Schauspieler reicht die Kugel den Ehrengästen zur Prüfung.
      [6] Redaktioneller Hinweis: Ab Vers 50 zieht derSchauspieler weitere Kugeln hervor und wirft sie ins Publikum.

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    • Hierzu fällt mir spontan der Dialog Parmenides von Platon ein.
      Dort dreht es sich im Kern um die Frage: Wenn Eines ist...
      Abgehandelt wird die Frage in mehreren Durchgängen:
      Wenn EINES ist...
      Wenn Eines IST...
      Wenn EINES IST...

      Letzteres ist nur möglich im Augenblick des Umschlags (to exaiphnes, das plötzlich)

      P.S. griechische Buchstaben hier hineinzaubern kann ich nicht...
    • Charles2 wrote:

      Hierzu fällt mir spontan der Dialog Parmenides von Platon ein. […]
      Abgehandelt wird die Frage in mehreren Durchgängen:

      Letzteres ist nur möglich im Augenblick des Umschlags (to exaiphnes, das plötzlich)

      P.S. griechische Buchstaben hier hineinzaubern kann ich nicht...
      Ich frage mich hie und da, ob zum Verständnis von Platos Dialog Parmenides der Parmenides' Epos zu kennen sei. Was tragisch wäre, weil uns Parmenides' Epos nur in Fragmenten vorliegt.
      Display Spoiler
      Mir ist aufgefallen, dass sich einige Zeilen in der Mitte des Platos Dialog Parmenides ab [136α] leicht in die Form eines Gedichts umschreiben lassen.

      Alltag wrote:

      Platos Dialog Parmenides lässt sich bei [136α] leicht in die Form eines Gedichts umschreiben:

      Die griechisch Buchstaben mache ich durch Copy/Past, d.h. markieren, kopieren, einfügen. Übrigens die einzelnen griechischen Worte sind über eine spezielle Software mit bedeutenden Wörterbücher (ins Englische) verlinkt; nur deshalb kann ich selbst versuchen solch Text zu Übersetzungen.
      ;)
    • Woher auch immer diese griechischen Buchstaben und dann noch die Übersetzung herkommen, ich finde es jedenfalls beachtlich. Der Grund, warum ich hier überhaupt mit Platons Parmenides daher kam, war die Assoziation mit dem Runden. Worum es Platon im Wesentlichen im Dialog Parmenides (Aber auch im Dialog Sophistes) ging, war die Frage, wie ein solches Ur-Eines, das auch mit dem Denken/Vernehmen zu einer Einheit verschmilzt, überhaupt artikuliert werden kann - oder, worum es eher im Sophistes geht, verteidigt werden kann. Ich muss zugeben, ich fand das immer für eine urspannende Angelegenheit, deren Spätfolgen über den Neuplatonismus und Heidegger bis zu Derrida zu verfolgen sind (man denke bei Derrida nur an sein Fest an der Wasserstelle in der Grammatologie, das erst artikuliert werden kann, nachdem die Wasserstelle verlassen wurde).
      Da geht bei mir ein ganzes Feuerwerk an Assoziationen los. Das gehört aber definitiv nicht in diesen Thread. Sich dem historischen Parmenides zu nähern, ist eine lohnenswerte Sache.