F: Parmenides Bahnen der Untersuchung gemäss Fragment B2

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    • F: Parmenides Bahnen der Untersuchung gemäss Fragment B2

      Den Fragmenten des Lehrgedichts sind weder zwei noch drei[1], sondern vier[2] Untersuchungen zu entnehmen, ein zweigleisiger Wege und zwei Pfade, wobei letztere wie Holzpfade ins Dickicht führen.
      Der zweiteilige Weg der Untersuchung richtet sich nach der Wahrheit, weil ‘nicht zu sein’ unmöglich ist. [DK 28 B2, Vers 1 bis 5]

      Εἰ δ' ἄγ' ἐγὼν ἐρέω, κόμισαι δὲ σὺ μῦθον ἀκούσας, B 2, 1
      αἵπερ ὁδοὶ μοῦναι διζήσιός εἰσι νοῆσαι· B 2, 2
      μὲν ὅπως ἔστιν τε καὶ ὡς οὐκ ἔστι μὴ εἶναι, B 2, 3
      Πειθοῦς ἐστι κέλευθος - Ἀληθείῃ γὰρ ὀπηδεῖ - , B 2, 4
      [5] δ' ὡς οὐκ ἔστιν τε καὶ ὡς χρεών ἐστι μὴ εἶναι, B 2, 5

      B 2, 1 Wohlan denn, ich werde reden, pass auf und du verstehst das Gesagte.
      B 2, 2 Die einzigen Bahnen der Untersuchung sind zu denken:
      B 2, 3 einerseits - dass es nur ist und keineswegs ist wie nicht-sein -
      B 2, 4 Es ist der Weg der Überzeugung. Folge doch der Wahrheit!
      B 2, 5 anderseits – dass was nicht ist, sein muss wie nicht-sein -

      Letzteres [B 2.5] ist notwendigerweise ein unerforschbarer Pfad (Holz-, Sumpfpfad, Abkürzung), denn das Nichtseiende ist weder erkennbar, noch je aufzeigbar. Es ist eine Kurzschluss, weil auszuschliessen ist, dass was nicht ist, erkannt wird. [DK 28 B2, Vers 6ff].

      τὴν δή τοι φράζω παναπευθέα ἔμμεν ἀταρπόν· B 2, 6
      οὔτε γὰρ ἂν γνοίης τό γε μὴ ἐὸν - οὐ γὰρ ἀνυστόν – B 2, 7
      οὔτε φράσαις. B 2, 8

      B 2, 6 Letzteres, lass mich dir sagen und deutlich machen, ist gewiss ein ganz unerforschlicher Pfad.
      B 2, 7 Weder könntest Du das Nichtseiende erkennen – (da) doch wohl nicht durchführbar -
      B 2, 8 Noch kann es je aufgezeigt werden.

      Daher ist zu meiden, dass man sich nach dem Nichtseienden richtet. Es gibt aber noch einen zweiten Holzpfad, der sogar über diese falsche Orientierung hinausgeht, weil dem Widersprüchlichen für sich der Vorrang gegeben wird [DK 28 B6].

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      Helmuth Vetter, Parmenides: Sein und Welt; die Fragmente neu übersetzt von ~, Verlag Karl Alber, 2016:
      B 2
      Wohlan denn, ich werde reden, höre du aber den Mythos und eigne ihn an,
      Welche als einzige Wege des Suchens nämlich zu denken sind:
      Der eine: dass es ist und dass es nicht sein kann, dass es nicht ist -
      Er ist des Vertrauens Pfad (folgt er der Wahrheit doch)
      [5] Der andere: dass es nicht ist sowohl und dass Notwendigkeit besteht, dass es nicht ist,
      Bezogen auf diesen Fussteig zeige ich freilich, dass er ganz richtungslos ist.
      Denn du könntest das Nichtseiende nicht erkennen (nicht ist es ja zu erreichen)
      Noch könntest du es erklären.
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      [1] H.–G. Gadamer (1996), 152–153. „Hier haben wir zweifellos einen überaus raffinierten und begrifflich ausgefeilten Text vor uns, der nicht leicht zu interpretieren ist. Die Aufgabe der Interpreten wird dadurch erschwert, das im Fragment nicht zwei, sondern drei Wege angedeutet werden, woraus sich dann die Frage stellt, was denn dieser dritte Weg sein soll.“
      [2] Lambros Couloubaritsis, Les multiples chemins de Parménide ; études sur Parmenide, tome II, problèmes d’interprétation, Sous la direction de Pierre Aubenque, Librairie Philosophique J. Vrin (1987), page 31. «Ce qui autorise, en fin de compte, à parler de quatre chemins possibles chez Parménides et non seulement de deux ou de trois, comme on le fait traditionnellement.»