A: Parmenides Untersuchungskonzept gemäss Fragment B4

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    • A: Parmenides Untersuchungskonzept gemäss Fragment B4

      Als Leser der Parmenides Texte [Diels] brauche ich ein Drehbuch, einen Plot um bildlich gesprochen ‘am Leben zu bleiben‘. Die Arbeit hier beginnt daher mit der von Reckermann [1] thematisierten Suche nach dem Weg zum Sinnganzen des parmenideischen Lehrgedichts. Es kommt mir vorerst auf den Versuchen an, Themen, die uns aus welchen Gründen auch immer nicht überliefert sind, neu aufzurollen. Daher sei mir erlaubt quasi ‘vor der Philosophie‘, also bildlich auf den Treppen zum Foyer der Geisteswissenschaften, Fragen zu stellen und Antworten vorzuschlagen. Die Suche nach dem Leitbild für die Interpretation orientiert sich an Fragen, wie: Aus welchem Anlass schrieb Parmenides sein Werk? Wann, wo und wie wurde der Text vorgetragen? Für wen schrieb er die uns nur fragmentarisch überlieferten Texte? Trug Parmenides die Texte selbst vor? Was veranlasste ihn dazu? Was erhoffte er sich dabei? Bescheidene aber zuverlässige Teilantworten auf die Wo- und die Wann-Fragen sind: ‘Frei Luft‘ und ‘bei Tageslicht‘. Eine naheliegende Präzisierung der Antwort ist ‘nach der Niederschrift des im bestem Alter von Parmenides verfassten Werks‘. In diesem vagen Zeitraum von etwa 25 Jahren muss sich die Gründung seiner Heimatstadt in einer runden Zahl gejährt haben, sodass Parmenides den Text zum Jubiläum geschrieben haben könnte. Eröffnete Parmenides selbst ein Fest in seiner Heimatstadt? Der Anlass dazu könnte der Gedenktag zum Auszug aus der kleinasiatischen Heimatstadt Phocäa (546 v.Chr.) und das Jubiläum der etwa zehn Jahre später in Italien gegründeten, neuen Heimatstadt Hyele (535 v.Chr.) sowie die Einweihung des dafür neu errichteten Theaters gewesen sein. Parmenides könnte unter diesem Leitbild im Eröffnungsschauspiel sowohl Lehrmeister als auch Rhapsod sein. Als Vortragender kann er durch Handzeichen auf das jeweils Angesprochene aufmerksam machen, wie beispielsweise die Sonne oder den am Taghimmel stehenden Mond.

      [Diels] Herrmann Diels; Parmenides Lehrgedicht: 1897;
      archive.org/stream/parmenidesl…parmgoog#page/n5/mode/2up

      [1] Alfons Reckermann, Parmenides, Vom Wesen des Seienden, Verlag Meiner, 2014, Philosophische Bibliothek Band 645, Einleitung, Seite römisch XXXIV. Indirekt warnt Alfons Reckermann: Jeder Herausgeber steht […] vor der Aufgabe, nahezu für jede Zeile eine begründete Entscheidung zwischen verschiedenen Lesarten fällen zu müssen, die nicht nur einzelne Worte, sondern oft auch deren Stellung im Satzgefüge oder gar den Ort eines Satzes im Ganzen des Textes betreffen. Man kann diese Probleme nicht für nebensächlich erklären, weil der Weg zum Sinnganzen des parmenideischen Lehrgedichts nur zu finden ist, wenn man sich mit seinen einzelnen Worten und Sätzen des materiellen Substrats vergewissert, das allein seinen Gesamtsinn tragen kann.

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    • Interpretation von Fragment B 4

      Parmenides Fragmente sind – abgesehen von den Schwierigkeiten bei der Übersetzung - ein rhetorischer Text, sodass ganz unterschiedliche Interpretationen möglich sind. Die Schwierigkeiten beim Auslegen habe ich in der eigenen[2], linearen, möglichst versgetreuen Übersetzung selbst erfahren. Im sogenannten Proömium (DK 28 B1) sind Themen zu erkennen, wie die Anrufung einer übergeordneten Macht[3]; die Bitten um Inspiration und Hilfe beim Vortragen[4]; die Koketterie[5] fürs breite Publikum; sowie die Bitten um Wohlwollen und gewogenes Aufnehmen[6] des Gehörten beim Zuschauer.
      Im Folgenden wird versucht nachzuwiesen, dass die im Proömium fehlende Veranlassung in Fragment DK 28 B 4 zu erkennen ist. Beim Betrachten der Mondsicheln muss jedermann bestätigen, dass das ‘Dunkle des Mondes‘ dennoch anwesend ist. Parmenides thematisiert dies in Fragment DK 28 B 4 so, dass der Kerngedanken seines Gedichts vor das geistige Auge geführt wird. In Vers 2 ist vom Begehren die Rede, das Seiende des Seienden zu verstehen. Im Wunsch sich davon ein Stück abzuschneiden, d.h. einen Preis darauf angesetzt zu sehen, damit um der Ordnung willen die Untersuchung weder überallhin völlig ausgebreitet, noch in einer beliebigen vorgefassten Hinsicht fokussiert wird.

      Λεῦσσεδ'ὅμωςἀπεόντανόῳπαρεόνταβεϐαίως· B 4, 1
      οὐγὰρἀποτμήξει τὸ ἐὸν τοῦ ἐόντος ἔχεσθαι B 4, 2
      οὔτεσκιδνάμενονπάντῃπάντωςκατὰκόσμον B 4, 3
      οὔτεσυνιστάμενον. B 4. 4

      B 4,1 Schau![7] Abwesendes bestätigst[8] du mit dem geistigen Auge[9] aber dennoch (als) Anwesendes.
      B 4,2 Brenne[10] drauf (dass) ein Preis festgesetzt[11] wird um das Seiende des Seienden[12] zu verstehen
      B 4,3 (und) um ganz und gar[13] der Ordnung willen[14] weder sich auszubreiten
      B 4,4 noch sich einzuengen.

      Theatralisch wirkt der Vierzeiler, infolge der beiden Imperative am Anfang von Vers 1 und 2 sowie dem am Ende von Vers 3 stehenden kata kosmon, wie die Paukenschläge in der Ouvertüre von Mozarts Zauberflöte. Inhaltlich stellt Fragment B4 Parmenides Untersuchungskonzept vor: Schau! Sei wissbegierig! Bleib am Ball! Daher wird hier zu ersten Mal vorgeschlagen Fragment B4 vor das Proömium, an den Anfang des Schauspiels zu stellen.

      [1] Alfons Reckermann, Parmenides, Vom Wesen des Seienden, Verlag Meiner, 2014, Philosophische Bibliothek Band 645, Einleitung, Seite römisch XXXIV
      [2] Ich wollte den Originaltext verstehen lernen und fand eine entscheidende Unterstützung im Internet, weil da zu den einzelnen Worten die mögliche Grammatik vorgeschlagen wird und ein Link mit dem Altgriechisch-Englisch Wörterbuch von Perseus vorliegt. http://philoctetes.free.fr/uniparmenide.htm
      [3] Vers 1 bis 4 von DK 28 B 1
      [4] Vers 15, 18 von DK 28 B 1
      [5] Vers 19, 20 von DK 28 B 1
      [6] Vers 22, 23 von DK 28 B 1
      [7] Λεῦσσε [λεύσσω ; verb 2nd sg pres imperat act]
      (Vermutlich zeigt der Vortragende beim ersten Wort auf den am Taghimmel stehenden Mond.)
      [8] βεϐαίως [βεβαιόω ; verb 2nd sg pres ind act doric contr] du bestätigst
      [9] νόῳ [νόος ; noun sg masc dat epic doric ionic] mit dem geistigen Auge
      (Diese Variante bevorzugt Helmuth Vetter, 2016, Seite 97-99)
      [10] οὐ [ἵημι ; verb aor imperat mid attic epic doric contr] brenne etw. zu tun
      (Ob der Imperativ auch andernorts als Variante diskutiert wird, bleibt offen.)
      [11] ἀποτμήξει [ = ἀποτμήξειε ; verb 3rd sg aor opt act] Med. sich etw. abschneiden ;
      (dass) ein Stück davon abgeschnitten werde
      ἀποτμήξει [ἀποτιμάω ; verb fut inf act attic doric ionic contr] (dass) ein Preis festgesetzt wird
      [12] τὸ ἐὸν τοῦ ἐόντος ; das Seiende des Seienden (im anachronistischen Sinn von ‘was der Falls ist’)
      [εἰμί ; part sg pres act neut N-V-A]; [ὁ ; article sg neut gen indeclform]; [εἰμί ; part sg pres act neut gen]
      [13] πάντῃ πάντως : die zwei Adverbien sind in ihrer Allgemeinheit umgangssprachlich als ’ganz und gar’ bekannt
      [14] κατὰ κόσμον [κόσμος ; noun sg masc acc] um der Ordnung willen;
    • Alltag schrieb:

      Als Leser der Parmenides Texte brauche ich ein Drehbuch, einen Plot um bildlich gesprochen ‘am Leben zu bleiben‘. Die Arbeit hier beginnt daher mit der von Reckermann [1] thematisierten Suche nach dem Weg zum Sinnganzen des parmenideischen Lehrgedichts.
      Ich glaube, ich verstehe ... :)

      Mich interessiert die Textüberlieferung. Man(n) hat sicher nirgendwo ein mehr oder weniger zerfleddertes Schriftexemplar aufgetrieben, auf dem "Parmenides" steht und dann folgt der Titel. Was ich bei Diels vorhin las, entschuldige schon mein Begnügen mit dem klassischen "gruftie", waren zwar Hinweise auf Codices, insbesondere einen, in dem Handschriften des Simplikios enthalten sind. Datiert aufs 4. Jahrhundert und wohl in Athen geschrieben. Es wurde allerdings nicht deutlich, ob man -Diels- davon ausging, daß sich überhaupt irgendwo eine Niederschrift, die Parmenides selber verfaßt haben könnte, befindet. In Deinem einleitenden Beitrag hört es sich anders an. Was ich gerne wissen möchte, Alltag, ob Du genauer Bescheid weißt, wo die einzelnen Codices, die Du und die Parmenides-Forschungsgemeinschaft für wichtig erachten, sich heutzutage befinden -und natürlich, ob Du sie bereits persönlich in Augenschein genommen hast?

      Noch eine technische Frage. Mir ist nicht klar, wie das mit dem link zu Reckermann von Dir gemeint ist. Wenn ich den link in Deinem Beitrag anklicke, dann bleibt er aus irgendwelchen Gründen stumm. Suche ich über google, dann erscheint natürlich die Ausgabe bei Meiner.
    • @Friederike, Du siehst das schon richtig! Die Fragmente sind in Handschriften über etwa 1500 Jahre verstreut zu finden und dank Diels zusammengestellt. Es gibt Neudrucke von Diels und die scheinen immer noch die entscheidende Referenz zu sein (ausser im Englischen, das habe ich aber noch nicht angeschaut). Ich habe aber festgestellt, dass die Nummerierung und Reihenfolge umstritten ist, sodass meiner Meinung nach der altgriechisch Text immer mitzuliefern ist. Ich beherrsche die Altphilologie nicht und habe keine Handschriftlichen Texte gelesen, obwohl ich auf das eine oder andere im Internet gestossen bin.

      In meinem Beitrag Nr. 2 ist in Fussnote [2] ein Link angegeben der zu dem von mir verwendeten alt-griechisch Text führt. In der dabeistehenden französischen Übersetzung hat es bei Fragment IV eine Lücke; ich finde das witzig.

      P.S.
      Mein Beitrag war zu lang und beim Teilen ist mir de Fussnote [1] Reckermann in meinen Beitrag Nr. 2 gerutscht, sodass dieser nicht funktioniert. Aber Beitrag 1 habe ich nun mit den Fussnoten ergänzt. Danke für Deine Hinweise.
    • Alltag schrieb:

      Ich beherrsche die Altphilologie nicht und habe keine Handschriftlichen Texte gelesen, obwohl ich auf das eine oder andere im Internet gestossen bin.
      :))) Nein, "gelesen" meinte ich auch gar nicht. Ich meinte, ob Du sie im Original gesehen hast. Das Sehen reicht doch bei so alten Stücken schon, damit einem ein Schauer über den Rücken läuft. :rolleyes:

      Alltag schrieb:

      In meinem Beitrag Nr. 2 ist in Fussnote [2] ein Link angegeben der zu dem von mir verwendeten alt-griechisch Text führt. In der dabeistehenden französischen Übersetzung hat es bei Fragment IV eine Lücke; ich finde das witzig.
      Witzig? Du meinst, es sei nur ein Flüchtigkeitsfehler, ohne Tiefsinn ...

      Und Dank für die Korrekturhinweise.
    • Friederike schrieb:

      (...) Es wurde allerdings nicht deutlich, ob man -Diels- davon ausging, daß sich überhaupt irgendwo eine Niederschrift, die Parmenides selber verfaßt haben könnte, befindet. In Deinem einleitenden Beitrag hört es sich anders an. Was ich gerne wissen möchte, Alltag, (...)
      In der Literatur wird gesagt, Parmenides habe nur ein Werk geschrieben.
      Zudem heisst es, Parmenides habe die Stadtrechte von Heyle-Elea verfasst, ohne dabei über deren Inhalt etwas zu sagen.
      Daher müsste oder könnten man annehmen die Stadtrechte, seien Teil des einen Werkes.

      Insgesamt lässt sich mit den über die Jahrhundert gestreuten Fragmente schön puzzeln, nicht wahr!
    • Alltag schrieb:

      Friederike schrieb:

      (...) Es wurde allerdings nicht deutlich, ob man -Diels- davon ausging, daß sich überhaupt irgendwo eine Niederschrift, die Parmenides selber verfaßt haben könnte, befindet. In Deinem einleitenden Beitrag hört es sich anders an. Was ich gerne wissen möchte, Alltag, (...)
      In der Literatur wird gesagt, Parmenides habe nur ein Werk geschrieben.Zudem heisst es, Parmenides habe die Stadtrechte von Heyle-Elea verfasst, ohne dabei über deren Inhalt etwas zu sagen.
      Daher müsste oder könnten man annehmen die Stadtrechte, seien Teil des einen Werkes.

      Insgesamt lässt sich mit den über die Jahrhundert gestreuten Fragmente schön puzzeln, nicht wahr!
      Mit den antiken Namen ist das so eine Sache. Gerade wenn zeitlich fragmentarisch verstreut. Die Altphilologie geht hier (ob zu recht oder nicht sei mal dahin gestellt) mit einem recht einfachen Schema heran - gleiche Namen bedeuten gleiche Personen sofern nicht explizit durch Zusatz differenzierbar. Wie etwa bei Plinius. Passt also der zeitliche Rahmen und die texturalen Querverweise widersprechen sich nicht augenscheinlich, wird der einfachste Fall angenommen X=X. Ob uns das weiter hilft? Keine Ahnung.. puzzeln müssen wir ohnehin in beiden Fällen.
      Es ist gut, ins philosophische Nichts zu springen. Besser ist es, wieder heil nach Hause zu kommen.

      Willst du einen Menschen wirklich lehren, musst du ihn zuvor erkennen.
    • iselilja schrieb:

      (...) Passt also der zeitliche Rahmen und die texturalen Querverweise widersprechen sich nicht augenscheinlich, wird der einfachste Fall angenommen X=X. Ob uns das weiter hilft? Keine Ahnung.. puzzeln müssen wir ohnehin in beiden Fällen.
      Bei den Grosseltern gab es ein Sack voll Holzteilchen, ohne die bei gekauften Puzzeln mitgelieferte Gesamtsicht. In etwa so ist es bei den Fragmenten der alten Griechen. Man studiert jedes Fragment für sich um ein Einzelbild zu bekommen und versucht alsdann das Gesamtbild zu erraten, um die Suche nach dem Weg zum Sinnganzen erneut von vorne anzufangen.

      Vielleicht finden sich unter meinem aktuellen Leitbild 'Festspiel' die einzelnen Worte und Sätze der Fragmente so, dass der Gesamtsinn getragen wird.
    • Inhaltlich würde ich evtl. so übersetzen.

      B4.1
      Sieh! mit selbiger Beweiskraft ist Anwesendes dem Verstand [gleich] Abwesendes
      B4.2
      Du verstehst nämlich das Sein des Seienden nicht ungeachtet dessen
      B4.3
      weder der Ordnung nach einander ganz und gar ausschließend
      B4.4
      noch vereinend.

      Als Vortrag vermutlich nicht so geeignet. Wenn ich Dich richtig verstehe, willst Du aber gerade durch die Präsentation als Vorgetragenes den Sinn des Textes erhellen? Wird schwierig. :)


      ps: Exemplarisch ließe sich B4 auch als Einzeiler ausdrücken: Kälte ist die Abwesenheit von Wärme. Soweit eigentlich philologisch gängig. Und Du hättest damit auch einen roten Faden zu B10. Dunkelheit ist die Abwesenheit von Licht. Deine dortige Frage, warum sich Parmenides für Sonne und Mond interessiert ist somit recht naheliegend zu beantworten. Die Frage, warum der Mond sichelförmig erscheint, lässt sich mit B4 erklären.
      Es ist gut, ins philosophische Nichts zu springen. Besser ist es, wieder heil nach Hause zu kommen.

      Willst du einen Menschen wirklich lehren, musst du ihn zuvor erkennen.

      Dieser Beitrag wurde bereits 2 mal editiert, zuletzt von iselilja ()

    • Ja, @iselilja, das Leitbild für meine Interpretation ist die Première anlässlich der Eröffnung des Theaters am Stadtjubiläum.

      Es muss klingen und rhetorisch fegen, sonst taugt es nicht. Ich stell mir auch vor, dass dies zugleich die Dernière ist. Dementsprechend spekuliere ich, dass es kein Schriftexemplar gibt, @Friederike, sondern bloss Handzettel. Anderseits ist fraglich, ob es etwas bringt, verschieden Interpretationen zu vergleichen, wie beispielsweise:



      Alltag Variante2

      Schau! Abwesendes bestätigst du mit dem geistigen Auge aber dennoch (als) Anwesendes.
      Brenne! einen Preis drauf anzusetzen, um das, was der Fall ist, so anzupeilen,
      dass man sich um ganz und gar der Ordnung willen weder verzettelt,
      noch engstirnig verhält.

      Hermann Diels 1897
      Betrachte wie das noch so Ferne durch des Geistes Auge Dir zuverlässig nahe gerückt ist.
      Denn Du kannst ja das Seiend nicht aus dem Zusammenhang des Seienden abtrennen,
      weder so dass es sich in seinem Gefüge überall gänzlich auflockere
      noch zusammenballe.

      Üblich gemäss Kurt Riezler
      Erschaue mit dem ‚nous‘ das gleichwohl Abwesende als ein beständig Gegenwärtiges,
      denn der nous wird nicht abtrennen das Sein aus seinem Zusammenhalt mit dem Sein
      noch es zerstreuen überall hin nach einer Ordnung,
      noch es zusammenstellen

      Kurt Riezler 1970 Klostermann
      Mit dem Nous erschaue das Abwesende, obwohl es abwesend ist, als ein beständig Anwesendes.
      Denn Er [Nous] wird das Sein nicht abschneiden, sich an das Sein zu halten und
      es nicht auf jede Weise überallhin nach einer Ordnung verstreuen,
      noch wieder zusammenstellen.

      Jaap Mansfeld 2011Reclam
      Betrachte mit Verständnis das Abwesende als genauso zuverlässig anwesend [wie das Anwesende]:
      Denn nicht wird das Verständnis das Seiende vom Seienden abschneiden,
      von seinem Zusammenhang, wie es sich gehört, weder als ein sich überallhin gänzlich Zerstreuendes
      noch als ein sich Zusammenballendes.

      Helmut Vetter 2016
      Schau‘ auf das Seiende, obgleich es abwesend ist: Für das geistige Auge ist es da auf zuverlässige weise.
      Denn nicht wird es trennen das Seiende vom Zusammenhang mit dem Seienden,
      nicht, wenn es sich überall ganz und gar in die Welt hin verteilt,
      noch, indem sich’s verdichtet.

      Dieser Beitrag wurde bereits 2 mal editiert, zuletzt von Alltag ()

    • Alltag schrieb:

      iselilja schrieb:

      Die Frage, warum der Mond sichelförmig erscheint, lässt sich mit B4 erklären.
      Meines Erachtens erklärt Parmenides nicht, sondern zeigt es im Fragment B 1
      Ja, das ist natürlich auch gut möglich, je nachdem wie man es liest. Vermutlich (was wohl mit einiger Plausibilität anzunehmen wäre) sind die Fragmente in mehrerer Hinsicht logisch miteinander verknüpft. Die Schwierigkeit bei den Übersetzungen ist eigentlich auch weniger, den Inhalt zu erfassen, sondern vielmehr die Feinheiten der Sprache zu erkennen, die eben diese Verknüpfungen oftmals erst manifestieren.

      Deshalb fehlt mir auch ein wenig das Vorstellungsvermögen, so dass ich Dich in Deiner Suche nach einer mitreißenden Variante nicht wirklich unterstützen könnte. Denn gerade metrikkonforme Übersetzungen haben sehr oft gezeigt, dass darunter der inhaltliche Anspruch leidet oder oftmals sogar wichtige Pointen verloren gehen. Wenn man also Kant ins Theater transformieren wollte, könnte man sich etwa vorstellen, wie das scheitert.

      Stell Dir einfach vor, wie sich "99 Luftballons" von Nena auf englisch anhört, um dies zu verstehen. :)

      lg
      Es ist gut, ins philosophische Nichts zu springen. Besser ist es, wieder heil nach Hause zu kommen.

      Willst du einen Menschen wirklich lehren, musst du ihn zuvor erkennen.
    • Alltag schrieb:

      @scilla, wie kommst du darauf und auf welche Parmenides Fragmente stützt du dich?
      das hatten wir doch schon alles


      Vorwort zur 4. Auflage
      In dieser Auflage werde ich die Prädikabilien gegen die dualistische Seinsauffassung anwenden (Kapitel 3.3.) und dem Herrn K einen weiteren Fehler (Kapitel 4.4.) samt seiner Verklemmtheit (im Nachwort) um die Ohren hauen.

      Wussten Sie, daß ein antikes Totengebet (im ANHANG) eine große Ähnlichkeit mit dem Vorwort des parmenidischen Lehrgedichtes aufweist?

      ein antikes Totengebet
      Nr. 310 in PEEK, W.: Griechische Grabgedichte.-
      nicht Hades in der Unterwelt birgt mich unter der Erde,
      sondern des Zeus' Genosse, sein Adler, hat mich geraubt,
      wie ich hier schön zu Pferde sitze
      und mich der Fackel freue,
      auf daß ich dort des Morgensterns und des schönen Abendgestirns Gefährte würde
      lass deswegen ab von Deinen Tränen da und opfere mir,
      Vater,
      denn ein Stern ist Dein Kind,
      das Du hier zu Pferde sitzen siehst


      Parmenides war demnach tieftraurig,
      reiste in einem Traum dem toten Kind bis zur Tag und Nacht-Schwelle nach
      und drang dort selig (Themis = Frau Saelde) und rechtschaffen (Dike)
      in die Schicksalsgöttin ein (Schrein = Vulva),
      um sich von ihr (Inanna bzw. Pleione)
      alles über Gott (Helios) und die Welt erzählen zu lassen.

      Die Psalter bezeichnen einen derartigen Schicksalsschlag als Tal des Todes und als Todesschatten.
      • Vulgata PSALM 22: … sed et si ambulavero in valle mortis
      • Hieronymus PSALM 22: ... nam et si ambulavero in medio umbrae mortis
      • Luther PSALM 23: … und ob ich schon wanderte im finsteren Tal ...
      Wussten Sie, daß bei Parmenides die Philosophie der Sonne höher als die des Mondes angesetzt wird?

      Inhaltlich wird dadurch die Periode (Frau = Mond) dem Sein (der Sonne) zwar untergeordnet. Andererseits verkörpert die Frau dadurch aber das wandelbare nicht-Sein (zunehmender Mond = junge Frau, Vollmond = Frau, abnehmender Mond = alte Frau) und damit ein Wesen (siehe 2.1.i) im Gegensatz zur zweitklassigen Eva aus dem Alten Testament (siehe 2.5.m+n).

      Es ist nicht geklärt, ob das Lehrgedicht eine patriarchale Überformung erfahren, oder ob Parmenides eine Vermischung verschiedener Systeme angestrebt hat.

      • Die Heliaden, die bei der Göttin vorsprechen, könnten ursprünglich die Töchter der Pleione, die Plejaden, gewesen sein, die passenderweise auch als Sternhaufen am Himmel zu finden sind und für die Nautik stehen (Pleione = die segelnde Göttin). Auf die Hafenstädte findet sich dann auch ein Hinweis im Gedicht.
      • Die Heliaden haben keine Mutter, bei der sie erfolgreich fürsprechen könnten und ihr Vater Helios hat (bei den Griechen) keine Hoheit über das Totenreich, während Dumuzi, der Mann von Inanna, als Totengott gilt und Atlas, der Mann von Pleione, zusammen mit Thanatos im Totenreich wohnt.
      • Die Heliaden repräsentieren statt dessen gefallene Sterne, die ihre Schuld als Baumnymphen beweinen müssen. Diese Baumgöttinnen sind aber nachweislich die Vorläufer der männlichen Götter, so daß die Geschichte um den Vater Helios, der seine Töchter für Phaetons kleinen Tod (Ejakulation eines Kometen?) bestraft hat, als eine nachträgliche Erfindung überführt ist.
      • Die Heliaden wirken im Gedicht wie Jungfrauen, die nicht mit den Attributen ihrer Weiblichkeit ausgestattet sind. Doch diese Charakterisierung passt nicht zum ursprünglichen erotischen Selbstbewusstsein der Frau, sondern leitet bereitszur keuschen Askese oder zur kindlichen Unschuld in späteren Zeiten über.


      Sofern das Lehrgedicht keine Überformung erfahren haben sollte, so wäre seineEntstehungszeit dadurch festgelegt,
      • daß keine Bäume mehr erwähnt werden. (Nach der Eiszeit wanderten die Baumarten nicht auf einen Schlag, sondern hintereinander ein, was religiöse Bewunderung hervorgerufen haben dürfte.)
      • daß der Himmel nicht mehr vom Mond sondern von der Sonne dominiert wird.
      • daß die Frauen als Oceaniden bereits für die See (= Seelen) zuständig sind.
      • daß Eros bereits die Welt dualistisch zu verwirren droht. (Den göttlichen Stammbaum, ausgehend von Uranos (Himmel) und Gaia (’Nabel der Welt’), über die Titanen zu den Göttern, dürfte es noch nicht gegeben haben.)
      Wahrscheinlicher ist jedoch, daß das hauptsächlich mündlich tradierte Lehrgedicht in verschiedenen regionalen Versionen (uneinheitlich überformt) existiert hat, daß also die Fragmente nur eine willkürliche Zusammenstellung sich teilweiseüberlappender Fetzen darstellen und nicht etwa die Reste eines einheitlichen Textkorpus’.

      Die Tradition war andererseits so stark, daß die parmenidische Verheißung ‘so sollst Du denn alles erfahren’ als feststehende Wendung Einzug in die antike Gedankenwelt gefunden hat.

      aus Jacob Burckhardt: Kulturgeschichte Griechenlands.-
      Religion und Kultus
      III: Der griechische Heroenkultus

      „Im griechischen Terina, an der Westküste von Bruttium, starb dem reichen Elysios sein hoffnungsvoller Sohn Euthynoos plötzlich und ohne kenntliche Ursache; aus Sorge, es möchte Gift oder Zauber im Spiele gewesen sein, begab sich Elysios in ein Psychomanteion, brachte die ‘gebräuchlichen’ Opfer und legte sich zum Schlaf. Da sah er folgendes Gesicht: ihm erschien sein eigener Vater, welchen er dringend bat, ihm den Urheber des Todes seines Sohnes anzugeben. Der Vater antwortete: ‘Deshalb komme ich! Nimm aber von dem da an, was er dir bringt. Da wirst du alles erfahren!’ - und dabei deutete er auf einen ihm folgenden Jüngling, welcher dem Sohne glich, auch im Alter.“

      Die der Überformung der mythologischen Stammbäume geschuldete Tatsache, daß man von einem Kind ursprünglichere Dinge erfahren konnte als von seinen Eltern, beraubte in der Folge die männlichen Götter ihrer Bärte und verniedlichte diese zusüßen geschlechtslosen Putten (putillus = Knäblein). Diese wohl ungeplante Entwicklung verhalf dann der kosmogonischen Weltsicht zum Durchbruch, die in den Puppen (pupa = kleines Mädchen) das hermaphroditische Äon wiedererkannte.

      Parmenides hatte noch vor dieser Ansicht (Eros = Sohn von Hermes & Aphrodite) gewarnt ...

      „Zuerst erzeugte sie [der Demiurg] von allen Göttern den Eros [als Dämonen].“

      … und dagegen argumentiert, daß es für die Frau eine Sünde sein soll, Kinder zu gebären und daß das Neugeborene im Alter für den Verlust seiner göttlichen Ästhetik bestraft werden müsse. (Die aufgebahrten Toten wurden vielmehr bekränzt.)

      Seine Parteinahme ergibt sich indirekt anhand von Inschriften aus seiner Heimatstadt Elea, die ihn als das Vorbild der dortigen Ärzteschaft ausgeben. Dieser Befund legt nahe, daß der schamanistische Einschlag seines Trips von Drogen herrührt, und daß das Auftreten des Seins als die Therapie der kosmogonischen Krankheit zu verstehen ist.

      17. September 2015

      ps
      heute habe ich Auflage 6 hochgeladen (PRINT)
      morgen mache ich mich an das ebook
    • das Vorwort zur 5. Auflage beinhaltet auch etwas zum Thema





      VII. Die zum Verständnis des parmenidischen Lehrgedichtes notwendige Pleione fügt sich harmonisch in die dionysische Klammer ein.

      Helios hatte ja dem Orion das Funkeln seiner Augen zurückgegeben. Ebenfalls rehabilitiert (von Zeus) wurden die Plejaden. Ihre Konstellationen könnten nun tatsächlich aufeinander bezogen sein, denn der Jäger Orion musste einst im Auftrag der Artemis (= Göttin der Jagd und des Mondes) einen Schwarm Tauben (peleiades) fangen.

      Die Zugvögel flogen damals als Siebengestirn im Frühjahr in Horizontnähe kurz vor Sonnenaufgang, ganz in der Nähe der Ferkel (Hyaden); beide
      zusammen im Sternbild Stier, welches sich um 4460 vor Christi Geburt genau am Frühjahrspunkt befand.

      Pleione selber, die als Mutter der Plejaden gilt, aber erst in der Jungsteinzeit folgt (ungefähr 3000-4000 vor Christi Geburt), gehört zu den Oceaniden.

      Hier dürfte der Sternhaufen die Saison der Fischer (plein = segeln) eingeläutet haben, während das Sternbild des Orion im Meer versank.

      Daß nur noch sechs Plejaden mit dem bloßen Augen erkennbar sind, in den Mythen aber sieben erwähnt werden, gab in der Antike Anlass für Spekulationen, soll aber astronomisch erklärbar sein (ungefähr 2000 vor Christi).

      Damals wurden die Heliaden, die als Töchter des Helios auch im parmenidischen Lehrgedicht mitwirken, für das Erlöschen des siebten Sterns verantwortlich gemacht. Der Komet, der zeitgleich durch den Sternhaufen geflogen und ein schlechtes Omen gewesen sein soll, wurde zwar nach der nun fehlenden Plejade, Electra, benannt. Die Verantwortung lag aber bei Helios und Phaeton und dieser Kontrollverlust dürfte ihnen (Welle 2) faktisch das Genick gebrochen haben.

      Die dionysische Klammer für Pleione schließt sich zu einem Akkord, wenn man weiss, daß der Name der Frau, die von Orion vergewaltigt wurde, Merope, zugleich der Name einer der Plejaden ist. Zeus habe später die Plejaden als Schutz vor Orion an den Himmel gesetzt.