Was ist Wissenschaft? Abgrenzung in Hinblick auf wissenschaftliche Forschung, Entwicklung und Anwendung

    • Lebensforscher schrieb:

      Beispielsweise könnten die biochemischen Aspekte der Neurologie außen vor bleiben, weil sie sich im Sinne einer Neuro-Informatik nicht sinnvoll integrieren lassen.
      die entscheidende Frage für Neuro-Informatik lautet:

      erforscht die Neuro-Informatik das Gehirn, so wie es ist (dann Grundlagenwissenschaft)
      oder
      erforscht die Neuro-Informatik die Manipulierbarkeit des Gehirns (dann Verfügungswissenschaft)?

      wikipedia gibt keine klare Antwort
      Die Neuroinformatik ist ein Teilgebiet der Informatik und der Neurobiologie, das sich mit der Informationsverarbeitung in neuronalen Systemen befasst, um diese in technischen Systemen anzuwenden. Sie ist zu unterscheiden von der Computational Neuroscience, welche sich als Teilgebiet der Neurobiologie mit dem Verständnis biologischer neuronaler Systeme mittels mathematischer Modelle beschäftigt.Bei der Neuroinformatik handelt es sich um ein stark interdisziplinäres Forschungsgebiet im Schnittbereich zwischen KI-Forschung und Kognitionswissenschaft.
    • Lebensforscher schrieb:

      In vergleichbarem Sinne stelle ich mir das auch bei anderen interdisziplinären Ansätzen vor: Man probiert aus, wie weit man damit kommt, und wenn sich herausstellt, es geht nicht mehr weiter, lässt man einige Aspekte ins Hntertreffen geraten und probiert es mit Erweiterungen des verbliebenen Rests. Ein gewisser Kernbestand bleibt aber immer übrig, auf dem man aufbauen kann, um weiterzukommen. Anderenfalls müsste man wirklich alles über den Haufen werfen. Und gewisse Standards bleiben stets gültig - wie eben bei den Naturwissenschaften die experimentelle Prüfung von Hypothesen.
      Dieses Abwägen, was nun an einem solchen Punkt, wo man (scheinbar erst mal) nicht mehr weiter kommt, erkennen kann, lässt sich natürlich auch in der Grundlagenforschung erkennen. Wo man dann eben sich über die Bedeutung der Begriffe (zumeist in kontroversen Debatten mit der Philosophie) versucht Klarheit zu verschaffen. Solche Diskurse sind schwer, weil sie in metaphysische Gefilde hinabsteigen, wo man eben nur den Menschen hat, der darüber entscheiden kann, was was bedeuten soll.
      Es ist gut, ins philosophische Nichts zu springen. Besser ist es, wieder heil nach Hause zu kommen.

      Willst du einen Menschen wirklich lehren, musst du ihn zuvor erkennen.
    • scilla schrieb:

      erforscht die Neuro-Informatik das Gehirn, so wie es ist (dann Grundlagenwissenschaft)
      oder
      erforscht die Neuro-Informatik die Manipulierbarkeit des Gehirns (dann Verfügungswissenschaft)?
      Ich sehe die Neuro-Informatik eindeutig als angewandte Forschung, weil hier einerseits Resultate der Grundlagenforschung (Neurowissenschaften) und andererseits Resultate der Technikwissenschaften (Informatik) im Sinne einer technischen Verwertbarkeit kombiniert werden. Das Wikipedia-Zitat weist das ja auch aus:

      Wikipedia schrieb:

      Die Neuroinformatik ist ein Teilgebiet der Informatik und der Neurobiologie, das sich mit der Informationsverarbeitung in neuronalen Systemen befasst, um diese in technischen Systemen anzuwenden.
      Es geht also eigentlich um angewandte KI-Forschung.
    • iselilja schrieb:

      Letztlich führt das zu der Frage, wie (womit) lässt sich herausfinden ob Feyerabend recht hat?
      Ich verstehe Feyerabend so, daß er gerade keinen Methodenzwang will; er will, daß Wissenschaft vollkommen frei und für alles offen ist.

      Es mag in der Praxis schwer realisierbar sein, aber ich meine, damit hat er recht.

      Man muß Feyerabends Against Method m. E. auch als eine Art Weiterentwicklung zu Thomas Kuhn lesen.
      Man weiß nie genug, und vielleicht ist genau dieser Mensch, dem ich gerade begegne, der Engel, der mir die Augen öffnet.
    • HumbleThinker schrieb:

      Ich verstehe Feyerabend so, daß er gerade keinen Methodenzwang will; er will, daß Wissenschaft vollkommen frei und für alles offen ist.
      Also ich lese ihn auch ähnlich. Den Methodenzwang lehnt er ab, weil eh jedem klar ist was Dogmatismus bedeutet. Und Feyerabend begreift eben, dass wissenschaftliche Methodik davon nicht befreit ist. Zum anderen kann er zeigen, dass gerade durch Abweichung vom status quo auch Erfolge erbracht werden können. Der Rationalismus ist so gesehen selbst schon Methodik. Klar. Nur wie Wissenschaft funktionieren kann ohne Regeln sagt er meines Wissens nicht.


      HumbleThinker schrieb:

      Man muß Feyerabends Against Method m. E. auch als eine Art Weiterentwicklung zu Thomas Kuhn lesen.
      Inwiefern?
      Es ist gut, ins philosophische Nichts zu springen. Besser ist es, wieder heil nach Hause zu kommen.

      Willst du einen Menschen wirklich lehren, musst du ihn zuvor erkennen.
    • iselilja schrieb:

      Inwiefern?
      Kuhn sagte ja, die Wissenschaft würde sich in sogenannten wissenschaftlichen Revolutionen weiterentwickeln, indem es dann eben zu Paradigmenwechseln kommt. Aber ein Paradigmenwechsel bedeutet eben, daß eine einseitige Betrachtung durch eine andere einseitige Betrachtung ersetzt wird. Um dies zu verändern, hat Feyerabend gefordert, daß sich die Wissenschaft öffnen sollte.
      Man weiß nie genug, und vielleicht ist genau dieser Mensch, dem ich gerade begegne, der Engel, der mir die Augen öffnet.
    • HumbleThinker schrieb:

      iselilja schrieb:

      Inwiefern?
      Kuhn sagte ja, die Wissenschaft würde sich in sogenannten wissenschaftlichen Revolutionen weiterentwickeln, indem es dann eben zu Paradigmenwechseln kommt. Aber ein Paradigmenwechsel bedeutet eben, daß eine einseitige Betrachtung durch eine andere einseitige Betrachtung ersetzt wird. Um dies zu verändern, hat Feyerabend gefordert, daß sich die Wissenschaft öffnen sollte.
      Ah, das ist eine interessante Differenzierungsmöglichkeit.
      Feyerabend -> viele unterschiedliche Methoden gleichzeitig.
      Kuhn -> viele unterschiedliche Methoden zeitlich abfolgend.
      Es ist gut, ins philosophische Nichts zu springen. Besser ist es, wieder heil nach Hause zu kommen.

      Willst du einen Menschen wirklich lehren, musst du ihn zuvor erkennen.
    • iselilja schrieb:

      HumbleThinker schrieb:

      iselilja schrieb:

      Inwiefern?
      Kuhn sagte ja, die Wissenschaft würde sich in sogenannten wissenschaftlichen Revolutionen weiterentwickeln, indem es dann eben zu Paradigmenwechseln kommt. Aber ein Paradigmenwechsel bedeutet eben, daß eine einseitige Betrachtung durch eine andere einseitige Betrachtung ersetzt wird. Um dies zu verändern, hat Feyerabend gefordert, daß sich die Wissenschaft öffnen sollte.
      Ah, das ist eine interessante Differenzierungsmöglichkeit.Feyerabend -> viele unterschiedliche Methoden gleichzeitig.
      Kuhn -> viele unterschiedliche Methoden zeitlich abfolgend.
      Genauer betrachtet, stellen sich Leute wie Wittgenstein (hinsichtlich Regelbefolgung) und Kuhn (hinsichtlich Normalwissenschaft) als Methodenfetischisten heraus.
      "Die rechtsstaatliche Ordnung in der Bundesrepublik ist in diesem Bereich jedoch seit rund eineinhalb Jahren außer Kraft gesetzt und die illegale Einreise ins Bundesgebiet wird momentan de facto nicht mehr strafrechtlich verfolgt" (Rheinland-Pfalz, Landesrecht online, Oberlandesgericht Koblenz, Aktenzeichen 13 UF 32/17, Urteil vom 14. Februar 2017). — Will es nun wieder niemand gewesen sein? — Boris Palmer for Merkel!
    • Fliege schrieb:

      iselilja schrieb:

      HumbleThinker schrieb:

      iselilja schrieb:

      Inwiefern?
      Kuhn sagte ja, die Wissenschaft würde sich in sogenannten wissenschaftlichen Revolutionen weiterentwickeln, indem es dann eben zu Paradigmenwechseln kommt. Aber ein Paradigmenwechsel bedeutet eben, daß eine einseitige Betrachtung durch eine andere einseitige Betrachtung ersetzt wird. Um dies zu verändern, hat Feyerabend gefordert, daß sich die Wissenschaft öffnen sollte.
      Ah, das ist eine interessante Differenzierungsmöglichkeit.Feyerabend -> viele unterschiedliche Methoden gleichzeitig.Kuhn -> viele unterschiedliche Methoden zeitlich abfolgend.
      Genauer betrachtet, stellen sich Leute wie Wittgenstein (hinsichtlich Regelbefolgung) und Kuhn (hinsichtlich Normalwissenschaft) als Methodenfetischisten heraus.
      Inwiefern? :)
      Es ist gut, ins philosophische Nichts zu springen. Besser ist es, wieder heil nach Hause zu kommen.

      Willst du einen Menschen wirklich lehren, musst du ihn zuvor erkennen.
    • IchDenkeGern schrieb:

      Abgrenzung in Hinblick auf wissenschaftliche Forschung, Entwicklung und Anwendung
      Bisher wurde die Diskussion in Hinsicht dieser Perspektive geführt und sie schient irgendwie zu keinem befriedigenden Ergebnis zu führen, so dass man damit kaum sagen könne, was Wissenschaft eigentlich sei.

      Ich bringe mal eine andere Perspektive ein.. vielleicht ergänzen sich beide zu etwas Brauchbarem.


      Wenn man historisch eine Wissenschaftlichkeit erkennen will, wird man feststellen, dass Wissenschaft, so wie wir sie normal und alltäglich begreifen in der Vergangenheit große Lücken aufweist. Als wäre sie zeitweise überhaupt nicht existent gewesen. Der Grund dafür ist die Religion, die Wissenschaft verneint. Sagt man bspw. die Römisch-katholische Kirche ist deshalb katholisch, weil sie die allgemeingültige Auffassung vertritt, dann wäre die Orthodoxe Kirche diejenige die die richtige Auffassung vertritt. Die Evangelische Kirche wäre eine Sektierung von der Römisch-katholischen und damit nicht allgemein gültig. Das Christentum an sich aber wäre demnach eine Sektierung des Judentums. Das Judentum ist damit das Katholikum aller monotheistischen Religionen. Monotheismus ist demnach die Sektierung des Polytheismus. Man muss hierbei allerdings sehen, dass das Judentum nicht der erste Versuch eines Monotheismus war. Bereits unter Echnaton gab es einen derartigen Versuch, der durch die Tilgung des Namens Echnaton aus den "Geschichtsbüchern" Altägyptens beantwortet wurde. Der Polytheismus nun aber ist nichts anderes als ein breitgefächertes Weltverständnis.

      Es spielt so gesehen keine Rolle, ob man es Wissenschaft oder Polytheismus nennt. Die Vielfalt der Welt und dessen was darin erkannt und verstanden werden kann, wird durch die Vielfalt in beiden Fällen erfasst. Nennt es Athene oder Erkenntnistheorie. Je elaborierter das Verständnis dessen, worauf sich beide Begriffe beziehen wird, desto näher kommen wir an das Verständnis, was Wissenschaft sei.

      Natürlich reicht hierbei nun Erkenntnistheorie nicht aus, um Athene vollständig zu beschreiben. Man würde evtl. noch Philosophie, Militärstrategie und einiges andere hinzufügen, aber nur deswegen, weil wir heute bereits in einem noch breiteren (spezialisierteren) Verständnis von Athene angekommen sind. Analog Poseidon und alle anderen "Gottheiten" die es in der Welt einmal gab. Vernünftiger Weise gab.

      ps: Und es geht beim Poytheismus nicht darum irgend etwas anzubeten, das mag zwar ein Nebeneffekt sein, der wohl im Bereich der menschlichen Normalreaktion anzusiedeln wäre.. sondern es geht dabei darum, überhaupt einen Begriff für das noch Unverständliche zu haben, worüber man sprechen will.
      Es ist gut, ins philosophische Nichts zu springen. Besser ist es, wieder heil nach Hause zu kommen.

      Willst du einen Menschen wirklich lehren, musst du ihn zuvor erkennen.
    • iselilja schrieb:

      Fliege schrieb:

      iselilja schrieb:

      HumbleThinker schrieb:

      iselilja schrieb:

      Inwiefern?
      Kuhn sagte ja, die Wissenschaft würde sich in sogenannten wissenschaftlichen Revolutionen weiterentwickeln, indem es dann eben zu Paradigmenwechseln kommt. Aber ein Paradigmenwechsel bedeutet eben, daß eine einseitige Betrachtung durch eine andere einseitige Betrachtung ersetzt wird. Um dies zu verändern, hat Feyerabend gefordert, daß sich die Wissenschaft öffnen sollte.
      Ah, das ist eine interessante Differenzierungsmöglichkeit.Feyerabend -> viele unterschiedliche Methoden gleichzeitig.Kuhn -> viele unterschiedliche Methoden zeitlich abfolgend.
      Genauer betrachtet, stellen sich Leute wie Wittgenstein (hinsichtlich Regelbefolgung) und Kuhn (hinsichtlich Normalwissenschaft) als Methodenfetischisten heraus.
      Inwiefern? :)
      Zu Wittgensteins Regelfolgen:
      "Eine zentrale Rolle zur Regelung des Sprachgebrauchs kommt [...] Regeln zu, die Wittgenstein in Analogie zum Schachspiel einführt: 'Aber wir reden von ihr [der Sprache] so, wie von den Figuren eines Schachspiels, indem wir Spielregeln für sie angeben, nicht ihre physikalischen Eigenschaften beschreiben' ([Philosophische Untersuchungen] § 108). Nicht die Bedeutung des Wortes selbst ist demnach wesentlich, sondern seine Funktion im Kontext einer regelbasierten Sprache. [... So] findet sich [...] die Antwort auf die Frage, wie denn jemand erkennen könne, dass eine Farbe Rot sei, in der Aussage, man habe Deutsch gelernt (§ 381)" (Yannick Walter, Der Skeptizismus-Begriffs in Saul Kripkes Wittgenstein-Lesart, Teil 1; Literaturzeitschrift Texturen, 2011).

      Zu Kuhns Normaler Wissenschaft:
      "Normalwissenschaft [ist] an [ein] Paradigma gebunden. [...]Ein Paradigma legt [...] Normen für die Forschung fest ([Struktur wissenschaftlicher Revolutionen, 1976, S.] 122): 'Paradigma [versorgen] die Wissenschaftler nicht nur mit einer Landkarte [...], sondern auch mit einigen wesentlichen Richtlinien fur die Erstellung der Landkarte.' [...] Normalwissenschaft [ist] wie Rätsellösen ('puzzle solving'; dabei ist etwa an Kreuzworträtsel zu denken). [...] Das Rätsel ist durch Regeln definiert (im Falle der Normalwissenschaft ergeben sie sich aus dem Paradigma)" (Claus Beisbart, Grundprobleme der Wissenschaftsphilosophie, Vorlesungsskript, Teil 9, 2007, S. 2-3).
      "Die rechtsstaatliche Ordnung in der Bundesrepublik ist in diesem Bereich jedoch seit rund eineinhalb Jahren außer Kraft gesetzt und die illegale Einreise ins Bundesgebiet wird momentan de facto nicht mehr strafrechtlich verfolgt" (Rheinland-Pfalz, Landesrecht online, Oberlandesgericht Koblenz, Aktenzeichen 13 UF 32/17, Urteil vom 14. Februar 2017). — Will es nun wieder niemand gewesen sein? — Boris Palmer for Merkel!