Pragmatismus und Ästhetik

    Diese Seite verwendet Cookies. Durch die Nutzung unserer Seite erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies setzen. Weitere Informationen

    • Pragmatismus und Ästhetik

      Weil mir dieses weitreichende Thema wichtig erscheint, habe ich mir erlaubt, es aus der Diskussion um "Vollzug und Beschreibung" auszugliedern und ihm einen eigenen Thread zu widmen. Als Einstieg zitiere ich einfach Eure bisherigen Beiträge dazu.

      - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - -


      Ryoba schrieb:

      Friederike schrieb:

      "Um ihrer selbst willen", das greife ich noch auf, weil Schachspielen, Musik hören, eine theoretische Frage beackern natürlich "Handlungen" sind, die lt. Janich u.A. per definitionem zweckorientiert erfolgen. Daß Vergnügen, Genuß, Freude -Neugier, Wissensdurst, wie Ryoba schrieb- nun selbstverständlich, oder nicht? ebenfalls Zwecke sind, darauf muß man ja auch erst einmal kommen. So lösen sich für mich nach und nach alle Einwände gegen ein derart verstandenes "Handeln" in Luft und Wohlgefallen auf.
      Das Spiel und Kunst sind besondere Bereiche, wenn es um Zwecke geht. Kant spricht bei der Ästhetik ja von einer Zweckmäßigkeit ohne Zweck. Was das nun genau heißt, müssten wir diskutieren. Und auch das Spiel nimmt hier eine Sonderstellung ein. Denn das Spiel wird erst dadurch konstituiert, dass es bestimmte Regeln gibt, die festgelegt werden, und es ist frei von äußeren Zwecken.
      Friedrich Schiller hat in seinen "Briefen zur ästhetischen Erziehung des Menschen" über den ästhetischen Spieltrieb als die Vereinigung der passiven Sinnlichkeit und der formgebenden Selbsttätigkeit des Verstandes geschrieben. „Der Mensch spielt nur, wo er in voller Bedeutung des Wortes Mensch ist, und er ist nur da ganz Mensch, wo er spielt.“

      Friederike schrieb:

      Ryoba schrieb:

      Das Spiel und Kunst sind besondere Bereiche, wenn es um Zwecke geht. Kant spricht bei der Ästhetik ja von einer Zweckmäßigkeit ohne Zweck. Was das nun genau heißt, müssten wir diskutieren. Und auch das Spiel nimmt hier eine Sonderstellung ein. Denn das Spiel wird erst dadurch konstituiert, dass es bestimmte Regeln gibt, die festgelegt werden, und es ist frei von äußeren Zwecken.
      Sind wir uns in einer Voraussetzung einig? Daß wir -mit Janich-unter "Handlung" im Unterschied zum Verhalten zweckorientiertes Agieren verstehen? Falls ja, dann können wir uns auf die Zwecke konzentrieren. Ich persönlich (will sagen, ich berufe mich auf niemanden außer auf meine bescheidene Meinung) würde "Zwecke" nicht klassifizieren, jedenfalls nicht im Hinblick auf den pragmatistischen Ansatz. Es führt nicht weiter, denke ich, Kriterien zu suchen (ein richtig großes Unternehmen), mit Hilfe derer man dann eine Systematik der Zwecke erstellt, weil alle Bereiche -Politik, Kunst, Wirtschaft, Religion, Wissenschaft, Medien- zusammen die "soziale Praxis" bilden. Diese wiederum ist -metaphorisch gesprochen- der Raum, den der Pragmatizismus als Untersuchungsgegenstand wählt, weil sich in ihm menschliches Handeln ereignet.

      Außerdem verstehe ich auch nicht, warum Kant gemeint hat, das Spiel nähme eine Sonderstellung ein. Denn ist es nicht so, daß ebenso wie "Spiel", auch "Recht", "Wissenschaft", "Arbeit" etc. jeweils das Produkt von Regeln sind, die man festlegt - wodurch sie also überhaupt erst als eigenständige Bereiche "ins Leben gerufen", hervorgebracht werden?

      Was sagt denn eigentlich Janich dazu, falls er sich zur Kunst, den ästhetischen Zwecken geäußert hat?

      Ryoba schrieb:

      @Friederike

      Ich fasse mich mal kurz, da ich von Smartphone schreibe. Die Unterscheidung von Janich kann ich nachvollziehen. Jedoch meine ich, dass das zweckrationalen Handeln im Hinblick auf Mittel und Ziele eine reduzierte Sicht der Dinge ist. Deshalb habe ich die ästhetische Erfahrung und Spiel gebracht. Diese ist auf das ganze Objekt gerichtet und die Grundlage für Abstraktion. Ich weiß nicht, was bei Janich ein Komplement dazu ist oder ob es eins gibt.
      Die ästhetische Erfahrung ist für meine Begriffe die Basis für Lernprozesse, wissenschaftliche Erkenntnisse und zweckrationales Handeln.

      Das Spiel kommt durch konstitutive Regeln zustande. Schach spielen können heißt zu wissen wie die Figuren ziehen. Ohne diese Regeln gibt es kein Spiel namens Schach. Die Regeln von Wissenschaft und Recht sind m.E. Nur zum Teil konstitutive Regeln.

      CanumaPueblo schrieb:

      Ryoba schrieb:

      Die ästhetische Erfahrung ist für meine Begriffe die Basis für Lernprozesse, wissenschaftliche Erkenntnisse und zweckrationales Handeln.
      was begreifst du hier als "ästethische Erfahrung"?
      Meinst du "Spiel" im Sinne von Theater oder im Sinne von Spieltheoretische Überlegungen auf Basis von Beobachtungen des "Spiel des Lebens bzw. des autopoietischen"?
    • Ryoba schrieb:

      Das Spiel und Kunst sind besondere Bereiche, wenn es um Zwecke geht. Kant spricht bei der Ästhetik ja von einer Zweckmäßigkeit ohne Zweck. Was das nun genau heißt, müssten wir diskutieren. Und auch das Spiel nimmt hier eine Sonderstellung ein. Denn das Spiel wird erst dadurch konstituiert, dass es bestimmte Regeln gibt, die festgelegt werden, und es ist frei von äußeren Zwecken.
      Man darf aber nicht übersehen, dass Kunst in Europa erst seit dem 18. Jh. als ein "autonomer", also von "äußeren Zwecken" befreiter Bereich verstanden wird. Kants Kritik der Urteilskraft spielte in diesem historischen Wandel des künstlerischen Selbstverständnisses bzw. der Kunsttheorie eine wichtige Rolle. Vor diesem Umbruch, der auch gesellschaftliche Gründe hatte (Aufstieg des Bürgertums), wurden die Künste als bestimmte Formen des Handwerks und die Kunstwerke ganz selbstverständlich als zweckgebunden verstanden. Kunsttheorie war dementsprechend eine angewandte, handwerkliche Lehre, die sich an das Vorbild der Rhetorik anlehnte.

      Zwar hat sich seit dem 18. Jh. weitgehend ein Kunstverständnis durchgesetzt, das Kunstwerke als zweckfreie Selbstverwirklichungen von "Genies" bestaunt. Aber dagegen haben sich aus verschiedenen Richtungen auch Gegenstimmen erhoben (ich nenne nur das "Bauhaus", das politische Kunstverständnis in der sozialistisch-kommunistischen Bewegung und Gadamers Kritik des ästhetischen Subjektivismus). Unbestreitbar bildet ja nach wie vor das "Kunsthandwerk" in seinen vielfältigen Formen rein quantitativ das weitaus größte künstlerische Betätigungsfeld: Architektur, Design, Photographie, Graphik, Mode, Film, populäre Musik (in den Massenmedien und als fester Bestandteil von Festen aller Art), "Kleinkunst"... Aber dieser quantitativ größte und "sozial relevanteste" Bereich der "angewandten" Ästhetik führt kunstphilosophisch merkwürdigerweise ein Schattendasein. Und das liegt wohl in der Tat daran, dass die "eigentliche", "hohe" Kunst nach wie vor als "autonom", als "L'art pour l'art" begriffen wird.

      Kurz, es kann keineswegs als ausgemacht gelten, dass Kunst und Kunsterfahrung frei von "äußeren" Zwecken seien. Ich sehe es umgekehrt eher so, dass das kunsttheoretische Paradigma der künstlerischen "Autonomie" nur einen kleinen Ausschnitt des gesamten Phänomenbestands zu erfassen vermag, und dies obendrein in einem historisch und kulturell eng begrenzten Rahmen.

      Dieser Beitrag wurde bereits 1 mal editiert, zuletzt von Hermeneuticus ()

    • Ryoba schrieb:

      Das Spiel und Kunst sind besondere Bereiche, wenn es um Zwecke geht. Kant spricht bei der Ästhetik ja von einer Zweckmäßigkeit ohne Zweck. Was das nun genau heißt, müssten wir diskutieren. Und auch das Spiel nimmt hier eine Sonderstellung ein. Denn das Spiel wird erst dadurch konstituiert, dass es bestimmte Regeln gibt, die festgelegt werden, und es ist frei von äußeren Zwecken.
      Warum meinst du, sieht er das mit der Zweckmäßigkeit ohne Zweck so? Hegel bezeichnet die Metaphysik und ihr Wesen zuweilen als "Kunstwerk" oder "Diamant"(zumindest dem Sinne nach). Heidegger beschreibt das Kunstwerk im besonderen. Auch Adorno sieht die Ästethik insbesondere das Theater m.E. als wichtig. Ich denke in der Ästethik verbirgt sich die soziologische Metaphysik. Das Walten der Mächte der Natur und deren Beobachtung sowie Interpretation durch den Mensch in Hinblick als soziales, kollektives Wesen.

      Ästethik ist m.E. das, in das das Genie seinen "Weltschmerz" sublimiert. Hier versteckt sich die Welt als Groteske Veranstaltung, deren Wesen die Falschheit ist und damit die Realität und, schwerwiegender, ihr Spiegelbild in verzeitlichter Betrachtung.

      Ästethik ist autopoietisch gesehen das System, indem sich "verkanntes Genie" Anerkennung sucht und auf das in der Welt, in verschiedensten Bereichen der Ästethik und Wissenschaft hingewiesen wird. Die Differenz zwischen geglaubten und naturalistischen.
      „Die Gegenwart ist die Zeit der Analysen, das Resultat aller Systeme, die jemals entstanden sind.“ - Kasimir Sewerinowitsch Malewitsch
      Es gilt die Logik auf Geometrie zu gründen.
      Die Geschichte von den zwei Quadraten.
      Die Geschichte der Religion.
    • Hermeneuticus schrieb:

      h nenne nur das "Bauhaus", das politische Kunstverständnis in der sozialistisch-kommunistischen Bewegung und Gadamers Kritik des ästhetischen Subjektivismus)
      Wieso kritisieren diese Sichtweisen einen, wie er hier durch dich in Form von Gadamer genannt wird, "ästethischen Subjektivismus"?
      Kritisieren sie diesen als Falsch oder unvollständig?
      „Die Gegenwart ist die Zeit der Analysen, das Resultat aller Systeme, die jemals entstanden sind.“ - Kasimir Sewerinowitsch Malewitsch
      Es gilt die Logik auf Geometrie zu gründen.
      Die Geschichte von den zwei Quadraten.
      Die Geschichte der Religion.
    • Was sagt denn eigentlich Janich dazu, falls er sich zur Kunst, den ästhetischen Zwecken geäußert hat?
      Dazu hat er sich, so weit mein Auge reicht, nicht geäußert. Er erwähnt nur beiläufig auch "Mußehandlungen", die um ihrer selbst willen vollzogen werden.

      Allerdings sind ja auch Handlungen, die nicht als "Mittel" der Erreichung eines weiteren Zwecks dienen, grundsätzlich als "intentional" zu begreifen. - Und abgesehen davon kommt man zur Kunst und zum Kunstgenuss nicht "wie die Jungfrau zum Kinde". Ohne zielstrebiges, zweckgerichtetes Handeln geht das nicht. Wer z.B. einen Tanzkurs absolviert, sich als Hobbyphotograph betätigt oder ein Instrument erlernt, der verfolgt damit ja durchaus Ziele und begibt sich in eine "Lehre", die methodisch geordnet ist. Auch kann man keinen Song schreiben und komponieren, ohne dabei zu überlegen, an wen man sich wenden möchte und mit welchen sprachlichen und musikalischen Mitteln bzw. "Kunstgriffen" man seine "Botschaft" am besten überbringt. Zu jeder Kunst gehört ein "Handwerk", das gelernt und beherrscht sein will. Laien unterschätzen den enormen handwerklichen "Apparat" der Künste meist. Dabei braucht man nur an Theater und Film zu denken, um eine Ahnung davon zu bekommen, in welchem Umfang technisches und arbeitsteilig organisiertes Handeln nötig ist, um ein - vermeintlich zweckbefreites - Kunstprodukt zu erhalten. Und auf der Seite der Kunstrezipienten ist ja eigentlich auch durchaus bekannt, dass man zum Kunstgenuss Wissen gut gebrauchen kann, und das gilt es sich erst nach und nach zu erarbeiten (mithilfe von Sekundärliteratur vom Konzert- und Opernführer über Ausstellungskataloge bis hin zu umfangreichen Künstlermonographien oder zum 21bändigen Kindler-Literaturlexikon).

      Also, mir scheint es eine voreilige Vereinfachung zu sein, Kunstproduktion und Kunsterfahrung als grundsätzlichen Gegenentwurf zum zweckgerichteten Handeln zu interpretieren.
    • Hermeneuticus schrieb:

      Ohne zielstrebiges, zweckgerichtetes Handeln geht das nicht.
      doch. Wenn man expost, retrospektiv zweckrationales Handeln als "falsch" ansieht. Weil rein zweckrationales Handeln eine instrumentelle Vernunft erzeugt, die schädlich sein Kann. Zweckrationales Handeln ist dem Nutzen verpflichtet, instrumentelle Vernunft einem zeitlich gearteten Sinn.
      „Die Gegenwart ist die Zeit der Analysen, das Resultat aller Systeme, die jemals entstanden sind.“ - Kasimir Sewerinowitsch Malewitsch
      Es gilt die Logik auf Geometrie zu gründen.
      Die Geschichte von den zwei Quadraten.
      Die Geschichte der Religion.
    • CanumaPueblo schrieb:

      Hermeneuticus schrieb:

      h nenne nur das "Bauhaus", das politische Kunstverständnis in der sozialistisch-kommunistischen Bewegung und Gadamers Kritik des ästhetischen Subjektivismus)
      Wieso kritisieren diese Sichtweisen einen, wie er hier durch dich in Form von Gadamer genannt wird, "ästethischen Subjektivismus"?Kritisieren sie diesen als Falsch oder unvollständig?
      Dazu müsste man sich die verschiedenen Richtungen, aus denen die Kritik kam (und kommt), genauer anschauen. Aber in erster Näherung lassen sich schon einmal ein paar kritische Motive nennen.
      So ist ein wichtiger Punkt die Beliebigkeit und intersubjektive Unverbindlichkeit, die mit dem Kult des individuellen Geschmacks einhergeht.
      Ein anderer Punkt ist die Entfremdung der - als autonom verstandenen - Kunst vom "Leben" der Menschen. Kann man sich leicht vor Augen führen, indem man an Architektur, Design, Mode und "Gebrauchsmusik" denkt: Beethovens Neunte, Mahlers "Lied von der Erde", Schönbergs und Stockhausens Werke erfordern Gelegenheiten, zu denen man sich eine bestimmte Zeit lang ihnen ganz widmen kann. Zur Begleitung des Alltags, zur Gestaltung privater Festivitäten eignen sie sich definitiv nicht. Aber der Bedarf an einer "angewandten" Ästhetik bleibt ja erhalten. Wer ein Haus oder ein Küchengerät oder ein Möbelstück entwirft, der kommt ja nicht darum herum, Schönheit und Nützlichkeit in ein Verhältnis zu bringen, und sei es nur, um den Geschmack der erhofften Käufer zu treffen.

      Das nur als knappe Andeutung der Probleme, die der ästhetische Subjektivismus und die L'art-pour-l'art-Idee aufwerfen.
    • Hermeneuticus schrieb:

      So ist ein wichtiger Punkt die Beliebigkeit und intersubjektive Unverbindlichkeit, die mit dem Kult des individuellen Geschmacks einhergeht.
      Das betrifft m.E. das Genieargument. Das ist rein kulturellbedingt im intersubjektiven. Im Individuellen ist ja gerade der individuelle Geschmack das, was den Kult setzt...und für ein Genie ist eben sein individueller Geschmack das, was ihm den "Kult" ums eigene (verkannte oder erkannte) Genie gestattet.

      Hermeneuticus schrieb:

      Ein anderer Punkt ist die Entfremdung der - als autonom verstandenen - Kunst vom "Leben" der Menschen.
      Ja, das sehe ich auch so. Allerdings ist m.E. die Kunst und das Ästethische etwas unterschiedliches, beides jedoch vereint im Bewusstsein. Das Ästethische ist immer eine subjektive Betrachtung, bezieht sich intersubjektivierbar jedoch auf Kulturkreise. Die Kunst ist dann zum einen "sublimierung" für das verkannte Genie, sowie eine Ästethische Schönheit, die kulturell geprägt ist, aber sich auch ganz praktischer Gegebenheiten bedienen kann.

      Hermeneuticus schrieb:

      Aber der Bedarf an einer "angewandten" Ästhetik bleibt ja erhalten. Wer ein Haus oder ein Küchengerät oder ein Möbelstück entwirft, der kommt ja nicht darum herum, Schönheit und Nützlichkeit in ein Verhältnis zu bringen, und sei es nur, um den Geschmack der erhofften Käufer zu treffen.
      Das ist m.E. kein Bereich der Ästethik, sondern der Neurologie, sowie dem Nützlichkeit für die instrumentelle Vernunft, die etwas "schön" finden kann um des "kulturellen Wertes" oder der "Zeitersparnis" oder der "Neuheit" wegen.
      „Die Gegenwart ist die Zeit der Analysen, das Resultat aller Systeme, die jemals entstanden sind.“ - Kasimir Sewerinowitsch Malewitsch
      Es gilt die Logik auf Geometrie zu gründen.
      Die Geschichte von den zwei Quadraten.
      Die Geschichte der Religion.
    • Hermeneuticus schrieb:

      Dazu hat er sich, so weit mein Auge reicht, nicht geäußert. Er erwähnt nur beiläufig auch "Mußehandlungen", die um ihrer selbst willen vollzogen werden.
      Und das ist in Ordnung so. Spätestens der Philosoph muss sich Selbstbescheidung auferlegen
      KÖNNEN. Die anderen machen das meistens unreflektiert: "keine Zeit !". DIES habe ich (mir)
      erarbeitet und DAS nicht. Und der Philosoph trägt diese Selbstbescheidung nicht zur Schau,
      denn gerade bei ihm werden sich oft allzu schmerzlich Erfahrungen damit verknüpfen u.a.
      ...und um so mehr kann sein Werk aufscheinen lassen, wie Wissen übernommen und weiter-
      gereicht wird.

      Soll ich euch zur Abwechselung jetzt sagen, was Literaturfreunde über die Freunde der
      Weisheit so denken ? Ok, aber das geht nicht auf einmal à la G. Ch. Lichtenberg (1742-1799)...
      Ein Leben beginnt gewöhnlich mit der Geburt---meins nicht.
      Zumindest weiß ich nicht, wie ich ins Leben gekommen bin.

      (W.Moers: Die 13 1/2 Leben des Käpt'n Blaubär, Kapitel 1.: Mein Leben als Zwergpirat, 1. Satz)
    • l'art pour l'art ist der Leitspruch für eine dekadente Veranstaltung. Hier liegt ein Mißverständnis vor. MIr geht es nicht um eine dekadente Hochkultur im Unterschied zur Massenkultur. Mir geht es um einen Grundmodus der Erfahrung. Beuys, oder war es jemand anderes, sagte, jeder Mensch ist ein Künstler. So ist auch jeder Mensch dazu fähig eine ästhetische Erfahrung zu machen. Und diese ästhetische Erfahrung ist auch kein Gegenmodell zu zweckrationalem Handeln, sie ist dessen Grundlage. Man könnte die ästhetische Erfahrung auch als eine Phase des Handelns verstehen, die dem Handeln auf einen bestimmten Zweck hin vorausgeht.

      Die Kunst als eine autonome Veranstaltung hat mit diesem Grundmodus der Erfahrung nur bedingt etwas zu tun. Diese autonome Kunst ist auch der Ausdruck konkreter gesellschaftlicher Umbrüche und Verhältnisse. So wie "form follows function", ein Leitsatz des Bauhauses, ein Ausdruck einer bestimmten Entwicklung war. Das sachliche, kühle und einfache Design steht auch für eine Ablehnung des Ornaments, des Verspielten und des Nutzlosen.

      Sicher ist Kunst auch Handwerk. Ein Instrument in einem Orchester spielen oder durch MIschen der Farben eine bestimmten Farbton zu treffen sind handwerkliche Tätigkeiten. Jedoch lässt sich eine ästhetische Erfahrung nicht methodisieren oder methodisch herbeiführen. Es braucht Neugier und eine gewisse Offenheit, die das Wahrgenommene nicht sofort in Kategorien einteilt: dies ist nützlich für meinen Zweck, dies nicht. Stattdessen braucht es einen vorurteilsfreien Blick, der in Muße und ohne Handlungsdruck das "ästhetische Objekt" wirken lässt. Es braucht einen physiognomischen Blick, der den Gegenstand gestaltrichtig erschließt und deutet.
      Und ich meine, um eine Kunst nicht nur mechanisch auszuführen, braucht es auch ein Verstehen und einen Sinn für die Zusammenhänge, kurz es braucht eine ästhetische Erfahrung.

      Lasst mich ein Beispiel aus der Schule dazu erzählen. Die Schüler sollen den Satz des Pythagoras lernen. Man kann ihnen eine Formel vorsetzen, die sie anwenden sollen. Sie lernen dann die Formel anwenden. Das ist durchaus zweckmäßig. Sie wissen dann bei diesem Dreieck mit dem rechten Winkel, kann ich diese Formel anwenden, wenn ich zwei Seitenlängen gegeben habe und die dritte suche. Ich muss die Formel entsprechend umformen usw...
      Oder man kann sie den Beweis der Formel selber erbringen lassen. Dazu ist eine gewisse sokratische Mäeutik auf Seiten des Lehrers hilfreich. Er enthält sich Ratsschlägen weitesgehend und gibt nur fragend Leitplanken auf dem Weg der Erkenntnis vor. Die Schüler werden zunächst nur mit dem Problem konfrontiert, dass sie zu zwei Quadrate von unterschiedlicher Größe ein drittes Quadrat finden sollen, das einen Flächeninhalt hat, der so groß ist wie die beiden ersten Quadrate zusammen. Sie probieren und messen und basteln und haben unterschiedliche Ergebnisse. Irgendwann kommt jemand vielleicht durch Probieren und Vergleichen auf den rechten Winkel. Und die Schüler können so auch den Beweis für den Satz finden. Das braucht Zeit und eine gewisse Frustrationstoleranz.

      Diese Zeit ist in den Lehrplänen leider oft nicht vorgesehen, daher werden Schüler sich häufig mit der Formel und einem "das ist eben so" begnügen müssen. Das Wissen wird durch einen Trichter in die Köpfe hinein gepfropft. Der Zweck hat dann dann über die ästhetische Erfahrung und das Verstehen gesiegt.
      ERKLÄRUNG AN DAS FORUM
      "Volksverhetzung ist keine Meinung. Hass ist keine politische Position"

      Dieser Beitrag wurde bereits 1 mal editiert, zuletzt von Ryoba ()

    • Hermeneuticus schrieb:

      Dazu hat er [Janich, m.A.] sich, so weit mein Auge reicht, nicht geäußert. Er erwähnt nur beiläufig auch "Mußehandlungen", die um ihrer selbst willenvollzogen werden. Allerdings sind ja auch Handlungen, die nicht als "Mittel" der Erreichung eines weiteren Zwecks dienen, grundsätzlich als "intentional" zu begreifen.
      Die "Erfahrung" (ein wichtiger Aspekt bei Dewey, wie Ryoba schon erwähnt hat) möchte ich vorerst beiseite lassen. Stattdessen nochmal, was meint denn "zweckrationales Handeln"? Eine Handlung vollziehen in der Absicht, ein bestimmtes Ziel zu erreichen. Das mag als eingeübte Routine, Gewohnheit unbewußt ablaufen, oder unreflektiert, weil die handelnde Person konstitutionell bedingt, nicht oder wenig reflektiert. Beides ändert m.E. aber nichts am Verständnis, was eine zweckrationale Handkung sei. Und hier folge ich, soweit ich weiß, doch lediglich einem allgemeinen philosophischen Konsens. Oder etwa nicht?

      Warum sollten nun Ziele, die "Befindlichkeiten" sind, keine Zwecke sein?! Freude, Vergnügen, Lust, Spaß, Zerstreuung, Sammlung, Expression, Spannung, Ruhe ... das sind keine Zwecke?! Das müßt Ihr mir erklären. Ich sehe das so überhaupt nicht ein - und möchte ausnahmsweise einmal heftigst widersprechen. Ah so, und was soll denn gemeint sein mit den "äußeren Zwecken"? Versteht Ihr Gefühle, Befindlichkeiten als innere Zwecke? Falls ja, warum solllte es irgend sinnvoll sein, diese Unterscheidung zu treffen?
    • Ich wandere mit Deinem Beitrag aus "Vollzug und Beschreibung" hierher.

      Ryoba schrieb:

      Die ästhetische Erfahrung kann als Abweichung von der rein auf Mittel und Ziele eingestellten Handlung nur ein parasitäres Dasein in der Alltagserfahrung führen, obwohl sie ja eigentlich das Lebendige der Erfahrung ausmacht.
      Das wäre dann also eine Erkenntnis, die wir gewinnen, wenn wir die soziale Praxis der Kunst (des Kunstbetriebs, der Kunsttheorie, der Stellenwert, der der Kunst-Erfahrung eingeräumt wird) in der hiesigen Gesellschaft unter die Lupe nehmen? Die Erkenntnis aus pragmatizistischer Sicht wäre, daß die Kunst für parasitär -ich würde lieber sagen, für randläufig wichtig- erachtet wird.
    • Ryoba schrieb:

      Und diese ästhetische Erfahrung ist auch kein Gegenmodell zu zweckrationalem Handeln, sie ist dessen Grundlage.
      Aber Du stellst hier doch zwei Begriffe vergleichend gegenüber, die gar nicht vergleichbar sind, Erfahrung versus Handlung, oder nicht? Wichtiger und allemal interessanter finde ich natürlich die Frage, ob die die ästhetische Erfahrung sich wirklich grundlegend von anderen Erfahrungen unterscheidet. Holistisch -das Wort hattest Du öfter gebraucht- unbegrifflich, synthetisierend ... ich muß es weiter bedenken.

      NS: Ich habe mir noch überlegt, Ryoba, daß wir uns über den Begriff "Erfahrung" doch besser erst einmal kurz verständigen - obwohl es eins von diesen undefinierbaren Grundwörtern zu sein scheint, die durch kein anderes Wort ersetzt werden können. Also, ich verstehe darunter eine Form des Erlebens, die sowohl die sinnliche Wahrnehmung (das Spüren, Sehen, Riechen, Hören, Sehen, Tasten) als auch das Denken sowie (rationales) Erkennen umfaßt. Erfahrung bedeutet ganzheitlich aktiv zu sein, mit Haut und Haaren, Sinnen und Geist. Unter Handlung hingegen verstehe ich ein Tun, für das der Aspekt des Fühlens, des Erlebens eines Gestimmtseins gar keine Rolle spielt. Es gehört für mich zur Bedeutung des Wortes Handlung nicht dazu.

      Und daß ich die ästhetische Erfahrung nicht von anderen Erfahrungsformen diskriminieren würde -als speziellen Fall einer Erfahrung- liegt jetzt nahe. Bevor es philosophische Ästhetik gab, gab es die Kunst. Davor war es das Schöneund das Erhabene. Davor gab es die Natur. Das heißt, "Erfahrung" bleibt immer diesselbe, nämlich ganzheitlich. Worauf sie sich jeweils bezieht, hängt an der geschichtlichen Entwicklung.

      Dieser Beitrag wurde bereits 3 mal editiert, zuletzt von Friederike ()

    • Der Zweck des Denkens kann sein, eine Erklärung für den Zustand der Welt zu erhalten.

      Die Erklärung ist dann das, was Horkheimer und Adorno instrumentelle Vernunft nennen.

      Diese instrumentelle Vernunft ist bestimmt durch die Suche nach Zwecken und damit nach Identität und Sinn, einem festen Boden innerhalb der Rationalität.

      Da sie diesen nicht erkennt, verrennt sie sich in Pragmatismus und akzeptiert damit die gegeben Verhältnisse, als rationalen Abgleich der eigenen Ideen.

      Erkennt man beim oben genannten Zweck des Denkens diese Tatsache, dann erkennt man, dass eine methodische Ordnung der Lehre auch hinderlich sein kann. Denn die Werkzeuge der Lehre sind nicht linear aneinanderzureihen, sie sind auf verschiedensten Ebenen des Makro- wie Mikrokosmos verknüpft und Teilweise sogar zwischen den beiden Kosmen symmetrierbar.

      Diese Symmetrierung ist heute am ehesten erkenntlich in der Quantenphysik, sowie der theoretischen Physik, lässt sich jedoch auf jedes beliebige System der Wissenschaften übertragen, analogisieren.

      Woraus man nicht nur die Realität als "Vergleichsmaßstab" erkennen kann, sondern auch das, was außerinstrumentell beim Menschen "Identitätsstiftend" wirkt. Und gleichzeitig mit dem Erkennen des Identitätsstiftenden erkennt man dann das Ideal, die absolute Idee eines gerechten Menschen.
      „Die Gegenwart ist die Zeit der Analysen, das Resultat aller Systeme, die jemals entstanden sind.“ - Kasimir Sewerinowitsch Malewitsch
      Es gilt die Logik auf Geometrie zu gründen.
      Die Geschichte von den zwei Quadraten.
      Die Geschichte der Religion.
    • Friederike schrieb:

      "Um ihrer selbst willen", das greife ich noch auf, weil Schachspielen, Musik hören, eine theoretische Frage beackern natürlich "Handlungen" sind, die lt. Janich u.A. per definitionem zweckorientiert erfolgen. Daß Vergnügen, Genuß, Freude -Neugier, Wissensdurst, wie Ryoba schrieb- nun selbstverständlich, oder nicht? ebenfalls Zwecke sind, darauf muß man ja auch erst einmal kommen. So lösen sich für mich nach und nach alle Einwände gegen ein derart verstandenes "Handeln" in Luft und Wohlgefallen auf.

      Friederike schrieb:

      Warum sollten nun Ziele, die "Befindlichkeiten" sind, keine Zwecke sein?! Freude, Vergnügen, Lust, Spaß, Zerstreuung, Sammlung, Expression, Spannung, Ruhe ... das sind keine Zwecke?!
      Wenn Du mich fragst: Ja, das sind durchaus Zwecke oder Ziele. Bei Mußehandlungen, die "um ihrer selbst willen" vollzogen werden, könnte man sich nun fragen, ob sie eine grundlegend andere Struktur aufwiesen als die Zweck-Mittel-Relation. Gehe man spazieren, so sei man doch nicht strebsam unterwegs zu einem bestimmten Ort. Das Gehen sei also nicht "bloß Mittel" zum Zweck, sondern selbst der Zweck, und so habe man eigentlich mit jedem einzelnen Schritt das Ziel immer schon erreicht. Die bekannte Formel dafür lautet: "Der Weg ist das Ziel."

      Dahinter steht die Vorstellung, dass das Streben ein unvollkommener Zustand sei. Wer strebt, ist bedürftig, unbefriedigt, unzufrieden, unerfüllt, "ruht nicht in sich selbst". "Es irrt der Mensch, solang er strebt", heißt es auch im "Prolog im Himmel". Und tatsächlich machen wir diese Erfahrung ja andauernd. Das Gefühl des Mangels treibt uns an, lässt uns nach der Befriedigung streben und alles, was uns vor der Befriedigung begegnet, was wir tun und einsetzen, um sie zu erreichen, ordnet sich diesem Ziel unter, ist "nur Mittel zum Zweck".

      Von hier aus ist es nur noch ein Schritt zu metaphysischen Weltmodellen, die um die Idee der Vollkommenheit, des erfüllten Ruhens in selbst, der Bedürfnislosigkeit und ihrer unendlichen Verstetigung aufgebaut sind. Vor diesem Hintergrund drängt sich dann auch die Frage auf, ob ein handlungstheoretisches Konzept, das die Zweck-Mittel-Relation zum Standard macht, nicht etwa eine Verkürzung sei. Sie erkläre ja gewissermaßen das Streben - und damit den Mangel, die Unvollkommenheit - zum Normalfall.


      Ryoba schrieb:

      Jedoch meine ich, dass das zweckrationalen Handeln im Hinblick auf Mittel und Ziele eine reduzierte Sicht der Dinge ist. Deshalb habe ich die ästhetische Erfahrung und Spiel gebracht.
      Ja, unter profaneren Vorzeichen - historisch: seit dem 18. Jh. - traten die ästhetische Erfahrung und das Spiel als metaphysisch abgespeckte Varianten der Vollkommenheitsidee auf den Plan. Wobei man nicht übersehen darf, dass Kant den Zusammenhang der ästhetischen Erfahrung mit der metaphysischen Teleologie noch fest im Blick hatte; das ästhetische Urteil bildet nur den ersten Teil der Kritik der Urteilskraft.

      Ryoba schrieb:

      Die ästhetische Erfahrung kann als Abweichung von der rein auf Mittel und Ziele eingestellten Handlung nur ein parasitäres Dasein in der Alltagserfahrung führen, obwohl sie ja eigentlich das Lebendige der Erfahrung ausmacht.
      Dagegen ließe sich einwenden, dass doch gerade die Zielstrebigkeit und der dauernde Wechsel von Mangel und Befriedigung das Lebendig-Sein charakterisiere und dass einem knurrender Magen nun einmal der Sinn fürs Schöne fehle - so bedauerlich das auch sein möge.

      Friederike schrieb:

      Stattdessen nochmal, was meint denn "zweckrationales Handeln"? Eine Handlung vollziehen in der Absicht, ein bestimmtes Ziel zu erreichen. Das mag als eingeübte Routine, Gewohnheit unbewußt ablaufen, oder unreflektiert, weil die handelnde Person konstitutionell bedingt, nicht oder wenig reflektiert. Beides ändert m.E. aber nichts am Verständnis, was eine zweckrationale Handlung sei. Und hier folge ich, soweit ich weiß, doch lediglich einem allgemeinen philosophischen Konsens. Oder etwa nicht?
      Wie weit dieser Konsens reicht, überblicke ich, ehrlich gesagt, nicht. Aber es gibt jedenfalls eine starke (naturalistische) philosophische Strömung, die das zweckrationale - und damit teleologisch strukturierte - Handlungsmodell ablehnt und stattdessen Handlungen in das Ursache-Wirkungs-Modell einordnet. Die Diskussion darum hält an.

      Das Modell der Zweckrationalität geht jedenfalls aus vom lebensweltlichen Handlungsverständnis, dem zufolge Handlungen als sinnvolle Vollzüge erfahren und verstanden werden. Der Begriff des Zwecks oder Ziels ist dabei der Angelpunkt für den - interpretationsbedürftigen, persönlich zurechen- und bewertbaren - "Sinn" dieser Vollzüge. Auf dieser grundlegenden Ebene, auf der es erst einmal gilt, "intentionale", "willkürliche" Handlungen von "unwillkürlichem" Verhalten abzugrenzen, ist die Rede von "Zweckrationalität" noch neutral gegenüber den oben angesprochenen Problemen einer "bloß instrumentelle Vernunft". Denn auch Mußehandlungen, bei denen wir nicht eine in der Zukunft und andernorts zu findende Befriedigung anstreben und daher bereits am Ziel sind, weisen doch einen auf Wunsch angebbaren, bestimmten "Sinn" - und damit einen "Zweck" - auf.
    • Hallo Friederike,

      ich habe das Gefühl, das meine Einlassungen zur Ästhetik hier falsch verstanden werden. Das liegt wohl daran, dass ich Ästhetik und ästhetische Erfahrung in einem ungewöhnlichen Sinne gebrauche. Deshalb versuche ich mein Verständnis nochmal darzulegen. Ich lehne mich dabei sehr stark an Mead und Dewey an.

      Friederike schrieb:

      Das wäre dann also eine Erkenntnis, die wir gewinnen, wenn wir die soziale Praxis der Kunst (des Kunstbetriebs, der Kunsttheorie, der Stellenwert, der der Kunst-Erfahrung eingeräumt wird) in der hiesigen Gesellschaft unter die Lupe nehmen? Die Erkenntnis aus pragmatizistischer Sicht wäre, daß die Kunst für parasitär -ich würde lieber sagen, für randläufig wichtig- erachtet wird.
      Ich verstehe unter ästhetischer Erfahrung nicht etwas, das auf den Kunstbetrieb oder die Kunsterfahrung beschränkt ist und nur im Museum statt findet, im Gegenteil , ästhetische Erfahrung ist für mich Teil des Alltagshandelns und ein Grundmodus unserer Welterfahrung.

      Friederike schrieb:

      Aber Du stellst hier doch zwei Begriffe vergleichend gegenüber, die gar nicht vergleichbar sind, Erfahrung versus Handlung, oder nicht?
      Handeln ist aber doch ohne Erfahrung nicht möglich. Erfahren heißt für mich etwas mit allen Sinnen und dem Verstand erleben. Es steckt in dem Wort ja auch drin, dass wir etwas er-fahren, also uns erschließen indem wir einen Weg zurück legen. Es geht dabei darum, dass wir uns die Welt erschließen und dass wir neue und kreative Möglichkeiten entdecken und umsetzen. Dadurch können auch neue Handlungsweisen entstehen.
      Wenn ich an Peirces Modell des Experiments denke, dann spielt dort doch auch die Reaktion der Umwelt auf unser Handeln eine entscheidende Rolle. Wir erfahren eine Widerständigkeit der Welt, so wie so nunmal eingerichtet ist, und reflektieren darauf hin unser Handeln und passen es an. Erfahrung und Handeln sind für mich wie ein linker und rechter Socke, sie gehören zusammen.

      Friederike schrieb:

      Und daß ich die ästhetische Erfahrung nicht von anderen Erfahrungsformen diskriminieren würde -als speziellen Fall einer Erfahrung- liegt jetzt nahe. Bevor es philosophische Ästhetik gab, gab es die Kunst. Davor war es das Schöneund das Erhabene. Davor gab es die Natur. Das heißt, "Erfahrung" bleibt immer diesselbe, nämlich ganzheitlich. Worauf sie sich jeweils bezieht, hängt an der geschichtlichen Entwicklung.
      Ich würde die ästhetische Erfahrung von dem schematisierten und ritualisierten Handlungsvollzügen in jedem Fall unterscheiden wollen. Sie wirkt entscheidend dabei mit, wenn wir neue Handlungsweisen entwickeln. In dem Moment, den Peirce den Zweifel und die Krise nennt, wenn eingefahrene Überzeugungen scheitern, dann wird es notwendig, dass wir uns neu zu unserer Umwelt positionieren und sie neu erschließen, um neue Überzeugungen zu entwickeln. Und hier ist eine ästhetische Erfahrung und Haltung zur Welt maßgeblich.

      Friederike schrieb:

      Stattdessen nochmal, was meint denn "zweckrationales Handeln"? Eine Handlung vollziehen in der Absicht, ein bestimmtes Ziel zu erreichen. Das mag als eingeübte Routine, Gewohnheit unbewußt ablaufen, oder unreflektiert, weil die handelnde Person konstitutionell bedingt, nicht oder wenig reflektiert. Beides ändert m.E. aber nichts am Verständnis, was eine zweckrationale Handkung sei. Und hier folge ich, soweit ich weiß, doch lediglich einem allgemeinen philosophischen Konsens. Oder etwa nicht?
      Was das zweckrationale Handeln betrifft, so halte ich es für beschränkter. Man kann davon ausgehen, dass Zweckrationale am Handeln sind die Überlegungen wie wir ein bestimmtes Ziel am besten erreichen, mit welchen Mitteln, welche Nebenfolgen dabei auftreten könnten sowie die Abwägung zwischen einzelnen Zielen und Folgen. Das Zweckrationale ist also nur ein Aspekt des Handelns, der die bewusste Abwägung und Entscheidung betrifft. Die Motivwahl kann dabei durch Werte (wie Schönheit, Lustgewinn, Gerechtigkeit), Affekte oder Traditionen bestimmt sein.

      Motive wie Vergnügen, Lust, Zerstreuung oder Entspannung haben einen Eigenwert, der das Handeln bestimmen kann. Um diese Ziele zu erreichen, können sicher auch zweckrationale Überlegungen angestellt werden. An sich sind diese Motive jedoch etwas, das über das zweckrationale Handeln hinaus geht und daher vielleicht mit dem Begriff der ästhetischen Erfahrung ganz gut beschrieben werden kann.
      ERKLÄRUNG AN DAS FORUM
      "Volksverhetzung ist keine Meinung. Hass ist keine politische Position"

      Dieser Beitrag wurde bereits 1 mal editiert, zuletzt von Ryoba ()

    • Zur Veranschaulichung, was ich meine, habe ich einen ganz schönen Textabschnitt gefunden. So schön könnte ich das wahrscheinlich nicht auf den Punkt formulieren. (Hörning: Ästhetik und Praxis)

      Die Soziologie war und ist eher durch eine antiästhetische Einstellung geprägt. Doch George Herbert Mead skizzierte 1926 in seinem knappen Beitrag "Das Wesen der ästhetischen Erfahrung" Umrisse einer pragmatistischen, praxisorientierten Konzeption des "Ästhetischen". Mead begreift das Ästhetische vor allem als "ästhetische Erfahrung", eine "Haltung, die das alltägliche Handeln begleitet, belebt und ihm Höhe gibt". Mead sieht "ästhetische Erfahrung" als Teil der Bemühungen "durch die vergesellschaftete Individuen ihr Dasein im einzelnen mit Bedeutung zu erfüllen suchen", d.h. allgemeiner: als Teil der Frage nach Werten und Normen, die unserem Leben in komplexen Gesellschaften zugrunde liegen. Wir sind alle in komplizierte Handlungsvollzüge verwoben, in denen wir vielfältige (auch ästhetische) Erfahrungen machen, wobei für Mead die ästhetischen Erfahrungen über einen breiten Erfahrungsraum reichen können: vom Vergnügen am Gebrauch eines technischen Geräts bis hin zur Freude am Wert des gemeinsam Vollbrachten und der damit erlebten Gemeinschaft und Solidarität. Damit nimmt Mead das "Ästhetische" aus dem Rahmen des unmittelbar-emotionalen Angemutet-Seins und hebt es auf die Ebene eines kommunikativen Prozesses, in dem sich Akteure durch ihre Haltungen und Affekte im Handlungsablauf (implizit) darüber verständigen, was ihnen wichtig ist und was ihnen missfällt.
      Dabei spielen die Dinge eine zentrale Rolle. Sie "sind nicht nur Mittel und Werkzeuge für unsere Handlunsvolllzüge", sondern verkörpern gleichzeitig all das, was "unsere Mühen lohnt oder zunichte macht", was "uns verlockt oder zurückstößt", "unsere Erfolge und Enttäuschungen", "unsere Freuden, unsere Leiden", all "das, was am Ende wirklich zählt und aller Mühe Wert ist, die Schönheit, der Ruhm und die Träume". Mead wie Dewey, dem Mead hier folgt, sind der Ansicht, dass eigentlich jegliches praktische Handeln ästhetischen Charakter trägt; beiden geht es um die Wiederherstellung der "Kontinuität zwischen der ästhetischen Erfahrung und den gewöhnlichen Lebensprozessen". Artefakte verkörpern nicht nur Mittel-Folge-Beziehungen, sondern sind durchdrungen von Bedeutungen, die aufregen und zur genussvollen Aneignung anregen. Es sind derartige "Affekterfahrungen", in denen sich das ästhetisch Bedeutsame ausdrückt: Erfahrungen des Genießenes (und deren Gegenteile), Erfüllung und Enttäuschung, "lustvoll erfahrener Lebenssinn", Verlangen, Hoffnung, Ärger, die Freude am gemeinsamen Gelingen, am glücklichen Abschluss eines Projekts. Ästetische Erfahrung "adelt Nützlichkeit und schenkt der Handlung Poesie".
      ERKLÄRUNG AN DAS FORUM
      "Volksverhetzung ist keine Meinung. Hass ist keine politische Position"
    • Ryoba schrieb:

      Ästetische Erfahrung "adelt Nützlichkeit und schenkt der Handlung Poesie".
      Sehr, sehr, sehr wahr.

      Weil die ästethische Erfahrung "abgegrenzt" wird vom nützlichen und gegenwärtig, real existenten, welches sich autopoietisch und sichtbar für jeden konstituiert.

      Wenn man Pragmatismus übrigens als Antithese zu einem Transzendentalismus versteht ist Pragmatismus eine vollständig kohärente Position.
      „Die Gegenwart ist die Zeit der Analysen, das Resultat aller Systeme, die jemals entstanden sind.“ - Kasimir Sewerinowitsch Malewitsch
      Es gilt die Logik auf Geometrie zu gründen.
      Die Geschichte von den zwei Quadraten.
      Die Geschichte der Religion.
    • CanumaPueblo schrieb:

      Weil die ästethische Erfahrung "abgegrenzt" wird vom nützlichen und gegenwärtig, real existenten, welches sich autopoietisch und sichtbar für jeden konstituiert.
      Ich habe den Text über Mead (im Beitrag 17) auch gelesen und merkte sofort, dass ich ihn aufs Schnelle nicht
      einholen kann. Der erste Satz des Textes zeugt davon, dass man es für möglich hielt und hält die "ästhetische
      Erfahrung" zumindest aus der soziologischen Reflexion, genauer, aus der wissenschaftlichen Arbeit der Sozio-
      logie - wahrscheinlich bewusst - herauszuhalten ( und nach gewisser Übung kann dann diese Bewusstheit
      evtl.(!) etwas zurücksinken, so dass man sich diesbezüglich eine gewisse Wertfreiheit zuschreiben kann ).

      Und natürlich spricht man "über" ästhethische Erfahrung zunächst bar anderer wichtiger Bezüge, herausgehoben,
      als hätte man sie gerade entdeckt (also "vorgefunden" statt erfunden) und so ist es nur konsequent von ihr
      soz. "abgegrenzt" zu sprechen. Ob sie in uns mehr oder anders abgegrenzt ist bzw. wir sie in uns bewusst
      abgrenzen können (so wie von der wissenschaftlichen Arbeit der Soziologie oben behauptet wurde) - dazu
      habe ich im Text über Mead noch nichts gefunden. Für Hinweise wäre ich dankbar...
      Ein Leben beginnt gewöhnlich mit der Geburt---meins nicht.
      Zumindest weiß ich nicht, wie ich ins Leben gekommen bin.

      (W.Moers: Die 13 1/2 Leben des Käpt'n Blaubär, Kapitel 1.: Mein Leben als Zwergpirat, 1. Satz)

      Dieser Beitrag wurde bereits 1 mal editiert, zuletzt von byLaszlo ()

    • byLaszlo schrieb:

      CanumaPueblo schrieb:

      Weil die ästethische Erfahrung "abgegrenzt" wird vom nützlichen und gegenwärtig, real existenten, welches sich autopoietisch und sichtbar für jeden konstituiert.
      Ich habe den Text über Mead (im Beitrag 17) auch gelesen und merkte sofort, dass ich ihn aufs Schnelle nichteinholen kann. Der erste Satz des Textes zeugt davon, dass man es für möglich hielt und hält die "ästhetische
      Erfahrung" zumindest aus der soziologischen Reflexion, genauer, aus der wissenschaftlichen Arbeit der Sozio-
      logie - wahrscheinlich bewusst - herauszuhalten ( und nach gewisser Übung kann dann dieser Bewusstheit
      evtl.(!) etwas zurücksinken, so dass man sich diesbezüglich eine gewisse Wertfreiheit zuschreiben kann ).

      Und natürlich spricht man "über" ästhethische Erfahrung zunächst bar anderer wichtiger Bezüge, herausgehoben,
      als hätte man sie gerade entdeckt (also "vorgefunden" statt erfunden) und so ist es nur konsequent von ihr
      soz. "abgegrenzt" zu sprechen. Ob sie in uns mehr oder anders abgegrenzt ist bzw. wir sie in uns bewusst
      abgrenzen können (so wie von der wissenschaftlichen Arbeit der Soziologie oben behauptet wurde) - dazu
      habe ich im Text über Mead noch nichts gefunden. Für Hinweise wäre ich dankbar...
      die ästethische Erfahrung ist hier als sinnliche, als höchste Erkenntnis gedacht.
      Die Kunst ist also einer Gesellschaft entsprungen, die nicht vollständig gleichgewichtig ist. Je abstrakter die Kunst der Moderne, desto mehr schlägt das Pendel der Ethik in die falsche Richtung.

      Ästethische Erfahrung, Kunst hat unmittelbar keine Zwecke. Sie wird nur als kulturell Wertvoll gehandelt und erfüllt eben Präferenzen, die sich ergeben haben aus Reflexion.

      Ja, dein erster Absatz ist wohl richtig. Denn im soziologischen Sinne macht Kunst nur begrenzt Sinn, nämlich als gesellschaftlicher metaphysischer Spiegel, sowie als Verwirklichung eines Genies in den schönen Künsten.
      Die Kunst ist quasi nur Selbstzweck, da sie einen konstruierten Begriff von "Schönheit" vorraussetzt, der nicht an-sich existiert.

      Die Kunst könnte man quasi als die Theologie des Genies betrachten, der die institutionalisierte Theologie als falsch ansieht, aber trotzdem "mehr" sieht.

      Dieses "mehr" ist das Kunstwerk, welches bei Hegel ein Diamant ist, der durch den"Werkmeister" kreiert und insbesondere behauen wird. Dies führt wohl Heidegger noch in seinem Buch, "Der Ursprung des Kunstwerks" aus. Dies wurde ja an ähnlicher Stelle schonmal besprochen. Leider habe ich diese Einsichten zu der Zeit noch nicht gehabt. Und in der Unterscheidung von Seiendem und Sein erfährt die Kunst und der Ästethiker dann ihren Höhepunkt, als "ästethische Erfahrung"(Die aber nur Sinnbildlich steht für eine Art von Transzendenz)
      „Die Gegenwart ist die Zeit der Analysen, das Resultat aller Systeme, die jemals entstanden sind.“ - Kasimir Sewerinowitsch Malewitsch
      Es gilt die Logik auf Geometrie zu gründen.
      Die Geschichte von den zwei Quadraten.
      Die Geschichte der Religion.