Byung-Chul Han, Die Austreibung des Anderen, 2016

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    • Byung-Chul Han, Die Austreibung des Anderen, 2016

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      Aus dem Büchlein Die Austreibung des Anderen — Gesellschaft, Wahrnehmung und Kommunikation heute (2016) von Byung-Chul Han möchte ich einige Lesefrüchte anbieten.

      S. 7: "Die Negativität des Anderen weicht heute der Positivität des Gleichen. Die Wucherung des Gleichen macht die pathologischen Veränderungen aus, die den Sozialkörper befallen."
      S. 8: "Die Gewalt des Gleichen ist aufgrund ihrer Positivität unsichtbar."
      S. 9: "Das Selbe [...] tritt immer gepaart mit dem Anderen auf. Dem Gleichen fehlt dagegen der dialektische Gegenpart, der es begrenzen und formen würde. So wuchert es zur formlosen Masse."
      S. 9: "Soziale Medien stellen eine absolute Schwundstufe des Sozialen dar."
      S. 11: "Das Denken hat Zugang zum ganz Anderen. Es kann das Gleiche unterbrechen. [...] Auch die Erkenntnis im empathischen Sinne ist verwandelnd. Sie bringt einen neuen Bewusstseinszustand hervor. Ihre Struktur gleicht der einer Erlösung. Diese leistet mehr als die Lösung eines Problems. Sie versetzt den Erlösungsbedürftigen in einen ganz anderen Seinszustand."
      S. 12: "Die Anfänge der digitalen Revolution waren vor allem von utopischen Entwürfen beherrscht. [Vilem] Flusser etwa erhob die digitale Vernetzung zur Technik der Nächstenliebe. Mensch-Sein heißt demnach Verknüpft-Sein mit Anderen."
      S. 13: "Die globale Kommunikation lässt nur gleiche Andere oder andere Gleiche zu."

      S. 19-20: "Schon Jean Baudrillard hat darauf hingewiesen, dass der Irrsinn der Globalisierung Terroristen als Wahnsinnige hervorbringt. [...] Es ist der Terror des Gleichen selbst, der den Terrorismus hervorbringt. [...] Auf diesen systematischen Zusammenhang macht der Spruch der al-Quaida aufmerksam: 'Ihr liebt das Leben, wir lieben den Tod.'"
      S. 25: "Der Neoliberalismus ist alles andere als der Endpunkt der Aufklärung. Er ist nicht vernunftgeleitet. Gerade sein Irrsinn bringt destruktive Spannungen hervor, die sich entladen in Form von Terrorismus und Nationalismus. [...] Nicht die Unterdrückung der Freiheit, sondern deren Ausbeutung maximiert die Produktivität und Effizienz. Das ist die perfide Grundlogik des Neoliberalismus."
      S. 26-27: "Gerade die heutige Flüchtlingskrise verrät, dass die Europäische Union nichts anderes als eine wirtschaftliche Handelsunion ist, die sich am Eigennutz orientiert. [...] Vernunftgeleitet wäre allein eine Verfassungsgemeinschaft, die sich zu universellen Werten wie Menschenwürde verpflichtet."

      S. 29: "Die Authentizität ist letzten Endes die neoliberale Produktionsform des Selbst. Sie macht jeden zum Produzenten seiner selbst."
      S. 30: "Die Authentizität des Andersseins setzt die Konformität sogar effizienter durch als die repressive Gleichschaltung."
      S. 31: "Die Individuen drücken ihre Authentizität vor allem durch Konsum aus. Der Imperativ der Authentizität führt nicht zur Bildung eines autonomen, souveränen Individuums. Es wird vielmehr komplett vom Kommerz vereinnahmt."
      S. 35: "Das heutige Leistungssubjekt kennt nur zwei Zustände: Funktionieren oder Versagen. Darin ähnelt es Maschinen. Auch Maschinen kennen keinen Konflikt: Entweder funktionieren sie einwandfrei, oder sie sind kaputt."
      S. 35: "Auch die Selfie-Sucht hat mit der Eigenliebe wenig zu tun. [...] Selfies sind Selbst in Leerformen. Selfie-Sucht verschärft das Gefühl der Leere."

      S. 39: "'Dasein', so heißt Heideggers ontologische Bezeichnung des Menschen".

      S. 47: "'Wenn du den Schmerz der Schwelle spürst, dann bist du kein Tourist; es kann den Übergang geben'" [Peter Handke, Phantasien der Wiederholung, 1983, S. 13.

      S. 54: "Die neoliberale Herrschaft versteckt sich hinter der illusiorischen Freiheit."

      S. 64: "Welt ist Blick."

      S. 84: "Wir sind einander Schaufenster, die um Aufmerksamkeit ringen."

      S. 90: "Der Andere als Rätsel dagegen entzieht sich jeder Verwertung."
      S. 90: "Wo jede Zweiheit ausgelöscht ist, ertrinkt man im Selbst."

      S. 94: "Der Zuhörer ist ein Resonanzraum, in dem der Andere sich freiredet. So kann das Zuhören heilend sein."
      S. 95: "Der Zuhörer macht sich leer. Er wird niemand."
      S. 101: "Die lärmende Müdigkeitsgesellschaft ist taub. Die kommende Gesellschaft könnte dagegen eine Gesellschaft der Zuhörenden und Lauschenden heißen."
      S. 102: "Im Gegensatz zur Zeit des Selbst, die uns isoliert und vereinzelt, stiftet die Zeit des Anderen eine Gemeinschaft. Sie ist daher eine gute Zeit."


      (Das Inhaltsverzeichnis umfasst diese Punkte: Terror des Gleichen, S. 7; Gewalt des Globalen und Terrorismus, S. 19; Terror der Authentizität, S. 29; Angst, S. 39; Schwellen, S. 47; Entfremdung, S. 51; Gegenkörper, S. 57; Blick, S. 61; Stimme, S. 69; Sprache des Anderen, S. 79;Denken des Anderen, S. 87; Zuhören, S. 93; Anmerkungen, S. 103.)
      "Wir sind auf dem Weg ins Mittelalter" (Schulleiterin einer Brennpunktschule in Berlin). — "Die wollen mich weghaben" (Merkel unter vier Augen zu Seehofer)." — Die Party ist nun vorbei.
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      Fliege schrieb:

      Aus dem Büchlein Die Austreibung des Anderen — Gesellschaft, Wahrnehmung und Kommunikation heute (2016) von Byung-Chul Han
      Das klingt interessant. Kannst du noch etwas über den Autor sagen?

      Und nachdem, was ich hier gelesen habe, ist das Buch eine Weiterentwicklung zu Ortega y Gasset, "Der Aufstand der Massen". Da dieses Buch etwa 1930 geschrieben wurde, wäre mir eine Aktualisierung auch sehr willkommen.
      Man weiß nie genug, und vielleicht ist genau dieser Mensch, dem ich gerade begegne, der Engel, der mir die Augen öffnet.
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      HumbleThinker schrieb:

      Fliege schrieb:

      Aus dem Büchlein Die Austreibung des Anderen — Gesellschaft, Wahrnehmung und Kommunikation heute (2016) von Byung-Chul Han
      Das klingt interessant. Kannst du noch etwas über den Autor sagen?
      Und nachdem, was ich hier gelesen habe, ist das Buch eine Weiterentwicklung zu Ortega y Gasset, "Der Aufstand der Massen". Da dieses Buch etwa 1930 geschrieben wurde, wäre mir eine Aktualisierung auch sehr willkommen.
      "Byung-Chul Han, geboren 1959, studierte zunächst Metallurgie in Korea, dann Philosophie, Germanistik und katholische Theologie in Freiburg und München. Nach seiner Habilitation lehrte er Philosophie an der Universität Basel, ab 2010 Philosophie und Medientheorie an der Hochschule für Gestaltung in Karlsruhe, und seit 2012 Kulturwissenschaft an der Universität der Künste in Berlin. Im S. Fischer Verlag sind zuletzt erschienen 'Psychopolitik. Neoliberalismus und die neuen Machttechniken' (2014), 'Die Errettung des Schönen' (2015) sowie 'Die Austreibung des Anderen. Gesellschaft, Wahrnehmung und Kommunikation heute' (2016)" (Fischer-Verlag über den Autor).
      "Wir sind auf dem Weg ins Mittelalter" (Schulleiterin einer Brennpunktschule in Berlin). — "Die wollen mich weghaben" (Merkel unter vier Augen zu Seehofer)." — Die Party ist nun vorbei.
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      Zu dem in Beitrag 1 genannten Buch möchte ich ein paar vorläufige Mitteilungen machen, vorläufig deshalb, weil ich das Buch noch nicht bis zum Ende, sondern erst zu zwei Dritteln gelesen habe:

      1. Das Buch ist durchaus lesenswert.
      2. Das Buch halte ich allerdings mit ca. 20 Euro für overpriced.
      3. Die richtigen Gedanken, die der Autor vorlegt, sind für mich so neu nicht. Ich habe Ähnliches schon vor ca. 15 bis 20 Jahren selbst gedacht.
      4. Ich meine immer noch, es ist eine Art Fortsetzung zu Ortega y Gasset, auch wenn der Autor dies nicht beabsichtigt hat.
      Man weiß nie genug, und vielleicht ist genau dieser Mensch, dem ich gerade begegne, der Engel, der mir die Augen öffnet.
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      So, das Buch habe ich mittlerweile durch. Zusätzlich zu den Zitaten von @Fliege , über die man bestimmt lange diskutieren kann, möchte ich zwei Gedanken nennen, die mir in dem Buch aufgefallen sind.

      1. Seite 42: Allein die Negativität des Risses und des Schmerzes erhält den Geist lebendig.
      2. Seite 96: Jeder tiefen Erfahrung, jeder tiefen Erkenntnis wohnt die Negativität der Verletzung inne.

      Vielleicht werden manche Philosophen nur deswegen nicht zu großen Denkern, weil sie nicht oft genug verletzt wurden und deshalb nicht genügend Schmerz erfahren haben?
      Man weiß nie genug, und vielleicht ist genau dieser Mensch, dem ich gerade begegne, der Engel, der mir die Augen öffnet.
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      HumbleThinker schrieb:

      So, das Buch habe ich mittlerweile durch. Zusätzlich zu den Zitaten von @Fliege , über die man bestimmt lange diskutieren kann, möchte ich zwei Gedanken nennen, die mir in dem Buch aufgefallen sind.

      1. Seite 42: Allein die Negativität des Risses und des Schmerzes erhält den Geist lebendig.
      2. Seite 96: Jeder tiefen Erfahrung, jeder tiefen Erkenntnis wohnt die Negativität der Verletzung inne.

      Vielleicht werden manche Philosophen nur deswegen nicht zu großen Denkern, weil sie nicht oft genug verletzt wurden und deshalb nicht genügend Schmerz erfahren haben?
      Jeder Leser wird eine andere Zitatensammlung anbieten, weswegen ich spannend finde, wenn solche Sammlungen angeboten werden.

      Die beiden von dir gebrachten Passagen haben eine existenzielle Tendenz, die mir durchaus sympathisch ist. In Not- und Kriegszeiten müsste es jedoch deutlich mehr Philosophen geben, als da sind, würde sich das Philosoph-Sein allein an der Erfahrung von Verletzung und Schmerz entzünden. Ich vermute deswegen, es braucht eine weitere Komponente, nämlich, um in Byung-Chul Hans Duktus zu sprechen, die Positivität des Umgangs mit Verletzung und Schmerz aus einem schon vorher starken Geist.
      "Wir sind auf dem Weg ins Mittelalter" (Schulleiterin einer Brennpunktschule in Berlin). — "Die wollen mich weghaben" (Merkel unter vier Augen zu Seehofer)." — Die Party ist nun vorbei.
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      novon schrieb:

      Fliege schrieb:

      S. 13: "Die globale Kommunikation lässt nur gleiche Andere oder andere Gleiche zu."
      Öhm... Versteh ich nicht. Inwiefern wären denn immanent verschiedene Einschränkungen wirksam, je nachdem wo sich derjenige befindet, mit dem ich gerade kommuniziere? Oder wofür steht "global" hier?
      Byung-Chul Han erläutert, was er meint, so: "Das Netz verwandelt sich heute in einen besonderen Resonanzraum, in eine Echokammer, aus der jede Andersheit, jede Fremdheit eliminiert ist. Die wirkliche Resonanz setzt die Nähe des Anderen voraus. Heute weicht die Nähe des Anderen der Abstandslosigkeit des Gleichen. Die globale Kommunikation lässt nur gleiche Andere oder andere Gleiche zu" (S. 13).
      "Wir sind auf dem Weg ins Mittelalter" (Schulleiterin einer Brennpunktschule in Berlin). — "Die wollen mich weghaben" (Merkel unter vier Augen zu Seehofer)." — Die Party ist nun vorbei.
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      Fliege schrieb:

      novon schrieb:

      Fliege schrieb:

      S. 13: "Die globale Kommunikation lässt nur gleiche Andere oder andere Gleiche zu."
      Öhm... Versteh ich nicht. Inwiefern wären denn immanent verschiedene Einschränkungen wirksam, je nachdem wo sich derjenige befindet, mit dem ich gerade kommuniziere? Oder wofür steht "global" hier?
      Byung-Chul Han erläutert, was er meint, so: "Das Netz verwandelt sich heute in einen besonderen Resonanzraum, in eine Echokammer, aus der jede Andersheit, jede Fremdheit eliminiert ist. Die wirkliche Resonanz setzt die Nähe des Anderen voraus. Heute weicht die Nähe des Anderen der Abstandslosigkeit des Gleichen. Die globale Kommunikation lässt nur gleiche Andere oder andere Gleiche zu" (S. 13).
      Macht im Sinne der KP wohl sicherlich Sinn. Was hätte es mit der Elimination von "Andersheit"/"Fremdheit" konkret auf sich?
      Hattest du meine Nachfrage beantwortet?
      Gruß,
      n0\/0n

      deutsch.
      think, tank.
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      Fliege schrieb:

      In Not- und Kriegszeiten müsste es jedoch deutlich mehr Philosophen geben, als da sind, würde sich das Philosoph-Sein allein an der Erfahrung von Verletzung und Schmerz entzünden. Ich vermute deswegen, es braucht eine weitere Komponente, nämlich, um in Byung-Chul Hans Duktus zu sprechen, die Positivität des Umgangs mit Verletzung und Schmerz aus einem schon vorher starken Geist.
      Ja, das stimmt wohl, allerdings m. E. mit zwei Einschränkungen. Erstens ist in Not- und Krisenzeiten ja nicht garantiert, daß genau, diejenigen persönliches Leid erfahren, die das Zeug zum Philosophen haben, und zweitens meine ich, daß man Verletzung und Schmerz nicht nur in der Philosophie philosophisch verarbeiten kann, sondern z. B. auch in der Literatur.
      In jedem Fall ist nicht nur der Schmerz wichtig, sondern eben auch der starke Geist, der diesen Schmerz in etwas Positives verwandeln kann.
      Man weiß nie genug, und vielleicht ist genau dieser Mensch, dem ich gerade begegne, der Engel, der mir die Augen öffnet.
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      HumbleThinker schrieb:

      Fliege schrieb:

      In Not- und Kriegszeiten müsste es jedoch deutlich mehr Philosophen geben, als da sind, würde sich das Philosoph-Sein allein an der Erfahrung von Verletzung und Schmerz entzünden. Ich vermute deswegen, es braucht eine weitere Komponente, nämlich, um in Byung-Chul Hans Duktus zu sprechen, die Positivität des Umgangs mit Verletzung und Schmerz aus einem schon vorher starken Geist.
      Ja, das stimmt wohl, allerdings m. E. mit zwei Einschränkungen. Erstens ist in Not- und Krisenzeiten ja nicht garantiert, daß genau, diejenigen persönliches Leid erfahren, die das Zeug zum Philosophen haben, und zweitens meine ich, daß man Verletzung und Schmerz nicht nur in der Philosophie philosophisch verarbeiten kann, sondern z. B. auch in der Literatur.
      In jedem Fall ist nicht nur der Schmerz wichtig, sondern eben auch der starke Geist, der diesen Schmerz in etwas Positives verwandeln kann.
      Ja, die Literaten sollten nicht vergessen werden. Der französische Existenzialismus war jedenfalls als schöne Literatur, wie ich finde, wirkmächtiger und bedeutender als als philosophischer Wälzer a la Sartres Sein und Nichts.
      "Wir sind auf dem Weg ins Mittelalter" (Schulleiterin einer Brennpunktschule in Berlin). — "Die wollen mich weghaben" (Merkel unter vier Augen zu Seehofer)." — Die Party ist nun vorbei.