Graham Harman – Über stellvertretende Verursachung

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    • Graham Harman – Über stellvertretende Verursachung

      Graham Harman (2007) schrieb:

      Trotz der anhaltenden Unbeliebtheit der Metaphysik, sowie des Realismus innerhalb der kontinentalen Tradition, entwirft dieser Artikel den Umriss einer realistischen Metaphysik. Anstelle eines trüben Materialismus geistloser Atome und Billardkugeln, der üblicherweise heraufbeschworen wird, um den Spaß in der Philosophie zu verderben, werde ich einen seltsamen Realismus verteidigen. Dieses Modell beinhaltet eine Welt, vollgepackt mit gespenstigen, realen Objekten, die sich gegenseitig aus unerforschlicher Tiefe Signale senden und unfähig sind sich einander ganz zu berühren. Hier besteht eine offenkundige Beziehung zur Tradition, die als Okkasionalismus bekannt ist und die als Erste nahelegte, dass eine direkte Wechselwirkung zwischen Entitäten unmöglich sei. Eine andere klare Verbindung besteht zur verwandten skeptischen Tradition, die Objekte als nebeneinanderliegend und ohne direkte Verbindung betrachtet, obwohl die betreffenden Objekte hier eher menschliche Wahrnehmungen, denn reale unabhängige Objekte sind.


      Dennoch wird dieser Artikel die Lösung des Problems durch eine einsame, magische Superentität, die verantwortlich für jede Relation ist (sei es Gott für Malebranche und seine irakischen Vorläufer oder der menschliche Geist für Skeptiker, Empiristen und Idealisten), zugunsten einer stellvertretenden Verursachung verwerfen, welche lokal über jeden Teil des Kosmos verteilt ist. Obwohl ihre Seltsamkeit eher zu Verwunderung als zu Widerstand führen mag, ist stellvertretende Verursachung nicht irgendein autistischer Mondstrahl, der durch das Fenster eines Asyls eindringt. Stattdessen ist sie die Startrampe für eine rigoros post-heideggerianische Philosophie einerseits, wie die angemessene Rückkehr zum ehrwürdigen Problem der Kommunikation zwischen Substanzen andererseits.

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    • Ein durchaus spannender Text wie ich finde. Soweit ich das verstehe geht es um:

      Substanz, jenseits von unzutreffenden Subtsanzmodellen der Philosophiegeschichte

      Objekte (reale und sinnliche/ideelle)

      Objekte, die sich endlos voreinander verbergen.

      Objekte, die sich in unterirdischen Tiefen ihrer Erfassung durch uns entziehen und vage vom Meeresgrund aufflimmern.

      Das Dilemma von Objekten, die sich allen Relationen entziehen und dennoch Kontakt herstellen.

      Die stellvertretende Kausalität als Relation von realen, sich entziehenden Objekten. Objekten, die sich nur dadurch beeinflussen, dass sie in einem Dritten vereinigt sind.

      Kernverschmelzung von Objekten, die sich nicht direkt berühren.

      ...

      (Die Liste ist noch unvollständig, weil ich den Text noch nicht zu Ende gelesen habe.)
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    • Ich lese parallel zum Aufsatz von Harman den Text Über Sprache überhaupt und über die Sprache des Menschen von Walter Benjamin. Und ich habe festgestellt, dass zwischen den beiden Texten eine Resonanz besteht; sie könnten miteinander in einen Dialog treten. Benjamin macht sich Gedanken über die Sprache der Dinge und die Sprache der Menschen im Kontext einer Betrachtungen der Genesis, des Sündenfalls und der babylonischen Sprachverwirrung. Harman dagegen will die Frage nach den Wechselwirkungen zwischen realen Dingen wieder auf die Agenda der Philosophie setzen. Mit Harman gesprochen: Wenn die beiden Texte Körper sind oder reale Objekte, dann gibt es Berührungspunkte der sinnlichen Oberfläche an denen sich die Texte berühren und in eine Relation treten. Ich will versuchen diese Berührungspunkte in einem kurzen Vergleich und einer Gegenüberstellung einiger Textstellen aufscheinen zu lassen und dabei vielleicht auch einen Blick auf das Innere der realen Textkörper der beiden verschiedenen Texte zu eröffnen.

      Harman:
      Anstelle eines trüben Materialismus geistloser Atome und Billardkugeln, der üblicherweise heraufbeschworen wird, um den Spaß in der Philosophie zu verderben, werde ich einen seltsamen Realismus verteidigen. Dieses Modell beinhaltet eine Welt, vollgepackt mit gespenstigen, realen Objekten, die sich gegenseitig aus unerforschlicher Tiefe Signale senden und unfähig sind sich einander ganz zu berühren.

      Benjamin:
      Das Dasein der Sprache erstreckt sich aber nicht nur auf alle Gebiete der menschlichen Geistesäußerung, der in irgendeinem Sinn immer Sprache innewohnt, sondern es erstreckt sich auf schlechthin alles. Es gibt kein Geschehen oder Ding weder in der belebten noch in der unbelebten Natur, das nicht in gewisser Weise an der Sprache teilhätte, denn es ist jedem wesentlich seinen geistigen Inhalt mitzuteilen.

      Harman unterscheidet zwischen den realen Objekten und den sinnlichen Objekten. Die realen Objekte entziehen sich der unmittelbaren Berührung zu andern realen Objekten und der Erkenntnis durch uns selbst als reales Objekt, während die sinnlichen Objekte ihre Oberfläche darbieten. Analog dazu spricht Benjamin auf die Sprache gewendet von dem geistigen Wesen und dem sprachlichen Wesen der Dinge. Das geistige Wesen der Dinge teilt sich in dem sprachlichen Wesen mit

      Harman:
      Der einzige Ort im Kosmos, wo Wechselwirkungen auftreten, ist in anderen Worten der sinnliche, phänomenale Bereich. Gegen Philosophien, die die Oberfläche als formal oder steril betrachten und kausale Kraft nur schattigen Tiefen gewähren, müssen wir die gegenteilige Ansicht verteidigen: Diskrete, autonome Form liegt nur in der Tiefe, während dramatische Kraft und Wechselwirkung entlang der Oberfläche fließen.
      Alle Beziehungen sind oberflächlich. Aus diesem Grund müssen wir herausfinden, wie reale Objekte in den Bereich der Erscheinungen durchstoßen, dem einzigen Ort, an dem man Verbindungen eingeht.

      Benjamin:
      Die Sprache selbst ist in den Dingen selbst nicht vollkommen ausgesprochen. Dieser Satz hat einen doppelten Sinn nach der übertragenen und der sinnlichen Bedeutung: Die Sprachen der Dinge sind unvollkommen, und sie sind stumm. Den Dingen ist das reine sprachliche Formprinzip - der Laut - versagt. Sie können sich nur durch eine mehr oder minder stoffliche Gemeinschaft einander mitteilen. Diese Gemeinschaft ist unmittelbar und unendlich wie die jeder sprachlichen Mitteilung; sie ist magisch (denn es gibt auch eine Magie der Materie).
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    • Ich kopiere hier nochmal zwei Beiträge von mir aus dem Thread Metaphysik - jenseits der natürlichen Erscheinungen zu Benjamin und Harman.

      In dem Text Über die Sprache überhaupt und über die Sprache des Menschen argumentiert Walter Benjamin, dass der Begriff der Offenbarung das Verbindungsglied zwischen der Sprachphilosophie und der Religionsphilosphie sei. Er unterscheidet zwischen dem geistigen Wesen und dem sprachlichen Wesen der Dinge. Das geistige Wesen drücke sich im sprachlichen Wesen aus. Das, was an einem geistigen Wesen mitteilbar ist, ist seine Sprache. Und das sprachliche Wesen der Dinge ist ihre Sprache. In diesem Sinne führt bei Benjamin die Gleichsetzung des geistigen Wesens mit dem sprachlichen Wesen zu dem Begriff der Offenbarung. Dieser Tatsache spricht Benjamin eine große metaphysische Tragweite zu (womit der Bogen zum Thema des Threads gespannt wird). Die Offenbarung betrifft nun das Verhältnis des Aussprechlichen und
      Ausgesprochenen zum Unaussprechlichen und Unausgesprochenen. Normalerweise würde man das Unaussprechliche mit dem letzten geistigen
      Wesen identifizieren. Aufgrund der Gleichsetzung des geistigen mit dem sprachlichen Wesens der Dinge sieht es Benjamin umgekehrt:

      [...] je tiefer, d.h. existenter und wirklicher der Geist, desto aussprechlicher und ausgesprochener, wie es denn eben im Sinne dieser
      Gleichsetzung liegt, die Beziehung zwischen Geist und Sprache zur schlechthin eindeutigen zu machen, so daß der sprachlich existenteste,
      d.h. fixierteste Ausdruck, das sprachlich prägnanteste und unverrückbarste, mit einem Wort: das Ausgesprochenste zugleich das reine
      Geistige ist.

      Benjamin spricht hier von der Sprache in einem universellen Sinne; sie kommt daher auch der unbelebten Natur zu und die menschlicher Sprache
      ist nur ein Spezialfall, zugleich eine vollkommene Sprache und ein Abfall von der paradiesischen Sprache. Die religiösen Bezüge in diesem
      Text zur Genesis, dem Sündenfall und dem Turmbau zu Babel begründet Benjamin damit, dass die Bibel, weil sie sich selbst als Offenbarung
      betrachtet, die sprachlichen Grundtatsachen notwendig entwickeln muss. Und die Ausführungen Benajmins folgen der Bibel darin, daß in ihnen
      die Sprache als eine letzte, nur in ihrer Entfaltung zu betrachtende, unerklärliche und mystische Wirklichkeit vorausgesetzt wird. (es geht ihm dabei nicht um BIbelexegese und auch nicht darum, die Bibel als objektive und offenbarte Wahrheit dem Nachdenken zugrunde zu legen)

      Ryoba schrieb:

      byLaszlo schrieb:

      Harman las ich als (mögliche) Philosophie und dann zunehmend den Eindruck gewonnen: er streichelt, um nicht zu sagen,
      liebkost die Objekte (real oder sinnlich: SEINE Koseworte !, Seite 218) um dann in sie höchtselbst eingehen zu können.
      Ja, bei Harman findet sich ein besonderes Augenmerk für die Verbindung von realen und sinnlichen Objekten. Er geht insbesondere der Frage nach, wie die realen Objekte in die Sphäre der sinnlichen Objekte durchstoßen können. Die Trennung eines Objekts von seinen Eigenschaften nennt Harman "Verlockung" (und Anspielung) und sieht darin einen Weg, wie reale Objekte hinter den sinnlichen Objekten hervor treten können.

      Die einzige Möglichkeit reale Objekte in die sinnliche Sphäre zu bringen, ist sinnliche Objekte auf so eine Weise zu rekonfigurieren, dass sie nicht mehr nur länger in ein Neues fusionieren, wie Teile in ein Ganzes, sondern vielmehr durch die Anspielung auf eine dahinterliegende, tiefe Kraft animiert werden: einem realen Objekt. Das Gravitationsfeld eines realen Gegenstandes muss irgendwie in das existierende sinnliche Feld einfallen.

      Als nächstes möchte ich versuchen die Unterscheide zwischen Benjmanins sprachphilosophischem und Harmans ästhetisch-phänomenologischem Ansatz zu untersuchen. Wenn das rein passt?
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    • Was es gibt (also: Metaphysik) Über Graham Harman documenta-Text "der dritte Tisch"

      Der kurze Text Harmans, der zur letzten documenta erschienen ist, setzt ein mit einer metaphysischen Erläuterung des Physikers Eddingtons, der anhand eines Tische erläutert, was es nach seinem Dafürhalten gibt. Zwar gehen wir täglich mit lebensweltlichen Tischen um und wir können auch gar nicht anders, als sie ernst zu nehmen, doch ...

      "Die moderne Physik mit ihren empfindlichen Prüfmethoden und ihrer unbarmherzigen Logik versichert mir , daß mein zweiter, wissenschaftlicher Tisch der einzige ist, der wirklich da ist." (Eddington)

      Darauf erwidert Harman kurz und bündig:

      "Der Wissenschaftler reduziert den Tisch hinunter zu winzigen Partikeln, die für das Auge unsichtbar sind; der Humanist [ein Lebensweltgegenspieler des Wissenschaftlers] reduziert ihn hinauf zu einer Reihe von Wirkungen auf Menschen und andere Dinge. Eddingtons Tische sind, um es ganz offen zu sagen, komplette Täuschungen, die den Tisch mit seinen jeweiligen inneren und äußeren Umgebungen verwechseln.

      Der reale Tisch ist in Wirklichkeit [ist weder der eine, noch der andere, sondern] ein dritter Tisch, der zwischen diesen beiden liegt.