Herr und Knecht - Hegels Theorie der Anerkennung [freies Philosophieren und Lektürethread]

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  • Nennen wir das Wissen den Begriff, das Wesen oder das Wahre aber das Seiende oder den Gegenstand, so besteht die Prüfung darin, zuzusehen, ob der Begriff dem Gegenstande entspricht. Nennen wir aber das Wesen oder das An-sich des Gegenstandes den Begriff, und verstehen dagegen unter dem Gegenstande, ihn als Gegenstand, nämlich wie er für ein anderes ist, so besteht die Prüfung darin, daß wir zusehen, ob der Gegenstand seinem Begriff entspricht. Man sieht wohl, daß beides dasselbe ist;
    Man sieht m.E. überhaupt nicht, dass dies dasselbe ist. Einmal ist der Begriff das Wissen und der Gegenstand das Wesen/das Wahre, und ein anderes Mal ist der Begriff das Wesen/An-sich und der Gegenstand das Für-ein-anderes Sein. Das ist diametral entgegen gesetzt. Hegel meint, dass beides dasselbe sei und man dies wohl sehe. Tut mir leid, aber so einfach lasse ich ihn nicht davon kommen. Was lässt ihn da so sicher sein, dass der Gegensatz einer Behauptung dasselbe sei.
    ERKLÄRUNG AN DAS FORUM
    "Volksverhetzung ist keine Meinung. Hass ist keine politische Position"
  • Hermeneuticus schrieb:

    Das Subjekt der Erfahrung ist bei Kant ein abstraktes Modell, von dem Kant stillschweigend annimmt, dass es in seinen Strukturen bei jedem empirischen Individuum dasselbe ist, war und immer sein wird. Hegels Subjekte der Erfahrung sind die historischen Individuen.
    Kant beschreibt quasi gänzlich in einem Dualismus, er trennt immer transzendental und phänomenal. Darum ist für ihn das Subjekt der Erfahrung rein transzendental - und dort ist es immer gleich. Den Vermittlungs- und Entwicklungsprozess, den Hegel in die Erfahrung mit einbezieht, der ist bei Kant nicht vorhanden, wegen der strikten Trennung. Hegel hingegen beschreibt den Weg, den Erkenntnisweg, wie ein Subjekt Erfahrung macht, die dann schlussendlich darin mündet, dass sie diesen immer gleichen Bereich erkennt.

    Hermeneuticus schrieb:

    Aber was sie verbindet, ist eben der "Geist" - was immer das nun sein mag. (Es ist jedenfalls nicht der "Geist" oder "mind", von dem die heutige "Philosophie des Geistes spricht; das ist ja wieder so ein geschichtsloses Abstraktum wie Kants transzendentales Subjekt.)
    Ja, dieser Geist oder Mind der Philosophie des Geistes hat zur Bedingung den Geist des Idealismus. Der Geist des Idealismus ist die Totalität der Gesellschaft, die auf den Menschen immer gleich einwirkt und in seinem Sein als Historische Entwicklung einen quasi determinierenden Pfad entlanggeht. Der Geist ist bei den Idealisten quasi eine Art Konstruktions der gesellschaftlichen Totalität, die faktisch ist und deren Konstituiert sein kein Individuum entkommen kann; es wird durch diese Struktur immer beeinflusst und diese Struktur erzeugt sogar zu einem großteil den menschlichen subjektiven Geist, ist also auf Grund ihrer Komplexität eine notwendige Bedingung dafür, dass unser subjektiver Geist so hochkomplex entwickelt.
    „Die Gegenwart ist die Zeit der Analysen, das Resultat aller Systeme, die jemals entstanden sind.“ - Kasimir Sewerinowitsch Malewitsch
    Freiheit verweist darauf, in seiner Wahl frei von narrativen Irritationen sein zu können.
    Das System als Ausgangspunkt des menschlichen Daseins ist Grundlage aller Philosophie.
    Die Geschichte von den zwei Quadraten.
  • Ryoba schrieb:

    Nennen wir das Wissen den Begriff, das Wesen oder das Wahre aber das Seiende oder den Gegenstand, so besteht die Prüfung darin, zuzusehen, ob der Begriff dem Gegenstande entspricht. Nennen wir aber das Wesen oder das An-sich des Gegenstandes den Begriff, und verstehen dagegen unter dem Gegenstande, ihn als Gegenstand, nämlich wie er für ein anderes ist, so besteht die Prüfung darin, daß wir zusehen, ob der Gegenstand seinem Begriff entspricht. Man sieht wohl, daß beides dasselbe ist;
    Man sieht m.E. überhaupt nicht, dass dies dasselbe ist. Einmal ist der Begriff das Wissen und der Gegenstand das Wesen/das Wahre, und ein anderes Mal ist der Begriff das Wesen/An-sich und der Gegenstand das Für-ein-anderes Sein. Das ist diametral entgegen gesetzt. Hegel meint, dass beides dasselbe sei und man dies wohl sehe. Tut mir leid, aber so einfach lasse ich ihn nicht davon kommen. Was lässt ihn da so sicher sein, dass der Gegensatz einer Behauptung dasselbe sei.
    Man könnte das so interpretieren, dass für den Phänomenologen Hegel zwei prinzipiell gleichwertige geistige Erfahrungen vorliegen: einmal diejenigen Eindrücke, die man im Umgang mit einem Objekt hat und einmal die begrifflichen Vorstellungen und Ansichten über das Objekt. Man kann beiden beliebig den Status des Wahren geben. Wenn das Objekt, wie man es durch seine Sinne und den Umgang mit ihm erfährt, den realen Status hat, dann musst Du bei etwaigen Differenzen deine Vorstellungen davon ändern. - Es zählt also die Differenz zwischen Vorstellung und Realität. Wenn Du das umdrehst, dann neigst Du zu der für uns seltsamen Vorstellung, dass der erfahrbare Gegenstand anders ist, als er in Wirklichkeit sein sollte. Beim Menschen kennt man den Ausdruck der Verwirklichung: in Wirklichkeit bin ich ein hervorragender Zeichner, momentan sind meine Zeichnungen schlecht, aber sobald ich mich verwirklicht habe, fällt Jörn gewiss vor Neid tot um! Aber auch hier zählt die Differenz von Vorstellung und dem Objekt, wie es sich einem in der Erfahrung darstellt. Und die Differenz ist tatsächlich die gleiche. Vielleicht dehnt unser Dialektiker diese Möglichkeit der Verwirklichung auf alle Objekte aus. Der Geist verwirklicht seine Verkörperung...oder so ähnlich.
    (Die Sprache Hegels ist derart diffus, dass man eine Unmenge Interpretationsmöglichkeiten zur Verfügung hat: eine Art Rohrschach-Test für gelangweilte Bildungsbürger)
    Die freie Diskussion ist das eigentliche Fundament der freiheitlichen und demokratischen Gesellschaft. (Bundesverfassungsgerichtshof)
    Im Namen der Toleranz sollten wir uns das Recht vorbehalten, die Intoleranz nicht zu tolerieren. (Karl Popper)
    Der Kosmos ist bestenfalls ein planlos aufgeschütteter Misthaufen. (Heraklit)

    Dieser Beitrag wurde bereits 1 mal editiert, zuletzt von hel ()

  • Hermeneuticus schrieb:

    Aber was sie verbindet, ist eben der "Geist" - was immer das nun sein mag. (Es ist jedenfalls nicht der "Geist" oder "mind", von dem die heutige "Philosophie des Geistes" spricht; das ist ja wieder so ein geschichtsloses Abstraktum wie Kants transzendentales Subjekt.)
    "Im Geist ist Einstimmigkeit des Allgemeinen Subjekt geworden, und All- gemeinheit behauptet in der Gesellschaft sich nur durchs Medium des Geistes, die abstrahierende Operation, die er hochst real voll- zieht. Beides konvergiert im Tausch, einem zugleich subjektiv Gedachten und objektiv Geltenden, worin doch die Objektivitat des Allgemeinen und die konkrete Bestimmung der Einzel- subjekte, gerade dadurch, daB sie kommensurabel werden, un- verstihnt einander opponieren. Im Namen Weltgeist wird der Geist bloB als das bejaht und hypostasiert, was er an sich immer schon war; in ihm betet, wie Durkheim erkannte, den man des- wegen der Metaphysik zieh, die Gesellschaft sich selber, ihren Zwang als Allmacht an." ND 307

    Das Problem ist, wenn Sache und Begriff in Eins gesetzt sind, entsteht eine erweiterung dessen, was dem Bewusstsein als zu sich gehörend bewusst ist. Hieraus entsteht dann Geist als eigtl. mimetische Nachbildung der gesellschaftlichen Struktur. Aber, da sich das Bewusstsein falscherweise damit identifiziert, wird dies zum Geistigen. Weil gesellschaftliche Totalität und subjektives Dasein und in der Totalität sein zu einem wird - aus dem Grund, weil das denkende Subjekt in erster Linie den Gegenstand zum Subjekt seines Denkens machte.
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  • hel schrieb:

    Man könnte das so interpretieren, dass für den Phänomenologen Hegel zwei prinzipiell gleichwertige geistige Erfahrungen vorliegen: einmal diejenigen Eindrücke, die man im Umgang mit einem Objekt hat und einmal die begrifflichen Vorstellungen und Ansichten über das Objekt. Man kann beiden beliebig den Status des Wahren geben. Wenn das Objekt, wie man es durch seine Sinne und den Umgang mit ihm erfährt, den realen Status hat, dann musst Du bei etwaigen Differenzen deine Vorstellungen davon ändern. - Es zählt also die Differenz zwischen Vorstellung und Realität. Wenn Du das umdrehst, dann neigst Du zu der für uns seltsamen Vorstellung, dass dass der erfahrbare Gegenstand anders ist, als er in Wirklichkeit sein sollte. Beim Menschen kennt man den Ausdruck der Verwirklichung: in Wirklichkeit bin ich ein hervorragender Zeichner, momentan sind meine Zeichnungen schlecht, aber sobald ich mich verwirklicht habe, fällt Jörn gewiss vor Neid tod um! Aber auch hier zählt die Differenz von Vorstellung und dem Objekt, wie es sich einem in der Erfahrung darstellt. Und die Differenz ist tatsächlich die gleiche ....
    :) Ja, das könnte man so interpretieren. In der moderenen Philosophie des Geistes wird bei propositionalen Einstellungen (Überzeugungen, Wünschen, Fragen, usw.) von einer mind-to-world und einer world-to-mind direction of fit gesprochen. Im Falle von Überzeugungen liegt eine mind-to-world direction of fit vor, weil wir unsere Überzeugungen an der Welt ausrichten. Im Falle von Wünschen liegt eine world-to-mind direction of fit vor, weil wir die Welt unseren Vorstellungen gemäß verändert sehen möchten.

    Ich bin mit nicht ganz sicher, ob es das ist, was Hegel hier meint. Eine geringfügig abweichende Lesart wäre die, dass man sowohl dem Gegenstand als auch dem Begriff in der Position des Ansichseienden/Wahren/Wesens setzen kann. Beide Betrachtungen bewegen sich innerhalb des Wissens, also innerhalb des Bewusstseins.
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  • Hegel schrieb:

    Nennen wir das Wissen den Begriff, das Wesen oder das Wahre aber das Seiende oder den Gegenstand, so besteht die Prüfung darin, zuzusehen, ob der Begriff dem Gegenstande entspricht. Nennen wir aber das Wesen oder das An-sich des Gegenstandes den Begriff, und verstehen dagegen unter dem Gegenstande, ihn als Gegenstand, nämlich wie er für ein anderes ist, so besteht die Prüfung darin, daß wir zusehen, ob der Gegenstand seinem Begriff entspricht. Man sieht wohl, daß beides dasselbe ist;
    Eine weitere Interpretationsmöglichkeit:
    Im ersten Falle geht es um das Wissen über einen Gegenstand in der konventionellen Form. Wir glauben etwas über den Gegenstand zu wissen, aber müssen das an der Erfahrung prüfen. Zum Beispiel beim Schwan. Wir glauben zu wissen, dass Schwäne alle weiß sind. Kommt ein schwarzer Schwan daher, korrigieren wir unsere Annahme.
    Im zweiten Fall ist es das Wesen der Schwäne, weiß zu sein. Wir haben Schwäne für uns als Vögel definiert, die nur dann Schwäne sind, wenn sie neben den anderen Merkmalen für ihr Aussehen auch weiße Federn haben. Kommt dann ein Vogel daher, der in allen Merkmalen bis auf seine Farbe wie ein Schwan aussieht, dann ist es eben kein wahrer Schwan, weil er die falsche Farbe hat. Er entspricht unserem Begriff eines Schwanes nicht.
    Die freie Diskussion ist das eigentliche Fundament der freiheitlichen und demokratischen Gesellschaft. (Bundesverfassungsgerichtshof)
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  • Groot schrieb:

    Das Problem ist, wenn Sache und Begriff in Eins gesetzt sind, entsteht eine erweiterung dessen, was dem Bewusstsein als zu sich gehörend bewusst ist. Hieraus entsteht dann Geist als eigtl. mimetische Nachbildung der gesellschaftlichen Struktur. Aber, da sich das Bewusstsein falscherweise damit identifiziert, wird dies zum Geistigen. Weil gesellschaftliche Totalität und subjektives Dasein und in der Totalität sein zu einem wird - aus dem Grund, weil das denkende Subjekt in erster Linie den Gegenstand zum Subjekt seines Denkens machte.
    Sind denn bei Hegel an dieser Stelle, wo wir uns jetzt befinden, Sache und Begriff schon in eins gesetzt? Er sagt m.E., dass wir sowohl dem Gegenstand (der Sache) als auch dem Begriff den Status des Wesens/des An-sich/der Wahrheit zusprechen können und das jeweilige andere dann entsprechend den Status des Wissens/Für-anderes-Sein einnimmt. Das eine kann dann der Maßstab für das andere sein. Aber er hat hier noch nicht gesagt, dass beides gleich gesetzt ist.
    Ob er das später einmal tut, das ist eine andere Geschichte. ;) Das wäre dann aber das Pferd von hinten aufzäumen. Also die Interpretation des Textes vom Ergebnis her anfangen.
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  • hel schrieb:

    Er entspricht unserem Begriff eines Schwanes nicht.
    Müsste es dann nicht heißen, er entspricht dem gegenständlichen Wesen des Schwanes nicht.

    Ein anderer Versuch. Bei deinem ersten Beispiel mit dem schwarzen Schwan könnte man sowohl den Begriff des Schwans in Frage stellen, also die Taxinomie/Klassifizierung. Man könnte aber auch das Weißsein als wesentliche Eigenschaft der Schwäne aufrecht erhalten und die schwarzen Schwäne einfach einer anderen Art zuordnen, meinetwegen sind das dann eben keine Schwäne, sondern Schwaräne.

    Na ja, ich sehe gerade im Grunde läuft das auf dasselbe hinaus. Ich habe dein Beispiel erst falsch verstanden.
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  • Ryoba schrieb:

    Sind denn bei Hegel an dieser Stelle, wo wir uns jetzt befinden, Sache und Begriff schon in eins gesetzt? Er sagt m.E., dass wir sowohl dem Gegenstand (der Sache) als auch dem Begriff den Status des Wesens/des An-sich/der Wahrheit zusprechen können und das jeweilige andere dann entsprechend den Status des Wissens/Für-anderes-Sein einnimmt. Das eine kann dann der Maßstab für das andere sein. Aber er hat hier noch nicht gesagt, dass beides gleich gesetzt ist.
    Ob er das später einmal tut, das ist eine andere Geschichte. Das wäre dann aber das Pferd von hinten aufzäumen. Also die Interpretation des Textes vom Ergebnis her anfangen.
    Bei Hegel ist das immer in Eins, das ist ja das, was Adorno an Hegel kritisiert, dass für ihn das Subjekt = Weltgeist, absolute Identität ist - im Kern aller Dialektik bei Hegel also das undialektische Herr wird.

    Hier beschreibt Hegel, dass was @hel oben mit den Schwänen beschreibt. Nur, dass eben statt der Schwäne der Realität, das für-sich Sein ist(die Negativität des (gesellschaftlichen) Allgemeinen ist). Dass also für das Subjekt ein für-sich existiert, das entweder Wesen oder Wissen ist. Wissen insofern, wenn der Gegenstand der gerade angeschaut wird ein äußerliches, materielles ist, also berücksichtigt wird, dass er ebenso für ein anderes ist. Wesen insofern, als dass das Subjekt den Gegenstand für sich(für das Subjekt) als ein Wesen ansieht, das in einem Begriff begriffen ist.
    „Die Gegenwart ist die Zeit der Analysen, das Resultat aller Systeme, die jemals entstanden sind.“ - Kasimir Sewerinowitsch Malewitsch
    Freiheit verweist darauf, in seiner Wahl frei von narrativen Irritationen sein zu können.
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    Die Geschichte von den zwei Quadraten.
  • Groot schrieb:

    Bei Hegel ist das immer in Eins, das ist ja das, was Adorno an Hegel kritisiert, dass für ihn das Subjekt = Weltgeist, absolute Identität ist - im Kern aller Dialektik bei Hegel also das undialektische Herr wird.
    Ist es an dieser Stelle auch schon so, dass Subjekt und Weltgeist eins sind? Woran machst du das fest? Also ich beziehe mich jetzt auf die konkrete Stufe des Bewusstseins, in der es sich selbst zum Gegenstand macht (IV.Kapitel Die Wahrheit der Gewißheit seiner selbst, die ersten paar Sätze)


    Groot schrieb:

    Hier beschreibt Hegel, dass was @hel oben mit den Schwänen beschreibt. Nur, dass eben statt der Schwäne der Realität, das für-sich Sein ist(die Negativität des (gesellschaftlichen) Allgemeinen ist). Dass also für das Subjekt ein für-sich existiert, das entweder Wesen oder Wissen ist. Wissen insofern, wenn der Gegenstand der gerade angeschaut wird ein äußerliches, materielles ist, also berücksichtigt wird, dass er ebenso für ein anderes ist. Wesen insofern, als dass das Subjekt den Gegenstand für sich(für das Subjekt) als ein Wesen ansieht, das in einem Begriff begriffen ist.
    Von einem für-sich-seienden Subjekt ist ja hier noch gar nicht die Rede. Es geht bis jetzt noch um den Unterschied von Ansich und Für-andere-Sein.
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  • Ryoba schrieb:

    Ist es an dieser Stelle auch schon so, dass Subjekt und Weltgeist eins sind? Woran machst du das fest? Also ich beziehe mich jetzt auf die konkrete Stufe des Bewusstseins, in der es sich selbst zum Gegenstand macht (IV.Kapitel Die Wahrheit der Gewißheit seiner selbst, die ersten paar Sätze)
    achso, hab bisher nur 4 A gelesen. Ich les mal 4, danach kann ich dir das sagen. Aber so spontan denke ich schon, da es sich nur zum Gegenstand machen kann, wenn es in sich bereits sein anderes erkannt hat, sonst könnte es sich ja nicht selbst beschreiben, nicht den Zustand eines "für ein anderes Sein" einnehmen
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  • Ryoba schrieb:

    hel schrieb:

    Er entspricht unserem Begriff eines Schwanes nicht.
    Müsste es dann nicht heißen, er entspricht dem gegenständlichen Wesen des Schwanes nicht.
    Ein anderer Versuch. Bei deinem ersten Beispiel mit dem schwarzen Schwan könnte man sowohl den Begriff des Schwans in Frage stellen, also die Taxinomie/Klassifizierung. Man könnte aber auch das Weißsein als wesentliche Eigenschaft der Schwäne aufrecht erhalten und die schwarzen Schwäne einfach einer anderen Art zuordnen, meinetwegen sind das dann eben keine Schwäne, sondern Schwaräne.
    Ja, unser Begriff im zweiten Fall ist ja: "das Wesen oder das An-sich des Gegenstandes", und das, was wir dann schwarzgefiedert vor Augen haben, entspricht dem nicht. Dann würden wir es vielleicht, wie du gesagt hast, eben Schwaran nennen.
    Über die (durch Definitionen festgelegten) wesentlichen Eigenschaften von Objekten kann ich nichts dazulernen. Wenn ein Schwan per Definitionem weiße Federn hat, ist es unmöglich schwarze Schwäne zu finden. Lernen kann ich so gesehen nur etwas über "unwesentliche" Eigenschaften eines Begriffs - oder eines Objekts, das die entsprechenden Eigenschaften erfüllt, die der Begriff vorgibt.
    Die freie Diskussion ist das eigentliche Fundament der freiheitlichen und demokratischen Gesellschaft. (Bundesverfassungsgerichtshof)
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  • hel schrieb:

    Eine weitere Interpretationsmöglichkeit:
    Im ersten Falle geht es um das Wissen über einen Gegenstand in der konventionellen Form. Wir glauben etwas über den Gegenstand zu wissen, aber müssen das an der Erfahrung prüfen. Zum Beispiel beim Schwan. Wir glauben zu wissen, dass Schwäne alle weiß sind. Kommt ein schwarzer Schwan daher, korrigieren wir unsere Annahme.
    Im zweiten Fall ist es das Wesen der Schwäne, weiß zu sein. Wir haben Schwäne für uns als Vögel definiert, die nur dann Schwäne sind, wenn sie neben den anderen Merkmalen für ihr Aussehen auch weiße Federn haben. Kommt dann ein Vogel daher, der in allen Merkmalen bis auf seine Farbe wie ein Schwan aussieht, dann ist es eben kein wahrer Schwan, weil er die falsche Farbe hat. Er entspricht unserem Begriff eines Schwanes nicht.
    Ich meine, das trifft's sehr gut.

    Man könnte noch hinzufügen: Wenn unsere begriffliche Wesensbestimmung von "Schwan" wahr ist, dann sind das Wesen des Schwans und unser Begriff davon austauschbar. Die Bestimmtheit des Wesens "an ihm selbst" ist dann dieselbe, die unser Erkennen im abstrakten Medium des Begriffs vollzieht. Dem endlichen Individuum - dem "Bewusstsein" - ist einstweilen unbekannt, ob diese Übereinstimmung vorliegt. Nun hat es die Wahl, entweder (mit Kant) zu sagen: "Das werden wir nie herausfinden, denn das Wesen der Dinge ist uns Mängelwesen unzugänglich." Oder es kann mit Hegel sagen: "Unsere endliche, vorläufige Erkenntnis mag mangelhaft sein, aber es gilt, sie von der Idee der Wahrheit her aufzufassen. So - nämlich vom immanenten Ziel alles Erkennens her - gesehen, ist unser Erkennen ein Prozess der Verwirklichung der Wahrheit."

    Es sei bei dieser Gelegenheit auch an Hegels berüchtigtes Diktum aus der Vorrede zur Rechtsphilosophie erinnert:

    Was vernünftig ist, das ist wirklich;
    und was wirklich ist, das ist vernünftig.
    In dieser Überzeugung steht jedes unbefangene Bewusstsein, wie die Philosophie, und hiervon geht diese ebenso in Betrachtung des geistigen Universums aus als des natürlichen.
  • Hel schrieb:

    In 100 Jahren grübeln dann verwirrte Forenteilnehmer über Deine Texte so wie wir über Hegels "Herr und Knecht". Bei Hegel vermute ich ja als Ursache seines Sprachstils den überlieferten Konsum von 3-5 Flaschen Wein täglich. Was nimmst Du so?
    Ich fürchte da bist du auf eine Ente rein gefallen. Das stammt wohl eher aus einem Roman, der zwischen Fiktion und Fakten nicht ganz so scharf unterscheidet, als aus einer zuverlässigen Quelle über Hegels Trinkgewohnheiten. :)
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  • Hermeneuticus schrieb:

    Oder es kann mit Hegel sagen: "Unsere endliche, vorläufige Erkenntnis mag mangelhaft sein, aber es gilt, sie von der Idee der Wahrheit her aufzufassen. So - nämlich vom immanenten Ziel alles Erkennens her - gesehen, ist unser Erkennen ein Prozess der Verwirklichung der Wahrheit."
    Man kann den Hegel'schen Begriff aber auch vom Anfang her betrachten.

    Schlemm schrieb:

    In der "Phänomenologie" wird das Wechselspiel zwischen Wissen und seinen Gegenständen dargestellt, aber nicht zwischen Gedanken und "Dingen da draußen". Trotzdem geht es nicht um beliebige Hirngespinste, sondern um Wahrheit! Die Wahrheit ist dann erreicht, wenn der Gegenstand seinem Begriff entspricht. Und was ist nun der Begriff? Es ist keine definitorische Bezeichnung, keine Kategorie, sondern bei Hegel ist im Begriff jene Einheit begriffen, aus der sich alle unterschiedlichen Momente und Aspekte und sogar die Widersprüche der Sache begründen lassen. Anders ausgedrückt: Im Begriff werden jene Bestimmungen erfasst, aus denen sich alle anderen ableiten lassen. Er ist die "geistig reproduzierte Totalität" (Schlemm 2005: 141). Der Begriff einer Sache ist deshalb auch niemals nur ein Wort, sondern jeweils die ganze in sich systematische Theorie, aus der sich alles Wichtige ergibt für das Sachgebiet.
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  • Hermeneuticus schrieb:

    Ich könnte eine Stelle aus der zweiten Vorrede zur "Logik" anführen, wo sich Hegel etwas ausführlicher zu seinem Verständnis von "Begriff" erklärt. Aber ich fürchte, diese Begriffserklärung wirft mehr Fragen auf als sie im Moment beantwortet.
    Es gibt wohl auch zwischen der PdG und der Logik nicht unerhebliche Unterschiede in der Begriffsverwendung.

    Schlemm schrieb:

    Die schon genannte "Wissenschaft der Logik", die Hegel nach der "Phänomenologie" ausarbeitete, hat dann nicht mehr Bewusstseinsgestalten zum Gegenstand, sondern beschäftigt sich mit "reinen Denkbestimmungen" (HW 8: 84). Es geht dort nicht mehr um die Welt/Selbsterkenntnis von Menschen, sondern um die Selbsterkenntnis des "absoluten Geistes". Ob die "Phänomenologie" zum System der Wissenschaften von Hegel notwendig hinzugehört, oder nur eine (aus späterer Sicht auch verzichtbare) Vorarbeit ist, darüber streiten sich die Experten. Es gibt neben dem unterschiedlichen Thema/Gegenstand der Schriften auch methodische Differenzen, z.B. in der Verwendung der Kategorien "an sich, für sich, an-und-für-sich", was mitunter Verwirrung stiftet und Verständnisschwierigkeiten zwischen "Phänomenologen" und "Logikern" hervorruft. Es ist aber auch möglich, die Phänomenologie als eine Art "Leiter" hinauf zu den Höhen des Hegelschen Denkens zu verwenden, die vielleicht danach nicht mehr unbedingt gebraucht wird.
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  • Ryoba schrieb:

    Ich fürchte da bist du auf eine Ente rein gefallen. Das stammt wohl eher aus einem Roman, der zwischen Fiktion und Fakten nicht ganz so scharf unterscheidet, als aus einer zuverlässigen Quelle über Hegels Trinkgewohnheiten.
    Ich kann momentan auch nur Seiten finden, die ein sich offensichtlich hartnäckig haltendes Gerücht seines übermäßigen Alkoholkonsums dementieren. Aber ich lasse mich von dem Wiener Hausmeisterspruch "wo Rauch ist, da ist auch Feuer" leiten, der jenen den moralischen Halt gibt, auch diejenigen Gerüchte zu glauben, die sie selbst ins Leben gesetzt haben.
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  • hel schrieb:

    Ich kann momentan auch nur Seiten finden, die ein sich offensichtlich hartnäckig haltendes Gerücht seines übermäßigen Alkoholkonsums dementieren. Aber ich lasse mich von dem Wiener Hausmeisterspruch "wo Rauch ist, da ist auch Feuer" leiten, der jenen den moralischen Halt gibt, auch diejenigen Gerüchte zu glauben, die sie selbst ins Leben gesetzt haben.
    Es gibt auf jeden Fall einen Roman (Hegel & Hegel oder der Geist des Weines), in dem dieses Gerücht auch kolportiert wird. Dort wird Hegels Weinkonsum als exzessiv dargestellt. Es gibt auch zunehmend häufiger halb fiktive Romane über berühmte Philosophen. Nach Humboldt und Gauß in der "Vermessung der Welt" sind nun auch Romane über Hegel, Rousseau und Blumenberg erschienen. Dadurch werden die Geistesgrößen von ihrem Sockel auf ein menschlich-allzumenschliches Niveau gestellt. Hegel der Säufer, Rousseau der Sexsüchtige mit schlechtem Gewissen und Gauß der lebensunfähige, komische Kauz, so erscheinen sie doch gleich in einem anderen Licht.
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  • Ryoba schrieb:

    Hegel der Säufer, Rousseau der Sexsüchtige mit schlechtem Gewissen und Gauß der lebensunfähige, komische Kauz.
    Klingt spannend :)
    Ich habe da noch Gödel, den Hungerkünstler ... bis in die |_|
    "You can fool all the people some of the time and some of the people all the time, but you cannot fool all the people all the time" (Abraham Lincoln). — "Der Mensch ist gut! Da gibt es nichts zu lachen! [...] Der Mensch ist gut. Da kann man gar nichts machen. Er hat das, wie man hört, vom lieben Gott" (Erich Kästner).
  • Aber zurück zum eigentlichen Thema. Ich denke eine Annäherung an den philosophischen Gehalt eines Werks über die Trinkgewohnheiten des Autors ist sicher interessant, aber doch nicht der Weg, der mir als zielführend erscheint. ;)
    Nennen wir Begriff die Bewegung des Wissens, den Gegenstand aber das Wissen als ruhige Einheit oder als Ich, so sehen wir, daß nicht nur für uns, sondern für das Wissen selbst der Gegenstand dem Begriffe entspricht. – Oder auf die andere Weise, den Begriff das genannt, was der Gegenstand an sich ist, den Gegenstand aber das, was er als Gegenstand oder für ein Anderes ist, so erhellt, daß das Ansichsein und das Für-ein-Anderes-Sein dasselbe ist; denn das Ansich ist das Bewußtsein; es ist aber ebenso dasjenige, für welches ein Anderes (das Ansich) ist; und es ist für es, daß das Ansich des Gegenstandes und das Sein desselben für ein Anderes dasselbe ist; Ich ist der Inhalt der Beziehung und das Beziehen selbst; es ist es selbst gegen ein Anderes, und greift zugleich über dies Andere über, das für es ebenso nur es selbst ist.
    Gegenstand und Begriff können also beide die Position des Wahren und Ansichseienden einnehmen, wie wir heraus gearbeitet haben. Das Bewusstsein bezieht sich nun auf sich selbst und macht sich dadurch selbst zum Gegenstand.

    Das Ansichsein und das Für-ein-Anderes-Sein sind in dem Fall dasselbe, weil sich das Bewusstsein ja selbst im Anderen zum Gegenstand hat. Vorher hatte das Bewusstsein ein Anderes von ihm Unterschiedenes zum Gegenstand, dessen Ansich es nicht erkennen konnte. Jetzt macht es sich selbst zum Gegenstand und ist zugleich dasselbe, was es als Gegenstand erkennt.
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