Vollzug und Beschreibung

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    • Vollzug und Beschreibung

      Der Unterschied zwischen dem Bezeichnen (Vergabe einer Bezeichnung oder Gebrauch einer Bezeichnung) und dem Durchführen einer Handlung (Aktualisierung eines Handlungsschemas) darf nicht verwechselt werden mit einer weiteren Unterscheidung, die das folgende Wortpaar treffen soll: Handlungen können vollzogen oder beschrieben werden. Zwar gilt: Wo immer eine Handlung vollzogen wird, wird man sie als Aktualisierung eines Handlungsschemas beschreiben können. (Es "gibt" also keine Handlungsvollzüge ohne Handlungsschemata, d.h. Handlungsvollzüge sind immer "erreichbar" für unsere Bezeichnungen von Handlungen.) Aber die Wörter "Vollzug" und "Aktualisierung" sind nicht bedeutungsgleich. Dies ist schon daran erkenntlich, dass der erste in Zusammensetzung mit Handlung vorkommt, der letztere jedoch auf Handlungsschemata angewandt wird. Von Aktualisierung eines Handlungsschemas kann man also nur sprechen, wenn dieses schon sprachlich bezeichnet bzw. beschrieben ist, wenn also darüber gesprochen wird.

      Dieser dem Leser vielleicht etwas spitzfindig erscheinende Unterschied wird sich verdeutlichen, wenn man an den (zunächst alltagssprachlichen) Unterschied von Bezeichnen und Beschreiben denkt: Beim Bezeichnen vergibt man (in einer noch vorläufigen Sprechweise) gleichsam einen Namen für Handlungen, während beim Beschreiben etwas behauptet wird, nämlich, dass die Beschreibung zutrifft.

      Auch die Sätze dieses Buches (aus der Sicht der Autors gerade jetzt) zu schreiben bzw. (aus der Sicht des Lesers) gerade jetzt zu lesen, geschieht durch Handlungsvollzüge, die sich unterscheiden von den bloß beschriebenen Handlungen in den obigen Beispielen. Selbstverständlich wird hier, wie in einem Buch unausweichlich, über Handlungen gesprochen. Dabei werden entweder Handlungen eine Bezeichnung als Handlungsschema bzw. eine (behauptende) Beschreibung gegeben; oder es wird der Sachverhalt betont, dass eine Handlung tatsächlich ausgeführt (und nicht etwa nur hypothetisch angenommen, geplant, erinnert, beschrieben oder ähnliches) wird. Deshalb soll dem Vollzug einer Handlung die Beschreibung einer Handlung gegenübergestellt werden, Eine Beschreibung wird etwa gegeben, wenn in einer Lehr- oder Lernsituation die Bezugsperson dem Kind die zu lernende Handlung vormacht, dem Kind die Bezeichnung beibringt und sprachlich erläutert (beschreibt), worauf es für ein "Richtig-Machen" ankommt. Man denke exemplarisch an spezielle Handlungen, wie sie in der Ausbildung zu einem Handwerk vorkommen, etwa 'feilen' für einen Mechaniker oder 'hobeln' für einen Schreiner.

      Eine Handlungsbeschreibung zu geben, kurz, eine Handlung zu beschreiben, erfüllt selbst ersichtlich alle bisher genannten Charakteristika des Handelns. Beschreiben ist selbst ein Handeln und kann damit nur durch Vollzug geschehen. Das heißt, hier besteht eine frappierende (und oft übersehene) Asymmetrie zwischen Vollzug und Beschreibung: Während selbstverständlich Handlungsvollzüge noch lange keine Handlungsbeschreibungen sein müssen (einen Mord zu begehen ist etwas anderes als einen Mord zu beschreiben), kommen umgekehrt Beschreibungen immer nur durch Handlungsvollzüge in die Welt. "Vollzug" ist also nicht nur der allgemeinere, sondern auch der grundlegendere Ausdruck. Erst mit dem Vollzug von Handlungen gibt es Kooperation und Kommunikation von Menschen miteinander.

      Die Kompliziertheit, ja vielleicht sogar die Unübersichtlichkeit der Unterscheidungen von Handlungsvollzug, Handlungsbeschreibung, Handlungsschema und dessen Aktualisierung lassen sich für den Anfänger vielleicht dadurch mildern, dass auf ein Reihenfolgeproblem aufmerksam gemacht wird. "Handeln" ist im Vergleich zu "Sprechen" nicht nur das allgemeinere Wort (weil es auch nichtsprachliche Handlungen gibt), sondern in einer sprachlichen Rekonstruktion auch das "frühere" (wofür wir später auch sagen werden: das "methodisch" frühere). Das heißt, man muss das Wort 'Handeln' in seinen philosophischen Bestimmungen schon erklärt haben, um zeigen zu können, dass auch das Sprechen diese Bestimmungen des Handelns aufweist. Dieses ganze Geschäft selbst aber vollzieht sich sprachlich, also auch schon handelnd.

      Um hierfür einen ersten, "unhintergehbaren" Anfang (wohlgemerkt der Rekonstruktion!) zu finden, wird das Wort 'Vollzug' verwendet. Erst ein Vollzug erschafft (sozusagen wie ein absoluter Nullpunkt) einen Gegenstand, über den man dann, durch weitere Vollzüge, sprechen kann. Dazu muss man den Vollzug (durch einen weiteren Handlungsvollzug) beschreiben. Zu Beschreibung benötigt man angemessene Wörter für Handlungen, die wir oben "Bezeichnungen" genannt haben. Bezeichnungen stehen für Handlungsschemata, sind also Wörter, die immer wieder und nicht nur ein einziges Mal verwendet werden können. Ist dann auf diese Weise eine verständliche Rede über das Handeln (durch Bezeichnungen für Handlungsschemata) etabliert, wird über Handlungsschemata gesagt, dass sie (gemeint ist, immer wieder neu und auch von verschiedenen Personen) aktualisiert werden können. Selbstverständlich geschieht eine solche Aktualisierung wieder durch Vollzug, aber das System der Unterscheidungen von Handlungsschemata durch ihre Bezeichnungen ist zu den ersten Vollzügen nachträglich, so wie jede Theorie zu einer Praxis nachträglich ist.

      Etwas salopp zusammengefasst: Da auch jedes Reden ein Handeln ist (einschließlich des Redens über das Reden), aber nicht jedes Handeln ein Reden ist, so bildet dennoch nicht die Theorie (des Handelns) den Gegenstand der Praxis, sondern die Praxis den Gegenstand der Theorie. Die Praxis aber ist nicht nur in der Theorie durch diese unhintergehbar, sondern auch in der Praxis selbst.

      (Wer den Unterschied von Vollzug und Beschreibung einer Handlung begriffen hat, weiß, dass und warum die Unterscheidung von Handlungsschema und Aktualisierung erst im Bereich der Handlungsbeschreibungen vorkommen kann. Erst wo über Handlungen geredet wird, d.h. wo Bezeichnungen und Beschreibungen von Handlungen vorkommen, kann man behaupten, dass ein Handlungsschema aktualisiert wird. Für eine solche Behauptung muss also schon eine sprachliche Bezeichnung, und, im Zweifel an deren richtiger Verwendung, eine sprachliche Handlungsbeschreibung verfügbar sein, um zu sagen, dass das in der Bezeichnung benannte Handlungsschema aktualisiert worden ist. Dieses alles ist also der Bereich des Redens über das Handeln, zugespitzt gesagt, der Bereich der Handlungstheorie.

      Der Handlungstheorie geht aber die Unterscheidung von Vollzug und Beschreibung methodisch voraus. Wir fangen ja als Menschen nicht dadurch an zu handeln, dass wir erst eine Handlungstheorie entwickeln und dann deren theoretische Vorgaben in die Praxis umsetzen.

      In einem Buch über diese Verhältnisse jedoch bleibt nichts anderes übrig, als entgegen dem Primat des Vollzugs vor der Beschreibung sich erst dem Bereich der Beschreibungen, nämlich des Redens zuzuwenden. Und erst, wenn dies gelungen ist, kann darauf aufmerksam gemacht werden, dass das Handeln nicht durch Aktualisierungen vorgegebener Handlungsschemata in die Welt kommt, sondern durch Vollzüge. Was für das Handeln selbst also immer am Anfang steht, nämlich die Vollzüge, wird für ein Reden über Handeln der erst später einzuführende sprachliche Ausdruck. Dieses richtig verstanden zu haben, schließt die Einsicht ein, dass der ganze Gegenstandsbereich dieser theoretischen Rede jedoch die tatsächlichen Vollzüge sind, und dass auch die gesamte Rede über Vollzüge nur durch Vollzüge in die Welt kommt. Die Handlungsvollzüge sind prinzipiell 'methodisch' unhintergehbar. Dieser Aspekt ist so wichtig, dass daran letztlich das Wort "methodisch" zu erläutern sein wird und die gesamte hier vorgetragene theoretische Philosophie daran ihr Charakteristikum findet. Und es finden sich in der Philosophie wie in den Wissenschaften Fehler zuhauf, den methodischen Primat des Vollzugs vor der Beschreibung übersehen zu haben. Vieles lässt sich beginnen durch Handeln, nicht durch Beschreiben. Dazu später mehr.)

      (P. Janich, Sprache und Methode, S. 7-9)
    • Genau so stelle ich mir das vor, was Janich schreibt ist für mich ohne große Probleme nachvollziehbar. Jetzt müsste man vielleicht mal versuchen herauszuarbeiten, worin sich Janich und Peirce in Bezug auf den gesamten Prozeß unterscheiden.
      Es ist gut, ins philosophische Nichts zu springen. Besser ist es, wieder heil nach Hause zu kommen.

      Willst du einen Menschen wirklich lehren, musst du ihn zuvor erkennen.
    • iselilja schrieb:

      gesamten Prozeß
      was ist darunter begriffen? Welcher Prozess ist gesucht?

      "Und es finden sich in der Philosophie wie in den Wissenschaften Fehler zuhauf, den methodischen Primat des Vollzugs vor der Beschreibung übersehen zu haben. Vieles lässt sich beginnen durch Handeln, nicht durch Beschreiben. Dazu später mehr." - Janich, letzter Satz

      Weshalb formale Logik auch falsch ist, denn die Regeln entstanden im Vollzug des Denkens von Begriffszusammenhängen bzw. Handlungsschematas durch Aristoteles...sie sind deshalb nur eine Beschreibung der Sprache bzw. von Handlungsschematas, niemals aber der Vollzug des durch das Handlungsschema beschriebene - und deshalb wird der methodische Primat vor des Vollzugs vor der Berschreibung übersehen.
      Hier gibt es nichts zu sehen!
    • (Janich, S. 8: )

      »Erst ein Vollzug erschafft (sozusagen wie ein absoluter Nullpunkt) einen Gegenstand, über den man dann, durch weitere Vollzüge, sprechen kann.«

      (Jaspers, Philosophie Band 2 - Existenzerhellung, S.17: )

      »Objektive Realität ist, was einer Sinnesempfindung überhaupt korrespondiert, existentielle Wirklichkeit ist die Unbedingtheit im entscheidenden Augenblick; der empirischen Wirklichkeit steht gegenüber der Gehalt der Entscheidung

      Da fehlt noch etwas vor dem Vollzug!
    • Philodendron schrieb:

      (Janich, S. 8: )

      »Erst ein Vollzug erschafft (sozusagen wie ein absoluter Nullpunkt) einen Gegenstand, über den man dann, durch weitere Vollzüge, sprechen kann.«

      (Jaspers, Philosophie Band 2 - Existenzerhellung, S.17: )

      »Objektive Realität ist, was einer Sinnesempfindung überhaupt korrespondiert, existentielle Wirklichkeit ist die Unbedingtheit im entscheidenden Augenblick; der empirischen Wirklichkeit steht gegenüber der Gehalt der Entscheidung

      Da fehlt noch etwas vor dem Vollzug!
      Janichs Satz ist richtig. Er versucht das Problem zu umgehen, welches Jaspers miteinbezieht, indem Janich ausschließlich auf Sprache referiert und sonst nichts.

      Janich sieht "Objektive Realität" durch den Vollzug von Handlungen bestätigt. Er ignoriert, dass sich der Vollzug in zwei Teile aufteilt, nämlich in die Sinnesempfindung eines Einzelnen Bewusstseins und die "existentielle Wirklichkeit im entscheidenden Augenblick" dargestell als "empirische Wirklichkeit" und deren Handlungsvollzüge auf verschiedenstensten Ebenen. Beide Handlungen sind durch "Handlungsschemata" begrifflich fixiert in einem allgemeineren - dem der "Handlungsschemata".
      Hier gibt es nichts zu sehen!
    • Philodendron schrieb:

      (Janich, S. 8: )

      »Erst ein Vollzug erschafft (sozusagen wie ein absoluter Nullpunkt) einen Gegenstand, über den man dann, durch weitere Vollzüge, sprechen kann.«

      (Jaspers, Philosophie Band 2 - Existenzerhellung, S.17: )

      »Objektive Realität ist, was einer Sinnesempfindung überhaupt korrespondiert, existentielle Wirklichkeit ist die Unbedingtheit im entscheidenden Augenblick; der empirischen Wirklichkeit steht gegenüber der Gehalt der Entscheidung

      Da fehlt noch etwas vor dem Vollzug!
      Das verstehe ich nicht. Ich verstehe nicht, was Jaspers sagen (will), und ich verstehe deswegen auch nicht, warum Du Janich mit Jaspers korrigieren willst.

      Wo ist überhaupt die Verbindung zwischen Janich und Jaspers - allein terminologisch? Janich schreibt doch weder über "objektive Realität" noch "Wirklichkeit"?

      Abgesehen davon, sagt Janich in dem Satz, der dem von Dir zitierten Satz voransteht: "Um hierfür einen ersten, "unhintergehbaren" Anfang (wohlgemerkt der Rekonstruktion!) zu finden, wird das Wort 'Vollzug' verwendet". Das heißt, die Art von Nullpunkt, die er setzt, dient lediglich methodischem Zweck.

      Erklärst Du bitte?!
    • CanumaPueblo schrieb:

      iselilja schrieb:

      gesamten Prozeß
      was ist darunter begriffen? Welcher Prozess ist gesucht?
      "Und es finden sich in der Philosophie wie in den Wissenschaften Fehler zuhauf, den methodischen Primat des Vollzugs vor der Beschreibung übersehen zu haben. Vieles lässt sich beginnen durch Handeln, nicht durch Beschreiben. Dazu später mehr." - Janich, letzter Satz

      Weshalb formale Logik auch falsch ist, denn die Regeln entstanden im Vollzug des Denkens von Begriffszusammenhängen bzw. Handlungsschematas durch Aristoteles...sie sind deshalb nur eine Beschreibung der Sprache bzw. von Handlungsschematas, niemals aber der Vollzug des durch das Handlungsschema beschriebene - und deshalb wird der methodische Primat vor des Vollzugs vor der Berschreibung übersehen.
      Also ich kann das natürlich nur aus meiner Sicht darlegen. Ich meine aber, dass Janich dies im Wesentlichen so beschreibt.

      1) Handlung (als Vollzug) - das ist das Primat, welches Janich als nicht hintergehbar bezeichnet und was auch die eigentliche Quelle des Pragmatismus darstellt
      2) Reflexion der Handllung (als Beschreibung mittels Sprache bzw. Denken) - hierhin fällt auch die gesamte Problematik der Begriffs- und Bedeutungsbildung
      3) Aktualisierung der Handlung an Hand der Reflexion

      Wobei 2 und 3 selbst auch wieder Handlungen darstellen. Damit könnte man nun meinen, dass es einen unendlichen Regress gibt - so als würde sich etwas auf sich selbst beziehen. Das ist aber mit Janich nicht der Fall, denn 1 unterscheidet sich grundlegend von 2 und 3.

      lieben Gruß

      ps: Man könnte das nun auch noch etwas genauer differenzieren, indem man sagt, 1 ist Praxis, 2 ist Theorie und 3 ist die Mischung aus Praxis und Theorie. In dem Lesethread zu Peirce stellte sich mir immer wieder die Frage, welcher der drei Bereiche wann und wie gerade untersucht wird. Es stellte sich dann heraus, dass bspw. @Hermeneuticus gedanklich bei 3 war, während ich bspw. noch gedanklich bei 1 war. Deshalb denke ich, dass es ganz gut ist, sich den gesamten Prozeß erst einmal vor Augen zu führen.
      Es ist gut, ins philosophische Nichts zu springen. Besser ist es, wieder heil nach Hause zu kommen.

      Willst du einen Menschen wirklich lehren, musst du ihn zuvor erkennen.
    • Philodendron schrieb:

      Pragmatismus nach Janich ist reine Handlungstheorie. Der innerpsychische Vorlauf einer Handlung, d.h. alles was nicht manifest wird (denken usw.) existiert für diese Art von Pragmatismus nicht.
      Nein, das trifft so nicht zu. Was Du den "innerpsychischen Verlauf" einer Handlung nennst, wird nicht als inexistent behandelt. Es wird mit dem Handlungsbegriff vielmehr ein Erklärungsanfang gewählt, der die Unterscheidung "äußerlich manifest" / "innerpsychisch" (objektiv/subjektiv; empirisch gegeben/mental) mit Bedacht einklammert. Das Psychische wird damit weder ausgespart noch wegerklärt. Aber im Rahmen des pragmatischen Ansatzes kann es erst in späteren methodischen Schritten thematisiert werden. Beim Subjekt-Objekt-Modell wird es dagegen als (unhinterfragter) Ausgangspunkt vorausgesetzt und als Gegensatz zum "Objektiven", "Äußerlichen" begriffen.
    • Hermeneuticus schrieb:

      Subjekt-Objekt-Modell
      Diese Bezeichnung für ein nicht-pragmatisches Modell finde ich fragwürdig. Denn der Begriff wird verschieden gehandhabt. Im negativen Sinn ist Subjekt ein ausserweltlicher Punkt. Dieses Subjekt schafft auch Luhmann ab. So gesehen ist seine Theorie auch pragmatisch. -- Noch zu Janich: Wenn denken nur in wahrnehmbarer Sprache reflektiert wird, dann fehlt dieser Theorie doch ein wesentlicher Teil der Philosophie. Dieser fehlende Teil darf nicht schon mit Metaphysik identifiziert werden. Um dieses Fehlen des quasi vor-propositionale Denkens kreisen unsre Argumentationsweisen ja schon eine Weile. --

      (Luhmann, Soziale Systeme - Grundriß einer allgemeinen Theorie, S. 246: )

      »Keine Dekomposition von neurophysiologischen Prozessen würde je auf die Einzelzelle als Letztelement stoßen und keine Dekomposition sozialer Prozesse je auf das Bewußtsein.«
    • iselilja schrieb:

      1) Handlung (als Vollzug) - das ist das Primat, welches Janich als nicht hintergehbar bezeichnet und was auch die eigentliche Quelle des Pragmatismus darstellt
      2) Reflexion der Handllung (als Beschreibung mittels Sprache bzw. Denken) - hierhin fällt auch die gesamte Problematik der Begriffs- und Bedeutungsbildung
      3) Aktualisierung der Handlung an Hand der Reflexion

      Wobei 2 und 3 selbst auch wieder Handlungen darstellen. Damit könnte man nun meinen, dass es einen unendlichen Regress gibt - so als würde sich etwas auf sich selbst beziehen. Das ist aber mit Janich nicht der Fall, denn 1 unterscheidet sich grundlegend von 2 und 3.
      und tadaaa...wir haben den Kern einer materialistischen Dialektik nur vom Individuum und nicht von der Seinsgeschichte her gedacht.


      iselilja schrieb:

      Deshalb denke ich, dass es ganz gut ist, sich den gesamten Prozeß erst einmal vor Augen zu führen.
      Das ist kein Prozeß m.E.. Ein Prozess existiert immer Real. Das ist nur eine Dialektische Beschreibung eines Prozesses und damit eine Art Adornosches "Modell", welches für gedankliches probehandeln genutzt werden kann.
      Hier gibt es nichts zu sehen!
    • byLaszlo schrieb:

      aha, Thread "Grundsätzliche Fragen zu Pragmatismus" Beitrag 86:
      erst jetzt erkenne ich die Motivation dieses Threads
      Kürzlich hattest Du mir ... im "Zeitgeist" wars? so "aus dem Herzen geschrieben", und es war auch die Art und Weise, wie Du es formuliert hast, die nervende, die nervige, die enervierende Langsamkeit - wenngleich Dein spätes Bemerken hier eher nichts mit Langsamkeit zu tun hat, viel mehr mit verzögertem Lesen ... gehört beides zusammen, doch ja. Was will ich eigentlich sagen? Die kriechende, schleichende Langsamkeit der Gedanken, Deine Klage darüber, nein, ich weiß gar nicht, bei mir ist es ein Klagen darüber. Und das Seltsame, gleichzeitig und parallel läuft ununterbrochen ein schneller Strom sich überschlagender Gedanken. Ich kriege die Kurve zum Pragmatismus jetzt nicht. Dann muß es eben unter offtopic laufen.
    • Hermeneuticus schrieb:

      [...] Was Du den "innerpsychischen Verlauf" einer Handlung nennst, wird nicht als inexistent behandelt. Es wird mit dem Handlungsbegriff vielmehr ein Erklärungsanfang gewählt, der die Unterscheidung "äußerlich manifest" / "innerpsychisch" (objektiv/subjektiv; empirisch gegeben/mental) mit Bedacht einklammert. Das Psychische wird damit weder ausgespart noch wegerklärt. Aber im Rahmen des pragmatischen Ansatzes kann es erst in späteren methodischen Schritten thematisiert werden. Beim Subjekt-Objekt-Modell wird es dagegen als (unhinterfragter) Ausgangspunkt vorausgesetzt und als Gegensatz zum "Objektiven", "Äußerlichen" begriffen.

      Philodendron schrieb:

      Diese Bezeichnung für ein nicht-pragmatisches Modell finde ich fragwürdig. Denn der Begriff wird verschieden gehandhabt. Im negativen Sinn ist Subjekt ein ausserweltlicher Punkt. Dieses Subjekt schafft auch Luhmann ab. So gesehen ist seine Theorie auch pragmatisch. -- Noch zuJanich: Wenn denken nur in wahrnehmbarer Sprache reflektiert wird, dann fehlt dieser Theorie doch ein wesentlicher Teil der Philosophie. Dieser fehlende Teil darf nicht schon mit Metaphysik identifiziert werden. Um dieses Fehlen des quasi vor-propositionale Denkens kreisen unsre Argumentationsweisen ja schon eine Weile. --
      Was Janich betrifft, so kann ich mich zu ihm nicht äußern, weil ich sein Buch nicht gelesen habe. Ich meine allerdings, daß sich doch eigentlich Einigkeit darüber erzielen lassen müßte, was er schreibt und was er nicht schreibt. :rolleyes: Abgesehen von Janich kann ich den Streitpunkt allerdings auch nicht erkennen, weil ich der Auffassung bin, die Annahme, es gäbe ein vor-propositionales Wissen bzw. die Behauptung des Gegenteils könnte unabhängig davon diskutiert werden, ob man, wie im Pragmatismus, die Erkenntnis (das Wissen) aus dem Handeln ableitet oder ob man, wie in der Bewußtseins- oder Subjektphilosophie (Begriffe für Modelle, die vom Subjekt-Objekt-Schema ausgehen) als Ausgangspunkt alles Erkennens ein wie auch immer geartetes "Ich" annimmt. Anders gesagt, man kann meiner Meinung nach sehr wohl die These vertreten, es gäbe ein nicht-begrifffliches Wissen ("knowing- how", Bilder, Intuitionen, Gefühle, Ahnungen; zusammengefaßt im Begriff der Erfahrung) ohne zugleich das unhintergehbare "Ich" als Grund und Anfang dieser Erfahrung setzen zu müssen. Das heißt, pragmatistische Philosophie beruht keineswegs auf der Voraussetzung, ein nicht-sprachlich verfaßtes Wissen gäbe es nicht. Handlungsstrukturen als Ausgangspunkt theoretischer, d.h. propositional verfaßter Wissensformen zu nehmen, bedeutet nicht, den subjekt- oder den individuumsbezogenen Aspekt (von mir aus das "Innerpsychische") auszuschließen. Was also ist der strittige Punkt zwischen Euch?
    • Friederike schrieb:

      Handlungsstrukturen als Ausgangspunkt theoretischer, d.h. propositional verfaßter Wissensformen zu nehmen, bedeutet nicht, den subjekt- oder den individuumsbezogenen Aspekt (von mir aus das "Innerpsychische") auszuschließen. Was also ist der strittige Punkt zwischen Euch?
      »Der strittige Punkt« ist, dass »Handlungsstrukturen als Ausgangspunkt theoretischer, d.h. propositional verfaßter Wissensformen« per definitionem »den subjekt- oder den individuumsbezogenen Aspekt (von mir aus das "Innerpsychische") ausschließen.«
    • Philodendron schrieb:

      »Der strittige Punkt« ist, dass »Handlungsstrukturen als Ausgangspunkt theoretischer, d.h. propositional verfaßter Wissensformen« per definitionem »den subjekt- oder den individuumsbezogenen Aspekt (von mir aus das "Innerpsychische") ausschließen.«
      Falls man davon ausgeht, daß sich "Selbst", "Ich", "Bewußtsein", das "Subjekt" im Laufe eines kommunikativen Prozesses, im Rahmen der Einbindung in soziale Praktiken, im Erlernen und Vollziehen von Handlungen herausbilden, weswegen, warum, inwiefern sollten damit zugleich nicht-sprachliche/vor-präpositionale Wissensformen ausgeschlossen sein - Modi des Wissens, die wir begrifflich als "Psyche" fassen und räumlich in ein Innen verlegen-? M.E. ist Letzteres überhaupt nicht zwingend damit verbunden, Erkenntnis(theorie) in erster Linie vom Subjekt aus zu denken.
    • Philodendron schrieb:

      Noch zu Janich: Wenn denken nur in wahrnehmbarer Sprache reflektiert wird, dann fehlt dieser Theorie doch ein wesentlicher Teil der Philosophie. Dieser fehlende Teil darf nicht schon mit Metaphysik identifiziert werden. Um dieses Fehlen des quasi vor-propositionale Denkens kreisen unsre Argumentationsweisen ja schon eine Weile.
      So wichtig das private, nicht-sprachliche Erleben, Denken und Fühlen auch sein mag - die philosophische Reflexion, die sich diesen Gegenständen widmet, kommt nicht darum herum, sich der öffentlichen Sprache zu bedienen. Das gilt ebenso für die Wissenschaften, die sich damit beschäftigen. Von der Aufgabe, eine sachlich angemessene und intersubjektiv nachvollziehbare Sprache zu finden, ist also dieser Forschungszweig ebensowenig entbunden wie von der Verpflichtung, seine Wahrheitsansprüche einzulösen. Und dieser Aufgabe widmet sich Janich in seinem Buch.

      Darin werden die Verfahren (wie z.B. Prädikatorenregeln, Begriffsbildung) rekonstruiert, die u.a. zur Erarbeitung wissenschaftlicher Fachsprachen benötigt werden. Diese Rekonstruktion beansprucht allerdings, eine "methodische" zu sein. D.h. die theoretische Abhandlung der Sprache orientiert sich an den praktischen Bedingungen, denen bereits lebensweltlich das Gelingen sprachlicher Verständigung und Kooperation unterliegt. Janichs Leitfragen dabei lauten: "Wie lassen sich Misslingen und Misserfolg menschlicher Kommunikation vermeiden? Und ist diese Kunst des Vermeidens von Misslingen und Misserfolg selbst durch Sprechen über Sprache in lehr- und lernbare Verfahren zu bringen?" (S. 47)

      "Sprache und Methode" ist weder eine Einführung in die Psychologie noch der Abriss eines Systems, in dem alles für die philosophische Reflexion Wichtige abgehandelt wird. Dass Du darin das "Innerpsychische" und vorsprachliche Denken vermisst, ist also nicht ohne weiteres dem Autor anzulasten. Du müsstest schon zeigen können, dass Janichs spezifisches Vorhaben zum Scheitern verurteilt ist, weil er dabei das private Erleben, Denken, Fühlen nicht in angemessener Weise berücksichtigt.

      Wie steht es denn Deiner Meinung nach damit: In welcher Weise trägt das private Erleben zu einer gelingenden sprachlichen Verständigung bei? Warum kann man z.B. die Bedeutung von Wörtern und Sätzen nicht angemessen erfassen, wenn man die "innerpsychischen Abläufe" nicht mit in den Blick nimmt?

      Wie schon im Thread "Grundsätzliche Fragen zum Pragmatismus" besprochen, ist das private Erleben und Denken der Menschen als solches intersubjektiv nicht zugänglich. Diese primäre, "wesentliche" Unzugänglichkeit ist ja gerade das Definiens des "Innerpsychischen". Damit es überhaupt Gegenstand der philosophischen Reflexion (oder einer wissenschaftlichen Erforschung) werden kann, muss bereits eine gelingende sprachliche Verständigung etabliert sein, die ohne den Rückgriff auf private Gedanken, Vorstellungen, Gefühle usw. auskommt. Das ist aus praktisch-methodischen Gründen nicht anders möglich. Und wie wir wissen, ist es selbst dann, wenn wir bereits über eine intersubjektiv nachvollziehbare (verständliche) Sprache verfügen, immer noch sehr schwierig - und oft schlicht unmöglich - uns (sprachlich) über unser "Innenleben" auszutauschen.

      Es ist einfach sachlich falsch, wenn Du behauptest, die methodische Philosophie P.Janichs und seiner Schule (und im weiteren Sinne: der Pragmatismus) betrachte das Psyschische, Vorsprachliche, Emotionale usw. als inexistent. Nein, der Pragmatismus reflektiert nur ganz konkret, auf welche Weise das private Erleben (das "Mentale") intersubjektiv zugänglich werden kann. "Antimentalistisch" ist dieser Ansatz nicht deshalb, weil er das Mentale leugnete oder auf anderes (z.B. "Materielles") reduzieren wollte, sondern weil er es aus methodischen Gründen nicht als einen Erklärungsanfang der philosophischen Reflexion und wissenschaftlichen Forschung behandelt (im Unterschied zu Descartes und der an ihn sich anschließenden Subjekt-Philosophie bis hin zu Husserl).
    • Hermeneuticus schrieb:

      Damit es überhaupt Gegenstand der philosophischen Reflexion (oder einer wissenschaftlichen Erforschung) werden kann, muss bereits eine gelingende sprachliche Verständigung etabliert sein, die ohne den Rückgriff auf private Gedanken, Vorstellungen, Gefühle usw. auskommt.
      Zu diesem Punkt muss ich aber, um Missverständnissen vorzubeugen, unbedingt ergänzen, dass Peter Janich die Teilnehmer- und Vollzugsperspektive der handelnden, kommunizierenden Personen für methodisch "unhintergehbar" hält. Das grenzt sein Methodenverständnis ganz markant von wissenschaftlichen Theorien ab, die Erkenntnis, Handlung, intelligente Leistungen (traditionell: "Geist") ausschließlich aus einer Beobachterperspektive meinen erklären zu können (dazu gehören z.B. der ältere Behaviorismus, Luhmanns Theorie Sozialer Systeme oder die Philosophie eines Daniel Dennett).

      In seiner Auseinandersetzung mit der Hirnforschung (in: Kein neues Menschenbild. Zur Sprache der Hirnforschung, Frankfurt 2009 = Edition Unseld 21) beharrt Janich gerade darauf, dass der Versuch, "geistige" Phänomene und kognitive Leistungen aus einer neurophysiologischen Beschreibung von Prozessen im Gehirn zu erklären, zweierlei übersehe: Zum Einen hätte eine solche Forschung gar keinen Gegenstand, kein "Explanandum", wenn sie etwa die Aussagen von Versuchspersonen über ihre mentalen Erlebnisse oder Akte überginge. Zum Anderen müsse die wissenschaftliche Arbeit des Beschreibens ja ihrerseits vollzogen werden, d.h. die Wissenschaftler müssten, um zu experimentellen Befunden, Begriffen, Beschreibungen, Theorien... zu kommen, ja selbst handeln, miteinander kommunizieren, Behauptungen aufstellen und sie argumentativ gegen kritische Einwände vertreten usw. Und als in dieser Weise Handelnde seien sie eben TEILNEHMER und VOLLZIEHER.

      Janich erläutert dort die Unterschiede zwischen den verschiedenen Perspektiven so:

      Die Aussagen eines Anatomen, der das menschliche Skelett beschreibt, sind in ihrer Geltung unabhängig davon, dass der Anatom selbst das beschriebene Skelett besitzt. Er beschreibt das Skelett aus einer Beobachterperspektive. Sein Explanandum ist von seiner eigenen Konstitution diesbezüglich unabhängig.

      Schon der Sinnesphysiologe, der z.B. das visuelle System des Menschen erforscht, hat kein Explanandum ohne seine eigene vor- und außerwissenschaftliche Praxis des Sehens. Er kann sehen und weiß vor aller Labor-Empirie, was "Sehen" ist, das heißt, er ist eingeübt in ein "Sehen-Sprachspiel" des Alltagslebens. "Hast du das gesehen?" ist ihm ebenso verständlich wie "Schau genau hin!" oder "Was zeigt der Blick durchs Schlüsselloch?" Nicht die Physiologie definiert "Sehen" als Wort für ein Explanandum, sondern die Alltagssprache hält es bereit. Ohne sein eigenes Sehen hätte also seine Naturwissenschaft kein Explanandum, keine Aufgabe, keinen Gegenstand. Er nimmt also die Teilnehmerperspektive ein.

      Kein neues Menschenbild, S. 125f.

      Gleich im nächsten Abschnitt des Buches, der "Vollzug statt Beschreibung" (!) heißt, erläutert Janich dann die Vollzugsperspektive:

      Beide Perspektiven sind solche der Beschreibung, und es sind die einzigen, die einem Analytischen Philosophen wie Dennett zugänglich sind. Aber noch wurde dabei nur geredet, nicht im Labor geforscht. Dabei nämlich muss der Physiologe das Sehen aktuell vollziehen, sonst hätte er keine Methode. Wenn also die Geltung der sprachlich formulierten Laborbefunde herbeigeführt und ausgewiesen werden soll, muss der Physiologe die Beschreibungsperspektive verlassen und die Vollzugsperspektive einnehmen.

      Die gesamte analytische Philosophietradition hat zur Vollzugsperspektive kein Verhältnis. Sie kommt, als Alternative zu den genannten Beschreibungsperspektiven, einfach nicht vor.

      ebd. S. 126
      Ich denke, dieser Passus macht verständlich, warum Janich in "Sprache und Methode" dem Vollzug als "Nullpunkt der Rekonstruktion" so große Aufmerksamkeit widmet. Denn der Handlungsvollzug ist auch der Angelpunkt seiner Kritik an naturalistischen und reduktionistischen philosophischen Ansätzen.
      Und was das von @Philodendron vermisste "Innerpsychische" betrifft, so wird hier deutlich, dass Janich weit davon entfernt ist, es irgendwie zu reduzieren oder für inexistent zu halten.

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    • Es gibt streng genommen keinen Unterschied zwischen Vollzug und Geist. Geist geht immer notwendig ein Vollzug von etwas vorraus, ansonsten gäbe es keinen Geist, keine soziologischen Theorien, keine Philosophie.

      Nichts destotrotz ist der Geist das elementarere als der Vollzug, denn nur geistig kann Vollzug gedacht werden, auch wenn der vollzug selbst einfach passiert.
      Hier gibt es nichts zu sehen!