Neues rezipieren

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    • Neues rezipieren

      Ein Ratschlag von Nietzsche (Menschliches, Allzumenschliches; 1. Band; 621)


      Nietzsche schrieb:

      Liebe als Kunstgriff. - Wer etwas Neues wirklich kennen lernen will (sei es ein Mensch, ein Ereignis, ein Buch), der tut gut, dieses Neue mit aller möglichen Liebe aufzunehmen, von allem, was ihm daran feindlich, anstößig, falsch vorkommt, schnell das Auge abzuwenden, ja es zu vergessen: so daß man zum Beispiel dem Autor eines Buches den größten Vorsprung gibt und geradezu, wie bei einem Wettrennen, mit klopfendem Herzen danach begehrt, daß er sein Ziel erreiche. Mit diesem Verfahren dringt man nämlich der neuen Sache bis an ihr Herz, bis an ihren bewegenden Punkt: und dies heißt eben sie kennen lernen. Ist man so weit, so macht der Verstand hinterdrein seine Restriktionen; jene Überschätzung, jenes zeitweilige Aushängen des kritischen Pendels war eben nur der Kunstgriff, die Seele einer Sache herauszulocken.
      Wäre dies auch praktikable Vorgehensweise, die weltanschaulichen Opponenten kennen zu lernen?
      Die freie Diskussion ist das eigentliche Fundament der freiheitlichen und demokratischen Gesellschaft. (Bundesverfassungsgerichtshof)
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    • hel schrieb:

      Wäre dies auch praktikable Vorgehensweise, die weltanschaulichen Opponenten kennen zu lernen?
      Teilweise ist das eine sinnvolle Möglichkeit.. wie man eben auch einem Autor einen gewissen Kredit gibt, seine Auffassung zu erläutern - man liest erst einmal um das darin womöglich Neue zu erkennen. Allerdings kann dieser Vorsprung im Sinne Nietzsches nicht unendlich groß sein. Denn das Neue muss ja auch kognitiv vergleichbar bleiben (wenn ein Verstehen überhaupt möglich sein soll).. der kritische Verstand liest also eigentlich immer schon mit, selbst wenn der Verstand wohlwollend bleiben will.


      Aber irgendwo dazwischen (zwischen Verstehenwollen und Verstehenkönnen) findet sich meistens ein Weg, darüber (über das vermeintlich Neue) angemessen urteilen zu können.
      Es ist gut, ins philosophische Nichts zu springen. Besser ist es, wieder heil nach Hause zu kommen.

      Willst du einen Menschen wirklich lehren, musst du ihn zuvor erkennen.
    • Hm, ein Kunstgriff, oder Kunstgriffe wären möglicherweise zu hoch gegriffen, nach all den Erfahrungen, vor allem negativen Erfahrungen die in einer Diskussion gemacht werden, die von Rede und Widerrede lebt. Gerade hier schlägt die angesprochene Liebe ganz schnell in Gegenteiliges um wenn Philosophisches ausgehandelt wird. Im besten Fall wäre ich bei philosophischem Wohlwollen :)

      Aber es stimmt schon, wenn Menschen oder Gesprochenes aus den Augen der Liebe betrachtet werden, wird sich auch das Verstehen adäquater ausrichten und einen Diskurs eher positiv beeinflussen. Möglicherweise wird man sich eher der sachlichen Diskussion zuwenden, als persönlichen Anfeindungen.
    • Greta schrieb:

      Hm, ein Kunstgriff, oder Kunstgriffe wären möglicherweise zu hoch gegriffen, nach all den Erfahrungen, vor allem negativen Erfahrungen die in einer Diskussion gemacht werden, die von Rede und Widerrede lebt. Gerade hier schlägt die angesprochene Liebe ganz schnell in Gegenteiliges um wenn Philosophisches ausgehandelt wird. Im besten Fall wäre ich bei philosophischem Wohlwollen :)

      Aber es stimmt schon, wenn Menschen oder Gesprochenes aus den Augen der Liebe betrachtet werden, wird sich auch das Verstehen adäquater ausrichten und einen Diskurs eher positiv beeinflussen. Möglicherweise wird man sich eher der sachlichen Diskussion zuwenden, als persönlichen Anfeindungen.
      Ja, aber das ist ja nunmal das allzu menschliche Problem beim Umgang miteinander.. lese ich ein neues Buch, bin ich frei darin nach Belieben darüber zu urteilen. In einer Diskussion, ob philosophisch oder nicht, bin ich eben nicht mehr frei von den Affektionen des Gegenübers.

      Entweder ein gegenseitiges Verstehen ist möglich und lässt sich performativ irgendwie "aushandeln" oder es kommt zu Anfeindungen, wenn die Positionen nicht in einander überführbar sind und beide Seiten auf ihr Recht pochen. Ein Buch kann ich einfach weglegen - und zwar ohne dass sich der Autor dadurch angegriffen fühlen müsste. :)
      Es ist gut, ins philosophische Nichts zu springen. Besser ist es, wieder heil nach Hause zu kommen.

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    • Und das hat auch nicht seinen Grund in der jeweiligen Thematik selbst, sondern in der Rezeption der jeweiligen Diskutanten.. ich erinnere nur an die Diskussion über Pädophilie, die hier vor kurzem stattfand. :)
      Es ist gut, ins philosophische Nichts zu springen. Besser ist es, wieder heil nach Hause zu kommen.

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