Was ist Wissenschaft? Abgrenzung in Hinblick auf wissenschaftliche Forschung, Entwicklung und Anwendung

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    • Was ist Wissenschaft? Abgrenzung in Hinblick auf wissenschaftliche Forschung, Entwicklung und Anwendung

      Hallo,

      ich stelle mir die Frage: "Was ist Wissenschaft?" Jedoch nicht in Abgrenzung zum Alltagswissen, Pseudowissenschaften oder Metaphysik sondern im Hinblick auf wissenschaftliche Anwendung, Forschung und Entwicklung.

      Wissenschaftliche Forschung (Grundlagenforschung) scheint mir die eigentliche wissenschaftliche Tätigkeit zu sein (also das womit sich Wissenschaftler wie Newton oder Einstein beschäftigten) (Theorien aufstellen)...

      Unter Entwicklung verstehe ich z. B. einen Ingenieur oder Informatiker der auch auf dem Wissen der Grundlagenforschung aufbaut um daraus z. B. neue Technologien herzustellen.

      Unter wissenschaftliche Anwendung verstehe ich z. B. einen Arzt der nicht in der Forschung aktiv ist, sondern der vorhandene Lösungen anwendet um Menschen zu helfen. Indem er beispielsweise systematisch Daten des Patienten erhebt (durch Gespräche, diverse Tests wie Bluttests, Geräte wie Röntgengeräte oder Kernspintomographen…) aus den so erhobenen Daten anhand von beispielsweise Studien, diejenigen Therapien abgeleitet die die höchste Wahrscheinlichkeit für Erfolg haben.

      Was gehört nun zu Wissenschaft? Die Wissenschaftliche Forschung bestimmt, wie steht es aber mit der wissenschaftlichen Anwendung und Entwicklung?
      Philosophische Richtung: Materialist, Naturalist, Determinist; Atheist, Humanist, Interessens-Utilitarist
      Philosophen: Arthur Schopenhauer, Epikur, Michael Schmidt-Salomon, Peter Singer, Karl Popper, Friedrich Nietzsche
    • Hallo,
      das ist super!

      Du unterscheidest weit besser als der mainstream
      und Du bist Dir darüber bewusst,
      daß man bei vorgebrachten Argumenten immer schauen sollte,
      aus welcher Ecke sie kommen,
      bzw. welche Vorstellung von Wissenschaft dahinter steckt

      ich werde Dir jetzt zunächst meine Unterscheidung erzählen
      (bei mir gibt es nämlich vier Gruppen)

      ich stelle mir vor,
      daß sich die Materie seit dem Urknall höher entwickelt
      die Wissenschaften der ersten zwei Gruppen erforschen ihr jeweiliges Materieniveau

      irgendwann in der Reihe taucht der Mensch auf
      und die zugehörige Wissenschaft (Biologie) trennt dann auch die beiden Gruppen voneinander
      • Naturwissenschaften (vom Urknall bis zum Mensch)
      • Geisteswissenschaften (vom Mensch bis zu Gott)


      die beiden anderen Gruppen (3 und 4)
      sind nichts anderes als die technischen Umsetzungen der NW oder der GW
      • Maschinenbau (Gruppe 3) passt zu den Naturwissenschaften (Gruppe 1)
      • Marktforschung (Gruppe 4) passt zu den Geisteswissenschaften (Gruppe 2)
      1 und 2 sind Grundlagenwissenschaften
      3 und 4 sind Verfügungswissenschaften

      damit wirst Du wahrscheinlich halbwegs einverstanden sein

      nun hast Du bei Dir aber noch eine Gruppe 'Anwendung'
      und damit meinst Du vielleicht den Unterschied zwischen
      DIAGNOSE, PROGNOSE und RETROGNOSE

      die Diagnose ist im JETZT (aufgrund einer Definition)
      die Prognose ist im VORHER (als Versuchaufbau oder als angeborene Idee)
      die Retrognose ist im NACHHER (als Messung oder als statistische Auswertung)

      bei mir ist deren Zuordnung klar

      die Grundlagenwissenschaften (1 und 2) machen Diagnosen
      die Verfügungswissenschaften (3 und 4) machen Prognosen/Retrognosen

      Gruß
    • Man kann in der Frage, was Wissenschaft sei, eine Antwort finden indem man differenziert so wie in #1 angedacht. Man kann auch definieren was Wissenschaft sei indem man Kriterien nach Bedarf festlegt - Anforderungen stellt.

      Zur Differenzierung: Wissenschaft und Technik/Kultur

      In der Antike gab es noch keinen Kulturbegriff als solchen und man bezeichnete das Nicht-Natürliche als Techné. Also auch solche Dinge wie Kampfkunst. Heute assoziieren wir mit Technik zumeist die technischen Geräte und deren Funktionieren. Kultur als dem Menschen angedachte Techné. Und danach lassen sich auch die wissenschaftlichen Disziplinen einteilen, wenn man genau hinschaut.

      Zur Definition (normativ): hier lassen sich dann verschiedene (inzwischen zumeist selbst zur Lehre/Theorie gewordene) Kriterien ansetzen, wie Klarheit, Nachvollziehbarkeit, Konsistenz, Falsifizierbarkeit etc.



      Letztendlich bestimmt beides - Differenzierung und Definition - darüber, was wir unter Wissenschaft verstehen.
      Es ist gut, ins philosophische Nichts zu springen. Besser ist es, wieder heil nach Hause zu kommen.

      Willst du einen Menschen wirklich lehren, musst du ihn zuvor erkennen.
    • Mir fällt im einleitenden Beitrag auf, daß Du unter "Wissenschaft" anscheinend nur das, was allgemein den Naturwissenschaften zugeordnet wird, verstehst. Zumindest sind Deine Beispiele für den Anwendungsbereich der Technik- und Naturwissenschaft entnommen. Was ist mit den sogenannten Geisteswissenschaften und ihrer Anwendungspraxis? Ist es nur ein Zufall @IDG oder ist es Absicht? Falls letzteres zutrifft, warum schließt Du die Geisteswissenschaften aus?
    • IchDenkeGern schrieb:

      Was gehört nun zu Wissenschaft? Die Wissenschaftliche Forschung bestimmt, wie steht es aber mit der wissenschaftlichen Anwendung und Entwicklung?
      Im Mittelpunkt steht hierbei der Mensch. Sowohl als theoretischer Schaffer von Wissenschaft als auch als Nutzer, als auch als Verifikator (Richter). Geschieht alles im Einklang, kann Wissenschaft erfolgreich funktionieren. Kommen jedoch einzelne Wissenschaftszweige in ihrer Anwendung in Konflikt (etwa Ökologie und Chemie oder auch Kernphysik und Humanbiologie/Ethik) muss wiederum der Mensch auf theoretischer Seite Ansätze schaffen, dies zu lösen.

      Deine Frage scheint mir aber auch zu implizieren, wie man mit "Unwissenschaftlichem" (etwa Esoterik) umgeht. Lässt sich Esoterik nicht theoretisch und auch nicht anwendungsrelevant in das Gefüge integrieren, muss Esoterik außen vor bleiben. Sie ist dann auf sich allein gestellt.
      Es ist gut, ins philosophische Nichts zu springen. Besser ist es, wieder heil nach Hause zu kommen.

      Willst du einen Menschen wirklich lehren, musst du ihn zuvor erkennen.
    • iselilja schrieb:

      Deine Frage scheint mir aber auch zu implizieren, wie man mit "Unwissenschaftlichem" (etwa Esoterik) umgeht. Lässt sich Esoterik nicht theoretisch und auch nicht anwendungsrelevant in das Gefüge integrieren, muss Esoterik außen vor bleiben. Sie ist dann auf sich allein gestellt.
      Darauf zielte meine Nachfrage. Ob und wenn ja, welche Implikationen die Fragestellung bereits enthält.
    • Friederike schrieb:

      Mir fällt im einleitenden Beitrag auf, daß Du unter "Wissenschaft" anscheinend nur das, was allgemein den Naturwissenschaften zugeordnet wird, verstehst. Zumindest sind Deine Beispiele für den Anwendungsbereich der Technik- und Naturwissenschaft entnommen. Was ist mit den sogenannten Geisteswissenschaften und ihrer Anwendungspraxis? Ist es nur ein Zufall @IDG oder ist es Absicht? Falls letzteres zutrifft, warum schließt Du die Geisteswissenschaften aus?

      Guter Punkt, ich spezifiziere: Unter Wissenschaft verstehe nicht nur die klassischen Naturwissenschaften, sondern auch Geisteswissenschaften, Humanwissenschaften, Agrarwissenschaften, Philosophie, Wirtschaftswissenschaften ...

      iselilja schrieb:

      Man kann in der Frage, was Wissenschaft sei, eine Antwort finden indem man differenziert so wie in #1 angedacht. Man kann auch definieren was Wissenschaft sei indem man Kriterien nach Bedarf festlegt - Anforderungen stellt.
      [...]

      Zur Definition (normativ): hier lassen sich dann verschiedene (inzwischen zumeist selbst zur Lehre/Theorie gewordene) Kriterien ansetzen, wie Klarheit, Nachvollziehbarkeit, Konsistenz, Falsifizierbarkeit etc.Letztendlich bestimmt beides - Differenzierung und Definition - darüber, was wir unter Wissenschaft verstehen.

      Ich folge da Prof. Dr. Torsten Wilholt (Youtube Vorlesung zur Wissenschaftstheorie – Das Abgrenzungsproblem): Wilholt verweist auf Michael Ruse: Verschiedenartige Kriterien benutzen

      • -Gesetzartige Regularitäten
      • -Erklärung und Vorhersage
      • -Falsifizierbarkeit
      • -Vorläufigkeit (Thesen sind immer nur vorläufig, bis bessere Thesen diese ersetzen)
      • -Integrität (Quellen angeben)
      Das deckt sich so ungefähr mit dem was du schriebst.


      Beispiel: auf einen Arzt der forscht, lassen sich oben angegebene Kriterien anwenden. Auf einen Arzt der behandelt doch auch. Er gibt Erklärungen und macht Vorhersagen, er stellt anhand eines Befundes eine Theorie zur Behandlung auf die falsifizierbar ist und sieht diese auch in einem gewissen Sinn als vorläufig an, er arbeitet integer. Ähnlich ist es doch auch mit dem Softwareentwickler, der einen Algorithmus entwickelt. Wären nach dieser Definition nicht alle drei Gruppen Wissenschaftler?
      Philosophische Richtung: Materialist, Naturalist, Determinist; Atheist, Humanist, Interessens-Utilitarist
      Philosophen: Arthur Schopenhauer, Epikur, Michael Schmidt-Salomon, Peter Singer, Karl Popper, Friedrich Nietzsche
    • IchDenkeGern schrieb:

      Beispiel: auf einen Arzt der forscht, lassen sich oben angegebene Kriterien anwenden. Auf einen Arzt der behandelt doch auch. Er gibt Erklärungen und macht Vorhersagen, er stellt anhand eines Befundes eine Theorie zur Behandlung auf die falsifizierbar ist und sieht diese auch in einem gewissen Sinn als vorläufig an, er arbeitet integer. Ähnlich ist es doch auch mit dem Softwareentwickler, der einen Algorithmus entwickelt. Wären nach dieser Definition nicht alle drei Gruppen Wissenschaftler?
      Tja, wie gesagt.. und darin scheinen wir ja im Grunde übereinzustimmen.. es kommt eben auf die Kriterienwahl an.

      Bei dem Softwareentwickelr scheint es auch erst einmal wissenschaftlich zu sein, weil er sich auf wissenschaftliche (zumeist allerdings math.) Erkenntnisse stützt. So gesehen wäre auch ein Koch Wissenschaftler, solange er sein empirisch verifiziertes Wissen phantasievoll anwendet.

      Das ist eine gute Frage, inwieweit die Kriterienwahl sinnvoll bleibt.
      Es ist gut, ins philosophische Nichts zu springen. Besser ist es, wieder heil nach Hause zu kommen.

      Willst du einen Menschen wirklich lehren, musst du ihn zuvor erkennen.
    • Friederike schrieb:

      iselilja schrieb:

      Deine Frage scheint mir aber auch zu implizieren, wie man mit "Unwissenschaftlichem" (etwa Esoterik) umgeht. Lässt sich Esoterik nicht theoretisch und auch nicht anwendungsrelevant in das Gefüge integrieren, muss Esoterik außen vor bleiben. Sie ist dann auf sich allein gestellt.
      Darauf zielte meine Nachfrage. Ob und wenn ja, welche Implikationen die Fragestellung bereits enthält.
      Wie würde denn deine Antwort aussehen? *neugierig*
      Es ist gut, ins philosophische Nichts zu springen. Besser ist es, wieder heil nach Hause zu kommen.

      Willst du einen Menschen wirklich lehren, musst du ihn zuvor erkennen.
    • IchDenkeGern schrieb:

      Was gehört nun zu Wissenschaft?
      Salopp gesagt, ist Wissenschaft das, was Wissen schafft. Dabei bedient man sich einer bestimmten Methodik, um das gewonnene Wissen nachprüfbar zu fixieren. Deine Unterscheidung in Forschung, Entwicklung und Anwendung entspricht in etwa der Unterteilung in Grundlagenwissenschaft, Ingenieurswissenschaft und Angewandte Wissenschaft. Wie hier angemerkt wurde, lassen sich Wissenschaften nicht auf Naturwissenschaften eingrenzen, da auch die sogenannten Geisteswissenschaften sich einer wissenschaftlichen Methodik bedienen. Also kann man kurz sagen, dass zur Wissenschaft alles das gehört, was über die Anwendung standardisierter Methoden Aussagen über die Realität generiert, die hinsichtlich ihres Wahrheitswerts prüfbar sind.
    • IchDenkeGern schrieb:

      Ich folge da Prof. Dr. Torsten Wilholt (Youtube Vorlesung zur Wissenschaftstheorie – Das Abgrenzungsproblem): Wilholt verweist auf Michael Ruse: Verschiedenartige Kriterien benutzen



      -Gesetzartige Regularitäten

      -Erklärung und Vorhersage

      -Falsifizierbarkeit

      -Vorläufigkeit (Thesen sind immer nur vorläufig, bis bessere Thesen diese ersetzen)

      -Integrität (Quellen angeben)
      war das jetzt intelligent?

      gesetzartige Regularitäten = Retrognose
      Erklärung und Vorhersage = Prognose
      Falsifizierbarkeit = ein experimenteller Befund ist überprüfbar
      Vorläufigkeit = irgendwann geht es genauer
      Integrität = du machst es genauer als

      Deine Profs kommen über die Verfügugswissenschaften nicht hinaus

      (Geographie, Bodenkunde, Umweltgeschichte, Kunstgeschichte, Ideengeschichte ... werden nicht erklärt)


      siehe auch

      Friederike schrieb:

      Mir fällt im einleitenden Beitrag auf, daß Du unter "Wissenschaft" anscheinend nur das, was allgemein den Naturwissenschaften zugeordnet wird, verstehst. Zumindest sind Deine Beispiele für den Anwendungsbereich der Technik- und Naturwissenschaft entnommen.
    • Lebensforscher schrieb:

      IchDenkeGern schrieb:

      Was gehört nun zu Wissenschaft?
      Salopp gesagt, ist Wissenschaft das, was Wissen schafft. Dabei bedient man sich einer bestimmten Methodik, um das gewonnene Wissen nachprüfbar zu fixieren. Deine Unterscheidung in Forschung, Entwicklung und Anwendung entspricht in etwa der Unterteilung in Grundlagenwissenschaft, Ingenieurswissenschaft und Angewandte Wissenschaft. Wie hier angemerkt wurde, lassen sich Wissenschaften nicht auf Naturwissenschaften eingrenzen, da auch die sogenannten Geisteswissenschaften sich einer wissenschaftlichen Methodik bedienen. Also kann man kurz sagen, dass zur Wissenschaft alles das gehört, was über die Anwendung standardisierter Methoden Aussagen über die Realität generiert, die hinsichtlich ihres Wahrheitswerts prüfbar sind.

      Feyerabend sinngemäß: nenne mir eine wissenschaftliche Methode und ich zeige dir Beispiele für anerkannten wissenschaftlichen Fortschritt, bei dem es nötig war die Methode zu verletzten.

      Feyerabend (1976, S. 329): „Der Gedanke, die Wissenschaft könne und sollte nach festen und allgemeinen Regel betrieben werden, ist sowohl wirklichkeitsfern als auch schädlich …. Außerdem ist der Gedanke für die Wissenschaft selbst von Nachteil, denn er vernachlässigt die komplizierten physikalischen und historischen Bedingungen des wissenschaftlichen Fortschritts. Er macht die Wissenschaft weniger anpassungsfähig und dogmatischer“

      Prof. Hoyningen-Huene (Vorlesung: Was ist Wissenschaft):Feyerabend ist gegen die wissenschaftliche Methode, er versteht darunter: bindende allgemeine Regeln(n) der Wissenschaftsausübung (vgl. Descartes). Mit Against Method (1975) und Anything goesveröffentlichte er zwei Werke in denen er sich als ein Gegner von >>zwingender<< Methodizität und Systematizität zeigte, jedoch als ein Befürworter für Beliebigkeit in den Wissenschaften.
      Feyerabend ist nicht gegen Methoden wie Induktivismus per se, er behauptet lediglich, dass diese nicht bindend sein sollten (>>anything goes<<). Feyerabend behauptet also, dass es nicht DIE wissenschaftliche Methode gibt, da er für jede wissenschaftliche Methode zeigen könne, dass wissenschaftlicher Fortschritt erzielt wurde indem diese Methode verletzt wurde.“
      Philosophische Richtung: Materialist, Naturalist, Determinist; Atheist, Humanist, Interessens-Utilitarist
      Philosophen: Arthur Schopenhauer, Epikur, Michael Schmidt-Salomon, Peter Singer, Karl Popper, Friedrich Nietzsche
    • IchDenkeGern schrieb:

      Feyerabend sinngemäß: nenne mir eine wissenschaftliche Methode und ich zeige dir Beispiele für anerkannten wissenschaftlichen Fortschritt, bei dem es nötig war die Methode zu verletzten.
      Die Frage ist dann, ob Feyerabend damit auch recht hat. Zu hinterfragen wäre auch, was Feyerabend als "anerkannter wissenschaftlicher Fortschritt" bezeichnet und wie er diesen von "nicht anerkanntem wissenschaftlichen Fortschritt" unterscheidet. Auf welche Beispiele verweist er dabei?

      IchDenkeGern schrieb:

      Feyerabend behauptet also, dass es nicht DIE wissenschaftliche Methode gibt, ...
      Ich kann mir gut vorstellen, dass ein Linguist andere Standards befolgt als ein Teilchenphysiker, um zu Resultaten zu gelangen, aber ebenso gut kann ich mir vorstellen, dass die Standards, die in einer bestimmten Wissenschaftsdisziplin gültig sind, dann auch bindend sind, so dass ermittelte Resultate sich dann auch der Kritik gemäß dieser Standards ausgesetzt sehen. Von daher erscheint mir das "Anything goes" sehr zweifelhaft.
    • Feyerabend geht mit seiner Kritik einen eigenen aber durchaus nachvollziehbaren Weg innerhalb der Erkenntnistheorie. Am Ende steht sein Methodenpluralismus.. und glaube sogar Methodenanarchismus. :)

      Naja.. wie gesagt er geht und bleibt auch zeitlebens erkenntnistheoretisch. Die praktische Philosophie kann hier evtl. an Feyerabend anknüpfen. Die Frage nach dem Nutzen bleibt bei der theoretischen Kriterienanalyse nahezu unfokussiert.

      Stellt ein Arbeitgeber einen Forscher ein, legt er im Grunde auch fest, was Ziel und Nutzen sein soll. Gibt es aus der Sicht des Forschers ein erreichbares Ziel, bleibt die Frage der Kriterien unberührt.

      Auf den gesellschaftlichen Anspruch von Wissenschaft lässt sich das aber nicht so ohne weiteres übertragen, was auch so einfache Beispiele wie Embryonalforschung bereits offenbaren. Hier müsste also ein klar definierbares Ziel im Nutzen für die Gesellschaft erkennbar sein. Gekoppelt an diverse ethische Kriterien. Das Dumme ist nun, wer bestimmt welchen Kriterien Ethik zu unterliegen hat.

      Egal, wie man beginnt, man muss irgendwo immer einen Kompromiss eingehen.
      Es ist gut, ins philosophische Nichts zu springen. Besser ist es, wieder heil nach Hause zu kommen.

      Willst du einen Menschen wirklich lehren, musst du ihn zuvor erkennen.
    • iselilja schrieb:

      Feyerabend geht mit seiner Kritik einen eigenen aber durchaus nachvollziehbaren Weg innerhalb der Erkenntnistheorie. Am Ende steht sein Methodenpluralismus.. und glaube sogar Methodenanarchismus. [...]
      Egal, wie man beginnt, man muss irgendwo immer einen Kompromiss eingehen.
      Feyerabends Punkt bei der Befürwortung von Methodenpluralismus und Anything goes ist, dass Methodologien als Heuristiken aufzufassen sind und nichts als erkenntnisgenerierende Prozeduren.
      Kanye West (US-amerikanischer Rapper): "Ich liebe die Art, wie Candace Owens denkt." — Candace Owens: "Die Linken denken, Schwarze sind dumm."
    • iselilja schrieb:

      Stellt ein Arbeitgeber einen Forscher ein, legt er im Grunde auch fest, was Ziel und Nutzen sein soll.
      Wenn es sich um angewandte Forschung handelt, ja. Bei Grundlagenforschung ist der Nutzen nachrangig - es sei denn, man soll den Ruhm der Institution mehren, indem man fundamental neue Sachverhalte entdeckt - aber das kann man wiederum nicht vorab planen.

      iselilja schrieb:

      Gibt es aus der Sicht des Forschers ein erreichbares Ziel, bleibt die Frage der Kriterien unberührt.
      Die gültigen Standards muss er aber dennoch befolgen, damit die Resultate seiner Forschungsarbeit Bestand haben können.

      iselilja schrieb:

      Hier müsste also ein klar definierbares Ziel im Nutzen für die Gesellschaft erkennbar sein.
      Nicht notwendigerweise. Gerade im Bereich Embryonenforschung geht es zunächst darum, herauszufinden, was möglich ist und was nicht. Über Gesetze und Verordnungen wird die Möglichkeit, Forschungen zu betreiben begrenzt (z.B. nur innerhalb von 14 Tagen Entwicklungszeit von Embryos), aber innerhalb dieser Begrenzungen gelten auch die Standards wissenschaftlichen Arbeitens.

      iselilja schrieb:

      Das Dumme ist nun, wer bestimmt welchen Kriterien Ethik zu unterliegen hat.
      Das diskutieren die Ethik-Kommissionen unter sich aus, in denen neben Wissenschaftlern auch Politiker und Kirchenvertreter Mitglied sind. Am Ende gibt es Empfehlungen, die sich z.T. in Gesetzen niederschlagen.