Cbis: Parmenides Unterweisung gemäss Platos Dialog 'Parmenides' [136] ©Alltag

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    • Cbis: Parmenides Unterweisung gemäss Platos Dialog 'Parmenides' [136] ©Alltag

      Platos Dialog Parmenides lässt sich bei [136α] leicht in die Form eines Gedichts umschreiben:

      καὶ καλῶς γ᾽, ἔφη.
      χρὴ δὲ καὶ τόδε ἔτι πρὸς τούτῳ ποιεῖν,
      μὴ μόνον εἰ ἔστιν ἕκαστον ὑποτιθέμενον σκοπεῖν
      τὰ [136α] συμβαίνοντα ἐκ τῆς ὑποθέσεως,
      ἀλλὰ καὶ εἰ μὴ ἔστι τὸ αὐτὸ τοῦτο ὑποτίθεσθαι,
      εἰ βούλει μᾶλλον γυμνασθῆναι.

      Die hier erstmals als Parmenides Fragment postulierte erste Unterweisung des Parmenides passt - meines Erachtens mit geradezu musisch anmutenden Anzahl Silben pro Zeile von 6; 12; 18; 12; 18; 9 - gut in das Versmass der bekannten Parmenides Fragmente.

      ‘Und erst recht’, bestätigte [Parmenides].
      Es ist nötig, noch weiter dies hier ausserdem zu tun,
      Nicht allein trachten, dass jedem (für sich) sein unterstellt wird, [136α]
      sondern auch das andere Bein jeder Hypothese,
      dass sogar nicht sein zu unterstellen ist, dasselbe so
      du gewillt bist hervorragend geübt zu sein.

      ©Alltag ;)

      P.S. Bei Perseus ist eine Übersetzung zu finden, gegen die fast nichts einzuwenden ist:

      “Quite right,” said he, “but if you wish to get better training, you must do something more than that; [136a] you must consider not only what happens if a particular hypothesis is true, but also what happens if it is not true.”

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    • Die zuvor übersetzte Unterweisung [136α] wird in Platos Dialog Parmenides bei [136ξ] präzisiert:

      καὶἑνὶλόγῳ,
      περὶὅτουἂνἀεὶὑποθῇ
      ὡςὄντοςκαὶὡςοὐκὄντος
      καὶὁτιοῦνἄλλοπάθοςπάσχοντος,
      δεῖσκοπεῖντὰσυμβαίνοντα[136ξ]
      πρὸςαὑτὸκαὶπρὸςἓνἕκαστοντῶνἄλλων,
      ὅτιἂνπροέλῃ,

      Und mit einem Wort:
      In Rücksicht worauf du auch immer plädieren könntest,
      (sei dies: A) so seiendes und (B) so kein seiendes
      und (C) was auch immer anderes erleidendes.
      Man muss sie (A, B, C) zusammenpassend untersuchen [136ξ]
      In Bezug auf (i) sich selbst und in Bezug auf (ii) eines jeden der Anderen,
      das einen weiter bringen könnte.



      Parmenides unterweist somit eine Untersuchung in Form einer Matrix, die er wie folgt erweitert.

      καὶπρὸςπλείω
      καὶπρὸςσύμπανταὡσαύτως:
      καὶτἆλλααὖπρὸςαὑτάτε
      καὶπρὸςἄλλοὅτιἂνπροαιρῇἀεί,

      Und des weitern [ist zusammenzufassen]
      in Bezug auf alle zusammen in gleicher Weise,
      Andererseits wieder in Bezug auf sich selbst
      und Andere, die Du Dir immer vornehmen möchtest.



      Schliesslich fasst Parmenides beide Unterweisungen zu einer dritten zusammen:

      ἐάντεὡςὂνὑποθῇὑπετίθεσο, ἄντεὡςμὴὄν,
      εἰμέλλειςτελέωςγυμνασάμενος
      κυρίωςδιόψεσθαιτὸἀληθές.

      Zu gewähren sind beide (Argumente): ….
      …. (Wofür) du als seiend könntest und hast plädieren lassen,
      …. (das) war zuvor als nicht seiend zu begrüssen,
      wenn du beabsichtigst vollkommen geübt,
      dereinst meisterhaft zu durchschauen das Wahre.

      ;) Alltag

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    • In the year 2525 if ....

      Verstehe ich die Unterweisungen? Haben Parmenides Unterweisungen heute noch irgendwelche Relevanz? Wer hätte gedacht, dass die Situationsanalyse konzeptionell vor etwa zweitausendfünfhundert-fünfundzwanzig Jahren entworfen worden ist? In welchem Projektmanagement Kurs ist je auf diese Geschichtsträchtigkeit des Stoffs oder gar auf den Urheber Parmenides verwiesen worden?

      Die suggerierten Antworten begründe ich nach dem Motto ‘se non è vero, è ben trovato‘ wie folgt. Die zitierten Texte werden hier – soweit ich weiss, zum ersten Mal – als bisher unbeachtetes Fragment interpretiert. Im dabei postulierten Szenario ist die aus Kleinasien migrierte Polis nach einem mehrjährigen, schliesslich abgebrochenen Siedlungsversuch auf der Insel Sardinien, in Elea im etruskischen Italien definitiv angekommen. Die Polis ist in Pionierstimmung. Parmenides ehrt die auf den Ehrenplätzen sitzenden Gründerväter. Diese Ehrung schliesst sich thematisch an den Festumzug an (deshalb könnte die Reihenfolge des Betreff mit Cbis angepasst werden). Er führt der Polis anlässlich des Stadtjubiläum bei der Einweihung des Theaters vor Augen, worauf der Gründungserfolg zurückzuführen ist:

      Parmenides ersten Unterweisung entspricht konzeptionell dem was heute unter dem Namen ‘Ist-Analyse‘ geschult und durchgeführt wird: Wenn Du die aktuelle Situation verstehen willst, musst Du folgende Themen ansprechen: Was ist aktiv? Was ist Umfeld (d.h. nicht aktiv)?

      Parmenides zweite Unterweisung kennen wir unter dem Namen ‘Soll-Analyse‘: Wenn Du für das Soll, d.h. für die zu erreichende Situation plädierst, musst Du einerseits sagen, was aktiv sein soll und was gar nicht sein soll sowie was dabei passiv einwirkt. Anderseits musst Du diese drei Themen jedes für sich zusammenfassen und in Bezug auf intrinsische sowie gegenseitige Konsistenz so prüfen, dass es dich weiter bringt. Diese Ergebnisse sind alsdann in Bezug auf sich selbst und auf das angestrebte Ziel zu prüfen.

      Parmenides Schlusspunkt ist uns wie folgt bekannt: Wenn Du beabsichtigst ein Projekt professionell umzusetzen, musst Du die aktuelle Situation analysieren, bevor Du für die künftige Situation plädierst.

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    • Begrüssung weiterer Ehrengäste

      Im hier gewählten Plot 'Stadtjubiläum mit Theatereinweihung' ist es naheliegend, dass die Polis Ehrengäste aus der Nachbarschaft eingeladen hat. Denn die gute nachbarschaftliche Beziehung war für den Erfolg der Stadtgründung erfahrungsgemäss entscheidend. Ebenso naheliegend ist, dass der Festredner diese Ehrengäste zumindest mit einigen Worten in der nicht-griechischen Sprache der Nachbarn begrüsst hat. Waren die sechs uns nur in Latein überlieferten Zeilen ursprünglich ein Teil der postulierten Ansprache? Es mag als an den Haaren herbeigezogen erscheinen, aber prüfenswert wäre dies dennoch, weil diese Zeilen - wie im folgenden noch zu zeigen ist - thematisch sehr wohl passen.
    • Zwischenbilanz

      Die oben übersetzten Unterweisungen des Parmenides können zwar als ein grosses Ganzes angesprochen werden, sind aber so komplex und schwer verständlich, dass die Arbeit hier ins Stocken geraten ist. Sind diese Unterweisungen aufgrund von Verständnisschwierigkeiten bis anhin bloss als Platon-Texte gelesen worden, statt als Fragmente des Parmenides?

      Die Verständnisschwierigkeit zeigt sich meines Erachtens auch darin, dass in den Besprechungen des Platon Dialogs Parmenides der mittleren Teil meist stiefmütterlich behandelt wird. In seltenen Fällen wird zwar die eine oder andere Unterweisungen als solche identifiziert, aber dem Verständnis dienende Lehren sind dann doch nicht zu finden. Zu erwarten wäre folgendes (bescheidener Versuch): Grob kann das Gespräche zwischen Sokrates und Zenon als Zustandsbeschreibung gelesen werden: in deren Gespräch wird gesagt was sache ist und was nicht. Im Gespräch zwischen Sokrates und Parmenides wird der Ist-Zustand als verbesserungswürdig bewertet und der Sollzustand konzeptuell erörtert.
    • Parmenides Unterweisung in Plato’s gleichnamigen Dialog als Wegleitung für das heutige Management von Projekten zu verstehen, ist gewiss anachronistisch. Aber war Parmenides Unterweisung im damaligen Zeitgeschehen ein singulärer Teil der Lobrede für die Stadtgründer von Elea? Könnte damit nicht auch anderes unterwiesen worden sein?

      Die jüngst erschienene Publikation von Heinz Gerd Ingenkamp /1/ erinnert einen, dass Parmenides aus einer Arzt-Familie stammt. Parmenides Unterweisung könnte daher als Wegleitung zur Behandlung von Patienten gelesen werden. Bei Patienten wäre demnach in unvoreingenommenen Befragungen und Beobachtungen zu untersuchen, was ist und was nicht wie zu erwarten ist [136a]. Die Diagnose, d.h. die Feststellung was den Patienten fehlen könnte, ist alsdann das in Platos Dialog Parmenides bei [136c] präzisierte, aufwändige Abwägen, welches zum Schluss in Anweisungen und Behandlungen gipfelt, die nicht schaden sollen.

      /1/ Heinz Gerd Ingenkamp, Punktuelles Präsens und statisches Sein: Eine Entdeckung und ihre Folgen, Verlag Königshausen & Neumann Gmbh, Würzburg 2017
    • Ich will vorerst beim Inhalt der Parmenides Unterweisung als postulierte medizinische Wegleitung verweilen:

      Krankheiten sind von der Frage nach der Ursache und den Ängsten vor dem Tod begleitet. Die Fragen nach dem ‘Woher’ und ‘Wohin’ sind damals, wie heute, Teil des Versuchs vor dem Übel zu fliehen. Ein erprobtes Mittel gegen solches Fluchtverhalten ist die Hoffnung auf Heilung durch den Ruf nach dem Arzt. Vorrangige Aufgabe des Arztes ist es, das Verlangen nach Ursache und Wirkung zu respektieren, ohne sich von den Fragen ‘was war?’ und ‘was wird?’ beirren zu lassen. Der Arzt hebt mit der Frage ‘was ist?’ sein Bemühen um den Zustand des Patienten kommunikativ hervor. Vertrauensfördernd ist die medizinische Wegleitung, sowohl danach zu trachten was ist, als auch ob etwas fehlt oder nicht doch sei oder eben nicht ist. Somit erweisen sich die aufgezeigte Zeitform ‘ist’ und die zugehörige Grundform ‘sein’ in der medizinischen Praxis (techné) als zweckmässig, obwohl Alltagssprachen damals ohne Präsenz ausgekommen sind /1/.

      /1/ Ingenkamp, item, Seite 10: ‘Andere Sprachtypen haben kein (eindeutiges) Wort für «sein» und kein Präsenz bzw. überhaupt kein Tempora; das griechische Präsenz der Zeit vor Parmenides erweist sich, wenn es dem Präteritum und dem Futurum gegenübergestellt wird, als überflüssig. Dieser älteren griechischen Sprachform entspricht eine Form der techné («praktischen Kunst»), die mit den Mitteln der Vergangenheit Nutzen für die Zukunft herbeiführen will und etwaige Hypothesen strikt ablehnt’ [, weil Hypothesen den Göttern ins Handwerk pfuschen würden, meint Alltag].