Hegel denken

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    • Hegel denken

      In diesem Trend soll ein “neues Format” ausprobiert werden: wir hören und diskutieren zusammen eine Vorlesung. Gegenstand der Vorlesung von Prof. Dr. Petra Gehring ist die Philosophie Hegels.

      Einige Vorbemerkungen, was den geplanten Diskussionsstil und Ablauf in diesem Thread betrifft:
      Das Gedanken Hegels sind - so Gehring - wichtig, abenteuerlich, provozierend … und natürlich auch problematisch. Hegels Gedanken, die so wirkmächtig waren und sind, nachzuvollziehen erfordert (wie bei jedem anderen Philosophen auch) zuvorderst eigene Denkarbeit. Vieles mag einem (laut Gehring) zunächst fremd - vielleicht sogar abwegig - erscheinen.

      Daher ist in diesem Thread gefordert, wie in der Philosophie eigentlich generell, sich nicht vorschnell den eigenen Vorurteilen hinzugeben, sondern den Gedanken im kritischen Nachvollziehen überhaupt erst mal eine Chance zu geben. Gehring spricht vom “Hineinhören” ... wie bei einer Musik, die einem zunächst fremd erscheint. Ziel ist es also, sich dem “Unerhörte” zu öffnen und, wie sich Gehring ausdrückt, “probehalber” in Hegels Denken einzutauchen.

      Ziel ist also nicht etwa, nach Zitaten Ausschau zu halten, die einem besonders schräg vorkommen, um sich über Hegels Sprache und Denken zu mokieren.

      Die Vorlesung besteht aus 16 Sitzungen. Ich schlage (bis auf weiteres) einen Wochentakt vor. Jeweils Montags startet die Diskussion über eine neue Vorlesung. Das Hören der Vorlesungen ist eine verbindliche Voraussetzung für die Teilnahme am Thread.

      Wer mitmachen will, sollte unbedingt bereit sein, einen Dialog zu führen. Im Grunde geht es darum gemeinsam am Thema zu arbeiten. Die eigene Positionen soll man begründen können und möglichst auf Fragen und sachhaltige kritische Einwände nachvollziehbar eingehen. Sture Wiederholungen der eigenen Position ohne jede Rücksicht auf vorgebrachte Argumente sind daher ein "no go". Das Gleiche gilt für reine Zitate oder Zitatsammlungen ohne konkreten Bezug zu den vorherigen Beiträgen, dem Thema und ohne weiterführende Erläuterungen.

      Die Vorlesung findet man hier: openlearnware.tu-darmstadt.de/collection/hegel-denken-17

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    • Jetzt folgt die Zusammenfassung der ersten Vorlesung. Ich hab sie parallel zur Zusammenfassung von Gehring Vorlesung ins Gerät diktiert. Das heißt, es sind zwar (zum Teil) meine eigenen Worte, aber sie versuchen recht dicht an der Zusammenfassung von Petra Gehring zu bleiben. Fehler korrigiere ich gerne.
      1. Hegel denken. Unter dieser Überschrift soll es nicht um einen Autor, sondern um sein Denken gehen. Zugleich geht es in dieser Vorlesung nicht um Informationen die sich gleichsam als einfache Informations-Portionen konsumieren lassen. Sondern es geht um eine allmähliche Erschließung, um einen Prozess in der Zeit, der Arbeit macht. Hegels Philosophie ist kein gesicherter Bestand, kein fertig vorliegender Gegenstand, sie fordert Eigenaktivität, eben das Denken und dieses wiederum heißt sich einlassen - vielleicht auf einen abenteuerlichen Prozess, der viel mit lesender Labortätigkeit zu tun hat.
      2. Hegel gehört ins Philosophiestudium und überhaupt aufs Programm. Allerdings nicht einfach, weil er als großer Philosoph einfach zum Kanon gehört. Oder etwa weil man über Hegel etwas wissen muss. Auch nicht bloß, weil das eine oder andere aus Hegels Theorie heute noch aktuell ist oder heute noch verwendbar wäre, sondern weil Hegels Philosophie insgesamt so etwas wie einen Einschnitt in der Philosophie bedeutet, eine unerledigte Sache. Eine unerledigte Herausforderung für das moderne Denken. Hegels Texte provozieren uns auf Augenhöhe. Ihnen muss man sich stellen. Man kann jedoch nicht einfach abschließend sagen, wie es sich mit ihnen Verhältnis, selbst die Hegel-Forschung kann das nicht. An Hegel wird auch heute noch entlang diskutiert gleichsam wie am ersten Tag nach der Veröffentlichung seiner Werke.
      3. Hegel ist schwer zu lesen, aber er ist lesbar. Allerdings fordert die Arbeit Hegel denken zu wollen, gerade auch am Text ein Mitmachen. Hegel zu verstehen kommt nicht einfach so, vielmehr fordert Hegels Sprachverwendung auf Seiten des Lesers Arbeit. Die Texte fordern dies nicht, weil Hegel unnötig schwierig schriebe, sondern weil das zu Denkende auf der einen Seite ungewohnt ist und auf der anderen Seite in die schwierige Sprache eingelassen ist. Man kann dieses zu Denkende nicht ohne das schnelle und das langsame durch die Sätze und ohne das mehrfache Lesen haben.
      4. Fragen wir nach dem historischen Kontext der Arbeit, dann finden wir das, was man bereits zur Zeit Hegels als eine Epoche die Revolutionen der Umbrüche und der Veränderung erfahren haben muss. Und was man im Nachhinein eine Epochenschwelle nennen muss. Dazu gehören die französische Revolution und die historischen Bedingungen in Deutschland zu dieser Zeit, die darauf reagiert haben. Neben diesen historischen Bedingungen gehört natürlich auch Kant zum historischen Kontext und und zugleich die Bewegung der Romantik, die in vielem einen Kontrast zu Kant bietet.
      5. Das sogenannte älteste Systemprogramm des deutschen Idealismus ist in diesem Spannungsfeld positioniert. Es bietet bei weitem keine ausgearbeitet Theorie. Aber es bündelt wichtige Motive. Einerseits die romantischen Motive zu einem frühen Zeitpunkt und auf der anderen Seite Hegels frühe und weitreichende Ambition. Es geht Hegel nichts weniger als um eine Neugründung der Philosophie und der Gesellschaft im Ganzen. Und ebenso der Naturauffassung bis hin zur Physik. Es geht Hegel in diesen Fragen um eine Neu(bei)gründung der gesamten Wirklichkeit. Dieser Verdacht, dass wir es hier mit einem ungeheuren Anspruch zu tun haben wird sich hoffentlich mit der weiteren Lektüre verstärken. Offen muss zunächst bleiben, ob Hegel diesen Anspruch auch einlösen kann.

      Dieser Beitrag wurde bereits 1 mal editiert, zuletzt von _its_not_me_ ()

    • Ad Deinem Punkt 3, _its_not_me_, ist mir Gehrings Hinweis wichtig gewesen, daß man Hegel sowohl Wort um Wort, Satz um Satz lesen kann als auch abschnittweise. Bei der Anwendung letzterer Methode wird man, so Gehrings Ausdruck, oft erst einmal nur "ahnen", was Hegel meinen könnte. Da ich bisher aus Sicherheitsgründen eher immer Methode 1 bevorzugt habe (siehe beispielsweise Adorno) war mir Gehrings Tipp eine Ermutigung, es mit Hegel auch mal anders zu versuchen.
    • Damit keiner danach suchen muss :) Das sog. "älteste Systemprogramm des deutschen Idealismus" wird ca. ab Minute 45 behandelt. Quelle mir kurzem Kommentar > HIER

      vermutlich Hegel schrieb:

      eine Ethik. Da die ganze Metaphysik künftig in die Moral fällt – wovon Kant mit seinen beiden praktischen Postulaten nur ein Beispiel gegeben, nichts erschöpft hat –, so wird diese Ethik nichts anderes als ein vollständiges System aller Ideen oder, was dasselbe ist, aller praktischen Postulate sein. Die erste Idee ist natürlich die Vorstellungvon mir selbst als einem absolut freien Wesen. Mit dem freien, selbstbewußten Wesen tritt zugleich eine ganze Welt – aus dem Nichts hervor – die einzig wahre und gedenkbare Schöpfung aus Nichts. – Hier werde ich auf die Felder der Physik herabsteigen; die Frage ist diese: Wie muß eine Welt für ein moralisches Wesen beschaffen sein? Ich möchte unserer langsamen, an Experimenten mühsam schreitenden Physik einmal wieder Flügel geben.

      So, wenn die Philosophie die Ideen, die Erfahrung die Data angibt, können wir endlich die Physik im Großen bekommen, die ich von späteren Zeitaltern erwarte. Es scheint nicht, daß die jetzige Physik einen schöpferischen Geist, wie der unsrige ist oder sein soll, befriedigen könne.

      Von der Natur komme ich aufs Menschenwerk. Die Idee der Menschheit voran, will ich zeigen, daß es keine Idee vom Staat gibt, weil der Staat etwasMechanisches ist, so wenig als es eine Idee von einer Maschine gibt. Nur was Gegenstand derFreiheit ist, heißt Idee. Wir müssen also auch über den Staat hinaus! – Denn jeder Staat muß freie Menschen als mechanisches Räderwerk behandeln; und das soll er nicht; also soll eraufhören. Ihr seht von selbst, daß hier alle die Ideen, vom ewigen Frieden u.s.w. nuruntergeordnete Ideen einer höheren Idee sind: Zugleich will ich hier die Prinzipien für eineGeschichte der Menschheit niederlegen und das ganze elende Menschenwerk von Staat, Verfassung, Regierung, Gesetzgebung bis auf die Haut entblößen. Endlich kommen die Ideen von einer moralischen Welt, Gottheit, Unsterblichkeit, – Umsturz alles Afterglaubens, Verfolgung des Priestertums, das neuerdings Vernunft heuchelt, durch die Vernunft selbst. – Absolute Freiheit aller Geister, die die intellektuelle Welt in sich tragen und weder Gott noch Unsterblichkeit außer sichsuchen dürfen.


      Zuletzt die Idee, die alle vereinigt, die Idee derSchönheit, das Wort in höherem platonischen Sinne genommen. Ich bin nun überzeugt, daß der höchste Akt der Vernunft, der, indem sie alle Ideen umfaßt, ein ästhetischer Akt ist und daß Wahrheit und Güte nur in der Schönheit verschwistert sind. Der Philosoph muß ebensoviel ästhetische Kraft besitzen als der Dichter. Die Menschen ohne ästhetischen Sinn sind unsere Buchstabenphilosophen. Die Philosophie des Geistes ist eine ästhetische Philosophie. Man kann in nichts geistreich sein, selbst über Geschichte kann man nicht geistreich raisonnieren – ohne ästhetischen Sinn. Hier soll offenbar werden, woran es eigentlich den Menschen fehlt, die keine Ideen verstehen – und treuherzig genug gestehen, daß ihnen alles dunkel ist, sobald es über Tabellen und Register hinausgeht.

      Die Poesie bekommt dadurch eine höhere Würde, sie wird am Ende wieder, was sie am Anfang war –Lehrerin der Menschheit; denn es gibt keine Philosophie, keine Geschichte mehr, die Dichtkunst allein wird alle übrigen Wissenschaften und Künste überleben.
      Zu gleicher Zeit hören wir so oft, der große Haufen müsse eine sinnliche Religion haben. Nicht nur der große Haufen, auch der Philosoph bedarf ihrer. Monotheismus der Vernunft und des Herzens, Polytheismus der Einbildungskraft und der Kunst, dies ist's, was wir bedürfen!

      Zuerst werde ich hier von einer Idee sprechen, die, soviel ich weiß, noch in keines Menschen Sinn gekommen ist – wir müssen eine neue Mythologie haben, diese Mythologie aber muß im Dienste der Ideen stehen, sie muß eine Mythologie derVernunft werden.
      Ehe wir die Ideen ästhetisch, d. h. mythologisch machen, haben sie für das Volk kein Interesse; und umgekehrt, ehe die Mythologie vernünftig ist, muß sich der Philosoph ihrer schämen. So müssen endlich Aufgeklärte und Unaufgeklärte sich die Hand reichen, die Mythologie muß philosophisch werden und das Volk vernünftig, und die Philosophie muß mythologisch werden, um die Philosophen sinnlich zu machen. Dann herrscht ewige Einheit unter uns. Nimmer der verachtende Blick, nimmer das blinde Zittern des Volks vor seinen Weisen und Priestern. Dann erst erwartet uns gleiche Ausbildung aller Kräfte, des Einzelnen sowohl als aller Individuen. Keine Kraft wird mehr unterdrückt werden. Dann herrscht allgemeine Freiheit und Gleichheit der Geister! – Ein höherer Geist, vom Himmel gesandt, muß diese neue Religion unter uns stiften, sie wird das letzte, größte Werk der Menschheit sein.

      Dieser Beitrag wurde bereits 1 mal editiert, zuletzt von _its_not_me_ ()

    • Warum ist für Hegel die 'Physik seiner Zeit' nicht gut genug?

      _its_not_me_ schrieb:

      vermutlich Hegel schrieb:

      So, wenn die Philosophie die Ideen, die Erfahrung die Data angibt, können wir endlich die Physik im Großen bekommen, die ich von späteren Zeitaltern erwarte. Es scheint nicht, daß die jetzige Physik einen schöpferischen Geist, wie der unsrige ist oder sein soll, befriedigen könne.

      Die 'Physik seiner Zeit' ist eigentlich bloss eine 'Mechanik', d.h. man war damals der Meinung, dass nur das determinierte berechenbar sei. Hegel scheint aber zu ahnen, dass über die Determiniertheit hinaus, Freiheit durch die Physik ermöglicht werden sollte.
      Gehe ich da zu weit?

      P.S.: Falls ich mit meinem Beitrag nicht ins Konzept passe, darf er ohne weiteres gelöscht werden. Danke!
    • Das "älteste Systemprogramm des deutschen Idealismus" verlangt vom Leser nicht nur ein inniges Vertrautsein mit den Werken Kants, Fichtes, Schillers, Rousseaus und anderer Figuren der Zeit, er ist offensichtlich zugleich ganz vom Geist der Französischen Revolution und der (neuen?) Freiheit beseelt.

      Der Text fordert uns aber nicht nur deshalb, sondern zudem, weil er viele “Vokabeln” nutzt, die heute nicht mehr so gängig sind oder in derselben Weise genutzt werden, wie vielleicht vor zweihundert Jahren. Es scheint so, als seien wir keine Zeitgenossen des Autors ...

      Am ehesten kann ich für meinen Teil etwas mit folgender Formel anfangen: “Monotheismus der Vernunft und des Herzens, Polytheismus der Einbildungskraft und der Kunst, dies ist's, was wir bedürfen!” Ich lese das (bis auf weiteres) als eine Forderung nach einer Vielfalt der Wissensformen.

      Als Kontrastfolie bietet sich vielleicht folgendes an, zufällig habe ich einen Text John Searles neben mir liegen, dort schreibt dieser: “Die endgültige Wirklichkeit, um mich einer eher feierlichen Ausdrucksweise zu bedienen, ist die Wirklichkeit, die in der Chemie und der Physik beschrieben wird. Es ist die Wirklichkeit einer Welt, die aus Entitäten besteht, die wir der Bequemlichkeit halber - wenn auch nicht ganz zutreffend - als »Teilchen« bezeichnen, die in Kraftfeldern existieren.” “Die Idee, die [wie Hegel meint] alle vereinigt, die Idee der Schönheit” scheint aus diesem Bild Searls nicht gerade direkt hervor :-) Es scheint vielmehr so, daß auch die heutige Physik einen schöpferischen Geist, wie den Hegels nicht unbedingt befriedigen könnte :-)

      Daher handelt der Text Hegels vermutlich auch nur nebenbei von der Physik, zu der er nur kurz hinabsteigt, um ihr Beine/Flügel zu machen - im Vordergrund stehen das “Menschenwerk” und die Freiheit des Menschen.

      Wir sind heute die Frage gewohnt, wie diese Freiheit überhaupt in die endgültige Wirklichkeit der Chemie und der Physik, wie sie Searle skizziert passt. Der Text Hegels dreht die Frage einfach herum: “Wie muß eine Welt für ein moralisches [=freies] Wesen beschaffen sein?” Vor diesem Hintergrund wird der Einstieg in den Text vielleicht auch verständlich? > Da die ganze Metaphysik künftig in die Moral fällt … Offen bleibt wie dieser Anspruch einzulösen ist.

      Dass diese Frage dringlicher als je ist, dürfte natürlich auch an der Revolution liegen. Safranski schreibt in “Romantik”:

      “Mit der Revolution entsteht zuerst in Frankreich, dann aber überall in Europa ein neues Politikverständnis. Politik, bisher eine Spezialität der Höfe, läßt sich nun als ein Unternehmen verstehen, das man zur Herzensangelegenheit machen kann. Man muß sich die gewaltige Zäsur klarmachen, die diese Explosion des Politischen zur Folge hat. Bei Sinnfragen, für die zuvor die Religion zuständig -war; werden jetzt an die Politik gerichtet; ein Säkularisierungsschub, der die sogenannten >letzten< Fragen in gesellschaftlich-politische verwandelt: Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit sind politische Losungen, die ihre religiöse Herkunft kaum verleugnen.

      Bis zur Französischen Revolution war Geschichte für die meisten ein schicksalhaftes Geschehen, das wie jede Seuche oder Naturkatastrophe über einen hereinbrach. Die Ereignisse von 1789 lassen bei den Zeitgenossen eine verstehende Wahrnehmung von historischen Abläufen in großem Stil entstehen, die sich, synchron zu ihrer Politisierung, beschleunigen. Die Revolutionsarmeen, die Europa überschwemmen, bringen nicht nur das Ende der alten Kabinetts- und Söldnerkriege, darüber hinaus bedeuten die Volksheere, dieser Inbegriff einer waffenstarrenden Nation, daß die Historie auch den kleinen Mann zur Mittäterschaft rekrutiert.”

      Auf der einen Seite sind Sinn und Freiheit gefragt, auf der anderen Seite dank Erstarken der Naturwissenschaften verschwinden beide aus dem Bild. Safranski an anderer Stelle: “Erst die Moderne sieht sich ohne metaphysischen Rückhalt mit der Endlichkeit konfrontiert, sie weiß sich nicht mehr selbstverständlich von einem sinngesättigten Kosmos getragen.”

      In dieser Hinsicht sind wir dann trotz allem doch Hegels Zeitgenossen!

      Wir brauchen ein Bild, das der Tatsache, dass es uns gibt, gerecht wird. Der Text macht all das stark, was im schwarzen Loch eines sinnlosen Universums zu verschwinden droht: Kunst, Mythologie, Ethik, Freiheit, Religion. Wie kann man das retten, ohne in die Vormoderne zurückzufallen? Darüber weiß der Text (noch) nicht viel zu sagen, er beschwört den Paradigmenwechsel mehr als er ihn herbeiführt.
    • Hermeneuticus schrieb:

      die Diskussion sich auf Hegels Texte fokussier[en]
      Nach meinem Gefühl ist es für das Verständnis wichtig, sich zumindest ein grobes Bild dieser wilden 30 Jahre im Gesamten zu machen. Hegel sollte im Fokus sein, aber wir müssen vermutlich doch einiges an Kontext einblenden. Professor Gehring hat schon auf Kant als den gemeinsamen Bezugspunkt der drei Hauptdarsteller Fichte, Schelling und Hegel hingewiesen.
    • _its_not_me_ schrieb:

      Der Text Hegels dreht die Frage einfach herum: “Wie muß eine Welt für ein moralisches [=freies] Wesen beschaffen sein?” Vor diesem Hintergrund wird der Einstieg in den Text vielleicht auch verständlich? > Da die ganze Metaphysik künftig in die Moral fällt … Offen bleibt wie dieser Anspruch einzulösen ist.
      Die blau markierte Bemerkung bezieht sich implizit auf Kant. Der hatte ja mit der KrV gezeigt (oder zeigen wollen), dass eine wissenschaftliche, empirisch prüfbare Metaphysik nicht möglich ist. Dagegen rekonstruiert er traditionelle Gegenstände wie Gott, das Gute, intelligible Wesen wie die Seele... als Postulate der praktischen Vernunft. Als solche sind sie aber keine bloßen Gedankendinge, über die sich wild, aber ohne Relevanz spekulieren lässt. Sondern sie haben, wie Kant gern sagt, eine "praktische Realität". Kant meinte wohl - wie auch später seine Schrift über "Die Religion innerhalb der Grenzen der bloßen Vernunft" vermuten lässt -, dass der Glaube an einen Gott und das absolute Gute der Struktur der menschlichen Vernunft wesensmäßig einbeschrieben seien - als Vernunftideen - und dass diesen daher eine unverzichtbare Funktion für die Verwirklichung eines moralischen Lebens zukomme. - Aber es ist wichtig festzuhalten, dass diese metaphysischen Ideen/Postulate nach Kant für die Begründung der Moral keine Rolle spielten; denn das hätte ja bedeutet, dass die praktische Vernunft des Menschen nicht autonom wäre.

      Um die Vereinbarkeit von Metaphysik (Religion) mit der Autonomie des vernünftigen Subjekts kreist also diese Stelle aus dem "Systemprogramm". Nur kommt dieses Programm noch zu einer ganz anderen Aussicht als der spätere Hegel. Für Hegel wird später charakteristisch sein, dass er die Vermittlung des Absoluten mit der menschlichen Vernunft in der Dialektik zu leisten versucht. Das ist im Systemprogramm noch nicht abzusehen; ihm sieht man an, dass die drei Freunde aus dem Tübinger Stift - Hölderlin, Schelling, Hegel - zum Zeitpunkt seiner Abfassung noch ganz unter dem begeisterten Eindruck ihrer Kant-Lektüre standen.
    • Das freut mich, dass sich hier schon einige Interessierte mit Hermeneuticus, Friederike und Alltag eingefunden haben. Ich denke, dass die Vorlesung von Gehring sowohl für Hegelkenner als auch für Hegel-Neulinge interssante Einsichten bieten kann. Sie geht,soweit ich das bis jetzt überblicke nicht ganz chronologisch vor, orientiert sich aber doch an den Werken Hegels.

      Ich hatte ja schon mal vorgeschlagen, dass wir uns zu jeder Vorlesung auf ein paar Punkte einigen könnten, die wir vertiefen wollen. Das ist aber nur ein Vorschlag. Ich fände das gut, da wir damit das weite Themenfeld doch etwas eingrenzen und die Diskussion fokussieren könnten. Welche Punkte das sind, könnte in dem Modus entschieden werden, dass jeder einen Punkt vorschlägt oder zu jeder Vorlesung zwei einen Punkt vorschlagen dürfen reihum.

      Was haltet ihr von der Idee?
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      "Volksverhetzung ist keine Meinung. Hass ist keine politische Position"
    • Ich hatte auch schon überlegt, ob wir einen zweiten Thread machen, der eine Art Begriffslexikon werden soll. Das ist zwar ein überaus ambitioniertes Unterfangen, aber könnte - obwohl es wahrscheinlich zum Scheitern verurteilt ist - dennoch hilfreich sein :)

      Oben sind schon viele Begriff genutzt worden, die man zumindest grob klären sollte. Ich selbst würde zum Beispiel nur in seltenen Ausnahmefällen Metaphysik mit Religion gleichsetzen. Ob Hegel das darunter versteht, wird sich vielleicht im Lauf der Vorlesung klären.
    • Ein Problem bei so einem Begriffslexikon ist tatsächlich, dass die Begriffe bei Hegel oft Äquivokationen darstellen. Es gibt je nach Kontext andere Bedeutungen und man kann die Bedeutung nicht unabhängig vom Kontext festlegen. Zudem scheint die feste Definition von Begriffen der Bewegung des Begriffs geradezu entgegen gesetzt. ;)

      Aber man könnte das ja vielleicht in einem Begriffslexikon berücksichtigen, indem man die Begriffe für verschiedene Kontexte erklärt und dies dann dort sammelt und vergleicht.
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      "Volksverhetzung ist keine Meinung. Hass ist keine politische Position"
    • Ich weiß nicht, wann ich die Woche dazu komme, was zu schreiben, wahrscheihnlich frühestens morgen abend. Aber für den Fall, dass die anderen den Vorschlag mit den Punkten, die wir vertiefen wollen, gut finden und dem zustimmen, gebe ich schon mal mein Votum ab:

      Ich finde den Punkt, wie Hegel zu lesen sei, spannend. Ich habe den Text von Adorno "Skoteinos oder wie zu lesen sei", den Gehring zitiert, zu Hause. Skoteinos ist wohl ein Bezeichnung von Heraklit und bedeutet so viel wie der "Düstere". Der Vorschlag, den Gehring von Adorno übernimmt, könnten wir diskutieren und z.B. erörtern inwieweit dies nur auf Hegel oder auf philosophische Texte im Allgemeinen zutrifft.
      ERKLÄRUNG AN DAS FORUM
      "Volksverhetzung ist keine Meinung. Hass ist keine politische Position"
    • Ich schlage vor, den Zusammenhang der farbig markierten Begriffe zu thematisieren und diskutieren. Dabei könnten wir uns dem "damaligen Weltbild der Autorenschaft" /1/ und dem ihren Zeitgenossen /2/ annähern.
      [...] Die erste Ideeist natürlich die Vorstellung von mir selbst als einem absolut freien Wesen. Mitdem freien, selbstbewußten Wesen tritt zugleich eine ganze Welt – aus dem Nichts hervor – die einzig wahre und gedenkbare Schöpfung aus Nichts.– Hier werde ich auf die Felder der Physik herabsteigen; die Frage ist diese: Wie muß eine Welt fürein moralisches Wesen beschaffen sein? Ich möchte unserer langsamen, an Experimenten mühsam schreitenden Physik einmal wieder Flügel geben.
      So, wenn die Philosophie die Ideen, die Erfahrung die Data angibt, können wir endlich die Physik im Großen bekommen, die ich von späteren Zeitaltern erwarte. Es scheint nicht, daß diejetzige Physik einen schöpferischen Geist, wie der unsrige ist oder sein soll,befriedigen könne.
      Von der Natur komme ich aufs Menschenwerk. [...]
      Stichworte sind
      /1/ Schelling, Hegel, Hölderlin
      /2/ Stürmer der Bastille
      /2/ Sturm und Drang
    • Ryoba schrieb:

      @Friederike, @Hermeneuticus @_its_not_me_,

      Was fandet ihr an der ersten Vorlesung spannend? Welchen Punkt würdet ihr gern vertiefen?
      Eine kleine persönliche Anmerkung, wenn Ihr erlaubt. Ich finde das ganze Projekt rundherum gut und freue mich, daß und wie es zustandegekommen ist. Und ich bin sehr interessiert. Nur, im Augenblick kriege ich aus verschiedenen Gründen nichts auf die Reihe. Ich bitte um Dispens.