Herr und Knecht - Hegels Theorie der Anerkennung [freies Philosophieren und Lektürethread]

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  • Herr und Knecht - Hegels Theorie der Anerkennung [freies Philosophieren und Lektürethread]

    Ich möchte gerne das Kapitel zu "Herrschaft und Knechtschaft" aus der Phänomenologie des Geistes (PdG) diskutieren. Es ist eines der wirkmächtigsten Aspekte in der Rezeption der Hegelschen Philosophie. Als Teil der PdG ist es eingebettet in die Frage nach der Möglichkeit von Wissen und dem Verhältnis von Subjekt und Objekt. Es geht in dem Abschnitt konkret um das Verhältnis zweier Selbstbewusstseine zueinander. Hegel entwickelte in diesem Rahmen auch seine Theorie der Anerkennung als Postulat seiner praktischen Philosophie weiter.

    Es ist sicher hilfreich, aber kein Muss, wenn man die vorhergehenden Kapitel der PdG gelesen hat. Gewisse Grundkenntnisse der Hegelschen Philosophie sind hilfreich, aber keine Voraussetzung. Man kann auch mit dem Kapitel selbst einsteigen.

    Quellen:

    Primärtext

    Hegel: Phänomenologie des Geistes, Kapitel IV. Die Wahrheit der Gewißheit seiner selbst

    Sekundärliteratur

    Ritsert: Seminarmaterialen 19.Herr und Knecht. Hintergrundannahmen sozialwissenschaftlicher Ungleichheitstheorien im Lichte einer klassischen Parabel, Frankfurt/M 2007.(Vorlesung II: Zum Verhältnis von Herr und Knecht bei Leibniz und Hegel)

    Schlemm: Hegel Projekt. Phänomenologie des Geistes

    Stefan Müller: Reflexion über Dialektik

    FAZ (6.1.2012): Das Selbstbewusstsein ist kein Schneckenhaus (Besprechung von zwei aktuellen Werken aus den USA zu dem Thema)

    ZEIT Lernplattform: G.W. Hegel. Subjekt-Objekt-Dialektik (ein anregender Text mit praktischen Beispielen und Vorschlägen zu Diskussionsfragen)

    Wikipedia: Herrschaft und Knechtschaft

    Siep: Anerkennung in der „Phänomenologie des Geistes“ und in der praktischen Philosophie der Gegenwart

    Weitere Hinweise zu Sekundärliteratur sind sehr willkommen! Ich schlage vor den Text abschnittweise zu besprechen und mit der Einleitung zu Kapitel IV zu beginnen, um den Stellenwert des Kapitels in der PdG richtig einordnen zu können.
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    "Volksverhetzung ist keine Meinung. Hass ist keine politische Position"

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  • Einen guten Einstieg in das Thema bietet die ZEIT Lernplattform. Dort ist der Vorschlag zu lesen, sich etwas Zeit zu nehmen und mit einem Stück Knete an einen Tisch zu setzen (alternativ kann man auch Stift und Papier nehmen). Und dann darf man sich mal 10 Minuten ganz frei einfach mit dem "Werkstoff" beschäftigen.

    Wer Lust hat kann das ja wirklich einmal ausprobieren und wir tauschen uns dann später dazu aus.
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    "Volksverhetzung ist keine Meinung. Hass ist keine politische Position"

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  • Die Fragen, die ich gerne im Anschluss an die kleine Übung mit Euch diskutieren würde; sind:

    Was habt ihr da produziert? Woraus besteht es? Warum habt ihr genau dies produziert und nichts anderes? Was sagt das Produzierte über Euch aus?

    Wie steht ihr im Verhältnis zum produzierten Ding?
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  • Ryoba schrieb:

    Die Fragen, die ich gerne im Anschluss an die kleine Übung mit Euch diskutieren würde; sind:

    Was habt ihr da produziert? Woraus besteht es? Warum habt ihr genau dies produziert und nichts anderes? Was sagt das Produzierte über Euch aus?

    Wie steht ihr im Verhältnis zum produzierten Ding?
    -- Ich habe etwas gezeichnet. Es besteht aus weißem Papier, Rötel- und Kohlefarbe.
    -- In Bezug auf das Motiv - Ein Baumausschnitt, daran gelehnt eine menschliche Figur, zu deren Füßen ein Hund - kann ich als Ursache nur den spontanen und nicht weiter reflektierten Einfall angeben, genau das zu zeichnen. Wobei sich außer dem Kopf der Figur die weiteren Bildelemente auch erst im Prozess des Zeichnens konkret ergeben haben.
    -- Das Produzierte sagt ganz laut: mein Schöpfer kann nicht gut zeichnen!
    -- Das Verhältnis würde ich als zunehmend distanziert bezeichnen.

    Viele Menschen würden eher sterben als denken. Und in der Tat: Sie tun es. (Bertrand Russell)
    Any philosophy that can be put in a nutshell belongs in one. (Hilary Putnam)
  • Ryoba schrieb:

    Es geht in dem Abschnitt konkret um das Verhältnis zweier Selbstbewusstseine zueinander.
    Es geht hier vorallem um einen einzelnen Kopf, in dem sich diese zwei Seiten, diese zwei Selbstbewusstseine gegenseitig erkannt haben. Wobei das eine, die Person selbst ist und das Andere, die Wesenheit, die gesellschaftliche Totalität, das absolut Verdinglichte, das sich als gesetztes Bewusstsein selbst als, der Person nicht-Ichlicher Anteil erkennt.

    Er erklärt dann, welcher der zwei Teile im schizophrenen Hirn der Herr; und welcher der Knecht ist. Da er irgendwie nicht drauf klar kam, das ohne Vermittelndes zu erklären, wie das Adorno tut; also durch die Gegensätze hindurch, musste er ein drittes setzen, was durch die abstrakte Negation geschieht - vermutlich denkt er sich dann als bloße Monade, die als Monade entweder Person im Wesen oder Wesen durch die Person hindurch ist.

    Hab aber erst bis dahin gelesen, wo das Herr Knecht gedöns anfängt, mal schauen was er noch so schreibt.
    Der Scham ist tückischer als die Schuld.
    Die Mathematik bastelt ihre eigene Welt. Nicht nur die Physik ist von dieser stark in den Bann gezogen. Dabei ist eine ontologische Mathematik unlogisch, weil Theologie.
    Der Verwendungszweck eines Gegenstandes ist basal verschieden von der Verwendung eines Gegenstandes.
  • Das mit der Schizophrenie sagt übrigens auch Adorno:

    "Im Kern des Subjekts wohnen die objektiven Bedingungen, die es um der Unbedingtheit seiner Herrschaft willen verleugnen muB und die deren eigene sind. Ihrer müsste das Subjekt sich entäußern. Voraussetzung seiner Identität ist das Ende des Identitätszwangs. Das erscheint einzig verzerrt in der Existentialontologie. Nichts aber ist geistig länger relevant, was nicht in die Zone der Depersonalisierung und ihrer Dialektik eindränge; Schizophrenie die geschichtsphilosophische Wahrheit ubers Subjekt."(ND 274)
    Der Scham ist tückischer als die Schuld.
    Die Mathematik bastelt ihre eigene Welt. Nicht nur die Physik ist von dieser stark in den Bann gezogen. Dabei ist eine ontologische Mathematik unlogisch, weil Theologie.
    Der Verwendungszweck eines Gegenstandes ist basal verschieden von der Verwendung eines Gegenstandes.
  • Ich kann nur sagen: Danke!

    Diese akademiache Philosophie dreht und wendet sich um Albernheiten der ..

    Mir, einem doch immehin Mitlieds eines humanistischen Gyms, wurde nicht mitgeteilt,
    dass Fichte, wie viele Anderes auch, Seminarszögling war und über die Dreifaltigkeit
    nachsinniertr.

    Marx war Hegelianer. Wie süß, dass gerade Kalle sein Opium von DreifaltigkeitsPhilosophien erhalten hat.

    Fuck Fichte, Fuch Idiots !!

    Sollte es allerdings unserer einer Philosööööfhchen aufnehmen wollen, so sei es:

    Ich schwöre täglich zu korrigieren
  • Ich habe eine Zeichnung mit einem Kuli auf der Rückseite einer Rechnung gemacht. Gezeichnet habe ich ein Haus auf einem Berg. Das ist eine Erinnerung von einer Hüttenwanderung in den Alpen. Das war ein sehr schöner Urlaub und in dieser Hütte haben wir uns ein paar Tage aufgehalten. Deswegen hab eich mich wahrscheinlich ausgerechnet an sie erinnert. Der Titel "Verlust der Selbstverständlichkeit" ist mir eingefallen, weil es auf dieser Hüttenwanderung um ganz elementare Dinge ging, wie Essen und ein Dach über dem Kopf haben.
    Während dem Zeichnen dachte ich: eigentlich schade, dass ich so selten zeichne und male. Ich habe das eigentlich mal ganz gerne gemacht früher und hatte in der Schule sogar Kunst als Leistungskurs. Am Ende war ich schon ein bisschen stolz auf mein "Werk" und habe mich darüber gefreut, dass ich etwas geschaffen habe.
    Bild22042016.jpg

    Nebenbei bemerkt:
    Während der Übung erinnerte ich mich auch an einen kürzlich gesehenen Dokumentarfilm über einen Pädagogen, der einen Malort für Kinder und Erwachsene geschaffen hat. Dort können diese ohne Vorgaben und völlig frei kreativ tätig sein. Dies fand ich irgendwie ziemlich beeindruckend und spannend.

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  • @hel Ich versuche mal das Ergebnis des kleinen Experiments zusammen zu fassen.

    Beim freien Gestalten sind wir also offensichtlich Erschaffende. Wir folgen "spontanen Einfällen" oder "Erinnerungen" und gestalten diese. Was dabei entsteht, ist unser Produkt/Werk/Objekt und wir stehen ihm gegenüber als gestaltendes Subjekt. Dieses Werk kann von uns nun unterschiedlich bewertet werden. Wir können ihm "distanziert" oder "stolz" gegenüber stehen. Wir können uns darüber "freuen". Nicht zuletzt spiegeln sich unsere Fähigkeiten und Fertigkeiten in dem Werk wieder. Wir können uns darin erkennen.

    Arno Stern verfolgt mit seinem Malort noch einen ganz speziellen Ansatz. Ihm geht es darum, dass das Malen ein spielerischer Ausdruck von Kreativität ist. Er grenzt diesen spielerischen Ausdruck im Malspiel von der Kunst ab, der es vor allem darum geht, eine Mitteilung oder eine Erfahrung des Künstlers mit den Mitteln der Kunst zu kommunizieren.

    Es können gerne noch weitere Aspekte oder weitere Erfahrungen ergänzt werden. Je mehr verschiedene Aspekte und Blickwinkel wir jetzt am Anfang sammeln, desto differenzierter wird das Bild, auf dessen Folie wir später Hegels Ansatz betrachten können.
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  • Ein Aspekt, der mir noch auffällt, ist - zumindest in meinem Fall und vielleicht auch generell von all denjenigen stärker spürbar, die weniger geübt sind - ist eine gewisse Offenheit oder Unkalkulierbarkeit beim Schaffensprozess. Auch wenn einem vor dem "geistigen Auge" das zu Schaffende zu einem gewissen Grade präsent ist, so ist es doch immer ungenau, verschwommen und verändert sich im Laufe des Realisierungsprozesses. Das Material spielt irgendwie immer bei seiner eigenen Formung auf eine - zumindest für mich Laien - sehr widerspenstige Art mit. Dazu kommt, dass zumindest bei mir die Bildidee im Prozess des Zeichnens stark von dem bereits Realisierten mitgestaltet wird. Mir fällt auf, dass die Figur, so wie sie von mir gezeichnet wurde nach unten zu kucken scheint - da könnte doch ein Hund liegen etc... Kurz - das Objekt und meine Vorstellung des Objekts entwickeln sich während des Zeichnens und auch die einzelnen "vorgedachten" Abschnitte sind mit den jeweils realisierten nie vollständig deckungsgleich.
    Trotzdem ist das Bild natürlich in vielen Aspekten auch eine Expression von mir, aber eben nicht nur. Und dann natürlich am Ende, wo bei mir meist eine leicht kritisch-depressive Phase eintritt, ist es auch ein Stachel, der von mir gewisse Veränderungen einfordert: ein gewisses Training, vielleicht einen systematischeren Ansatz, Studium gewisser Zeichentechniken, einen genaueren Blick, mehr Sorgfalt, etc...

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  • Könnte man das vielleicht so zusammenfassen:

    Es gibt eine "Offenheit im Gestaltungsprozess". Dem stände die absolute Planbarkeit und Festlegung jedes kleinsten Details im Voraus als Gegenteil gegenüber. Diese Offenheit wird durch einen "Eigensinn des Materials" beschränkt. Der Gestaltungswille findet seine Grenzen nicht nur in den eigenen Fähigkeiten, sondern auch in der Beschaffenheit des Materials.
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  • Wir haben mit diesem Verhältnis von Subjekt und Objekt, in dem das Subjekt das Objekt durch seine Arbeit gestaltet und formt eine Seite der Dialektik von Herr und Knecht unmittelbar vor uns und auch selbst erfahren. Und zwar handelt es sich um die Seite des Knechts, der sich als selbstständig erfährt, indem er das Objekt bearbeitet. Wir erfahren diese Seite im Alltag auch häufig.

    Zum Beispiel wenn wir handwerklich tätig sind und etwas bauen, wenn wir kochen, wenn wir im Garten arbeiten und Dinge anpflanzen oder wenn wir künstlerisch tätig sind. Kurz überall dort, wo wir ein Material bearbeiten und daraus etwas herstellen. Ich erinnere mich an meine Ausbildung als Tischler. Dort mussten wir als Abschlussprüfung ein Gesellenstück bauen. Dies ist eine besondere Erfahrung, weil man dort von der ersten Planung bis zum letzten Feinschliff einen kompletten und in sich abgeschlossenen Produktionsprozess selbstständig durchführt. In der Pädagogik spricht man von einer vollständigen Handlung. Im Gegensatz zum "offenen Gestaltungsprozess" ist hier eine vorhergehende Planungsphase wesentlich, die den späteren Arbeitsprozess bestimmt und die möglicherweise auftretenden Probleme und Schwierigkeiten schon vorweg nehmen soll. Natürlich treten auch bei der besten Planung noch unvorhergesehene Dinge auf. Das ist einfach die "Tücke des Objekts". Im Arbeitsalltag kommen vollständige Handlungen in diesem Sinne auch vor, aber in der Regel gibt es hier eine Arbeitsteilung. Einer plant und die verschiedenen Arbeitsschritte sind häufig selbst wieder an einzelne Personen delegiert.

    Ich frage mich jetzt, ob wir auch nicht-materielle Dienstleistungen als solche Erfahrungen ansprechen können. Also etwa die Untersuchung des Arztes, der Unterricht an der Schule, der Service in einem Cafe, etc.... Wird auch hier etwas geformt und gestaltet? Gibt es auch hier ein Objekt, das dem gestaltenden Subjekt als Produkt gegenübersteht?
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  • Gibt es zu dem Thema gestaltendes Subjekt und Objekt weitere Erfahrungen und Beobachtungen?

    Wir können in der Zwischenzeit auch schon mal diskutieren, was das Verhältnis von Herr und Knecht jetzt ganz unabhängig von Hegels Bestimmungen für uns ausmacht. Was heißt es Herr zu sein? Und was heißt es Knecht zu sein? Und wie ist das Verhältnis beider zueinander zu denken? Gibt es heute noch Herrschaft und Knechtschaft?

    Als Anregung zur Diskussion kann auch folgendes Zitat von Leibniz dienen:

    "Die Dritte N a t ü r l i c h e G e m e i n s c h a f f t ist zwischen Herr und Knecht, welche derNatur gemäß, wenn eine Person mangel an Verstand hat[,] nicht aber mangel an Kräfften sichzu ernehren. Denn eine solche Person ist ein Knecht von natur, welcher arbeiten muß[,] wie es ihm ein an der vorschreibet und hat davor den unterhalt. Der überschuß ist des Herrn. Denn alles was der Knecht ist, ist er seines Herrn wegen, dieweil alle andern Kräffte nur des Verstandes wegen seyn. Nun ist der verstand im Herrn, andere Kräffte aber nur im Knecht"


    (Leibniz: Politische Schriften)

    Worin sieht Leibniz das Verhältnis zwischen Herr und Knecht begründet und was folgt aus diesem Verständis? Was ist das Provokative daran aus heutiger Sicht?

    Wir können aber auch jederzeit wieder zur ersten Frage zurück kehren. Ich will hier nicht alles vorgeben, ich versuche nur die Diskussion etwas anzuleiten.
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  • Ich möchte nochmal zu dem Verhältnis des gestaltenden Subjekt gegenüber dem Objekt festhalten:

    Das Verhältnis bewegt sich zwischen den Spannungspolen:

    Was den Prozess betrifft:

    Offenheit <------------> Planung
    Vollständigkeit <-----------> Fragmentierung

    Was die Haltung zum Produkt betrifft:

    Distanzierung <---------> Identifikation

    Was die Selbsterfahrung betrifft:

    Nicht-Können <------------> Können

    Was die Absicht betrifft:

    Kommunikation/Zweck <-----------> Spiel
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  • Ryoba schrieb:

    Wir können in der Zwischenzeit auch schon mal diskutieren, was das Verhältnis von Herr und Knecht jetzt ganz unabhängig von Hegels Bestimmungen für uns ausmacht. Was heißt es Herr zu sein? Und was heißt es Knecht zu sein? Und wie ist das Verhältnis beider zueinander zu denken? Gibt es heute noch Herrschaft und Knechtschaft?
    In der westlich-europäischen Gesellschaft halte ich die Herr-Knecht-Beziehung für so gut wie ausgestorben. Wir leben in einer Welt theoretisch symmetrischer Beziehungen, die durch freiwillige Verträge bestimmt werden. Ein Angestellter ist nicht der Knecht seines Auftraggebers, sondern erfüllt gewisse Funktionen gegen Geld. Stimmen die Arbeitsbedingungen nicht oder locken bessere Aussichten, werden die Verträge gekündigt.
    Herr und Knecht aber sind dauerhafte asymmetrische Beziehungen, in denen der Knecht nur durch seinen Dienst - in seiner gottgegebenen Standesrolle -Ehre aufhebt und wobei der Herr gegenüber seinen Knechten allerdings eine gewisse Schutzverantwortungen trägt. Aber dem Herren gebühren die höheren Ehren und nicht nur der Dienst sondern auch die Ergebenheit und Liebe des Knechts als zu etwas Höherem - so wie der Herr wiederum Knecht eines Fürsten, des Königs oder Gottes ist. Man scheint unter einer kosmologisch gefügten Hierarchie von Herrschaft und Knechtschaft gelebt zu haben, die auch eine Stufenfolge von absoluter Vollkommenheit nach unten war. Eine psychologische Gesamtkonstellation, die für mich wenn, dann nur beim Lesen älterer Romane ein wenig nachvollziehbar ist.

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  • Herr und Knecht sind in diesem Verständnis also soziale Kategorien, die der Standesgesellschaft angehören. Der Herr ist in der überlegenen Position und der Knecht in der abhängigen. Der Herr gehört einem anderen Stand an und ist allein schon deswegen ermächtigt gegenüber dem Knecht eine gebieterische Rolle einzunehmen und seine Arbeit in Anspruch zu nehmen. Der Herr übt in der Ständegesellschaft eine Herrschaft aus und diese erscheint als gottgewollt und daher legitim. Wenn Leibniz von dem Verhältnis zwischen Herr und Knecht als "natürlicher Gemeinschaft" spricht, klingt dies an. Der Knecht hat von Natur aus einen Mangel an Verstand und muss daher arbeiten für seinen Unterhalt. Was er darüber hinaus verdient, der Überschuss, gehört dem Herrn. Dieser hat den Verstand auf seiner Seite, welcher dem Knecht fehlt. Dies ist eine Legitimationsfigur für das Herrschaftsverhältnis. Diese Überschusstheorie kann man auch als Surplustheorie (Mehrwerttheorie) der Gerechtigkeit bezeichnen. Der Herr hat das Recht sich den Mehrwert der Arbeit des Knechts anzueignen. Sie findet ihre Fortsetzung im bürgerlichen Kapitalismus in dem Verhältnis von Kapitalbesitzern und Arbeitern. Der Knecht erscheint demgegenüber als unfähig sich seines Verstandes zu bedienen, aber er kann sich (und andere) durch seiner Hände Arbeit ernähren. Die Knechtschaft ist in dem Verhältnis also die Entsprechung zur Herrschaft. In diesem Sinne der Ständegsellschaft gibt es in den westlichen Gesellschaften sicher keine Knechtschaft mehr. Es ist Interessant, dass wir heute von Herrschaft in einem abstrakteren Sinne noch sprechen, aber nicht mehr von Knechtschaft. Herrschaft definiert der Soziologe Max Weber:

    »Herrschaft« soll, definitionsgemäß (Kap. I, § 16), die Chance heißen, für spezifische (oder: für alle) Befehle bei einer angebbaren Gruppe von Menschen Gehorsam zu finden. Nicht also jede Art von Chance, »Macht« und »Einfluß« auf andere Menschen auszuüben. Herrschaft (»Autorität«) in diesem Sinn kann im Einzelfall auf den verschiedensten Motiven der Fügsamkeit: von dumpfer Gewöhnung angefangen bis zu rein zweckrationalen Erwägungen, beruhen. Ein bestimmtes Minimum an Gehorchen wollen, also: Interesse (äußerem oder innerem) am Gehorchen, gehört zu jedem echten Herrschaftsverhältnis. (Max Weber: Die Typen der Herrschaft §1)

    Im Wandel von der feudalen zur bürgerlichen Gesellschaft wandelte sich auch die Legitimation von Herrschaft. Es scheint mir aber unabweisbar, dass auch in der bürgerlichen bis zur heutigen Gesellschaft Herrschaft weiter existiert, nur eben nicht mehr legitimiert durch die gottgewollte Ordnung, sondern durch andere "Erzählungen". Daraus folgte eigentlich, dass es als Entsprechung zumindest auch etwas analoges zur Knechtschaft geben müsste.

    Andere heute noch geläufige Bedeutungen von Knechtschaft, die mir noch eingefallen sind:

    A) Die Sado-Maso-Beziehung: In der privaten Beziehung sind hier die Rollen ähnlich verteilt. Eine Person übernimmt den dominanten Part und eine den devoten. Die Abhängigkeit und die Unterwerfung, sowie die Macht- und Ohnmachtgefühle spielen hier eine Rolle. Ein bekannter philosophischer Vertreter, der sich mit diesem Thema befasst hat, ist de Sade.

    B) Es gibt eine Schrift von dem Philosophen Nelson "Erziehung zum Knechtsgeist". Und er meint damit eine Erziehung zum Gehorsam gegenüber Befehlen der Autorität oder durch die Androhung von Strafe. Demgegenüber betont er, dass die sittliche Pflichterfüllung im Kantischen Sinne nur durch eine Einsicht in die Pflicht möglich ist.
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  • Ein kleiner Vorgriff: Gibt es hier vielleicht einen Mitlesenden oder eine Mitlesende, die eine kurze Einleitung in die Phänomenologie des Geistes geben könnte? Das wäre als Überleitung zur Lektüre des Kapitels sicher hilfreich. Eine kurze Zusammenfassung des Inhalts der vorangehenden Kapitel könnte auch von Nutzen für das Verständnis sein.
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  • Ryoba schrieb:

    Andere heute noch geläufige Bedeutungen von Knechtschaft, die mir noch eingefallen sind:
    Mir fällt in dem Zusammenhang Friedrich A. Hayeks "Der Weg zur Knechtschaft" über das Leben unter den faschistischen, kommunistischen und allen ähnlichen sozialistischen Systemen ein, die mit ihrer kollektivistischen Ideologie jedes Individuum zum Knecht der Gemeinschaft machen.

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  • hel schrieb:

    Ryoba schrieb:

    Andere heute noch geläufige Bedeutungen von Knechtschaft, die mir noch eingefallen sind:
    Mir fällt in dem Zusammenhang Friedrich A. Hayeks "Der Weg zur Knechtschaft" über das Leben unter den faschistischen, kommunistischen und allen ähnlichen sozialistischen Systemen ein, die mit ihrer kollektivistischen Ideologie jedes Individuum zum Knecht der Gemeinschaft machen.
    "Das Volk ist alles und du bist nichts." Diese völkische Ideologie der Nationalsozialisten ist sicher in Verbindung zu bringen mit dem Gehorsam gegenüber Befehl und Autorität. Wobei hier ein Diskussionspunkt wäre, ob der Faschismus eine Weiterentwicklung des Sozialismus war oder aus dem Liberalismus und der wissenschaftlichen und technischen Naturbeherrschung hervor gegangen ist. Die zweite These legen einige Vertreter der Kritischen Theorie (Horkheimer, Marcuse, Adorno) zumindest nahe. Der Verweis sei erlaubt angesichts der Tatsache, dass wir den Thread in dem Projekt "Kritische Theorie" diskutieren.
    Im real existierenden Sozialismus gab es ohne Zweifel auch eine kollektivistische Ideologie im Ein-Parteien-System. Diese Form der Herrschaft spottete den Ideal einer freien Gesellschaft wie sie die Idee des Kommunismus einmal versprach.

    Könnten wir deinen Punkt zuammen fassen als:

    C) Knechtschaft als Unterordnung des Individuums unter eine völkische oder kollektivistische Ideologie

    Könnte man vielleicht verallgemeinern aus den drei Verwendungsweisen, die wir bisher gefunden haben, dass Knechtschaft in einer überwiegend übertragenen Bedeutung eine Abhängigkeit von einer befehlsgebenden und strafenden Autorität oder eine Unterdrückung der individuellen Freiheit und Fähigkeit zur Autonomie (im Sinne einer Selbstgesetzgebung) meint.
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