Das Unverzichtbare ist nutzlos

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    • Das Unverzichtbare ist nutzlos

      Hi,

      Ich habe in einem Lesekreis wieder etwas Agamben ("Europa muss kollabieren" ) und Hinkelammert gelesen.
      Von letzterem in dem Buch 'Der Fluch der auf dem Gesetz lastet'

      Hinkelammert arbeitet an einem Synkretismus aus christlichen und marxistischen Ideen.

      Viele seiner Beschreibungen aktueller Phänomenologien gleichen meinen Analysen die ich im Sinne meiner Negation der Negation unter Pantheismus bzw. Pantheismus der Bourgeoisie subsumiere.

      Vielleicht besteht Interesse an einer gemeinsamen Buchlesung?

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      mvg Philzer
      Der freie Wille, als Ausdruck der Mythologisierung von Prozessen in vierdimensionalen Erkenntisapparaten, ist der Zuckerguss auf der Alleinstellungsideologie des Pantheismus. Er ist notwendig zur religiösen Selbstüberhöhung des Individuums, das in Wahrheit nichts ist, ohne die Gesellschaft. - Philzer

      Es gibt keine richtige Philosophie in der falschen.

      Dem frei fabulierenden Verstand sind keine Grenzen gesetzt. Wohl aber Motive. - Philzer
    • Das Unverzichtbare ist nutzlos

      Hier ein eindrucksvoller Auszug ab Seite 126:



      7. Das Unverzichtbare ist nutzlos. Über die Ethik des Zusammenlebens

      Wenn es heute notwendig ist, dass wir über die Fähigkeit des Menschensprechen, das Zusammenleben zu sichern, dann geschieht dies gerade deswegen, weil wir in einer Zeit der ständigen Verschlechterung dieses Zusammenlebens leben.
      Wir mögen uns darüber beklagen oder auch Indifferenz an den Tag legen –es ändert nichts daran, dass wir diese Tatsache reflektieren müssen…

      a.)Die herrschenden Werte einer Gesellschaft, die sich der Strategie der Globalisierung verschreibt

      …Diese Werte, die in unserer Gesellschaft verwirklicht werden, sind insbesondere die folgenden:
      die Werte des Wettbewerbs, der Effizienz, der Rationalisierung und Funktionalisierung der institutionellen Prozesse und Techniken sowie ganz allgemein die Werte der Marktethik.
      Wir können sie zusammenfassen im zentralen Wert des individuellen Nutzenkalküls.
      Darunter ist zu verstehen das Kalkül von Individuen oder von Kollektiven, die sich wie Individuen verhalten und kalkulieren – gehe es nun um Staaten, zwischenstaatliche Zusammenschlüsse oder andere Institutionen, Unternehmen und Organisationen eingeschlossen.Entsprechend der Wirkung ihres individuellen Kalküls der Interessen und des Nutzens handelt es sich um kollektive Individuen …

      … Es fällt sofort auf, dass alle diese geltenden Werte formale Werte sind und sich niemals auf den Inhalt des menschlichen Handelns beziehen.Es sind Werte, die ganz allgemein als Rationalität des Handelns bestimmt, jedoch häufig auf die wirtschaftliche Rationalität reduziert werden. Sie werden begründet und entwickelt im Rahmen einer entsprechenden formalen Ethik, die sehr explizit durch Kants Ansatz und dessen kategorischen Imperativ zum Ausdruck gebracht wird.Als Marktethik ist diese Ethik am unmittelbarsten gegenwärtig in unseren Gesetzbüchern, die in der Tradition des römischen Rechtes ausgestaltet wurden …

      … Eine Krise dieser Werte findet nicht statt. In ihrem Formalismus haben sie eine absolute Gültigkeit, und bis zu einem bestimmten Grad werden sie auch effektiv durchgesetzt. In ihrem Formalismus erklären sie,dass alles, was nicht verboten ist, erlaubt sei

      … Es gibt nur ein Hindernis: die Notwendigkeit, die Unverzichtbarkeit des Zusammenlebens.
      Betrachtet man sie vom individuellen Kalkül des Nutzens her, so erscheint diese Notwendigkeit als Hindernis, als Marktverzerrung, ja als Feind. Für die herrschenden Werte unserer Gesellschaft sind die Notwendigkeiten des Zusammenlebens nichts weiter als Feinde, als Irrationalitäten,als Verzerrungen für die Perfektionierung von Funktionsmechanismen.

      Aus dieser Perspektive des individuellen Nutzenkalküls wird verständlich, was der Dadaist Francis Picabia im Cafe Voltaire in Zürich während des Ersten Weltkrieges erklärte:
      Das Unverzichtbare ist nutzlos. Das Unverzichtbare, auf das er sich bezog, sind:
      das menschliche Zusammenleben, der Frieden und der Schutz der Natur. Sie sind nicht unter das individuelle Nutzenkalkül subsumierbar. Daher sind sie nutzlos. Der individuelle Nutzen wird immer dort maximiert,wo das Zusammenleben verachtet wird, wo Krieg oder Frieden unter dem Gesichtspunkt dieses Kalküls entscheidet. Das Unverzichtbare ist nutzlos.

      Den Amazonaswald zu zerstören, dies ist ganz außerordentlich nützlich. Es gehört zum Nützlichsten, was wir uns vorstellen können. Für welches Nutzenkalkül könnte es nützlich sein, ihn nicht zu zerstören? Für keines. Es wäre natürlich sehr nützlich, ihn nicht zu zerstören, aber kein individuelles Nutzenkalkül kann die Nützlichkeit von etwas aufzeigen, das unverzichtbar ist. Das Unverzichtbare ist nutzlos.

      Als sich im Dezember 2009 die Staaten der Welt in Kopenhagen trafen, um Maßnahmen zum Klimawandel zu ergreifen, machten alle das entsprechende individuelle Nutzenkalkül. Welche Haltung sicherte ihnen das Nutzenmaximum? Es war unverzichtbar zu handeln. Aber indem die Staaten ihr individuelles Nutzenkalkül machten, waren sie sich klar, dass das Unverzichtbare nutzlos ist. Daher entschieden sie völlig rational im Sinne unserer herrschenden Vorstellung von Rationalität, nichts zu tun. Wenn es um das Unverzichtbare geht,gewinnt immer derjenige am meisten, der am wenigsten tut. Die anderen haben die Kosten, und er gewinnt, ob er sich beteiligt oder nicht.Folglich entschieden alle, indem sie ihren Nutzen maximierten, und taten gar nichts. Als der deutsche Umweltminister erklärte,Deutschland werde handeln, auch wenn andere es nicht tun, erklärte ihn der Präsident des Bundesverbandes der deutschen Industrie (BDI),Hans-Peter Keitel, für irrational, sogar für verrückt.
      Der Umweltminister zog seine Stellungnahme natürlich sofort zurück,denn es hatte der Vertreter des Souveräns unserer Gesellschaft gesprochen. Vom Standpunkt aus, den unsere Gesellschaft für einzig rational erklärt, tat er jetzt auch das einzig Rationale, nämlich nichts zu tun.

      Das Unverzichtbare ist nutzlos, wenn man es vom Standpunkt des individuellen Nutzenkalküls aus betrachtet. Daher ist es auch für die Politiker am nützlichsten, sich zu Dienern des Kapitals zumachen.
      Das Treffen von Kopenhagen scheiterte nicht etwa deswegen, weil die Teilnehmer schlecht kalkulierten.

      Es scheiterte, weil sie richtig kalkulierten.

      Natürlich gilt dies nur, wenn die Gesamtheit, um die es geht, überlebt. Wenn nicht, gehen alle unter, weil sie richtig und rational kalkulierten.

      Die Natur ist nutzlos, es sei denn, sie wird in natürliches Kapital umgewandelt, damit sie unter dem Gesichtspunkt des individuellen Nutzenkalküls ausgebeutet werden kann.

      Der Mensch selbst ist nutzlos und wird zum Wegwerf-Menschen gemacht, es sei denn, er wird umgewandelt in Humankapital, um unter dem Gesichtspunkt irgendeines individuellen Nutzenkalküls ausgebeutet zu werden. Diese Ausbeutung kann Selbstausbeutung sein, indem sich der Mensch zu sich selbst als seinem auszubeutenden Kapital verhält. Sie kann aber auch Ausbeutung durch Andere sein, die dieses Humankapital, das der Andere ist, unter dem Gesichtspunkt ihres eigenen individuellen Nutzenkalküls ausbeutet. In jedem Falle ist das Unverzichtbare – der Mensch in seiner Menschlichkeit und die äußere Natur in ihrem Eigenleben – nutzlos.
      Stets ergibt sich ein Spiel der Verrücktheiten.

      Das Zusammenleben zu respektieren ist Verrücktheit für den, der sein Handeln auf das individuelle Nutzenkalkül reduziert, aber gerade diese Reduzierung der Kriterien des Handelns auf das individuelle Nutzenkalkül ist Verrücktheit, wenn man sie von der Unverzichtbarkeit des Zusammenlebens her sieht, welche die äußere Natur einschließt und letztlich nichts anderes als das Gemeinwohl bezeichnet.

      Wir treten zur Zeit in eine geschichtliche Epoche ein, in der sich diese Unverzichtbarkeit des Gemeinwohls überall bemerkbar macht ...


      mvg Philzer
      Der freie Wille, als Ausdruck der Mythologisierung von Prozessen in vierdimensionalen Erkenntisapparaten, ist der Zuckerguss auf der Alleinstellungsideologie des Pantheismus. Er ist notwendig zur religiösen Selbstüberhöhung des Individuums, das in Wahrheit nichts ist, ohne die Gesellschaft. - Philzer

      Es gibt keine richtige Philosophie in der falschen.

      Dem frei fabulierenden Verstand sind keine Grenzen gesetzt. Wohl aber Motive. - Philzer
    • Hi scilla,

      Ich denke wir handhaben das ganz locker.


      mvg Philzer
      Der freie Wille, als Ausdruck der Mythologisierung von Prozessen in vierdimensionalen Erkenntisapparaten, ist der Zuckerguss auf der Alleinstellungsideologie des Pantheismus. Er ist notwendig zur religiösen Selbstüberhöhung des Individuums, das in Wahrheit nichts ist, ohne die Gesellschaft. - Philzer

      Es gibt keine richtige Philosophie in der falschen.

      Dem frei fabulierenden Verstand sind keine Grenzen gesetzt. Wohl aber Motive. - Philzer
    • Philzer schrieb:

      die Werte des Wettbewerbs, der Effizienz, der Rationalisierung und Funktionalisierung der institutionellen Prozesse und Techniken sowie ganz allgemein die Werte der Marktethik.
      Wir können sie zusammenfassen im zentralen Wert des individuellen Nutzenkalküls.
      deshalb sehe ich nach Marx ökonomisch auch den Wiener Kreis als ernstzunehmende Synthese aus reinem Geldmarkt und dem Prozess des Übergangs von Ware-Geld-Ware hin zu Geld-Ware-Geld.

      Der Wiener Kreis verbindet eine Welt mit imaginären Realzinslicher Struktur und realer nominaler Zinsstruktur. Der Markt der durch den Zins beeinflusst wird wird dann beschrieben durch die zwei Seiten Keynes und Neoklassik.
      Das Universum ist nicht-mathematisch.
      Die Phänomenologie basiert in Gänze auf Thetik. Die organische Philosophie trifft besser, was es zu treffen gilt.
      Das System als Ursprung des menschlichen Daseins ist Ausgangspunkt aller Philosophie.
      Das Grundübel liegt darin, dass "Gott" als ein Begriff mit Inhalt verstanden wird, statt als eines Begriffes dessen Inhalt eine inhaltsleere Worthülse ist
    • Philzer schrieb:

      Aus dieser Perspektive des individuellen Nutzenkalküls wird verständlich, was der Dadaist Francis Picabia im Cafe Voltaire in Zürich während des Ersten Weltkrieges erklärte:
      Das Unverzichtbare ist nutzlos.
      ja, das sehe ich als Die Welt ergibt Sinn, aber sie macht für den Einzelnen keinen realen Sinn, sondern nur kurzfristigen Nutzen.
      Das Universum ist nicht-mathematisch.
      Die Phänomenologie basiert in Gänze auf Thetik. Die organische Philosophie trifft besser, was es zu treffen gilt.
      Das System als Ursprung des menschlichen Daseins ist Ausgangspunkt aller Philosophie.
      Das Grundübel liegt darin, dass "Gott" als ein Begriff mit Inhalt verstanden wird, statt als eines Begriffes dessen Inhalt eine inhaltsleere Worthülse ist
    • was ist das Unverzichtbare dann, wenn es nicht dem Zweck Selbsterhaltung sich verdingt? Dann müsste es ja in gewisser Weise Sakral sein oder es ist apriori auf andere Weise besonders hervorgehoben.

      Ich denke aber, das kann man durchaus so sehen - das Vermögen dies zu erkennen, bezeichnet die kritische Theorie als "Mimesis".
      Das Universum ist nicht-mathematisch.
      Die Phänomenologie basiert in Gänze auf Thetik. Die organische Philosophie trifft besser, was es zu treffen gilt.
      Das System als Ursprung des menschlichen Daseins ist Ausgangspunkt aller Philosophie.
      Das Grundübel liegt darin, dass "Gott" als ein Begriff mit Inhalt verstanden wird, statt als eines Begriffes dessen Inhalt eine inhaltsleere Worthülse ist
    • Krise und Bewusstsein

      Hi,

      Ich würde hauptsächlich so argumentieren, und das geht in Richtung Kurzfristigkeit versus Langfristigkeit.

      Hinkelammert zielt ironisch auf das langfristig unbedingt Notwendige (Sozialität; Erhaltung der Erde; Erlangung eines Menschheitsbewusstseins), was dem von der Gier und dem kapitalistischen Konkurrenzkampf bedingungslos folgendem Bewusstsein unerkannt bleibt.

      Ich hab das 3D (Tierreich) und 3,5D (Religiösität) - Verhalten mal so umschrieben:

      Der Sieg in der Dimension der Zeit,
      erfolgt unbewusst über den Erfolg im Jetzt. - Philzer

      Einem solchen Bewwusstsein, und das bestimmte die gesamte menschliche Entwicklung bis heute, wird der zerstörenden Wirkung seines Wachstums immer erst durch die real auftretende und nicht mehr abwendbare totale Krise bewusst.


      mvg Philzer
      Der freie Wille, als Ausdruck der Mythologisierung von Prozessen in vierdimensionalen Erkenntisapparaten, ist der Zuckerguss auf der Alleinstellungsideologie des Pantheismus. Er ist notwendig zur religiösen Selbstüberhöhung des Individuums, das in Wahrheit nichts ist, ohne die Gesellschaft. - Philzer

      Es gibt keine richtige Philosophie in der falschen.

      Dem frei fabulierenden Verstand sind keine Grenzen gesetzt. Wohl aber Motive. - Philzer