Herr und Knecht - Hegels Theorie der Anerkennung [freies Philosophieren und Lektürethread]

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  • Jörn schrieb:

    Ein paar Kapitel später erläutert Hegel wie zwei Steine sich gegenseitig bearbeiten, ganz in der Tradition von Bruno Latour.
    Es gibt auch bei Hegel noch immer wieder Interessantes zu entdecken.

    Jörn schrieb:

    Wer etwas knetet (zeichnet o.ä.), der muss sich keineswegs per se hemmen. Klee brachte das mal in ein Wortspiel. Dabei stellte er das Formende dem Form-Ende gegenüber. Wer am Formenden interessiert ist und nicht allein am Ergebnis (selbst wenn es ein solches gibt, in dem sich der Prozess zeigt) muss sich nicht zwingend selbst hemmen oder was auch immer.
    Es wäre die Frage, worauf sich die Begierde bezieht, die gehemmt wird. Wir stellen uns ein gestaltendes Subjekt vor, das vielleicht einen Plan entwirft, wie es das Objekt nach seinen Vorstellungen und Ideen formen und gestalten will. Das wäre eine Begierde oder eine gewisse Allmachtsvorstellung. Dann trifft es auf die Tücke des Objekts und merkt, dass seine Vorstellungen unrealistisch waren. Das wäre eine Lesart von der gehemmten Begierde. Vielleicht gibt es noch weitere?
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  • Ryoba schrieb:

    Vielleicht gibt es noch weitere?
    Ich denke dabei in diese Richtung: S will O. Aber er muss O (oder N) zunächst basteln (oder in anderer Weise Arbeit investieren). Dazu muss er einen Prozess durchmachen, den Kinder erst mühevoll erlernen müssen, den Aufschub. Schließlich, wenn es sowoit ist, darf er O mit Haut und Haaren verschlingen :)

    Falls das gemeint sein sollte, unterschlägt es den Prozess selbst, denn nach einer Platitüde, die manchmal wahr ist, ist der Weg oft das Ziel.
  • Ryoba schrieb:

    Wie würdest du die "Hemmung der Begierde" übersetzen in den konkreten Arbeitsprozess? Was wird da genau gehemmt, wenn ich einen Stein bearbeite oder eine Holztür baue? Der Begriff der Begierde ist da ja irgendwie seltsam und eigenartig in dem Zusammenhang.
    Wenn man etwas herstellt, um damit einen Zweck zu realisieren, dann ist der Zweck gewissermaßen das "Objekt der Begierde", er ist das, was man begehrt, was man anstrebt. Das hergestellte Gebilde ist das "Mittel". Einerseits verbindet uns das Mittel mit dem Zweck, aber es trennt uns auch davon. Denn es verlangt eine gesonderte Aufmerksamkeit und Formierung, es stellt aufgrund seiner materiellen Eigenschaften gesonderte "Ansprüche" an den Bearbeiter. Solange man sich mit der Herstellung des Mittels beschäftigt, ist die Befriedigung der Begierde aufgeschoben. Der Faustkeil-Hersteller will eigentlich schneller ans Fleisch des Beutetiers; darum bastelt er sich das Werkzeug. Aber die Herstellung des Werkzeugs mit allen ihren Tücken (splitterndem Gestein usw.) stellt Ansprüche, deren Befriedigung die Befriedigung der ursprünglichen Begierde aufschiebt.

    Mittel haben den Hang, ein Eigenleben zu entfalten und sich von den Zwecken zu entfremden, zu deren Realisierung sie eigentlich gedacht waren. Aber dieser Zwiespalt des Mittels - einerseits der Aneignung zu dienen, anderseits diese Aneignung aufzuschieben - scheint charakteristisch für den "Geist" zu sein, der im Wesentlichen "Vermittlung" ist... :)
  • Jörn schrieb:

    Wir haben als gute Europäer Teamworx hier bisher unterschlagen Was, wenn wir zu zweit, dritt oder viert kneten dann wirds unübersichtlich ...
    In einem übertragenen Sinne versuchen wir gerade genau das in diesem Thread.

    Viele Menschen würden eher sterben als denken. Und in der Tat: Sie tun es. (Bertrand Russell)
    Any philosophy that can be put in a nutshell belongs in one. (Hilary Putnam)
    Religion is an insult to human dignity. (Steven Weinberg)
  • philosophie-raum.de/index.php/Thread/27001-Herr-und-Knecht-Hegels-Theorie-der-Anerkennung-freies-Philosophieren-und-Lekt%C3%BCre/?postID=657773#post657773">
    Mittel haben den Hang, ein Eigenleben zu entfalten und sich von den Zwecken zu entfremden, zu deren Realisierung sie eigentlich gedacht waren.
    Das mag manchmal stimmen. Aber da dieser Thread mit Kneten und Zeichnen anhob, finden sich leicht Beispiele, in denen das kaum oder gar nicht gilt, weil in diesen Beispielen das Eigenleben der Mittel bereits zum Zweck zählt und explizit erwünscht ist. Man spricht in gehobenen Kreise auch gerne von Selbstzweck :)
  • Hermeneuticus schrieb:

    Aber die Herstellung des Werkzeugs mit allen ihren Tücken (splitterndem Gestein usw.) stellt Ansprüche, deren Befriedigung die die Befriedigung der ursprünglichen Begierde aufschieben.
    Also wäre die Begierde hier ein Bedürfnis, das aufgeschoben werden muss. So wie das Kleinkind lernen muss, dass nicht alle seine Bedürfnisse unmittelbar befriedigt werden können. Das wäre dann die Hemmung der Begierde.

    @Jörnbetont dagegen den Prozess als Ziel. Aus dieser Perspektive ist die Hemmung nur der Anlass für die Entwicklung von Kreativität und Selbsterfahrung.
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  • Ryoba schrieb:

    Prozess

    Offenheit <------------> Planung
    Vollständigkeit <-----------> Fragmentierung
    Entfaltung (Bildung) <--------> Hemmung


    Haltung zum Produkt

    Distanzierung <---------> Identifikation

    Selbsterfahrung

    Nicht-Können <------------> Können

    Absicht

    Spiel <-----------------> Kommunikation
    Selbstzweck ("das Wahre , Schöne, Gute") <------------> Nutzen (Zweck-Mittel)


    Rahmen

    privat <----------> öffentlich
    Erwerbsarbeit <-----------> selbstbestimmte Arbeit
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  • Ryoba schrieb:

    Selbsterfahrung

    Nicht-Können <------------> Können
    Das macht Spaß :)

    Der Zeichner, der Kneter etc. erfährt zugleich auch sein Objekt (falls er - alleine - tanzt kann er dieses Objekt auch selbst sein) Indem er eine Objekterfahrung macht, erfährt er auch (zu Teilen) sich selbst.

    Oder gehört das woanders hin?
  • Gedacht war die Kategorie Selbsterfahrung zunächst als Vergegenständlichung der eigenen Fähigkeiten im Objekt.

    Vielleicht als Oberkategorie:

    Selbst- und Welterfahrung

    Eigenschaften des Selbst <--------> Eigenschaften des Objekts

    Die Erfahrung des Selbst kann mit der Erfahrung des Objekts zusammenfallen, wenn das Subjekt das Objekt ist. Ein zentrales Motiv in der Parabel von Herr und Knecht. Oder ein Unterfall der Selbsterfahrung wäre dann die Erfahrung der eigenen Fähigkeiten im vergegenständlichten Produkt.
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  • Da wir jetzt doch schon einiges zu dem Verhältnis des gestaltenden Subjekts zum Objekt und zum Verhältnis von Herr und Knecht sammeln konnten, würde ich mal versuchen den Boden zu Hegels Parabel zu schlagen. Es hat sich ja leider niemand gemeldet, der freiwillig eine Einleitung zur Phänomenologie des Geistes geben will. Also bleibt das wohl an mir hängen. :) Ich mache es mir leicht und kopiere einen Text von Annette Schlemm, die wiederum drei bedeutende Hegelrezipienten (Bloch, Engels, Lukacs) zu Wort kommen lässt.

    Schemm schrieb:

    Ein altes Buch, eine schwere Sprache - aber es ist jenes Buch, in dem Hegel uns menschlichen Individuen und unserer Lebenserfahrung am nächsten ist. Deshalb mögen es wohl Geisteswissenschaftler_innen und ästhetisch oder psychologisch/anthropologisch orientierte Menschen mehr als die "Logik", die nun wiederum bei Naturwissenschaftler_innen, wenn sie sich schon mal für die Philosophie Hegels interessieren, besser "ankommt". Ernst Bloch schätzte dieses Werk sehr:


    "Das Werk, womit Hegel zuerst hervortrat, ist sein dunkelstes und tiefsinnigstes geworden. Obwohl es als besonders leicht, nämlich als erzieherisch geplant war, es sollte den Leser vors philosophische Tor führen. Das ist ihm nun freilich nicht gelungen, die Fülle der Gesichte hat es verhindert. Dennoch wendet sich das Buch, wenn auch durchaus nicht an den Anfänger, so an jenen anderen Teil des Anfanges, der geistige Jugend heißt." (Bloch SO: 59)


    Die "Phänomenologie" hat das Ziel, zur Erkenntnis des "absoluten Wissen" zu gelangen. Dies soll "alles enthalten [...] was für den Menschen als denkendes Wesen in einem radikalen Sinne gewusst werden kann" (Römpp 2008: 285). Einfacher und mit den Worten von Friedrich Engels gesagt:


    Es geht um die "Entwicklung des individuellen Bewußtseins durch seine verschiedenen Stufen, gefaßt als abgekürzte Reproduktion der Stufen, die das Bewußtsein der Menschen geschichtlich durchgemacht" (MEW 21: 269, vgl. HW 3: 32)


    Eine interessante Lesart stellt Georg Lukács (Lukács 1986: 535) vor: Er sieht in der "Phänomenologie" eine Darstellung der Entwicklung der Menschheit unter drei aufeinander folgenden Gesichtspunkten:
    1. Dem Weg der Erfahrung eines individuellen Bewußtseins
    2. Dem Weg der menschlichen Gattungsgeschichte
    3. Dem Weg der Erkenntnis dieser Geschichte vom Erreichten her.
    Er gibt dabei auch den Tipp, Hegels Bestimmung des "geistigen Wesens" als "ein Wesen, dessen Sein das Tun des einzelnen Individuums und aller Individuen" ist (HW 3: 310), ernst zu nehmen, und statt des oft eher abschreckenden Wortes "Geist" "Gattung" zu lesen (Lukács 1986: 537).
    Für Interessierte, die vorher noch nichts von der "Phänomenologie des Geistes" gehört oder gelesen, aber auch für Fortgeschrittene, die ihr Wissen nochmal auffrischen wollen, empfiehlt es sich, zumindest das erste Kapitel des verlinkten Text als Einstieg in die Thematik zu lesen. Schlemm gibt einen, wie ich finde sehr guten und verständlichen Überblick.
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  • Gehen wir also über zur Textlektüre. Ich werde den Anfang des Kapitels extensiv interpretieren, um einen Einstieg in das Thema und die Struktur der Denkweise der Phänomenologie des Geistes (PdG) zu finden. Jede_r ist heir eingeladen Lesarten beizusteuern. Je mehr Lesarten es gibt, umso differenzierter und umfassender wird das Bild. Auch wenn sich Lesarten als falsch heraus stellen, ist es doch ein sinnvoller Zwischenschritt der Interpretation alle denkbaren Lesarten zu erwägen, bevor man bestimmte Lesarten ausschließt. Daher also nochmal die Ermunterung Geschichten und mögliche Kontexte zu den einzelnen Aussagen des Textes zu ersinnen. Dabei können auch ruhig abgedrehte Hypothesen aufgestellt werden, solange sie sich auf den Text beziehen und nicht wesentliche Zusatzannahmen benötigen. Bei der Interpretation versuche ich spätere Textstellen erstmal methodisch auszublenden und den Text durch die bereits interpretierten Passagen in einen inneren Kontext zu stellen. Da wir mitten im Text im Kapitel IV. beginnen, werden möglicherweise Bezüge zu vorigen Kapiteln auftauchen. Im weiteren Verlauf können wir den Text auch mehr kursorisch interpretieren und nur noch auf interessante Stellen detaillierter eingehen.

    Hegel schrieb:

    IV. Die Wahrheit der Gewißheit seiner selbst

    In den bisherigen Weisen der Gewißheit ist dem Bewußtsein das Wahre etwas anderes als es selbst. Der Begriff dieses Wahren verschwindet aber in der Erfahrung von ihm; wie der Gegenstand unmittelbar an sich war, das Seiende der sinnlichen Gewißheit, das konkrete Ding der Wahrnehmung, die Kraft des Verstandes, so erweist er sich vielmehr, nicht in Wahrheit zu sein, sondern dies Ansichergibt sich als eine Weise, wie er nur für ein Anderes ist; der Begriff von ihm hebt sich an dem wirklichen Gegenstande auf oder die erste unmittelbare Vorstellung in der Erfahrung, und die Gewißheit ging in der Wahrheit verloren. Nunmehr aber ist dies entstanden, was in diesen früheren Verhältnissen nicht zustande kam, nämlich eine Gewißheit, welche ihrer Wahrheit gleich ist; denn die Gewißheit ist sich selbst ihr Gegenstand, und das Bewußtsein ist sich selbst das Wahre.
    Die Überschrift lautet: "Die Wahrheit der Gewißheit seiner selbst". Die Wahrheit der Gewißheit wirkt zunächst wie ein Pleonamsus (wie z.B. weißer Schimmel). Wenn etwas gewiß ist, ist es auch wahr und umgekehrt. Hegel macht hier offensichtlich eine Unterscheidung. Eine Gewißheit kann demnach laut Hegel auch falsch sein. Wie ist dies zu verstehen?

    Lesart 1: Dies könnte der Fall sein, wenn eine Gewißheit aufgrund einer Täuschung entsteht. Die Gewißheit wäre dann eine subjektive Kategorie und die Wahrheit eine objektive Kategorie.
    Lesart 2: Es könnte sich bei der Wahrheit der Gewißheit auch um eine Bestätigung handeln. Also um eine Hervorhebung einer besonderen Qualität der Gewißheit unter anderen, nämlich ihrer Wahrheit. Es stellte sich dann allerdings die Frage, warum die Qualität der Wahrheit besonders hervor gehoben werden muss.

    Weiter heißt es, dass es um die "Gewißheit seiner selbst" geht. Das Reflexivpronomen "seiner selbst" verweist auf ein nicht genanntes Subjekt.

    In den bisherigen Weisen der Gewißheit....

    Die bisherigen Weisen der Gewißheit verweisen offensichtlich auf die vorigen Kapitel. Dort wurde ein anderer Modus der Gewißheit behandelt. Das "bisherig" verweist zugleich auf eine Zäsur. Es wird eine neue Weise der Gewißheit angekündigt. Ob diese den bisherigen Weisen überlegen oder unterlegen ist, bleibt zunächst offen. Es wird sich zeigen müssen, wie dies gemeint ist.

    ... ist dem Bewusstsein das Wahre etwas anderes als es selbst.

    Mit dem Bewusstsein ist nun auch das Subjekt aus der Überschrift benannt. Dem Bewusstsein erschien das Wahre als etwas von ihm Unterschiedenes. Damit ist der Kontrast zur Überschrift geschaffen.

    Lesart 1: Es ging bisher um die Wahrheit der Gewißheit des Anderen (vom Bewusstsein Unterschiedenen). Nun geht es analog um die Wahrheit der Gewißheit seiner selbst.
    Lesart 2: Das Wahre ist bisher ein Teil der Gewißheit gewesen und zwar der Gewißheit des Anderen. Nun geht es um die Wahrheit der Gewißheit seiner selbst.
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  • Ryoba schrieb:

    Hegel schrieb:

    IV. Die Wahrheit der Gewißheit seiner selbst

    In den bisherigen Weisen der Gewißheit ist dem Bewußtsein das Wahre etwas anderes als es selbst. Der Begriff dieses Wahren verschwindet aber in der Erfahrung von ihm; wie der Gegenstand unmittelbar an sich war, das Seiende der sinnlichen Gewißheit, das konkrete Ding der Wahrnehmung, die Kraft des Verstandes, so erweist er sich vielmehr, nicht in Wahrheit zu sein, sondern dies Ansichergibt sich als eine Weise, wie er nur für ein Anderes ist; der Begriff von ihm hebt sich an dem wirklichen Gegenstande auf oder die erste unmittelbare Vorstellung in der Erfahrung, und die Gewißheit ging in der Wahrheit verloren. Nunmehr aber ist dies entstanden, was in diesen früheren Verhältnissen nicht zustande kam, nämlich eine Gewißheit, welche ihrer Wahrheit gleich ist; denn die Gewißheit ist sich selbst ihr Gegenstand, und das Bewußtsein ist sich selbst das Wahre.

    Das ist der Übergang vom Realismus zum objektiven Idealismus.
    Denn schließlich haben wir Augen nicht WEIL es etwas zu sehen gibt, sondern DAMIT es etwas zu sehen gibt.

    Dieser Beitrag wurde bereits 1 mal editiert, zuletzt von Ryoba ()

  • Ryoba schrieb:

    Lesart 1: Dies könnte der Fall sein, wenn eine Gewißheit aufgrund einer Täuschung entsteht. Die Gewißheit wäre dann eine subjektive Kategorie und die Wahrheit eine objektive Kategorie.
    Die PdG will nach Hegel die Wissenschaft vom erscheinenden Wissen sein. Das könnte man so verstehen, dass sie die Konstellationen rekonstruiert, in denen Erfahrungsgehalte (Urteile über Gegenstände) als Wissen erscheinen. Wem ein Urteil als Wissen erscheint, der hält es für wahr. Und der subjektive Modus des Fürwahrhaltens ist eben Gewissheit.

    "Die Wahrheit der Gewissheit seiner selbst" als Kapitelüberschrift kann dann entweder bedeuten: Auf dieser Stufe der Erfahrung erreicht das Bewusstsein wahre Selbstgewissheit. Oder es bedeutet: Hier wird gezeigt, was die Selbstgewissheit des Bewusstseins in Wahrheit ist - nämlich für den beobachtenden, rekonstruierenden Phänomenologen. Ich vermute sogar, Hegel meint beides. :)
  • @ Richard Du hattest deine Aussage als meine gepostet. Ich habe das mal geändert.

    Eieiei, Ihr setzt schon ziemlich viel Vorwissen voraus. :) ich fasse eure Lesarten mal zusammen:

    Lesart 3: Es geht um den Übergang vom Realismus zum objektiven Idealismus. Es wäre nun näher zu bestimmen, was der Realismus und was der objektive Idealismus bedeuten. Dies sind Theorielabel oder Oberbegriffe, die sehr weit gefasst sind.

    Es wäre dann zu erwarten, dass Hegel diesen Übergang markiert durch eine Gegenstellung von realistischen und objektiv idealistischen Positionen. Realistisch könnte z.B. die Aussage sein: Es gibt eine von unserem Beobachterstandpunkt unabhängige Außenwelt: Objektiv idealistisch wäre z.B. die Aussage: Es gibt einen objektiven Geist, an an dem die einzelnen Bewusstseine partizipieren.

    Lesart 4: Die Gewißheit ist das erscheinende Wissen, das einer bestimmten Bewusstseinsstufe als wahr erscheint.
    Lesart 5: Die "Wahrheit der Gewißheit seiner selbst" bezieht das, was die Selbstgewißheit in Wahrheit für den äußeren Beobachter (den rekonstruierenden Phänomenologen) ist.

    Die Lesart 5 stimmt ungefähr mit meiner Lesart 1 überein, nur dass hier nicht mehr von einer Täuschung die Rede ist. Ich denke auch, dass sich Lesart 4 und 5 nicht widersprechen.
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  • Der Begriff dieses Wahren ....

    Zu der Wahrheit und der Gewißheit kommt nun noch der Begriff hinzu. Als ob das Verhältnis von Wahrheit und Gewißheit nicht schon reicht. Das Wahre ist für die Gewißheit auf eine bestimmte Weise:

    A) als etwas Anderes (vom Bewusstsein Unterschiedenes)
    B) als das Bewusstsein selbst

    In diesem Satz bezieht sich das "Wahre" auf die Gewißheit im Modus A). Von dieser Wahrheit gibt es einen Begriff, der offensichtlich von der Gewißheit nochmal unterschieden ist.

    ... verschwindet aber in der Erfahrung von ihm; ...

    Dem Begriff kommt die Eigenschaft der Erfahrbarkeit zu.

    Lesart 1': Die Erfahrung bezieht sich auf den Begriff, dann wäre der Begriff etwas vom Bewusstsein Unterschiedenes, das erfahrbar ist.
    Lesart 2': Die Erfahrung bezieht sich auf "dieses Wahre". Das stimmte mit den Lesart 1 und 5 zum Verhältnis von Wahrheit und Gewißheit überein. Dieser Begriff des Wahren verschwindet in der Erfahrung. Was kann das heißen?

    ... wie der Gegenstand unmittelbar an sich war, ...

    Der Gegenstand ist das vom Bewusstsein unterschiedene Andere. Diesem kommt ein An-sich-Sein zu. Das erinnert an Kants Ding an sich. Zugleich ist dieses An-sich-Sein mit dem Adjektiv "unmittelbar" verknüpft. Unmittelbarkeit ist eine Kategorie der Relation zwischen zwei Dingen. Etwas kann ohne Vermittlung unmittelbar auf etwas anderes bezogen sein oder eben mittelbar über ein Drittes vermittelt. Es fehlt hier jedoch die Beziehung des Gegenstands auf ein Anderes, für das er unmittelbar ist. Es wäre zu erwarten, dass jetzt eine nähere Bestimmung dieses unmittelbaren An-sich-Seins folgt und dass bestimmt wird für was der Gegenstand unmittelbar an sich war.

    ... das Seiende der sinnlichen Gewißheit, das konkrete Ding der Wahrnehmung, die Kraft des Verstandes, ...

    Es folgt eine Aufzählung von Arten wie der Gegenstand unmittelbar an sich war und für was er unmittelbar so war:

    1. als Seiendes für die sinnliche Gewißheit
    2. als konkretes Ding für die Wahrnehmung
    3. als Kraft für den Verstand

    Diese Aufzählung entspricht den vorhergehenden Kapiteln (I-III) der PdG.

    ... so erweist er sich vielmehr, nicht in Wahrheit zu sein, sondern dies Ansich ergibt sich als eine Weise, wie er nur für ein Anderes ist;


    Hier wird es schon tricky. Die Art und Weise wie der Gegenstand unmittelbar an sich zu sein scheint, erweist sich nicht als wahr. Sie ist nicht wie er an sich ist, sondern nur eine Weise wie er für ein Anderes ist. Diese Unterscheidung erinnert zunächst an die Kantische von Ding an sich und Erscheinung, er wird heraus zu arbeiten sein, inwieweit sie mit dieser Unterscheidung übereinstimmt oder von ihr abweicht. In dem Fall ist der Gegenstand für die sinnliche Gewißheit, für die Wahrnehmung und für den Verstand jeweils etwas unterschiedliches. In diesem Satz setzt Hegel auch implizit die Wahrheit mit dem Ansichsein gleich, denn wenn die Art und Weise, wie der Gegenstand an sich ist, nicht wahr ist, dann folgt für ihn daraus, dass er nicht an sich so sein kann, sondern nur für ein Anderes.
    Es wäre nun heraus zu arbeiten, inwieweit sich diese Unterscheidungen widersprechen oder ergänzen. Können sie zu einer einheitlichen Vorstellung von Gegenstand zusammen gefasst werden oder schließen sie sich aus? Im zweiten Fall, könnte nur eine der Erscheinungsweisen wahr sein oder keine von ihnen.
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  • Ryoba schrieb:

    ... verschwindet aber in der Erfahrung von ihm; ...

    Dem Begriff kommt die Eigenschaft der Erfahrbarkeit zu.
    Ich würde eher sagen: "Begriff" spezifiziert "Erfahrung". Erfahrung vollzieht sich im Modus des Begrifflichen. (Nach Kant besteht Erfahrung aus Urteilen, und Urteile sind Anwendungen von Begriffen. In diesem Punkt ist Hegel ein getreuer Kantianer.) Indem man eine Erfahrung macht, macht man sich einen Begriff von einem Gegenstand, begreift man den Gegenstand in einer bestimmten Weise.

    In den bisherigen Weisen der Gewißheit ist dem Bewußtsein das Wahre etwas anderes als es selbst. Der Begriff dieses Wahren verschwindet aber in der Erfahrung von ihm...
    Das bedeutet dann: Der Begriff, den sich das Bewusstsein vom Gegenstand (den es für das Wahre hielt) machte, verschwand in der Erfahrung wieder. Die begriffliche Bestimmung des jeweiligen Gegenstands hob sich auf, wurde widersprüchlich etc.
  • Hermeneuticus schrieb:

    Ich würde eher sagen: "Begriff" spezifiziert "Erfahrung". Erfahrung vollzieht sich im Modus des Begrifflichen. (Nach Kant besteht Erfahrung aus Urteilen, und Urteile sind Anwendungen von Begriffen. In diesem Punkt ist Hegel ein getreuer Kantianer.)
    Das wäre dann:

    Lesart 3': Der Begriff spezifiziert Erfahrung. Und Hegel verwendet Begriff im Kantischen Sinne.

    Das wirft in meinen Augen einige Fragen auf. Inwieweit kann man wirklich sagen, dass Begriff bei Hegel dasselbe meint wie bei Kant? Und wo unterscheidet sich Hegel Verständnis von Begriff eventuell von dem Kants. Bei Kant hat der Begriff die Funktion die Mannigfaltigkeit der sinnlichen Wahrnehmung auf eine Einheit zu bringen. Der Begriff wird in Urteilen verwendet. Der Begriff ist bei Kant in gewisser Weise etwas statisches, dass die Empfindungen der sinnlichen Anschauung unter sich befasst. Ich bin nicht bereit, ohne weitere Begründungen davon auszugehen, dass Hegel dieses Verständnis von Kant eins zu eins übernimmt.
    Dass Erfahrung aus Urteilen besteht, dem kann ich auch nur zum Teil zustimmen. Denn Erfahrung geht doch nicht komplett in sprachlichen Urteilen auf. Oder?

    Zudem verstehe ich Lesart 2' so, dass der Begriff von etwas Wahrem gebildet wurde, das in den Fall das vermeintliche unmittelbare Ansichsein des Gegenstands für die sinnliche Gewißheit, die Wahrnehmung und den Verstand war.
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  • Das heißt: Beim Kneten macht man gar keine Erfahrungen (außer begrifflichen) und zudem sind die Begriffe immer zuerst - wie beim Hasen und beim Igel ... und mit dem Sand am Strand kannst du nichts anfangen, wenn du kein Förmchen parat hast :) So ein Pech auch.