Small-Talk, pragmatischer

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    • @Philodendron

      Bei Peirce sind Sachverhalte propositions. Diese können sowohl auf tatsächlich existierende Gegenstände bezogen sein als auch auf mögliche Gegenstände im Sinne von hypothetischen Konstruktionen.
      Ganz wichtig: Propositions sind nicht gleichzusetzen mit Vorstellungen oder Urteilen als psychologischen Vorgängen, sondern beziehen sich auf den Inhalt und die logischen Form der Aussage.

      Ich denke, Janich meint mit Sachverhalten so etwas ähnliches.
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      "Volksverhetzung ist keine Meinung. Hass ist keine politische Position"
    • Wenn der Sachverhalt dasselbe für die Aussage ist wie der Begriff für das Wort, dann ist Janich von der Peirceschen Auffassung von Begriffen ja anscheinend nicht so weit entfernt.

      Der Unterschied scheint dann eher darin zu liegen wie Bedeutung zustande kommt und wie die Referenz auf Objekte in der äußeren Realität erklärt werden kann.
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    • Das klingt nach der Korrespondenztheorie der Wahrheit. Also "p" ist genau dann wahr, wenn p der Fall ist.

      Bei Peirce sind Begriffe durch die Effekte bestimmt, die Gegenstände auf die sie zutreffen zeigen; z.B. wird die Bedeutung von Härte durch den Widerstand gegen Kratzer erschlossen. Die Bedeutung ist also an einen praktischen Vollzug in der Wirklichkeit gebunden.
      Ebenso sind Gedanken in ihrer Bedeutung abhängig von den auf sie folgenden Gedanken, werden also erst in einem Prozess immer weiter bestimmt. Auch hier ist ein praktischer Vollzug die Bedingung für Bedeutung.
      Die Referenz auf Objekte wird bei Peirce ontologisch begründet durch die Existenz einer Substanz, die als unbestimmtes X in den Fokus der Aufmerksamkeit tritt. Über ein unbestimmtes X kann man jedoch nicht reden, daher wird das unbestimmte X unter Bezug auf hypothetische Allgemeinbegriffe, die aus der Verworrenheit der Substanz abstrahiert werden, bestimmt. z.B. Der Ofen ist schwarz. Wobei Ofen hier für die Substanz und Schwarzheit für den Allgemeinbegriff steht.
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    • Ryoba schrieb:

      Das klingt nach der Korrespondenztheorie der Wahrheit.
      Peter Janich in Sprache und Methode - eine Einführung in philosophische Reflexion, S. 180, »wahr und falsch«:


      »Das heißt, dass die Alltagsüberzeugung, Behauptungssätze würden durch Wirklichkeitsbezug wahr oder falsch, nicht auf ein "schlechthin Seiendes", gar auf ein Göttliches oder ein Naturgesetzliches hin zu verstehen ist. Der Wirklichkeits­bezug besteht vielmehr im Zusammenhang von Sprache und Praxis, also von einer bewirkten Wirklichkeit, in der schon Gelingen und Misslingen, Erfolg und Misserfolg menschlicher Handlungen realisiert sind.


      Damit kann - hoffentlich - unverstellt durch diese Verwechslungen im Gefolge einer philosophischen Tradition die Frage aufgegriffen werden, wie denn Wahrheit durch Wirklichkeitsbezug (im genannten, pragmatischen Sinne) zu bestimmen ist.«
    • Und wie fasst Janich die Praxis dann auf? Sie muss ja etwas Wirkliches enthalten, um einen Wirklichkeitsbezug zu stiften und um Erfolg und Misslingen zu realisieren. Wenn sie aber kein schlechthin Seiendes enthält, worin realisiert sich die Praxis dann nach Janich?

      Ich meine der Praxisbegriff ist schon zentral für eine pragmatistische Theorie, oder?
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    • Ryoba schrieb:

      Bei Peirce steht am oberen Ende des Dreiecks statt der Bedeutung übrigens der Interpretant.
      Das habe ich schon oft sagen hören, ohne es zu verstehen. Aber sei's drum.

      Ryoba schrieb:

      Jahnichs Rekonstruktion von Bedeutung als Verwendungsgleichheit nimmt sozusagen die Extension des Begriffs als dessen Bedeutung. Was ist mit dem intensionalen Inhalt eines Begriffs?
      Die Unterscheidung Extension/Intension geht wohl am Gemeinten vorbei. Wichtig ist zu sehen, dass die Rede von "Bedeutung" eine Abstraktion voraussetzt. Wovon wird dabei abstrahiert? Vom Wortgebrauch der Sprecher. Janich geht nicht davon aus, dass jedes Wort eine Bedeutung "hat", die seinen Gebrauch begleitet und von Sprecher zu Sprecher mitwandert. Solange die Sprecher dasselbe Wort verwenden und ihre Verständigung gelingt, ist die Frage nach der Bedeutung des Wortes überflüssig. Die Bedeutung ist - wenn man so will - "implizit" in ihrer gleichartigen Wortverwendung. Nur wenn der eine Sprecher über den Wortgebrauch des anderen Sprechers stolpert - ihn nicht versteht -, kommt die Frage auf, was er mit dem Wort eigentlich meine. Sie wechseln von der Objektsprache in die Metasprache, um die Bedeutung des Wortes in Abhebung von seiner Verwendung thematisieren zu können. D.h. sie abstrahieren vom Wortgebrauch, um sagen zu können, was das Wort "als solches" "bedeuten" solle.

      Auf welche Weise tun sie das? Nun, sie ersetzen das Wort durch andere Wörter. Sie sagen etwa: 'Junggeselle' bedeutet dasselbe wie 'unverheirateter Mann'. Damit sagen sie nicht: "Wann immer ich das Wort 'Junggeselle' verwende, denke ich dabei eigentlich 'unverheirateter Mann'." (Das wäre sozusagen die mentalistische, repräsentationalistische Bedeutungstheorie. Das Wort/Zeichen steht für...) Sondern sie verabreden sich darüber, dass die Ausdrücke 'Junggeselle' und 'unverheirateter Mann' in jedem Kontext salva veritate gegeneinander vertauscht werden können. D.h. für die Wahrheit oder Unwahrheit der Sätze, in denen diese als verwendungsgleich vereinbarten Wörter auftauchen, macht es keinen Unterschied, welcher Ausdruck jeweils genommen wird.

      Bei der kursorischen Lektüre von "How to Make Our Ideas Clear" (in dem es - gottlob! - konkrete Beispiele gibt, anhand derer mir seine pragmatische Bedeutungstheorie überhaupt erst klar wird) habe ich festgestellt, dass Peirce schon ganz ähnlich verfährt. Er rekonstruiert Bedeutung mithilfe praktischer Äquivalenz. Kurz gesagt, er macht geltend, dass Begriffe nur dann eine unterschiedliche Bedeutung haben, wenn sie zu unterschiedlichen Handlungsweisen führen.
      Um den Slogan von G.Bateson zu variieren, sagt Peirce in etwa: "A difference that makes no difference, is no difference."
      Oder auch so: "Du kannst die Katze ruhig 'Fisch' nennen, aber weil sie dadurch nicht zu schwimmen beginnt, sagst du mit dem anderen Wort doch dasselbe."
      :)


      Gebrauchstheorien der Bedeutung haben m.E. das Problem, dass sie Bedeutung lediglich als eine instrumentelle Funktion der Sprache verstehen. Wie Sprache mit der Realität verbunden ist, gerät dabei aus dem Blick.
      Keineswegs. Aber im Moment würde es zu weit führen, das zu begründen.

      Ryoba schrieb:

      Das klingt nach der Korrespondenztheorie der Wahrheit. Also "p" ist genau dann wahr, wenn p der Fall ist.
      Umgekehrt wird ein Schuh daraus. p stellt nur dann eine Tatsache dar /ist nur dann der Fall, wenn p wahr ist.
      :)
    • Hermeneuticus schrieb:

      Solange die Sprecher dasselbe Wort verwenden und ihre Verständigung gelingt, ist die Frage nach der Bedeutung des Wortes überflüssig. Die Bedeutung ist - wenn man so will - "implizit" in ihrer gleichartigen Wortverwendung.
      Demnach beruht die Bedeutung also auf einer Übereinkunft, die sich im gleichen Gebrauch eines Wortes erschöpft. Eine solche Bedeutung enthält noch keine Referenz auf ein tatsächliches Objekt.
      Beziehungsweise ist diese Referenz in hohem Maße arbiträr (also willkürlich, beliebig, auf einer Konvention beruhend).In dem Buch von Avanessian und Hennig "Metanoia. Spekulative Ontologie der Sprache" wird die Arbitrarität der sprachlichen Zeichen als Mythos der modernen Sprachphilosophie und Linguistik kritisiert. Und interessanterweise tun sie dies unter Bezugnahme auf Peirce. Auch Wittgensteins Gebrauchstheorie der Bedeutung und pragmatische Sprachtheorien werden in dieser Hinsicht kritisiert.
      Frege hat die Entarbitrarisierung von Welt und Sprache begonnen, indem er die Differenzierung zwischen Bedeutung (Sinn) und Bezeichnung (Bedeutung) wieder einführte, die nichts anderes ist als die Wiederentdeckung des semiotischen Dreiecks. Auch Frege hielt Relationen für real, in dem Sinne, dass sie unabhängig von unseren Vorstellungen existieren. Denken ist dann ein Erfassen der Realtionen.
      Carnap, Quine und andere Nominalisten haben dieses realistische Projekt der Entarbitrarisierung dann zerstört. Die moderne analytische Sprachphilosophie ist in der Regel darauf erpicht, zu gewährleisten, dass mit dem Zeichen eine wahrheitsfähige Aussage gemacht werden kann. Moderne Wahrheitstheorien verbinden Aussagen über die Welt daher mit den Gegenständen in der Welt.

      Avanessian schrieb:

      Referenztheoretisch formuliert lautet die These: (Nur) die Wahrheit einer Aussage über A erlaubt die Identifikation des Referenten der Aussage, nämlich A. Die Aussage "Die Rose ist rot" ist wahr genau dann, wenn die Rose rot ist. Und wenn die Aussage "Die Rose ist rot" wahr ist, dann sollten wir die rote Rose, von der darin die Rede ist identifizieren können.
      Das ist auch eine mögliche Antwort wie wir durch Begriffe Gegenstände identfizieren können, die @iselilja nochmal in Bezug auf Eigenschaften und Wirkungen aufgeworfen hatte.
      In Bezug auf die Elemente des semiotischen Dreiecks: Referent (Objekt), Signifikat (Bedeutung) und Signifikant (Ausdruck) in der analytischen Sprachphilosophie gibt es einige Schwierigkeiten, da die Sprachphilosophie das Dreieck durch das Wahrheitskriterium gewissermaßen auf die Beziehung zwischen Bedeutung und Objekt verkürzt.

      Avanessian schrieb:

      Wir können das Projekt der analytischen Philosophie folgendermaßen beschreiben: Ihr Winkelzug umreißt (also umschreibt und umgeht) die Beziehung zwischen Referent und Signifikat und unterstellt sie Wahrheitskriterien. Der Ausdruck kommt dementsprechend nur unter dem Gesichtspunkt in den Blick, ob er logischen Grundsätzen entspricht oder von ihnen abweicht, ja, seine Aufgabe erschöpft sich letztlich darin, Wahrheitskriterien zu genügen, um dadurch die Garantie für Referenz zu übernehmen. Hieraus resultieren auch die Normierungstendenzen, die jede Interpretation der Sprache als (defizitäres) logisches System mit sich bringt: Das Ansinnen, mit einer Wahrheitstheorie zu den Referenten zu gelangen, setzt absolute Sprachdisziplin voraus. Denn in dem Maße, in dem Signifikate oder Signifikanten sich einer korrekten Prädikation entziehen, ist auch der Winkelzug von der Bedeutung über den Ausdruck zum Referenten gefährdet.
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    • Mein 6000. Beitrag in diesem Forum!

      Ryoba schrieb:

      Demnach beruht die Bedeutung also auf einer Übereinkunft, die sich im gleichen Gebrauch eines Wortes erschöpft. Eine solche Bedeutung enthält noch keine Referenz auf ein tatsächliches Objekt.
      Nein. Es ist zu bedenken: Bedeutung "hat" ein Wort grundsätzlich nur in Sätzen. (Wittgenstein: Nur mit einem Satz machen wir einen "Zug im Sprachspiel") Nun gehören aber - in assertorischer Rede - zu einer vollständigen Aussage immer Namen (für Gegenstände) und Prädikatoren. D.h. die Referenz bekommt der Prädikator - aber nur indirekt - dadurch, dass er einem Gegenstand zu- oder abgesprochen wird, der vom Eigennamen bezeichnet wird.

      "Dies ist ein Apfel." Das Wort 'Apfel' hat - so für sich genommen - keinerlei Referenz. Aber der Indikator "dies" verschafft ihm einen Referenten.

      Außerdem ist zu bedenken: Wir lernen Prädikatoren zu verwenden/zu verstehen, indem sie exemplarisch eingeführt werden:
      "Kuckma, Tiffi, das da ist eine Muhkuh! Und das da drüben auch. Aber das da ist ein Wauwau."

      Nun mögen die Anhänger der Repräsentationstheorie der Bedeutung langsam unruhig werden. Wenn ein Ausdruck nicht für etwas "in der Welt" steht, dann hat er doch irgendwie keine richtige Bedeutung. Für sie wurde die Sache mit der Extension der Begriffe erfunden. So kann der Repräsentationalist beruhigt sagen: "Ha, der Begriff 'Apfel' steht ja doch für etwas in der Welt, nämlich die Klasse sämtlicher Äpfel!"

      Aber dabei unterliegt er einer Täuschung, denn "Klassen" oder "Mengen" sind keine konkreten Gegenstände. sondern Abstrakta. Das kann man sich leicht daran klar machen, dass zur Klasse der Äpfel selbstverständlich auch die noch gar nicht existierenden "Exemplare" gehören, und es ist fraglich, wie man auf Nichtexistierendes "referieren" könne. - Die "Elemente", die zu einer Menge A gehören, sind keine konkreten Gegenstände, sondern nichts weiter als theoretische, denkbare Anwendungfälle für den Prädikator A. Denn ihre Zugehörigkeit oder Nichtzugehörigkeit zur Menge A hängt davon ab, ob sie das Merkmal A erfüllen oder nicht.
    • Na ja, die Existenz von Einzeldingen, die dann bestimmte Eigenschaften erfüllen, passt aber auch perfekt zu der Korrespondenztheorie der Wahrheit und dem Satz: Der Schnee ist weiß genau dann, wenn der Schnee weiß ist.

      Analog dazu: Ein Prädikator A trifft genau dann auf einen Gegenstand zu, wenn der Gegenstand das Merkmal A erfüllt.

      Auch deine Aussage, p stellt nur dann eine Tatsache dar, wenn p wahr ist, weist in diese Richtung.

      Für mich ist diese nominalistische Sprachphilosophie in Verbindung mit der Korrespondenztheorie der Wahrheit äußerst unbefriedigend. Ich halte einen Realismus in Bezug auf Relationen für wesentlich angemessener und eleganter.

      Ist das dann eigentlich auch mentalistisch, wenn du von denkbaren Anwendungsfällen des Prädikators A redest? Schließlich stellt man sich diese Anwendungsfälle ja nur vor.

      Wie wir Sprache lernen, ist eine spanndende Frage. Geschieht dies wirklich in erster Linie durch Zeigen auf etwas, das wir benennen? Wie lernen wir dann Grammatik, Zeiten und ähnliches?
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    • Hermeneuticus schrieb:

      "Dies ist ein Apfel." Das Wort 'Apfel' hat - so für sich genommen - keinerlei Referenz. Aber der Indikator "dies" verschafft ihm einen Referenten.
      Im Prinzip argumentiert Peirce auch zum Teil nominalistisch, wenn er die Substanz als das unbestimmte X als Grundlage einer jeden Prädikation bestimmt. Allerdings scheut er sich nicht auch von der Realität der Allgemeinbegriffe zu sprechen, die er aus der Mannigfaltigkeit der Sinneseindrücke abstrahierend gewinnt.
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    • Hermeneuticus schrieb:

      Nun mögen die Anhänger der Repräsentationstheorie der Bedeutung langsam unruhig werden. Wenn ein Ausdruck nicht für etwas "in der Welt" steht, dann hat er doch irgendwie keine richtige Bedeutung.
      Ich würde hier nicht zwingend von einer Repräsentationstheorie der Bedeutung als Gegenposition zum sprachphilosophischen Nominalismus ausgehen. Ich würde hier von einem erkenntnistheoretischen Realismus sprechen, der auch Universalien mit einschließt. Mit Repräsentationstheorie hat das, soweit ich das sehe, zunächst nichts zu tun.
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    • Ryoba schrieb:

      Wie wir Sprache lernen, ist eine spanndende Frage. Geschieht dies wirklich in erster Linie durch Zeigen auf etwas, das wir benennen? Wie lernen wir dann Grammatik, Zeiten und ähnliches?
      Ich sprach nicht vom Sprechenlernen insgesamt, sondern nur von der exemplarischen Einführung von Prädikatoren.

      Ryoba schrieb:

      Für mich ist diese nominalistische Sprachphilosophie in Verbindung mit der Korrespondenztheorie der Wahrheit äußerst unbefriedigend.
      Da missverstehst Du etwas. Mit Nominalismus (also einer ontologischen Theorie) hat das pragmatistische Sprachverständnis per se nichts zu tun. Und mit der Korrespondenztheorie der Wahrheit erst recht nicht. Eine der Pointen des Pragmatismus ist doch gerade die Ablehnung der Korrespondenztheorie.
    • Hermeneuticus schrieb:

      Ryoba schrieb:

      Wie wir Sprache lernen, ist eine spanndende Frage. Geschieht dies wirklich in erster Linie durch Zeigen auf etwas, das wir benennen? Wie lernen wir dann Grammatik, Zeiten und ähnliches?
      Ich sprach nicht vom Sprechenlernen insgesamt, sondern nur von der exemplarischen Einführung von Prädikatoren.

      Das habe ich schon verstanden. Nur machen Prädikatoren allein ja noch keine Sätze. Und das Lernen von Begriffen über das Zeigen kann ja von einer Repräsentationstheorie der Bedeutung ebenso in Anspruch genommen werden, ist also nichts spezifisches für eine Gebrauchstheorie.

      Hermeneuticus schrieb:

      Ryoba schrieb:

      Für mich ist diese nominalistische Sprachphilosophie in Verbindung mit der Korrespondenztheorie der Wahrheit äußerst unbefriedigend.
      Da missverstehst Du etwas. Mit Nominalismus (also einer ontologischen Theorie) hat das pragmatistische Sprachverständnis per se nichts zu tun. Und mit der Korrespondenztheorie der Wahrheit erst recht nicht. Eine der Pointen des Pragmatismus ist doch gerade die Ablehnung der Korrespondenztheorie.

      Das wird aus deiner Argumentation aber nicht so deutlich. Du sprichst von der Existenz von Einzeldingen, auf die Namen oder Bezeichnungen referieren und der Nicht-Existenz von Klassen in der Realität. Das ist doch eine ziemlich prägnante Definition eines ontologischen Nominalismus, der zwar sprachphilosophisch daher kommt, aber doch nichtsdestotrotz ein Nominalismus ist.
      Und die Korrespondenztheorie der Wahrheit hast du auch selbst zitiert:

      Hermeneuticus schrieb:

      Die "Elemente", die zu einer Menge A gehören, sind keine konkreten Gegenstände, sondern nichts weiter als theoretische, denkbare Anwendungfälle für den Prädikator A. Denn ihre Zugehörigkeit oder Nichtzugehörigkeit zur Menge A hängt davon ab, ob sie das Merkmal A erfüllen oder nicht.


      [...]


      p stellt nur dann eine Tatsache dar /ist nur dann der Fall, wenn p wahr ist.
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    • Ryoba an H. schrieb:

      Du sprichst von der Existenz von Einzeldingen, auf die Namen oder Bezeichnungen referieren und der Nicht-Existenz von Klassen in der Realität.
      Tja, ich habe ja mehr oder weniger dumme Fragen angekündigt. Der Apfel als Einzelding, also dieser Apfel, den gibt es wohl. Mit dem Wort "Apfel" kann man darauf referieren, dieses Wort repräsentiert einen Apfel - als Symbol- auch dann, wenn gar kein Apfel da ist, sondern ich nur an einen denke oder davon spreche.

      Die Klasse "alle Äpfel" gibt es doch wohl auch, sonst würde es schwer, diesen einen Apfel überhaupt als solchen -als Apfel- zu bezeichnen. Sonst müsste man jedem einzelnen Apfel einen Eigennamen geben. Das tun wir aber nicht. Beides hängt zusammen. Ohne die Menge "Äpfel" keine Bezeichnung a la "dieser Apfel", und ohne konkreten Apfel keine Klasse "Äpfel".

      Es erscheint mir seltsam, zu sagen, die Menge/Klasse "XY" existiert nicht "in der Welt". Hier ist sie doch: "Die Menge aller Äpfel". Ja, eine "Menge" ist eine Abstraktionsleistung, die es aber gibt: wir reden so, wir denken so, wir rechnen so. Offensichtlich bin ich nicht in der Lage, dieses Problem zu verstehen, es erscheint mir so künstlich.
    • Ryoba schrieb:

      Du sprichst von der Existenz von Einzeldingen, auf die Namen oder Bezeichnungen referieren und der Nicht-Existenz von Klassen in der Realität.
      Nein, ich sagte, dass Klassen oder Mengen Abstrakta seien. Dabei ging es aber um die Frage, ob Prädikatoren auf Klassen oder ihre Elemente "referieren", ob sie "dafür stehen", sie "repräsentieren".

      Was nun die Existenz von Klassen angeht, sollte man nicht übersehen, dass Klassen nicht dasselbe sind wie natürliche Arten (wie z.B. Äpfel). "Es gibt" ja auch die Klasse der Primzahlen; der Dinge, die zufällig gerade auf meinem Schreibtisch herumliegen; der Dinge, die im Zeitraum von 1974-76 den Äquator in der Nord-Süd-Richtung überquert haben...
      Auch die Klasse der roten Dinge ist ein willkürlich zusammengewürfelter Haufen, der Elemente umfasst wie den Abendhimmel, die Rose, die Himbeere, den Marienkäfer, die Trinkernase, die Kappe einer Essigflasche, eine Kekspackung, eine Streichholzschachtel, eine Pigmentstörung an der Hand von Mathilda Mustermann, Thrombozyten, das Trikot von Spiderman, Aldebaran, Mars... Wenn diese Klasse "existiert", so allein deshalb, weil wir sie mithilfe des Prädikators "rot" gebildet haben.

      Das Verhältnis des Prädikators "rot" zu den Elementen dieser Klasse ist jedenfalls ein grundlegend anderes als das zwischen Namen/Kennzeichnungen und ihren Gegenständen. Prädikatoren werden durch einzelne Gegenstände exemplifiziert, aber sie verweisen nicht auf sie; dabei ist die Menge der möglichen Exemplifikationen prinzipiell unendlich.

      - - - - - - - - - - - - - -

      Aber ich schlage vor, zu Peirce zurückzukehren. Ich habe gestern Abend spät die Hälfte von "How to Make Our Ideas Clear" noch einmal gründlicher gelesen, und bin von seiner Klarheit sehr angetan. Was der späte Aufsatz "What Pragmatism is" nur andeutet, wird dort gut nachvollziehbar ausgeführt. Mir eigentlich ein Rätsel, warum er nicht in die Sammlung des Reclam-Heftes aufgenommen wurde. Gerade die Fragen, die @iselilja zum P.schen Begriffsverständnis aufgeworfen hat, lassen sich auf der Grundlage des Textes gut beantworten.
    • @Hermeneuticus

      Erstmal Gratulation zum 6000sten Beitrag. Die Überschrift hatte ich überlesen.

      Wenn du nun Peirce für seine Klarheit lobst stimmt mich das natürlich schon wieder etwas milde. ;)

      Aber nichtsdestotrotz bleibt der Gegensatz zwischen dem Peirceschen starken erkenntnistheoritschen Realismus und dem Nominalismus der Sprachphilosophie bestehen. Und da werden wir vermutlich auch nicht auf einen Nenner kommen.

      Nominalismus wird im Handwörterbuch Philosophie definiert als:
      Nominalistische Positionen zeichnen sich dadurch aus, dass sie im Allgemeinen die Existenz von Begriffen, Klassen, Eigenschaften und anderen ›allgemeinen‹ Gegenständen (Universalien) leugnen und demgegenüber nur die Annahme ›individueller‹ Gegenstände zulassen. Es lassen sich mehrere Varianten des Nominalismus unterscheiden. Für den starken Nominalismus ist die Annahme von Universalien überhaupt verfehlt. So wird im Konzeptualismus die Auffassung vertreten, dass allgemeine Begriffe nur durch Abstraktionsprozesse des Bewusstseins gebildet werden und daher keinen realen Gegenständen entsprechen. Allgemeinbegriffe gelten als bloße Worte, die keine Dinge bezeichnen.
      Darüber hinaus wird der sprachphilosophische Nominalismus so charakterisiert:
      Quine, einer der wichtigsten Vertreter des modernen Nominalismus, hat ein Unterscheidungskriterium entwickelt, mit dem sich (Theorie-)Sprachen des Platonismus, wie er die Gegenposition nennt, von solchen des Nominalismus unterscheiden lassen. Demnach werden von einer nominalistischen Theorie nur Individuen als Gegenstandsvariablen akzeptiert, während von einer platonistischen Theorie auch Entitäten wie Mengen, Begriffsumfänge (Umfangdes Begriffs), Eigenschaften, Klassen oder sonstige allgemeine Gegenstände als Gegenstandsbereich einer Theorie zugelassen werden. Die strenge Begrenzung des Bereichs der angenommenen Gegenstände im Sinne eines ökonomischen bzw. sparsamen Theorieinventars ist ein zentrales Anliegen im Nominalismus. Ein nominalistischer Logikkalkül unterscheidet sich insofern z. B. von einem platonistischen, dass die Prädikate nicht auf eine Klasse von Gegenständen angewandt werden, sondern auf so genannte ›konkrete Ganzheiten‹. In dieser Weise bezeichnet der Ausdruck ›rot‹ nicht die Klasse aller roten Gegenstände, sondern einen diskontinuierlich über die ganze Welt verteilten großen Rot-Gegenstand, der sich aus allen Rot-Vorkommnissen zusammensetzt. Eine nominalistische Sprache, die nur raum-zeitliche Gegenstände in unmittelbarer Gegebenheitsweise zulässt, ist daher sehr ausdrucksarm und verlangt einen erheblichen Aufwand in ihrer Ausformulierung, um alle sprachlichen Phänomene abdecken zu können.
      Demgegenüber vertritt Peirce einen starken Realismus. Das benennt er auch in den folgenden Absätzen zum Experiment nochmal explizit.

      @echtjetzt

      Philosophische Probleme haben oft etwas künstliches. Das liegt vielleicht daran, dass sie von den Philosophen ausgedacht wurden, damit die Philosophen eine Beschäftigung haben. ;)
      Nein, im Ernst: Der Streit um die Universalien ist schon uralt und geht zurück bis zu Platon und zieht sich durch die ganze Philosophiegeschichte. Wir werden jetzt also aller Wahrscheinlichkeit nach auch keine für alle befriedigende Lösung dafür finden.
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    • @Hermeneuticus - ja genau, 6000 Beiträge, das kann sich doch sehen lassen :thumbsup: (Ryoba, wenn Du so weitermachst, ist es bei Dir bis dahin auch nicht mehr weit ;-))

      Ryoba schrieb:

      Philosophische Probleme haben oft etwas künstliches.
      Ja, natürlich, ich fürchte, ich meinte eher so etwas wie: der Universalienstreit ist ein Scheinproblem :saint: Sowas kann man natürlich nicht behaupten, nur weil man es nicht richtig versteht, schon gar nicht vor diesem Hintergrund:

      Ryoba schrieb:

      Der Streit um die Universalien ist schon uralt und geht zurück bis zu Platon und zieht sich durch die ganze Philosophiegeschichte.
      Und eben weil das so ist, ärgert es mich, dass ich mich da eher schlecht zurechtfinde, denn dann werde ich auch Peirce nicht verstehen (und nicht nur Peirce nicht):

      Ryoba schrieb:

      Aber nichtsdestotrotz bleibt der Gegensatz zwischen dem Peirceschen starken erkenntnistheoritschen Realismus und dem Nominalismus der Sprachphilosophie bestehen.
      Ich weiss nicht, was mir da bleibt; selbst wenn ich genügend Energie hätte, mir das alles "reinzuziehen" - genügend Zeit hätte ich auf gar keinen Fall, nicht mal näherungsweise. Da muss ich wohl ganz kleine Brötchen backen und trotzdem nicht gleich alles hinschmeißen ... ach ja, die Philosophie ist schon eine fiese Sache. Das Schlimmste ist, dass man mit einer einzigen, völlig harmlos wirkenden Frage -die jeder verstehen kann- sofort mittendrin ist - und dann u.U. überhaupt nichts mehr versteht ...