Kunst und Philosophie - wie ist ihr Verhältnis?

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    • _its_not_me_ schrieb:

      Ryoba zitiert Adorno; welcher schrieb:

      Kunst und Philosophiehaben ihr Gemeinsames nicht in Form oder gestaltendem Verfahren, sondern in einer Verhaltensweise, welche Pseudomorphose verbietet. Beide halten ihrem eigenen Gehalt die Treue durch ihren Gegensatz hindurch; Kunst, indem sie sich spröde macht gegen ihre Bedeutungen; Philosophie, indem sie an kein Unmittelbares sich klammert. Der philosophische Begriff läßt nicht ab von der Sehnsucht, welche die Kunst als begriffslose beseelt und deren Erfüllung ihrer Unmittelbarkeit als einem Schein entflieht. Organon des Denkens und gleichwohl die Mauer zwischen diesem und dem zu Denkenden, negiert der Begriff jene Sehnsucht. Solche Negation kann Philosophie weder umgehen noch ihr sich beugen. An ihr ist die Anstrengung, über den Begriff durch den Begriff hinauszugelangen. (ND, S.24f.)
      Die kursive Passage (die ich unübersetzt gelassen habe) verstehe ich einfach nicht, ich kann nicht mal ihre Grammatik richtig rekonstruieren. Inbesondere den zweiten Teil kann ich nicht nachvollziehen: "und deren Erfüllung ihrer Unmittelbarkeit als einem Schein entflieht." Was steht da?
      Kursiv habe ich den Satz jetzt im Adorno-Zitat markiert, und mein interlinearer Versuch: Die Sehnsucht [nach Bedeutung] beseelt die begriffslose Kunst. Die Erfüllung dieser Sehnsucht kann nicht durch die Kunst selber erfolgen, weil ihr Wesen die Unmittelbarkeit und damit zugleich der Schein (=das Un-Wahre, das Nicht-Wirkliche oder das Nicht--Reale) ist.

      Gar nicht schlecht, oder? :D (2 Zigaretten, einen Kaffee, mehrmals in der Wohnung hin- und hergetigert ...).
    • Friederike schrieb:

      Gar nicht schlecht, oder?
      :) Yepp, vermutlich ganz im Sinne Adornos. Ich war aber auf etwas hinaus, was sogar ich verstehen kann :)

      Trotzdem ich es nicht verstehe, freue ich mich, dass du einen Versuch unternommen hast! Danke! (Ich hab mal danach gegoogelt, aber das Zitat scheint korrekt zu sein. Ich kann jedoch bei dem markierten Satz nicht mal die Grammatik nachvollziehen, geschweige denn den Sinn :( )
    • Philodendron schrieb:

      _its_not_me_ schrieb:

      Und worin besteht die deiner Ansicht nach. Kannst du das etwas ausführen?
      "Die Freude des Wiedererkennens ist vielmehr die, daß mehr erkannt wird als nur das Bekannte. In der Wiedererkenntnis tritt das, was wir kennen, gleichsam wie durch eine Erleuchtung aus aller Zufälligkeit und Variabilität der Umstände, die es bedingen, heraus und wird in seinem Wesen erfaßt. Es wird als etwas erkannt.«

      Hier kann man doch eine Gemeinsamkeit von Kunst und Philosophie darin erkennen, dass Gadamer, der gemäss agila als Kunstkenner gelten soll, eine Erfahrung mit Kunst, bzw. der Rezeption von Kunst beschreibt, die ich (und ich denke, nicht nur ich) so auch als eine philosophische Erfahrung bei der Lektüre entsprechender Texte mache.
      Hm, diese Gemeinsamkeit kann man aber doch für alle erdenklichen anderen Bereiche ebenso konstatieren? Anthropologische, psychologische Neuigkeiten, für LiebhaberInnen der Naturwissenschaften die Erweiterung um neue Sternenbilder o.ä. Als zündendes Wort verbliebe aus meiner Sicht nur das "Wesen". Dann aber müßte man sagen, was das "Wesen" ist und inwiefern genau Kunst und Philosophie wesensgleich oder wesensähnlich sind?
    • Friederike schrieb:

      Dann aber müßte man sagen, was das "Wesen" ist
      KdU, Kapitel 36: »§ 27. Von der Qualität des Wohlgefallens in der Beurteilung des Erhabenen: Das Gefühl des Erhabenen ist also ein Gefühl der Unlust, aus der Unangemessenheit der Einbildungskraft in der ästhetischen Größenschätzung, zu der Schätzung durch die Vernunft, und eine dabei zugleich erweckte Lust, aus der Übereinstimmung eben dieses Urteils der Unangemessenheit des größten sinnlichen Vermögens mit Vernunftideen, sofern die Bestrebung zu denselben doch für uns Gesetz ist. Es ist nämlich für uns Gesetz (der Vernunft) und gehört zu unserer Bestimmung, alles, was die Natur als Gegenstand der Sinne für uns Großes enthält, in Vergleichung mit Ideen der Vernunft für klein zu schätzen; und, was das Gefühl dieser übersinnlichen Bestimmung in uns rege macht, stimmt zu jenem Gesetze zusammen. Nun ist die größte Bestrebung der Einbildungskraft in Darstellung der Einheit für die Größenschätzung eine Beziehung auf etwas Absolut-Großes, folglich auch eine Beziehung auf das Gesetz der Vernunft, dieses allein zum obersten Maße der Größen anzunehmen. Also ist die innere Wahrnehmung der Unangemessenheit alles sinnlichen Maßstabes zur Größenschätzung der Vernunft eine Übereinstimmung mit Gesetzen derselben, und eine Unlust, welche das Gefühl unserer übersinnlichen Bestimmung in uns rege macht, nach welcher es zweckmäßig, mithin Lust ist, jeden Maßstab der Sinnlichkeit den Ideen der Vernunft unangemessen zu finden.«

      Das "Wesen" ist das Gefühl des Erhabenen.
    • Soweit ich es mitgekriegt habe, könnt Ihr Beiden, agila und besonders Jörn, die KuratorInnen nicht leiden. Sie bemächtigen sich der KünstlerInnen einschließlich ihrer Werke, indem sie sie in ihre theoretischen Bedeutungskorsette einzuzwängen versuchen. Ich überlege nur gerade, ob es eine ähnliche Menschen-Kaste im Bereich der Philosophie gibt ...? Am ehesten vielleicht VerlegerInnen? Möglicherweise mündet diese Frage schon wieder schlicht in den Unterschied von Theorie und Praxis.
    • Das ist so nicht ganz richtig. Nicht jeder Kurator macht automatisch Kuratoren-Kunst. Es gibt bestimmt sehr viele Kuratoren, die einen wunderbaren Job machen. Und wenn ich auch CCB für ihre "philosophischen Bemühungen" kritisiere und auch für ihre thematische Engführung, kann ich dennoch sagen, dass ich die letzte documenta sehr gut fand.
    • _its_not_me_ schrieb:


      Ich kann jedoch bei dem markierten Satz nicht mal die Grammatik nachvollziehen, geschweige denn den Sinn :( )
      Es ist ja nicht mehr als der Versuch gewesen, die völlig mißratene Grammatik so aufzudröseln, daß sich irgendeine, Hauptsache, überhaupt eine, semantische Bedeutung ergibt. Mich erinnert das gerade an den Lateinunterricht, wo man die eleganten Kontruktionen auch immer in kleine Einzelteile zerlegt hat.
    • _its_not_me_ schrieb:

      Das ist so nicht ganz richtig. Nicht jeder Kurator macht automatisch Kuratoren-Kunst. Es gibt bestimmt sehr viele Kuratoren, die einen wunderbaren Job machen. Und wenn ich auch CCB für ihre "philosophischen Bemühungen" kritisiere und auch für ihre thematische Engführung, kann ich dennoch sagen, dass ich die letzte documenta sehr gut fand.
      In meiner umgangssprachlichen Zuspitzung konnte es kaum richtig sein. Mit Widerspruch hatte ich deswegen schon gerechnet. :-)))
    • Friederike schrieb:

      Hm, diese Gemeinsamkeit kann man aber doch für alle erdenklichen anderen Bereiche ebenso konstatieren? Anthropologische, psychologische Neuigkeiten, für LiebhaberInnen der Naturwissenschaften die Erweiterung um neue Sternenbilder o.ä. Als zündendes Wort verbliebe aus meiner Sicht nur das "Wesen". Dann aber müßte man sagen, was das "Wesen" ist und inwiefern genau Kunst und Philosophie wesensgleich oder wesensähnlich sind?
      Geht es in diesen Disziplinen, die du nennst und in der Philosophie wirklich um ein Wiederkennen, in dem Sinne in dem Gadamer "Wiedererkennen" in dem fraglichen Text versteht, nämlich im Zusammenhang mit Mimesis und Nachahmung?
    • Friederike schrieb:

      Es ist ja nicht mehr als der Versuch gewesen, die völlig mißratene Grammatik so aufzudröseln, daß sich irgendeine, Hauptsache, überhaupt eine, semantische Bedeutung ergibt.
      Das hab ich schon verstanden. Ich will nicht an dem Text rummosern, ich will ihn wirklich verstehen, sonst hätte ich mir nicht die Mühe gemacht, ihn in mein Deutsch zu übersetzen.
    • _its_not_me_ schrieb:

      Geht es in diesen Disziplinen, die du nennst und in der Philosophie wirklich um ein Wiederkennen, in dem Sinne in dem Gadamer "Wiedererkennen" in dem fraglichen Text versteht, nämlich im Zusammenhang mit Mimesis und Nachahmung?
      In den hier im Thread zitierten Stellen von Gadamer steht nichts von "Mimesis" und "Nachahmung". Oder habe ich es überlesen? Egal, das Wort "Wiedererkennen" hatte mich schon irritiert, im Kontext der Mimesis hingegen finde ich es keineswegs mehr irritierend. Ob ich die von mir genannten Disziplinen unter dieser Lesart weiterhin anführen würde - das müßte ich erstmal neu bedenken. Vorläufig neige ich spontan eher zu einem Rückzug. :)
    • Philodendron schrieb:

      (Hans-GeorgGadamer, Gesammelte Werke 1 (Mohr Siebeck 1990), Hermeneutik I: Wahrheit und Methode, aus: en.booksee.org/book/1250614,[108/109] II,1 Spiel als Leitfaden der ontologischen Explikation, S. 119:)

      »Was man eigentlich an einem Kunstwerk erfährt und worauf man gerichtet ist, ist vielmehr, wie wahr es ist, d. h. wie sehr man etwas und sich selbst darin erkennt und wiedererkennt. - Was Wiedererkenntnis ihrem tiefsten Wesen nach ist, wird aber nicht verstanden, wenn man nur darauf sieht, daß da etwas, was man schon kennt, von neuem erkannt wird, d. h. daß das Bekannte wiedererkannt wird. Die Freude des Wiedererkennens ist vielmehr die, daß mehr erkannt wird als nur das Bekannte. In der Wiedererkenntnis tritt das, was wir kennen, gleichsam wie durch eine Erleuchtung aus aller Zufälligkeit und Variabilität der Umstände, die es bedingen, heraus und wird in seinem Wesen erfaßt. Es wird als etwas erkannt.«

      Hier kann man doch eine Gemeinsamkeit von Kunst und Philosophie darin erkennen, dass Gadamer, der gemäss agila als Kunstkenner gelten soll, eine Erfahrung mit Kunst, bzw. der Rezeption von Kunst beschreibt, die ich (und ich denke, nicht nur ich) so auch als eine philosophische Erfahrung bei der Lektüre entsprechender Texte mache.

      Friederike schrieb:

      In den hier im Thread zitierten Stellen von Gadamer steht nichts von "Mimesis" und "Nachahmung". Oder habe ich es überlesen? Egal, das Wort "Wiedererkennen" hatte mich schon irritiert, im Kontext der Mimesis hingegen finde ich es keineswegs mehr irritierend.
      Woher kommt eigentlich der Bezug zum Wort "Wiedererkennen" aus einem Text von Gadamer in diesem Thread? Er kommt aus der oben zitierten Stelle und ist sonst vorher nirgends ausser in dem von mir Zitierten in diesem Thread zu finden. Da soll noch einer sagen, ich beteilige mich nicht an den Diskussionen.
    • Friederike schrieb:

      In den hier im Thread zitierten Stellen von Gadamer steht nichts von "Mimesis" und "Nachahmung". Oder habe ich es überlesen?
      Nein, ich glaube nicht, dass du etwas überlesen hast, Philodendron hat den Zusammenhang, der nötig ist, um den Begriff richtig einzuordnen, weggelassen und "natürlich" auch keinen erläuternden Kommentar hinzugefügt.

      Wenn man sich etwas mehr "Zitat-Zusammenhang" gönnt, findet man das :) Siehe >>

      Hans-GeorgGadamer in Gesammelte Werke 1; Hermeneutik I; Spiel als Leitfaden der ontologischen Explikation; S. 119 schrieb:

      [...]

      Nachahmend beginnt das kleine Kind zu spielen, indem es bestätigt, was es
      kennt und sich selbst damit bestätigt. Auch die Verkleidungsfreude der
      Kinder, auf die sich schon Aristoteles beruft, will nicht ein Sichverbergen,
      ein Vorgeben sein, um dahinter erraten und erkannt zu werden, sondern im
      Gegenteil ein Darstellen derart, daß nur das Dargestellte ist. Das Kind will
      um keinen Preis hinter seiner Verkleidung erraten werden. Was es darstellt,
      soll sein, und wenn etwas erraten werden soll, so ist es eben dies. Es soll
      wiedererkannt werden, was das >ist<.

      Wir halten aus dieser Überlegung fest: der Erkenntnissinn von Mimesis ist
      Wiedererkennung. Was aber ist Wiedererkennung? Eine genauere Analyse
      des Phänomens wird uns den Seinssinn von Darstellung, um den es uns
      geht, erst ganz deutlich machen. Bekanntlich hebt schon Aristoteles hervor,
      daß die künstlerische Darstellung sogar das Unerfreuliche erfreulich erscheinen
      lasse, und Kant defmiert die Kunst deshalb als die schöne Vorstellung
      eines Dinges, weil sie auch das Häßliche als schön erscheinen zu lassen
      wisse.

      Damit ist offenbar nicht etwa die Künstlichkeit und Kunstfertigkeit
      als solche gemeint. Man bewundert nicht wie beim Artisten die Kunst, mit
      der etwas gemacht ist. Dem gilt erst ein sekundäres Interesse, wie Aristoteles
      ausdrücklich sagt• Was man eigentlich an einem Kunstwerk erfährt und
      worauf man gerichtet ist, ist vielmehr, wie wahr es ist, d. h. wie sehr man
      etwas und sich selbst darin erkennt und wiedererkennt.

      Was Wiedererkenntnis ihrem tiefsten Wesen nach ist, wird aber nicht
      verstanden, wenn man nur darauf sieht, daß da etwas, was man schon kennt,
      von neuem erkannt wird, d. h. daß das Bekannte wiedererkannt wird. Die
      Freude des Wiedererkennens ist vielmehr die, daß mehr erkannt wird als nur
      das Bekannte. In der Wiedererkenntnis tritt das, was wir kennen, gleichsam
      wie durch eine Erleuchtung aus aller Zufälligkeit und Variabilität der Umstände,
      die es bedingen, heraus und wird in seinem Wesen erfaßt. Es wird als
      etwas erkannt.

      [...]
    • Hi,

      _its_not_me_ schrieb:

      (1) Meines Erachtens gibt es gelegentlich Berührungspunkte zwischen Philosophie und Kunst, welcher Art auch immer. (2) Aber einer inneren Notwendigkeit folgen diese Liebeleien nicht. (3)Wie diese Berührungspunkt, Verquickungen oder Verbrüderungen im Einzelfall aussehen, unterliegt keiner allgemeinen Regel. (4) Dazu heißt es stets: „Denk nicht, sondern schau." Was nicht meint, dass man in diesen Fällen das Denken einstellen sollte, sondern, dass man diese speziellen Fällen schauen und denken soll ohne in Übergeneralisierungen zu verfallen.
      num. von mir
      Ja, weitestgehend würde ich hier zustimmen.
      zu 1: Konsens
      zu 2: bin unsicher, vlt. nicht einer Notwendigkeit, aber der einfachen Tatsache das es sich um Reflexionsformen handelt?
      zu 3: ich hatte weiter vorn schon angebracht, dass es sich um Stilmittel handeln könnte, also entweder einer Sehnsucht nach den 'Transportmöglichkeiten' der Kunst (Stichwort: Nichtbegriffliches), oder aber als einziger Ausweg, wenn dem Philosoph eine geeignete Systematizität zur Synthese seiner Erkenntnisse nicht gelang
      zu 4: ja, Du sprichst hier im Sinne von Adorno, ND S.23:
      'So kann es nicht die Aufgabe einer philosophischen Interpretation von Kunstwerken sein, ihre Identität mit dem Begriff herzustellen, sie in diesem aufzuzehren; das Werk jedoch entfaltet sich durch sie in seiner Wahrheit.'

      Ich würde das so interpretieren: Weil das Kunstwerk individuellen Assoziationen zum Nichtbegrifflichen Raum lässt, dies eben gerade seine Natur ist.


      Friederike schrieb:

      Die Sehnsucht [nach Bedeutung] beseelt die begriffslose Kunst. Die Erfüllung dieser Sehnsucht kann nicht durch die Kunst selber erfolgen, weil ihr Wesen die Unmittelbarkeit und damit zugleich der Schein (=das Un-Wahre, das Nicht-Wirkliche oder das Nicht--Reale) ist.
      Ich denke, dass Du ziemlich nah dran bist.
      Ein Versuch von mir:

      Die Philosophie (der philosophische Begriff) lässt nicht ab von der Sehnsucht (in Wahrheit zu beschreiben), während die gleiche Sehnsucht die Kunst als begriffslose beseelt, deren Erfüllung durch die Unmittelbarkeit des Werkes in einem Schein der Wirklichkeit entflieht.


      mvg Philzer
      Der freie Wille, als Ausdruck der Mythologisierung von Prozessen in vierdimensionalen Erkenntisapparaten, ist der Zuckerguss auf der Alleinstellungsideologie des Pantheismus. Er ist notwendig zur religiösen Selbstüberhöhung des Individuums, das in Wahrheit nichts ist, ohne die Gesellschaft. - Philzer

      Es gibt keine richtige Philosophie in der falschen.

      Dem frei fabulierenden Verstand sind keine Grenzen gesetzt. Wohl aber Motive. - Philzer
    • Friederike schrieb:

      _its_not_me_ schrieb:

      Ryoba zitiert Adorno; welcher schrieb:

      Kunst und Philosophiehaben ihr Gemeinsames nicht in Form oder gestaltendem Verfahren, sondern in einer Verhaltensweise, welche Pseudomorphose verbietet. Beide halten ihrem eigenen Gehalt die Treue durch ihren Gegensatz hindurch; Kunst, indem sie sich spröde macht gegen ihre Bedeutungen; Philosophie, indem sie an kein Unmittelbares sich klammert. Der philosophische Begriff läßt nicht ab von der Sehnsucht, welche die Kunst als begriffslose beseelt und deren Erfüllung ihrer Unmittelbarkeit als einem Schein entflieht. Organon des Denkens und gleichwohl die Mauer zwischen diesem und dem zu Denkenden, negiert der Begriff jene Sehnsucht. Solche Negation kann Philosophie weder umgehen noch ihr sich beugen. An ihr ist die Anstrengung, über den Begriff durch den Begriff hinauszugelangen. (ND, S.24f.)
      Die kursive Passage (die ich unübersetzt gelassen habe) verstehe ich einfach nicht, ich kann nicht mal ihre Grammatik richtig rekonstruieren. Inbesondere den zweiten Teil kann ich nicht nachvollziehen: "und deren Erfüllung ihrer Unmittelbarkeit als einem Schein entflieht." Was steht da?
      Kursiv habe ich den Satz jetzt im Adorno-Zitat markiert, und mein interlinearer Versuch: Die Sehnsucht [nach Bedeutung] beseelt die begriffslose Kunst. Die Erfüllung dieser Sehnsucht kann nicht durch die Kunst selber erfolgen, weil ihr Wesen die Unmittelbarkeit und damit zugleich der Schein (=das Un-Wahre, das Nicht-Wirkliche oder das Nicht--Reale) ist.
      Gar nicht schlecht, oder? :D (2 Zigaretten, einen Kaffee, mehrmals in der Wohnung hin- und hergetigert ...).
      Ich habe die Stelle jetzt auch nochmal im Kontext nachgelesen. Ich finde deine Übersetzung gut. Das mit der Sehnsucht scheint mir schwierig zu sein. Worauf bezieht sich die Sehnsucht und wer sehnt sich? Also einmal ist die Kunst beseelt von der Sehnsucht, dann lässt der philosophische Begriff von ebendieser Sehnsucht nicht ab. In dem Kontext geht es wohl darum, die Sache ganz zu erfassen, über sie zu verfügen.
      Die sinnliche Unmittelbarkeit stellt einen Scheinsphäre dar und hat eine suggestive Wirkung auf uns. Der philosophische Begriff muss daher diese Unmittelbarkeit verlassen und in die Sphäre der Vermittlung eintreten. Er ist selbst auch die Negation der Sehnsucht, da er wie eine Mauer zwischen dem Denken und dem zu Denkenden steht. Aber Adorno wäre ein schlechter Hegelianer, wenn er es dabei bewenden ließe. Selbst wenn der Begriff die Sehnsucht negiert bleibt er dennoch auf sie bezogen und er muss die Negation schlussendlich überwinden, indem er mit dem Begriff über den Begriff hinaus gelangt. Hier kommen dann auch die Mimesis als Vorform des begrifflichen Denkens und das Spiel, beides zentrale Themen bei Adorno, zu ihrem Recht.
      ERKLÄRUNG AN DAS FORUM
      "Volksverhetzung ist keine Meinung. Hass ist keine politische Position"
    • agila schrieb:

      könntest du den Lüpertz mal fragen, warum er die Skulptur "die Philosophin" genannt hat, Begründung für die Frage: das wäre für unsere Diskussion wichtig.
      Mach ich. Ich hab mich das auch schon gefragt ... ein wichtiger Aspekt/Hinweis dabei ist wohl die "Maske".

      Titel müssen jedoch nicht unbedingt Aufschluss über eine Arbeit geben. Umberto Eco hat dazu mal einen kleinen Aufsatz geschrieben, dessen Tendenz war, wenn ich mich recht entsinne, dass der Titel eher den berühmt-berüchtigten "Rästelcharakter" der Kunst verstärken sollte. "Der Name der Rose" ist ja auch nicht gerade ein Titel, der das Buch/den Film irgendwie "erklärt". In diesem Fall ("die Philosophin") führt der Titel wohl zu einen kleinen Verfremdungseffekt. Einem klassischen Motiv, dem stehenden weiblichen Akt, sogar mit Spielbein/Standbein, wird mit dem Titel ein unerwarteter Dreh gegeben, indem der "Blick" vom Körper auf den Geist und zurück gelenkt wird. Solche Akte sortiert man für gewöhnlich ja nicht in die Klasse der Philosophinnen ein.

      Ansonsten beschäftigt sich die Arbeit mit ästhetischen und erzählerischen Fragen ... da ich (auch aufgrund meinens Alters) eher ein Fan von Lüpertz bin, dürfte bin Blick aber etwas voreingenommen sein :) Für unser Thema ist es passend, weil die "Dualismen" rund um das Paar "Sinnlichkeit und Begriff" und ihre "Dialektik" aus Gegensatz und Ergänzung hier durchaus mit im Spiel sind.

      Dieser Beitrag wurde bereits 3 mal editiert, zuletzt von _its_not_me_ ()

    • _its_not_me_ schrieb:

      Umberto Eco hat dazu mal einen kleinen Aufsatz geschrieben, dessen Tendenz war, wenn ich mich recht entsinne, dass der Titel eher den berühmt-berüchtigten "Rästelcharakter" der Kunst verstärken sollte.
      Umberto Eco wird seine Aussage aber nicht als Freifahrtschein für die Veredelung jedes künstlerischen Outputs gemeint haben.

      _its_not_me_ schrieb:

      Ein klassisches Motiv, dem stehenden weiblichen Akt, sogar mit Spielbein/Standbein, wird mit dem Titel ein unerwarteter Dreh gegeben, indem der "Blick" vom Körper auf den Geist und zurück gelenkt wird.
      toll!
      Ja, das Beispiel mag durchaus für das Thema passend sein: vielleicht sollte man hier aber auch die Frage stellen dürfen, wie ernsthaft nachvollziehbar die Interpretation ist.
      Ist eine philosophische Interpretation von Nöten?
      Keine der anderen Künste als der Bildenden kann eben schnell mit wenigen Worten Beziehungen zu einer "Ästhetik von oben" herstellen,

      PS. würde deine Interpretation auch für eine Skulptur eines gänzlich unbekannten Künstlers akzeptiert werden, dem man im weitläufigen Sinn Kitsch unterstellen würde, weil er (noch) kein berühmter Künstler ist. d.h. ist eine philosophische Zuschreibung für bildnerische Arbeit allgemein gültig? Wenn nicht, müsste man die Beziehung Kunst und Philosophie auch bei der Skulptur von Lüpertz infrage stellen.