Jugendlich aufmüpfige Rede am Festspiel zum Jubiläum der Stadtgründung

    Diese Seite verwendet Cookies. Durch die Nutzung unserer Seite erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies setzen. Weitere Informationen

    • Jugendlich aufmüpfige Rede am Festspiel zum Jubiläum der Stadtgründung

      Im Folgenden versuche ich Dreierlei nachzuweisen. Erstens, dass die um 540 v. Chr. gegründete Stadt Hyele, Ὑέλη, auch bekannt unter dem Namen Elea, Ἐλέα, unter dem Schutz der Mondgöttin Selene stand. Zweitens, dass Παρμενίδης das Festspiel zum Jubiläum der Stadtgründung mit einer jugendlich aufmüpfigen Rede eröffnete. Drittens, dass er in seiner Ansprache die Stadtbeschützerin Σελήνη ehrte.

      Den Nachweis liefere ich mit dem uns überlieferten Proömium in der eigenen, möglichst wort- und satzgetreuen Übersetzung, allerdings ergänzt durch Regieanweisungen, die mit eckigen Klammern […] gekennzeichnet sind und die Szene in Worten gestaltenden oder Verse als Regieanweisung mit [R.] markieren:

      < Rosse, die mich leiten, sobald eine Schutz flehende Seele begehrt, [weist auf Ἥλιος] liessen den Gesandten mir oft zeigen den Lösungsweg hin zur allseits gefeierten [zeigt am Taghimmel auf Σελήνη] Gottheit, bei allen bekannt als Licht, das forttreibt: [weist auf die Kulisse, hinter der die Augäpfel der Stadt in den vom Stadtrat gespendeten Gewändern zu ihrem Auftritt bereit sind] Dahin führe ich [R.]: ja denn mich deutlich machend – Leitstuten zieht das Gespann – Augäpfel schreitet auf dem Weg voran! Augäpfel verlassen Helios Töchter gleich das Haus der Nacht, schwärmen aus ans Sonnenlicht zum festen Sichtschutz am Rand. [in Paaren werden, während den Koketterien in Vers 6 bis 8, auf geschulterten Sänften mit Sepia-Tinte eingeschwärzte und mit Salzkörner eingeriebene, kugelige Schweineblasen rund um die Zuschauerränge getragen, sodass von den Sitzen aus das in Fragment 15 und 14 beschriebene zu sehen ist]: Es ist als schaut sie [Σελήνη] sich um, ob Du – Helios – bescheinst die Nachtleuchte in der Nähe der Erde, ihr gehörende eingefangene Erscheinung. [festlich belehrend in Vers 11 bis 14] Die Türen der Reisen sind des Nachts und gleich bei Tag da und ringsum sich hat er zu äusserst die Schwelle aus Stein. Ferner geht das hoch in der Luft mit Türen Versehene ganz und gar zu Ende, der aus mühseliger Gewohnheit stammende Tag-Nacht-Wechsel ist abgelöst. [Vers 15 spricht einzelne unruhige Zuschauer an] Wem denn redet ihr Schwätzer jugendlich zu? [um alsdann in Vers 16 und 17 belehrend fortzufahren] Wie sehr Gehorsam übervorsichtig und engstirnig macht, unaussprechbar, so als ob Türen fern der Tore von Tag und Nacht geschlossen werden. [um alsdann mit dem Publikum zu scherzen und kokettieren] Der Glanz meiner Dichtkunst hängt am tosenden Beifall, wie Achse und Nabe sich wechselseitig wälzen. Wie werden Bolzen und Schnalle verbunden? Es sei denn, unter Geschrei! [weist die Träger der Mondsänften zum Abgang an] Die Augäpfel halten Wagen und Pferde entlang des Fahrwegs. [erneut zum Publikum, es zum Klatschen auffordernd:] Nehmt mich und das Schauspiel wohlwollend auf, Hand auf Hand, erhebt die Rechte, so dass für mich ein heiteres Jahr anbricht. Da, [R.:] die Augäpfel halten der göttlichen Gefährtin [Σελήνη] die Zügel und den Gespannen, die Dich tragen, zurück in unser Haus kommend. [die Träger/innen kommen hinter den Kulissen hervor und setzen sich bei den Ehrengästen nieder] Seid gegrüsst! [der Rhapsod stellt in belehrend ernstem Ton das anschliessende Theaterstück vor] Da, weder tot noch niedergeschlagen gehen wir diesen Weg - Nicht wahr, fern der Leute Trott! - Brauch, Gewohnheit und auch Verlangen machten in jedem Fall sehr faul, vielmehr noch Ordnung, Recht und auch Notwendigkeit, denn sowohl die gut abgestützten Wahrheiten liessen uns ruhigen Geistes bleiben, als auch der Leute Meinungen, denen nicht echte Zuverlässigkeit innewohnt. Vielmehr wirst Du auch der Leute Gemeintes ganz und gar einsehen, insofern es bewährt und immerzu überallhin vollendet ist. >
    • Was ist der mythologische Kontext?

      Mythologisch ist die Frage wie der Sonnenwagen vom Abend im Westen bis zum Morgen in den Osten kommt. Aber auch die Antwort mit den übermächtigen Toren von Tag und Nacht, die erklären soll, wie sich die Nacht einerseits über Himmel, See und Land ausbreitet, aber anderseits sich dem Morgenlicht fügt.

      Parmenides macht aus der Festrede vielerlei:
      - die in der damaligen Zeit von allen erwartete Würdigung der Schirmerin der Stadt (Mythologischer Kontext)
      - den ersten uns überlieferte Physikunterricht mit einem anschaulichen Experiment;
      - die Demontage des Mythos vom Sonnenwage, und den Toren von Tag und Nacht; (Mythologischer Kontext)
      - die fundamentale Kritik am blinden Gehorsam, mühseliger Gewohnheit und Gutgläubigkeit;
      - die Aufforderung andere Wege als der Leute Trott zu erforschen;
      - die Ankündigung dessen, was anschliessend zu erwarten ist: Einsicht und Wahrheit!

      L.G. --- Alltag
    • Alltag schrieb:

      die Demontage des Mythos vom Sonnenwagen
      wenn Parmenides die patriarchale Welle des Helios (Phaeton) kritisiert,
      was ich auch annehme,
      dann fehlt mir aber jetzt in Deiner Rede die gute alte Tradition,
      an die er anknüpfen möchte
      (bei mir ist das Pleione)

      daß es auch physikalische Neuigkeiten zu berichten gab
      ist sehr wahrscheinlich
      der Haken ist nur,
      daß für die antiken Griechen immer noch nicht nachgewiesen ist,
      wann sie geschnallt haben,
      daß die Sonne nachts weiter scheint

      der mythologische Grund für das Ende von Helios ist
      weniger der permanente Sonnenschein
      als vielmehr der Verlust der siebten Plejade durch Phaetons Unfall

      zwischen Parmenides und Helios stehen zeitlich noch Kronos/Rhea
      und Zeus & Co auf dem Olymp

      das fehlt bei Dir auch
    • scilla schrieb:

      zwischen Parmenides und Helios stehen zeitlich noch Kronos/Rhea
      und Zeus & Co auf dem Olymp

      das fehlt bei Dir auch
      bei mir wettert Parmenides gegen die Infantilisierung der Götter
      und die damit verbundene Herabwürdigung des normalen Menschen,
      denn seine menschenfreundliche Arzt-Philosophie steigt ja zu der Göttin auf

      das Ur-Christentum hat die Infantilisierung beendet
      und führt somit die Tradition von Pleione und Parmenides weiter