C: Parmenides Festumzug gemäss Fragement B 1

    • C: Parmenides Festumzug gemäss Fragement B 1

      Bevor ich weiter puzzle möchte ich das postulierte Leitbild <Festakt zur Eröffnung des Theaters anlässlich des Stadtjubiläums> weiter vertiefen:

      Das antike, griechische Theater ist der geeigneter Platz, um in Parmenides Geniestreich ein- und aufzusteigen. Es ist ‘Frei Luft‘ und hat die Architektur einer nach oben offenen Hand[1]. Die Handfläche entspricht dem Tanz- oder Spielboden (Orchestra) mit den Ehrenplätzen rund um. Über dem Handgelenk steht die Bühne, wo die Szenen gespielt werden. Durch die Eingänge Links und rechts der Bühne treten die Zuschauer, Ehrengäste, Ehrendamen und der vom Protagonist geleitet Chor ins Theater. Die Finger entsprechen den Sektoren der am Hang liegenden Sitze.

      Im heutigen Elea[2] sind im Westen die Überreste des Tors und die Sitze aus Stein. Die Ostseite ist jedoch eine Wiese, ohne Tor zur Stadt. Ein leicht ansteigender Weg führt von der Ostseite hinter den Zuschauerreihen hinauf nach Westen, hinter die höchstgelegenen, steinernen Sitze. Die Ostseite ist unfertig, entweder als billige Plätze für die Armen und Sklaven gewollt oder aber ungewollt. Daher ist denkbar, dass der Theaterraum auf der Ostseite entlang der ‘Fingerkuppen‘ (κράτων) mit aufgespannten Tüchern (καλύπτρα) bis hinunter zum Zugang zur Stadt abgerundet war. Parmenides umschreibt möglicherweise den bühnentechnischen Ort, aus dem die Mitspieler durch das steinerne West-Tor hervortreten, poetisch und rhetorisch als Haus der Nacht (δώματα Νυκτός).

      Denkbar ist, dass der Ältestenrat von Elea entschied, einen Festumzug zu veranstalten und alle Teilnehmenden mit Speis und Trank zu belohnen. Erwünscht ist insbesondere die Teilnahme der Jugend (κοῦραι; Augäpfel), damit noch Jahrzehnte lange über dieses denkwürdige Jubiläum geredet wird. In den Genuss des Festschmauses sollen aber auch Arme, Kranken und Behinderte kommen. Wie tritt die Hundertschaft auf? Die stolzen Eltern und Grosseltern wollen doch ihre Sprösslinge sehen und beklatschen.

      Denkbar ist folgende Choreographie: Der Auftakt des Festzugs obliegt den Jüngsten. Sie sind als Fohlen (ἵπποι) verkleidet in halbwegs geordneten zweier Gespannen am langen Seil vor einen Wagen gespannt. Nach den Fohlen kommen die jungen Stuten, dahinter die wilden Zugpferde. Der Stadtschönling mimt Helios am einachsigen Wagen auf dem die Sonnenscheibe alles überragt. Der Wagen scheint dank beidseitig armschwingender Jungs zu schweben. Im zweiten Bild tritt die Schönheitsprinzessin auf. Sie ist im Haar mit einer Mondsichel geschmückt und wird von der Dorfjugend wild umschwärmt. Das Ganze wird durch die Darstellung des facettenreichen und alltäglich harten Lebens in einer weiteren Scene des Festzugs abgerundet. Zur Auflockerung treten nun aus dem Haus der Nacht heraus die ersten Bilder erneut auf, denn sie sind hinter dem ‘Ost-Tor‘, verborgen durch die Tücher wieder zurück hinter das West-Tor gegangen. Beim zweiten Durchgang werden die Umzugsbilder der symbolisierten Gestirne, statt durch Scheiben, durch Sphären geprägt, so dass Parmenides den Scheideweg zwischen Mythos und Logos inszeniert.

      [1] Mündliche Mitteilung anlässlich einer Führung
      [2] Unter dem Stichwort <Scavi di Velia, Ascea, Salerno, Italien> sind auf <google maps earth street view> die Überreste des Theaters von Elea zu sehen
    • δαίμονος

      δαίμονος, das erste Wort in Vers 3, ist ein Schlüsselwort. Eine zu Parmenides zeitnahe Deutung gibt Diotima in Platons, Symposion [698 ? ]:

      δαίμονος ist das <Mittelwesen zwischen Sterblichem und Unsterblichem. […] lieber Sokrates; denn alles Dämonische ist eben das Mittelglied zwischen Gott und Mensch.> Diotima sagt, das Dämonische habe die Aufgabe <Dolmetsch und Bote zu sein von den Menschen bei den Göttern und von den Göttern bei den Menschen [….] und so die Kluft zwischen beiden auszufüllen, so daß [dank der] Vermittlung das All sich mit sich selber zusammenbindet. […] Nämlich nicht unmittelbar tritt die Gottheit mit dem Menschen in Berührung, sondern durch seine Vermittlung geht aller Verkehr und alle Zwiesprache der Götter mit den Menschen im Wachen wie im Schlafe. Und wer dieser Dinge kundig ist, der ist ein dämonenbeseelter (und daher dem Höheren zustrebender) […] Solcher Dämonen gibt es nun viele und von mannigfacher Art>.

      Selene, die Mondsichel verkörpert in sonderbarer Weise das Mittelwesen, das Mittelglied zwischen Gott Helios und Mensch. Bei klarem Wetter vermittelt sie den Menschen den Weg, den der Mond fernab, über den Städten geht, ebenso vermittelt Selene den Menschen, indem sie nach dem Helios schielt, die Richtung aus der die Sonne auch bei Nacht scheint. Wer dieser Dinge kundig ist, der ist ein dämonenbeseelter und daher ein dem Höheren Zustrebender.
    • Die Interpretation kann im Hinblick auf den Festumzug in mindestens drei Sichtweisen erfolgen:
      • als Teilnehmer,
      • als Protagonist und Regisseur,
      • als Zuschauer aber auch
      • als Gebildeter Ehrengast.
      Die Interpretation von Hermann Diels ordne ich dem Gebildeten zu, der die Text-Nuancen beim ersten Zuhören erkennt und kritisch aufnimmt. Der ‚Zuschauer‘ erkennt die Anspielungen auf die gängigen Mythen, sodass beispielsweise die Rede von den Heliaden als Anspielung auf den pappel-schlanken Nachwuchs ankommt. Der Regisseur weist im Vortragen der Verse die Umzugsteilnehmer an.

      Daher kann beispielsweise in den ersten drei Versen das jeweils erste Wort folgende vielfache Bedeutungen haben: ἵπποι bedeutet sowohl Geistessprung/Geistesblitz, als auch Pferdegespann, oder es werden damit die als Pferd verkleideter Teilnehmen angesprochen. Unter πέμπον ist sowohl Festumzug zu verstehen, als auch den Gesandten sagen lassen, als auch Geleit geben. Das Wort δαίμονος kann als Vermittlerin, als Göttin oder als Selene verstanden werden.

      Unter dem Leitbild <Festakt> interpretiere ich falls möglich die bisher wenig beachtete Position des Regisseurs, der die Teilnehmer einweist und den Zuschauern in das Geschehen einweist.

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    • Fragment B 1 gibt in Vers 1 bis 5 den Vorspann zum Festumzug.

      Ἵπποι ταίμεφέρουσιν, ὅσοντ'ἐπὶθυμὸςἱκάνοι, B 1, 1
      πέμπον, ἐπείμ'ἐςὁδὸνβῆσανπολύφημονἄγουσαι B 1, 2
      δαίμονος, κατὰπάντ'ἄστηφέρειεἰδόταφῶτα· B 1, 3
      B 1, 1 Gedankensprünge[1], die mich leiten[2], sobald eine schutzflehende Seele begehrt,
      B 1, 2 liessen den Gesandten[3] mir oft zeigen den Lösungsweg[4] vermittels[5] der berühmten gefeierten[6]
      B 1, 3 Dämonin[7], bei allen, die ihr da seid[8], bekannt als Schönheit im Lichtertreiben[9].

      Im Vers 1 steht im Nebensatz das vieldeutige Wort θυμὸς ohne Possessivpronomen, was die Vielfalt auf die Bedeutungen 'Sinn, Seele, Geist' einschränkt. Zugleich reduziert sich die Vielfalt des zugehörigen, am Ende des Verses stehende Verbs ἱκάνοι auf die Bedeutung 'als Schutzflehender kommen'. Das Verb ἱκάνω steht in 3rd sg pres opt act. Der Optativ hebt erwünschtes oder mögliches hervor. Daher interpretiere ich ‘als Schutzflehender kommen‘ als ‘nach Schutz begehren‘. Dies reduziert die Variation von Thymos auf Geist, Seele. Der Nebensatz wird damit zu: sobald eine schutzflehende Seele begehrt. Diese Variante lässt vermuten, dass der Protagonist als erfahrener Kapitän und Navigator auftritt und erneut auf den Mond am Taghimmel zeigt. Insgesamt eröffnet sich die Möglichkeit Ἵπποι und φέρω im übertragenen Sinn von <Geistesblitze leiten mich> zu übersetzen.

      Vers 2 beginnt mit πέμπον. Aus den vielen Bedeutungen des Verbs, u.a. auch eine Anlehnung an ‘Festumzug‘, wähle ich die Floskel 'Gesandte sagen lassen'. Nicht wirklich offen bleibt die Frage, wer der Gesandte sein könnte, sobald das Verb 'zeigen' statt 'sagen' zugelassen wird: Helios ist der Pomp, der auf die Selene zeigt, indem er sie bescheint. Damit ist die Frage eröffnet, was vermittelt wird. In der Übersetzung gebe ich das Wort ἐς nicht als ‘wegen‘ wieder, sondern als ‘vermittels‘. Der Nebensatz liefert die Antwort, sobald der Zusammenhang mit dem Wortstamm 'prüfen' zugelassen wird, der in βασαν-ίξω oder ἠ βασαν-ος zu finden ist, sodass es möglich wird ὁδὸν βῆσαν mit 'prüfenswerter Ausweg, Lösungsweg' respektive in der nautischen Rhetorik als ‚Heimweg‘ zu übersetzen.

      Zu Vers 3 ist die Interpretation von δαίμων als Mittlerin/Vermittlerin oben schon vorgespurt worden. Als Vermittlerin wird sie gehuldigt und als Gestirn Mond wird sie bewundert. Für die in der Literatur, aufgrund des schlecht zu lesenden Nebensatzes, breit diskutierten Unklarheit wird hier eine Variante vorgeschlagen, die dem Leitbild Festspiel gut entspricht, indem bei ἣ κατὰ πάντ' ἄστη auf das anwesende Publikum gezeigt wird.

      [1] Ἵπποι ; Gedankensprünge (persönliche Mitteilung eines Griechen)
      [2] Beim erste Verb φέρω (L) in 3rd pl pres ind wird hier der übertragenen Sinn 'leiten' bevorzuge, statt 'führen/tragen'.
      [3] πέμπον, das Verb steht in der 3ten Person Plural imperfekt. Zwingend ergibt sich somit das im Plural stehende ἵππος als Nominativ.
      [4] ὁδὸν βῆσαν wird als 'prüfenswerter Ausweg/Durchgang, Lösungsweg' .
      [5] ἐς wird als ‘wegen‘ oder infolge des Kommentars zur Dämonin: ‘vermittels‘.
      [6] πολύφημον [adj sg fem acc] ἄγουσαι [ἄγω (L); part sg pres act fem dat] am Ende von Vers 2 übersetze ich mit 'berühmten gefeierten' Gottheit/Schirmerin/Schutzpatronin/Vermittlerin.
      [7] δαίμων [noun sg masc-fem gen] steht im Genitiv, der meines Erachtens den Dämon und den ἐς ὁδὸν βῆσαν verbindet. Dämon als Mittler-, oder Vermittlerwesen, wie bei Platon, Symposion durch Diotima erörtert.
      [8] ἄστη < ἅστε [ εἰμί; verb 2nd pl pres ind act enclitic ] die ihr da seid
      (eine meins Wissens bisher nicht diskutierte, rhetorische Variante zu Städte, Bürger)
      [9] φέρει εἰδότα φῶτα wird hier als ‘Schönheit im Lichtertreiben‘ übersetzt; rhetorische Varianten sind denkbar forttreibendes bekannte/schönes Licht; bekannter leuchtender Vagabund (allerdings wenig ehrenhaft).

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    • Die zuvor erwähnte Dämonin leitet den Protagonist. Der Protagonist gibt mit dem Segen der Vermittlerin alsdann den Auftakt zum Festumzug, „Rosse bereit zum Wagen ziehen, …“

      τῇ φερόμην·τῇγάρμεπολύφραστοιφέρονἵπποι …B 1, 4
      ἅρματιταίνουσαι, κοῦραιδ'ὁδὸνἡγεμόνευον. B 1, 5
      B 1, 4 Von Dir liess ich mich leiten; Daher lässt Sie mich leitend sogleich deutlich zeigen mit [1]: Rosse
      B 1, 5 Bereit zum Wagen ziehen [2]; Augäpfel auf dem Weg voran schreitend!


      [1] πολύφραστοι [φράσοι ; φράζω ; 3 Pers sing fut. opt. act.] Wer wird wen was wie womit wann zeigen lassen?
      Die Gottheit wird mich leitend mit Pferden in naher Zukunft deutlich [poly-] zeigen lassen.
      [2] τιταίνουσαι [τιταίνω ; 3Pl präs ind ] Rosse macht euch bereit zum Wagen ziehen.
    • Nun geht’s weiter mit Flötenspiel im Duett (Vers 6 bis 8 in Fragment B 1).

      Ἄξων δ'ἐνχνοίῃσινἵεισύριγγοςἀυτήν B 1, 6
      αἰθόμενος - δοιοῖςγὰρἐπείγετοδινωτοῖσιν B 1,7
      κύκλοιςἀμφοτέρωθεν -, ὅτεσπερχοίατοπέμπειν B 1, 8

      B 1, 6 Die Echos aber waren von den Achslagern, die Sie[1] Hirtenflöte gleich ertönen lässt.
      B 1, 7 Entflammt – zu zweit schön rund eingespielt
      B 1, 8 Umzingelt beidseits – voll im Schwung[2]

      [1] Dämonin, Vermittlerin, Selene
      [2] Hier wird doch ein Tanz beschrieben: ich denke zwei ineinander liegend, gegenläufiger Reigen
    • Mein Puzzle hat, wie schon gesagt, beidseits je ein in sich geschlossenes Bild. Hermann Diels hat bei Fragment B 1 im Hinblick auf das lange, logische Fragment B 8 die Reise zur Göttin der Wahrheit als Bild und Proömium vor Augen. In meinem Interpretationsversuch ergibt sich aus den vorangestellten Fragmenten B 4 und B 10 das Leitbild ‘Festumzug’ bei Fragment B 1. Ich stell mir vor, dass die Dorfgemeinschaft von Elea nur einige Hundert Läute umfasst, sodass der Festumzug nur wenige Festumzugsbilder umfassen kann. Der kluge Parmenides behilft sich daher des militärischen Tricks die zu kleine Truppe zweimal vorbei ziehen zu lassen. Dies kommt ihm insofern gelegen, dass er gemäss dem Inhalt von B 10 eh die mythologische Vorstellung von Sonne, Mond und Erde als Scheibe ja sogar das Himmelsgewölbe ersetzen will und zwar durch Sphären. Im zweiten Durchgang werden Helios und Selene als Sphären dargestellt, sodass Parmenides den Scheideweg zwischen Mythos und Logos am Festumzug in Szene setzt. Entscheidend ist, ob der Interpret herausfindet, wie es Parmenides gelingt, die in Fragment B 10 angekündigten Mondphasen vor den Augen der Zuschauer bei Tageslicht zu präsentieren. Dies ist möglich sobald die kugelige Selene rund um die Zuschauer herum getragen wird und diese die von der Sonne beschiedene Seite betrachten. Parmenides kommentiert solche für die Zuschauer sichtbare Zeichen in den Fragmenten DK 28 B 15 und B 14, die daher für den zum Festspiel erweiterten Umzug hier in das sog. Proömium vor den Versen 11 bis 14 eingefügt werden:

      Ἡλιάδες κοῦραι, προλιποῦσαιδώματαΝυκτός, B 1, 9
      [10] εἰςφάος, ὠσάμεναικράτωνἄποχερσὶκαλύπτρας.B 1, 10
      αἰεὶ παπταίνουσα πρὸς αὐγὰς ἠελίοιο. B 15
      Νυκτιφαὲς περὶ γαῖαν ἀλώμενον ἀλλότριον φῶς B 14


      B 1, 9 Augäpfel verlassen Helios Töchter gleich[1] das Haus der Nacht,
      B 1,10 Schwärmen aus ans Sonnenlicht zum Tuch an der Kuppe oben[2].
      B 15 Es ist als schaute Sie[3] sich um, ob Du - Helios – bescheinst die
      B 14 Nachtleuchte in der Nähe der Erde, ihr gehörende eingefangen Erscheinung.

      [1] Die Heliaden werden hier als Sprachbild begriffen, welches auf die Extremitäten im disproportionalen Wachstumsschub der jugendlichen Teilnehmer anspielt. Denn die Töchter der Sonne werden gemäss des Mythos in Pappeln und deren Tränen zu Bernstein verwandelt
      [2] In Vers 10 von Frag. 1 ist nicht zwingend von ‘Schleiern über den Köpfen‘ die Rede!
      [3] Die Vermittlerin Selene resp. das Gestirn Mond

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    • Mit diesem Einschub der Fragmente 14 und 15 sind die nächsten Verse im Hinblick auf die angekündigte Erörterung zu den Mondphasen zu lesen. Tag und Nacht gehen nicht abwechslungsweise durch das Himmelstor am Horizont, sondern das mythologische ‘Tor von Tag und Nacht‘ wandert über den Mond und zieht die steinerne Schwelle mit sich, sobald oder sowie die Mondmodelle durch die Träger auf ihrer Bahn um die Zuschauer bewegt werden. Die aus mühseliger Gewohnheit stammende Verriegelung des Tores von Tag und Nacht wird infolge dieser Vorführung abgelöst, sobald der Zuschauer die Beobachtung am Mondmodell auf das irdische Geschehen überträgt.

      Ἔνθα πύλαι Νυκτός τε καὶ Ἤματός εἰσι κελεύθων, B 1, 11
      καί σφας ὑπέρθυρον ἀμφὶς ἔχει καὶ λάινος οὐδός·B 1, 12
      αὐταὶ δ' αἰθέριαι πλῆνται μεγάλοισι θυρέτροις·B 1, 13
      τῶν δὲ Δίκη πολύποινος ἔχει κληῖδας ἀμοιϐούς. B 1, 14
      B 1,11 Da sind die Türflügel der Dämmerung[1]
      B 1,12 und ringsum sich hat Sie zu äusserst die steinerne Schwelle.
      B 1,13 In himmlischen Höhen nehmen die übergossen Türen ein Ende und zugleich
      B 1,14 sind die aus mühseliger Gewohnheit[2] stammenden (Tag-Nacht) Riegel in Ablösung.

      [1] νυκτός τε καὶ ἤματός εἰσι κέλευθοι wird mit ‘night and day follow closely’ überstzt und es wird auf Parm.1.11 verwiesen.
      [2] Bei Δίκη wird die Majuskel nicht beachtet, und der Begriff ‘Gewohnheit‘ herangezogen. Dies ermöglicht die Interpretation hier.
    • In Vers B 1, 15 bedeutet das Wort τν sowohl <ihr> als auch <sie waren>. Im Kontext ergibt sich entweder ihr {der Göttin} oder sie {die Tore und Riegel} waren. Erstaunlicher Weise lassen die Worte nebst der Variante von beispielsweise Hölscher - Ihr sprachen nun die Mädchen[sup][1][/sup] mit sanften Reden zu. - eine zweite sinnvolle Varianten zu.

      Τὴν δὴ παρφάμεναι κοῦραι μαλακοῖσι λόγοισιν. 1.15
      B 1,15 Sie waren offenbar beschwichtigende Abschnitte[sup][2][/sup] schwacher Argumente.

      Die Rhetorik wirkt wie eine Tarnkappe und dies war auch nötig! Denn ….

      [1] κοῦραι [κούρη ; noun pl fem V-N-D] Mädchen
      [2] κοῦραι [κουρά ; noun pl fem V-N attic ionic ;noun sg fem dat attic doric ionic aeolic] cropping, Schur, Scheren, Abschneiden, Abschnitte
    • Denn für den nächsten Vers (B 1, 16) hätte der Protagonist sonst eine saftige Strafe riskiert, weil er zum Ungehorsam aufruft und die Zuschauer auffordert, die Himmelstore (und ihre Mechanik) als untauglich zu vergessen. In Vers 18 hält der Protagonist den Mitbürgern den Spiegel vor.

      πεῖσαν ἐπιφραδέως, ὥς σφιν βαλανωτὸν ὀχῆαB 1, 16
      ἀπτερέως ὤσειε πυλέων ἄπο· ταὶ δὲ θυρέτρωνB 1, 17
      χάσμ' ἀχανὲς ποίησαν ἀναπτάμεναι πολυχάλκουςB 1, 18


      B 1,16 Wie sehr Gehorsam übervorsichtig und engstirnig macht,
      B 1,17 schnell, die Tore von Tag und Nacht und deren fernen Pforten sind zu verstossen!
      B 1,18 Den Atem verschlagen[1] durch die in Hochglanz abgehobene Vorstellung[2].

      [1] Regieanweisung: Mit Blick auf die in der ersten Zuschauerreihe mit hoch rotem Kopf und offenem Mund da sitzenden Ehrengäste.
      [2] ποίησαν [ὴ ποίησις ; noun sg fem nom-acc ] Handeln, Schaffen, (schöpferisch) Tätigsein, Dichtkunst, Gedicht --> Vorstellung
    • Alsdann gibt er den Flötenspielern den Auftakt zu einem musikalischen Tusch, den er für jedermann derb mit Seemannsgarn verstärkt[sup][1][/sup]. Die Mädchen und Jungs oben bei den Tüchern winken und verbeugen sich. Der Protagonist aber wendet sich ans Publikum und animiert es zum Applaudieren.

      ἄξονας ἐν σύριγξιν ἀμοιϐαδὸν εἰλίξασαιB 1, 19
      [20] γόμφοις καὶ περόνῃσιν ἀρηρότε· τῇ ῥα δι' αὐτέωνB 1, 20
      ἰθὺς ἔχον κοῦραι κατ' ἀμαξιτὸν ἅρμα καὶ ἵππους. B 1, 21
      Καί με θεὰ πρόφρων ὑπεδέξατο, χεῖρα δὲ χειρίB 1, 22
      δεξιτερὴν ἕλεν, ὧδε δ' ἔπος φάτο καί με προσηύδα·B 1, 23

      B 1, 21 Die Augäpfel hielten Wagen und Pferde dem Weg entlang.
      B 1, 22 Heisst das Schauspiel[2] und mich entschieden willkommen; Hand auf Hand
      B 1, 23 Schlagt zustimmend ein, so dass für mich eine heitere Zeit angebrochen ist.

      Bei Vers 22 wird in der Regel spekuliert welche θεὰ, Göttin gemein sein könnte, ohne zu einem klaren Schluss zu kommen oder auf die Variante 'Schauspiel' einzugehen.

      [1] DK 28 B 1, 19/20 Achsen in Naben sich gegenseitig gewälzt / Bolzen und Schnallen sind gefügig; Es sei denn schreiend!
      [2] θεὰ [ὴ θεὰ; noun sg-dual-pl fem nom-voc] Göttin; Anschauung, Betrachtung, Anblick, Schauspiel
    • Die Kourai erhalten weitere Regieanweisungen, diesmal zum Abgang[1]. Die kugeligen Mondmodelle gehen auf dem Weg zurück und Selene lässt sich die Mondsichel aus dem Haar nehmen. Dann steigt die Stadtschönheit die Stufen der Tribüne hinunter, wo sie als Ehrendame beim Ältestenrat neben dem Helios Platz nimmt. Der Protagonist kokettiert über ihren ‘Stöckelschuhgang‘ und zeigt zur Göttin Selene am Taghimmel[2].

      κοῦρ'ἀθανάτοισισυνάοροςἡνιόχοισιν, B 1, 24
      [25] ἵπποιςταίσεφέρουσινἱκάνωνἡμέτερονδῶ, B 1, 25
      χαῖρ', ἐπεὶοὔτισεμοῖρακακὴπροὔπεμπενέεσθαι B 1, 26
      τήνδ'ὁδόν - γὰρἀπ'ἀνθρώπωνἐκτὸςπάτουἐστίν -, B 1, 27

      B 1, 24 Da, die Augäpfel halten die Zügel der göttlichen Gefährtin und den
      B 1, 25 Gespannen, die Dich in unser Haus zurück tragen.
      B 1, 26 Sie erfreut sich, da dich weder Tot noch Untergang ereilte auf
      B 1, 27 diesem Weg - Nicht wahr! Fern der Leute Trott -

      Damit ist sowohl die üblicherweise erzählte Reise zur Gottheit am Ziel angelangt, als auch der hier favorisierte Festumzug und damit der erste Teil des Festspiels zu Ende. Zweifellos dürfen wir uns auf eine solche Doppel-Interpretation des rhetorischen Textes von Parmenides einlassen.
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      [1] DK 28 B1 Vers 24 und 25
      [2] DK 28 B1 Vers 26 und 27
    • Der nachfolgende Text lässt dem Zuschauer und Leser gar keine andere Wahl!

      ἀλλὰ θέμις τε δίκη τε.Χρεὼ δέ σε πάντα πυθέσθαι B 1, 28
      ἠμὲν Ἀληθείης εὐκυκλέος ἀτρεμὲς ἦτορ B 1, 29
      [30] ἠδὲ βροτῶν δόξας, ταῖς οὐκ ἔνι πίστις ἀληθής. B 1, 30

      In Verse 1.28 steht das Verb πυθέσθαι im Infinitiv. Es kann sowohl als Aorist-Medium von πυνθάνομαι mit der Bedeutung lehren gelesen werden, als auch als Präsens Passiv von πυθω mit der Bedeutung faul machen. Meines Wissens ist dies hier die erste Interpretation, die sich auf die Bedeutung faul machen einlässt. Sie zwingt den Interpreten, statt der Namen der Gottheiten, deren begriffliche Bedeutung zu übersetzen und die damit verbundene Rhetorik[1] mitschwingen zu lassen.

      B 1, 28 Brauch, Gewohnheit und auch Verlangen machen dich in jeder Beziehung faul,
      viel mehr noch Ordnung, Recht und auch Zwang, denn
      B 1, 29 wir waren durch die gut abgestützte Wahrheit im Innersten ruhig,
      B 1, 30 ebenso durch der Leute Meinungen, aus denen du Verlässlichkeit verbannt hast.

      Da ist der umgangssprachliche Tonfall des Leviten-Lesens herauszuhören: d.h. es wird jemandem wegen seines tadelnswerten Verhaltens zur Rede gestellt, um ihn mit Nachdruck auf Pflichten und Tugenden hinzuweisen. Angesprochen sind alle: mit dem ‘dich‘ das breite Publikum; mit dem ‘du‘ sind auch Ehrengäste und Amtspersonen nicht ausgenommen. Die harten Worte werden durch die Begründungen in Vers 29 und 30 gemildert. Dennoch muss sich der Zuhörer und Leser fragen, was denn hier angedeutet ist.

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      [1] Es ist auch zu beachten, dass die Bedeutungen sowohl passiv als auch aktiv zu nehmen sind, d.h.:
      θέμις: Brauch und Ordnung;
      δίκη: Gewohnheit und Recht;
      Χρεὼ: Verlangen und Zwang.