Quentin Meillassoux: Nach der Endlichkeit. - oder, worauf zielt er eigtl. ab?

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      Nach einer längeren krankheitsbedingten Abwesenheit zurück zum Thema: wie und an welcher Stelle kommt überhaupt die Seinsart der Vorhandenheit ins Spiel? Dazu müssen wir uns noch einmal vergegenwärtigen, was die Seinsart von "Zeug" auszeichnet. Was macht ein Zeug zu einem Zeug? Antwort: dass es in einem Zeugzusammenhang (in einem Verweisungszusammenhang) steht. Aber gerade diese Charakteristik des Zuhandenen hat die Tendenz, beim normalen Hantieren mit Zeug unsichtbar zu bleiben. Sichtbar wird es erst dann, wenn es zu Störungen in unserem Alltagshandeln kommt. Wenn also das Zeug kaputt geht, abhanden kommt oder irgendwo an falscher Stelle im Weg liegt. So Heidegger: normalerweise ist das Zeug unauffällig, unaufdringlich, unaufsässig. Erst wenn es zu einer Störung kommt, fällt das Zeug als solches auf. So wird die Funktionalität des Schaltknüppels bei einem Schaltgetriebe erst auffällig, wenn die Schaltung kaputt geht. Kurz und gut: die Seinsart des Zuhandenen zeigt sich zuallererst im Augenblick ihres Verschwindens. Und zugleich zeigt sich - sozusagen als die Kehrseite der Zuhandenheit - die bloße Vorhandenheit des Zuhandenen. Wir können vielleicht auch sagen: gerade im Augenblick der Dekontextualisierung zeigt sich zuallererst der Kontext.
      Wird das Zuhandene seines Verweisungszusammenhanges beraubt (durch eine Störung), meldet sich eben dieser Verweisungszusammenhang gerade im Augenblick seines Verabschiedung und zugleich begegnet das Seiende als nur noch Vorhandenes.
      Dies ist aber nur eine Möglichkeit, in der sich Seiendes als nur noch Vorhandenes zeigt. Es ist dieser Moment, in dem das Zeug seines Verweisungszusammenhanges beraubt wird und in dem sich dadurch aber der ursprünglich unauffällige Verweisungszusammenhang meldet. Oder, wie Heidegger schreibt: es meldet sich die "weltmäßigkeit" des Zuhandenen (Weltmäßigkeit bedeutet hier so viel wie in einem Verweisungszusammenhang stehend).
      Damit aber sich nicht nur die Weltmäßigkeit AM Zuhandenen melden kann, sondern ihrerseits als solche in den Blick kommt, bedarf es eines noch viel weitergehehenden Risses im Verweisungszusammenhang als dies bei temporären Störungen innerhalb von Handlungsabläufen der Fall ist. Damit die Welt als solche in den Blick kommt (der Verweisungszusammenhang im Ganzen), muss es auch die Welt selbst sein, die von einem kompletten Einsturz bedroht ist. Und auch hier zeigt sich dann noch einmal und noch viel eindringlicher die Seinsart des Vorhandenen, nämlich in der Grundstimmung der Angst, in der jede Bedeutsamkeit von Seiendem gleichsam entgleitet, in dem Augenblick, in dem "nichts" mehr Bedeutung hat, zeigt sich ein Doppeltes:
      Auf der einen Seite zeigt sich das Seiende in seiner "leeren Erbarmungslosigkeit" (Vorhandenheit), verliert sozusagen jegliche Relevanz, aber gerade im gleichen Augenblick zeigt sich die Offenbarkeit (Vertrautheit) des Seienden im Ganzen: Welt. Dieses "im Ganzen" wird nicht durch das unermüdliche schrittweise Durchforsten alles einzelnen Seienden sukzessive zusammengestückelt, sondern zeigt sich schlagartig im Augenblick des Zusammenbrechens jeder Relevanz. Das Zusammenbrechen jeder Relevanz (Das sich Zeigen des Seienden in seiner leeren Vorhandenheit) und das sich Melden von Welt als Ganzes sind zueinander komplementäre sich wechselseitig ergänzende Größen.
      Für das in der ersten These angesprochene vorhandene Seiende bedeutet dies nun aber: auch das Vorhandene "gibt es" nur sofern ein Seiendes existiert (der Mensch), das eben Sein (im Sinne von Relevanz) versteht. Dieses Vorhandene (die Kehrseite der Relevanz) kann auf den ersten Blick betrachtet auch nicht das Anzestrale von Meillassoux sein. Hat Meillassoux am Ende also doch recht? Ist Heidegger schlußendlich ein Korrelationist?
      Wir werden sehen ....
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      Ist Heidegger also doch Korrelationist? Ja und Nein. Das hängt davon ab, was man überhaupt unter der menschlichen Existenz und deren Beziehung zu ihrer Umwelt versteht. Interpretiert man die menschliche Existenz als eine Art Schneckengehäuse, das seine Fühler nach den Dingen "Da draußen" ausstreckt, um diese über die Wahrnehmung in das Gehäuse "Da drinnen" zu transportieren, so würde M.'s Diktum gelten: etwas für uns Absolutes denken, heißt, nichts Absolutes denken. Sobald die menschliche Existenz nämlich Kontakt hat mit dem Absoluten, ist es kein Absolutes mehr. Um diesem Dilemma zu entkommen, bedarf es einer radikalen Umdeutung der menschlichen Existenz. Da Offenbarkeit des Seienden im Ganzen erst in den Brüchen in dieser Offenbarkeit sich manifestiert, sozusagen im Augenblick ihres eigenen Entgleitens, gilt nämlich: es gibt gar keine Lücke zwischen einer angeblich intakten "Innenwelt" und einer davon abgetrennten "Außenwelt", sondern der Riss geht gleichsam mitten durch die menschliche Existenz selbst. Der Mensch selbst ist die Negation von ihm selbst. Denkt sich ein so verstandener Mensch jetzt ein Absolutes (etwas ihm transzendentes), so denkt er damit nicht etwas, das er nicht ist, sondern statt dessen etwas, das ihm selbst intrinsisch angehört. Der Mensch selbst ist sein eigenes Außen (über seinen Bezug zur Nichtigkeit seiner eigenen Existenz).
      M.'s Problem, der Mensch könne gar kein Absolutes für sich denken, ohne es dabei selbst zu Ent-absolutieren, entsteht meiner Meinung nach zuallererst dadurch, dass er den ontologischen Status jenes ich denke unbestimmt lässt. Erst dadurch kommt er auf die Idee, einen Weg des Denkens zu seinem Außen suchen zu müssen. Nach Heidegger muss der Mensch einen solchen Weg gar nicht erst suchen. Er ist bereits dort - draußen.

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      Eigentlich bin ich noch nicht ganz fertig. Ich habe nämlich noch einen weiteren Ansatz einer möglichen Kritik an Meillassoux angekündigt, nämlich die starre Referenz (wobei mir hier vor allem Hilary Putnam vorschwebt).
      Aber ich möchte an diesem Punkt einmal einen Stop einlegen. Zwei Aspekte habe ich bisher ins Auge gefasst: 1) ein Versuch der Rekonstruktion einiger zentralen Gedanken von Meillassoux und 2) eine mögliche Antwort Heideggers darauf.
      Beide Aspekte sind nur meine eigenen Interpretationen und müssen daher auch nicht exakt mit dem übereinstimmen, was Meillassoux und Heidegger selbst gedacht haben.
      Gibt es dazu Ideen, Vorschläge, Kritik?