Kunst und Philosophie - wie ist ihr Verhältnis?

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    • Kunst und Philosophie - wie ist ihr Verhältnis?

      Der Philosophie nähert man sich in aller Regel durch das Wort. Man liest, diskutiert, schreibt ... aber begreift man wirklich? Begreift man manches nicht erst in Begegnungen mit der Kunst und anderen eher sinnlichen Momenten? Darüber hatte ich in unserer kurzen Zwangspause vom Forum einen kurzen Dialog mit @svenja Luedemann.

      Die Frage, die in diesem Thread erörtern werden soll, lautet: In welchem Verhältnis stehen Kunst und Philosophie? Ist Kunst so etwas wie Philosophie mit anderen Mitteln? Ist Philosophieren eigentlich so was wie Dichten, wie man gelegentlich hört? ("Philosophie dürfte man eigentlich nur dichten", Wittgenstein)

      Die beiden Begriffe "Kunst" und "Philosophie" sind natürlich sehr weit. Manche Philosophen haben vielleicht eine größere Nähe zur Kunst als andere und für die Künste gilt das gleichermaßen. Dennoch möchte ich das Thema zunächst nicht genauer einschränken, um eine möglich große Bandbreite abzudecken. Bedenkt bitte auch, dass wir hier im wissenschaftlichen Bereich sind. Eine gewisse Vertrautheit mit beiden Bereichen, zumindest zu Teilen ist erwünscht :)
    • Das Thema ist in der Tat sehr weit gefasst, da wird (fast) jeder Beitragsschreiber einen anderen Zugang für sich gefinden bzw. gefunden haben.
      In der Renaissance ( dem Beginn der Kunst, die Philosophie tangieren dürfte) haben Humanisten das Thema für Künstler wie Lorenzo Ghiberti vorgegeben, die Künstler, die sich nicht mehr nur als Handwerker betrachteten, setzten dann die Vorgaben praktisch um.

      Zitat H-G. Gadamer: "Einen Begriff von Kunst werden wir daher in der Tradition der Philosophie nicht antreffen. Was wir den Vätern des abendländischen Denkens, bei den Griechen, zu lernen haben, ist gerade dies, dass Kunst in den Gesamtbegriff dessen gehört, was Aristoteles -Wissen und Können des Herstellens - nannte." (aus: Die Aktualität des Schönen, S. 20, Reclam)
      Verbindung Kunst und Philosophie Kunst passiert m.E. erst mit der Ablösung des Werkes vom Hersteller.
      Nach Platon weist der Begriff des Werkes auf eine Sphäre des gemeinsamen Gebrauches, auf Kommunikation und gemeinsames Verstehen.

      Der zeitgenössische Künstler kann sich durch Philosophie, wie tief auch immer, inspirieren lassen, dann wird er jedoch autonom Hersteller des Werkes, nach Fertigstellung kann sich die Philosophie wieder "einmischen", oder sie lässt es bleiben.

      Für mich liegen zwischen Kunstmachen, Kunstrezeption und Philosophie Welten, zwischen denen sich mehr Fragen anhäufen als Antworten finden lassen.
    • _its_not_me_ schrieb:

      In welchem Verhältnis stehen Kunst und Philosophie?
      Ich sehe folgenden Unterschied: Kunst konfrontiert uns mit einer geschaffenen Wirklichkeit, die über die Intention des Künstlers/der Künstlerin eine Aussage transportieren soll bzw. zur Auseinandersetzung mit dem Kunstwerk zwingen soll.

      Philosophie hingegen ist ein Mittel zum Prüfen und Hinterfragen, aber selber keine geschaffene Wirklichkeit, mit der wir konfrontiert wären. Wir haben zwar viele Philosophen, die viele Texte hinterlassen haben, mit denen man sich philosophierend auseinandersetzen kann, aber Philosophie sehe ich als Prozess und nicht als Werk.

      Inwiefern man nun philosophische Texte als Kunstwerk betrachten kann, ist fraglich. Einerseits haben wir eine geschaffene Gestalt, mit der wir konfrontiert werden - hier bestehen Parallelen zur Kunst - andererseits stellt der Text selber eine übermittelte Philosophie dar und bildet einen Ausgangspunkt für gegenwärtige Philosophie, indem man die übermittelten Gedanken nachvollzieht, hinterfragt, sich zu eigen macht usw. usf.

      Der Discours de la methode von Descartes z.B. ist für mich sowohl ein literarisches Kunstwerk (der Erzählstil ist meisterhaft!) wie auch eine durchaus hinterfragenswerte Art der Philosophie, die zudem noch historische Relevanz hat, wenn man auf die Philosophiegeschichte der Neuzeit schaut. Insofern würde ich philosophischen Texten eine Brückenfunktion zwischen Kunst und Philosophie zuweisen, die Anteile von beidem aufweisen.
    • _its_not_me_ schrieb:

      Der Philosophie nähert man sich in aller Regel durch das Wort. Man liest, diskutiert, schreibt ... aber begreift man wirklich?
      Zum Thema 'Begreifen durch Kunst' - das für mich u. a. Ausgangspunkt der Debatte mit @_its_not_me_ war, möchte ich auf einen Aspekt eingehen, den ich die 'Exemplifikationsfunktion' durch Kunst nennen: Ein Philosoph exemplifiziert seinen Gedanken durch Kunst. Ich möchte drei Beispiele aus der Phänomenologie nennen:

      1. In die 'Spur des Anderen' verweist Levinas auf eine Stelle in Dostojewskis Roman Schud und Sühne in der Sonja Marmeladowa den Roskolnikow nährt. Es ist der Hunger des Raskolnikow, der sie satt macht. Hiermit 'exemplifiziert' Levinas eine Form der wechselwirkenden Alteritätsbeziehung.
      2. In 'Agonie des Eros' verdeutlicht Byung Chul Han die von ihm thematisierten Phänomene (z.B. der 'Einbruch des Anderen') durch Referenz auf Lars von Triers Film Melancholia.
      3. Jean Luc Marion verweist auf Kunsterlebnisse um seine Idee der satureirten Phänomene zu beschreiben.

      PS: Bin gerade unterwegs, aber füge Fußnoten ein, sobald ich wieder Zugriff auf meine Literatur habe.

      Dieser Beitrag wurde bereits 1 mal editiert, zuletzt von Svenja Luedemann ()

    • agila schrieb:

      Für mich liegen zwischen Kunstmachen, Kunstrezeption und Philosophie Welten

      idea schrieb:

      ME gehörte zuerst erfasst, was wir unter 'Philosophie' bzw. 'Kunst' verstehen und in welchem Bezug beide zueinander stehen.
      (KU, Kapitel 5: »und dadurch geschieht es: daß das ästhetische Urteil, nicht bloß als Geschmacksurteil, auf das Schöne, sondern auch, als aus einem Geistesgefühl entsprungenes [ästhetisches Urteil], auf das Erhabene bezogen wird,«

      Das ästhetische Urteil als Geschmacksurteil auf das Schöne bezogen ist rein »Kunstrezeption«. Auf das Erhabene bezogenes ästhetisches Urteil hat zwar auch die Anschauung als Basis, aber interpretiert bereits etwas in sie hinein und nähert sich so der Philosophie als Wechselwirkung von sinnlicher (empirischer) Erfahrung mit (gemäss Kant übersinnlichen) Ideen.

      Die eigentliche top-down-Beziehung vollzieht dann die Kunst in Form »eines Kunstprodukts oder Artefakts«. (Vgl. unten!)

      (Kristian Köchy, Perspektiven des Organischen, 3.1 Wechselwirkung, S. 343:) »Ein spezifisch wechselwirkendes Verhältnis ist nach Kant (1) dann zu konstatieren, wenn die Teile eines Systems ihrem Dasein und ihrer Form nach nur durch ihre Beziehung auf das Ganze möglich sind10. (10 ebd., [Kant, KU,] § 65, A 286.) -- Dieses Verhältnis - im modernen Sprachgebrauch der Biotheorie eine top-down-Beziehung – rechtfertigt nach den obigen Überlegungen die Bezeichnung „Zweck", da die Idee des Ganzen als Bestimmungsgrund der Teile anzusehen ist. … Würde nur diese Beziehung vorliegen, so wäre der entsprechenden Organisation zwar „Zweckmäßigkeit" zuzuschreiben, sie hätte allerdings den Charakter eines Kunstprodukts oder Artefakts.«
    • @idea Danke für den methodischen Einwand. Ich bin am Montag mit einem Mitreisenden aus dem französischen Kultusministerium nach Berlin geflogen und wir haben uns über die Unterschiede hinsichtlich der Methodik des Philosophierens in Europa unterhalten. Während man im deutsch-sprachigen Kulturraum oft von der Definition ausgeht, wird in Ländern mit 'ésprit latin' oft vom Phänomen ausgegangen, so seine Aussage. Studien hierzu habe ich noch nicht gelesen, die Aussage deckt sich aber mit meiner Erfahrung. Es gibt unterschiedliche Herangehensweisen und ich finde es tatsächlich sehr wichtig, dass man in einer Diskussion auch auf einer Metaebene darüber nachdenkt, wie man als Gruppe gemeinsam weiter vorgehen möchte. Im aktuellen Fall haben wir mit Kunst und Philosophie zwei sehr offene Begriffe, deren Grenzen schwer fassbar sind. Um mal ein Beispiel für eine interessante aber provokative Kunstdefinition zu nennen, möchte ich hier 'Borys Groys' (war von Sloterdijk an die HfG nach Karlsruhe geholt worden) heranziehen. Groys sagt zugespitzt "Kunst ist Markt". Ich gehe davon aus, dass wir, die wir hier im Thread diskutieren unterschiedliche Definitionen von Kunst und Philosophie haben /bzw. etwas unterschiedliches darunter verstehen. Wie wollen wir methodisch weiter vorgehen? Wollen wir versuchen einen kleinsten gemeinsamen Nenner zu finden (falls das überhaupt möglich ist)? Soll jeder vorab sein Kunst und Philosophie-Verständnis kurz erläutern? Hast Du einen Vorschlag @idea oder Du @_its_not_me_ (oder Andere) wie man das Thema methodisch hier im Thread konkret gemeinsam weiter angehen sollte?
    • Svenja Luedemann schrieb:

      Soll jeder vorab sein Kunst und Philosophie-Verständnis kurz erläutern?
      Meines Erachtens ist das nicht nötig, sondern vermutlich sogar eher kontraproduktiv. Statt dessen können wir einfach von den "Phänomenen" ausgehen, die üblicherweise (heute und früher) unter Kunst und Philosophie laufen. Wir definieren sozusagen mit dem Zeigefinger (deiktisch/indexikalisch) und orientieren uns dabei an dem, was wir unter den Begriffen (heute und früher) vorfinden/vorfanden und nicht etwa an dem, was wir vorzufinden wünschen. Gegenstand ist dann die tatsächliche Praxis (zu der wir ja selbst in irgendeiner Weise auch zählen).
    • _its_not_me_ schrieb:

      Svenja Luedemann schrieb:

      Soll jeder vorab sein Kunst und Philosophie-Verständnis kurz erläutern?
      Meines Erachtens ist das nicht nötig, sondern vermutlich sogar eher kontraproduktiv. Statt dessen können wir einfach von den "Phänomenen" ausgehen, die üblicherweise (heute und früher) unter Kunst und Philosophie laufen. Wir definieren sozusagen mit dem Zeigefinger (deiktisch/indexikalisch) und orientieren uns dabei an dem, was wir unter den Begriffen (heute und früher) vorfinden/vorfanden und nicht etwa an dem, was wir vorzufinden wünschen. Gegenstand ist dann die tatsächliche Praxis (zu der wir ja selbst in irgendeiner Weise auch zählen).
      Hm, kontraproduktiv? Naja, wenn es überflüssig ist, dann würde sich auch eine Diskussion darüber erübrigen. Andernfalls aber sprichst du von den 'Phänomenen' also Mehrzahl und den Begfiffen die früher und heute verwendet wurden und werden, ohne zu konkretisieren oder zu definieren. Philosophie beschreibt in der Regel nicht mit dem Zeigefinger und Kunst als Gegenstand der Praxis gehörte nunmal beschrieben. Aber ich will mich hier nicht länger einmischen das wäre in mancher Augen sicher auch kontraproduktiv. Wobei itse ja schon sein Kunstverständnis bzw. die Beziehung Philosophie/Kunst in obiger Antwort gezeigt hat.
    • Hi,

      Zunächst möchte ich voranstellen, dass es m.E.n. 3 Erkenntnisformen (Reflexiosnformen) des Menschen gibt:
      - Kunst
      - Wissenschaft
      - Philosophie

      Svenja Luedemann schrieb:

      möchte ich auf einen Aspekt eingehen, den ich die 'Exemplifikationsfunktion' durch Kunst nennen: Ein Philosoph exemplifiziert seinen Gedanken durch Kunst.
      Ja, der nichtanalytische Philosoph geht vermutlich so vor. Er kann das, was er zeigen möchte, nicht (nocht nicht?) rational erklären, und bedient sich der phänomenologischen Beschreibung der Künstler.

      Svenja Luedemann schrieb:

      Im aktuellen Fall haben wir mit Kunst und Philosophie zwei sehr offene Begriffe, deren Grenzen schwer definierbar sind.
      M.E.n. sind diese theoretisch überhaupt nicht schwer zu definieren, lediglich in der Praxis findet sehr häufig, gewollt oder unbewusst, eine Vermischung statt.

      Die wohl bekanntesten Beispiele der Vermischung von Philosophie und Kunst sind 'Also sprach Zarathustra' und 'Minima Moralia'.


      mvg Philzer
      Der freie Wille, als Ausdruck der Mythologisierung von Prozessen in vierdimensionalen Erkenntisapparaten, ist der Zuckerguss auf der Alleinstellungsideologie des Pantheismus. Er ist notwendig zur religiösen Selbstüberhöhung des Individuums, das in Wahrheit nichts ist, ohne die Gesellschaft. - Philzer

      Es gibt keine richtige Philosophie in der falschen.

      Dem frei fabulierenden Verstand sind keine Grenzen gesetzt. Wohl aber Motive. - Philzer
    • Philzer schrieb:

      Svenja Luedemann schrieb:

      möchte ich auf einen Aspekt eingehen, den ich die 'Exemplifikationsfunktion' durch Kunst nennen: Ein Philosoph exemplifiziert seinen Gedanken durch Kunst.
      (1) Ja, der nichtanalytische Philosoph geht vermutlich so vor. Er kann das, was er zeigen möchte, nicht (nocht nicht?) rational erklären, und bedient sich der phänomenologischen Beschreibung der Künstler.

      Svenja Luedemann schrieb:

      Im aktuellen Fall haben wir mit Kunst und Philosophie zwei sehr offene Begriffe, deren Grenzen schwer definierbar sind.
      (2) M.E.n. sind diese theoretisch überhaupt nicht schwer zu definieren, lediglich in der Praxis findet sehr häufig, gewollt oder unbewusst, eine Vermischung statt.
      Die wohl bekanntesten Beispiele der Vermischung von Philosophie und Kunst sind 'Also sprach Zarathustra' und 'Minima Moralia'.


      mvg Philzer
      Zu (1) @Philzer a) Das hört sich so an, als ob es für Dich einen Vorrang der analytischen Philosophie vor der Phänomenologie gäbe. Meinst Du das so? Wenn ja, ist dann das Bestreben der Phänomenologie 'zu den Sachen selbst' zu kommen (und hierzu methodisch andere Ansätze zu wählen) für Dich ein irriges Unterfangen?
      b) Wie siehst Du Wittgensteins Diktum „Denk nicht, sondern schau!“(PU § 66). Ist Wittgenstein für Dich ein analytischer Philosoph oder nicht?

      Zu (2) a)definier mal!
      b) 'Also sprach Zarathustra' und 'Minima Moralia' sind schöne Beispiele. Möchtest Du an dem Begriff der "Vermischung' festhalten oder könnte man auch sagen, dass es sich um Philosophie handelt , die in eine künstlerische Form gegossen wurde. Würdest Du hierzu auch die literarischen Werke der Existentialisten (z. B. Camus 'der Fremde' oder Sartres 'die Schmutzigen Hände', 'die Fliegen') rechnen?
    • Svenja Luedemann schrieb:

      eine künstlerische Form
      KdU, Kapitel 61: »§ 51. Von der Einteilung der schönen Künste: … Zu der Malerei im weiten Sinne würde ich noch die Verzierung der Zimmer durch Tapeten, Aufsätze und alles schöne Ameublement, welches bloß zur Ansicht dient, zählen; imgleichen die Kunst der Kleidung nach Geschmack (Ringe, Dosen, usw.). … Wie aber bildende Kunst zur Gebärdung in einer Sprache (der Analogie nach) gezählt werden könne, wird dadurch gerechtfertigt, daß der Geist des Künstlers durch diese Gestalten von dem, was und wie er gedacht hat, einen körperlichen Ausdruck gibt, und die Sache selbst gleichsam mimisch sprechen macht: ein sehr gewöhnliches Spiel unserer Phantasie, welche leblosen Dingen, ihrer Form gemäß, einen Geist unterlegt, der aus ihnen spricht.«

      Philosophie ist Wechselwirkung von sinnlicher (empirischer) Erfahrung mit (übersinnlichen) Ideen.

      Die eigentliche top-down-Beziehung vollzieht dann die Kunst in Form eines Kunstprodukts oder Artefakts. (Vgl. mein Beitrag oben.)
    • Svenja Luedemann schrieb:

      1. In die 'Spur des Anderen' verweist Levinas auf eine Stelle in Dostojewskis Roman Schud und Sühne in der Sonja Marmeladowa den Roskolnikow nährt. Es ist der Hunger des Raskolnikow, der sie satt macht. Hiermit 'exemplifiziert' Levinas eine Form der wechselwirkenden Alteritätsbeziehung.
      2. In 'Agonie des Eros' verdeutlicht Byung Chul Han die von ihm thematisierten Phänomene (z.B. der 'Einbruch des Anderen') durch Referenz auf Lars von Triers Film Melancholia.
      3. Jean Luc Marion verweist auf Kunsterlebnisse um seine Idee der satureirten Phänomene zu beschreiben.
      Das sind Beispiele, die (vielleicht) zeigen, das sich Philosophen und Künstler gelegentlich mit ähnlichen Dingen beschäftigen. Aber es besagt noch nicht viel über das Verhältnis von Philosophie und Kunst, oder? Es könnte doch ohne weiteres sein, dass drei bekannte Hirnforscher auf die selben Kunstwerke deuten, um ganz und gar andere Theorien, die in ganz und gar anderer Weise erarbeitet wurden, zu "illustrieren". Dann würde das doch nicht zeigen, dass Hirnforschung und Kunst in einem ähnlichen Verhältnis stehen wie Philosophie und Kunst?!

      Und auch in diesem Fall könnte es sein, dass für jemanden die Theorien der Hirnforscher erst dadurch greifbar werden, dass sie in den nämlichen Kunstwerken "exemplifiziert" worden sind.

      Oder platt gesagt: Insofern verschiedene Disziplinen sich mit Dingen der uns umgebenden Welt beschäftigen, kann es immer mal wieder zu Überschneidungen bezüglich der Gegenstandsbereiche kommen. Über das Verhältnis der Disziplinen sagt das erst mal noch nicht viel meine ich.
    • @_its_not_me_ anbei die Stoßrichtung in die ich vss. - auf Deinen klugen Einwand antwortend - argumentieren werde, sobald ich etwas Zeit zum ausformulieren finde...: „Gedanken ohne Inhalt sind leer, Anschauungen ohne Begriffe sind blind.“ Immanuel Kant: Kritik der reinen Vernunft (KrV B75, A48)... ich könnte auch an @Philzer 's Ausführungen zu den Erkenntnisformen anknüpfen...

      @Philodendron perfekt, dass hier gleich die KDU aufgeführt wird! Kant nimmt meines Erachtens durch seine Beschreibung des 'Affiziertwerdens' durch ein Kunstwerk die Phänomenbeschreibung des 'Einbruchs des Anderen' (Umsturz des Bewusstseins vom intentionalen Gerichtetsein auf das Empfangen des anderen) vorweg.

      Philodendron schrieb:

      Philosophie ist Wechselwirkung von sinnlicher (empirischer) Erfahrung mit (übersinnlichen) Ideen.
      Sehr hübsch! Könnte man auch sagen Wechselwirkung von Begriffen und Anschauungen sagen oder würdest Du diese Formulierung nicht mögen? Hast Du auch so eine schöne Kurzdefinition für Kunst?
    • Svenja Luedemann schrieb:

      Könnte man auch sagen Wechselwirkung von Begriffen und Anschauungen ...? Hast Du auch so eine schöne Kurzdefinition für Kunst?
      Philosophie ist Wechselwirkung von sinnlicher (empirischer) Erfahrung mit (übersinnlichen) Ideen.

      Diese Kurzdefinition für Philosophie unterschlägt das, was Du mit Begriffen meinst.

      Auch so eine schöne Kurzdefinition für Kunst (unter der Voraussetzung jener für Philosophie) wäre die obige gewesen: Die eigentliche top-down-Beziehung vollzieht dann die Kunst in Form eines Kunstprodukts oder Artefakts.

      Den "Rest" erklärt Kant! ;)
    • in einem anderen Thema (das ich leider nicht wiederfinde) habe ich gerade die Beschwerde von Friederike gelesen, mein Beitrag hier genüge nicht den wissenschaftlichen Anforderungen bezüglich der Angabe der Quellen. Da muss ich energisch widersprechen, für den Text von Gadamer bezüglich Aristoteles und Platon habe ich die Quelle so angegeben, dass man den Text leicht finden kann, wenn das Reclamheft vorhanden ist.
      Der Rest meines Beitrags beruht auf Basiswissen. Ich gege davon aus, dass man dieses ohne genauere Erklärungen über den Erwerb dieses Wissens angeben kann. Nur zur Beruhigung, ich habe mir ein Teil des zum "Besten gegebenen" in Florenz erworben; auch finde ich es nicht gut, dass Beiträge in anderen Threads bemängelt werden, man sollte doch die Möglichkeit zur Antwort haben.
    • Philodendron schrieb:

      Philosophie ist Wechselwirkung von sinnlicher (empirischer) Erfahrung mit (übersinnlichen) Ideen.
      diese Aussage trifft auch auf psychologische Ästhetik zu, und die ist unter Philosophie zu Hause.


      Philodendron schrieb:

      Den "Rest" erklärt Kant!

      Ich sehe noch einen anderen Punkt etwas kritisch: und zwar eine Art Basisbezug auf Kant. Kant hat sich auf wissenschaftlicher Basis mit dem Zustandekommen eines Kunsturteils auseinander gesetzt. Dies ist m.E. aber nur ein kleiner Beitrag zu dem hier gestellten Thema zum Verhältnis zwischen Kunst und Philosophie. Kunstkenner war Kant nicht, und möglicherweise interessierte er sich dafür auch nicht besonders ausgiebig - wie die meisten Philosophen.
      Ich zitiere gern H.G. Gadamer weil ich finde, dass gerade er nicht nur Philosoph war, sondern auch einen guten Zugang zur Kunst hatte, er hat neben Philosophie auch Kunstgeschichte studiert, das merkt man.
      Wenn wir Bezüge zwischen verschiedenen Disziplinen untersuchen wollen, ist es durchaus von Vorteil diese Disziplinen zumindest ansatzweise zu kennen.
    • Kant untersucht auch, wie wir zu Erkenntnissen gelangen. Ein Beispiel für eine Erkenntnis ist das Urteil “diese Kuh ist schwarz-weiß”. Zeigt das ein besonderes Verhältnis der Philosophie zu Kühen auf? Und wenn ja, ist es eins auf Gegenseitigkeit?

      Dass die Philosophie in der Ästhetik über Kunst spricht, sagt meines Erachtens nicht viel über das Verhältnis von Philosophie und Kunst aus. Es besagt insbesondere nicht, dass Kunst in irgendeiner Weise, egal welcher, ein wesentlicher Teil des Philosophierens ist. Und insbesondere ist dabei völlig offen, inwiefern Philosophie wesentlich in der Kunst eine Rolle spielt.

      Dass etwas ein Gegenstand des Philosophierens ist, sagt zunächst erst mal nichts über das Philosophieren selbst aus - z.b. nicht über die Methoden des Philosophierens. Mit anderen Worten: der Verweis darauf, dass es so etwas wie philosophisches Ästhetiken gibt und der Verweis darauf, wie sie funktionieren, besagt meines Erachtens noch recht wenig für die Fragestellung des Threads, wenn du überhaupt irgendetwas ...

      Damit hängt die Frage zusammen ob Ästhetik bzw ästhetische Reflexion für die Philosophie im Allgemeinen wesentlich sind. Welsch weist auf folgendes hin: 2000 Jahre lang hat die Philosophie keiner Kunsttheoretischen Reflexionen bedurft. "Sie konnte solche Reflexion anstellen, aber es ging ebenso gut ohne sie. Aristoteles Metaphysik enthält keine einzige Bezugnahme auf das, was wir Kunst nennen, das gleiche gilt für die Descartes Meditation oder Leibniz Monadologie." (Wolfgang Welsch in Blickwechsel)
    • agila schrieb:

      Für mich liegen zwischen Kunstmachen, Kunstrezeption und Philosophie Welten
      Das ästhetische Urteil als Geschmacksurteil auf das Schöne bezogen ist reine »Kunstrezeption«.

      (KU, Kapitel 5:) »und dadurch geschieht es: daß das ästhetische Urteil, nicht bloß als Geschmacksurteil, auf das Schöne [bezogen wird] …«

      Auf das Erhabene bezogenes ästhetisches Urteil hat zwar auch die Anschauung als Basis, aber interpretiert bereits etwas in sie hinein.

      »… sondern auch, als aus einem Geistesgefühl entsprungenes [ästhetisches Urteil], auf das Erhabene bezogen wird,« (KU, Kapitel 5)

      Und so nähert sich ein auf das Erhabene bezogenes ästhetisches Urteil der Philosophie.

      Und zwar der Philosophie verstanden als Wechselwirkung von sinnlicher (empirischer) Erfahrung mit (gemäss Kant übersinnlichen) Ideen. Diese übersinnlichen Ideen sind mehr als Verstandesbegriffe, nämlich Vernunftbegriffe.

      idea schrieb:

      ME gehörte zuerst erfasst, was wir unter 'Philosophie' bzw. 'Kunst' verstehen und in welchem Bezug beide zueinander stehen.
      (*Kristian Köchy, Perspektiven des Organischen, 3.1 Wechselwirkung, S. 343)

      Es geht also um den Bezug, das Verhältnis, die Beziehung von zwei Gebieten zueinander.
      Auf der einen Seite steht die Philosophie auf der anderen das Kunstwerk und dazwischen das »Kunstmachen«.

      Die eigentliche top-down-Beziehung vollzieht dann die Kunst, hier als »Kunstmachen« verstanden, in Form »eines Kunstprodukts oder Artefakts«. (Vgl. unten!)

      Die Beziehung zwischen Philosophie und Kunst ist »Kunstmachen«.

      »Ein spezifisch wechselwirkendes Verhältnis ist nach Kant (1) dann zu konstatieren, wenn die Teile eines Systems ihrem Dasein und ihrer Form nach nur durch ihre Beziehung auf das Ganze möglich sind10. (10 ebd., [Kant, KU,] § 65, A 286.)«*

      Mit dem Ganzen meine ich im Falle der Kunst die Philosophie, verstanden als Wechselwirkung von sinnlicher (empirischer) Erfahrung mit (übersinnlichen) Ideen.

      »Dieses Verhältnis [wenn die Teile eines Systems (eines Kunstwerks) ihrem Dasein und ihrer Form nach nur durch ihre Beziehung auf das Ganze der Wechselwirkung von sinnlicher (empirischer) Erfahrung mit (übersinnlichen) Ideen möglich sind, ist] - im modernen Sprachgebrauch der Biotheorie eine top-down-Beziehung – [und] rechtfertigt nach den obigen Überlegungen die Bezeichnung „Zweck", da die Idee des Ganzen als Bestimmungsgrund der Teile anzusehen ist. …»*

      »Würde nur diese Beziehung vorliegen, so wäre der entsprechenden Organisation zwar „Zweckmäßigkeit" zuzuschreiben, sie hätte allerdings den Charakter eines Kunstprodukts oder Artefakts.«*