G: Parmenides Kritik am Wahrsagen und Wunderglauben gemäss Fragment B6

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    • G: Parmenides Kritik am Wahrsagen und Wunderglauben gemäss Fragment B6

      Parmenides weist uns in Fragment B 2 an, zu meiden, dass man sich nach dem Nichtseienden richtet. Er erörtert in Fragment B 6 aber noch einen zweiten Scheinpfad, der sogar über diese falsche Orientierung hinausgeht, weil dem Widersprüchlichen für sich der Vorrang gegeben wird. Die Übersetzungsversion hier lässt beim Vers 1 die von Vetter[1] übernommenen Variante von Marcinkowska-Rosól fallen und hält sich an den ursprünglichen Text des Gedichts. So ergibt sich, dass Parmenides in den ersten Versen des Fragments B 6 seine Beweggründe anspricht: Er war nämlich wissbegierig und trieb sich seinerseits an, den Hörern nahezulegen, dass Nichts aber sicher nicht ist.

      B 6, 1 Nötig ist zusagen, wie ich beim[2] Denken wirklich war[3]: es ist nämlich (wiss-)begierig[4]!
      B 6, 2 Nichts aber ist sicher nicht; das Dir nahezulegen, trieb[5] ich mich meinerseits an.

      Die überhaupt nichts wissenden Sterblichen erdichten den zweiten ins Dickicht führender Pfad zu ihrem Vorteil. Die verworrene Scharen lassen sich in ihrer Hilflosigkeit wie taub und blind treiben. Sie gebrauchen das Sein wie aber auch Nicht-Sein als dasselbe und auch als nicht dasselbe. In allem ist ihr Pfad ins Gegenteil verdreht. Auf diesem falschen Pfad wird dem Widersprüchlichen für sich der Vorrang gegeben. [DK 28 B6 Vers 3ff].

      B 6, 3 Zuerst halte ich dich daher weiter(hin) fern des Pfads dieser Untersuchung
      B 6, 4 Und hierauf weit weg von dem, den die überhaupt nichts wissenden Sterblichen
      B 6, 5 Zu deren Vorteil erdichten[6] - ich bring es auf den Punkt[7]: Denn Hilflosigkeit in ihrer
      B 6, 6 Brust lenkt das irrende Gemüt[8]; sie aber lassen sich treiben
      B 6, 7 taub sowohl als auch blind, sich wundernd, verworrene Scharen,
      B 6, 8 denen das Sein wie aber auch Nicht-Sein als dasselbe in Gebrauch ist
      B 6, 9 und auch als nicht dasselbe, in allem ist ihr Pfad ins Gegenteil verdreht.

      Völkerschaften orientieren sich an diesem alles verkehrenden Pfad aus Gewohnheit. Dass der durch seine inneren Widersprüche[9] betörend wirkende Pfad beachtenswert sei, wird beim Wahrsagen und im Wunderglauben fälschlicherweise behauptet. Daher ergibt sich, dass Parmenides hier in Fragment B 6 in weitestem Sinn den Aberglauben charakterisiert und kritisiert.




      [1] Helmuth Vetter, Parmenides: Sein und Welt; die Fragmente neu übersetzt von ~, Verlag Karl Alber, 2016: S. 103
      [2] Τε … τε [… ] Il., etc.: —used to show coincidence of Time; --> (wie) beim
      [3] εἰμί [verb 1st sg imperf ind act epic] ich war
      [4] ἵημι [verb aor inf act] being the Causal of εἶμι (ibo); LSJ: 2. metaph., to be eager, desire to do a thing, c. inf.,; begierig sein
      [5] ἄνωγα [verb 1st sg perf ind act] command, order; befehlen, gebieten, antreiben; dazu trieb ich mich an.
      [6] πλάσσω [verb 3rd pl pres ind mp attic] Ldt. Med. Zu s-m Vorteil erdichten; zu deren Vorteil erdichten
      [7] δίκρανοι ; [κράς, κρανίον; noun pl neut dat] at the … end-head of; ‘Zweites Kopfende’ und somit ‘ich komme zum zweiten Ende’ mit der Bedeutung: Ich bring’s auf den Punkt. κραίνω LSJ: IV. intr., come to an end, result in a thing; of disease, culminate, be at its worst.
      [8] νόος [noun sg masc acc epic doric ionic] mind; Gemüt
      [9] H.–G. Gadamer, Der Anfang der Philosophie; Reclam Nr. 9495; 1996 S. 158-161.

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    • Dervorangehende Beitrag war zu lang. Daher liefere ich den Original und die Übersetzungvon Vetter hier nach.

      Χρὴ τὸ λέγειν τε νοεῖν τ' ἐὸν ἔμμεναι· ἔστι γὰρ εἶναι, B6, 1
      μηδὲν δ' οὐκ ἔστιν· τά σ' ἐγὼ φράζεσθαι ἄνωγα. B 6, 2
      Πρώτης γάρ σ' ἀφ' ὁδοῦ ταύτης διζήσιος <εἴργω>, B 6, 3
      αὐτὰρ ἔπειτ' ἀπὸ τῆς, ἣν δὴ βροτοὶ εἰδότες οὐδὲν B 6, 4
      [5] πλάττονται, δίκρανοι· ἀμηχανίη γὰρ ἐν αὐτῶν B 6,5
      στήθεσιν ἰθύνει πλακτὸν νόον· οἱ δὲ φοροῦνται B 6, 6
      κωφοὶ ὁμῶς τυφλοί τε, τεθηπότες, ἄκριτα φῦλα, B 6, 7
      οἷς τὸ πέλειν τε καὶ οὐκ εἶναι ταὐτὸν νενόμισται B 6, 8
      κοὐ ταὐτόν, πάντων δὲ παλίντροπός ἐστι κέλευθος. B6, 9

      Helmut Vetter übersetzt Fragment B 6 wiefolgt:
      Not ist, dass das, was du sagst und denkst, eine
      Seiendes ist; es ist nämlich Sein.
      Ein Nichts gibt es nicht ; das heisse ich dich zu bedenken.
      So halt ich ab vom ersten Pfad dieser Forschung
      Hierauf von dem, den die Sterblichen, welche nichts wissen
      [5] Erdichten, die Doppelköpfigen; denn Hilflosigkeit in ihrer
      Brust lenkt den irrenden Sinn; sie aber schleppen sich fort.
      Taub sowohl als auch blind, Anstaunen ist ihnen eigen, den verworrenen Scharen
      Denen das Sein wie das Nichtsein für dasselbe gilt
      Und nicht für dasselbe, in allem wendet ihr Pfad sich zum Gegenteil.