B: Parmenides Programm und Inhalt gemäss Fragment B10

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    • B: Parmenides Programm und Inhalt gemäss Fragment B10

      In dieser Interpretation versuche ich das Parmenides Fragment 10 als die im Proömium fehlende Inhaltsangabe zu lesen und als Programm zum von mir postulierten Festakt darzulegen. Dem Zuschauer wird angekündigt, dass er neues erfährt über die himmlische Grundursache ( αἰθερίαν φύσιν ) der Tierkreis-Sternzeichen und der Geschäfte sowohl der Sonne, als des Monds als auch seiner beiden Phasen ( ἔργα τε κύκλωπος ). Er werde auch sehen, dass das Himmelsgewölbe rundum gehe, denn sonst würde der durch ein Naturgesetz (an die Erde) gebundene Mond zerschellen.

      Εἴσῃδ'αἰθερίαντεφύσιντάτ'ἐναἰθέριπάντα B 10, 1
      σήματακαὶκαθαρᾶςεὐαγέοςἠελίοιο B 10, 2
      λαμπάδοςἔργ'ἀίδηλακαὶὁππόθενἐξεγένοντο, B 10, 3
      ἔργατεκύκλωποςπεύσῃπερίφοιτασελήνης B 10, 4
      [10.5] καὶφύσιν, εἰδήσειςδὲκαὶοὐρανὸνἀμφὶςἔχοντα B 10, 5
      ἔνθενἔφυτεκαὶὥςμινἄγους΄ἐπέδησενἈνάγκη B 10, 6
      πείρατ'ἔχεινἄστρων. B 10, 7

      B 10, 1 Kennen lernen wirst du die himmlische Grundursache sowohl all der am Himmel bekannten[1]
      B 10, 2 Zeichen, als die ( φύσις ) der durch einen Eid gebundenen[2] ‘Verwünschung’[3] des Helios[4],
      B 10, 3 (als auch die φύσις ) der Fackel[5] abnehmenden Geschäfte und woher sie daraufhin zunehmen[6].
      B 10, 4 Beide Werke der Rundäugigen wirst Du erkennen[7] als ringsum herum irren[8] der Selene
      B 10, 5 und der Grundursache. Du wirst sehen das Himmelgewölbe ist ringsum nötig, das bringt’s![9]
      B 10, 6 Denn sie würde zerschellen ‘ausser‘ sie ist verbunden dem Naturgesetz
      B 10, 7 dem Seil[10] der Sterne gleich.

      Warum interessiert sich Parmenides für die bekannten alltäglichen Bewegungen der Sonne und des Monds? Er sieht im Tagesgang der beiden Gestirne und in den Mondphasen ein ungestörtes ganzheitliches Werken als Zeichen für eine Grundursache, die da ist ein Naturgesetz[11] gleich dem Seil der Sterne. Daher ist folgende Regieanweisung zu vermuten: der Protagonist steht hoch auf der Bühne und führt einen uralten Bubentrick vor: Er lässt vor den Augen der Zuschauer ein Gefäss bis zum Rand füllen, um es alsdann an einem Seil immer stärker zu schwingen, bis es hoch über seinem Kopf herumdreht, ohne einen Tropfen zu verschütten. Dann aber lässt er das Seil los und das Gefäss fliegt, wie der Stein bei Davids Steinschleuder davon, und zerschellt am Boden.

      [1] τά τ' ἐν [εἰμί ; verb 3rd pl imperf ind act epic; sie waren] übertrage ich mit ‘bekannten’ im Sinne von ‘die immer schon waren’
      [2] εὐαγέος [εὐαγής ; adj sg fem gen] durch einen Eid gebundenen (gemäss Langenscheidt)
      [3] καθαρᾶς [καθαρός ; adj sg fem gen attic doric aeolic; adj pl fem acc]
      wird zur Befriedigung der Adjektivform gewandelt zu καταρᾶς [noun sg fem gen] Verwünschung
      [4] Helios, der Sonnengott, der Phaethon im Palast aufnimmt und als Sohn anerkennt, verpflichtet sich durch einen Eid, dem Sohn ein Geschenk seiner Wahl zu gewähren [Wikipedia, Phaethon (Mythologie), Darstellung des Ovid]
      [5] λαμπάδος [λαμπάς ; noun sg fem gen]
      [6] ἐξε-γένοντο, [ἐξης ;] [γίγνομαι ; verb 3rd pl aor ind mid homeric ionic unaugmented]
      [7] πεύσῃ [πυνθάνομαι ; verb 2nd sg fut ind mid doric contr]
      [8] περίφοιτα [περί ; ringsum, überaus] [-φοιτάω; verb 3rd sg pres ind-subj act epic contr ] herumirren
      [9] ἔχοντα [ἔχω ; part sg pres act masc acc; …] es mit sich bringend
      [10] πείρατ' [πεῖραρ ; noun sg neut dat poetic ] Seil, Tau, Schlinge, Fallstrick
      [11] Das Naturgesetz wird heute ‘Gravitation’ genannt.

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    • Diese Interpretation lebt inhaltlich von der Hervorhebung der φύσις (Grundursache) im ganzen Fragment B 10 und sprachlich von der 'sowohl… als… als auch'-Verknüpfung der ersten drei Verse mit τε (φύσιν) in Vers 1, καὶ in Vers 2 und dem am Anfang von Vers 3 fehlenden καὶ. Strittig mag der zweite Teil von Vers 2 sein, aber die Variante 'die ( φύσις ) der durch einen Eid gebundenen Verwünschung des Helios' ist im Mythos des Sonnengotts, wie in der Fussnote dargelegt, verwurzelt. Dies rechtfertigt καθαρᾶς durch einen Buchstaben zu καταρᾶς zu wandeln. Entscheidend ist aber, dass Vers 3 inhaltlich in sich geschlossen stimmig ist: Die Selene wird (auch andern Orts) als Fackel umschrieben und die Mondphasen sind mit 'ab- und zunehmende Geschäfte' treffend beschrieben.
    • Nun will ich noch die Verse 4 bis 7 kommentieren.

      'Der Rundäugige' ist ein weiterer Namen für 'Mond'. Ebenso sind 'Die Werke des Rundäugigen' eine weitere Umschreibung der Mondphasen. Inhaltlich neu ist nun, dass die Mondphasen zu sehen sind, weil der Mond wegen der Grundursache um die Erde kreist. Das umkreisen der Erde ist aber nur möglich, wenn der Himmel nicht wie bei einem Keller ein Gewölbe über dem Erdboden ist, sondern rundum geht. Zuletzt wird noch die Grundursache als Notwendigkeit (Ἀνάγκη) konkretisiert: ein Naturgesetzt bindet den Mond an die Erde wie ein Seil, das man mit dem geistigen Auge als anwesend bestätigen muss. Damit haben wir die Rückbindung an das besprochene Fragment B 4 und die dort postulierte Vorführung des Bubentricks.

      Wie aber zeigt Parmenides dem Zuschauer die zu- und abnehmenden Mondphasen?
    • Alltag schrieb:

      Nun will ich noch die Verse 4 bis 7 kommentieren.

      'Der Rundäugige' ist ein weiterer Namen für 'Mond'. Ebenso sind 'Die Werke des Rundäugigen' eine weitere Umschreibung der Mondphasen. Inhaltlich neu ist nun, dass die Mondphasen zu sehen sind, weil der Mond wegen der Grundursache um die Erde kreist. Das umkreisen der Erde ist aber nur möglich, wenn der Himmel nicht wie bei einem Keller ein Gewölbe über dem Erdboden ist, sondern rundum geht. Zuletzt wird noch die Grundursache als Notwendigkeit (Ἀνάγκη) konkretisiert: ein Naturgesetzt bindet den Mond an die Erde wie ein Seil, das man mit dem geistigen Auge als anwesend bestätigen muss. Damit haben wir die Rückbindung an das besprochene Fragment B 4 und die dort postulierte Vorführung des Bubentricks.

      Wie aber zeigt Parmenides dem Zuschauer die zu- und abnehmenden Mondphasen?
      Mir fehlt hier noch der Bezug zum Schatten. ich habe jetzt auch nicht vor mir, wie die einzelnen Fragmente aussehen, so dass ich den Inhalt nicht voll zusammensetzen kann.


      Ich denke worauf Parmenides (hier bei den Gestirnen) hinaus will ist der Umstand, dass Licht (Anwesendes) und Schatten (Abwesendes) zusammen Eins machen (B4.1), den Mond als Ganzes. Deswegen verstehe ich auch nicht so ganz, was Du mit Bubentrick meinst. Würde man nämlich zuvor B4 nicht kennen, könnte man auch annehmen, der Mond wird tatsächlich größer und kleiner - sofern man nur das Helle des Mondes als Mond versteht. Mir scheint eher, dass Parmenides erst einmal zeigen will, wie es tatsächlich ist. Und dazu braucht er vermutlich die Erde als "Schattenspender".
      Es ist gut, ins philosophische Nichts zu springen. Besser ist es, wieder heil nach Hause zu kommen.

      Willst du einen Menschen wirklich lehren, musst du ihn zuvor erkennen.
    • Parmenides sieht meines Erachtens im Tagesgang der beiden Gestirne und in den Mondphasen ein ungestörtes ganzheitliches Werken als Zeichen für eine Grundursache, die da ist ein Naturgesetz gleich dem Seil der Sterne. Daher ist folgende Regieanweisung zu vermuten: der Protagonist steht hoch auf der Bühne und führt einen uralten Bubentrick vor: Er lässt vor den Augen der Zuschauer ein Gefäss bis zum Rand füllen, um es alsdann an einem Seil immer stärker zu schwingen, bis es hoch über seinem Kopf herumdreht, ohne einen Tropfen zu verschütten. Dann aber lässt er das Seil los und das Gefäss zerschellt am Boden.

      Ich spekuliere wiefolgt: Parmenides demonstriert seinen Mitbürgern die Mondphasen im Festspiel. Ich komme darauf im Fragment B 1 und B 14 und B 15 zurück.
    • Hallo Alltag..

      jetzt verstehe ich zumindest, was Du mit "Bubentrick" meinst. Nur sehe ich jetzt nicht mehr den Zusammenhang mit B4. Inwiefern demonstriert ein rotierendes mit Wasser gefülltes Gefäß den zu zeigenden Gehalt von B4?

      Allerdings wäre die Demonstration per Seil tatsächlich eine anschauliche Art, von einem Naturgesetz (hier also die Gravitation) zu sprechen. Nur: die Mondphasen (deren Verständnis m.E. in B4 bereits erkenntnistheoretisch ermöglicht werden) lassen sich so kaum zeigen - es sei denn das Gefäß wird während des Kreisens leer und wieder voll. Was sich aber so praktisch kaum darstellen ließe.

      Es müsste also noch irgend eine explizite "Regieanweisung" hinzukommen, die das darstellen (veranschaulichen) kann.
      Es ist gut, ins philosophische Nichts zu springen. Besser ist es, wieder heil nach Hause zu kommen.

      Willst du einen Menschen wirklich lehren, musst du ihn zuvor erkennen.
    • Hoi @iselilja,

      Beim Bubentrick ist das Seil zu sehen, welches das Gefäss vor dem wegfliegen bewahrt. Beim an die Erde gebundenen Mond bestätigst Du die dem Seil zugeschriebene Funktionalität, obwohl das Seil abwesend ist, mit dem geistigen Auge aber dennoch als anwesend. Damit gilt doch der Inhalt von Vers 1 von Fragment B 4: 'Abwesendes bestätigst du mit dem geistigen Auge aber dennoch (als) Anwesendes'. Das Seil ist das Abwesende. Die dem Seil zugeschriebene Funktionalität (Anziehungskraft) ist mit dem geistigen Auge aber dennoch Anwesend.

      Jah! Es ist ein Rätsel, wie Parmenides seinen Mitbürgern das Geschäft 'Mondphasen' im Theater aufzeigen könnte. Ich bin ihm im griechisch-original Fragment B 1 auf die Spur gekommen. Einige entscheidende Hinweise habe ich dort schon gegeben:
      • 'kaluptra' übersetzt praktisch jeder als Schleier (der Heliaden), aber das ist nicht zwingend.
      • 'kaluptra' ist auch ein Tuch, ein Segeltuch
      bei mir sind viele Segeltücher aneinander gehängt und zwar so, dass sie die hintersten Sitzplätze im Rücken der Zuschauer eingrenzen. Sobald nun im Sonnenlicht eine Sphäre entlang der Tücher getragen werden, so kann der Zuschauer auf dieser Sphäre sich ändernde Schatten und Sicheln wie beim Mond erblicken: Die Mondphasen sind für die der Kugel nachschauenden Zuschauer im Zeitraffer zu erleben! --- parmenidisch-himmlisch, nicht wahr! ;)
    • Alltag schrieb:

      Beim Bubentrick ist das Seil zu sehen, welches das Gefäss vor dem wegfliegen bewahrt. Beim an die Erde gebundenen Mond bestätigst Du die dem Seil zugeschriebene Funktionalität, obwohl das Seil abwesend ist, mit dem geistigen Auge aber dennoch als anwesend. Damit gilt doch der Inhalt von Vers 1 von Fragment B 4: 'Abwesendes bestätigst du mit dem geistigen Auge aber dennoch (als) Anwesendes'. Das Seil ist das Abwesende. Die dem Seil zugeschriebene Funktionalität (Anziehungskraft) ist mit dem geistigen Auge aber dennoch Anwesend.
      Ah ok. Ich finde es immer wieder spannend wie ein paar wenige anders verstandene (anders übersetzte) Wörter einen ganz anderen Gesamtzusammenhang ergeben. Und das obwohl mir das an sich zwar bewußt ist..

      Ich hatte ja B4 etwas anders übersetzt, weil mir dort noch das eigentliche Erkennen vom Sein des Seienden zentraler erschien, als die Frage nach dem noch zu erwartenden Gesamtzusammenhang. Hm.. im Moment kann ich mich nicht für eine Variante klar entscheiden. Ich warte mal, was Du noch so alles hervor bringst.
      Es ist gut, ins philosophische Nichts zu springen. Besser ist es, wieder heil nach Hause zu kommen.

      Willst du einen Menschen wirklich lehren, musst du ihn zuvor erkennen.
    • iselilja schrieb:

      Hm.. im Moment kann ich mich nicht für eine Variante klar entscheiden.
      Ich denke es ist durchaus möglich, dass mehrere Varianten parallel ihre Berechtigung haben. Wie im Begleit-Thread 'Fragment B 1' angedeutet, gibt es mehrere Hinsichten: die Sicht des Umzugsteilnehmers, die Sicht des Protagonisten/Regisseur, die Sicht des breiten Zuschauers, die Sicht des Gebildeten Ehrengasts etc. Mich verwundert es auch, dass derselbe Text mehrere Hinsichten zugleich befriedigen kann. Genau das macht das Puzzeln so reizvoll, finde ich. ;)
    • Alltag schrieb:

      Genau das macht das Puzzeln so reizvoll, finde ich.
      Auf jeden Fall. Im Hintergrund bewegt mich aber zusätzlich natürlich noch die Frage, wie Parmenides zu verstehen sei. Mal davon abgesehen, wie man es darstellt. Wobei mir Deine Methode eigentlich ganz gut gefällt.

      Uns heute ist klar, wie das mit Sonne, Mond und Erde funktioniert, weil wir es in der Schule gelernt haben. War Parmenides nun Lehrer der seinen Schülern nichts anderes beibrachte als unsere Lehrer uns, oder war Parmenides ein Philosoph der neue Erkenntnis lehrte?

      Diese Frage scheint mir zumindest für die von Dir gewählte Methodik ausschlaggebend zu sein.
      Es ist gut, ins philosophische Nichts zu springen. Besser ist es, wieder heil nach Hause zu kommen.

      Willst du einen Menschen wirklich lehren, musst du ihn zuvor erkennen.
    • iselilja schrieb:

      War Parmenides nun Lehrer der seinen Schülern nichts anderes beibrachte als unsere Lehrer uns, oder war Parmenides ein Philosoph der neue Erkenntnis lehrte?

      Diese Frage scheint mir zumindest für die von Dir gewählte Methodik ausschlaggebend zu sein.
      Mit Dieser Anregung - oder ist es ein Einwand? - stehe ich voll in Resonanz! Was dabei wohl raus kommen wird, ist mir noch weitgehend unklar. Das griechische Theater ist - so meine ich gelernt zu haben - der Schulungsort von Alt und Jung, von Adel und Sklaven, von Arm und Reich etc.

      Bezüglich der Erwachsenen-Schulung bin ich in den Parmenides Fragmenten fündig geworden: Parmenides ist bekannt als Urheber der Stadtrechte von Elea, ohne dass von seinen Stadrechten im Detail die Rede ist. Letzteres muss nicht Zufall sein, falls seine Stadtrechte Tabus berühren.
    • Alltag schrieb:

      oder ist es ein Einwand?
      Nein, keineswegs.. es scheint mir nur wichtig und definierend, wie man wohl insgesamt die Sache angeht. Als dritte Möglichkeit stünde evtl. auch noch Parmenides als Dichter zur Verfügung, der bereits Bekanntes in neuem Licht zeigt wie etwa Aristophanes philosophische Kontexte neu kontextuierte. :)

      Wer weiß.. ich bin mir da alles in allem unschlüssig. Aber Du wirst das schon vernünftig herauspuzzeln.

      lg
      Es ist gut, ins philosophische Nichts zu springen. Besser ist es, wieder heil nach Hause zu kommen.

      Willst du einen Menschen wirklich lehren, musst du ihn zuvor erkennen.
    • iselilja schrieb:

      (...) .. es scheint mir nur wichtig und definierend, wie man wohl insgesamt die Sache angeht. Als dritte Möglichkeit stünde evtl. auch noch Parmenides als Dichter zur Verfügung, der bereits Bekanntes in neuem Licht zeigt wie etwa Aristophanes philosophische Kontexte neu kontextuierte.

      Wer weiß.. ich bin mir da alles in allem unschlüssig.
      Im Stillen verspreche ich mir vom Leitbild <städtischer Festakt>, eine plausible Reihenfolge der Fragmente heraus zu knobeln. Das könnte dann rückwirken auf die das 'Woher' der philosophischen Inhalte. ... On verra!