[Lesethread] Ch.S. Peirce "Was heißt Pragmatismus?"

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    • [Lesethread] Ch.S. Peirce "Was heißt Pragmatismus?"

      Peirces Aufsatz von 1905 (bei mir in "Pragmatismus - AusgewählteTexte", Reclam, Seite 99 - 124) ist in Abschnitte von 5.411 -5.437 aufgeteilt. Was es mit dieser Bezifferung auf sich hat, ist mir unklar, aber da Peirce offenbar sehr viele Aufsätze und Manuskripte hinterlassen hat (statt eines dicken Wälzers) könnte ich mir denken, dass dies die systematische Ordnung seiner Texte durch die Herausgeber darstellt.

      In den ersten beiden Abschnitten gibt Peirce Auskunft darüber,in welcher Lage und Situation er sich hinsichtlich seines philosophischen Denkens befindet. Seine (natur)wissenschaftliche Ausbildung und sein "Leben im Laboratorium" stellt er für seine Herangehensweise als prägend dar; seine Vertrautheit mit den experimentellen Wissenschaften hat ihn - wie andere Wissenschaftler, die sich mit Philosophie befassen - besonders über Kant zu seinen Überlegungen geführt.

      Es bleibt kaum Zweifel, dass die empirischen Wissenschaften und ihre Methoden von Pierce als sehr ergiebig eingeschätzt werden. Was sich nicht in der Erfahrung niederschlägt, ist sinnlos; in Sachen "nicht erfahrbare Realität" ist der Wissenschaftler "farbenblind". So kommt Pierce zur Formulierung einer ersten grundsätzlichen These seiner Theorie: "ein Begriff, d.h. der rationale Bedeutungsgehalt eines Wortes oder eines anderen Ausdrucks, [besteht] ausschließlich in seinem denkbaren Bezug auf die Lebensführung." (Seite 101). Und es folgt eine entsprechend "empirisch-wissenschafltiche" erste Beschreibung des pragmatischen Grundgedankens:

      "Da nun offensichtlich nichts, was sich nicht aus einem Experiment ergeben könnte, irgendeinen direkten Bezug auf das Verhalten haben kann, so wird man, wenn man alle denkbaren experimentellen Phänomene genau definieren kann, die die Bejahung oder Verneinung eines Begriffes implizieren könnte, darin eine vollständige Definition des Begriffes haben, und in diesem ist dann absolut nicht mehr enthalten. Für diese Lehre erfand er[also Peirce] den Namen Pragmatismus." (Seite 101).

      Dieser Name enthält lt. Peirce ausdrücklich die Differenzierung, die schon von Kant zwischen "praktisch"und "pragmatisch" vorgenommen wurde. Letzteres "drückt die Relation zu einer klar umrissenen menschlichen Zwecksetzung aus"(Seite 101).

      Es folgen mehr oder weniger interessante Scheltereien auf und über die falsch verstandenen, begrifflich missbräuchlich und unredlich behandelten Versionen dessen, was "Pragmatismus" zu bedeuten habe - in der Öffentlichkeit - und die Forderung nach einer "Ethik der Terminologie" (S. 104), die sich der Eindeutigkeit von Bezeichnungen in der Wissenschaft annähern solle. Schließlich grenzt Peirce seine eigene Theorie durch die strengere Bezeichnung "Pragmatizismus" ab, welches Wort er als "so hässlich" bezeichnet, um vor "Kindsräubern sicher" zu sein (S. 105).

      (Wer noch etwas hinzufügen oder anmerken möchte, bitte, gerne... ist wohl etwas knapp geraten. Aber ab hier geht es dann mMn erst richtig inhaltlich los, wie ich finde.)
    • echtjetzt schrieb:

      So kommt Pierce zur Formulierung einer ersten grundsätzlichen These seiner Theorie: "ein Begriff, d.h. der rationale Bedeutungsgehalt eines Wortes oder eines anderen Ausdrucks, [besteht] ausschließlich in seinem denkbaren Bezug auf die Lebensführung." (Seite 101). Und es folgt eine entsprechend "empirisch-wissenschafltiche" erste Beschreibung des pragmatischen Grundgedankens:

      "Da nun offensichtlich nichts, was sich nicht aus einem Experiment ergeben könnte, irgendeinen direkten Bezug auf das Verhalten haben kann, so wird man, wenn man alle denkbaren experimentellen Phänomene genau definieren kann, die die Bejahung oder Verneinung eines Begriffes implizieren könnte, darin eine vollständige Definition des Begriffes haben, und in diesem ist dann absolut nicht mehr enthalten. Für diese Lehre erfand er[also Peirce] den Namen Pragmatismus." (Seite 101).
      Aha, unter "Begriff" versteht Peirce also den rationalen Bedeutungsgehalt eines Wortes. Mit "Ausdruck" muß er noch ein Drittes meinen. Verstünde er Ausdruck als Synonym für "Wort", wäre "anderer" überflüssig. Die Unterscheidung des rationalen Bedeutungsgehaltes eines Begriffes vom irrationalen Bedeutungsgehalt eines Wortes? -Letzteres unterstelle ich ihm- leuchtet mir nicht ein.

      Und das Fettgedruckte verstehe ich schlicht nicht. Was will Peirce sagen? Alles, was einen direkten Bezug auf das Verhalten hat, muß sich experimentell zeigen lassen können - was heißt denn "Experiment" bei ihm? Und wie kann ein Begriff bejaht oder verneint werden? Hm, dann versteht er unter dem Begriff, dem rationalen Bedeutungsgehalt eines 'Wortes also einen Aussage-Satz, nicht nur ein einziges Wort.

      Falls jemand von Euch eine Übersetzung aus dem Ärmel schütteln kann, die ich verstehe? ... ist aber auch nicht so wichtig. Wir werden ja bestimmt irgendwann nochmal darauf kommen.
    • DIe zitierte Passage ist wohl eine Version der pragmatistischen Maxime, die Peirce immer wieder neu formuliert und variiert hat. Dies ist ein zentraler Punkt. Ich versuche hier nochmal den Originaltext zu übersetzen

      Peirce schrieb:

      Endeavoring, as a man of that type naturally would, to formulate what he so approved, he framed the theory that a conception,
      that is, the rational purport of a word or other expression, lies exclusively in its conceivable bearing upon the conduct of life; so
      that, since obviously nothing that might not result from experiment can have any direct bearing upon conduct, if one can define accurately all the conceivable experimental phenomena which the affirmation or denial of a concept could imply, one will have therein a complete definition of the concept, and there is absolutely nothing more in it. (WHAT PRAGMATISM IS. 163)

      Übersetzung:

      Sich bemühend, wie es einem Mann dieses Typus [des empirischen Naturwissenschaftlers] naurgemäß entspricht, das was er bestätigt fand zu formulieren, arbeitete er die Theorie aus, dass ein Begriff, also der der rationale Inhalt eines Wortes oder anderen Ausdrucks, ausschließlich in seinem absehbaren Einfluss auf den lebenspraktischen Vollzug zu finden ist; so dass, da offensichtlich nichts, was nicht aus einem Experiment resultieren könnte, irgendeinen direkten Einfluss auf den lebenspraktischen Vollzug haben kann, sofern man akkurat alle absehbaren experimentellen Phänomene bestimmen kann, welche die Affirmation oder Ablehnung eines Begriffs implizieren könnte, man damit die komplette Defintion des Begriffs hat, und es liegt absolut nicht mehr in dem Begriff.


      Er spricht hier von Begriff als dem rationalen Inhalt von Wörtern oder anderen Ausdrücken. Unter anderen Ausrücken könnten m.E. entweder komplexere aus Wörtern zusammengesetze Aussagen wie z.B. Sätze/Ausssagen oder auch nicht-sprachliche Zeichen gemeint sein. Womit er hier auf rational abhebt ist eine gute Frage. Irrational könnten z.B. gefühlsmäßige Konnotationen von Wörtern sein oder nicht klare, diffuse Inhalte.
      Der Begriff kann nun, nach Peirce, vollständig bestimmt werden durch die Auswirkungen, die er auf den lebenspraktischen Vollzug (conduct of life) hat.


      Ein Vorschlag:
      Zum Beispiel könnte der Begriff "Hammer" durch die Auswirkungen in seinem lebenspraktischen Gebrauch bestimmt werden, als ein Gegensand, mit dem Nägel in eingeschlagen werden. Durch diese lebenspraktische Verwendung ist der Begriff vollkommen bestimmt. Und alles, was diesem Zweck dient, könnte im Umkehrschluss als Hammer bezeichnet werden.

      Affirmation oder Ablehnung kann man eigentlich nur wahrheitsfähigen Aussagen gegenüber aufbringen. Das bleibt mir auch noch etwas unklar.

      In der Einleitung stellt Peirce ja zwei Idealtypen gegenüber: auf der einen Seite den empirisch-experimentellen Naturwissenschaftler und auf der anderen Seite den Geisteswissenschaftler, der sein Wissen überwiegend aus Büchern hat, wie Idea ja schon geschrieben hat.

      echtjetzt schrieb:

      Es bleibt kaum Zweifel, dass die empirischen Wissenschaften und ihre Methoden von Pierce als sehr ergiebig eingeschätzt werden. Was sich nicht in der Erfahrung niederschlägt, ist sinnlos; in Sachen "nicht erfahrbare Realität" ist der Wissenschaftler "farbenblind". So kommt Pierce zur Formulierung einer ersten grundsätzlichen These seiner Theorie: "ein Begriff, d.h. der rationale Bedeutungsgehalt eines Wortes oder eines anderen Ausdrucks, [besteht] ausschließlich in seinem denkbaren Bezug auf die Lebensführung." (Seite 101). Und es folgt eine entsprechend "empirisch-wissenschafltiche" erste Beschreibung des pragmatischen Grundgedankens:

      [...]


      Dieser Name enthält lt. Peirce ausdrücklich die Differenzierung, die schon von Kant zwischen "praktisch"und "pragmatisch" vorgenommen wurde. Letzteres "drückt die Relation zu einer klar umrissenen menschlichen Zwecksetzung aus"(Seite 101).
      Ich verstehe die Passage, in der es um die Farbenblindheit des Naturwissenschaftlers geht, noch ein bißchen anders.

      Peirce schrieb:

      If you talk to him [dem experimentellen Naturwissenschaftler] as Mr. Balfour talked not long ago to the British Association, saying that "the physicist seeks for something deeper than the laws connecting possible objects of experience, that "his object is a physical reality" unrevealed in experiments, and that the existence of such non-experiential reality "is the unalterable faith of science," to all such ontological meaning you will find the experimentalist mind to be color-blind.
      Dem Naturwissenschaftler erscheint nur das experimentell Erfahrbare real. Jegliche ontologische Aussage über die Realität einer nicht-experimentell erfahrbaren Realität ist für ihn irrelevant. Da steckt auch eine Kritik an dem szientistischen Verständnis der Realität drin. Auch wenn Peirce sich gegen die metaphysische Spekulation richtet, kritisiert hier auch ein reduktionistische Weltsicht der experimentellen Naturwissenschaft.

      Spannend fände ich was er vor Augen hat bei der Unterscheidung zwischen "praktisch" und "pragmatisch". Wobei er das Praktische im Kantschen Sinne ja als einen Bereich bezeichnet, der für den Naturwissenschaftler keinen sicheren Boden bieten kann.

      Interessant auch, dass er sich in der Kantschen Tradition versteht und der Philosophie aus dem unsystematischen Chaos und der begrifflichen Unordnung in den sicheren Gang der Wissenschaft verhelfen will. (S.163)
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    • Friederike schrieb:

      Und das Fettgedruckte verstehe ich schlicht nicht.
      Hi! Die Hervorhebung ist von mir; es ist im Text nicht fett gedruckt. Werde ich zukünftig vermeiden oder anmerken.

      Der Satz ist nicht so ohne, finde ich auch. Ich behelfe mir so:

      Weil alles, was keine empirischen Folgen hat, auch in der Lebensführung keinerlei Tragweite / Bedeutung hat, aus diesem Grund kann man sagen: wenn jemand alle denkbaren empirischen Phänomene eines Begriffes definieren könnte, hätte dieser jemand damit auch die komplette Definition dieser Begriffe - nicht mehr, aber auch nicht weniger. Oder noch mal anders: "alle denkbaren experimentellen Phänomene" wären sozusagen wirklich alle mit einem Begriff zusammenhängenden Phänomene. Und mit all diesen wäre der Begriff vollständig definiert, denn nur (bzw. eben alles) was phänomenal wirkt, definiert den Begriff. Also quasi ... "ein Begriff ohne Anschauung ist blind" (statt andersherum). Nun ja ;)
    • echtjetzt schrieb:

      Friederike schrieb:

      Und das Fettgedruckte verstehe ich schlicht nicht.
      Hi! Die Hervorhebung ist von mir; es ist im Text nicht fett gedruckt. Werde ich zukünftig vermeiden oder anmerken.
      Der Satz ist nicht so ohne, finde ich auch. Ich behelfe mir so:

      Weil alles, was keine empirischen Folgen hat, auch in der Lebensführung keinerlei Tragweite / Bedeutung hat, aus diesem Grund kann man sagen: wenn jemand alle denkbaren empirischen Phänomene eines Begriffes definieren könnte, hätte dieser jemand damit auch die komplette Definition dieser Begriffe - nicht mehr, aber auch nicht weniger. Oder noch mal anders: "alle denkbaren experimentellen Phänomene" wären sozusagen wirklich alle mit einem Begriff zusammenhängenden Phänomene. Und mit all diesen wäre der Begriff vollständig definiert, denn nur (bzw. eben alles) was phänomenal wirkt, definiert den Begriff. Also quasi ... "ein Begriff ohne Anschauung ist blind" (statt andersherum). Nun ja ;)
      Das sehe ich auch so. Wobei hier die Unterscheidung zwischen experimentellen Phänomenen und Erfahrung sich ja schon wieder auflöst. Wie steht die experimentelle Erfassung oder Modellierung der Wirklichkeit im Verhältnis zur lebenspraktischen Erfahrung? In dem Satz sagt Peirce ja, dass nichts, was nicht das Resultat eines Exepriments sein kann, einen denkbaren Bezug zum lebenspraktischen Vollzug haben kann.

      Meine vorläufigen Übersetzungen von der Bestimmmung des Begriffs als
      "conceivable bearing upon conduct of life" würde ich nochmal zur Diskussion stellen.
      "denkbarerer/vorstellbarer/absehbarer Bezug zu einem lebenspraktischen Vollzug/Lebensführung"
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      Dieser Beitrag wurde bereits 2 mal editiert, zuletzt von Ryoba ()

    • Ryoba schrieb:

      Da steckt auch eine Kritik an dem szientistischen Verständnis der Realität drin. Auch wenn Peirce sich gegen die metaphysische Spekulation richtet, kritisiert hier auch ein reduktionistische Weltsicht der experimentellen Naturwissenschaft.
      Eine Kritik am Szientismus bzw. Reduktionismus der experimentellen Naturwissenschaften kann ich - nach meiner bisherigen Lektüre - nicht erkennen. Zumal Peirce ja im Zuge seiner Forderung nach einer "Ethik der Terminologie" den Philosophen die Arbeitsweise der Naturwissenschaftler als Vorbild empfiehlt - zu der neben einem kooperativen Geist und gegenseitiger Anerkennung auch die klare Terminologie gehöre. (S. 101f.)
      Nein, die Bemerkung über die Irrelevanz einer "tieferen" physikalischen Natur, die sich nicht in Experimenten offenbare, steht vielmehr in einer...

      Ryoba schrieb:

      Kantschen Tradition
      ...der Metaphysik-Kritik.
    • Hallo Hermeneuticus,

      dein Einwand ist auf jeden Fall triftig. Aber ich meine, dass Peirce sich von den beiden Idealtypen, dem experimentellen Naturwissenschaftler und dem metaphysischen Geisteswissenschaftler in einzelnen Aspekten distanziert und sich nicht etwa kritiklos auf eine Seite schlägt. (Wobei natürlich die experimentelle Methode und die Klarheit der Begriffe einen eminenten Stellenwert haben)

      Ich mach dies an folgenden Textstellen fest:

      Peirce schrieb:

      Were those other men only to take skilful soundings of the experimentalist's mind, - which is just what they are unqualified to do, for the most part, - they would soon discover that, excepting perhaps upon topics where his mind is trammelled by personal feeling or by his bringing up, his disposition is to think of everything just as everything is thought of in the laboratory, that is, as a question of experimentation. (S.161)
      und...

      Peirce schrieb:

      [...] that "his object is a physical reality" unrevealed in experiments, and that the existence of such non-experiential reality "is the unalterable faith of science," to all such ontological meaning you will find the experimentalist mind to be color-blind. (S.162)
      Farbenblind ist definitiv keine Metapher für eine differenzierte und realitätsgerechte Wahrnehmung. Im Gegenteil sie impliziert eine in gewisser Hinsicht defizitäre Sicht, der eine bestimmte Qualität nicht zugänglich ist.
      Die entscheidende Frage, die unsere beiden Interpretationen unterscheidet, ist ja, ob mit dem "unalterable faith of science" (dem anabänderlichen Glauben der Wissenschaft) an eine Realität außerhalb der experimentellen Beobachtung von Peirce ein positiver oder ein negativer Wert verbunden wird.

      Im folgenden Absatz nimmt er positiv Bezug auf metaphysische Theorien von Kant, Berkeley und Spinoza, wobei er auch gleichzeitig die "fachidiotisch" beschränkte Sicht des Laborlebens hinter sich lässt:

      Peirce schrieb:

      That laboratory life did not prevent the writer (who here and in what follows simply exemplifies the experimentalist type) from becoming interested in methods of thinking; and when he came to read metaphysics, although much of it seemed to him loosely reasoned and determined by accidental prepossessions, yet in the writings of some philosophers, especially Kant, Berkeley, and Spinoza, he sometimes came upon strains of thought that recalled the ways of thinking of the laboratory, so that he felt he might trust to them ; all of which has been true of other laboratory-men. (S.162)
      Er findet bei diesen Autoren eine Denkweise, die an die experimentelle Methode der Naturwissenschaft erinnert. Er selbst bezeichnet sich und seine Theorie als exemplarisch für diese Methode. Das heisst nach meinem Verständnis, dass er die experimentelle Methode aus dem Kontext der Naturwissenschaften heraus löst. Folgt daraus, dass er die Farbenblindheit der Naturwissenschaftler gegenüber einer Realität außerhalb der Experimente teilt? Ich meine, notwendigerweise nicht!

      Aber das können wir ja noch im weiteren Verlauf des Textes weiter diskutieren. Vielleicht wird das ja noch klarer.... :)
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    • Ein paar Bemerkungen zur Definition des Pragmatismus-Begriffs:

      echtjetzt schrieb:

      "ein Begriff, d.h. der rationale Bedeutungsgehalt eines Wortes oder eines anderen Ausdrucks, [besteht] ausschließlich in seinem denkbaren Bezug auf die Lebensführung." (Seite 101).
      "Denkbarer Bezug auf die Lebensführung" ist vielleicht nicht die glücklichste Übersetzung von "its conceivable bearing upon the conduct of life". "To bear upon" hat eine stärkere, verbindlichere Bedeutung als der vage "Bezug auf". Ich würde daher eher formulieren: "ein Begriff (...) besteht in seiner nachvollziehbaren Tragweite für die Lebensführung."
      Das passt auch mit der sich anschließenden Präzisierung zusammen:

      echtjetzt schrieb:

      "Da nun offensichtlich nichts, was sich nicht aus einem Experiment ergeben könnte, irgendeinen direkten Bezug auf das Verhalten haben kann, so wird man, wenn man alle denkbaren experimentellen Phänomene genau definieren kann, die die Bejahung oder Verneinung eines Begriffes implizieren könnte, darin eine vollständige Definition des Begriffes haben, und in diesem ist dann absolut nicht mehr enthalten. Für diese Lehre erfand er[also Peirce] den Namen Pragmatismus." (Seite 101).
      (Unterstreichung von mir)
      Implikation ist eine logische Folgerung, eine verbindliche Konsequenzbeziehung. Und das scheint mir - wenn ich an Freges und Robert Brandoms Verständnis des Begrifflichen denke - bemerkenswert. Brandom wird 100 Jahre später dieses lebenspraktische "commitment", dieses "sich-festlegen-auf...", das mit dem Verstehen eines Begriffs einher geht, detailliert ausbuchstabieren.

      Eine andere Überlegung, die mir zu dieser Definition kam: Offensichtlich ist es unmöglich, "alle denkbaren experimentellen Phänomene" zu erfassen. Und so kann auch ein Begriff niemals "vollständig definiert" werden. Dazu fiel mir ein, was Kant in der KrV kritisch zu Leibniz' Vorstellung vom "vollständig bestimmten Ding" ausführt. In Leibniz' Monadologie ist ja jedes Individuum, jede "Monade", vollständig bestimmt durch ihre Beziehungen zu allen anderen Monaden, so dass ein göttlicher Intellekt aus der Bestimmtheit jedes beliebigen Individuums logisch auf die Beschaffenheit des ganzen Universums schließen könnte. Diese onto-theo-logizistische Vorstellung des vollständig bestimmten Dings stutzt Kant - erwartungsgemäß - auf eine "bloß regulative Idee" für den praktischen Vernunftgebrauch zurück.

      Mich wundert es nun, bei Peirce ausgerechnet in seiner Definition des Pragmatismus einem verwandten Ideal zu begegnen. So viel lässt sich immerhin daran schon erkennen: Wir haben es mit einem entschieden rationalistischen Verständnis von Pragmatismus zu tun. Das ist himmelweit entfernt von einem etwaigen "Pragmatismus" Nietzsches, wie er im Titel seiner berühmten ersten Unzeitgemäßen Betrachtung: "Vom Nutzen und Nachteil der Historie für das Leben" anzuklingen scheint.
    • Noch ein paar Anmerkungen zu Peirce's Definition des Pragmatismus.

      Bemerkenswert ist doch, dass Peirce sein Verständnis von Pragmatismus durch eine Definition des Begriffs auf den Punkt bringt. Als guter Kant-Kenner wird er Kants Andeutungen zum Begriff aus der KrV (siehe den Abschnitt "Von dem logischen Verstandesgebrauche überhaupt" A 67ff. / B92ff.) auswendig gekonnt haben. Dort heißt es etwa:

      "Wir können aber alle Handlungen des Verstandes auf Urteile zurückführen, so dass der Verstand als ein Vermögen zu urteilen vorgestellt werden kann. Denn er ist nach dem obigen ein Vermögen zu denken. Denken ist das Erkenntnis durch Begriffe." (A 69 / B 94)

      Begriffe, so hatte Kant vorher schon gesagt, beruhten auf "Funktionen". "Ich verstehe aber unter Funktion die Einheit der Handlung, verschiedene Vorstellungen unter einer gemeinschaftlichen zu ordnen. Begriffe gründen sich also auf der Spontaneität des Denkens (...). Von diesen Begriffen kann nun der Verstand keinen anderen Gebrauch machen, als dass er dadurch urteilt." (A 68 / B 93; Unterstreichung von mir).

      Begriffsgebrauch wird hier zwar als Handlung des Verstandes charakterisiert, aber es ist das ein rein theoretisches und mentales Handeln, ein Operieren mit "Vorstellungen". "Begriffe aber beziehen sich, als Prädikate möglicher Urteile, auf irgendeine Vorstellung von einem noch unbestimmten Gegenstand. (...) Er [der Begriff] ist also nur dadurch Begriff, dass unter ihm andere Vorstellungen enthalten sind, vermittelst deren er sich auf Gegebstände beziehen kann." (A 69 / B 94)

      Neben der funktionalen Einigungsleistung, die Begriffe als Prädikate möglicher Urteile erbringen, haben sie ihren Gehalt, ihre Bedeutung durch den Bezug auf Vorstellungen (von Gegenständen). D.h. ihre Bedeutung wird immer noch als ein mentales Repräsentieren verstanden.

      Nimmt man den Kantschen Begriff des Begriffs als Hintergrundbezug, dann hebt sich der Peirce'sche Begriff sehr scharf ab: Was ein Begriff bedeutet, lässt sich gerade nicht durch mentale Repräsentationen von Gegenständen eruieren, sondern durch ihre praktische Tragweite für die Lebensführung. "Bedeutung" hat also ein Begriff nicht dadurch, dass man sich darunter etwas theoretisch vorstellt oder denkt, sondern dadurch, dass er etwas im Leben desjenigen bewirkt, der den Begriff "hat". Einen Begriff haben, eine Aussage bejahen, könnte man umgekehrt sagen, bliebe "bedeutungslos", wenn das für die Lebensführung keine Konsequenzen hätte. (Für theologisch Interessierte dürfte das eigentlich ein naheliegender Gedanke sein...) - Peirce lenkt also die Aufmerksamkeit weg von dem, was man sich beim Verstehen eines Wortes hier und jetzt vorstellen mag, hin auf die Folgen für das spätere, zukünftige Handeln.

      (Der berühmte Rilkesche Imperativ "Du musst dein Leben ändern", der - scheinbar unvermittelt - die Betrachtung des archaischen Apollo-Torsos abbricht, deutet eine ähnliche Einsicht an. Da gewinnt plötzlich das bloße Anschauen und Vergegenwärtigen eine unmittelbare Verbindlichkeit für den Betrachter - obwohl natürlich unklar bleibt, wozu genau er sich verbunden sieht.)
    • Ich nehme den Faden mal an dem Punkt auf, an dem Peirce das Theorielabel Pragamtizimus als sicher vor Kidnappern aufgrund seiner Häßlichkeit erklärt. (S.105) Ich habe immer noch den englischen Text als Grundlage vor mir, was etwas schwierig sein könnte aufgrund der abweichenden Begrifflichkeiten, aber ich denke wir bekommen das hin uns mit etwas Übersetzen und Begriffsklärung zu verständigen. :rolleyes:

      Peirce sieht die Aufnahme des Labels Pragmatismus durch James und Schiller zwar als Weiterentwicklung, sieht in seiner Bestimmung des Pragmatismus jedoch die entscheidenden Vorteile, dass aus ihr alle anderen wahren Schlussfolgerungen der anderen Bestimmungen abgeleitet werden können (damit spricht er ihr den Status eines theoretischen Axioms zu) und dass sie viel eher mit dem kritischen Beweis ihrer Wahrheit zu verbinden ist.
      In unserem Aufsatz geht es jedoch bloß um die Erklärung der pragmatistischen Maxime und nicht um die Anwendung des Pragmatismus als Lösung bestimmter philosophischer Probleme und auch nicht um die Beweis seiner Wahrheit. Dennoch möchet ich kurz auf seine Randbemerkungen zu dem Thema eingehen. Peirce merkt an, dass der Beweis der Wahrheit des Pragmatismus die Etablierung der Wahrheit des Synechismus beinhalten muss.

      Was meint er mit Synechismus? Das Universallexikon schreibt zu Synechismus:

      „von C. S. Peirce geprägterphilosophischer Begriff, der ein dem objektiven Idealismus von Peirceentsprechendes, relationenlogisch konstituiertes Modell von Realitätbezeichnet. Die eine Wirklichkeit (Realität) wird als allgemein undkontinuierlich aufgefasst, d. h., es kann keine Summe aus Einzelnemgebildet werden, die das Kontinuum ausschöpfen würde. Einzeldingesind letztlich Abstraktionen des erkennenden Subjekts aufgrund des Allgemeinen. Daraus ergibt sich ein regulatives Prinzip der Logik,das einer gültigen Hypothese den logisch gleichen Stellenwertzuweist wie einer deduktiven oder induktiven Schlussfolgerung unddamit die prinzipielle Unerklärbarkeit von Phänomenen ausschließt.“

      Da kommen wir auch schon der Frage von Hermeneuticus näher, was das Ideal der kompletten Bestimmung eines Begriffs bei Peirce zu bedeuten habe. Die Realität, insbesondere Raum und Zeit, wird als kontinuierlich vorgestellt. Das heißt aber auch ein Kontinuum ist nicht durch eine Summe von einzelnen Bestimmungen komplett auszuschöpfen. Inwieweit kann er dann davonausgehen, dass ein Begriff durch die Angabe der anzunehmendenexperimentellen Phänomene in lebenspraktischer Hinsicht komplett zubestimmen ist? Diese Frage sollten wir auf jeden Fall bei der weiteren Lektüre im Hinterkopf behalten. Auch die Frage: Was heißt es, dass eine gültige Hypothese den gleichen Stellenwert wie eine (deduktive oder induktive) Schlussfolgerung hat und dadurch die Unerklärbarekeit von Phänomenen ausgeschlossen wird.

      Peirce wird hier dem objektiven Idealismus zugeordnet, was ihn eher in die Nähe von Schelling rückt,d.h. Die Erfassung der objektiven (geistigen) Realität durch das denkende Bewusstsein wird für möglich gehalten. Außerdem wird er als Vertreter eines Universalienrealismus gekennzeichnet. Universalienrealismus bedeutet ganz grob gesprochen, dass dieExistenz von Allgemeinem, also dem was mit mit Prädikatoren den Einzeldingen zugeschrieben wird, eine reale Existenz innehat.

      Beispiel:
      „Der Ofen ist schwarz.“

      Das Einzelding wird mit dem Begriff Ofen bezeichnet (X ist ein Ofen). Diesem Ofen wird dann das allgemeine Prädikat „Schwarheit“ zugesprochen. Die Schwarzheit ist ein Allgemeines, dem ein Universalienrealist eine Existenz zusprechenwird. Während ein Nominalist davon ausgeht, dass nur Einzeldinge existieren. Das ist jetzt natürlich ziemlich vereinfacht dargestellt.
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    • Auch wenn ich damit ein bißchen vorgreife:

      Hermeneuticus schrieb:

      Begriffsgebrauch wird hier zwar als Handlung des Verstandes charakterisiert, aber es ist das ein rein theoretisches und mentales Handeln, ein Operieren mit "Vorstellungen". "Begriffe aber beziehen sich, als Prädikate möglicher Urteile, auf irgendeine Vorstellung von einem noch unbestimmten Gegenstand. (...) Er [der Begriff] ist also nur dadurch Begriff, dass unter ihm andere Vorstellungen enthalten sind, vermittelst deren er sich auf Gegebstände beziehen kann." (A 69 / B 94)
      Neben der funktionalen Einigungsleistung, die Begriffe als Prädikate möglicher Urteile erbringen, haben sie ihren Gehalt, ihre Bedeutung durch den Bezug auf Vorstellungen (von Gegenständen). D.h. ihre Bedeutung wird immer noch als ein mentales Repräsentieren verstanden.
      In einer Fußnote (S.172 im englischen Text) gibt es auch einen Seitenhieb von Peirce auf den Begriff des Urtheils in der deutschen Philosophie. In der kritisiert er, dass im Urtheil die mentale Repräsentation einer Behauptung und der propositionale Gehalt der Behauptung in eins gesetzt werden:

      The writer, like most English logicians, invariably uses the word proposition, not as the Germans define their equivalent, Satz, as the language
      expression of a judgment (Urtheil), but as that which is related to any assertion, whether mental and self-addressed or outwardly expressed, just as any possibility is related to its actualisation. The difficulty of the, at best, difficult problem of the essential nature of a Proposition has been increased, for the Germans, by their Urtheil, confounding, under one designation, the mental assertion with the assertible.
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    • Zwei Lehrsätze möchte Peirce der Bestimmung des Pragmatismus voraus schicken; diese wurden noch nie formal aufgelistet und können zusammengefasst werden unter der vagen Maxime:

      „Dismiss make-believes“

      Die Übersetzung des reclam-Textes istäußerst irreführend. Hier wird „dismiss make-believes“ mit„gib gemachte Überzeugungen auf“ übersetzt. "Make-Believes" könnte man auch mit Vorwand oder Vorspiegelungen übersetzen. In demweiteren Verlauf des Textes wirft ein imaginärer Gesprächspartnermit dem Namen Mr. Make-Believe kurze ungläubige Kommentare ein, dievon Peirce als falsche Vorspiegelungen entlarvt werden. In demreclam-Text wird Mr. Make-Believe
      mit Herr Glaubenmacher übersetzt.Damit wird aber der Bezug dieses imaginären Gesprächspartners aufdie vage Maxime „Dissmiss make-believes“ im deutschen Textgetilgt. Die
      Übersetzung „Gib gemachteÜberzeugungen auf“ ist somit sinnverstellend und hindert einVerständnis, da sie eher an die Unterscheidung von Überzeugungen (Believes) und Zweifeln als lebenspraktisch wirksamen Prinzipien denken lässt, die hier aber noch gar nicht eingeführt wurde .

      Doch was meint Peirce mit der vagenMaxime „Dismiss Make-Believes“?

      Mit „dismiss make-believes“ meintPeirce offensichtlich das Fallen lassen/Aufgeben von falschenVorspiegelungen.
      Eine solche falsche Vorspiegelung istes, dass philosophische Denken von einem bestimmten künstlichherbeigeführten oder herbeigeredetem Geisteszustand ausgehen zulassen. Er nennt hier zwei Beispiele. Das erste ist der cartesischeZweifel an allem. Das zweite ist die empiristische Abstarktion vonaller Verstandestätigkeit und Beschränkung auf das sinnlichWahrnehmbare. Der rationalistische Zweifel an Allem, der schließlichzu der Schlussfolgerung „cogito ergo sum“ führt, und dieempiristische Sinnlichkeit, die zu der Überzeugung „Nihil est inIntellectu quod non fuerit est in Sensu“ führte; sie beruhenbeide nach Peirce auf einer falschen Vorspiegelung einesGeisteszustands, der von der „Masse von bereits gewonnenenErkenntnissen“ abstrahiert und sich in einer künstlichen Als-obHaltung von Ihnen befreit wähnt. Der einzige wahre Geisteszustand,von dem aus das philosophische Denken aufbrechen kann, ist derZustand zum Zeitpunkt des Aufbruchs!

      Die Introspektion, oder genauer: einebestimmte Form einer sich selbst vorgetäuschten Reinheit des Denkens, ist für Peirce kein probates Mittel, um zuphilosophischen Wahrheiten zu gelangen. Womit wir auch wieder bei der Frage wären, was ist der Unterschied zwischen erkenntnistheoretischer Reflexion und Introspektion. Genauso verwirft er die Möglichkeit von dem denkenden Verstand zu abstrahieren und von einer reinen Wahrnehmung als Ursprung aller Ideen und Inhalte des Verstandes auszugehen.

      Im Folgenden geht es um weitere make-believes und um Wahrheit und Überzeugung ...
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    • Ryoba schrieb:

      Zwei Lehrsätze möchte Peirce der Bestimmung des Pragmatismus voraus schicken; diese wurden noch nie formal aufgelistet und können zusammengefasst werden unter der vagen Maxime: „Dismiss make-believes“

      Die Übersetzung des reclam-Textes ist äußerst irreführend. Hier wird „dismiss make-believes“ mit „gib gemachte Überzeugungen auf“ übersetzt. "Make-Believes" könnte man auch mit Vorwand oder Vorspiegelungen übersetzen. In dem weiteren Verlauf des Textes wirft ein imaginärer Gesprächspartner mit dem Namen Mr. Make-Believe kurze ungläubige Kommentare ein, dievon Peirce als falsche Vorspiegelungen entlarvt werden. In dem reclam-Text wird Mr. Make-Believe mit Herr Glaubenmacher übersetzt. Damit wird aber der Bezug dieses imaginären Gesprächspartners auf die vage Maxime „Dissmiss make-believes“ im deutschen Textgetilgt. Die Übersetzung „Gib gemachte Überzeugungen auf“ ist somit sinnverstellend und hindert ein Verständnis, da sie eher an die Unterscheidung von Überzeugungen (Believes) und Zweifeln als lebenspraktisch wirksamen Prinzipien denken lässt, die hier aber noch gar nicht eingeführt wurde . Doch was meint Peirce mit der vagen Maxime „Dismiss Make-Believes“?

      Mit „dismiss make-believes“ meint Peirce offensichtlich das Fallen lassen/Aufgeben von falschen Vorspiegelungen. Eine solche falsche Vorspiegelung ist es, dass philosophische Denken von einem bestimmten künstlich herbeigeführten oder herbeigeredetem Geisteszustand ausgehen zulassen. Er nennt hier zwei Beispiele. Das erste ist der cartesische Zweifel an allem. Das zweite ist die empiristische Abstarktion von aller Verstandestätigkeit und Beschränkung auf das sinnlich Wahrnehmbare. Der rationalistische Zweifel an Allem, der schließlich zu der Schlussfolgerung „cogito ergo sum“ führt, und die empiristische Sinnlichkeit, die zu der Überzeugung „Nihil est in Intellectu quod non fuerit est in Sensu“ führte; sie beruhen beide nach Peirce auf einer falschen Vorspiegelung eines Geisteszustands, der von der „Masse von bereits gewonnenen Erkenntnissen“ abstrahiert und sich in einer künstlichen Als-ob Haltung von Ihnen befreit wähnt. Der einzige wahre Geisteszustand,von dem aus das philosophische Denken aufbrechen kann, ist der Zustand zum Zeitpunkt des Aufbruchs!

      Die Introspektion, oder genauer: eine bestimmte Form einer sich selbst vorgetäuschten Reinheit des Denkens, ist für Peirce kein probates Mittel, um zu philosophischen Wahrheiten zu gelangen. Womit wir auch wieder bei der Frage wären, was ist der Unterschied zwischen erkenntnistheoretischer Reflexion und Introspektion. Genauso verwirft er die Möglichkeit von dem denkenden Verstand zu abstrahieren und von einer reinen Wahrnehmung als Ursprung aller Ideen und Inhalte des Verstandes auszugehen.

      Das ist nun insofern interessant, als Peirce auf S. 109 meint, "daß das, von dem man unbedingt überzeugt ist, genaugenommen keine falsche Überzeugung sein kann", während er dem "Mann per hypothesin" entgegnet, "du führst wieder eine der Tatsachen an, die du dich glauben machst [...] (S. 107). Mal schauen, ob und wie sich der Widerspruch auflösen läßt, falls er nicht exakt eben darauf beruht, daß die dt. Übersetzung nicht zwischen "Überzeugung" und "Täuschung" unterscheidet, und daher nur scheinbar ein Widerspruch vorliegt. Was hieße, daß ich der irreführenden Übersetzung aufgesessen bin.

      Zu den Grundsätzen, die Peirce unter der vagen Maxime "Gib gemachte Überzeugungen auf", nennt (ich paraphrasiere im Sinn des englischen Originals: um den Pragmatismus zu verstehen, sollen zunächst einige unter Philosophen verbreitete Irrtümer benannt werden, die im Pragmatismus nichts zu suchen haben) gehört der von Dir oben beschriebene Grundsatz, daß üblicherweise in der Philosophie vom Denken als einem "Geisteszustand" ausgegangen wird, während Peirce Denken als eine "Verhaltensweise" (S. 108) versteht. Ich meine allerdings, daß Peirce an dieser Stelle, bezogen auf die Maxime also, was ganz anderes im Blick hat, nämlich daß er darauf abzielt, daß sich in der Philosophie alles darum dreht, wie man "Gewißheit" erlangen kann.

      Für Peirce bilden "Überzeugung"/"Wahrheit" und "Zweifel/Falschheit" ein komplementäres Gegensatz-Paar. Und hier finde ich nun sehr wichtig -ist er nicht überhaupt der erste, der dies so unmißverständlich ausdrückt- daß Wahrheit und Zweifel, die auf "keinerlei Weise mit Hilfe der Termini Zweifel und Überzeugung zu definieren [sind]", sondern auf "Entitäten" Bezug nehmen würden, dem Ockham'schen Rasiermesser sofort zum Opfer fallen würden. Das heißt, Peirce führt einen nicht metaphysisch verstandenen Wahrheitsbegriff ein, der m.E. aber auch noch unterschieden werden muß vom klassischen Urteilssatz, der wahr oder falsch sein kann. "Das aber, was man überhaupt nicht bezweifelt, muß man untrüglich und als absolute Wahrheit ansehen" (S.107). Über Wahrheit sinnvoll zu sprechen geht nur, wenn sie unter "Bezug auf die Erfahrung" und unter Bezugnahme auf die Ausdrücke "Zweifel und Überzeugung" verstanden wird (S. 107f.).

      Auf die auszuräumenden Vorspiegelungen, das Sich-selbst glauben-machen bezogen, meint Peirce -was ich ebenfalls für eine seiner speziellen Innovationen halte, daß wir genau betrachtet, bei außerordentlich vielem, was wir denken, nicht im Traum darauf kommen, wir könnten es auch nur in Zweifel ziehen. Der Normalzustand (Peirce: "Wie andere Verhaltensweisen ist sie [...] völlig selbstgenügend", S. 108 ) wäre somit die Überzeugung, die, wie er S 108 schreibt, "zumindest in den meisten Fällen unbewußt ist".

      Für die Bearbeitung philosophischer Probleme und Fragestellungen würde sein Wahrheitsverständnis bedeuten, daß wir maximal erwarten und beanspruchen dürfen, "einen Zustand der Überzeugung [zu erreichen], der unangreifbar für jeden Zweifel ist" (S. 108).

      Ich komme nochmal auf den Anfang zurück. Da Peirce erst auf S. 110 davon spricht, daß er nun zur Darstellung des Pragmatizismus "eilen" wil, muß es sich bis dahin um die Maxime/Grundsätze handeln, die der Pragmatismus voraussetzt. Und nun ist mir einfach nicht klar, wie ich bis dahin das Wort "Überzeugung" verstehen soll. Das Englische hilft mir auch nicht weiter, weil dort beispielsweise auch "to persuave" (überzeugen) steht.

      Dieser Beitrag wurde bereits 1 mal editiert, zuletzt von Friederike ()

    • Und nun folgt ein Absatz (5.418; S. 108f.), bei dem ich mir erstaunt die Augen reibe. Ich weiß nicht, ob es Euch damit genau so geht. Vielleicht liegt es daran, daß ich keine Ahnung habe, was Peirce hier im Hinterkopf hat.

      Woran Menschen u.a. nicht zweifeln, das ist, daß sie ihre zukünftigen Handlungen bedenken bzw. genauer, daß sie sich, bevor sie handeln, bedenken, ob sie sich, nachdem sie diese oder jene Handlung vollzogen haben, sich selbst Vorwürfe machen würden, so gehandelt zu haben, wie sie gehandelt haben. Ob er damit dasselbe meint wie wir, wenn wir "zweckrationales Handeln" sagen? Zweifeln tun Menschen also nicht an der Fähigkeit und Möglichkeit, eine gewisse Selbstkontrolle auszuüben. Das ist sozusagen der Akt der Handlungs"vorbereitung" oder auch der "Reflexion", wie Peirce es nennt. Der Spielraum, der zwischen der Absicht zu handeln und der Ausführung der Handlung liegt. Der Idealzustand ist dann erreicht, wenn man keinen Selbstvorwurf, den man für das Ergebnis der beabsichtigten Handlung antizipiert, mehr erkennen kann.
    • Hallo Friederike,

      schön, dass Du Dich auch zu Wort meldest! Ich dachte schon, Hermeneuticus und ich müssten uns mit Peirce zu zweit herum schlagen.... ^^

      Friederike schrieb:

      Das ist nun insofern interessant, als Peirce auf S. 109 meint, "daß das, von dem man unbedingt überzeugt ist, genaugenommen keine falsche Überzeugung sein kann", während er dem "Mann per hypothesin" entgegnet, "du führst wieder eine der Tatsachen an, die du dich glauben machst [...] (S. 107). Mal schauen, ob und wie sich der Widerspruch auflösen läßt, falls er nicht exakt eben darauf beruht, daß die dt. Übersetzung nicht zwischen "Überzeugung" und "Täuschung" unterscheidet, und daher nur scheinbar ein Widerspruch vorliegt. Was hieße, daß ich der irreführenden Übersetzung aufgesessen bin.
      Zu den Grundsätzen, die Peirce unter der vagen Maxime "Gib gemachte Überzeugungen auf", nennt (ich paraphrasiere im Sinn des englischen Originals: um den Pragmatismus zu verstehen, sollen zunächst einige unter Philosophen verbreitete Irrtümer benannt werden, die im Pragmatismus nichts zu suchen haben) gehört der von Dir oben beschriebene Grundsatz, daß üblicherweise in der Philosophie vom Denken als einem "Geisteszustand" ausgegangen wird, während Peirce Denken als eine "Verhaltensweise" (S. 108) versteht. Ich meine allerdings, daß Peirce an dieser Stelle, bezogen auf die Maxime also, was ganz anderes im Blick hat, nämlich daß er darauf abzielt, daß sich in der Philosophie alles darum dreht, wie man "Gewißheit" erlangen kann.
      Das "Gauben machen", dass man sich über die Dinge, an denen man nicht zweifelt, doch auch täuschen oder irren könnte, ist eine von den Vorspiegelungen (make-believes), die Peirce verworfen wissen will.
      Das Problem ist, dass die deutsche Übersetzung nicht zwischen falschen Vorspieglungen (make-believes) und (gemachten) Überzeugungen (Believes) unterscheidet, wobei "gemachte Überzeugungen" einfach nur eine furchtbar schlechte wortwörtliche Übersetzung von "make-believes" zu sein scheint.

      Ich würde auch widersprechen, dass Peirce Denken als eine Verhaltensweise bezeichnet. Im englischen Original ist hier von Überzeugungen als einer "habit of mind", also einer Gewohnheit des Geistes die Rede. Die Übersetzung mit "Verhaltensweise" ist genauso irreführend wie die Übersetzung von "conduct of life" mit Verhalten. Das Verhalten so in den Vordergrund zu stellen legt eine behavioursitische Lesart von Peirce nahe und nivelliert die Differenzen zwischen Gewohnheiten des Geistes (habits of mind) und lebenspraktischem Vollzug (conduct of life) im Verhaltensbegriff.

      Es geht Peirce mit Sicherheit in dem Abschnitt darum, was Gewissheit und Wahrheit bedeuten, jedoch spricht er ja nicht nur von der Philosophie, sondern in erster Linie auch von der Lebenspraxis, dem alltäglichen Handeln und was Wahrheit darin für eine Rolle spielt. Mir ist noch nicht ganz klar, inwieweit er hier eine Theorie der Praxis oder der philosophischen Methode im Sinne hat. Ich halte aber ersteres für wesentlich plausibler.

      Friederike schrieb:

      Für Peirce bilden "Überzeugung"/"Wahrheit" und "Zweifel/Falschheit" ein komplementäres Gegensatz-Paar. Und hier finde ich nun sehr wichtig -ist er nicht überhaupt der erste, der dies so unmißverständlich ausdrückt- daß Wahrheit und Zweifel, die auf "keinerlei Weise mit Hilfe der Termini Zweifel und Überzeugung zu definieren [sind]", sondern auf "Entitäten" Bezug nehmen würden, dem Ockham'schen Rasiermesser sofort zum Opfer fallen würden. Das heißt, Peirce führt einen nicht metaphysisch verstandenen Wahrheitsbegriff ein, der m.E. aber auch noch unterschieden werden muß vom klassischen Urteilssatz, der wahr oder falsch sein kann. "Das aber, was man überhaupt nicht bezweifelt, muß man untrüglich und als absolute Wahrheit ansehen" (S.107).Über Wahrheit sinnvoll zu sprechen geht nur, wenn sie unter "Bezug auf die Erfahrung" und unter Bezugnahme auf die Ausdrücke "Zweifel und Überzeugung" verstanden wird (S. 107f.).
      Ja, das ist in der Tat eine andere Bestimmung von Wahrheit als in der Sprachphilosophie üblich, wenn etwa gesagt wird, ein Satz p ist genau dann wahr, wenn p der Fall ist. Peirce denkt hier die Wahrheit vom lebenspraktischen Handeln und einer Bewährung in der Erfahrung her.

      Friederike schrieb:

      Auf die auszuräumenden Vorspiegelungen, das Sich-selbst glauben-machen bezogen, meint Peirce -was ich ebenfalls für eine seiner speziellen Innovationen halte, daß wir genau betrachtet, bei außerordentlich vielem, was wir denken, nicht im Traum darauf kommen, wir könnten es auch nur in Zweifel ziehen. Der Normalzustand (Peirce: "Wie andere Verhaltensweisen ist sie [...] völlig selbstgenügend", S. 108 ) wäre somit die Überzeugung, die, wie er S 108 schreibt, "zumindest in den meisten Fällen unbewußt ist".
      Für die Bearbeitung philosophischer Probleme und Fragestellungen würde sein Wahrheitsverständnis bedeuten, daß wir maximal erwarten und beanspruchen dürfen, "einen Zustand der Überzeugung [zu erreichen], der unangreifbar für jeden Zweifel ist" (S. 108).
      Es wird noch viel klarer, wenn Du statt Verhaltensweise Gewohnheit sagst. Die Überzeugungen sind wie Gewohnheiten, sie laufen mehr unbewusst ab und sind solange sie nicht irritiert werden, sehr beharrlich und veränderungsresistent. Das ist im lebenspraktischen Vollzug der Normalzustand. Der Gegensatz dazu wäre die krisenhafte Erfahrung, in der die Gewohnheit versagt und dadurch erschüttert wird. Der Zweifel ist dann die Folge, nämlich von dem Entzug der Gewohnheit (privation of habit).

      Friederike schrieb:

      Ich komme nochmal auf den Anfang zurück. Da Peirce erst auf S. 110 davon spricht, daß er nun zur Darstellung des Pragmatizismus "eilen" wil, muß es sich bis dahin um die Maxime/Grundsätze handeln, die der Pragmatismus voraussetzt. Und nun ist mir einfach nicht klar, wie ich bis dahin das Wort "Überzeugung" verstehen soll. Das Englische hilft mir auch nicht weiter, weil dort beispielsweise auch "to persuave" (überzeugen) steht
      Vorschlag: Überzeugung ist eine Gewohnheit des Geistes, die solange sie sich praktisch bewährt als Wahrheit gilt.

      Grüße :)
      ERKLÄRUNG AN DAS FORUM
      "Volksverhetzung ist keine Meinung. Hass ist keine politische Position"
    • Friederike schrieb:

      Und nun folgt ein Absatz (5.418; S. 108f.), bei dem ich mir erstaunt die Augen reibe. Ich weiß nicht, ob es Euch damit genau so geht. Vielleicht liegt es daran, daß ich keine Ahnung habe, was Peirce hier im Hinterkopf hat.

      Woran Menschen u.a. nicht zweifeln, das ist, daß sie ihre zukünftigen Handlungen bedenken bzw. genauer, daß sie sich, bevor sie handeln, bedenken, ob sie sich, nachdem sie diese oder jene Handlung vollzogen haben, sich selbst Vorwürfe machen würden, so gehandelt zu haben, wie sie gehandelt haben. Ob er damit dasselbe meint wie wir, wenn wir "zweckrationales Handeln" sagen? Zweifeln tun Menschen also nicht an der Fähigkeit und Möglichkeit, eine gewisse Selbstkontrolle auszuüben. Das ist sozusagen der Akt der Handlungs"vorbereitung" oder auch der "Reflexion", wie Peirce es nennt. Der Spielraum, der zwischen der Absicht zu handeln und der Ausführung der Handlung liegt. Der Idealzustand ist dann erreicht, wenn man keinen Selbstvorwurf, den man für das Ergebnis der beabsichtigten Handlung antizipiert, mehr erkennen kann.
      Ich würde das so interpretieren. Peirce hat hier nicht in erster zweckrationales Handeln, sondern Handeln, das aus Erfahrungen lernt. Wenn wir in der Lage sind unsere Handlungen durch innerliche Vorbereitung und Bereitschaft in ein bestimmte Richtung zu lenken, dann können wir bewusste Selbstkontrolle ausüben. Wenn die Handlung mit Selbstvorwürfen verbunden ist, heißt das, dass sie noch keinen festgelegten Charakter besitzt und wir in einer ähnlichen Situation in Zukunft unsere Handlung ändern oder den Umständen anpassen werden. Daher ist die Abwesenheit von Selbstvorwürfen ein Indikator für die Festlegung oder Fixierung einer bestimmten Handlungsdisposition... (analog zu den Überzeugungen)
      Es gibt aber sicher in dieser Bestimmung des Handelns einige Überschneidungen zu zweckrationalem Handeln.
      ERKLÄRUNG AN DAS FORUM
      "Volksverhetzung ist keine Meinung. Hass ist keine politische Position"
    • Ryoba schrieb:

      Mit „dismiss make-believes“ meintPeirce offensichtlich das Fallen lassen/Aufgeben von falschenVorspiegelungen.
      Eine solche falsche Vorspiegelung istes, dass philosophische Denken von einem bestimmten künstlichherbeigeführten oder herbeigeredetem Geisteszustand ausgehen zulassen. Er nennt hier zwei Beispiele. Das erste ist der cartesischeZweifel an allem. Das zweite ist die empiristische Abstarktion vonaller Verstandestätigkeit und Beschränkung auf das sinnlichWahrnehmbare. Der rationalistische Zweifel an Allem, der schließlichzu der Schlussfolgerung „cogito ergo sum“ führt, und dieempiristische Sinnlichkeit, die zu der Überzeugung „Nihil est inIntellectu quod non fuerit est in Sensu“ führte; sie beruhenbeide nach Peirce auf einer falschen Vorspiegelung einesGeisteszustands, der von der „Masse von bereits gewonnenenErkenntnissen“ abstrahiert und sich in einer künstlichen Als-obHaltung von Ihnen befreit wähnt. Der einzige wahre Geisteszustand,von dem aus das philosophische Denken aufbrechen kann, ist derZustand zum Zeitpunkt des Aufbruchs!
      Diesen Punkt kann man gar nicht stark genug betonen.

      Übrigens finde ich auch die Übersetzung von "make-believe" mit "gemachter Überzeugung" unsinnig. Gemeint ist vielmehr Schein, Täuschung, Als-Ob u.ä.

      Was Peirce hier kritisiert, sind philosophische Versuche, durch willkürliche Entscheidung und kritische Reflexion einen voraussetzungslosen Standpunkt zu gewinnen, von dem aus sich ein philosophisches Lehrgebäude errichten ließe. (Descartes ist dafür natürlich ein Paradebeispiel; Fichte und Husserl in seinen "Cartesischen Meditationen" wären weitere.) Man kann, so Peirce, nicht einfach beschließen, an allem zu zweifeln. Man zweifele nicht, indem man es auf ein Stück Papier schreibe. (Diese Stelle ist vermutlich die Quelle für den sprichwörtlichen "paper-doubt".) Selbst wenn es gelänge, so P. weiter, sich von allen bereits gemachten Erfahrungen und Einsichten ("cognitions") zu befreien, sei es fraglich, ob dadurch nicht jede weitere Erkenntnis unmöglich gemacht würde.

      Ich weiß nicht, ob Peirce auch Hegel rezipiert hat, dessen Phänomenologie des Geistes ja ebenfalls die bewusstseinsphilosophischen Versuche kritisiert, durch subjektive Reflexion einen absoluten, voraussetzungslosen Standpunkt zu gewinnen. Beinahe überflüssig zu sagen, dass Peirces Ansatz beim faktischen persönlichen "state" mit den späteren philosophischen Rehabilitationen der "Lebenswelt" konvergiert.

      Ryoba schrieb:

      Mir ist noch nicht ganz klar, inwieweit er hier eine Theorie der Praxis oder der philosophischen Methode im Sinne hat. Ich halte aber ersteres für wesentlich plausibler.
      So wie ich ihn verstehe, ist es doch die Konsequenz aus der Unmöglichkeit eines voraussetzungslosen philosophischen Standpunkts, dass er hier nicht nur phänomenologisch beschreibt, wie es sich mit unseren Überzeugungen und Zweifeln de facto verhält. Er bindet vielmehr die philosophische Reflexion zurück an diesen faktischen Ausgangspunkt, an die faktischen Erfahrungen, durch die wir zu Gewissheiten gelangen oder zum Zweifeln veranlasst werden. Anders wäre seine - zweifellos provokante - Ineinssetzung von persönlicher Gewissheit mit Wahrheit und von Zweifel mit Irrtum ohne Pointe. ("Du bringst dich nur selbst durcheinander, wenn du von dieser metaphysischen 'Wahrheit' und 'Falschheit' sprichst, von der du nichts weißt." S. 107) P. will sagen, dass die Rede von Wahrheit und Irrtum in einem absoluten, nämlich von der faktischen Erfahrung losgelösten Sinne leer ist. Und das kann ja schlecht nur für den "Mann auf der Straße" gelten, es gilt ebenso für die Philosophie; eben darum heißt sie ja "Pragmatismus".

      Dieser Beitrag wurde bereits 1 mal editiert, zuletzt von Hermeneuticus ()

    • Hermeneuticus schrieb:

      Anders wäre seine - zweifellos provokante - Ineinssetzung von persönlicher Gewissheit mit Wahrheit und von Zweifel mit Irrtum ohne Pointe. ("Du bringst dich nur selbst durcheinander, wenn du von dieser metaphysischen 'Wahrheit' und 'Falschheit' sprichst, von der du nichts weißt." S. 107) P. will sagen, dass die Rede von Wahrheit und Irrtum in einem absoluten, nämlich von der faktischen Erfahrung losgelösten Sinne leer ist. Und das kann ja schlecht nur für den "Mann auf der Straße" gelten, es gilt ebenso für die Philosophie; eben darum heißt sie ja "Pragmatismus".
      Mit dem Peirce'schen Wahrheitsverständnis könnte es spannend werden. Denn in dem kurzen Abschnitt über den "Synechismus", den Ryoba bereits erwähnt hat, schreibt Peirce [...] Nach all dem könnte der Leser so weit sein, daß ein Beweis der Wahrheit dieser Lehre [des Pragmatismus, m.A.] sein Interessse fände [...] denn dieser Beweis würde notwendig die Feststellung der Wahrheit des Synechismus miteinschließen (S. 106).
      Hier scheint mir Peirce -im Unterschied zum Alltagspraktischen- allerdings mit einem anderen Begriff von Wahrheit zu operieren. Ich denke nicht, daß wir die Frage an dieser Stelle klären müssen -und können. Ich möchte's nur festhalten fürs weitere Lesen.
    • Hermeneuticus schrieb:

      Ich weiß nicht, ob Peirce auch Hegel rezipiert hat, dessen Phänomenologie des Geistes ja ebenfalls die bewusstseinsphilosophischen Versuche kritisiert, durch subjektive Reflexion einen absoluten, voraussetzungslosen Standpunkt zu gewinnen. Beinahe überflüssig zu sagen, dass Peirces Ansatz beim faktischen persönlichen "state" mit den späteren philosophischen Rehabilitationen der "Lebenswelt".
      Peirce hat auf jeden Fall Hegel rezipiert und sich selbst für den besseren Dialektiker gehalten, wie die letzten Sätze des Aufsatzes zeigen. ;)

      Hermeneuticus schrieb:

      Ryoba schrieb:

      Mir ist noch nicht ganz klar, inwieweit er hier eine Theorie der Praxis oder der philosophischen Methode im Sinne hat. Ich halte aber ersteres für wesentlich plausibler.
      So wie ich ihn verstehe, ist es doch die Konsequenz aus der Unmöglichkeit eines voraussetzungslosen philosophischen Standpunkts, dass er hier nicht nur phänomenologisch beschreibt, wie es sich mit unseren Überzeugungen und Zweifeln de facto verhält. Er bindet vielmehr die philosophische Reflexion zurück an diesen faktischen Ausgangspunkt, an die faktischen Erfahrungen, durch die wir zu Gewissheiten gelangen oder zum Zweifeln veranlasst werden. Anders wäre seine - zweifellos provokante - Ineinssetzung von persönlicher Gewissheit mit Wahrheit und von Zweifel mit Irrtum ohne Pointe. ("Du bringst dich nur selbst durcheinander, wenn du von dieser metaphysischen 'Wahrheit' und 'Falschheit' sprichst, von der du nichts weißt." S. 107) P. will sagen, dass die Rede von Wahrheit und Irrtum in einem absoluten, nämlich von der faktischen Erfahrung losgelösten Sinne leer ist. Und das kann ja schlecht nur für den "Mann auf der Straße" gelten, es gilt ebenso für die Philosophie; eben darum heißt sie ja "Pragmatismus".
      Ja, das stimmt wohl. Er führt das philosophische Denken auf ein praktisches Handeln im Alltag zurück.

      Friederike schrieb:

      Mit dem Peirce'schen Wahrheitsverständnis könnte es spannend werden. Denn in dem kurzen Abschnitt über den "Synechismus", den Ryoba bereits erwähnt hat, schreibt Peirce [...] Nach all dem könnte der Leser so weit sein, daß ein Beweis der Wahrheit dieser Lehre [des Pragmatismus, m.A.] sein Interessse fände [...] denn dieser Beweis würde notwendig die Feststellung der Wahrheit des Synechismus miteinschließen (S. 106).
      Hier scheint mir Peirce -im Unterschied zum Alltagspraktischen- allerdings mit einem anderen Begriff von Wahrheit zu operieren. Ich denke nicht, daß wir die Frage an dieser Stelle klären müssen -und können. Ich möchte's nur festhalten fürs weitere Lesen.
      Wenn das Philosophieren und der Wahrheitsbegriff im praktischen Alltagshandeln begründet sind, dann ist vielleicht kein anderer Wahrheitsbegriff notwendig, um das Philosophieren als besondere Praxis abzuheben. Wenn er wirklich noch einen metaphysischen Wahrheitsbegriff für die Philosophie reserviert, wäre das wieder ein bisschen widersprüchlich. Ich denke, dass man das Philosophieren als ein reflektierendes Denken vom Alltagshandeln unterscheiden kann. Also nicht mittels eines besonderen Wahrheitsbegriffs, sondern durch die Einstellung zum Handeln und der Fürwahrhalten. Wie sagte James:

      "Philosophieren darf man nur beiläufig. Im Hauptberuf muss man einen handfesten Stoff handwerklich bearbeiten, um ein anständiger Mensch zu bleiben."
      ERKLÄRUNG AN DAS FORUM
      "Volksverhetzung ist keine Meinung. Hass ist keine politische Position"
    • @Ryoba, mich interessiert die Frage um den "Wahrheitsbegriff" nun einmal, und worauf ich hinauswollte, das ist, daß Peirce -sicher auch im Zusammenhang mit seiner Ausbildung sowohl in den Naturwissenschaften, der Logik und der Philosophie- unterschiedliche Konzepte von "Wahrheit" im Kopf hat. Was ja nicht zwangsläufig bedeutet, daß er doch noch eine sinnvolle Verwendung auch für den der Metaphysik hat. Aber es könnte sein -der Wunsch als Vater/Mutter des Gedankens- daß Peirce den "Wahrheitsbegriff" entgrenzt. Ich meine damit, daß er ihn herausholt aus den allen zu seiner Zeit gängigen und geläufigen Begriffsschubladen.
      Jedenfalls finde ich es doch ziemlich bemerkenswert, daß er im Zusammenhang mit einer philosophischen Lehre, die er "Pragmatismus" bzw. später "Pragmatizismus" nennt, gleichzeitig von einem "Beweis der Wahrheit" dieser Lehre spricht, der, soweit ich verstanden habe, u.a. auf der "Feststellung der Wahrheit" eines logischen Modells (dem "Synechismus") beruht.