Kausale Analyse von "wissen"

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    • Kausale Analyse von "wissen"

      Ich verstehe Alvin Goldmans eigenes Argument gegen seine kausale Analyse des Begriffs „wissen“ nicht ("Discrimination and Perceptual Knowledge").
      „Henry has not encountered any facsimiles [gemeint sind Fake-Scheunen aus Pappe]; the object he sees is a genuine barn. But if the object on that site were a facsimile, Henry would mistake it for a barn. Given this new information, we would be strongly inclined to withdraw the claim that Henry knows the object is a barn. […]
      My old causal analysis cannot handle the problem either. Henry’s belief that the object is a barn is caused by the presence of the barn; indeed, the causal process is a perceptual one. Nonetheless, we are not prepared to say, in the second version, that Henry knows.”
      Ist das nicht ein Missverständnis der kausalen Analyse, nach der <a weiß, dass p, wenn p verursacht, dass a glaubt, dass p>?
      In dem Beispiel ist a’s Glauben, dass das Objekt eine Scheune ist, dadurch mitverursacht, dass es eine Scheune ist; doch im Fall der Scheune-Attrappe ist sein Glauben, dass es eine Scheune ist, nicht dadurch mitverursacht, dass es eine Scheune ist (denn es ist ja keine Scheune), und deswegen kein Wissen.
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    • Es scheint, dass Goldman sehr hohe Ansprüche an Wissen stellt. Nur, wenn Henry sich nicht darin täuschen kann, ob es eine Scheune ist, oder nicht, wäre dies nach ihm echtes Wissen (falls ich das recht verstanden habe): "a weiß, dass p, wenn p und nur p verursacht, dass a glaubt, dass p".

      Viele Menschen würden eher sterben als denken. Und in der Tat: Sie tun es. (Bertrand Russell)
      Any philosophy that can be put in a nutshell belongs in one. (Hilary Putnam)
    • Wenn er es so verstünde, würde es mich wundern, weil er in einem älteren Aufsatz ("A Causal Theory of Knowing"), dem 'Gründungsaufsatz' der kausalen Analyse, Beispiele für kausale Verbindungen bringt, in die "background propositions" einfließen.
      Und wann ist es schon so, dass NUR p verursacht, dass a glaubt, dass p? Dergleichen kommt wohl nie vor, oder? Denn man hat es ja eigentlich immer mit sehr komplexen kausalen Feldern zu tun. Aber deutlich wird: Der Teufel steckt in der Kausalität, wie meistens. Ich fände es allerdings ganz schön, wenn die kausale Verbindung zwischen p und dem Glauben, dass p, als wesentlicher Bestandteil von Wissen, dass p, erhalten bliebe. Ist das nicht nach wie vor plausibel?
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    • kunnukun schrieb:

      Ich verstehe Alvin Goldmans eigenes Argument gegen seine kausale Analyse des Begriffs „wissen“ nicht ("Discrimination and Perceptual Knowledge").
      „Henry has not encountered any facsimiles [gemeint sind Fake-Scheunen aus Pappe]; the object he sees is a genuine barn. But if the object on that site were a facsimile, Henry would mistake it for a barn. Given this new information, we would be strongly inclined to withdraw the claim that Henry knows the object is a barn. […]
      My old causal analysis cannot handle the problem either. Henry’s belief that the object is a barn is caused by the presence of the barn; indeed, the causal process is a perceptual one. Nonetheless, we are not prepared to say, in the second version, that Henry knows.”
      Ist das nicht ein Missverständnis der kausalen Analyse, nach der <a weiß, dass p, wenn p verursacht, dass a glaubt, dass p>?
      In dem Beispiel ist a’s Glauben, dass das Objekt eine Scheune ist, dadurch mitverursacht, dass es eine Scheune ist; doch im Fall der Scheune-Attrappe ist sein Glauben, dass es eine Scheune ist, nicht dadurch mitverursacht, dass es eine Scheune ist (denn es ist ja keine Scheune), und deswegen kein Wissen.
      Alvin Goodman startete 1967 mit einer kausalen Analyse von Glauben und Wissen in seinem Aufsatz "A Causal Theory of Knowing". Der Aufsatz "Discrimination and Perceptual Knowledge" folgte 1976 und brachte insofern eine Modifikation, als Goodmannun ergänzend zur Kausalverknüpfung eine Zusatzbedingung einführte, wonach der Glaubende/Wissende ein reliable discriminator sein soll, der sich kein X für ein U vormachen lässt.

      Dein Eindruck, "ist das nicht ein Missverständnis der kausalen Analyse", scheint mir zutreffend, denn diese Zusatzbedingung hebelt, so meine ich, eine kausale Theorie des Wissens aus, weil unklar bleibt, auf welchem Sonderweg jemand ein reliable discriminator werden kann.
      Kurt Tucholsky: "Im übrigen gilt ja hier derjenige, der auf den Schmutz hinweist, für viel gefährlicher als der, der den Schmutz macht". — Werner Weber: "Ihre Sprache dient nicht der Darstellung, sondern der Vorstellung". — Heinrich Heine: "Sie tr(i)nken heimlich Wein und predig()en öffentlich Wasser". — Thomas Bernhard: "Ab und zu hat der Denkende die Pflicht, in das Weltgeschehen einzugreifen".
    • Fliege schrieb:

      als Goodmannun ergänzend zur Kausalverknüpfung eine Zusatzbedingung einführt, wonach der Glaubende/Wissende ein reliable discriminator sein soll, der sich kein X für ein U vormachen lässt
      (Goldman!) Ich wünsche mir, dass er es als Ergänzung meinte.

      Fliege schrieb:

      diese Zusatzbedingung hebelt, so meine ich, eine kausale Theorie des Wissens aus
      OK, ich gehe dem nach.
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    • https://plato.stanford.edu/entries/knowledge-analysis/hilft mir nicht: “Do approaches like Simple K-Reliabilism or the Simple Causal Theory fare any better than the JTB theory with respect to Gettier cases? Although some proponents have suggested they do—see e.g., Dretske 1985: 179; Plantinga 1993: 48—many of the standard counterexamples to the JTB theory appear to refute these views as well. Consider again the case of the barn facades. Henry sees a real barn, and that’s why he believes there is a barn nearby. This belief is formed by perceptual processes, which are by-and-large reliable: only rarely do they lead him into false beliefs. So it looks like the case meets the conditions of Simple K-Reliabilism just as much as it does those of the JTB theory. It is also a counterexample to the causal theory, since the real barn Henry perceives is causally responsible for his belief. There is reason to doubt, therefore, that shifting from justification to a condition like reliability will escape the Gettier problem.[26] Gettier cases seem to pose as much of a problem for K-reliabilism and causal theories as for the JTB account. Neither theory, unless amended with a clever “degettiering” clause, succeeds in stating sufficient conditions for knowledge.” [JTB:justified true belief]

      “It is also a counterexample to the causal theory, since the real barn Henry perceives is causally responsible for his belief.” Wenn die Scheune eine echte Scheune ist, weiß derjenige, der auch dann glaubt, sie sei eine Scheune, wenn sie ein Fake ist, NICHT, dass sie eine Scheune ist, weil die von Goldman geforderte Diskrimination fehlt. Meinetwegen. Aber wenn er weiß, dass sie eine Scheune ist, trägt, dass sie eine Scheune ist, kausal zu seinem Glauben bei.
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    • Ja, Goldman. :)
      Hast du den Aufsatz "Discrimination and Perceptual Knowledge" vorliegen?
      Andernfalls müsste ihn jemand besorgen.
      Kurt Tucholsky: "Im übrigen gilt ja hier derjenige, der auf den Schmutz hinweist, für viel gefährlicher als der, der den Schmutz macht". — Werner Weber: "Ihre Sprache dient nicht der Darstellung, sondern der Vorstellung". — Heinrich Heine: "Sie tr(i)nken heimlich Wein und predig()en öffentlich Wasser". — Thomas Bernhard: "Ab und zu hat der Denkende die Pflicht, in das Weltgeschehen einzugreifen".
    • kunnukun schrieb:

      “It is also a counterexample to the causal theory, since the real barn Henry perceives is causally responsible for his belief.” Wenn die Scheune eine echte Scheune ist, weiß derjenige, der auch dann glaubt, sie sei eine Scheune, wenn sie ein Fake ist, NICHT, dass sie eine Scheune ist, weil die von Goldman geforderte Diskrimination fehlt. Meinetwegen. Aber wenn er weiß, dass sie eine Scheune ist, trägt, dass sie eine Scheune ist, kausal zu seinem Glauben bei.
      Gerade deswegen, nehme ich an. Der Fall erfüllt die Bedingung der Kausaltheorie, etabliert aber nach G. trotzdem nicht ein Wissen. Danach wäre sie gescheitert. Allerdings beruft sich G wahrscheinlich nur auf seine Intuition, was er als Wissen ansieht. In solchen Fällen empfiehlt sich die experimentelle Philosophie von Joshua Knobe, der löst solche Fragestellungen u. a. durch Umfragen :)

      Viele Menschen würden eher sterben als denken. Und in der Tat: Sie tun es. (Bertrand Russell)
      Any philosophy that can be put in a nutshell belongs in one. (Hilary Putnam)
    • "An alternative that disqualifies a true perceptual belief from being perceptual knowledge must be a 'perceptual equivalent' of the actual state of affairs." Bei dem Diskriminationsvermögen, das Goldman von Wissen erwartet, frage ich mich, was von seinem alten Faktor der Kausalität für ihn 1976 bleibt. Immerhin schreibt er gleich am Anfang:
      Like an earlier theory I proposed, the envisaged theory would seek to explicate the concept of knowledge by reference to the causal processes that produce (or sustain) belief. Unlike the earlier theory, however, it would abandon rhe requirement that a knower's belief that p be causally connected with the fact, or state of affairs, that p."
      Häh?
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    • kunnukun schrieb:

      "An alternative that disqualifies a true perceptual belief from being perceptual knowledge must be a 'perceptual equivalent' of the actual state of affairs." Bei dem Diskriminationsvermögen, das Goldman von Wissen erwartet, frage ich mich, was von seinem alten Faktor der Kausalität für ihn 1976 bleibt. Immerhin schreibt er gleich am Anfang:
      Like an earlier theory I proposed, the envisaged theory would seek to explicate the concept of knowledge by reference to the causal processes that produce (or sustain) belief. Unlike the earlier theory, however, it would abandon rhe requirement that a knower's belief that p be causally connected with the fact, or state of affairs, that p."
      Das frage ich mich auch, wobei es mir so zu sein scheint, dass Goldman sein früheres Konzept der kausalen Analyse verwirft, obgleich er den Eindruck zu erwecken versucht, es würde sich um eine Modifikation seines früheren Konzeptes der kausalen Analyse handeln.
      Kurt Tucholsky: "Im übrigen gilt ja hier derjenige, der auf den Schmutz hinweist, für viel gefährlicher als der, der den Schmutz macht". — Werner Weber: "Ihre Sprache dient nicht der Darstellung, sondern der Vorstellung". — Heinrich Heine: "Sie tr(i)nken heimlich Wein und predig()en öffentlich Wasser". — Thomas Bernhard: "Ab und zu hat der Denkende die Pflicht, in das Weltgeschehen einzugreifen".
    • kunnukun schrieb:

      Hoffentlich ergibt sich ein 'wahrer Kern'. Oder eher: Ich glaube an einen wahren Kern, und der ist auch der Kern einer modernen Kritik des Buchglaubens.
      Eine kausale Verbindung zwischen p und glauben, dass p braucht keine notwendige und hinreichende Bedingung für Wissen sein (wie zunächst 1967 von Goldmann angenommen), es genügt, dass es sich um eine notwendige Bedingung handelt (wobei eine solche kausale Verbindung auch lang sein kann wie beispielsweise die von der Entstehung der Erde bis zu heutigen Menschen).

      Verifikationisten (und viele analytische Philosophen sind Verifikationisten) wünschen sich notwendige und hinreichende Bedingungen, doch Wünsche gehen mitunter (wie in diesem Fall) nicht in Erfüllung.
      Kurt Tucholsky: "Im übrigen gilt ja hier derjenige, der auf den Schmutz hinweist, für viel gefährlicher als der, der den Schmutz macht". — Werner Weber: "Ihre Sprache dient nicht der Darstellung, sondern der Vorstellung". — Heinrich Heine: "Sie tr(i)nken heimlich Wein und predig()en öffentlich Wasser". — Thomas Bernhard: "Ab und zu hat der Denkende die Pflicht, in das Weltgeschehen einzugreifen".
    • Fliege schrieb:

      Verifikationisten (und viele analytische Philosophen sind Verifikationisten) wünschen sich notwendige und hinreichende Bedingungen schriftlich darlegen zu können(von mir), doch Wünsche gehen mitunter (wie in diesem Fall) nicht in Erfüllung.
      Denn Verifikationisten wissen ja, was der Fall ist und was nicht. Es ist nur recht schwer diese Bedingungen, die sich durch den wahren Kern ergeben, schriftlich darzulegen.
      Das Universum ist nicht-mathematisch.
      Die Phänomenologie basiert in Gänze auf Thetik. Die organische Philosophie trifft besser, was es zu treffen gilt.
      Das System als Ursprung des menschlichen Daseins ist Ausgangspunkt aller Philosophie.
      Das Grundübel liegt darin, dass "Gott" als ein Begriff mit Inhalt verstanden wird, statt als eines Begriffes dessen Inhalt eine inhaltsleere Worthülse ist
    • Groot schrieb:

      schwer diese Bedingungen, die sich durch den wahren Kern ergeben, schriftlich darzulegen.
      Das Unterfangen ist mühselig, wie man an Goldmans Text merkt. Und es hat immer Gegenbeispiele gegeben (wie der Stanford-Artikel zeigt, s.o. Nr. 6). "wissen" ist ein Alltagskonzept und von daher natürlich mit Vagheit und Familienähnlichkeiten verbunden. Aber was soll's? Wissen ist etwas anderes als ein Tisch und auch etwas anderes als Glauben. Deshalb hat das Unterfangen eine Berechtigung.
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    • kunnukun schrieb:

      Fliege schrieb:

      genügt, dass es sich um eine notwendige Bedingung handelt
      Reicht mir für gewisse Zwecke.
      Das denke ich auch, denn wenn ein Mohammedaner sein angebliches Wissen über Gott nicht durch eine kausale Verbindung mit Gott (notwendige Bedingung) erläutern kann, etwa weil der Bezugsweg blockiert ist oder Gott gar nicht existiert, dann steht der Mohammedaner nackt da.
      Kurt Tucholsky: "Im übrigen gilt ja hier derjenige, der auf den Schmutz hinweist, für viel gefährlicher als der, der den Schmutz macht". — Werner Weber: "Ihre Sprache dient nicht der Darstellung, sondern der Vorstellung". — Heinrich Heine: "Sie tr(i)nken heimlich Wein und predig()en öffentlich Wasser". — Thomas Bernhard: "Ab und zu hat der Denkende die Pflicht, in das Weltgeschehen einzugreifen".
    • Fliege schrieb:

      dann steht der Mohammedaner nackt da.
      Da die Nichtexistenz von Göttern oder anderen Fantasiegebilden sich so schwer nachweisen lässt, könnte unser Mohammedaner auf das Feigenblatt zurückgreifen, dass er es zwar nicht weiß, aber trotzdem mit seinem Glauben ins Schwarze treffen kann. Dieses Feigenblatt muss er allerdings mit dem Juden und Christen teilen. Lauter Nackerte und nur ein Feigenblatt!

      Viele Menschen würden eher sterben als denken. Und in der Tat: Sie tun es. (Bertrand Russell)
      Any philosophy that can be put in a nutshell belongs in one. (Hilary Putnam)