Fragen zur Handlungstheorie

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    • Fragen zur Handlungstheorie

      Da in unseren Diskussionen immer wieder grundsätzliche Fragen zum Begriff der Handlung aufkommen, sei dazu ein eigener Thread eröffnet. Eigentlich hätte ich das schon früher tun sollen, denn Handlungstheorie ist offenkundig ein - wenn nicht der - Kernbereich des Pragmatismus. Aber ich befinde mich nicht in der Position des souveränen Durch- und Überblickers, auch für mich ist dieses Projekt vor allem ein Lernprozess.
    • Her K. schrieb:

      Zwischendurch, wenn's recht ist, würde ich gerne noch eine Frage zu Janich stellen wollen, ich beziehe mich da auf Friederikes Link: diesen. Auf Seite 347 bezieht sich Janich auf die Begriffe "Absicht" bzw. "Intention", die er mit der Begründung ablehnt, das seien Begriffe, die sich auf mentale Ereignisse bzw. mentale Zustände des Akteurs beziehen würden. Statt dessen will er den Begriff "Zweck" verwenden. Das aber leuchtet mir nun überhaupt nicht ein, ich würde nämlich "Zweck" meist synonym zu "Absicht" verwenden. Falls nun Zweiterer ein "mentaler Begriff" ist, (was auch immer genau damit gemeint sein soll und welche Probleme das auch immer aufwirft), dann ist es Ersterer ebenso und der wirft dann folglich dieselben Probleme auf. Nun kann man zwar zwischen Absichten/Zwecken des Akteurs und Absichten/Zwecken Dritter unterscheiden, aber das ändert nichts daran, dass beide Begriffe in dieselbe Kategorie gehören. So oder so sind Absichten und Zwecke die von Akteuren, von Akteuren festgelegt. In seinem Beispiel "Punktrichter für Eiskunstlauf oder Turmspringen" wird das auch ziemlich deutlich: die dabei verwendeten Regeln wurden festgelegt.
    • Her K. schrieb:

      Um mal ein Zitat daraus zu bringen, (Link s.o.):

      Janich schrieb:

      Die schier uferlosen Debatten einerseits über Intentionalität in der Tradition Brentanos und Husserls, andererseits die erfolglosen Versuche einer Naturalisierung der Intentionalität können hier als Warnung dienen. [...] Die "eigentliche Absicht", die Intention des Akteurs bezüglich der Durchführung, wie sie etwa im Vorspielen eines gut geübten Musikstückes [...] bekannt ist, ist damit selbst eine in Kommunikations- und Kooperationsfällen sekundär durch Lernen erworbene Beurteilungsfähigkeit zum eigenen Tun.
      So ganz ist mir das nun nicht klar, aber mir kommt das nun so vor: "Intention" sei ein "mentaler" Begriff, der als solcher nicht naturalisiert werden könne und daher sollten wir darauf verzichten und lieber "Zweck" sagen, wobei aber ein Zweck immer nur etwas sein kann, was konkret in Kommunikations- und Kooperationsfällen (KuKF) festgelegt wurde. Zum Beispiel: die Regeln, die die Punktrichter im Sport anwenden, wurden in KuKF festgelegt. So können wir elegant das Problem des "Mentalen" vermeiden, denn wir haben dann ja immer KuKF dabei und können somit alles auf KuKF beziehen.
      Falls ich da nun völlig falsch liege, dann das Weitere bitte einfach ignorieren, dann bitte ich um Aufklärung, wie das denn sonst gemeint sei.

      Falls ich aber richtig liege, dann sehe ich da folgende Probleme:

      - die Zuschreibung von Intentionen zu Akteuren ist eine unverzichtbare Praxis, um das künftige Verhalten von Akteuren vorhersagen zu können
      - es ist nicht richtig, dass man Intentionen nicht naturalisieren könne (siehe z.B. den Ansatz von Dennett dazu)
      - daraus, dass die Beurteilungsfähigkeit zum eigenen und fremden Tun nur in einer sozialen Gemeinschaft erworben werden könne, folgt schlicht nicht, dass diese so erworbene Beurteilungsfähigkeit von sich und anderen nur durch eine soziale Gemeinschaft/durch mehrere/durch KuKF realisiert werden könne
      - Handlungen wie "Kartoffeln braten", ein "Buch lesen", "sich die Zähne putzen" etc. pp. hätten dann keinen Zweck, wären zweckfrei
    • Hermeneuticus schrieb:

      Her K. schrieb:

      Um mal ein Zitat daraus zu bringen, (Link s.o.):

      Janich schrieb:

      Die schier uferlosen Debatten einerseits über Intentionalität in der Tradition Brentanos und Husserls, andererseits die erfolglosen Versuche einer Naturalisierung der Intentionalität können hier als Warnung dienen. [...] Die "eigentliche Absicht", die Intention des Akteurs bezüglich der Durchführung, wie sie etwa im Vorspielen eines gut geübten Musikstückes [...] bekannt ist, ist damit selbst eine in Kommunikations- und Kooperationsfällen sekundär durch Lernen erworbene Beurteilungsfähigkeit zum eigenen Tun.
      So ganz ist mir das nun nicht klar, aber mir kommt das nun so vor: "Intention" sei ein "mentaler" Begriff, der als solcher nicht naturalisiert werden könne und daher sollten wir darauf verzichten und lieber "Zweck" sagen, wobei aber ein Zweck immer nur etwas sein kann, was konkret in Kommunikations- und Kooperationsfällen (KuKF) festgelegt wurde. Zum Beispiel: die Regeln, die die Punktrichter im Sport anwenden, wurden in KuKF festgelegt. So können wir elegant das Problem des "Mentalen" vermeiden, denn wir haben dann ja immer KuKF dabei und können somit alles auf KuKF beziehen.Falls ich da nun völlig falsch liege, dann das Weitere bitte einfach ignorieren, dann bitte ich um Aufklärung, wie das denn sonst gemeint sei.

      Falls ich aber richtig liege, dann sehe ich da folgende Probleme:

      - die Zuschreibung von Intentionen zu Akteuren ist eine unverzichtbare Praxis, um das künftige Verhalten von Akteuren vorhersagen zu können
      - es ist nicht richtig, dass man Intentionen nicht naturalisieren könne (siehe z.B. den Ansatz von Dennett dazu)
      - daraus, dass die Beurteilungsfähigkeit zum eigenen und fremden Tun nur in einer sozialen Gemeinschaft erworben werden könne, folgt schlicht nicht, dass diese so erworbene Beurteilungsfähigkeit von sich und anderen nur durch eine soziale Gemeinschaft/durch mehrere/durch KuKF realisiert werden könne
      - Handlungen wie "Kartoffeln braten", ein "Buch lesen", "sich die Zähne putzen" etc. pp. hätten dann keinen Zweck, wären zweckfrei

      Ich verstehe Her.Ks Anliegen deshalb nicht, weil er "Zweck" auf der Seite der Absicht, auf der Seite des Handelnden
      sehen will, wo ich doch von eine Relation Handelnde-Handlung-Zweck ausgehe. Ich will aber nicht das verstehen, wovon
      ich jetzt am Anfang der Diskussion ausgehe, sondern wovon Her.K ausgeht um Janich zu verstehen ? Denn Her. Ks
      Ausgriff gelingt immer so, dass er zwar bei Janich ist oder Janich bei ihm...Her.Ks und Janichs Positionen vermischen
      sich ohne, dass die getrennte Aufstellung vorher klar geworden wäre. (aber es kann sein, dass die "hohe" Diskussion in
      unseren Zeit notwendig so verlaufen muss)
      Ein Leben beginnt gewöhnlich mit der Geburt---meins nicht.
      Zumindest weiß ich nicht, wie ich ins Leben gekommen bin.

      (W.Moers: Die 13 1/2 Leben des Käpt'n Blaubär, Kapitel 1.: Mein Leben als Zwergpirat, 1. Satz)
    • byLaszlo schrieb:

      Ich verstehe Her.Ks Anliegen deshalb nicht, weil er "Zweck" auf der Seite der Absicht, auf der Seite des Handelndensehen will, wo ich doch von eine Relation Handelnde-Handlung-Zweck ausgehe.
      Könntest Du diese Relation noch ein bisschen näher erläutern?

      (Und noch ein Feedback am Rande: es irritiert mich wirklich sehr, wenn mich jemand in der 3. Person anspricht, denn dann habe ich den Eindruck, dass er nicht mit mir, sondern über mich reden will. Es mag sein, dass ich an der Stelle etwas überempfindlich bin, aber mir wär's wirklich lieber, wenn Du mich direkt ansprechen würdest.)

      @Ryoba:

      Ich habe Deine Antwort mal aus dem anderen Thread hier rüberkopiert:

      Ryoba schrieb:

      Ja, das würde ich auch so verstehen. Janich will die Introspektion als unzuverlässige Quelle von Erkenntnisse vermeiden. Daher ersetzt er Absicht durch Zweck. Der Zweck, beziehungsweise das Erreichen oder Verfehlen desselben, kann an dem objektiven Vollzug der Handlung "abgelesen" werden.Soweit ich das verstehe, postuliert Janich auch nicht, dass Zwecke nur gemeinschaftlich realisiert werden können, sondern, dass subjektive Intentionen eine Ableitung aus dem Zweck des objektiven Handlungsvollzugs sind.
      Halten wir nun mal Folgendes fest:

      1. Jede Handlung hat einen Zweck (außer evtl. von ihm sogenannte "Mußehandlungen", aber die stelle ich hier mal beiseite)
      2. Handlungen können scheitern
      3. Gescheitert ist eine Handlung dann, wenn der Zweck, der mit ihr verfolgt wurde, nicht erreicht wurde

      Ist das soweit auf Janichs Ansicht bezogen korrekt? Falls ja: was genau sind nach Janichs Ansicht Zwecke, wie entstehen diese und was unterscheidet sie grundsätzlich von Absichten? Woher kennt man den Zweck einer konkreten Handlung, anhand dessen der Erfolg oder der Misserfolg beurteilt werden kann?

      Nehmen wir einmal ein Beispiel. Peter ist zu Besuch bei Freunden, es ist Sommer, sie sitzen auf der Terrasse des Gartens und trinken Kaffee. Nach einiger Zeit steht einer von Peters Freunden, nennen wir ihn Fritz, ohne ein Wort zu sagen auf, schnappt sich einen Vorschlaghammer und schlägt damit energisch auf einen Felsklotz ein, der am Rande des Gartens liegt. Der Felsklotz scheint ziemlich hart zu sein, denn er geht nicht kaputt, bekommt noch nicht mal Dellen. Nach einiger Zeit setzt sich Fritz wieder zu den anderen auf die Terrasse und Peter will wissen, was es damit auf sich hatte, was Fritz bezweckte, was der Zweck der Übung war, welche Absicht Fritz dabei verfolgte. Nun könnte Fritz z.B. erklären, dass a) sie beschlossen hätten, den Felsbrocken aus dem Garten zu entfernen und er habe vorhin versucht, ihn zu zerkleinern, leider habe er die Hartheit des Steines unterschätzt. Oder b), er sagte, er habe Aggressionen wegen bestimmter Probleme und die könne er dadurch abreagieren. Je nachdem, was Fritz nun antwortet, kann Peter einschätzen, ob die Handlung ge- oder misslungen ist, (im Falle a) wäre sie misslungen, im Falle b) evtl. gelungen).

      Der Punkt ist nun immer noch der, dass mir nicht klar ist, was dabei der grundlegende Unterschied zwischen "Absicht" und "Zeck" sein soll. Es wäre mE nämlich egal, ob Peter Fritz fragt: "Welche Absicht hast Du dabei verfolgt?" oder "Welchen Zweck hatte Deine Handlung?" oder er könnte auch fragen: "Warum hast Du das getan?" oder "Aus welchem Grund hast Du auf den Stein eingeschlagen?"
    • Der Zweck einer Handlung ist im Prinzip nur dann erkennbar, wenn man ein schon bekanntes Handlungsschema voraussetzt. Bei deinem Beispiel wird auch deutlich, dass Zweck b), also das Abreagieren von Gefühlen äußerlich nicht unbedingt beobachtbar ist. Daher kann dieser Zweck auch nicht ganz unabhängig von der Absicht aus dem äußerlichen Vollzug erschlossen werden. Wenn jedoch das Handlungssschema Abreagieren von Wut als psychotherapeutische Technik bekannt ist, dann kann die Handlung unter Umständen als ein Fall dieses Schemas erkannt werden.

      Die Absicht bleibt dennoch entscheidend. Ich will dazu ein weiteres Beispiel bringen. Nehmen wir das Beispiel einer bewussten Täuschung. Fritz leiht sich von Peter hundert Euro mit der Absicht sie ihm nicht zurück zu geben. Er sagt: Ich verspreche dir, dir die hundert Euro bis nächsten Montag zurück zu geben. Das Versprechen ist eine gelungene sprachliche Handlung und Peter glaubt ihm und gibt ihm die hundert Euro.
      Der eigentliche Zweck des gelungenen Versprechens war aber die bewusste Täuschung, um an die hundert Euro von Peter zu kommen, und nicht die Sprechhandlung des Versprechens an sich. Insofern ist Fritz Handlung erfolgreich im Sinne seiner Absicht, jedoch nicht erfolgreich im Sinne des Versprechens, da er das Geld ja nicht zurück gibt.
      ERKLÄRUNG AN DAS FORUM
      "Volksverhetzung ist keine Meinung. Hass ist keine politische Position"
    • Her K. schrieb:

      Der Punkt ist nun immer noch der, dass mir nicht klar ist, was dabei der grundlegende Unterschied zwischen "Absicht" und "Zeck" sein soll.
      Ich kopiere - als Diskussionsgrundlage - mal den einschlägigen Passus aus: Dirk Hartmann, Philosophische Grundlagen der Psychologie, Darmstadt 1998. Hartmann ist Janich-Schüler und Mitbegründer des Forschungsprojekts "Methodischer Kulturalismus". Das Buch ist seine überarbeitete Habilitation.

      Hartmann schrieb:

      In der Einführung hatten wir auch festgestellt, daß Kulturen über das Tradieren von Handlungsschemata, Handlungsweisen, (schematisierten) Handlungszusammenhängen und Artefakten konstituiert werden. Insofern wir uns „immer schon" mit anderen Menschen in gemeinsamen Kulturen befunden haben und befinden, können wir die Handlungen dieser anderen Menschen im Lichte unserer jeweiligen Kultur problemlos „verstehen". Das heißt, wir wissen, welche Zwecke und welche Handlungsschemata im Rahmen bestimmter Situationen und Handlungszusammenhänge einschlägig sind. Wenn wir beispielsweise sehen, daß jemand mit Daumen und Zeigefinger einen Nagel gegen eine Wand hält und dann mit einem Hammer auf seinen Daumen schlägt, so wissen wir, daß hier eine Handlung gescheitert ist. Weil wir wissen, daß in solchen Situationen gewöhnlich etwas aufgehängt werden soll, wissen wir auch, welche Handlung als geeignetes Mittel hierzu ursprünglich BEABSICHTIGT beziehungsweise INTENDIERT war (nämlich den Nagel in die Wand zu schlagen), ohne daß wir den Betroffenen erst darüber befragen müßten.


      Oft wird versucht, den Unterschied zwischen Handlung und Verhalten mit der Bemerkung zu erläutern, Handlungen seien im Gegensatz zu bloßem Verhalten absichtliche beziehungsweise intendierte Regungen. Dies ist zwar richtig, aber leider läßt sich der Terminus 'Absicht' nicht methodisch vor dem Terminus 'Handlung' explizieren. Während sich die Unterscheidung zwischen Handlung und Verhalten bereits ohne Zuhilfenahme des Terminus 'Absicht' exemplarisch einführen läßt, wird die Rede von Absichten erst im Hinblick auf die sprachliche Behandlung von gescheiterten Handlungen relevant.

      An dieser Stelle könnte eingewendet werden, daß die Rede von Absichten nicht im Zusammenhang mit dem Scheitern, sondern mit dem Planen von Handlungen eingeführt werden müsse: Man entschließt sich zu einer Handlung, wenn man sich selbst zu ihrer Ausführung auffordert, und solange man sie noch nicht ausgeführt hat, beabsichtigt man noch, sie auszuführen. Zunächst ist hierzu anzumerken, daß auch eine solche Einführung des Terminus 'beabsichtigen' nur auf dem Hintergrund des möglichen Scheiterns von Handlungen Sinn macht. Würden Handlungen niemals scheitern, dann würde die Wendung 'x beabsichtigt, H zu aktualisieren' nicht benötigt (man käme mit 'x wird H aktualisieren' aus). Ein wirklicher Mangel an dieser Art der Einführung der Rede über Absichten besteht jedoch darin, daß hiernach jeder beabsichtigten Handlung eine entsprechende Selbstaufforderung vorausgegangen sein müßte. Dies ist jedoch schlicht inadäquat. Wenn sich zum Beispiel jemand in ein Automobil setzt und anstatt die Autotüre zuzuziehen den Türgriff abreißt, würde er die Frage, ob er denn beabsichtigt hatte, die Autotüre zuzuziehen, wohl zu Recht mit einem klaren „Ja" beantworten. Fragte man ihn hingegen, ob er sich dazu entschlossen beziehungsweise sich selbst dazu aufgefordert hatte, die Autotüre zuzuziehen, so würde er wahrscheinlich sagen: „Nein, ich schließe immer die Tür beim Autofahren." Obzwar sich somit die Einführung des Terminus 'beabsichtigen' über Selbstaufforderungen als inadäquat erweist, lassen sich gleichwohl einige „mentale" Termini (z.B. 'sich entschließen') unter Rekurs auf sprachliche Handlungen einführen. Wir werden von dieser Möglichkeit vor allem im Kapitel über das „Denken" Gebrauch machen.

      Manchmal wird verunsichert gefragt, ob es denn nicht auch unbeabsichtigte Handlungen gebe. Dies ist dadurch veranlaßt, daß wir in der Alltagssprache - insbesondere wenn es um die Beschreibung gescheiterter Handlungen geht - bisweilen eine Handlung und eine nichtbezweckte Handlungsfolge in einer einzigen Beschreibung zusammenfassen ('Er schlug sich mit dem Hammer auf den Daumen'). Es sei hier aber vorgeschlagen, nur von nichtbezweckten Handlungsfolgen, nicht jedoch von unbeabsichtigten Handlungen zu sprechen.

      Hartmann, PGP S. 71f.
      Wenn hier gesagt wird, der Terminus "Absicht" lasse sich methodisch nicht vor dem Terminus "Handlung" explizieren, so bedeutet das lebensweltlich: Die Rede von Absichten kann erst verstanden werden, wenn schon verstanden ist, was "handeln" bedeutet; und dies lasse sich eben ohne den Rückgriff auf "Absichten" verstehen lernen, nämlich durch exemplarische Einführung des Prädikators "handeln" an Beispielen und Gegenbeispielen.
    • Hermeneuticus schrieb:

      Wenn hier gesagt wird, der Terminus "Absicht" lasse sich methodisch nicht vor dem Terminus "Handlung" explizieren, so bedeutet das lebensweltlich: Die Rede von Absichten kann erst verstanden werden, wenn schon verstanden ist, was "handeln" bedeutet; und dies lasse sich eben ohne den Rückgriff auf "Absichten" verstehen lernen, nämlich durch exemplarische Einführung des Prädikators "handeln" an Beispielen und Gegenbeispielen.
      Mal eine blöde Frage: Wie kann man denn "handeln" im Allgemeinen erklären ohne auf Absichten zu rekurrieren? Oder anders gefragt, was ist ein Handeln ohne Absichten?
      ERKLÄRUNG AN DAS FORUM
      "Volksverhetzung ist keine Meinung. Hass ist keine politische Position"
    • Hermeneuticus schrieb:

      Her K. schrieb:

      Der Punkt ist nun immer noch der, dass mir nicht klar ist, was dabei der grundlegende Unterschied zwischen "Absicht" und "Zweck" sein soll.
      [...]

      Hartmann schrieb:

      In der Einführung hatten wir auch festgestellt, daß Kulturen über das Tradieren von Handlungsschemata, Handlungsweisen, (schematisierten) Handlungszusammenhängen und Artefakten konstituiert werden. Insofern wir uns „immer schon" mit anderen Menschen in gemeinsamen Kulturen befunden haben und befinden, können wir die Handlungen dieser anderen Menschen im Lichte unserer jeweiligen Kultur problemlos „verstehen". Das heißt, wir wissen, welche Zwecke und welche Handlungsschemata im Rahmen bestimmter Situationen und Handlungszusammenhänge einschlägig sind. Wenn wir beispielsweise sehen, daß jemand mit Daumen und Zeigefinger einen Nagel gegen eine Wand hält und dann mit einem Hammer auf seinen Daumen schlägt, so wissen wir, daß hier eine Handlung gescheitert ist. Weil wir wissen, daß in solchen Situationen gewöhnlich etwas aufgehängt werden soll, wissen wir auch, welche Handlung als geeignetes Mittel hierzu ursprünglich BEABSICHTIGT beziehungsweise INTENDIERT war (nämlich den Nagel in die Wand zu schlagen), ohne daß wir den Betroffenen erst darüber befragen müßten.[...]
      Wenn hier gesagt wird, der Terminus "Absicht" lasse sich methodisch nicht vor dem Terminus "Handlung" explizieren, so bedeutet das lebensweltlich: Die Rede von Absichten kann erst verstanden werden, wenn schon verstanden ist, was "handeln" bedeutet; und dies lasse sich eben ohne den Rückgriff auf "Absichten" verstehen lernen, nämlich durch exemplarische Einführung des Prädikators "handeln" an Beispielen und Gegenbeispielen.
      Ich verstehe, aber ich verstehe nicht, was das nun mit meiner Frage zu tun hat.

      Hartmann verwendet da ja wohl "Zweck", "Intention" und "Absicht" synonym, oder etwa nicht?

      Und: kann denn der Terminus "Zweck" methodisch vor dem Terminus "Handlung" expliziert werden? Und wenn ja: wie?
    • Ryoba schrieb:

      Hermeneuticus schrieb:

      Wenn hier gesagt wird, der Terminus "Absicht" lasse sich methodisch nicht vor dem Terminus "Handlung" explizieren, so bedeutet das lebensweltlich: Die Rede von Absichten kann erst verstanden werden, wenn schon verstanden ist, was "handeln" bedeutet; und dies lasse sich eben ohne den Rückgriff auf "Absichten" verstehen lernen, nämlich durch exemplarische Einführung des Prädikators "handeln" an Beispielen und Gegenbeispielen.
      Mal eine blöde Frage: Wie kann man denn "handeln" im Allgemeinen erklären ohne auf Absichten zu rekurrieren? Oder anders gefragt, was ist ein Handeln ohne Absichten?
      Frage 1: Indem man etwa sagt: "Dies ist jetzt eine Handlung. Das dort ist ein bloßes Verhalten." Bei "dies" wird auf alltägliche Beispiele für Handlungen gezeigt, bei "das dort" auf Beispiele für Verhalten wie Niesen, Husten, Stolpern, Verdauen, den Kniereflex u.ä.

      Frage 2: Als grundlegende Merkmale von "Handeln" lassen sich - ohne Rekurs auf "Zweck" oder "Absicht" - angeben:

      - Handlungen sind unterlassbar (Verhalten nicht).
      - Handlungen können gelingen oder scheitern (Verhalten nicht). (Ein "gelungener Hustenanfall" oder ein "gescheitertes Niesen" wären denn doch seltsam.)
      - Für Handlungen und ihre Ergebnisse bzw. Folgen machen wir uns gegenseitig verantwortlich, d.h. wir rechnen sie uns als Verdienst oder Verschulden zu. (Für Verhalten - samt Folgen - dagegen "kann man nix".)
    • Hermeneuticus schrieb:

      Frage 1: Indem man etwa sagt: "Dies ist jetzt eine Handlung. Das dort ist ein bloßes Verhalten." Bei "dies" wird auf alltägliche Beispiele für Handlungen gezeigt, bei "das dort" auf Beispiele für Verhalten wie Niesen, Husten, Stolpern, Verdauen, den Kniereflex u.ä.
      Angenommen ich käme vom Mars. Ich hätte dann sicher keinen angemessenen Begriff von Handlung oder Verhalten gewonnen.

      Hermeneuticus schrieb:

      Frage 2: Als grundlegende Merkmale von "Handeln" lassen sich - ohne Rekurs auf "Zweck" oder "Absicht" - angeben:

      - Handlungen sind unterlassbar (Verhalten nicht).
      - Handlungen können gelingen oder scheitern (Verhalten nicht). (Ein "gelungener Hustenanfall" oder ein "gescheitertes Niesen" wären denn doch seltsam.)
      - Für Handlungen und ihre Ergebnisse bzw. Folgen machen wir uns gegenseitig verantwortlich, d.h. wir rechnen sie uns als Verdienst oder Verschulden zu. (Für Verhalten dagegen "kann man nix".)
      Die Begriffe "unterlassbar" und "verantwortlich" enthalten nun aber schon implizit so etwas wie eine handlungsbestimmende Absicht.
      ERKLÄRUNG AN DAS FORUM
      "Volksverhetzung ist keine Meinung. Hass ist keine politische Position"
    • Her K. schrieb:

      Könntest Du diese Relation noch ein bisschen näher erläutern?
      Mit dem nächstfolgende Zitat, hast du beabsichtigt mich zu erreichen.
      Absicht, Handlung, Zweck. (Du hast nicht Absicht beabsichtigt, auch
      nicht irgendeine Handlung, sondern einen Zweck beabsichtigt und die
      Brücke war dazu die Handlung.)


      Her K. schrieb:

      (Und noch ein Feedback am Rande: es irritiert mich wirklich sehr, wenn mich jemand in der 3. Person anspricht, denn dann habe ich den Eindruck, dass er nicht mit mir, sondern über mich reden will. Es mag sein, dass ich an der Stelle etwas überempfindlich bin, aber mir wär's wirklich lieber, wenn Du mich direkt ansprechen würdest.)
      1) Entschuldigung, dass ich deinem Anspruch nicht immer nachkommen kann.

      2) Liegt auch an meiner -wie ich meine- eher zurückhaltenden Art.

      3) Wobei meine Haltung höflich sein will, zumal jetzt auch Leser gemeint waren,
      die sich vielleicht nicht aus ihrer Ebene herausgerissen fühlen und daher zur
      Berichtigung sowohl meine Ebene betreffend als auch Vermittelndes zu
      meinem Verständnis und Threadthema zu sagen hätten.

      4) Erst jetzt wäre der Zweck des oben im Klammer gesetzten erreicht (und es tut
      nichts zur Sache, dass aus dem erreichten Zweck wiederum eine Absicht hervorgegangen
      ist verstanden zu werden - und ich weiß noch nicht, ob ich den Zweck meiner Absicht
      schon erreicht habe).
      Ein Leben beginnt gewöhnlich mit der Geburt---meins nicht.
      Zumindest weiß ich nicht, wie ich ins Leben gekommen bin.

      (W.Moers: Die 13 1/2 Leben des Käpt'n Blaubär, Kapitel 1.: Mein Leben als Zwergpirat, 1. Satz)
    • Ryoba schrieb:

      Der Zweck einer Handlung ist im Prinzip nur dann erkennbar, wenn man ein schon bekanntes Handlungsschema voraussetzt.
      Das vermischt individuelle Motivation mit der (urteilenden/urteilen wollenden) deskriptiven Ebene. Absicht wäre in Zweck und Ziel zu differenzieren, Ziel darüber hinaus noch in subjektiv antizipiertes und faktisch... hmm... eintretendes, erreichbares, mögliches... Zweck stellt ein (quasi) strategisches Moment dar, Strategie eine Art Rezept, dessen Befolgen das Erreichen eines Ziels verspricht oder zu versprechen scheint. Wobei Ziel - in diesem Sinne, also methodisch, nicht phänomenal - immer eine individuelle Antizipation (begrifflich) darstellt, die nicht notwendig realistisch oder gar realisierbar sein muss, unter entsprechenden Umständen sogar ein für ein U vorgemachtes X anstreben könnte.
      Noch nicht einmal muss eine Handlung als intendiert "erkennbar" sein, damit es eine wäre. Zweckorientiertes Verhalten ist per Definition Handeln. Das mag niemand erkennen, aber darum geht es auch nicht, denn auf die Zuschreibung kommt es ebensowenig an, wie darauf, dass dies unter dieses oder jenes Handlungsschema fallen würde. (Der Rest ist Kommunikation...)

      Ryoba schrieb:

      Bei deinem Beispiel wird auch deutlich, dass Zweck b), also das Abreagieren von Gefühlen äußerlich nicht unbedingt beobachtbar ist.
      Zwecke sind ja auch nicht beobachtbar. Die können zugeschrieben oder kommuniziert werden.

      Ryoba schrieb:

      Daher kann dieser Zweck auch nicht ganz unabhängig von der Absicht aus dem äußerlichen Vollzug erschlossen werden. Wenn jedoch das Handlungssschema Abreagieren von Wut als psychotherapeutische Technik bekannt ist, dann kann die Handlung unter Umständen als ein Fall dieses Schemas erkannt werden.
      Kommt mir immer wieder so vor, als würde die vorherrschende psychologisch orientierte Klientel sowohl ein Alsob als auch ein Scheints aussortiert zu haben. (Ganz zu schweigen davon, dass sich Handlung nicht dadurch konstituiert, dass dies zugeschrieben würde.)

      Ryoba schrieb:

      Die Absicht bleibt dennoch entscheidend.
      Wofür nun...?

      Ryoba schrieb:

      Nehmen wir das Beispiel einer bewussten Täuschung. Fritz leiht sich von Peter hundert Euro mit der Absicht sie ihm nicht zurück zu geben. Er sagt: Ich verspreche dir, dir die hundert Euro bis nächsten Montag zurück zu geben. Das Versprechen ist eine gelungene sprachliche Handlung und Peter glaubt ihm und gibt ihm die hundert Euro.
      Der eigentliche Zweck des gelungenen Versprechens war aber die bewusste Täuschung, um an die hundert Euro von Peter zu kommen, und nicht die Sprechhandlung des Versprechens an sich. Insofern ist Fritz Handlung erfolgreich im Sinne seiner Absicht, jedoch nicht erfolgreich im Sinne des Versprechens, da er das Geld ja nicht zurück gibt.
      Zweck wäre Peter zu täuschen... (mit dem) Ziel, hundert Euro zu bekommen. (Ersteres wäre volatil, könnte sich anders gestalten...)

      Hermeneuticus schrieb:

      Wenn hier gesagt wird, der Terminus "Absicht" lasse sich methodisch nicht vor dem Terminus "Handlung" explizieren, so bedeutet das lebensweltlich: Die Rede von Absichten kann erst verstanden werden, wenn schon verstanden ist, was "handeln" bedeutet; und dies lasse sich eben ohne den Rückgriff auf "Absichten" verstehen lernen, nämlich durch exemplarische Einführung des Prädikators "handeln" an Beispielen und Gegenbeispielen.
      Umgekehrt... Niemand setzt an, indem er statuiert: "Ich möchte nun Handeln"... Absicht (s. o.) konstituiert Handlung.
      Gruß,
      n0\/0n

      deutsch.
      think, tank.
    • novon schrieb:

      Das vermischt individuelle Motivation mit der (urteilenden/urteilen wollenden) deskriptiven Ebene.
      Den Zweck aus dem objektiven Vollzug zu erschließen, ist eine rein deskriptive Aussage. (Die Handlung hat den und den Zweck). Selbst zu behaupten, dass die Handlung den Zweck erreicht oder verfehlt ist noch eine deskriptive Aussage. Das Handlungsschema ist nicht als eine subjektive Absicht gegeben, sondern als ein allgemeiner Begriff einer Handlung, der durch die singuläre Handlung aktualisiert wird.

      Auf die subjektive Absicht oder Motivation kann bedingt aus dem Vollzug geschlossen werden. Es ist hier sozusagen der Unterschied der Beobachter- und der Teilnehmerperspektive, der relevant ist.

      novon schrieb:

      Noch nicht einmal muss eine Handlung als intendiert "erkennbar" sein, damit es eine wäre. Zweckorientiertes Verhalten ist per Definition Handeln. Das mag niemand erkennen, aber darum geht es auch nicht, denn auf die Zuschreibung kommt es ebensowenig an, wie darauf, dass dies unter dieses oder jenes Handlungsschema fallen würde. (Der Rest ist Kommunikation...)
      Und worauf kommt es dann an? Nicht auf die erkennbare Intention, nicht auf die Erkennbarkeit als aktualisiertes Handlungsschema.
      Welche Kriterien gelten dafür, dass Verhalten zweckorientiert ist?

      novon schrieb:

      Kommt mir immer wieder so vor, als würde die vorherrschende psychologisch orientierte Klientel sowohl ein Alsob als auch ein Scheints aussortiert zu haben.
      Im Gegenteil, das Beispiel mit dem Stein sollte lediglich zeigen, dass Zwecke auch innerliche und damit nicht direkt beobachtbare Zustände sein können.

      Das Beispiel mit der bewussten Täuschung zeigt dagegen, dass eine an sich wohlgeformte und daher gelungene Handlung (der Sprechakt des Versprechens) einen anderen Zweck haben kann als es scheint. Daher ist sie erfolgreich, wenn sie nicht erfolgreich ist....Daraus folgt, dass man subjektive Absichten eben doch berücksichtigen muss bei der Beurteilung von Erfolg und Misserfolg von Handlungen.
      ERKLÄRUNG AN DAS FORUM
      "Volksverhetzung ist keine Meinung. Hass ist keine politische Position"
    • Her K. schrieb:

      was genau sind nach Janichs Ansicht Zwecke, wie entstehen diese und was unterscheidet sie grundsätzlich von Absichten?
      auf Seite 38. (Peter Janich: Sprache und Methode/Eine Einführung in die philosophische
      Reflexion UTB A. Francke Verlag Tübingen 2014) lese ich: "Handlungen, mit denen ein
      Zweck verfolgt wird, wird man nur als verstanden bezeichnen, wenn zugleich gewusst
      wird, für welchen Zweck die fragliche Handlung ein Mittel ist."

      Übernächster Satz: "Handlungsverstehen wird nur dort stattfinden, wo die Unterstellung
      der Zweckrationalität ihren Platz hat.

      Und jetzt lese (Her K.) das so: "Handlungen, mit denen eine Absicht verfolgt wird, wird man
      nur als verstanden bezeichnen, wenn zugleich gewusst wird, für welche Absicht die fragliche
      Handlung ein Mittel ist" und "Handlungsverstehen wird nur dort stattfinden, wo die Unterstellung
      der Absichtsrationalität" ihren Platz hat.

      Oder der Ausdruck: Mittel-Zweck-Relation. Ich denke schon, dass da praktisch noch ein Mensch
      kommen muss, der das Ding mit seinem Vorsatz erst in Gang bringt.
      Ein Leben beginnt gewöhnlich mit der Geburt---meins nicht.
      Zumindest weiß ich nicht, wie ich ins Leben gekommen bin.

      (W.Moers: Die 13 1/2 Leben des Käpt'n Blaubär, Kapitel 1.: Mein Leben als Zwergpirat, 1. Satz)
    • Ryoba schrieb:

      novon schrieb:

      Das vermischt individuelle Motivation mit der (urteilenden/urteilen wollenden) deskriptiven Ebene.
      Den Zweck aus dem objektiven Vollzug zu erschließen, ist eine rein deskriptive Aussage. (Die Handlung hat den und den Zweck). Selbst zu behaupten, dass die Handlung den Zweck erreicht oder verfehlt ist noch eine deskriptive Aussage. Das Handlungsschema ist nicht als eine subjektive Absicht gegeben, sondern als ein allgemeiner Begriff einer Handlung, der durch die singuläre Handlung aktualisiert wird.
      Auf die subjektive Absicht oder Motivation kann bedingt aus dem Vollzug geschlossen werden. Es ist hier sozusagen der Unterschied der Beobachter- und der Teilnehmerperspektive, der relevant ist.
      Ja, das meinte ich mit "vermischt". Relevanz wäre in dem Sinne angesprochen, ob es denn um eine Handlungstheorie ginge - die imo individuelle Motivationen, deren Zustandekommen und Umsetzung zum Gegenstand hätte - oder um eine Handlungsbeschreibungs- oder vielleicht Handlungserkenntnistheorie. Eine Handlung kommt imo nicht daheraus zustande, dass sie als solche erkannt oder beschrieben wäre, sondern ist dies immer bereits aus sich selbst, aus dem motivierten Akt als solchem heraus. Was haben etwaige Kriterien, anhand derer Zwecke eventuell geschlussfolgert oder gewähnt werden könnten in einer Handlungstheorie zu suchen?!? Das sind zwei Paar Latschen. Eine Handlungstheorie, die sich (quasi) darauf einließe sich mit soetwas zu befassen, verfehlt damit immannt ihren Zweck und etwaigen Anspruch.

      Ryoba schrieb:

      novon schrieb:

      Noch nicht einmal muss eine Handlung als intendiert "erkennbar" sein, damit es eine wäre. Zweckorientiertes Verhalten ist per Definition Handeln. Das mag niemand erkennen, aber darum geht es auch nicht, denn auf die Zuschreibung kommt es ebensowenig an, wie drauf, dass dies unter dieses oder jenes Handlungsschema fallen würde. (Der Rest ist Kommunikation...)
      Und worauf kommt es dann an? Nicht auf die erkennbare Intention, nicht auf die Erkennbarkeit als aktualisiertes Handlungsschema.Welche Kriterien gelten dafür, dass Verhalten zweckorientiert ist?
      Sofern dir jemand Sinn und Zweck seines (Nicht)Agierens plausibel darlegen könnte, man selbst sich dessen gewahr wäre, hat man es eben mit Handlungen zu tun. Wieso sollte Handlungstheorie damit befasst sein, wie man Handlungen als solche erkennen könne? Handlung ist per Definition bestimmt und gut.

      Ryoba schrieb:

      novon schrieb:

      Kommt mir immer wieder so vor, als würde die vorherrschende psychologisch orientierte Klientel sowohl ein Alsob als auch ein Scheints aussortiert zu haben.
      Im Gegenteil, das Beispiel mit dem Stein sollte lediglich zeigen, dass Zwecke auch innerliche und damit nicht direkt beobachtbare Zustände sein können.
      Das Beispiel mit der bewussten Täuschung zeigt dagegen, dass eine an sich wohlgeformte und daher gelungene Handlung (der Sprechakt des Versprechens) einen anderen Zweck haben kann als es scheint. Daher ist sie erfolgreich, wenn sie nicht erfolgreich ist....Daraus folgt, dass man subjektive Absichten eben doch berücksichtigen muss bei der Beurteilung von Erfolg und Misserfolg von Handlungen.
      Das ist imo (sorry) so flach wie falsch.
      Motivation: A braucht €100,-
      Ziel: €100,- bekommen.
      Handlung 1: A geht zur Bank und versucht €100,- von seinem Konto abzuheben, bekommt es aber nicht. (Handlung erfolgreich, Zweck erfüllt, Ziel verfehlt.)
      Handlung 2: A setzt sich in die Fußgängerzone und versucht €100,- mit dem Singen ihm bekannter Lieder einzuspielen, bekommt aber keine €100,- zusammen. (Handlung erfolgreich, Zweck erfüllt, Ziel verfehlt.)
      Handlung 3: A schleicht sich Nachts zum Glücksbrunnen und versucht €100,- von seinem Grund zu angeln, findet allerdings keine Möglichkeit, an die Münzen auf dem Grund zu kommen. (Handlung erfolglos, Zweck unerfüllt, Ziel verfehlt.)
      .
      .
      .
      Handlung n: A bittet B ihm €100,- zu leihen und und bekommt sie auch. (Handlung erfolgreich, Zweck erfüllt, Ziel erreicht.)
      Teilhandlung n(1): A versprich B ihm das Geld später zurückzuzahlen.

      Das dies A nicht möglich sein könnte spielt hier doch lediglich mittelbar eine Rolle, sofern diesbezüglich keine sicheren Prognosen möglich sind. Wäre es tatsächlich nicht möglich oder auch beabsichtigt das Geld nicht zurückzuzahlen, womöglich mehrfach, wird A sich auf längere Sicht wahrscheinlich nirgendwo mehr Geld leihen können, gegebenenfalls auf die eine oder andere Art Ärger bekommen... Inwiefern würde dem handlungstheoretisch Relevanz zukommen? A handelt bereits, indem er B um Geld bittet. Eine etwaige Absicht, dies nicht zu tun würde eine variierte Motivation darstellen, aber nicht die Handlung verändern.
      Gruß,
      n0\/0n

      deutsch.
      think, tank.
    • Der Punkt, den du leider vollkommen verfehlst, ist, dass das Versprechen eine wohlgeformte Sprechhandlung darstellt und insofern gelungen ist. Allerdings unaufrichtig gegeben wird und daher nicht wahr und erfolgreich ist. Das entspricht Janichs Unterscheidung von Gelingen und Erfolg. Hier spielt auch der Bezug der sprachlichen Handlung auf deren nichtsprachliche Verwirklichung eine zentrale Rolle.

      Deine Unterscheidung zwischen Zweck und Ziel leuchtet mir überhaupt nicht ein. Warum ist der Zweck erreicht, wenn ich Geld abheben will und das nicht funktioniert?
      ERKLÄRUNG AN DAS FORUM
      "Volksverhetzung ist keine Meinung. Hass ist keine politische Position"
    • Her K. schrieb:

      Zwischendurch, wenn's recht ist, würde ich gerne noch eine Frage zu Janich stellen wollen, ich beziehe mich da auf Friederikes Link: diesen. Auf Seite 347 bezieht sich Janich auf die Begriffe "Absicht" bzw. "Intention", die er mit der Begründung ablehnt, das seien Begriffe, die sich auf mentale Ereignisse bzw. mentale Zustände des Akteurs beziehen würden.
      Die Begründung lautet genauer, dass die mentalen Ereignisse oder Zustände, die mit "beabsichtigen" bezeichnet werden, sprachlich schwer zu bestimmen seien. Die Zugänglichkeit dieser mentalen Sachverhalte für eine klare Sprache müsse erst einmal aufgewiesen werden. Die endlosen Debatten um "Intentionalität" in der Tradition von Brentano und Husserl stimmten diesbezüglich pessimistisch.

      D.h. die Begründung für die Hintansetzung (nicht zu verwechseln mit einer völligen Ablehnung!) des Terminus "Absicht" ist eine methodische. Statt bei einem Sachverhalt anzufangen, der primär nicht zugänglich ist, empfiehlt es sich, beim problemlos Zugänglichen zu beginnen. Hat man dann die Sache auf diesem Weg nachvollziehbar geklärt, lässt sich - wo es nötig wird - dann auch der Ausdruck "Absicht" einführen - aufbauend auf die schon verfügbaren Begriffe.
      Es werden also keine empirischen oder ontologischen Behauptungen aufgestellt oder verneint, die das Vorhandensein und die Beschaffenheit von gewissen mentalen Zuständen/Ereignissen betreffen.

      Das Beispiel mit der Eiskunstläuferin soll demonstrieren, wie es alltäglich gelingt, Handlungen angemessen zu verstehen und zu bewerten, ohne auf unzugängliche Zustände/Ereignisse im Akteur zurückzugreifen. Aber die eigentlich Pointe des Beispiels liegt hier:

      "Wenn einer Eiskunstläuferin ein Sprung gelingt, ist er per definitionem so erfolgt, wie sie ihn intendiert hat."

      D.h. die Definition der Handlung durch den Begriff der "Absicht" erlaubt es uns, von der gelungenen Handlung auf die ihr vorausgehende mentale Planung der Handlung zu schließen. Andere Anhaltspunkte als die sichtbare Handlung und unsere Definition haben wir nicht für diesen Schluss. Der Beobachter muss aber, um diesen Schluss ziehen zu können, zunächst einmal beurteilen, ob denn die Handlung - für sich genommen - gelungen oder misslungen war. Und dabei stützt er sich - offensichtlich - nicht auf die Absicht der Springerin; die Kriterien dafür muss er von woanders beziehen. Im Beispiel sind es die Regeln des Eiskunstlaufs, die bestimmen, wie gewisse Handlungsschemata ("Doppel-Axel", "eingesprungener Rittberger") ideal auszusehen haben.

      Nehmen wir nun aber an, der Sprung sei misslungen. Was wollen wir dann sagen: War es die Absicht des Akteurs, den Sprung genau auf diese Weise zu vermurksen? Das ergäbe keinen Sinn. Trotzdem war doch auch der verunglückte Sprung eine "intentionale Handlung". Ja, denn die Eiskunstläuferin hatte die Absicht, einen gelungenen Sprung "aufs Parkett zu legen", d.h. sie wollte den Sprung möglichst genau so ausführen, wie es die Regeln vorsehen - jene Regeln also, anhand derer die Punktrichter dann ihre faktische Ausführung des Sprungs bewerten. Das Handlungsergebnis kann also nicht als "so beabsichtigt" interpretiert werden. Es ist der Akteurin ("unfreiwillig") widerfahren oder zugestoßen. Trotzdem bewerten die Punktrichter nicht die guten Absichten der Akteurin, sondern sie rechnen ihr die misslungene Ausführung als Versagen, als Fehler an.

      Im Beispiel verhält es sich demnach so, dass der Zweck der Handlung sich ("objektiv") bestimmen lässt, ohne auf die mentalen Vorgänge ("subjektive" Absichten) in der Eiskunstläuferin zurückzugreifen. Die Handlung ist auch so verständlich - als "zweckrational" und "zurechenbar". (Siehe dazu die Parallele bei der mentalistischen Interpretation von "Bedeutung"; Beitrag 49 im Thread "Grundsätzliche Fragen zum Pragmatismus".)

      Her K. schrieb:

      So oder so sind Absichten und Zwecke die von Akteuren, von Akteuren festgelegt. In seinem Beispiel "Punktrichter für Eiskunstlauf oder Turmspringen" wird das auch ziemlich deutlich: die dabei verwendeten Regeln wurden festgelegt.
      Schon. Nur wie gerade ausgeführt, sind diese Regeln öffentlich zugänglich und damit "etwas Objektives". Genau besehen machen sie die Rede von der subjektiven Absicht der Eiskunstläuferin überflüssig, tautologisch. - Das ist natürlich nicht auf alle Handlungen und Handlungssituationen übertragbar. In vielen Situationen kommt man wohl nicht darum herum, auf die Absichten, die "Motive" von Akteuren einzugehen, um die Handlung zu verstehen und angemessen zu beurteilen. Das Beispiel soll auch nur zeigen, dass die Handhabung des Begriffs "Absicht" von anderen Begriffen abhängt, die zuerst geklärt sein müssen.
    • Hermeneuticus schrieb:

      Die Begründung lautet genauer, dass die mentalen Ereignisse oder Zustände, die mit "beabsichtigen" bezeichnet werden, sprachlich schwer zu bestimmen seien. Die Zugänglichkeit dieser mentalen Sachverhalte für eine klare Sprache müsse erst einmal aufgewiesen werden. Die endlosen Debatten um "Intentionalität" in der Tradition von Brentano und Husserl stimmten diesbezüglich pessimistisch.
      D.h. die Begründung für die Hintansetzung (nicht zu verwechseln mit einer völligen Ablehnung!) des Terminus "Absicht" ist eine methodische. Statt bei einem Sachverhalt anzufangen, der primär nicht zugänglich ist, empfiehlt es sich, beim problemlos Zugänglichen zu beginnen. Hat man dann die Sache auf diesem Weg nachvollziehbar geklärt, lässt sich - wo es nötig wird - dann auch der Ausdruck "Absicht" einführen - aufbauend auf die schon verfügbaren Begriffe.
      Schön, bloß sagt Janich später dann dies:

      "Handlungen verfolgen Zwecke. Zwecke werden realisiert oder nicht und bestimmen damit, ob die Handlung erfolgreich oder erfolglos geblieben ist."

      Er führt hier den Begriff "Zweck" übergangslos ein und er scheint wohl zu meinen, dass "Zweck" - im Gegensatz zu "Intention" oder "Absicht" - ein unproblematischer Begriff sei. Und eben das verstehe ich nicht.

      Du sagst nun oben u.a.:

      - der Terminus "Absicht" lasse sich methodisch nicht vor dem Terminus "Handlung" explizieren
      - die Hinantsetzung des Terminus "Absicht" sei eine methodische
      - statt bei einem Sachverhalt anzufangen, der primär nicht zugänglich ist, empfiehlt es sich, beim problemlos Zugänglichen zu beginnen
      etc.

      Alles schön und gut, aber all das gilt doch ebenso für den Begriff "Zweck". Oder nicht?

      Und was mich bei Janichs Handlungs-Konzept hauptsächlich stört, (das Obige hängt aber wohl damit zusammen), ist diese Aussage von ihm:

      "Der Unterscheidungsintention entsprechend wird deshalb Handeln durch die Bestimmung präzisiert, dass uns unser Handeln von unseren Mitmenschen als Verdienst oder Verschulden zugeschrieben [...] wird."

      Vielleicht hat Janich ja da nun nur unglücklich formuliert und ich verstehe ihn deswegen falsch. Aber ich verstehe das nun so: Zuschreibung von Verantwortung geschieht anscheinend nach Janichs Ansicht immer nur durch Dritte. Und falls Janich das meinte, hielte ich das für falsch: Verantwortung schreibt man sich auch selber zu. Anders gesagt sollte Janichs Aussage besser so lauten:

      "Der Unterscheidungsintention entsprechend wird deshalb Handeln durch die Bestimmung präzisiert, dass uns unser Handeln von unseren Mitmenschen oder uns selber als Verdienst oder Verschulden zugeschrieben [...] wird."