Was heißt kritische Theorie? - Themenfindung und Austausch [Eröffnungsthread]

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  • Was heißt kritische Theorie? - Themenfindung und Austausch [Eröffnungsthread]

    Das Projekt Kritische Theorie soll als Diskussionsraum für alle möglichen Themen dienen, die mit Kritischer Theorie in Verbindung stehen. Das Theorielabel Kritische Theorie wurde geprägt von den Theoretikern im Umkreis des Frankfurter Instituts für Sozialforschung. Dazu zählten unter anderen Max Horkheimer, Theodor W. Adorno, Erich Fromm, Leo Löwenthal, Herbert Marcuse und Walter Benjamin. Wegweisend und eine Art Manifest war Horkheimers Aufsatz "Traditionelle und Kritische Theorie" aus dem Jahre 1937.

    Was kann unter Kritischer Theorie in einer ersten Annäherung verstanden werden? Es handelt sich um Theorien, die einen emanzipatorischen Anspruch haben und zu einer Verbesserung der gesellschaftlichen Wirklichkeit ihren Beitrag leisten wollen. So könnte man die Psychoanalyse als Kritische Theorie bezeichnen, weil sie zur Befreiung des Analysanden von den biographischen Zwängen seiner Neurosen beitragen will. Dies zunächst in einzeltherapeutischen, später aber auch in der gruppentherapeutischen Settings. Die Marx'sche Kritik der Ökonomie ist zu den Kritischen Theorien zu zählen, weil sie zu einer Befreiung von ökonomischen Zwängen und Unterdrückung beitragen will.

    Doch haftet dem Begriff der Kritischen Theorie in heutiger Zeit schon etwas muffig-antiquiertes an. Die düsteren Prognosen der Emigranten des Instituts muten heute irgendwie kulturpessimistisch an. Dieses Grundgefühl: "Alles geht den Bach runter", kann leicht mit einem kulturpessimistischen Standpunkt verwechselt werden. Vielleicht muss man vieles heute nicht mehr so negativ bewerten, wie es den Theoretikern damals unter dem Eindruck des Holocaust und ihrer Emigration erschien. Welche zeitgemäßen Weiterentwicklungen von Kritischer Theorie gibt es heute? Wie kann eine Gesellschaftskritik heute aussehen? All das soll in diesem Thread diskutiert werden, der vor allem zur Themenfindung, zur ersten Orientierung in dem Thema und dem zwanglosen Austausch dienen soll.
    ERKLÄRUNG AN DAS FORUM
    "Volksverhetzung ist keine Meinung. Hass ist keine politische Position"
  • Ryoba wrote:

    Welche zeitgemäßen Weiterentwicklungen von Kritischer Theorie gibt es heute?
    schau Dir dieses schöne Schaubild an

    unten ist die Zeitachse
    links die 50er und 60er (Sicherheit und Orientierung)
    dann die 60er und 70er (Haben und Zeigen)
    dann die 70er und 80er (Sein und Verändern)
    dann die 80er und 90er (Machen und Erleben)
    dann die 90er und 00er (Grenzen überwinden)
    dann die 10er (Sampeln)

    mit Machen und Erleben, Grenzen überwinden und Sampeln
    (also seit den 80ern)
    lässt sich keine Kritische Theorie basteln

    für Kritische Theoretiker kommt nur die Gruppe 2 (Sozialökologische) in Frage
    (oder traditionelle Kommunisten oder Anthroposophen)

    [Blocked Image: http://cdn4.spiegel.de/images/image-986953-galleryV9-jdlk-986953.jpg]

    von Ökologie hatte die Frankfurter Schule aber noch keine Ahnung

    ihre Fortentwickler waren also die Ökos

    Reste davon sind die Fernsehverweigerer, Vegetarier, Second Hand-Käufer bzw. Tauscher und Leiher, Fahrradfahrer

    die militanten Tierschützer, Baumschützer, Veganer würde ich nicht dazu zählen
    die scheinen eine moderne Variante (die Gruppe 3)
    als Gegenpol zur Spaßgesellschaft (die Gruppe 5) zu sein
  • @ Friederike

    Danke für den Tip zu dem Band von Rainer Winter. Den kannte ich noch nicht.

    Auch interessant dazu, wie "mit Adorno über Adorno hinaus" gedacht werden kann, sind die Frankfurter Adorno Vorlesungen.

    Und was ich auch noch ans Herz legen möchte ist der Tagungsband "Die Lebendigkeit der kritischen Gesellschaftstheorie". Die Vorträge gibt es auch als MP3 online zum Nachhören.
    ERKLÄRUNG AN DAS FORUM
    "Volksverhetzung ist keine Meinung. Hass ist keine politische Position"
  • Wenn man nach der Aktualität oder "Lebendigkeit" der Kritischen Theorie fragt, dann klingt es nahezu wie eine contradictio in adiecto, zumindest dann, wenn ich die Erkenntnisse der negativen Dialektik der "Kritischen Theorie" zugrundelege. "Mit Adorno über Adorno hinaus" las ich öfter in diesem Zusammhang. Scheint so etwas wie ein geflügeltes Wort geworden zu sein.
  • Friederike wrote:

    Wenn man nach der Aktualität oder "Lebendigkeit" der Kritischen Theorie fragt, dann klingt es nahezu wie eine contradictio in adiecto, zumindest dann, wenn ich die Erkenntnisse der negativen Dialektik der "Kritischen Theorie" zugrundelege. "Mit Adorno über Adorno hinaus" las ich öfter in diesem Zusammhang. Scheint so etwas wie ein geflügeltes Wort geworden zu sein.
    Bei den Vorträgen zur Lebendigkeit der kritischen Gesellschaftstheorie und den Adorno-Vorlesungen finde ich es auch spannend, dass es darum geht, Adorno produktiv auf neuere Theorieentwicklungen zu beziehen und keine Hagiographie zu betreiben.
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  • Gestern Abend wurde im Fernsehen eine 6-teilige Dokumentation der "Geschichte der RAF" wiederholt. Weil ich alle Folgen bereits zweimal gesehen hatte, habe ich gestern nur ein einziges Mal reingeklickt. Und justement an der Stelle höre ich Rudi Dutschke in ein Mikrofon sprechen: "Die parlamentarische Demokratie repräsentiert" die Interessen der Bevölkerung nicht (den zweiten Teil des Satzes erinnere ich nicht mehr wörtlich). Mal abgesehen davon, daß man jetzt, nach ca. 50 Jahren eben dies bereits wieder oder immer noch diagnostiziert (nichts Neues unter der Sonne also) ... so las ich gestern bei Karen Gloy in einer "Einführung in die Philosophie", die Kritische Theorie sei "usurpiert" worden von der 68-Bewegung. Wenn ich die "Marginalien zur Theorie und Praxis" von Adorno nehme, dann dürfte Adorno diesem Ausdruck von Gloy wohl zugestimmt haben. Abschnitt 3 formuliert Adorno plakativ und eingängig: Heute wird abermals die Antithese von Theorie und Praxis zur Denunziation der Theorie mißbraucht. Als man einem Studenten das Zimmer zerschlug, weil er lieber arbeitete als an Aktionen sich zu beteiligen, schmierte man ihm an die Wand: wer sich mit Theorie beschäftige, ohne praktisch zu handeln, sei ein Verräter(1) am Sozialismus. Praxis wurde nicht ihm allein gegenüber zum ideologischen Vorwand von Gewissenszwang. Das von ihnen diffamierte Denken strengt offenbar die Praktischen ungebührlich an: es bereitet zuviel Arbeit, ist zu praktisch. Wer denkt, setzt Widerstand; bequemer ist, mit dem Strom, erklärte er sich auch als gegen den Strom, mitzuschwimmen. Es ist klar, weil nur konsequent, daß Adorno die begriffliche Trennung "Theorie" und "Praxis" ebenso wie die von "Subjekt und "Objekt" historisiert.

    Mir geht es nun so, daß ich mir eine Philosophie anders denn "kritisch" seit der Beschäftigung mit Adorno gar nicht mehr vorstellen kann. Jederzeit sich selbst reflektierend kritisch, gesellschaftskritisch und selbstkritisch in ihrem eigenen Bezug zur Gesellschaft. Da auf kritischer Prüfung des Überlieferten alle philosophischen Strömungen beruhen - "kritisch" bedeutet aus meiner Sicht daher, auf der Grundlage der Erkenntnistheorie von Adornos negativer Dialektik. "Kritische Theorie" als terminus, Etikett, Überschrift, um sie abzugrenzen gegenüber anderen Kritiken der Philosophie. Und noch einmal kurz zur Erinnerung in einer knappen Zusammenfassung: In der Identifikation wird ein Gegenstand unter einem abstrakten Allgemeinbegriff erfaßt, was zugleich das Besondere oder auch das Nichtidentische von ihm abschneidet. Der Begriff verdinglicht die zu bezeichnende Sache insofern, als er, Identität voraussetzend, die Bestimmungen des Besonderen, des einzelnen unterschlägt. Die negative Dialektik soll das nichtidentische Moment, das für jede Begriffsbildung konstitutiv ist und zugleich von ihr verdrängt wird, bewußt machen. Der Begriff ist notwendig auf das angewiesen, was er nicht ist, nämlich die Sache, und die Identität impliziert zugleich ihr Gegenteil in der Form der Nichtidentität. Da dieser Prozeß der Sprache, insofern mit ihr Begriffe gebildet werden, inhärent ist, endet er nicht ("Hagiographie", wie Ryoba es genannt hat, kann deswegen nur bedeuten, die Hagiographie zu verlassen).

    Um die ND und Krtische Theorie also aktuell zu machen, könnte man sich des konstellativen Verfahrens, der mikrologischen Modellbildung als methodischer Instrumente bedienen. Was mich nun mehr noch interessiert, das ist, welche Methoden man sich weiterhin ausdenken könnte, um des jeweils Ausgeschlossenen "habhaft" zu werden (kleine Bissigkeit nebenbei, daß es sicher nicht so geht wie bei Habermas, indem man sich an der "ratio" festklebt). Zwei Fragen und/oder auch Aspekte sind mir eingefallen, denen ich nachgehen würde:

    1. "Der Einfluß der gesellschaftlichen Entwicklung auf die Struktur der Theorie gehört zu ihrem eigenen Lehrbestand", wie Horkheimer in der von Ryoba verlinkten "Traditionelle(n) und Kritsche(n) Theorie", S. 53 über den Praxisbezug des kritischen Theorieverständnisses sagt.Das betrifft thematisch also sowohl die Philosophie in ihrer Selbstreflexion als auch die von ihr untersuchten Beziehungen zwischen dem Einzelnen und der Gesellschaft.

    2. Welche Möglichkeiten gibt es, das Nicht-Identische zu ent-decken - Mimesis, Begriffsgeschichte, Metaphorik- was noch, vor allem, was an nicht-sprachlichen Möglichkeiten, außer der Kunst - Bild-Zeichen des Alltags, Körpersprachen, Ideosynkrasie(n) ...?

    The post was edited 1 time, last by Friederike ().

  • Zu Habermas, mit dem die kritische Theorie ihren Ausgang fand, bemerkte die Frankfurter Rundschau in Gestalt von Arno Widmann: "Sein Hauptwerk, die monumentale, 1200 Seiten umfassende 'Theorie des kommunikativen Handelns' erschien 1981. Von ihr heißt es selbst im Habermas-Handbuch des Verlages J. B. Metzler, das Buch spiele heute kaum noch eine Rolle in den gesellschaftstheoretischen Debatten" (Von brennender Gegenwart - Zum 85. Geburtstag des Philosophen und Soziologen Jürgen Habermas, 17. Juni 2014).
    "You can fool all the people some of the time and some of the people all the time, but you cannot fool all the people all the time" (Abraham Lincoln). — "Der Mensch ist gut! Da gibt es nichts zu lachen! [...] Der Mensch ist gut. Da kann man gar nichts machen. Er hat das, wie man hört, vom lieben Gott" (Erich Kästner).
  • Friederike wrote:

    In der Identifikation wird ein Gegenstand unter einem abstrakten Allgemeinbegriff erfaßt, was zugleich das Besondere oder auch das Nichtidentische von ihm abschneidet. Der Begriff verdinglicht die zu bezeichnende Sache insofern, als er, Identität voraussetzend, die Bestimmungen des Besonderen, des einzelnen unterschlägt.

    das Allgemeine und das Spezielle bilden einen Dualismus
    dagegen ist der (Gesprächs)Gegenstand nichtdualistisch

    wer einen (Gesprächs)Gegenstand durch einen abstrakten Allgemeinbegriff identifiziert,
    macht es logischerweise falsch

    Friederike wrote:

    Die negative Dialektik soll das nichtidentische Moment, das für jede Begriffsbildung konstitutiv ist und zugleich von ihr verdrängt wird, bewußt machen.
    den Dualismus überwinden tut bereits die Dialektik (durch ihre Synthese)

    die Bezeichnung 'negativ' (für das nicht-dualistische) ist damit überflüssig

    Friederike wrote:

    Der Begriff ist notwendig auf das angewiesen, was er nicht ist, nämlich die Sache, und die Identität impliziert zugleich ihr Gegenteil in der Form der Nichtidentität. Da dieser Prozeß der Sprache, insofern mit ihr Begriffe gebildet werden, inhärent ist, endet er nicht ("Hagiographie", wie Ryoba es genannt hat, kann deswegen nur bedeuten, die Hagiographie zu verlassen).
    hä?

    mein Gegenvorschlag

    Von außen untergliedert der Nexus (= das Kettenglied) den Wortschwall in Begriffsmengen.
    WORTNEXUSBEGRIFFMENGE
    a)AuthentizitätSchuldUmfangleere Menge
    b)KontextKonsistenzInhaltGrundmenge
    c)SinnGewichtNennerMenge aller Mengen
    d)ÜbersetzungStandpunktHerkunftTeilmenge
    - konnotativ- unparteiisch- allochthon- loyal
    - denotativ- parteiisch- autochthon- durchschnittlich


    a) Die Authentizität des Wortes verbürgt sich in vollem Umfang für die unermessliche Menge, die jemand dem Begriff nach geschuldet wird.

    b) Der Kontext des Wortes hängt vom Begriffsinhalt und von der Folgerichtigkeit der Grundmenge ab.

    c) Der Sinn des Wortes (= die Tiefe des Wortsinnes, seine Dimension) bringt den Begriff auf einen Nenner. Das Eigengewicht gibt der maximal möglichen Bedeutungsmenge ihren Segen. (siehe 3.2. für eine alternative, etymologisch gestützte Herleitung)

    d) Die Übersetzung des Wortes ist die eines Standpunktes und einer Herkunft, konserviert also nur einen Teil der Begriffsvielfalt. Die Nebenbedeutung wird am ehesten ein loyaler, aber unparteiischer und zugereister Übersetzer herausarbeiten. Ein durchschnittlicher Sprachmittler dürfte dagegen nicht mehr als die vor Ort gängige Bedeutung kennen.


    Friederike wrote:

    Was mich nun mehr noch interessiert, das ist, welche Methoden man sich weiterhin ausdenken könnte, um des jeweils Ausgeschlossenen "habhaft" zu werden

    fühlen-denken-handeln (in dieser Reihenfolge) wäre richtig

    ansonsten läuft man Gefahr die Umwelt (das Sein) ideologisch (ästhetisch) auszublenden
  • Irgendwo las ich doch gestern -möglicherweise ist es einer der Aphorismen von Lichtenberg gewesen- eine Metapher sage mehr als ein Begriff. Versucht man, eine Metapher auf einen Begriff zu bringen, so wird einem "anschaulich vor Augen geführt", wie die Begriffsbildung funktioniert und was sie "alles" abschneidet.

    scilla wrote:

    den Dualismus überwinden tut bereits die Dialektik (durch ihre Synthese)
    Der Begriff identifiziert, das Nicht-Identische ist damit nicht schon selber zwingend als Begriff identifiziert.
  • Friederike wrote:

    das Nicht-Identische ist damit nicht schon selber zwingend als Begriff identifiziert
    Was ist das Nichtidentische?


    (ND, S. 205 Materialismus bilderlos: )

    »Solche Bilderlosigkeit konvergiert mit dem theologischen Bilderverbot. Der Materialismus säkularisierte es [d.i. das theologische Bilderverbot.], indem er nicht gestattete, die Utopie positiv auszumalen; das ist der Gehalt seiner [d.i. des Materialismus als Nichtidentität des Seins und des Seienden]Negativität. Mit der Theologie kommt er [d.i. der Materialismus als Nichtidentität]dort überein, wo er [d.i. der Materialismus als Nichtidentität]am materialistischsten [d.h. am meisten Seiendes] ist. Seine [d.i. des Materialismus als Nichtidentität des Seins und des Seienden] Sehnsucht wäre die Auferstehung des Fleisches; dem Idealismus, dem Reich des absoluten Geistes, ist sie [d.i. die Sehnsucht der Auferstehung des Fleisches] ganz fremd«.


    (ND, S. 209: Zur Metakritik der praktischen Vernunft: )


    »Zu reflektieren wäre über die in Rede stehenden Gegenstände nicht derart, daß man über sie als ein Seiendes oder ein Nichtseiendes urteilt, sondern indem man die Unmöglichkeit, sie dingfest zu machen, ebenso wie die Nötigung, sie zu denken, in ihre eigene Bestimmung hineinnimmt«.
  • Philodendron wrote:

    »Solche Bilderlosigkeit konvergiert mit dem theologischen Bilderverbot. Der Materialismus säkularisierte es [d.i. das theologische Bilderverbot.], indem er nicht gestattete, die Utopie positiv auszumalen; das ist der Gehalt seiner [d.i. des Materialismus als Nichtidentität des Seins und des Seienden]Negativität. Mit der Theologie kommt er [d.i. der Materialismus als Nichtidentität]dort überein, wo er [d.i. der Materialismus als Nichtidentität]am materialistischsten [d.h. am meisten Seiendes] ist. Seine [d.i. des Materialismus als Nichtidentität des Seins und des Seienden] Sehnsucht wäre die Auferstehung des Fleisches; dem Idealismus, dem Reich des absoluten Geistes, ist sie [d.i. die Sehnsucht der Auferstehung des Fleisches] ganz fremd«.
    die Negativität bezeichnet im Text eine Art Ideologie,
    die nicht hinterfragt oder ausgemalt werden soll
    (Abweichungen durch die Phantasie im Sein sind unerwünscht)

    die Theologie und der Materialismus erlauben daher nur ihre Ideologie:
    zum einen das messbar Seiende
    zum anderen das nicht messbare Etwas (= esoterisch)

    der Idealismus bezeichnet im Text
    eine von Ideologien unberührte Herangehensweise

    Philodendron wrote:

    »Zu reflektieren wäre über die in Rede stehenden Gegenstände nicht derart, daß man über sie als ein Seiendes oder ein Nichtseiendes urteilt, sondern indem man die Unmöglichkeit, sie dingfest zu machen, ebenso wie die Nötigung, sie zu denken, in ihre eigene Bestimmung hineinnimmt«.
    wünschenswert wäre demnach,
    den Gegenstand als Gesprächsgegenstand, als Gerichtsverhandlung oder als Rechtssache zu betrachten
    und nicht als messbares Objekt

    alternativ könnte ich anbieten,
    daß es um das WESEN gehen soll
  • scilla wrote:

    wünschenswert wäre demnach,
    den Gegenstand als Gesprächsgegenstand, als Gerichtsverhandlung oder als Rechtssache zu betrachten
    und nicht als messbares Objekt

    alternativ könnte ich anbieten,
    daß es um das WESEN gehen soll
    Du denkst ja schon fast wie Adorno! Siehe unten.

    (S. 170 Wesen und Erscheinung: )

    »Der obstinate [unbelehrbare, starrsinnige] Drang, lieber über die Richtigkeit von Irrelevantem zu wachen, als über Relevantes, mit der Gefahr des Irrtums, nachzudenken, zählt zu den verbreitetesten Symptomen regressiven Bewußtseins. Der Hinterwäldler jüngsten Stils läßt von keiner Hinterwelt sich irritieren, zufrieden mit der Vorderwelt, der er abkauft, was sie ihm mit Worten und stumm aufschwatzt. Positivismus wird zur Ideologie, indem er erst die objektive Kategorie des Wesens ausschaltet und dann, folgerecht, das Interesse an Wesentlichem. Es erschöpft sich aber keineswegs im verborgenen allgemeinen Gesetz. Sein positives Potential überlebt in dem vom Gesetz Betroffenen, fürs Verdikt des Weltlaufs Unwesentlichen, an den Rand Geschleuderten«.
  • Philodendron wrote:

    Positivismus wird zur Ideologie, indem er erst die objektive Kategorie des Wesens ausschaltet und dann, folgerecht, das Interesse an Wesentlichem.
    ja, das ist das Problem, was wohl immer gravierender werden wird, je säkularer oder gar antitheistisch eine Gesellschaft wird. Nicht, dass ich Theist wäre, ich halte nur die zu Grunde liegenden Phänomene für existierende innerhalb eines säkularen und materiellen Rahmens - und das wird gänzlich nicht bedacht bzw. als lächerlich direkt abgeschmettert in einer allzustark verwissenschaftlichten Welt, der gleichzeitig das rationalistische abhanden kommt und reine Empirie und Statistik das Rennen in der Mainstreamwissenschaft macht.
    Der Handelnde ist immer gewissenlos; es hat niemand Gewissen als der Betrachtende. - Johann Wolfgang von Goethe
    Das System als Ausgangspunkt des menschlichen Daseins ist Subjekt aller Philosophie.
    Das Wort ist Ursprungsgewaltiger als die nominale Begriffsebene. Ein Wort ist immer ein reales Wort.
    Die Geschichte von den zwei Quadraten.
  • Und um Deine Kritik fortzuführen, Groot, Adorno und Horkheimer bestimmen den Marxismus selbst ebenfalls als eine kritische Theorie der Gesellschaft. Dies bedeutet, daß er nicht seinerseits hypostasiert werden kann/dürfe. Der Gegenstand selbst ist ein historischer und deswegen kann eine kritische Gesellschaftstheorie nicht Wissenschaft sein, wie Marx es, A + H zufolge, behauptet hat. Als eine der Produktivkräfte sei der Marxismus in die Produktionsverhältnisse verflochten und unterliege daher auch der Verdinglichung. Die "Kritische Theorie" hat infolgedessen die Funktion, unter den jeweils neuen geschichtlichen Bedingungen auch "alte" kritische Gesellschaftstheorien zu kritisieren. Oder richtiger noch, als Selbstreflexion des Marxismus ist "Kritische Theorie" identisch mit diesem, aber sie beinhaltet eine Differenz zu ihm. In Form der "Kritischen Theorie" erkennt der Marxismus sich selbst und das, was sich in seiner Tradition als falsch erweist. Die "Kritische Theorie" als Selbstreflexion ersetzt den Marxismus also nicht, sondern zeigt, wie er sich selbstreflektiert weiterdenken kann.
  • Groot wrote:

    reine Empirie und Statistik das Rennen in der Mainstreamwissenschaft macht.

    Friederike wrote:

    wie er sich selbstreflektiert weiterdenken kann.
    »Was der immanenzphilosophischen Bestimmung jener Begriffe ihre Eleganz verleiht und ihre Autarkie, ist in Wahrheit, angesichts der tatsächlichen Entscheidungen, bei denen nach frei oder unfrei gefragt werden kann, eine Abstraktion; was sie vom Seelischen übrigläßt, karg gegenüber der realen Komplexion von Innen und Außen. (ND, S. 211 »Scheinproblem«: ) An diesem Verarmten, chemisch Reinen läßt nicht sich ablesen, was von Freiheit oder ihrem Gegenteil prädiziert werden darf. Strenger ausgedrückt, und Kantischer zugleich, ist das empirische Subjekt, das jene Entscheidungen fällt - und nur einempirisches kann sie fällen, das transzendental reine Ich denke wäre keines Impulses fähig —, [ist] selbst Moment der raum-zeitlichen »auswendigen«[d.h. äußeren oder materiellen] Welt und hat vor ihr keine ontologische Priorität; darum scheitert der Versuch, die Frage nach der Willensfreiheit in ihm [d.i. imempirischen Subjekt] zu lokalisieren. Er zieht die Linie zwischen Intelligiblem und Empirischem inmitten der Empirie.«

    (ND, S. 210 »Scheinproblem«: ) »Wenn aber auf Wille oder Freiheit nicht als auf ein Seiendes kann hingewiesenwerden«

    Was ist das empirische Subjekt als Moment der raumzeitlichen »auswendigen« d.h. äußeren oder materiellen Welt des Empirischen bzw. der Empirie gegenüber dem Intelligiblen?

    Das empirische Subjektals Moment der raumzeitlichen »auswendigen« d.h. äußeren oder materiellen Welt ist ein Seiendes. Ihm gegenüber aber kann auf Wille oder Freiheit nicht als auf ein Seiendes hingewiesen werden. Wille oder Freiheit gehören folglich zum Intelligiblen, wo auch die Kritikfähigkeit des Menschen zu lokalisieren ist. Für Adorno existiert der freie »Wille als die gesetzmäßige Einheit aller Impulse, die als zugleich spontan und vernunftbestimmt sich erweisen, zum Unterschied von der Naturkausalität«.(ND, S. 210)

    (S.212 Interesse an Freiheit gespalten: ) »Gesucht wird eine gemeinsame Formel für Freiheit und Unterdrückung: jene [d.i. die Freiheit] wird an die Rationalitätzediert [d.h. abgetreten], die sie [d.i. die Freiheit als eigentümlichstes Interesse der großen Philosophie seit dem siebzehnten Jahrhundert] einschränkt, und von der Empirie entfernt, in der man sie gar nicht verwirklicht sehen will.«

    (ND, S. 213 Freiheit, Determinismus, Identität: ) »Nach den Regeln jener Ideologie wären nur die Verhaltensweisen von Menschen in verschiedenen Situationen zu beschreiben und zu klassifizieren, nicht von Willen oder Freiheit zu reden; das [d.i. von Willen oder Freiheit zu reden] sei Begriffsfetischismus.«

    In der Empirie ist Naturkausalität und im Unterschied dazu auch Wille oder Freiheit verwirklicht.

    The post was edited 5 times, last by Philodendron ().

  • Um den Thread, der Adornos ND reserviert ist, nicht mit meinem Genöle zu verderben, wandere ich mit Deiner Äußerung von dort hierher:

    Philodendron wrote:

    Wie der Plauderecke hier im Forum zu entnehmen war, existiert nach wie vor ein Interesse an der ND. Deshalb hier ein weiterer Gedanke aus derselben.
    Da Du Dein "Ding" sowieso durchziehst, damit meine ich, daß Du auf persönliche Anreden hin -u.a. Absprachen über Vorgehensweisen oder Nachfragen zu Deinem Interesse - nicht reagierst, und da Ryoba und Groot offenkundig vorerst zumindest- andere Themen diskutieren wollten, ist der Thread über die ND mit meinen letzen mürrischen Beitrag für mich abgeschlossen (gewesen). Deswegen hatte ich Deinen letzten Beitrag im Adorno-Thread auch gar nicht mehr gelesen, "obstinat" gestimmt. Selbstverständlich erwarte ich jetzt auch keine Antwort auf mein Gemecker. Ich schreibe dies aus 2 Gründen: Einmal, weil ich sehe, daß ich un-wissentlich, aber anscheinend ahnungs-begabt, Gedanken aus dem dort von Dir bereits Geschriebenen bzw. Zitierten aufgegriffen hatte, und außerdem auch deswegen, weil ich Deine Stringenz, am Text ausharrend, ein Thema durchzuziehen, natürlich hoch schätze. So, nachdem ich mich ent-lastet habe (3. Beweggrund) kann ich mich endlich auch wieder mit der Sache ungestört befassen.
  • Groot wrote:


    Philodendron wrote:

    Positivismus wird zur Ideologie, indem er erst die objektive Kategorie des Wesens ausschaltet und dann, folgerecht, das Interesse an Wesentlichem.
    ja, das ist das Problem, was wohl immer gravierender werden wird, je säkularer oder gar antitheistisch eine Gesellschaft wird. Nicht, dass ich Theist wäre, ich halte nur die zu Grunde liegenden Phänomene für existierende innerhalb eines säkularen und materiellen Rahmens - und das wird gänzlich nicht bedacht bzw. als lächerlich direkt abgeschmettert in einer allzustark verwissenschaftlichten Welt, der gleichzeitig das rationalistische abhanden kommt und reine Empirie und Statistik das Rennen in der Mainstreamwissenschaft macht.
    Ich knüpfe nochmal lose an die "Verwissenschaftlichung" (und meinen Beitrag von heute früh) an, weil ich nun direkt -also im Original- in Horkheimers "Traditionelle und kritische Theorie" gelesen habe, daß sein Ausgangspunkt für die Kritik an den Sozialwissenschaften darin besteht, daß sich sozialwissenschaftliche Theorien nicht am Modell der Naturwissenschaften orientieren können, weil sich das naturwissenschaftliche Theorieverständnis dadurch auszeichnet, daß zwischen (hypothetischen) theoretischen Satzsystemen und empirischen Tatsachen/Gegenständen andererseits getrennt wird. Das impliziere einen Dualismus von Denken und Sein, Verstand und Wahrnehmung (S.19).

    Auf den Gegenstandsbereich der Sozialwissenschaften lasse sich dieses Modell nun gerade nicht übertragen, weil die "sozialen Gegenstände" oder Sachverhalte mit ihrer theoretischen Konstruktion "rückgekoppelt" seien. Oder wie er auch sagt, es muß innerhalb der Sozialwissenschaften berücksichtigt werden, daß der Dualismus "Subjekt-Objekt" historisch geworden und gesellschaftlich produziert ist. Der "Einfluß der gesellschaftlichen Entwicklung auf die Struktur der Theorie gehört zu ihrem eigenen Lehrbestand" (S. 53).