Herr und Knecht - Hegels Theorie der Anerkennung [freies Philosophieren und Lektürethread]

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  • Ryoba schrieb:

    Im Wandel von der feudalen zur bürgerlichen Gesellschaft wandelte sich auch die Legitimation von Herrschaft. Es scheint mir aber unabweisbar, dass auch in der bürgerlichen bis zur heutigen Gesellschaft Herrschaft weiter existiert, nur eben nicht mehr legitimiert durch die gottgewollte Ordnung, sondern durch andere "Erzählungen". Daraus folgte eigentlich, dass es als Entsprechung zumindest auch etwas analoges zur Knechtschaft geben müsste.
    Im Sinne Webers gewiss. Aber dieser gibt dem Wort "Herrschaft" und damit auch dem Gegenteil "Knechtschaft" doch eine extrem entschärfte Bedeutung. So ähnlich, wie ich früher in Wien im Kontext von ungeliebter Brotarbeit "Noch xx Jahre muss ich knechten gehen, dann bin ich in Pension" öfters hören konnte. Aber nicht einmal unter den härtesten amerikanischen Produktionsbedingungen verlangen das Management oder die Aktionäre das ius primae noctis oder andere entsprechende Privilegien feudaler Vergangenheit.
    Knechtschaft heute verhält sich zu der früheren ungefähr wie Guantanamo zu Treblinka. Jenes ist auch nicht schön, aber den Unterschied möcht ich Klavier spielen können.

    Viele Menschen würden eher sterben als denken. Und in der Tat: Sie tun es. (Bertrand Russell)
    Any philosophy that can be put in a nutshell belongs in one. (Hilary Putnam)

    Dieser Beitrag wurde bereits 1 mal editiert, zuletzt von hel () aus folgendem Grund: Schlechtes Latein korrigiert.

  • Ich habe auch noch einmal Nachforschungen zu den sprachlichen Wurzeln angestellt. Das mittelhochdeutsche Wort Kneht bedeutet so viel wie Knabe, Jüngling, Soldat, Geselle. Und es ist verwand mit dem englischen knight (=Ritter). Es wurde verwendet für Knappen, Arbeiter in einem landwirschaftlichen Betrieb, aber auch Helden und Krieger. So gab es im Haushalt den Hofknecht, Stallknecht und Hausknecht. Im Gewerbe Holzknecht, Fuhrknecht, Mühlenknecht usw.. Und im Kriegswesen den Edelknecht, Waffenknecht und den Landsknecht. Im Mittelalter gab es auch den Henkersknecht, der die Todesstrafe vollstreckte.

    Mir ist noch eingefallen, dass in der Tischlerei mancher zu den Schraubzwingen auch Schraubknecht sagt. Und es gibt einen Bankknecht, der eine ergänzende Stützvorrichtung für Werkstücke an der Hobelbank ist. Also hier bedeutet Knecht soviel wie dienliches und nützliches Werkzeug.

    Bedeutungen (nach wiktionary):
    [1] veraltend: Mann, der auf einem Bauernhof niedere Arbeiten verrichtet
    [2] gehoben: unfreier,abhängiger Mann
    [3] veraltend: Diener, Untergebener
    [4] beleidigend, jugendsprachlich: jemand, der schwach, dumm und unterlegen ist; analog zu [2]

    In der Bibel, insbesondere der Lutherbibel, gibt es eine vielschichtige Verwendung des Wortes. Einmal wird dort Knechtschaft des Volkes Israel in Ägypten verwendet als Synonym für Versklavung. Dann gibt es Könige, die als Vasallen eines Großkönigs, als Knechte bezeichnet werden.Knecht kann als Selbstbezeichnung eine höfliche Form der Selbsterniedrigung gegenüber dem Angesprochenen bedeuten. Auch hohe Beamte werden als Knechte des Königs/Herrschers bezeichnet. Und schließlich gibt es die Verwendung "Gottesknecht" als Bezeichnung für Propheten, wie Mose, David oder Jesaja, die sowohl unbedingte Treue gegenüber Jahwe als auch ein Mandat für ihn beinhaltet. Entsprechend ist Gott dann der Herr.
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  • Ein interessantes Experiment, bei dem ich gerne mitmachen will. Ich hab die Zeichnung (gestern) zwar nicht für diesen Zweck erstellt, aber das dürfte kein Hindernis sein, mich dem Versuch anzuschließen. Die Kurzversion lautet, dass meine Erfahrungen sich in vielen mit meinen Vorzeichnern decken :)




    hel schrieb:

    Ein Aspekt, der mir noch auffällt, ist - zumindest in meinem Fall und vielleicht auch generell von all denjenigen stärker spürbar, die weniger geübt sind - ist eine gewisse Offenheit oder Unkalkulierbarkeit beim Schaffensprozess. Auch wenn einem vor dem "geistigen Auge" das zu Schaffende zu einem gewissen Grade präsent ist, so ist es doch immer ungenau, verschwommen und verändert sich im Laufe des Realisierungsprozesses. Das Material spielt irgendwie immer bei seiner eigenen Formung auf eine - zumindest für mich Laien - sehr widerspenstige Art mit. Dazu kommt, dass zumindest bei mir die Bildidee im Prozess des Zeichnens stark von dem bereits Realisierten mitgestaltet wird. Mir fällt auf, dass die Figur, so wie sie von mir gezeichnet wurde nach unten zu kucken scheint - da könnte doch ein Hund liegen etc... Kurz - das Objekt und meine Vorstellung des Objekts entwickeln sich während des Zeichnens und auch die einzelnen "vorgedachten" Abschnitte sind mit den jeweils realisierten nie vollständig deckungsgleich.
    Trotzdem ist das Bild natürlich in vielen Aspekten auch eine Expression von mir, aber eben nicht nur. Und dann natürlich am Ende, wo bei mir meist eine leicht kritisch-depressive Phase eintritt, ist es auch ein Stachel, der von mir gewisse Veränderungen einfordert: ein gewisses Training, vielleicht einen systematischeren Ansatz, Studium gewisser Zeichentechniken, einen genaueren Blick, mehr Sorgfalt, etc...
    Obwohl ich sicher nicht zu denen zähle, die weniger geübt sind (ich male und zeichne seit einem halben Jahrhundert) ist es bei mir in vielen Punkten sehr ähnlich. "Eine gewisse Offenheit oder Unkalkulierbarkeit beim Schaffensprozess" gibt es bei den Arbeiten, die ich mache immer - in verschiedenen Graden. Auch bei mir spielt das Material irgendwie immer bei seiner eigenen Formung mit. Das kann manchmal "widerspenstig" sein, manchmal gibt es glückliche Zufälle ... Ich bin auch (wie Ryoba) der Ansicht: "Es gibt eine "Offenheit im Gestaltungsprozess". Dem stände die absolute Planbarkeit und Festlegung jedes kleinsten Details im Voraus als Gegenteil gegenüber."

    Etwas anders sehe ich diesen Punkt: "Diese Offenheit wird durch einen "Eigensinn des Materials" beschränkt." Ich finde, dass der "Eigensinn des Materials" oft (aber nicht immer) Teil der Offenheit ist oder sein kann. Manches lässt sich mit Farbe auf Papier schlicht und ergreifend nicht realisieren, dann haben wir es mit einer Limitierung zu tun; manchmal entwickelt das Material ein "Eigenleben", das zu willkommenen Überraschungen führt.

    In dieser Zeichnung hab ich einen Plan vergleichsweise "eng" umgesetzt. Der Hund mit Gasmaske und das Zitat standen als Zutaten fest. Eine ganz klare Aussage hatte ich dabei nicht im Sinn. Oft ist es so, dass ich sehen will, was passiert, wenn ich verschiedene "Zutaten" mische. Allerdings gab es auch gewisse "Absichten" und Hintergründe. Das nämliche Zitat, das ich auf der Internetseite einer Kollegin gefunden habe, lese ich als Bekenntnis zum Antirealismus. Aber es gibt natürlich mögliche Auslegungen die dem Common Sense nicht widersprechen, wer in den Krieg zieht, der plant ganz sicher die Wirklichkeit dieser Welt neu zu "erfinden". Außerdem gibt es die Möglichkeit das Zitat als Sprechblase des Hundes zu lesen ... was zu einer mir genehmen Absurdität führt.

    Den Hund wollte ich möglichst "isoliert" zeichnen, was ich auch umgesetzt habe. (Um die Aufmerksamkeit auf die Absurdität seiner "Aufmachung" zu lenken, vermute ich) Eigentlich wollte ich alles mit Bleistift realisieren, aber beim Arbeiten sind verschiedene andere Werkzeuge hinzugekommen, deren Einsatz nicht geplant war. Das liegt nicht zuletzt an meiner Arbeitssituation. Auf dem Zeichentisch liegen eben sehr viele "Möglichkeiten" herum: Hunderte von Stiften, Pinsel, Kreiden, etc. sind in direkter Reichweite. Auch der (dezente) Einsatz von Farbe war nicht geplant, den Grund dafür kann ich nicht angeben.

    Nachdem die Zeichnung einigermaßen fortgeschritten war, erschien sie mir etwas "unterkomplex". Daraufhin kam mir die Idee mit dem Kurvenlineal ein paar Linien "einzuziehen", die zunächst als Störer fungieren sollten. Dabei entwickelt sich die Idee, die Kurven weniger als Störelemente, sondern als "Konstruktionselemente" einzusetzen. In einem weiten Sinne: so als ob ich die Montur des Hundes nicht reproduzieren/abzeichnen würde, sondern so als ob ich einen Entwurf fertigen würde. Das erschien mir angesichts des geplanten Zitates ein guter Versuch ...

    Nachdem der Hund stand, habe ich mit einer Schriftschablone den Text hinzugefügt. Größe und Farbe waren zu einem gewissen Umfang den Umständen geschuldet. Ursprünglich wollte ich eine kleinere Schrift wählen, fand aber den einzigen Stift, der in die bereit gelegte Minischablone passt nicht :) Also hab ich mich kurzerhand für eine größere Version entschieden, wenn man so will aus Faulheit, da ich keine Lust mehr hatte, zu suchen. Im Nachhinein kommt mir die Größe jedoch angemessen vor.

    Dieser Beitrag wurde bereits 2 mal editiert, zuletzt von _its_not_me_ ()

  • Hallo Jörn,

    schön, dass du dich auch in die Reihe der "expeimintierenden Zeichenkünstler" einreihst.
    Wie würdest du dieses Modell aufgrund deiner eigenen Erfahrung als gestaltendes Subjekt erweitern, ergänzen oder verändern? Was folgerst du aus deinen Erfahrungen für das Verhältnis von gestaltendem Subjekt und gestaltetem Objekt?

    Ryoba schrieb:

    Ich möchte nochmal zu dem Verhältnis des gestaltenden Subjekt gegenüber dem Objekt festhalten:

    Das Verhältnis bewegt sich zwischen den Spannungspolen:

    Was den Prozess betrifft:

    Offenheit <------------> Planung
    Vollständigkeit <-----------> Fragmentierung

    Was die Haltung zum Produkt betrifft:

    Distanzierung <---------> Identifikation

    Was die Selbsterfahrung betrifft:

    Nicht-Können <------------> Können

    Was die Absicht betrifft:

    Kommunikation/Zweck <-----------> Spiel
    Bei dir scheint es mir ein künstlerisches Vorgehen zu sein, das schon sehr auf die Kommunikation einer Absicht bedacht ist, Dagegen tritt das Spielerische am Gestalten eher in den Hintergrund. Interessant ist es, was du zur Verschränkung von Eigensinn des Materials und der Offenheit des Gestaltungsprozesses schreibst. Der Eigensinn des Materials kann als auch zum kreativen Prozess beitragen, er muss nicht nur beschränkend wirken. Ich dachte dabei auch an Bildhauer, die sich Steine oder Holzstämme anschauen und versuchen zu erkennen, was dieser Stamm werden "will". Dazu ist eine große Vertrautheit mit dem Material und seinen Eigenschaften unabdingbar. Der Bildhauer muss wissen wie das Holz sich bearbeiten lässt, in welcher Richtung es spaltet, wie hart oder weich es ist etc....
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  • Ryoba schrieb:

    Wie würdest du dieses Modell aufgrund deiner eigenen Erfahrung als gestaltendes Subjekt erweitern, ergänzen oder verändern? Was folgerst du aus deinen Erfahrungen für das Verhältnis von gestaltendem Subjekt und gestaltetem Objekt?
    Ich finde all diese Pole in ihrem Wechselspiel sehr gut nachvollziehbar. Hast du das erarbeitet? Oder ist es von Hegel? Irgendwo müsste man das Schöne, das Wahre und das Gute einbauen (in welcher Modifikation auch immer) - was meint ihr?
  • Ryoba schrieb:

    Offenheit
    Offenheit klingt gut - man denkt gleich an das berühmte offene Kunstwerk :) Aber man muss sich klar machen, finde ich, dass dazu so profane Sachen wie Zufall und Glück gehören. Das ungesteuerte muss zudem nicht per se auf eine tieferliegende Wahrheitsschicht verweisen. Mit anderen Worten man muss dem Zufall nicht deshalb Gewicht einräumen, weil man der Vernunft ausweichen will, um zu den innen liegenden Wahrheiten zu gelangen :)
  • Jörn schrieb:

    Ryoba schrieb:

    Wie würdest du dieses Modell aufgrund deiner eigenen Erfahrung als gestaltendes Subjekt erweitern, ergänzen oder verändern? Was folgerst du aus deinen Erfahrungen für das Verhältnis von gestaltendem Subjekt und gestaltetem Objekt?
    Ich finde all diese Pole in ihrem Wechselspiel sehr gut nachvollziehbar. Hast du das erarbeitet? Oder ist es von Hegel? Irgendwo müsste man das Schöne, das Wahre und das Gute einbauen (in welcher Modifikation auch immer) - was meint ihr?
    Diese Pole habe ich aus den Erfahrungen mit dem Gestaltungsexperiment von @hel und mir und aus meinen Erfahrungen mit dem Bau des Gesellenstücks heraus entwickelt. Sie sind sozusagen ein gemeinschaftliches "work in progress". Sie sollen später als Folie dienen, um die Dialektik von Herr und Knecht zu interpretieren. Ich weiß auch noch nicht genau, ob das so funktionieren wird. :) Der Knecht erfährt sich als selbständig, indem er die Natur bearbeitet und gestaltet. Diese Seite des dialektischen Verhältnisses haben wir also damit unmittelbar vor Augen.
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  • Jörn schrieb:

    Offenheit klingt gut - man denkt gleich an das berühmte offene Kunstwerk Aber man muss sich klar machen, finde ich, dass dazu so profane Sachen wie Zufall und Glück gehören. Das ungesteuerte muss zudem nicht per se auf eine tieferliegende Wahrheitsschicht verweisen. Mit anderen Worten man muss dem Zufall nicht deshalb Gewicht einräumen, weil man der Vernunft ausweichen will, um zu den innen liegenden Wahrheiten zu gelangen
    Ok, also plädierst du für ein dialektisches Verständnis von Zufall und Vernunft (Planung), das eine ist im jeweils anderen enthalten?

    Eine interessante Frage, die wir vielleicht noch diskutieren könnten: In welchem Verhältnis steht der künstlerische Schaffensprozess zu der Lohnarbeit? Ist er eine Reinform der Bearbeitung von Natur und deswegen geradezu paradigmatisch in bestimmter Hinsicht? Oder ist die Erwerbsarbeit doch etwas völlig verschiedenes und müsste gesondert davon betrachtet werden? Wie ist es mit Dienstleistungen, die kein Produkt in dem Sinne als Ergebnis vorweisen, sind auch sie eine Gestaltung/Bearbeitung von Natur?
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  • Mir ist gerade (beim Gang zum Einkauf) noch ein Punkt eingefallen. Ich weiß nicht, inwiefern er von Belang ist für das Thema. Knetarbeiten, Zeichnungen oder sonstige Produkte werden ja nicht nur hergestellt, sondern manchmal auch einem geneigten Publikum vor- und ausgestellt. Das wären dann die Pole Privat <----> Öffentlich (oder so ähnlich)
  • Das würde ich hier einsortieren. Bezogen auf Arbeit allgemein könnte man auch Auftragsarbeit von selbstbestimmter Arbeit unterscheiden.

    Offenheit <------------> Planung
    Vollständigkeit <-----------> Fragmentierung

    Was die Haltung zum Produkt betrifft:

    Distanzierung <---------> Identifikation

    Was die Selbsterfahrung betrifft:

    Nicht-Können <------------> Können

    Was die Absicht betrifft:

    Kommunikation/Zweck <-----------> Spiel

    Rahmen

    privat <----------> öffentlich
    Erwerbsarbeit <-----------> selbstbestimmte Arbeit
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  • Ryoba schrieb:

    Ok, also plädierst du für ein dialektisches Verständnis von Zufall und Vernunft (Planung), das eine ist im jeweils anderen enthalten?
    Mein Gott, schwere Frage ... Man muss hier vielleicht unterscheiden: Ich nehme wieder eine Zeichnung als Beispiel. Jemand entscheidet sich ein Lorbeerblatt zu zeichnen und zwar ohne jede Grund, einfach weil es ihm "zufällig" eingefallen ist. Dann kann er bei der Umsetzung natürlich äußerst planvoll vorgehen, um die Zeichnung möglichst so hinzubekommen, wie er sie sich vorstellt. Dazu zeichnet er vernünftiger weise von rechts nach links, damit er das erreichte nicht mit dem Handballen verschmiert. Das ist eine Form der Vernunft - sie ändert aber nichts an dem Umstand, dass er keine nachvollziehbaren Gründe hatte gerade ein Lorbeerblatt zu zeichnen.

    Ich will damit sagen, dass man die Ebenen beachten muss. Ein Element der a-Vernünftigkeit kann bleiben, auch wenn die Ausführung den Geboten der Vernunft völlig genügt :)
  • Jörn schrieb:

    Ich will damit sagen, dass man die Ebenen beachten muss. Ein Element der a-Vernünftigkeit kann bleiben, auch wenn die Ausführung den Geboten der Vernunft völlig genügt
    Man könnte das auch noch so sehen, dass eine Planung immer mit dem Zufall rechnen muss.

    "Leben ist das, was passiert, während du Pläne machst."

    Oder Brecht:

    Ja mach' nur einen Plan.
    Sie nur ein großes Licht.
    Und mach' noch einen zweiten Plan
    Gehn' tun sie beide - nicht.

    Wer Pläne macht, muss immer mit einen Rest an Nicht-Planbarkeit rechnen. Und dieser Rest geht eben nicht im Plan auf, ist das Andere des Plans oder das Leben.
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  • Angeregt von

    Jörn schrieb:

    Irgendwo müsste man das Schöne, das Wahre und das Gute einbauen

    Sehe ich als weitere Dimension der Haltung zum Werk einen Punkt, der allerdings auch in die Bereiche "Absicht" und "Rahmen" hineinlappt:

    Ist diese Haltung (als Zweck- oder Sinnstiftung des Werks) mehr "sakral": ist es ein Kunstwerk, das Wahrheit, Schönheit, eine Art Erkenntnis einen Appell oder gar eine Offenbarung tragen soll? Dient es mehr der Unterhaltung oder dem Nutzen? Man könnte das vielleicht unter die Pole: Lebenszweck <-> Lebensmittel einordnen. Oder Selbstzweck -- Nutzen. Oder Das "Gute, Wahre, Schöne" --- "Nutzen". Oder ...

    Viele Menschen würden eher sterben als denken. Und in der Tat: Sie tun es. (Bertrand Russell)
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  • [Bezieht sich auf Beitrag 32]

    Das ist richtig. Mein Punkt ist aber verschieden glaube ich. Stell dir einen Dali vor. Wer nehmen (um des Argumentes willen) an, dass seine Bilderwelten sich ganz unbewusst Bahn brechen. Aber dann muss er es noch umsetzen. Und dabei geht er sicher sehr planvoll vor, obwohl die Komposition selbst nicht auf einem Plan oder einer bewussten Absicht beruhte. So wie ein Dichter sein Gedicht noch zu Papier bringt - das kann in Schönschrift oder Krickelschrift geschehen, das muss nichts ändern.
  • Ryoba schrieb:

    Ist [der künstlerische Schaffensprozess] eine Reinform der Bearbeitung von Natur und deswegen geradezu paradigmatisch in bestimmter Hinsicht? Oder ist die Erwerbsarbeit doch etwas völlig verschiedenes und müsste gesondert davon betrachtet werden? Wie ist es mit Dienstleistungen, die kein Produkt in dem Sinne als Ergebnis vorweisen, sind auch sie eine Gestaltung/Bearbeitung von Natur?
    Der Schlüssel zu Beantwortung dieser Fragen liegt, denke ich, im Verständnis von "Bearbeitung von Natur". Was wäre davon die "Reinform"? Da fallen einem sofort Handwerker ein, die mit vorgefundenen, noch unbearbeiteten Materialien etwas herstellen - so wie die frühen Menschen ihre Faustkeile und Schneidwerkzeuge aus Steinen - und mithilfe von Steinen - herausschlugen.

    Eine "Reinform" von Naturbearbeitung scheint das zu sein, weil das Natürliche das Vorfindliche ist, das ein hinzukommendes Subjekt zu seinen Zwecken umwidmet und umformt. "Natur" scheint hier nur der Gegenstand zu sein, der bereits gegeben ist, bevor das Subjekt auf den Plan tritt.

    Aber wer schon in Hegels Text gespickt hat, weiß, dass die Dinge so einfach nicht liegen. Der Handwerker, der das vorgefundene natürliche Material bearbeitet, bearbeitet dabei zugleich sich selbst. Er "hemmt seine Begierde", er diszipliniert sich, er lernt, erwirbt eine gewisse Geschicklichkeit und eine systematische Verfahrensweise, die die Realisierung seines Ziels möglichst optimiert. Hegel spricht hier von "Bildung". Diese ist ihm zugleich der "Begriff des Geistes".

    Damit ist also die "Naturbearbeitung" eine doppelte. - Nun kann man aber auch den Begriff des "Materials", das da jeweils bearbeitet wird, flexibler fassen, wenn man es nicht als etwas "Gegebenes" und Aufgelesenes versteht, sondern allgemeiner als das, was sich beim ziel- und zweckgerichteten Handeln jeweils als "Widerstand" entpuppt und irgendwie formiert werden muss, damit es der Erreichung des Ziels nicht im Weg ist.

    Fasst man den Begriff der "Natur" so formal, d.h. als eine notwendige, aber zugleich widerständige Komponente des zweckgerichteten Herstellens ("Arbeit"), dann hat natürlich jede Art von Arbeit ihr natürliches Material, das da irgendwie "bearbeitet" wird.
  • Jörn schrieb:

    Das ist richtig. Mein Punkt ist aber verschieden glaube ich. Stell dir einen Dali vor. Wer nehmen (um des Argumentes willen) an, dass seine Bilderwelten sich ganz unbewusst Bahn brechen. Aber dann muss er es noch umsetzen. Und dabei geht er sicher sehr planvoll vor, obwohl die Komposition selbst nicht auf einem Plan oder einer bewussten Absicht beruhte. So wie ein Dichter sein Gedicht noch zu Papier bringt - das kann in Schönschrift oder Krickelschrift geschehen, das muss nichts ändern.
    Ja, das habe ich so verstanden. Du gehst von verschiedenen Ebenen aus, wobei eine planvoll und die andere eher durch Zufall oder Intuition bestimmt sein kann. Ich habe versucht zu zeigen, dass Zufall und Plan auch auf derselben Ebene vermittelt sein können.
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  • Hermeneuticus schrieb:

    Aber wer schon in Hegels Text gespickt hat, weiß, dass die Dinge so einfach nicht liegen. Der Handwerker, der das vorgefundene natürliche Material bearbeitet, bearbeitet dabei zugleich sich selbst. Er "hemmt seine Begierde", er diszipliniert sich, er lernt, erwirbt eine gewisse Geschicklichkeit und eine systematische Verfahrensweise, die die Realisierung seines Ziels möglichst optimiert. Hegel spricht hier von "Bildung". Diese ist ihm zugleich der "Begriff des Geistes".
    Wie würdest du die "Hemmung der Begierde" übersetzen in den konkreten Arbeitsprozess? Was wird da genau gehemmt, wenn ich einen Stein bearbeite oder eine Holztür baue? Der Begriff der Begierde ist da ja irgendwie seltsam und eigenartig in dem Zusammenhang.

    Zu der Bildung gibt es auch einen interessanten Punkt bei dem von mir gebrachten Leibniz Zitat. Das geht nämlich noch ein Stück weiter:

    Leibniz schrieb:

    Die D r i t t e N a t ü r l i c h e G e m e i n s c h a f f t ist zwischen Herr und Knecht, welche der Natur gemäß, wenn eine Person mangel an Verstand hat[,] nicht aber mangel an Kräfften sichzu ernehren. Denn eine solche Person ist ein Knecht von natur, welcher arbeiten muß[,] wie es ihm ein an der vorschreibet und hat davor den unterhalt. Der überschuß ist des Herrn. Denn alles was der Knecht ist, ist er seines Herrn wegen, dieweil alle andern Kräffte nur des Verstandes wegen seyn. Nun ist der verstand im Herrn, andere Kräffte aber nur im Knecht.Weil nun ein solcher Knecht des Herrn wegen ist, so ist ihm der Herr nichts als unterhalt schuldig, umb sein selbst willen, damit er ihm nicht verderbe. Dieß ist zu verstehen wenn keine hofnung were, daß der Knecht zu verstand kommen köndte, denn sonst were der Herr schuldig seines Knechts freyheit durch erziehung zu befördern, so viel dem Knecht zu seiner glückseeligkeit nöthig.
    Der Herr wird hier in de Pflicht genommen, die Bildung des Knechts zu fördern, sofern Hoffnung besteht, dass dieser zu Verstand komme. @hel hatte schon angesprochen, dass es in der Ständegesellschaft eine Verpflichtung des Herrn gegenüber dem Knecht gab. In der modernen Welt entspricht dem wohl der paternalistische Unternehmer, der für seine Angestellten sorgt.
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  • Wer etwas knetet (zeichnet o.ä.), der muss sich keineswegs per se hemmen. Klee brachte das mal in ein Wortspiel. Dabei stellte er das Formende dem Form-Ende gegenüber. Wer am Formenden interessiert ist und nicht allein am Ergebnis (selbst wenn es ein solches gibt, in dem sich der Prozess zeigt) muss sich nicht zwingend selbst hemmen oder was auch immer.

    Es gibt sicher kreative Prozesse in denen es große Phasen der Selbstdiziplinierung gibt, aber auch hier gibt es viel Spielraum.