Was heißt kritische Theorie? - Themenfindung und Austausch [Eröffnungsthread]

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  • Friederike schrieb:

    Ich knüpfe nochmal lose an die "Verwissenschaftlichung" (und meinen Beitrag von heute früh) an, weil ich nun direkt -also im Original- in Horkheimers "Traditionelle und kritische Theorie" gelesen habe, daß sein Ausgangspunkt für die Kritik an den Sozialwissenschaften darin besteht, daß sich sozialwissenschaftliche Theorien nicht am Modell der Naturwissenschaften orientieren können, weil sich das naturwissenschaftliche Theorieverständnis dadurch auszeichnet, daß zwischen (hypothetischen) theoretischen Satzsystemen und empirischen Tatsachen/Gegenständen andererseits getrennt wird. Das impliziere einen Dualismus von Denken und Sein, Verstand und Wahrnehmung (S.19).
    Auf den Gegenstandsbereich der Sozialwissenschaften lasse sich dieses Modell nun gerade nicht übertragen, weil die "sozialen Gegenstände" oder Sachverhalte mit ihrer theoretischen Konstruktion "rückgekoppelt" seien. Oder wie er auch sagt, es muß innerhalb der Sozialwissenschaften berücksichtigt werden, daß der Dualismus "Subjekt-Objekt" historisch geworden und gesellschaftlich produziert ist. Der "Einfluß der gesellschaftlichen Entwicklung auf die Struktur der Theorie gehört zu ihrem eigenen Lehrbestand" (S. 53).
    Da die Tread-Tür schon zu drei Viertel geschlossen ist, gebe ich meinen Senf dazu: Das Modell der Naturwissenschaften ist implizit rückgekoppelt: d.h. sobald die theoriebasierte Hypothese im empirischen widerlegt ist, wird die Hypothese fallen gelassen und die Theorie justiert.
  • Friederike schrieb:

    Adorno, so ist mir -positiv- aufgefallen, schreibt zwar eine Philosophiegeschichte der "großen Namen", abgesehen von Hegel und Kant natürlich sowieso, ABER: die Namen erscheinen lediglich wie Chiffren, die stellvertretend für gedankliche Systeme, Strömungen, Phänomene stehen.
    ja, so funktioniert Seinsgeschichte - nicht umsonst ist bei Wittgenstein z.B. der Elementarsatz immer eine Reihe von Namen. :P

    4.22Der Elementarsatz besteht aus Namen. Er ist ein Zusammenhang, eine Verkettung, von Namen.

    In diesen Namen ist immer ein, der Wahrheit in einem bestimmten Teilbereich der Welt am nächsten kommender, metaphysischer Fakt bezeichnet.
    Das System als Ausgangspunkt des menschlichen Daseins ist Ausgangspunkt aller Philosophie.
    Die "0" ist die Urkreation unserer Zivilisation, bzw. einer Zivilisation allgemein.
    Der Kern.
    Die Geschichte von den zwei Quadraten.

    Dieser Beitrag wurde bereits 1 mal editiert, zuletzt von Groot ()

  • hel schrieb:

    Um zu beurteilen, ob die oben angeführten menschlichen und gesellschaftlichen Eigenschaften und Ideen Fehlentwicklungen sind oder nicht (als Leistung kann man z. B. Wissensdrang noch nicht bezeichnen) müssen sie unter einem gewissen teleologischen Gesichtspunkt betrachtet werden. "Zweck einer Gesellschaft ist: ...". Wenn jemand behauptet, dass der derzeitige Zustand eine brauchbare Entwicklungsstufe darstellt, um sich weiterzuentwickeln, sollte er auch angeben können:
    a) wohin die Entwicklung gehen sollte, welcher Zweck hier verfolgt wird
    b) wer sich darum kümmert oder kümmern sollte, dass sie zügig voranschreitet
    Sonst droht die ganze Argumentation in einem unklaren teleologisch-historizistischen Geschwätz zu versumpfen.
    Eine Moralphilosophie hat Adorno, obwohl er es wohl noch geplant hatte, nicht geschrieben; und der Vorwurf, er habe seine werthaltigen Voraussetzungen nicht hinreichend expliziert und offengelegt - ich meine, Habermas sei einer derjenigen, der dies für eine der entscheidenden Schwachstellen bei Adorno gehalten hätte.

    Als ich gestern über Deinen Einwand nachgedacht habe, bin ich bei meiner Suche auf diesen Satz von Adorno gestoßen: "Das leibhafte Moment meldet der Erkenntnis an, daß Leiden nicht sein, daß es anders werden solle. 'Weh spricht: vergeh'. Darum konvergiert das spezifisch Materialistische mit dem Kritischen, mit gesellschaftlich verändernder Praxis" (GS 6, S. 203). Auch wenn es natürlich trivial ist, weil, wer wollte nicht glücklich sein, aber ob darin der Haupt-Antrieb für Adornos Denken bestanden hat? Das Leiden der Menschen? Nicht das Kreatürliche, sondern das durch die gesellschaftlichen Verhältnisse bedingte Leiden der Menschen. Insbesondere vor dem Hintergrund der Erfahrungen der NS-Zeit. Daß Menschen "frei" sein müssen, um leidensbefreit zu sein, das setzt er aus meiner Sicht tatsächlich voraus, ohne dies eigens zu begründen. Die Verbindung zur Gesellschaftz stellt er aber zum Beispiel in der ND, S. 343, her: "Die Aporie [er nimmt hier kritisch Bezug auf Hegel, m.A.] erstreckt sich auch auf den teleologischen Begriff eines Glücks der Menschheit, welches das der Einzelnen wäre; die Fixierung des eigenen Bedürfnisses und der eigenen Sehnsucht verunstaltet die Idee eines Glücks, das erst aufginge, wo die Kategorie des Einzelnen nicht länger sich in sich verschlösse".

    Seine -kritische- Theorie dient daher der Analyse der Genese der Gesellschaft, wie sie sich so hat entwickeln können, daß die Menschen sie als ein objektiv Äußeres ansehen, als eine Wirklichkeit, in der sie selbst als Subjekte nicht vorkommen. Seinen negativ dialektischen Ansatz halte ich nun aber deswegen für eine ausgezeichnete Theorie, weil sie erklären kann, daß und wie das einmal Gedachte jeweils objektiv wird, d.h. daß es sich um ein begriffliches Verhältnis handelt, das sich in späteren Zeiten als Sediment in der Gesellschaft -dem Gegenstand "Gesellschaft"- und somit unsichtbar oder jedenfalls nicht offenkundig, ablagert. Dies, meine ich, ist der entscheidende Einwand gegen Deine Vermutung, es sei möglicherweise lediglich "historizistisches Geschwätz". Das Kernstück seiner Theorie besteht aus meiner Sicht darin, daß sie selbstverständlich auf jede Gegenwart anzuwenden ist, und selbstverständlich auch auf den Bereich der Philosophie - weswegen sie m.E. gar nicht obsolet werden kann.
  • Friederike schrieb:

    hel schrieb: Sonst droht die ganze Argumentation in einem unklaren teleologisch-historizistischen Geschwätz zu versumpfen.
    (ND, S. 163 Konstellation: ) »Solche immanente Allgemeinheit des Einzelnen aber ist objektiv als sedimentierte Geschichte.«

    Adorno betreibt in der ND eine Archäologie der Vernunft vergleichbar Foucaults »Archäologie des Wissens«.

    Wer die Bewegungen menschlichen Bewusstseins im Verlaufe der Geschichte nicht erkennen will, der kann auch nicht begreifen, dass die Werke Kants und Hegels rationalisierende und abstrahierende Fortentwicklung desselben waren und Adorno einen Übergang von diesen zu ihrer gegenwärtig möglichen Weiterentwicklung aufzeigt.

    Hierzu (ND, S. 233 »Formalismus«: ) »Sie [d.i. die Kritik an der abstrakten Moralität] - so wenig wie die angeblich materiale Wertethik kurzfristig ewiger Normen langt zu - angesichts der fortwährenden Unversöhntheit von Besonderem und Allgemeinem. Zum Prinzip erkoren, wird die Berufung aufs eine so gut wie aufs andere Unrecht am Entgegengesetzten. Die Entpraktizierung von Kants praktischer Vernunft, ihr Rationalismus also, und ihre Entgegenständlichung sind verkoppelt; erst als entgegenständlichte wird sie [d.i. Kants praktische Vernunft] zu jenem absolut Souveränen, das [als absolut Souveränes] in der Empirie ohne Rücksicht auf diese, und [ohne Rücksicht] auf den [Abwärts-]Sprung zwischen [sprachlichem] Handeln und [konkretem] Tun, [in der Empirie] soll wirken können. Die Doktrin von der reinen praktischen Vernunft bereitet die Rückübersetzung von Spontaneität in Kontemplation vor, die in der späteren Geschichte des Bürgertums real sich vollzog und in der politischen Apathie, einem höchst Politischen, sich vollendete. Den Schein der ansichseienden Objektivität praktischer Vernunft stiftet ihre vollendete Subjektivierung; nicht länger erhellt, wie sie, über den ontologischen Abgrund hinweg, eingreifend Seiendes irgend erreichen soll. Das ist die Wurzel des Irrationalen auch am Kantischen Sittengesetz, dessen, wofür er den alle vernünftige Durchsichtigkeit verleugnenden Ausdruck Gegebenheit wählte: es [d.i. das Kantische Sittengesetz] gebietet dem Fortgang der Reflexion Einhalt. Weil bei ihm Freiheit auf die invariante Sich-Selbstgleichheit der Vernunft auch im praktischen Bereich hinausläuft, büßt sie [d.i. die Freiheit] ein, worin der Sprachgebrauch Vernunft und Willen distinguiert. Kraft seiner totalen Rationalität wird der Wille irrational.«
  • Friederike schrieb:

    Foucault habe in einem seiner letzten Interviews mit Gérard Raulet gesagt, er hätte sich eine Menge Arbeit sparen können, wenn ihm die Kritische Theorie der ersten Generation bekannt gewesen wäre.
    Angesichts der ND kann man sich im Zusammenhang mit Foucault, dem Poststrukturalismus und seinem Vorgänger, dem Strukturalismus folgende Gedanken über eine zeitgemäße »Einheit der Person« machen.

    (ND, S. 235 Wille als Ding: )

    »Durch sie [d.i. die Sublimierung, bzw. die gelungene, verschiebende, Dauer involvierende Ablenkung vom primären Triebziel] wird der Wille ein Anderes als sein >Material<, die diffusen Regungen. An einem Menschen seinen Willen hervorheben, meint das Einheitsmoment seiner Handlungen, und das ist deren Subordination unter die {autopoietische} Vernunft. Im italienischen Titel des Don Giovanni heißt der Wüstling il dissoluto, der Aufgelöste; die Sprache optiert für Moral als die Einheit der Person nach dem abstrakten Vernunftgesetz«, {oder selbsterschaffenen Vernunft- u. Moralgesetz.}

    Vergleichbar dem »Ganzen« des Strukturalismus (siehe unten) mit Einschränkung der mit {?} hinterfragten Teile.

    »Der Strukturalismus behauptet einen logischen Vorrang des Ganzen gegenüber den Teilen und versucht, einen internen Zusammenhang von Phänomenen als Struktur zu fassen.2 (2Hans-Dieter Gondek: Strukturalismus. Artikel in: Hans Jörg Sandkühler (Hrsg.): Enzyklopädie Philosophie, Bd. 2, Hamburg 1999, S.1542.) -- Strukturen organisieren formal {oder verknüpfen relational (Luhmann)} und inhaltsleer {?} die Wirklichkeit, sie sind gegenüber den einzelnen strukturierten Elementen und konkreten Subjekten unabhängig«{?} (Strukturalismus – Wikipedia)
  • Philodendron schrieb:

    Angesichts der ND kann man sich im Zusammenhang mit Foucault, dem Poststrukturalismus und seinem Vorgänger, dem Strukturalismus folgende Gedanken über eine zeitgemäße »Einheit der Person« machen.

    ND schrieb:

    S. 235 Wille als Ding:»Durch sie [d.i. die Sublimierung, bzw. die gelungene, verschiebende, Dauer involvierende Ablenkung vom primären Triebziel] wird der Wille ein Anderes als sein >Material<, die diffusen Regungen. An einem Menschen seinen Willen hervorheben, meint das Einheitsmoment seiner Handlungen, und das ist deren Subordination unter die {autopoietische} Vernunft. [...m. K.]
    Vergleichbar dem »Ganzen« des Strukturalismus (siehe unten) mit Einschränkung der mit {?} hinterfragten Teile.
    »Der Strukturalismus behauptet einen logischen Vorrang des Ganzen gegenüber den Teilen und versucht, einen internen Zusammenhang von Phänomenen als Struktur zu fassen.2 (2Hans-Dieter Gondek: Strukturalismus. Artikel in: Hans Jörg Sandkühler (Hrsg.): Enzyklopädie Philosophie, Bd. 2, Hamburg 1999, S.1542.) -- Strukturen organisieren formal {oder verknüpfen relational (Luhmann)} und inhaltsleer {?} die Wirklichkeit, sie sind gegenüber den einzelnen strukturierten Elementen und konkreten Subjekten unabhängig«{?} (Strukturalismus – Wikipedia)
    Soweit ich die Verbindung, die Du zwischen Struktur und Wille als einheitsstiftendem Organisationsprinzip ziehst, bedacht habe, finde ich, daß die Idee "was hat". Der Wille wäre -im Sinne Adornos- die Instanz, die die naturhaften, leiblichen Regungen sowie das Denken eines Individuums (=Mensch) in Hinsicht auf die ökonomisch-gesellschaftlichen, entwicklungspsychologischen, sozio-kulturellen Voraussetzungen und Bedingungen diachron und synchron zur Person verknüpft. Der einzige Punkt, an dem ich evtl einhaken würde, wäre, daß der Wille von Adorno als "inhaltsleerer" bestimmt wird, entsprechend zum Modell der inhaltsleeren Struktur. Klar bin ich auch noch nicht, wie "Wille und Freiheit" sowie Wille als Bedingung für zurechenbare Verantwortung einer Person mit dem Strukturbegriff übereinpassen. Davon könnte abhängen, meine ich, ob der Wille tatsächlich die gleiche Funktion wie die Struktur erfüllt.

    PS: Ein weiterer -vorläufiger- Einwand: Die "Subordination" des Willens unter die Vernunft.

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  • Friederike schrieb:

    Der einzige Punkt, an dem ich evtl einhaken würde, wäre, daß der Wille von Adorno als "inhaltsleerer" bestimmt wird, entsprechend zum Modell der inhaltsleeren Struktur.
    Niklas Luhmann Soziale Systeme Grundriß einer ..., S.41 hat mit den "inhaltsleeren" Strukturen auch so seine Mühe: »So wenig wie es Systeme ohne Umwelten gibt oder Umwelten ohne Systeme, so wenig gibt es Elemente ohne relationale Verknüpfung oder Relationen ohne Elemente.«

    Friederike schrieb:

    Klar bin ich auch noch nicht, wie "Wille und Freiheit" sowie Wille als Bedingung für zurechenbare Verantwortung einer Person mit dem Strukturbegriff übereinpassen. Davon könnte abhängen, meine ich, ob der Wille tatsächlich die gleiche Funktion wie die Struktur erfüllt.
    Hierzu (ND, S. 234 Wille als Ding: ) »Nach einem undialektischen Maß von Gesetzlichkeit erscheint an Freiheit stets etwas kontingent; sie verlangt Reflexion, welche über die partikularen Kategorien Gesetz und Zufall sich erhebt.«

    Ein dialektisches Maß von Gesetzlichkeit würde in dem, was ein undialektisches als Kontingenz bezeichnet die Freiheit erkennen; Freiheit verlangt Reflexion, welche über die partikularen Kategorien von Gesetz und des als Zufall Bezeichneten sich erhebt.

    Friederike schrieb:

    PS: Ein weiterer -vorläufiger- Einwand: Die "Subordination" des Willens unter die Vernunft.
    Entscheidend ist, was unter Vernunft verstanden wird. Je nach dem kann man einer "Subordination" des Willens unter die Vernunft zustimmen oder auch nicht.
  • Philodendron schrieb:

    Nach einem undialektischen Maß von Gesetzlichkeit erscheint an Freiheit stets etwas kontingent; sie verlangt Reflexion, welche über die partikularen Kategorien Gesetz und Zufall sich erhebt.« Ein dialektisches Maß von Gesetzlichkeit würde in dem, was ein undialektisches als Kontingenz bezeichnet die Freiheit erkennen; Freiheit verlangt Reflexion, welche über die partikularen Kategorien von Gesetz und des als Zufall Bezeichneten sich erhebt.
    Zur Thematik der Willensfreiheit ist mir später noch eingefallen, daß meine Bedenken sich gar nicht auf Adorno bezogen, sondern daß ich -in meinem Denken- aus dem Willen "unter der Hand" ein "Ich", ein "Bewußtsein", jedenfalls ein Subjekt gemacht hatte ... das ich Adorno dann von mir selbst unbemerkt untergeschoben habe.

    Philodendron schrieb:

    Entscheidend ist, was unter Vernunft verstanden wird. Je nach dem kann man einer "Subordination" des Willens unter die Vernunft zustimmen oder auch nicht.
    Richtig! Und soweit bin ich noch nicht, um sagen zu können, was "Vernunft" für Adorno heißt, inwieweit er "Vernunft" ausdifferenziert (instrumentelle, objekte, subjektive Vernunft) und ob der Ausdruck "autopoietisch" (Du hattest es in geschweifte Klammer gesetzt) auf Adornos Vernunftverständnis anwendbar ist oder nicht.
  • J. Ritsert, "Dimensionen des Vernunftbegriffs", allerdings nur untersucht für die "Dialektik der Aufklärung". S. 17 zur Metapher "eclipse of reason", die die unterschiedlichen Formen der "Vernunft" gut erfasse. Das hat mich noch nicht sehr viel weitergebracht in Hinsicht auf die ND, weil diese "abgeschattete" Vernunft durchaus auch mit Verstand gleichgesetzt werden kann, und überhaupt -trotz der begrifflichen Ausdifferenzierung- mir noch zu schillernd vorkommt. Bei der "Subordination" des Willens unter die Vernunft erwarte ich ... na, wahrscheinlich, ich ahne es schon, doch wieder was Hypostasiertes. :D
  • Friederike schrieb:

    J. Ritsert, "Dimensionen des Vernunftbegriffs", allerdings nur untersucht für die "Dialektik der Aufklärung".

    Homer schrieb:

    Ich denke für das hypostasierte können die Mythen,
    Zur "Dialektik der Aufklärung" und in diesem Zusammenhang zu "Mythen" lese ich gerade in Dialektik der Aufklärung – Wikipedia:

    »Dialektik der Aufklärung ist eine im Untertitel als Philosophische Fragmente bezeichnete Sammlung von Essays von Max Horkheimer und Theodor W. Adorno und gilt als eines der grundlegenden Werke zur Kritischen Theorie der Frankfurter Schule. - Angesichts des Triumphs von Faschismus und Monopolkapitalismus als neuen Herrschaftsformen, denen die Gesellschaft keinen nennenswerten Widerstand entgegensetzt, unterziehen die Autoren den Vernunftbegriff der Aufklärung einer radikalen Kritik. Sie formulieren die These, dass sich bereits zu Beginn der Menschheitsgeschichte mit der Selbstbehauptung des Subjekts gegenüber einer bedrohlichen Natur eine instrumentelle Vernunft durchgesetzt habe, die sich als Herrschaft über innere und äußere Natur befestigte. Aufgrund dieses „Herrschaftscharakters“ der Vernunft sei die Aufklärung, obwohl sie eigentlich die mythische Weltsicht überwinden wollte, in der modernen Gesellschaft in eine neue Mythologie zurückgeschlagen. Diese „Verschlingung von Mythos und Aufklärung“ (Habermas)[1] habe nicht einen Befreiungs-, sondern einen universellen Selbstzerstörungsprozess der Aufklärung in Gang gesetzt. Diesem Prozess durch „Selbstbesinnung“ und Selbstkritik der Aufklärung Einhalt zu gebieten, ist ein zentrales Motiv der Autoren.«

    Diese und ähnliche Überlegungen sind mir vom Lesen in der ND vertraut. Zu ihrer Vertiefung wäre sicher der Text "Dialektik der Aufklärung" auch gut geeignet. Nur suche ich beim Lesen der Texte nicht nach einer Einteilung der verschiedenen Arten von Vernunft, sondern durch Nachvollzug der Gedanken des Autors auf Grund der Geschichte meiner eigenen Vernunft, diese praktisch zu entfalten und entwickeln. Darin bin ich mit der ND noch zu keinem Abschluss gekommen, so dass ich mich einstweilen noch mit ihr begnüge.
  • Philodendron schrieb:

    Diese und ähnliche Überlegungen sind mir vom Lesen in der ND vertraut. Zu ihrer Vertiefung wäre sicher der Text "Dialektik der Aufklärung" auch gut geeignet. Nur suche ich beim Lesen der Texte nicht nach einer Einteilung der verschiedenen Arten von Vernunft, sondern durch Nachvollzug der Gedanken des Autors auf Grund der Geschichte meiner eigenen Vernunft, diese praktisch zu entfalten und entwickeln. Darin bin ich mit der ND noch zu keinem Abschluss gekommen, so dass ich mich einstweilen noch mit ihr begnüge.
    Ich bleibe vorerst auch lieber bei der ND, weil es für meine Fragestellung wenig nützt, die "Vernünfte" in der "DdA" durch einen Rezipienten exploriert zu bekommen. Meine Fragestellung an die ND ist, welchen Erklärungsstatus Adorno der "Vernunft" dort zuweist, und ob die Auffächerung von "Vernunft" grundlegend dafür ist, den erkenntnistheoretischen Status herauszufinden. Da ich im Augenblick nicht so recht mit dem Lesen vorankomme ... falls Du Stellen erinnerst, die Du für außerordentlich erhellend hältst, dann fände ich schön, wenn Du sie notieren würdest.

    Zu dem Ansatz der Verbindung der persönlichen Biografie mit dem Vernunftbegriff möchte ich nur anmerken, daß ich so zwar nicht vorgehe, ABER: Was das Identische und das Nicht-Identische und der Begriff der Erfahrung in der ND anbelangt - ich hatte es von einem bestimmten Zeitpunkt an geahnt, daß ich diese Erkenntnisse für meine Lebenserfahrung "fruchtbar" machen könnte; und so war es dann auch tatsächlich. Irgendwann hatten sich die Erkenntnisse und das angereicherte Wissen aus der Lektüre und unseren Gesprächen im Unbewußten zu einem Ganzen formiert - dessen ich auf einmal überraschend, unvermittelt und ohne zu denken gewahr wurde. Das hat mich natürlich begeistert, klar. :)
  • Homer schrieb:

    Hallo Friederike, vielleicht hilft die Gerechtigkeit als Maßstab. Ich denke für das hypostasierte können die Mythen, die in Platons Politeia zu finden sind, hilfreich sein. ^^
    Grüße
    Das ist ein Mißverständnis, Homer. Ich suche nicht wirklich nach dem Hypostasierten bei Adorno. Es war eher als kritische Anmerkung zu mir selber gemeint, daß ich -wider allen besseren Wissens, unversehens, unbemerkt- in der Spur des Hypostasierten denke.
  • Friederike schrieb:

    Meine Fragestellung an die ND ist, welchen Erklärungsstatus Adorno der "Vernunft" dort zuweist, und ob die Auffächerung von "Vernunft" grundlegend dafür ist, den erkenntnistheoretischen Status herauszufinden.
    Neben dem summum bonum gilt die Vernunft als höchstes Kriterium bei der Frage, was wir tun sollen. Und wenn wir die Vernunft konsultieren, so heißt das, dass wir der Vernunft gegenüberstehen und wir uns somit nur, wenn wir wollen mit ihr identifizieren.

    Friederike schrieb:

    Zu dem Ansatz der Verbindung der persönlichen Biografie mit dem Vernunftbegriff möchte ich nur anmerken, daß ich so zwar nicht vorgehe,
    Ganz losgelöst von »der Verbindung der persönlichen Biografie mit dem Vernunftbegriff« ist philosophieren im Sinne von Adorno aber nicht möglich!

    (ND, S. 136 Zweiter Teil: Negative Dialektik: Begriffund Kategorien: )

    »Daß durch die Form des Überhaupt der Gedanke jenes Sachhaltige abzuschütteln vermöchte: die Supposition absoluter Form, ist illusionär. Für die Form Sachhaltiges überhaupt ist konstitutiv die inhaltliche Erfahrung von Sachhaltigem. Korrelativ läßt auch am subjektiven Gegenpol der reine Begriff, Funktion des Denkens, nicht radikal sich sondern von dem seienden Ich
  • Philodendron schrieb:

    Neben dem summum bonum gilt die Vernunft als höchstes Kriterium bei der Frage, was wir tun sollen.
    Vorerst habe ich mich mit mir selber dahingehend geeinigt, "Vernunft" als denjenigen Begriff bei Adorno zu verstehen, der für ihn das -begriffliche, diskursive- Denken*, die ratio, die intelligible Seite des Erkenntnis umfaßt. Das "summum bonum" also, wie Du -mit einem ironisch, lächelnden Unterton?- schreibst. :)

    ND schrieb:

    Besinnungslose Vernunft wird verblendet bis zum Irren angesichts eines jeglichen, das ihrer Herrschaft sich entzieht. Einstweilen ist Vernunft pathisch; Vernunft wäre erst, davon sich kurieren. Noch die Theorie der Entfremdung, Ferment der Dialektik, verwirrt das Bedürfnis, der heteronomen und insofern irrationalen Welt nahe zu kommen[...] S. 172

    ND schrieb:

    Er [Kant] hat den Konflikt von Faktizität - >Natur< - und Denknotwendigem — der intelligiblen Welt — dichotomisch geschlichtet. Wenn aber auf Wille oder Freiheit nicht als auf ein Seiendes kann hingewiesen werden, so schließt das, nach Analogie zur simplen vordialektischen Erkenntnistheorie, durchaus nicht aus, daß Einzelregungen oder -erfahrungen sich synthesieren lassen unter Begriffen, denen kein naturalistisches Substrat entspricht, die aber ähnlich jene Regungen oder Erfahrungen auf einen gemeinsamen Nenner bringen wie, vergleichsweise, der Kantische »Gegenstand« seine Erscheinungen. Nach dessen Modell wäre der Wille die gesetzmäßige Einheit aller Impulse, die als zugleich spontan und vernunftbestimmt sich erweisen, zum Unterschied von der Naturkausalität [...] S. 210
    Mit "pathisch" meint Adorno sicher "pathologisch" (jedenfalls meint er nicht "pathetisch"). Soweit "Vernunft" kein Seiendes, sondern ein Begriff ist, muß mit ihm negativ dialektisch verfahren werden. Punktum. :) Nur so und nicht anders kann das besinnungslose, d.h. das unreflektierte Verständnis der Vernunft geheilt werden. Das betrifft jede nur denkbare, in Hinsicht auf Kant die "praktische" und die "reine" Vernunft. Den letzten Satz des zweiten Zitates habe ich hineingenommen, weil meine Frage wegen der Subordination des Willens unter die Vernunft damit beantwortet ist.

    *Soweit ich mich zur "ästhetischen Theorie" von Adorno ein bißchen schlau(er) -vom Nichtwissen zum Minimalwissen- gemacht hatte, unterscheidet Adorno das diskursive Denken von einem "anschaulichen", "sinnlichen" Denken. Ob die Unterscheidung in Anbetracht der ohnehin nicht nur auf intellgiblem Wege zu erlangenden Erkenntnis sinnvoll ist, sei dahingestellt.
  • Friederike schrieb:

    ND schrieb: »Er [Kant] hat den Konflikt von Faktizität - >Natur< - und Denknotwendigem — der intelligiblen Welt — dichotomisch geschlichtet. Wenn aber auf Wille oder Freiheit nicht als auf ein Seiendes kann hingewiesen werden, so schließt das, nach Analogie zur simplen vordialektischen Erkenntnistheorie, durchaus nicht aus, daß Einzelregungen oder -erfahrungen sich synthesieren lassen unter Begriffen, denen kein naturalistisches Substrat entspricht, die aber ähnlich jene Regungen oder Erfahrungen auf einen gemeinsamen Nenner bringen wie, vergleichsweise, der Kantische »Gegenstand« seine Erscheinungen. Nach dessen Modell wäre der Wille die gesetzmäßige Einheit aller Impulse, die als zugleich spontan und vernunftbestimmt sich erweisen, zum Unterschied von der Naturkausalität [...] S. 210

    Frie.: Soweit "Vernunft" kein Seiendes, sondern ein Begriff ist,
    Zweifelsohne kann auf Wille, Freiheit oder Vernunft nicht als auf ein Seiendes hingewiesen werden.Vergleichbar dem Kantischen »Gegenstand« lassen sie sich aber aus Einzelregungen und -Erfahrungen synthesieren unter einen Begriff. Dieser reine Begriff, Funktion des Denkens »lässt sich nicht radikal sondern von dem seienden Ich