Was heißt kritische Theorie? - Themenfindung und Austausch [Eröffnungsthread]

Diese Seite verwendet Cookies. Durch die Nutzung unserer Seite erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies setzen. Weitere Informationen

  • Groot schrieb:

    Nein, das Nichtidentische verschwände, übrig blieb nur noch Nichtbegriffliches für das einzelne Individuum. Weil dieses die Grundlage ist, dafür, dass überhaupt die Nichtidentität zwischen Individuum und dem, durch die Individuen, als Gesellschaft konstituierten existiert. Dieses gibt sich quasi als "zurückweichendes" zu erkennen.
    Ich erinnere mich vage, Groot - hattet Ihr beiden, Du und Philodendron, darüber nicht ausfürhrlich -kontrovers- diskutiert?! Ich weiß nur nicht mehr, in welchem der 4 Threads, die dafür infrage kommen, es gewesen ist. Falls ich mich richtig erinnere und wenn Ihr wißt, wo genau, sagt Ihr einfach, an welcher Stelle ich das nochmals nachlesen kann ...? Der Abschnitt auf S. 364 der ND, die Erfahrung der Kindheit allerdings, die würde Dich m.E. stützen, und trotzdem bin ich noch nicht überzeugt. Die Begründung fehlt mir. Vielleicht habe ich sie nur nicht parat, oder aber es gibt gar keine Begründung, zumindest keine mir plausibel erscheinende.

    Gleich im Anschluß S. 365:

    ND schrieb:

    Glück, das einzige an metaphysischer Erfahrung, was mehr ist denn ohnmächtiges Ver-
    langen, gewährt das Innere der Gegenstände als diesen zugleich Entrücktes.
    Hieße es nicht doch, das Nicht-Identische verschwände nicht, denn das Glück ist hiernach die Vergegenwärtigung des "Entrückten" im Zugänglichen - dem also, was Adorno "Vermittlung" (die wechselseitige Durchdringung) nennt.
  • Friederike schrieb:

    Hieße es nicht doch, das Nicht-Identische verschwände nicht, denn das Glück ist hiernach die Vergegenwärtigung des "Entrückten" im Zugänglichen - dem also, was Adorno "Vermittlung" (die wechselseitige Durchdringung) nennt.
    ja, aber Glück ist m.E. nichtbegrifflich, da es nicht erklärbar ist - es ist einfach nur; oder eben nicht.

    Nichtidentisches ist immer etwas, das erklärbar ist, aber eben nichtidentisch zu dem, was das Subjekt als sich selbst oder als Teil der Utopie sieht. Es ist Nichtidentisch zu dem, was begrifflich beschrieben werden kann in der Theoriebildung und von dieser Theoriebildung, also durch das Theoriebilden als Nichtidentisch zum theoretisch erkannten begriffen ist. Dadurch entsteht als das, was Nichtidentisch zur Theoriebildung ist, ein Nichtbegriffliches - dieses entsteht auf Basis der Vermittlung durch die Gegensätze hindurch und zeigt sich als etwas, das der Theorie und gar dem Verstand gänzlich entrückt ist. Es lässt sich nur erahnen; und dieses erahnen, das ist das Nichtbegriffliche.
    „Die Gegenwart ist die Zeit der Analysen, das Resultat aller Systeme, die jemals entstanden sind.“ - Kasimir Sewerinowitsch Malewitsch
    Freiheit verweist darauf, in seiner Wahl frei von narrativen Irritationen sein zu können.
    Das System als Ausgangspunkt des menschlichen Daseins ist Grundlage aller Philosophie.
    Die Geschichte von den zwei Quadraten.
  • Zuerst noch einmal hierzu:

    Groot schrieb:

    Naja, ich denke nicht, dass die glückliche Gesellschaft die Individuen als unfrei sehen müsste, ich würde eher sagen, die Individuen wären in dieser Vernunft begabt und deshalb erschiene das Fehlen dessen, was heute durch den Markt als Freiheit gepriesen wird, nicht zwingend als Unfreiheit.
    Ich hatte Adorno allerdings so verstanden, daß Freiheit für ihn ein Konstituens menschlicher Existenz ist. Unabhängig von einer Gesellschaftsform, die sich selbst und die Subjekte als Freie beschreibt, die tatsächlich jedoch eine die Individuen Beherrschende ist.
  • Friederike schrieb:

    Ich hatte Adorno allerdings so verstanden, daß Freiheit für ihn ein Konstituens menschlicher Existenz ist. Unabhängig von einer Gesellschaftsform, die sich selbst und die Subjekte als Freie beschreibt, die tatsächlich jedoch eine die Individuen Beherrschende ist.
    Das erinnert mich an eine Psychische Anstalt in der ich einmal Gast war. Die haben mich gleich mal behalten wollen für länger wobei sich in mir selbst alles gegen diese Vereinnahmung streubte. Ich war eine Blüte in der Hand des Buddha und sollte zu Boden fallen. Doch ich war wie sich herausstelllen sollte noch am Baum und der Buddha hatte mich nicht gepflückt sondern es war nur ein böser Traum.
  • Mir fallen zunehmend die Ähnlichkeiten zwischen Adorno und Blumenberg auf. Mal abgesehen von ihrer kritischen Betrachtung der technisch-ökonomischen Entwicklung, der "Naturbeherrschung", wie Adorno sagt, der Herausbildung einer das Denken und die Lebenswelt dominierenden "instrumentellen Vernunft", meine ich besonders ihre Problematisierung des philosophischen Sprachgebrauches, der an Eindeutigkeit interessiert ist. Blumenbergs "Theorie der Unbegrifflichkeit" und Adornos dialektische "Nichtidentität" zielen beide ab auf das, was begrifflich nicht erfaßt ist und in Begriffen auch nicht erfaßt werden kann. Die "Konstellationen" -das Umkreisen der Begriffe- bei Adorno erinnern mich wirklich stark an Blumenbergs Konzept, die Viel-Deutigkeit der Sprache aufzuzeigen: Metapher, Bildlichkeit, Mythos, Kunst (Lit., Musik). Zu Adornos Rückgriff auf die Kindheitserinnerungen von Proust ist mir eine Stelle aus Blumenbergs Aufsatz "Sprachsituation und immanente Poetik" (in: "Wirklichkeiten, in denen wir leben", Reclam 7715) eingefallen:
    Es kommt in der Tendenz auf Vieldeutigkeit zu dem, was man ein 'Grenzereignis' nennen könnte, es wird ein Punkt erreicht, an dem der semantische Dienstwert der Sprache gleichsam versagt. Ich werde nicht behaupten, daß in diesem Grenzereignis selbst der Spitzenwert der ästhetischen Möglichkeit der Sprache zu sehen ist; aber die Nähe der Gefährdung durch dieses Grenzereignis bestimmt wesentlich den ästhetischen Reiz der poetischen Sprache [...] der ästhetische Reiz liegt hier wie überall in der Annäherung an den Umschlagspunkt an das Unmögliche, an die Selbstaufhebung, in der Annäherung, sage ich, nicht in der Identifizierung mit diesen Extremen (S. 149). Die Rückverwandlung des Wirklichen in den Horizont seiner Möglichkeiten (S. 151).
  • Friederike schrieb:

    eine Stelle aus Blumenbergs Aufsatz "Sprachsituation und immanente Poetik" (in: "Wirklichkeiten, in denen wir leben", Reclam 7715)

    Friederike schrieb:

    aber die Nähe der Gefährdung durch dieses Grenzereignis bestimmt wesentlich den ästhetischen Reiz der poetischen Sprache [...] der ästhetische Reiz liegt hier wie überall in der Annäherung an den Umschlagspunkt an das Unmögliche, an die Selbstaufhebung, in der Annäherung, sage ich, nicht in der Identifizierung mit diesen Extremen (S. 149).

    Friederike schrieb:

    Blumenbergs "Theorie der Unbegrifflichkeit" und Adornos dialektische "Nichtidentität" zielen beide ab auf das, was begrifflich nicht erfaßt ist und in Begriffen auch nicht erfaßt werden kann.
    »Den Umschlagspunkt an das Unmögliche, an die Selbstaufhebung«. Gemeint ist mit dem Selbst, dessen Aufhebung zwar das Unmögliche ist, in deren Nähe wir aber in der Annäherung an den Umschlagspunkt geraten, das Ichbewusstsein.

    »Aber die Nähe der Gefährdung durch dieses Grenzereignis bestimmt wesentlich den ästhetischen Reiz der poetischen Sprache [...] der ästhetische Reiz liegt hier wie überall ...« Die Sprache führt das Ichbewusstsein an seine Selbstaufhebung heran, ohne diese aber zu vollziehen.

    »Annäherung, sage ich, nicht in der Identifizierung mit diesen Extremen«. Also keine Selbstaufhebung im ästhetischen Reiz!

    »Blumenbergs "Theorie der Unbegrifflichkeit" und Adornos dialektische "Nichtidentität" zielen beide ab auf das, was begrifflich nicht erfaßt ist und in Begriffen auch nicht erfaßt werden kann.«

    Gefährdung durch dieses Grenzereignis heißt dann, dass man sich der "Unbegrifflichkeit" und Adornos dialektischer "Nichtidentität" zwar annähern darf, aber sich von Sprache nicht so vollständig lösen soll, dass man von derselben ins Gebiet der "Unbegrifflichkeit" und Adornos dialektischer "Nichtidentität" wechselt.

    Da stellt sich dann doch die Frage, ob man sich auf diese Weise nicht doch mit Sprache identifiziert.

    Wie wäre diese Identität zu durchbrechen? Vermutlich mit einem Hinken auf beiden Seite: Nie ganz nur Sprache und nie ganz nur "Unbegrifflichkeit" und Adornos "Nichtidentität", sondern eben dialektische "Nichtidentität", die von beiden etwas ist!
  • Friederike schrieb:

    Zuerst noch einmal hierzu:

    Groot schrieb:

    Naja, ich denke nicht, dass die glückliche Gesellschaft die Individuen als unfrei sehen müsste, ich würde eher sagen, die Individuen wären in dieser Vernunft begabt und deshalb erschiene das Fehlen dessen, was heute durch den Markt als Freiheit gepriesen wird, nicht zwingend als Unfreiheit.
    Ich hatte Adorno allerdings so verstanden, daß Freiheit für ihn ein Konstituens menschlicher Existenz ist. Unabhängig von einer Gesellschaftsform, die sich selbst und die Subjekte als Freie beschreibt, die tatsächlich jedoch eine die Individuen Beherrschende ist.


    Ja, das ist es ja auch - auch wenn der Mensch unfrei ist, durch das Gesellschaftssystem, das in sich die Unfreiheit fördert, indem es dem Menschen auf Basis der kapitalistischen Warenform vorgaukelt sie wären frei, obwohl sie es nicht gänzlich sind, weil sich die Menschen freiwillig in die und in der Unmündigkeit des Systems begeben und bewegen.
    Freiheit als theoretischer Wert und als theoretisches Konstituens ist aber natürlich notwendig und natürlich auch faktisch.
    „Die Gegenwart ist die Zeit der Analysen, das Resultat aller Systeme, die jemals entstanden sind.“ - Kasimir Sewerinowitsch Malewitsch
    Freiheit verweist darauf, in seiner Wahl frei von narrativen Irritationen sein zu können.
    Das System als Ausgangspunkt des menschlichen Daseins ist Grundlage aller Philosophie.
    Die Geschichte von den zwei Quadraten.
  • Friederike schrieb:

    Ich hatte Adorno allerdings so verstanden, daß Freiheit für ihn ein Konstituens menschlicher Existenz ist. Unabhängig von einer Gesellschaftsform, die sich selbst und die Subjekte als Freie beschreibt, die tatsächlich jedoch eine die Individuen Beherrschende ist.

    Groot schrieb:

    Freiheit als theoretischer Wert und als theoretisches Konstituens ist aber natürlich notwendig und natürlich auch faktisch.
    Ich will euch ja nicht die Suppe versalzen, aber mich dünkt, dass ihr mit euren Aussagen ein wenig daneben greift, insofern die von Adorno gemeinte Freiheit kein Konstituens menschlicher Existenz ist. Sie ist nur eine Möglichkeit menschlicher Existenz.

    (ND, S. 272 Gegen Personalismus: )

    »Das Substantielle, das nach jener Ideologie der Person ihre Würde verleiht, existiert nicht. Die Menschen, keiner ausgenommen, sind überhaupt noch nicht sie selbst. Mit Fug dürfte unter dem Begriff des Selbst ihre Möglichkeit gedacht werden, und sie steht polemisch gegen die Wirklichkeit des Selbst. Nicht zuletzt darum ist die Rede von der Selbstentfremdung unhaltbar. [...] Negative Dialektik hält ebensowenig inne vor der Geschlossenheit der Existenz, der festen Selbstheit des Ichs, wie vor ihrer nicht minder verhärteten Antithesis, der Rolle, die von der zeitgenössischen subjektiven Soziologie als universales Heilmittel benützt wird, als letzte Bestimmung der Vergesellschaftung, analog zur Existenz der Selbstheit bei manchen Ontologen.«

    Ich gebe ja zu, dass dies alles nicht allzu positiv klingt. Es ist nichts, woran man sich halten kann! Aber vielleicht ist der tiefere Sinn des Ganzen der, dass der Mensch sich und seine Freiheit, die zunächst nur als Möglichkeit, nicht als Wirklichkeit gegeben ist, selbst im Sinne von Autopoiesis erschaffen muss. Wir sind demnach nur insoweit frei, wie wir uns autonom selber schaffen und aus der heteronomen Bestimmung von Naturkausalität (vom primären Triebziel) und dem uns von der umgebenden Gesellschaft aufoktroyierten Über-Ich befreien. Verpflichtet wären wir dann gemäß Adorno nur noch unsrer kritischen, auch das Nichtidentische gebührend berücksichtigenden Vernunft.
  • Philodendron schrieb:

    Ich will euch ja nicht die Suppe versalzen, aber mich dünkt, dass ihr mit euren Aussagen ein wenig daneben greift, insofern die von Adorno gemeinte Freiheit kein Konstituens menschlicher Existenz ist. Sie ist nur eine Möglichkeit menschlicher Existenz.
    ja, das meine ich mit "theoretisch", es ist Freiheit zwar als Möglichkeit ein Konstituens. Sie ist also als eine Bedingung der Möglichkeit von Mensch sein, aber sie ist momentan praktisch gesehen noch nicht, weil die Gesellschaft die Menschen durch ihre Struktur die Individuen unfrei macht.


    Philodendron schrieb:

    Wir sind demnach nur insoweit frei, wie wir uns autonom selber schaffen und aus der heteronomen Bestimmung von Naturkausalität (vom primären Triebziel) und dem uns von der umgebenden Gesellschaft aufoktroyierten Über-Ich befreien. Verpflichtet wären wir dann gemäß Adorno nur noch unsrer kritischen, auch das Nichtidentische gebührend berücksichtigenden Vernunft.
    Das triffts wohl ganz gut.
    „Die Gegenwart ist die Zeit der Analysen, das Resultat aller Systeme, die jemals entstanden sind.“ - Kasimir Sewerinowitsch Malewitsch
    Freiheit verweist darauf, in seiner Wahl frei von narrativen Irritationen sein zu können.
    Das System als Ausgangspunkt des menschlichen Daseins ist Grundlage aller Philosophie.
    Die Geschichte von den zwei Quadraten.
  • Groot schrieb:

    ja, das meine ich mit "theoretisch", es ist Freiheit zwar als Möglichkeit ein Konstituens. Sie ist also als eine Bedingung der Möglichkeit von Mensch sein, aber sie ist momentan praktisch gesehen noch nicht, weil die Gesellschaft die Menschen durch ihre Struktur die Individuen unfrei macht.
    Ehrlicherweise müssen wir aber zugeben, dass dem in irgendeine Gesellschaft hineingeborenen Menschen gar nichts anders übrig bleibt, als sich zunächst von der Gesellschaft bestimmen zu lassen. Erst danach können wir uns befreien!
  • Philodendron schrieb:

    Ich will euch ja nicht die Suppe versalzen, aber mich dünkt, dass ihr mit euren Aussagen ein wenig daneben greift, insofern die von Adorno gemeinte Freiheit kein Konstituens menschlicher Existenz ist. Sie ist nur eine Möglichkeit menschlicher Existenz.
    Gut, daß Du an dieser Stelle interveniert hast. Ich ziehe meine Behauptung als unhaltbar zurück, schon alleine deswegen, weil sie, wie ich jetzt denke, auf nicht negativ dialektischem Fundament beruhte. Aus diesem Grunde bin ich nun allerdings zu der gegenteiligen Auffassung gekommen. Das heißt, auch in ihrer Bestimmung als "Möglichkeit menschlicher Existenz" ist die Freiheit m.E. nicht zu halten.

    Philodendron schrieb:

    Ehrlicherweise müssen wir aber zugeben, dass dem in irgendeine Gesellschaft hineingeborenen Menschen gar nichts anders übrig bleibt, als sich zunächst von der Gesellschaft bestimmen zu lassen. Erst danach können wir uns befreien!
    So zu denken würde der in dem von Dir gewählten Zitat genannten Vergesellschaftung nicht entsprechen, aber nahekommen.

    ND schrieb:

    Das Substantielle, das nach jener Ideologie der Person ihre Würde verleiht, existiert nicht. Die Menschen, keiner ausgenommen, sind überhaupt noch nicht sie selbst. Mit Fug dürfte unter dem Begriff des Selbst ihre Möglichkeit gedacht werden, und sie steht polemisch gegen die Wirklichkeit des Selbst. Nicht zuletzt darum ist die Rede von der Selbstentfremdung unhaltbar. [...] Negative Dialektik hält ebensowenig inne vor der Geschlossenheit der Existenz, der festen Selbstheit des Ichs, wie vor ihrer nicht minder verhärteten Antithesis, der Rolle, die von der zeitgenössischen subjektiven Soziologie als universales Heilmittel benützt wird, als letzte Bestimmung der Vergesellschaftung, analog zur Existenz der Selbstheit bei manchen Ontologen (S. 272).
    Das von mir, da erwünscht, ersonnene "Konstituens" hingegen muß deswegen danebenliegen, weil ich genaugenommen das Subjekt zum Dreh- und Angel- und Ausgangspunkt aller Erkenntnis und Handelns genommen hatte, hier im Zitat vergleichbar der Thesis der "geschlossenen Existenz." Reinste Subjektphilosophie.

    Philodendron schrieb:

    Aber vielleicht ist der tiefere Sinn des Ganzen der, dass der Mensch sich und seine Freiheit, die zunächst nur als Möglichkeit, nicht als Wirklichkeit gegeben ist, selbst im Sinne von Autopoiesis erschaffen muss. Wir sind demnach nur insoweit frei, wie wir uns autonom selber schaffen und aus der heteronomen Bestimmung von Naturkausalität (vom primären Triebziel) und dem uns von der umgebenden Gesellschaft aufoktroyierten Über-Ich befreien. Verpflichtet wären wir dann gemäß Adorno nur noch unsrer kritischen, auch das Nichtidentische gebührend berücksichtigenden Vernunft.
    Passend scheint mir daher die Bestimmung der Freiheit als eines "autopoietischen" Prozesses. Aber wozu der Rückgriff auf die Systemtheorie, wenn es auch ohne geht. Subjekt wird erst durch die Objektivation (=das gesellschaftliche, gemeinschaftliche Moment), während Objekt erst durch Subjekt (=das Einzelne) wird. In der gegenseitigen Durchdringung des einen mit dem anderen, bei dem (J)jedes das (A)andere als anderes in sich enthält, resultiert Freiheit. Freiheit als Konstituente tendiert in dieser allgemeinen Formulierung schon sehr in Richtung des Sartreschen Freiheitsbegriffes, der sich selber durchstreicht. Habt Ihr Einwände ... etwa? :D
  • Philodendron schrieb:

    »Den Umschlagspunkt an das Unmögliche, an die Selbstaufhebung«. Gemeint ist mit dem Selbst, dessen Aufhebung zwar das Unmögliche ist, in deren Nähe wir aber in der Annäherung an den Umschlagspunkt geraten, das Ichbewusstsein.[...] »Aber die Nähe der Gefährdung durch dieses Grenzereignis bestimmt wesentlich den ästhetischen Reiz der poetischen Sprache [...] derästhetische Reiz liegt hier wie überall ...« Die Sprache führt das Ichbewusstsein an seine Selbstaufhebung heran, ohne diese aber zu vollziehen.
    Ganz und gar uneins bin ich -noch- mit Deiner Auslegung, das "Selbst" sei hier als Ichbewußtsein zu lesen.Ich hatte es so verstanden, daß Blumenberg in diesen Passagen das Subjekt sprachlich zumindest gar nicht auftauchen läßt. Im Hintergrund ist es natürlich vorhanden, wenn er von "Reiz" spricht. Mit "Selbst'', so interpretiere ich Blumenberg, meint er hier die semantische Bedeutung eines Wortes, das an die äußerste Grenze getrieben wird, an dem es noch überhaupt unter "Bedeutung" fallen kann. Überschritte es diese Grenze, würde es sich selber als Bedeutendes aufheben.
  • ich würde es auch als Ich-Bewusstsein lesen. Bzw. streng genommen als ein Bewusstsein, dass die Gesellschaft denkt und hierbei an den Umschlagspunkt kommt, an dem diese notwendig überkomplex wird - womit sich dieses Denken selbst aufhebt. Hier ist dann der Begriff "System" das, was in sich nurnoch die Komplexität greift, die das tatsächliche System ist...die semantische Grenze ist insofern dann erreicht, dass der Begriff "System" für das, den Begriff denkende Subjekt, alles beschreibt(es ist dann vermeintlich Sache=Begriff, nur dass man seine eigene Konstituiertheit als Mensch dabei vergisst). Es entsteht der Umschlagspunkt des Denkens in der Sprache, der dann quasi den Willen wieder zurücklenkt auf das Subjekt, das das System denken wollte - dies wurde (vermeintlich) geschafft und es gibt nichts mehr sprachliches, was das, was "hinter" der Komplexität des Systems erkannt wird mehr beschreiben könnte.(Man erkennt den Begriff-ansich, der als Begriffsnetzwerk an Hand bestimmter, zu erkennender Strukturen, die in der Natur apriori gesetzt sind die Sprache als Ganzes zu einer Ebene macht, in der sich die absolute Negativität rumtreibt)

    Aber man vergisst dabei sein eigenes Ich-Bewusstsein, das dann als Nichtidentisches zu diesem apriori existierenden Nichtbegrifflichen, das man durch (falsches) Identitätsdenken erkennt, wiedererkannt werden muss. Hier scheiden sich die Geister, weil es hier in der Philosophie zwei Unterschiede gibt - zum einen das was Blumenberg schreibt, dass sich das Subjekt nahezu in den Grenzen der Sprache verliert; zum anderen das, was Hegel beschreibt, wenn das Subjekt aufgeht im Weltgeist und sich dann innerhalb des Weltgeistes(innerhalb dessen, was man als "System" erkennt) wieder als subjektiver Geist (man muss die beliebigkeit der Sprache selbst wieder negieren) erfassen muss.
    „Die Gegenwart ist die Zeit der Analysen, das Resultat aller Systeme, die jemals entstanden sind.“ - Kasimir Sewerinowitsch Malewitsch
    Freiheit verweist darauf, in seiner Wahl frei von narrativen Irritationen sein zu können.
    Das System als Ausgangspunkt des menschlichen Daseins ist Grundlage aller Philosophie.
    Die Geschichte von den zwei Quadraten.
  • Groot schrieb:

    Hier ist dann der Begriff "System" das, was in sich nurnoch die Komplexität greift, die das tatsächliche System ist...die semantische Grenze ist insofern dann erreicht, dass der Begriff "System" für das, den Begriff denkende Subjekt, alles beschreibt(es ist dann vermeintlich Sache=Begriff, nur dass man seine eigene Konstituiertheit als Mensch dabei vergisst).
    Mit System meinst Du den Menschen an-sich mit allem was er ist, auch dem, was er von sich nicht sprachlich erfassen oder wissen kann.

    Groot schrieb:

    zum einen das was Blumenberg schreibt, dass sich das Subjekt nahezu in den Grenzen der Sprache verliert; zum anderen das, was Hegel beschreibt, wenn das Subjekt aufgeht im Weltgeist und sich dann innerhalb des Weltgeistes(innerhalb dessen, was man als "System" erkennt) wieder als subjektiver Geist (man muss die beliebigkeit der Sprache selbst wieder negieren) erfassen muss.
    Du willst auch in diesem Fall Dich nicht von der Sprache begrenzen lassen, aber dann doch aus einem umfassenderen Bewusstsein heraus, das Du als Weltgeist bezeichnest, Dir Deiner und der Welt bewusst werden.
  • Philodendron schrieb:

    Gefährdung durch dieses Grenzereignis heißt dann, dass man sich der "Unbegrifflichkeit" und Adornos dialektischer "Nichtidentität" zwar annähern darf, aber sich von Sprache nicht so vollständig lösen soll, dass man von derselben ins Gebiet der "Unbegrifflichkeit" und Adornos dialektischer "Nichtidentität" wechselt. Da stellt sich dann doch die Frage, ob man sich auf diese Weise nicht doch mit Sprache identifiziert.
    Das Funktionieren der poetischen Sprache, wie Blumenberg es beschreibt, wäre, auf Adorno bezogen, die Methode, die Festigkeit der Begriffe dadurch zu verflüssigen und so über sie hinauszugelangen, indem man sie mit immer anderen und und neuen Begriffen umkreist. Interessant finde ich den Satz von Blumenberg auf S. 151, den ich schon zitiert hatte, der ästhetische Reiz der poetischen Sprache läge in der "Rückverwandlung des Wirklichen in den Horizont seiner Möglichkeiten". Was Blumenberg angeht, so leuchtet mir nicht recht ein, warum er einerseits zwar von der dichtesten Ännäherung an den Umschlagspunkt schreibt, der aber nicht überschritten werden darf, ich die Rückverwandlung des Wirklichen ins Mögliche allerdings so verstehe, daß damit der Umschlagspunkt doch gekippt wird.
    Auf Adornos Sprachtheorie übertragen meine ich, daß diese Formulierung präzise "sein" Nicht-Identisches als das Unbegriffliche auf den Punkt bringt.
    Ob sich Dein letzter Satz auf Blumenberg oder Adorno oder beide bezieht, weiß ich nicht. M.E. trifft er also auf Adorno nicht zu. Aber ich muß einschränkend ergänzen, daß ich bei meiner Überlegung der Voraussetzung Deiner -fragenden- Kritik, es handle sich bei der "Selbst-Aufhebung" um das "Ichbewußtsein", nicht gefolgt bin.

    @Groot, Deine Antwort muß ich noch ein bißchen behirnen. Vielleicht stellt sich am Ende heraus, daß ich einer Luftblase aufgesessen bin.
  • Friederike schrieb:

    es handle sich bei der "Selbst-Aufhebung" um das "Ichbewußtsein"
    Es ist möglich, dass mit der "Selbst-Aufhebung" auch eine Aufhebung von Sprache gemeint ist. Nur stellt sich dann automatisch die Frage, wo das Ich bleibt, wenn es keine Sprache mehr hat?

    Das gleiche Fragezeichen habe ich auch beim folgenden Text von Adorno.

    (ND, S. 266 Vernunft, Ich, Überich:) »Aber das langt nicht zu: die von Kant konstatierte Unwiderstehlichkeit des Gewissenszwanges besteht, wie die archaischen Tabus, in solchem Unbewußtwerden; wäre ein Zustand allseitiger rationaler Aktualität vorstellbar, so etablierte sich kein Überich.«

    Wer oder was ist das Ich? Ist es nur »ein Zustand allseitiger rationaler Aktualität«? Ist es noch Ich, wenn Sprache und Rationalität aufgehoben sind? Während Blumenberg scheinbar eine Aufhebung der Sprache und somit der Rationalität sich vorstellen kann, wäre für Adorno »ein Zustand allseitiger rationaler Aktualität« ein Idealzustand. Wo bliebe dann das Nichtidentische? Und was ist mit der Differenzierung zwischen dem aus Sicht des Ichbewusstseins Heteronomen? Natürlich wäre eine autonome Selbstbestimmung des Ich-Seins (auch im Sinne einer Autopoiesis) erstrebenswert, aber ist das Nichtidentische nicht auch zweigeteilt in Ich- und Nicht-Ich-Anteile? Und was ist mit den Nicht-Ich-Anteilen, die nicht Natur, sondern Mitmenschen sind, mit denen wir in Kommunikation stehen? Wo genau die Ichgrenzen liegen, und wie weit Vernunft aus Sicht des Ichs auch heteronome Einflüsse integriert und quasi dem Ich zu eigen macht, und das berechtigter Weise, - ich denke da speziell an Überich-Anteile, nicht die aus dem vom Ich Verdrängten, sondern jene über das Ich hinausgehenden, aber ihm hilfreichen quasi vom intelligiblen Charakter.

    (ND, S. 265 Vernunft, Ich, Überich:) »Daß Kant keine Kritik am Gewissen duldet, bringt ihn in Konflikt mit der eigenen Einsicht, daß in der phänomenalen Welt alle Motivationen solche des empirischen, psychologischen Ichs sind. Deswegen hat er das genetische Moment aus der Moralphilosophie entfernt und durch die Konstruktion des intelligiblen Charakters ersetzt, den freilich zu Anfang das Subjekt sich [autopoietisch] selbst gebe*«.

    Das Ich wird hier aus zwei Richtungen bestimmt, vom Empirischen her und von dem, was zu Anfang das Subjekt sich [autopoietisch] selbst gebe.

    Warum soll Letzteres unmöglich sein?

    Vielleicht nicht in obigem Sinne »zu Anfang«, aber im Verlaufe der Zeit!
  • Philodendron schrieb:

    Mit System meinst Du den Menschen an-sich mit allem was er ist, auch dem, was er von sich nicht sprachlich erfassen oder wissen kann.
    nein mit "System" meine ich das gesellschaftliche Kommunikationssystem, ich meine damit das gesellschaftliche Gesamtsystem zum einen in seiner wirtschaftlichen Funktionsweise, zum anderen konstituiert aus der Geschichtlichkeit heraus.

    Ich als Mensch bin der, der sich aus dieser Einsicht in den "Weltgeist" bzw. in die gesellschaftliche Totalität bzw. in das soziale System "Weltgesellschaft", danach als subjektiver Geist bzw. als Subjekt bzw. psychosoziales System durch die Einsicht in das System hindurch erkennen musste - Man musste, nachdem das Denken einem Willen anhing der nicht der des Individuums ist, sich durch Antinomien wiedererkennen, denn das Individuum ist antinomisch zu dem, was System ist.

    Aber ja, natürlich ist das nichtsprachlich, denn in sich eine Universalgeschichte zu erfassen, die einem Einsicht in Urstrukturen gewährt ist eindeutig nicht zu kommunizieren, wie ich die letzten 2 1/2 Jahre feststellen musste :P

    Philodendron schrieb:

    Du willst auch in diesem Fall Dich nicht von der Sprache begrenzen lassen, aber dann doch aus einem umfassenderen Bewusstsein heraus, das Du als Weltgeist bezeichnest, Dir Deiner und der Welt bewusst werden.
    Ich selbst bin nicht durch Sprache begrenzt. Das System ist die sprachliche Grenze, da es mehr erfasst als nur mein Dasein. Ich selbst bin für mich gänzlich Nichtbegrifflich, da Ich selbst im Grunde nur Gedanke bin der durch mich als Leib konstituiert wird und ich nicht weiß, was genau mein Leib, als Teil der Natur ist. Ebenso ist Nichtbegrifflich wie ich konstituiert werde aus der zweiten Natur, wie also mein Bewusstsein aus dem erkannten Gesellschaftssystem heraus konstituiert wird und natürlich überhaupt die Frage, wie mein Bewusstsein quasi zu einer Art "Wirt" werden konnte für eine Art Weltwillen.
    „Die Gegenwart ist die Zeit der Analysen, das Resultat aller Systeme, die jemals entstanden sind.“ - Kasimir Sewerinowitsch Malewitsch
    Freiheit verweist darauf, in seiner Wahl frei von narrativen Irritationen sein zu können.
    Das System als Ausgangspunkt des menschlichen Daseins ist Grundlage aller Philosophie.
    Die Geschichte von den zwei Quadraten.
  • Ich tue zunächst nicht mehr, als daß ich Deine Gedanken in meine Worte kleide, um mir Klarheit zu verschaffen, ob ich Dich verstanden habe. Es ist also lediglich ein lautes Vormichhindenken. Grundsätzlich zielen Deine Bedenken und Fragen jedenfalls auf die Rezeption Kants durch Adorno, d.h. Du findest es nicht plausibel, wie Adorno Kant auslegt.

    Philodendron schrieb:

    Friederike schrieb:

    es handle sich bei der "Selbst-Aufhebung" um das "Ichbewußtsein"
    Es ist möglich, dass mit der "Selbst-Aufhebung" auch eine Aufhebung von Sprache gemeint ist. Nur stellt sich dann automatisch die Frage, wo das Ich bleibt, wenn es keine Sprache mehr hat? Das gleiche Fragezeichen habe ich auch beim folgenden Text von Adorno. (ND, S. 266 Vernunft, Ich, Überich:) »Aber das langt nicht zu: die von Kant konstatierte Unwiderstehlichkeit des Gewissenszwanges besteht, wie die archaischen Tabus, in solchem Unbewußtwerden; wäre ein Zustand allseitiger rationaler Aktualität vorstellbar, so etablierte sich kein Überich.«
    Wer oder was ist das Ich? Ist es nur »ein Zustand allseitiger rationaler Aktualität«? Ist es noch Ich, wenn Sprache und Rationalität aufgehoben sind? Während Blumenberg scheinbar eine Aufhebung der Sprache und somit der Rationalität sich vorstellen kann, wäre für Adorno »ein Zustand allseitiger rationaler Aktualität« ein Idealzustand. Wo bliebe dann das Nichtidentische?

    Hier ist die Frage, in welcher Relation das "Ich“ des empirischen Subjektes zu der Reflexion als ein Vermögen steht, das ja allen Individuen als Subjekten zukommt. Was bedeutet es also, daß das "Ich" die Selbständigkeit des Einzelnen "ist" und zugleich ein Vermögen, das allgemein bei allen Subjekten vorhanden ist?

    Philodendron schrieb:

    Und was ist mit der Differenzierung zwischen dem aus Sicht des Ichbewusstseins Heteronomen? Natürlich wäre eine autonome Selbstbestimmung des Ich-Seins (auch im Sinne einer Autopoiesis) erstrebenswert, aber ist das Nichtidentische nicht auch zweigeteilt in Ich- und Nicht-Ich-Anteile? Und was ist mit den Nicht-Ich-Anteilen, die nicht Natur, sondern Mitmenschen sind, mit denen wir in Kommunikation stehen? Wo genau die Ichgrenzen liegen, und wie weit Vernunft aus Sicht des Ichs auch heteronome Einflüsse integriert und quasi dem Ich zu eigen macht, und das berechtigter Weise, - ich denke da speziell an Überich-Anteile, nicht die aus dem vom Ich Verdrängten, sondern jene über das Ich hinausgehenden, aber ihm hilfreichen quasi vom intelligiblen Charakter.
    (ND, S. 265 Vernunft, Ich, Überich:) »Daß Kant keine Kritik am Gewissen duldet, bringt ihn in Konflikt mit der eigenen Einsicht, daß in der phänomenalen Welt alle Motivationen solche des empirischen, psychologischen Ichs sind. Deswegen hat er das genetische Moment aus der Moralphilosophie entfernt und durch die Konstruktion des intelligiblen Charakters ersetzt, den freilich zu Anfang das Subjekt sich [autopoietisch] selbst gebe*«.
    Das Ich wird hier aus zwei Richtungen bestimmt, vom Empirischen her und von dem, was zu Anfang das Subjekt sich [autopoietisch] selbst gebe. Warum soll Letzteres unmöglich sein? Vielleicht nicht in obigem Sinne »zu Anfang«, aber im Verlaufe der Zeit!
    Hier geht es bei Deinen 2 bzw. 3 Fragen immer um die Grundfigur des ND-Denkens, nämlich um das innere Enthaltensein von heteronomen Bestimmungen innerhalb der Ich-Funktionen, wovon jedoch die Autonomie des Subjekts letztendlich abhängig und die der Heteronomie entgegengesetzt ist.
  • Philodendron schrieb:

    Es ist möglich, dass mit der "Selbst-Aufhebung" auch eine Aufhebung von Sprache gemeint ist. Nur stellt sich dann automatisch die Frage, wo das Ich bleibt, wenn es keine Sprache mehr hat? Das gleiche Fragezeichen habe ich auch beim folgenden Text von Adorno.
    Entschuldige, aber ich weiß auf einmal nicht mehr, worum es eigentlich geht. Geht es um Blumenberg bzw. von ihm ausgehend um Adorno und um meine Auffassung, es handliche sich bei Adorno um die Selbstaufhebung der Sprache und die Schwierigkeiten, die daraus für Dich resultieren? Oder geht es, wie ich gestern dachte, um Adornos Kant Interpretation?
    M.E. sollte man sich durch die Terminologie nicht verwirren lassen. So wie Adorno berücksichtigt, daß Kant Erkenntnisse der Psychoanalyse nicht zur Verfügung standen,

    ND schrieb:

    Psychologie holte konkret nach, was sie zu Kants Zeiten noch nicht wußte und worum er deshalb nicht spezifisch sich zu bekümmern brauchte: die empirische Genese dessen, was, unanalyiert, Kant als zeitlos intelligibel glorifizierte (S. 265f).
    genauso sollten wir berücksichtigen, daß Adorno sich lediglich teilweise der psychoanalytischen Terminologie bedient. Ich meine daher, es ist nur am Rande von Bedeutung, ob man von "Es", "Ich", "Über-Ich" spricht oder von "Trieb", "Subjekt", "Objekt" oder von ""Natur", "Wille", "Vernunft".

    ND schrieb:

    Nicht bloß hat Vernunft genetisch aus der Triebenergie als deren Differenzierung sich entwickelt: ohne jenes Wollen, das in der Willkür eines jeden Denkaktes sich manifestiert und allein den Grund abgibt für dessen Unterscheidung von den passiven, >rezeptiven< Momenten des Subjekts, wäre dem eigenen Sinn nach kein Denken (S. 227).

    ND schrieb:

    Daß Vernunft ein anderes als Natur und doch ein Moment von dieser sei, ist ihre zu ihrer immanenten Bestimmung gewordene Vorgeschichte. Naturhaft ist sie als die zu Zwecken der Selbsterhaltung abgezweigte psychische Kraft; einmal aber abgespalten und der Natur kontrastiert, wird sie auch zu deren Anderem. Dieser ephemer entragend, ist Vernunft mit Natur identisch und nichtidentisch, dialektisch ihrem eigenen Begriff nach (S. 283).
    Adorno geht von einer Entwicklung des "Ich" aus dem "Es" aus. Das "Es" ist vor-ichlich, vor-sprachlich und diese triebhafte Natur bleibt in der Negation bewahrt. Deswegen kann dieser Anteil doch auch zu irgendeinem Zeitpunkt von einem Individuum aktualisiert werden?
  • Friederike schrieb:

    Hier geht es bei Deinen 2 bzw. 3 Fragen immer um die Grundfigur des ND-Denkens, nämlich um das innere Enthaltensein von heteronomen Bestimmungen innerhalb der Ich-Funktionen, wovon jedoch die Autonomie des Subjekts letztendlich abhängig und die der Heteronomie entgegengesetzt ist.
    Das siehst Du richtig! Fremdbestimmung soll insofern ausgeschalten werden, als sie einer Bevormundung entspricht. Es gibt aber Einwirkungen von außerhalb des Ichbewusstseins auf dasselbe, die in Übereinstimmung mit der Faktenlage stehen und deshalb vom Ich mit Vorteil zu berücksichtigen sind. Dies könnte sogar für ein befreites Gewissen gelten. Eine Angleichung an Nichtidentisches geschähe so in zwei Richtungen, jene des Materiellen und jene einer Spontaneität aufgrund von außerhalb des propositionalen Ichbewusstseins liegender, geistiger und transzendenter Impulse.