[Lesethread] Peirce: "On A New List of Categories" - Kant revisited

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    • [Lesethread] Peirce: "On A New List of Categories" - Kant revisited

      Charles S. Peirce (1839-1914) war Philosoph, Mathematiker und Logiker und er gilt als einer der Begründer des Pragmatismus und der modernen Semiotik. Er führte als dritten Schlussmodus neben Induktion und Deduktion die Abduktion ein (dazu müsste man einen eigenen Thread machen :) ) und gründete darauf einen eigenen wissenschaftstheoretischen Ansatz. Auch in der Logik hat er wesentliche Neuerungen, wie etwa die Standardnotation für Prädikatenlogik erster Ordnung, eingeführt.

      Der kurze Text On A New List of Categories ist vor allem eine Erkenntnistheorie, aber es kommen auch Elemente aus der Zeichentheorie hier vor. Der Text ist auf Englisch und hat es in sich. Es geht, wie der Titel schon ahnen lässt, auch um eine kritischem Gegenentwurf zu Kants Kategorien. Peirce schlägt einen völlig anderen Weg ein und seine Antwort, wie wir durch Begriffe die sinnliche Mannigfaltigkeit zusammen fassen, ist eine wesentlich andere. Wo hier die Unterschiede liegen zu Kant und der Subjekt- und Bewusstseinsphilosophie würde ich gerne in dem Lesethread heraus arbeiten.

      Sofern Interesse daran besteht, würde ich vorschlagen, dass wir den Text in Abschnitte einteilen und abschnittweise besprechen. Angesichts der Tatsache, dass der Text auf Englisch ist, können auch Übersetzungsfragen besprochen werden. Wenn wir uns ein Verständnis des Textes gemeinsam erarbeiten können und dann vielleicht noch einen Vergleich zu Kants Erkenntnistheorie ziehen können , wäre schon viel erreicht.

      Wir könnten in zwei Wochen starten, dann haben alle Interressierte Zeit sich in den Text ein wenig einzulesen.
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    • Hi,
      da ich Peirce relativ wenig (bis gar nicht) kenne, hat sich der von Ryoba oben verlinkte Text On A New List of Categories für mich als ziemlich widerborstig erwiesen. Deshalb habe ich Ryoba den Vorschlag einer Übersetzung des Textes (evtl. Abschnitt für Abschnitt oder nur einzelner besonders "dunklen" bzw. vieldeutigen Textpassagen) gemacht und Ryoba hat diesem Vorschlag zugestimmt.
      Deshalb möchte ich gleich in medias res gehen und mit der Übersetzung beginnen, da sich für mich bereits im 2. Abschnitt schon Verständnisschwierigkeiten auftun.

      Übersetzungsvorschlag für den 1. Abschnitt:

      1. Dieses Papier basiert auf der bereits etablierten Theorie, dass es die Funktion von Konzepten/Begriffen ist, das Mannigfaltige (Vielfältige) sinnlicher Impressionen auf Einheit zu reduzieren, und dass [infolgedessen] der Wert/die Legitimation einer Konzeption/Begriffsanwendung darin besteht, dass es unmöglich ist, Bewusstseinsinhalte ohne die Einführung/Anwendung des Begriffs zu reduzieren (vereinheitlichen).

      Um konstruktive Kritik wird ausdrücklich gebeten.
      (Die Verständnisprobleme beginnen für mich erst beim nächsten 2. Abschnitt.)
    • Hermeneuticus schrieb:

      Es wäre allerdings wünschenswert, dass bei diesem Unternehmen der Bezug zum Projekt-Thema "Pragmatismus" deutlich wird. Vielleicht passt dieser Thread besser ins Projekt "Kants Transzendentalphilosophie"?
      Hallo Hermeuticus,

      ich denke schon, dass der Text eine dezidiert pragmatistische Position vertritt. Also er ist auf jeden Fall nicht in dem Projekt Transzendentalphilosophie zu verorten, da Peirce sich ja mit diesem Text von der Transzendentalphilosophie entschieden absetzt.
      Der Text erklärt die erkenntnistheoretische Grundlage für die Zeichentheorie und die Handlungstheorie des Pragmatismus und Dewey und Mead lassen sich von diesem Text aus auch verstehen...

      Grüße
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    • Wir können es ja mal probieren, wenn er sich wirklich als irrelevant für das Thema Pragmatismus erweisen sollte (was ich eigentlich nicht glaube), kann man den Thread ja immer noch verschieben.
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      Dieser Beitrag wurde bereits 1 mal editiert, zuletzt von Ryoba ()

    • Jole schrieb:

      Übersetzungsvorschlag für den 1. Abschnitt:


      1. Dieses Papier basiert auf der bereits etablierten Theorie, dass es die Funktion von Konzepten/Begriffen ist, das Mannigfaltige (Vielfältige) sinnlicher Impressionen auf Einheit zu reduzieren, und dass [infolgedessen] der Wert/die Legitimation einer Konzeption/Begriffsanwendung darin besteht, dass es unmöglich ist, Bewusstseinsinhalte ohne die Einführung/Anwendung des Begriffs zu reduzieren (vereinheitlichen).

      Um konstruktive Kritik wird ausdrücklich gebeten.
      (Die Verständnisprobleme beginnen für mich erst beim nächsten 2. Abschnitt.)
      Man könnte auch sagen. "Die Gültigkeit eines Begriffs besteht darin, dass ohne ihn der Inhalt des Bewusstseins nicht auf eine Einheit reduziert werden kann."

      Also die Einführung eines Begriffs ist dadurch legitimiert, dass er notwendig ist, um die sinnlichen Eindrücke zusammen zu fassen zu einer Einheit.

      Übersetzungsvorschlag zu Sec. 2:

      Diese Theorie bringt eine Abstufung der Begriffe hervor, welche als universal gelten. Einer dieser Begriff kann die Mannigfaltigkeit der sinnlichen Eindrücke zusammen fassen und ein anderer Begriff wird benötigt, um diesen Begriff und die Mannigfaltigkeit der sinnlichen Eindrücke, auf die der erste angewendet wurde, wiederum zusammen zu fassen; und so fort.
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    • In Abschnitt 2 beginnen für mich schon die Verständnisprobleme - ich versuchs trotzdem mal:
      2. Diese Theorie ermöglicht die Konzipierung einer Abstufung (Stufenleiter, Hierarchie) innerhalb denjenigen Konzepten, die als universal gelten.
      [So weit so gut, aber jetzt:]
      Für den Einen kann eine solche Konzipierung das Mannigfaltige der Sinnlichkeit vereinigen und doch mag noch eine andere [Konzipierung] erforderlich sein, um diese Konzipierung und das Mannigfaltige, auf welche sie angewendet wird, zu vereinheitlichen, und so weiter.

      Stellt Peirce hier bereits die Möglichkeit (oder gar Notwendigkeit in den Raum) die Kantsche Liste (Kategorien-Tafel) der Kategorien zu erweitern bzw. umzugestalten?
    • Da haben wir uns eben überschnitten...

      Es gibt einen anderen Aufsatz von ihm, in dem er versucht zu zeigen, dass sich Kants Kategorien auf drei Kategorien (die er später in dem Text noch einführen wird) zurück führen lassen. (Kann ich nochmal schauen, ob ich den finde)
      Peirce ist durch Kant philosophisch sozialisiert, aber setzt sich in seiner Erkenntnistheorie dezidiert von ihm ab. Ich hoffe, dass ich das in der Einleitung klar machen konnte und nicht falsch etikettiert habe. ;)
      Er stellt Kant sozusagen vom Kopf auf die Füße...
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    • Ryoba schrieb:

      Jole schrieb:

      Übersetzungsvorschlag für den 1. Abschnitt:


      1. Dieses Papier basiert auf der bereits etablierten Theorie, dass es die Funktion von Konzepten/Begriffen ist, das Mannigfaltige (Vielfältige) sinnlicher Impressionen auf Einheit zu reduzieren, und dass [infolgedessen] der Wert/die Legitimation einer Konzeption/Begriffsanwendung darin besteht, dass es unmöglich ist, Bewusstseinsinhalte ohne die Einführung/Anwendung des Begriffs zu reduzieren (vereinheitlichen).

      Um konstruktive Kritik wird ausdrücklich gebeten.
      (Die Verständnisprobleme beginnen für mich erst beim nächsten 2. Abschnitt.)
      Man könnte auch sagen. "Die Gültigkeit eines Begriffs besteht darin, dass ohne ihn der Inhalt des Bewusstseins nicht auf eine Einheit reduziert werden kann."
      Also die Einführung eines Begriffs ist dadurch legitimiert, dass er notwendig ist, um die sinnlichen Eindrücke zusammen zu fassen zu einer Einheit.
      Ja, das ist eine andere mögliche Paraphrasierung, die meiner Lesart wohl entspricht - würde ich sagen.


      Ryoba schrieb:

      Diese Theorie bringt eine Abstufung der Begriffe hervor, welche sich auf Universalien beziehen. Da einer dieser Begriff möglicherweise die Mannigfaltigkeit der sinnlichen Eindrücke zusammen fasst und ein anderer Begriff benötigt wird, um diesen Begriff und die Mannigfaltigkeit der sinnlichen Eindrücke, auf die der erste angewendet wurde, wiederum zusammen zu fassen; und so fort.
      Es bedarf eines weiteren Begriffs (B) um die synthetisierte Einheit des Mannigfaltigen und den (diese Einheit) synthetisierenden Begriff (A) als zusammengehörig vorzustellen?
      Hmm - diese Lesart würde mir nicht einleuchten.

      Aber wie du weiter oben ausführst, bezieht sich dieser Satz bereits auf sein Programm die Kantsche Kategorienliste nochmal (durch Kategorien übergreifende Begriffe) zu vereinfachen - das wäre ein akzeptable Lesart.
    • Jole schrieb:

      Ryoba schrieb:

      Ryoba schrieb:

      Diese Theorie bringt eine Abstufung der Begriffe hervor, welche sich auf Universalien beziehen. Da einer dieser Begriff möglicherweise die Mannigfaltigkeit der sinnlichen Eindrücke zusammen fasst und ein anderer Begriff benötigt wird, um diesen Begriff und die Mannigfaltigkeit der sinnlichen Eindrücke, auf die der erste angewendet wurde, wiederum zusammen zu fassen; und so fort.
      Es bedarf eines weiteren Begriffs (B) um die synthetisierte Einheit des Mannigfaltigen und den (diese Einheit) synthetisierenden Begriff (A) als zusammengehörig vorzustellen.Hmm - diese Lesart würde mir nicht einleuchten.
      Ja, aber genauso würde ich es verstehen....
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    • Vorschlag für Sec. 3:

      Der universale Begriff, der am nächsten zur sinnlichen Wahrnehmung steht, ist der der Präsenz (des Gegenwärtigen) im allgemeinen. Dies ist ein Begriff, weil er universal ist. Aber die Handlung der Aufmerksamkeit hat überhaupt keine Konnotation; sie ist pure denotative Kraft des Geistes, was so viel bedeutet wie, die Kraft, welche den Geist auf ein Objekt richtet, im Gegensatz zur Kraft des Denkens irgendeines Prädikats dieses Objekts. Also ist der Begriff dessen, was präsent (gegenwärtig) ist im allgemeinen, was nichts anderes ist als die allgemeine Erkenntnis (recognition) dessen, was in der Aufmerksamkeit enthalten ist und keine Konnotation hat, daher auch keine richtige Einheit. Dieser Begriff der Präsenz im allgemeinen, des Es im allgemeinen, wird in der philosophischen Sprache auch als "Substanz" übersetzt in einer ihrer Bedeutungen. Bevor irgendein Vergleich oder irgendeine Unterscheidung (discrimination) gemacht werden kann zwischen dem was präsent ist, muss das was präsent ist als solches erkannt worden sein, als Es, und infolgedessen werden die metaphysischen Teile, die erkannt werden durch Abstraktion diesem Es zugeschrieben. Aber das Es kann selbst nicht zu einem Prädikat gemacht werden. Diese Es ist also weder als Prädikat von eine Subjekt zuschreibbar noch ist es in einem Subjekt, entsprechend ist es identisch mit dem Begriff der Substanz.

      Peirce beginnt die universalen Kategorien zu entwicklen ausgehend von der puren denotativen Kraft des Geistes, die den Geist auf ein Objekt richtet. Dieser Aufmerksamkeit entspricht die Substanz als ein noch nicht differenziertes und unbestimmtes Es.....
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    • Vorschlag zu Sec. 4

      Die Einheit, zu welcher der Verstand die Sinneseindrücke zusammen fasst, ist die Einheit einer Aussage (proposition). Diese Einheit besteht in der Verbindung des Prädikats mit dem Subjekt. Daher ist das, was in der Kopula, dem Konzept des Seins, impliziert ist, das was die Aufgabe der Begriffe, die Mannigfaltigkeit zur Einheit zu bringen, vollendet. Die Kopula (oder vielmehr das Verb, welches Kopula ist in einer seiner Bedeutungen) bedeutet entweder "ist tatsächlich" oder "wäre" wie in den zwei Aussagen, „Ein Vogel Greif ist (existiert) nicht“ und „Ein Vogel Greif ist ein geflügelter Vierfüßler“. Der Begriff des Seins enthält einzig die Verknüpfung von Prädikat zu Subjekt, worin diese beiden Verben übereinstimmen. Der Begriff des Seins hat daher schlicht keinen Inhalt.

      Hier geht Peirce schon von den zwei möglichen Fällen einer Tatsachenbehauptung und einer fiktionalen Aussage aus. Mit den beiden Verben meint er wahrscheinlich die beiden Bedeutungen von ist: "ist tatsächlich" (wirklich) und "wäre" (fiktional). Beide sind als Kopula die Verknüpfung von Subjekt und Prädikat. Der Begriff des Seins als Kopula ist selbst völlig unbestimmt und inhaltslos.

      Wenn wir sagen „Der Ofen ist schwarz“, ist der Ofen die Substanz, von der ihre Schwarzheit differenziert worden ist und das „ist“, während es die Substanz so belässt wie sie gesehen wurde, erklärt ihre Verworrenheit durch die Anwendung des Prädikats „Schwarzheit“ auf sie.

      Der Ofen kann hier eigentlich nicht wortwörtlich die Substanz sein, vielmehr steht Ofen für das konkrete Einzelding, das in der Aussage prädiziert wird. Ofen kann jedoch auch selbst ein Prädikat sein, wie man sich leicht klar machen kann: "X ist ein Ofen". Das Prädikat Schwarzheit erklärt die Substanz, für die Ofen hier steht, in ihrer Verworrenheit (confusedness) und bestimmt sie dadurch.

      Obwohl Sein das Subjekt nicht beeinflusst, impliziert es eine unbestimmte Bestimmbarkeit (indefinite determinabilty) des Prädikats. Wenn jemand die Kopula und das Prädikat irgendeiner Aussage wissen könnte wie „ ... ist ein geschweifter Mensch“, wüsste er auch, dass das Prädikat anwendbar auf etwas ist, zumindest auf etwas vorstellbares. Dementsprechend haben wir Sätze, deren Subjekte komplett unbestimmt sind wie in „Es gibt eine schöne Ellipse“, wo das Subjekt bloß irgendetwas tatsächliches oder potentielles ist. Aber es gibt keine Aussagen, in denen die Prädikate komplett unbestimmt sind. Es wäre vollständig sinnlos zu sagen: „A hat den allgemeinen Charakter aller Dinge“,insofern als es einen solchen allgemeinen Charakter nicht gibt.

      Es gibt Sätze, in denen das Subjekt bloß ein Platzhalter ist, so wie später Frege Prädikate als Funktionen der Form F(x) auffasste. Umgekehrt ist es aber nicht möglich, dass ein Prädikat in einer Aussage völlig unbestimmt ist.

      Somit sind Substanz und Sein der Beginn und das Ende aller Begriffsbildung. Substanz ist nicht als ein Prädikat anwendbar und Sein ist genauso wenig als ein Subjekt anwendbar.

      Die Substanz als die bloße unbestimmte Materialität der Erkenntnis und das Sein als die inhaltsslose Kopula von unbestimmten Subjekt und bestimmtem Prädikat sind der Anfangs- und der Endpunkt der Begriffsbildung. Zwischen Substanz und Sein werden die universalen Begriffe, die Kategorien, zu finden sein...

      Man merkt schon hier, dass Peirce einen ganz anderen Weg als Kant in der transzendentalen Deduktion der Verstandesbegriffe einschlägt.
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    • Hi Ryoba,
      zuerst mal vielen Dank fürs Übersetzen und auch für die Erläuterungen!
      Bin gerade erst an den PC und werd mir das alles jetzt mal zu Gemüte führen. Melde mich dann später wieder.

      Im Zentrum von Abschnitt 3 und 4 steht P's Substanz-Begriff.
      Wollen wir diesen mal erörtern?

      "...the it cannot itself be made a predicate. This it is thus neither predicated of a subject, nor in a subject, and accordingly is identical with the conception of substance."

      Substanz ist dasjenige, das nur als Subjekt aber nicht als Prädikat (zu bzw. von etwas) verwendet werden (dienen) kann.
      Mit anderen Worten (maW):
      Substanz ist das, was nicht zur Bestimmung dienen kann, sondern nur Gegenstand einer Bestimmung sein kann, dh was nur Gegenstand von Bestimmung aber nicht Bestimmendes sein kann.

      Und dieses versteht P als "It" = "which is nothing but the general recognition of what is contained in attention".
      Möglicherweise das "tode ti" von Aristoteles, auf das nur gezeigt werden kann, das "what is contained in attention", der Gegenstand jeder Bestimmung ("Substanz" also nicht als allgemeinster, höchster Begriff platonisch verstanden, sondern meint aristotelisch verstanden das noch unbestimmte Einzelding als den Ausgangspunkt/Gegenstand jeder Bestimmung, also eher im Sinn von "(ousia, to hypokeimenon).

      Hmmm - ich finde den Text seeeeeehr sperrig.

      Dieser Beitrag wurde bereits 17 mal editiert, zuletzt von Jole ()

    • Hi Jole,

      ich hatte gar nicht gesehen, dass Du geantwortet hattest, weil du nur den ersten Post erweitert hast. Ich stimme deiner Interpretation zu und habe dem eigentlich nichts hinzu zu fügen. Ich kann es nur noch einmal in etwas anderen Worten wiederholen. Also sieh mir bitte nach, wenn dabei jetzt nichts neues hinzu kommt.

      In Sec.3 charakterisiert P. die Substanz mit folgenden Merkmalen: pure denotative Power of attention, conception of what is present in general, with no connotation at all. Also auf der Ebene des erkennenden Geistes/subjektiven Bewusstseins handelt es sich um die reine denotative Kraft der Aufmerksamkeit. Der Gegenstand der Aufmerksamkeit is das Gegenwärtige/die Präsenz ohne jede Konnotation oder Bestimmung.

      Ich halte deine Interpretation von der Substanz als unbestimmtem Einzelding für treffend. Die Substanz ist hier der Begriff, der der Sinneswahrnehmung am nächsten ist, also kein höchster Begriff.

      Substanz ist auch das was von dem erkennenden Bewusstsein erkannt wird bevor überhaupt ein Vergleich oder eine Unterscheidung getroffen worden ist.
      Ich frage mich, ob man von Substanz als der Materialität der Erkenntnis sprechen könnte oder ob dem Begriff der Materialität hier schon zu viel Bestimmung und Unterscheidung anhaftet.

      In Sec. 4 geht P dann dazu über die Erkenntnis in der Form der sprachlichen Aussage (proposition) zu analysieren und schließt dann eine logische Analyse der Aussageform an, um das Sein als den Begriff zu erörtern, der am weitesten von der konkreten Erfahrung entfernt ist.

      Grüße
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      Dieser Beitrag wurde bereits 1 mal editiert, zuletzt von Ryoba ()

    • Ryoba schrieb:

      Vorschlag für Sec. 3:

      Bevor irgendein Vergleich oder irgendeine Unterscheidung (discrimination) gemacht werden kann zwischen dem was präsent ist, muss das was präsent ist als solches erkannt worden sein, als Es, und infolgedessen werden die metaphysischen Teile, die erkannt werden durch Abstraktion diesem Es zugeschrieben. Aber das Es kann selbst nicht zu einem Prädikat gemacht werden. Diese Es ist also weder als Prädikat von eine Subjekt zuschreibbar noch ist es in einem Subjekt, entsprechend ist es identisch mit dem Begriff der Substanz.
      Hie benutzt Peirce für die Bestimmung des IT durch Prädikate die Bezeichnung "metaphysische Teile", welche durch eine Abstraktion diesem IT zugeschrieben werden. Das legt schon nahe das IT als ein Physisches zu verstehen gegenüber den metaphysischen prädikativen Bestimmung. Zudem ist es konkret, wenn dagegen die Prädikate durch Abstraktion gewonnen werden.

      In Sec 4. folgt dann eine Analyse der logischen Form der Aussage. Hier stellt die Kopula "ist" die Einheit der Aussage und damit der Erkenntnis dar. Einheit der Erkenntnis wird mit der Einheit der Aussage gleichgesetzt. Hierin folgt er wahrscheinlich Kant, der ja Erkenntnis als die Fähigkeit zu urteilen bestimmt hat, soweit ich mich erinnere.
      Die Kopula selbst ist völlig inhaltsleer, ihre Funktion besteht einzig in der Verknüpfung von Subjekt und Prädikat. Während Substanz der Begriff ist, der den Sinneseindrücken am nächsten ist, ist Sein der Begriff, der am weitesten von ihnen entfernt ist und die Aufgabe der Begriffe, das Mannigfaltige zu einer Einheit zu bringen vollendet.
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    • Ryoba schrieb:

      In Sec.3 charakterisiert P. die Substanz mit folgenden Merkmalen: pure denotative Power of attention, conception of what is present in general, with no connotation at all. Also auf der Ebene des erkennenden Geistes/subjektiven Bewusstseins handelt es sich um die reine denotative Kraft der Aufmerksamkeit.
      Ich vermute, dass tatsächlich Aristoteles hier die Folie für die P-sche Auffassung darstellt: Power of attention = causa efficiens.
      "what is present in general, with no connotation at all" = der (noch) unbestimmte Gegenstand einer empirischen Anschauung. Oder wie du schreibst: "Der Gegenstand der Aufmerksamkeit is das Gegenwärtige/die Präsenz ohne jede Konnotation oder Bestimmung. ... Substanz ist auch das was von dem erkennenden Bewusstsein erkannt wird, bevor überhaupt ein Vergleich oder eine Unterscheidung getroffen worden ist."
      Voll einverstanden!


      Ryoba schrieb:

      Ich frage mich, ob man von Substanz als der Materialität der Erkenntnis sprechen könnte oder ob dem Begriff der Materialität hier schon zu viel Bestimmung und Unterscheidung anhaftet.
      Nee, "Materialität" ist hier durchaus angemessen - natürlich im erkenntnistheoretischen Sinn der noch unbestimmten (ungeformten, ungedeuteten) "hyle" (causa materialis) des ("herstellenden") Erkenntnisaktes.

      Ryoba schrieb:

      In Sec. 4 geht P dann dazu über die Erkenntnis in der Form der sprachlichen Aussage (proposition) zu analysieren und schließt dann eine logische Analyse der Aussageform an, um das Sein als den Begriff zu erörtern, der am weitesten von der konkreten Erfahrung entfernt ist.
      Ja: das Sein als die Antithese zu der erkenntnistheoretischen "hyle" (Stoff), dh als Gegenbegriff zu dem, was in der konkreten Erfahrung unmittelbar (ungeformt, deutungsfrei) gegeben ist.
      Im Anschluss an die obige Aristotelische Interpretation der P'schen Ausführungen, wäre das dann möglicherweise die causa formalis.
      Aristoteles als Folie für den P'schen Pragmatizismus - gibt es dazu schon Sekundärliteratur?
      Legitim ist eine solche Interpretation mE schon, den schließlich hat Aristoteles die Grundbegriffe seiner Philosophie ja anhand der Vorlage des praktischen (handwerklichen/künstlerischen) Tun des Herstellens gewonnen.
      (Meines Erachtens wäre es viel fruchtbarer, auch die Kantsche Erkenntnisphilosophie im Hinblick auf Aristoteles als auf Platon interpretieren - wie es zB Topitsch in seinem lesenswerten Buch "Ursprung und Ende der Metaphysik" ja auch getan hat. )