[Semi-Lesethread] Avanessian & Hennig: Metanoia. Spekulative Ontologie der Sprache

    Diese Seite verwendet Cookies. Durch die Nutzung unserer Seite erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies setzen. Weitere Informationen

    • [Semi-Lesethread] Avanessian & Hennig: Metanoia. Spekulative Ontologie der Sprache

      Hallo zusammen,

      ich habe mich ja super gefreut, hier ein Projekt zum Spekulativen Realismus zu finden, auch wenn es anscheinend schon eine Zeit brach liegt. Ich habe mir gerade das Buch "Metanoia" von Avanessian und Henning zugelegt und würde das hier gerne diskutieren und damit vielleicht das Projekt wieder ein bißchen aufleben lassen. Wie der Titel schon sagt geht es in dem Buch um Sprache, das Verhältnis von Denken zur Welt und die Erfahrung der Selbsttransformation durch Lektüre. Ein äußerst spannendes Thema wie ich finde.

      Aus der Einleitung:
      Bei jeder Metanoia entsteht eine elementare Erkenntnissituation, in der sich zugleich mit dem neuen Subjekt die Welt ändert. Daran ist als drittes Element stets noch etwas, ein Anderes beteiligt, das Subjekt und Objekt gleichermaßen verwandelt. Deswegen zwingt das Nachdenken über Metanoia über ein strukturalistisches, durch Oppositionen bestimmtes Universum hinaus: Wie das Denken über das Denken hinausgeht, lässt sich nur verstehen, wenn man überall die Beschreibung einer triadischen Erkenntnissituation an die Stelle einer dyadischen setzt. Außerdem zwingt uns die Beschäftigung mit Metanoia, den Zusammenhang von Kognition und Sprache neu zu formulieren und die Frage nach einer Veränderlichkeit unseres Denkens als die nach der Plastizität unseres Gehirns zu verstehen. An Metanoia ist Sprache auf jede nur erdenkliche Weise beteiligt: als alltägliches Phänomen (in natürlicher Sprache), als Artefakt (in Literatur), als soziale Praxis (im Sprechen) und nicht zuletzt als mentale Struktur und Form der Erkenntnis (im Logos). Womit uns aber Metanoia auf besondere Weise konfrontiert, ist die poetische Funktion der Sprache.
      Die beiden Autoren kommen aus der Literaturwissenschaft und der Philosophie und es geht aber trotzdem ums Ganze. Wenn es darum geht wie sich das Selbst- und Weltverhältnis durch Sprache ändert, sind wir auch auf dem Gebiet der Bildungstheorie. So wie das Programm in der Einleitung formuliert wird, scheint es mir um eine Bildungstheorie zu gehen, die Bildung, hier ganz in Humboldtscher Tradition, von der Sprache her denkt.
      Im Weiteren wird sich zeigen, ob das Buch hält, was es verspricht.
      Ich werde ungefähr in einer Woche eine Zusammenfassung des ersten Kapitels posten und hoffe auf eine rege Diskussion.
      ERKLÄRUNG AN DAS FORUM
      "Volksverhetzung ist keine Meinung. Hass ist keine politische Position"
    • Ryoba schrieb:

      "Metanoia" von Avanessian und Henning
      Einleitung
      "Wir alle, die wir in freien und offenen Gesellschaften leben wollen [...]: Wir alle haben ein Problem mit dem Islam" (Heiko Heinisch; in: The European, 20. Januar 2015). — "Der algerische Schriftsteller Boualem Sansal hat kürzlich als Zeuge vor Gericht in Paris gesagt, der Antisemitismus sei Teil der islamischen Kultur, er werde im Koran, in den Moscheen und in den Familien verbreitet" (FAZ, 11. Dezember 2017). — "Wer Gastrecht missbraucht, der hat Gastrecht verwirkt."
    • In der Einleitung wird mit einer Äquivokation gearbeitet. Es heißt (PDF-S. 3): "Wie können wir uns die Tatsache erklären, dass es im Extremfall nur des Lesens eines einzigen Buches bedarf, um die Welt zu einer anderen zu machen?"

      Da durch Lesen eines Buches nicht die Welt, sondern die Weltsicht zu einer anderen gemacht wird, ist die Frage falsch gestellt und kann zurückgewiesen werden. Avanessian ist hier im Forum bereits insofern aufgefallen, als es ihm schon vor einiger Zeit nicht gelang, die von Meillassoux vorgeschlagene realistische Position brauchbar zu erläutern. Ich denke, Avanessian ist kein Realist.

      Doch wie auch immer: Es ist schön, dass sich Philosophen nach wie vor für den Spekulativen Realismus interessieren.
      "Wir alle, die wir in freien und offenen Gesellschaften leben wollen [...]: Wir alle haben ein Problem mit dem Islam" (Heiko Heinisch; in: The European, 20. Januar 2015). — "Der algerische Schriftsteller Boualem Sansal hat kürzlich als Zeuge vor Gericht in Paris gesagt, der Antisemitismus sei Teil der islamischen Kultur, er werde im Koran, in den Moscheen und in den Familien verbreitet" (FAZ, 11. Dezember 2017). — "Wer Gastrecht missbraucht, der hat Gastrecht verwirkt."
    • Hallo Fliege,

      danke erst mal für den Link zu der Einleitung! Ich habe festgestellt, dass die Textfassung aus dem Internet von der im Buch geringfügig abweicht. Dass soll uns aber nicht weiter stören.

      Nun zu deinem Einwand. Der Satz, den du zitierst, schließt ja direkt an das Zitat, das ich im Eingangspost referiert habe, an.
      Was heißt nun in dem Zitat der Finalsatz "um die Welt zu einer anderen machen". Die Argumentation ist hier m.E., dass das Subjekt sich durch das Lesen eines Buches verändert. Das Subjekt ist ein Teil der Welt. Und die Veränderung des Subjekts vollzieht sich vermittelt durch die Sprache. Die Veränderung des Subjekts impliziert eine Veränderung seiner Sicht auf die Welt und der Welt zugleich.

      "Metanoia ist eine Erkenntnissituation, in der sich zugleich mit dem Subjekt die Welt verändert. Daran ist als drittes Element stets noch etwas, ein Anderes, beteiligt, das Subjekt und Objekt gleichermaßen verwandelt." (pdf S.2)

      Dieses Dritte wird als Methode des aktiven Othering bezeichnet. Jedoch gebe ich Dir recht, dass hier in der Argumentation Denken, Sprache und Welt nicht unabhängig voneinander gedacht werden. Deshalb auch eine Sprachontologie, weil die Realität der Sprache als wesentlicher Teil der Welt, und nicht nur als Zugang zu einer Realität, gedacht wird. In der Veränderung des Subjekts, wird das Subjekt sich selbst zum Objekt.

      "Die Subjektivierung, der Metanioa uns unterwirft, macht uns aber zunächst weder zum Subjekt einer Wahrheitsaussage noch zu einem Objekt, über das wir Wahrheit sprechen. Eher schon macht uns Metanoia zum Subjekt einer neuen Wahrheit, eines neuen objektiven Ganzen, dessen Teil wir geworden sind. Darin, dass wir die neue (objektive) Wahrheit nun ganz unmittelbar (subjektiv) verkörpern, liegt auch der Grund für die radikale Immanenz von Metanoia: Wir sind stets gleichursprünglich mit der neu entstandenen Welt, mit der Welt so wie wir sie neu verstehen. [...] Wenn wir sagen, dass uns durch Metanoia unsere Subjektivität zum Objekt wird, dann meint das eine Verschiebung, von der sowohl das Selbst als auch die Welt betroffen ist: Diese Welt, und es gibt nur eine, ist die wirkliche, und wir sind ihr wahres Subjekt " (Buch S.17f.)

      Das impliziert, in welcher Welt wir leben und wer wir sind, das hängt davon ab, ob wir vorher Mead oder Kant gelesen haben. Insofern ist die Behauptung, dass es nur eine Welt gibt erstmal nicht so klar und eindeutig zu bestimmen.
      Eine vorläufige Hypothese: Es handelt sich um einen Realismus bezogen auf die Sprache und ihre Verquickung mit dem Denken und der Welt. Und dieser Realismus bleibt in einer subjektphilosophischen Haltung befangen.
      ERKLÄRUNG AN DAS FORUM
      "Volksverhetzung ist keine Meinung. Hass ist keine politische Position"
    • Ryoba schrieb:

      Die Argumentation ist hier m.E., dass das Subjekt sich durch das Lesen eines Buches verändert. Das Subjekt ist ein Teil der Welt. Und die Veränderung des Subjekts vollzieht sich vermittelt durch die Sprache. Die Veränderung des Subjekts impliziert eine Veränderung seiner Sicht auf die Welt und der Welt zugleich.
      Ja, so mag man argumentieren. Doch tut man das, so müsste man auch einer Katze, die eine Maus tötet, attestieren, sie mache "die Welt zu einer anderen". Ich würde das bestenfalls für eine geschwollene Formulierung zur Beschreibung eines banalen Ereignisses halten.

      Die Autoren erhoffen sich von ihrem Ansatz (PDF-S. 3): "Die Frage nach Metanoia lenkt den Blick notwendig auf die Möglichkeit einer Sprachontologie." Erläutert wird dies so (PDF-S. 7): "Die in hermeneutischen Zirkeln sichtbar werdende Rekursivität ist der Schlüssel unserer Sprachontologie. Die Dekonstruktion liefert uns ihrerseits einen Begriff der Différance ums Ganze." Erneut heißt es (PDF-S. 7): "Da die Welt nach einer Metanoia eine andere ist". Damit dürfte gemeint sein, die ganze Welt ändere sich durch Metanoia.

      Dazu passt das von dir gebrachte Buchzitat (S. 17f.; von mir gekürzt, meine Unterstreichung):

      Ryoba schrieb:

      "[...] Eher schon macht uns Metanoia zum Subjekt einer neuen Wahrheit, eines neuen objektiven Ganzen, dessen Teil wir geworden sind. Darin, dass wir die neue (objektive) Wahrheit nun ganz unmittelbar (subjektiv) verkörpern, liegt auch der Grund für die radikale Immanenz von Metanoia: Wir sind stets gleichursprünglich mit der neu entstandenen Welt, mit der Welt, so wie wir sie neu verstehen. [...]"
      Eine solche konstruktivistische Weltsicht lässt mit einer realistischen Metaphysik meines Erachtens nicht vereinbaren. Deine Einschätzung ist diesbezüglich durchaus wohlwollender.

      Ryoba schrieb:

      Eine vorläufige Hypothese: Es handelt sich um einen Realismus bezogen auf die Sprache und ihre Verquickung mit dem Denken und der Welt. Und dieser Realismus bleibt in einer subjektphilosophischen Haltung befangen.
      "Wir alle, die wir in freien und offenen Gesellschaften leben wollen [...]: Wir alle haben ein Problem mit dem Islam" (Heiko Heinisch; in: The European, 20. Januar 2015). — "Der algerische Schriftsteller Boualem Sansal hat kürzlich als Zeuge vor Gericht in Paris gesagt, der Antisemitismus sei Teil der islamischen Kultur, er werde im Koran, in den Moscheen und in den Familien verbreitet" (FAZ, 11. Dezember 2017). — "Wer Gastrecht missbraucht, der hat Gastrecht verwirkt."

      Dieser Beitrag wurde bereits 1 mal editiert, zuletzt von Fliege ()

    • das Wort Metanoia kennt kein Mensch

      wenn ich wikipedia richtig verstehe,
      soll dadurch ausgedrückt werden,
      daß es durch die Rekonstruktion
      einer zuvor verlustig gegangenen oder aufgegeben Ordnung
      zu einem Qualitätssprung im Ordnungssinn kommen kann

      das Phänomen kennt jeder,
      der etwas rekapituliert
      und dabei feststellt, daß die alte Logik nicht mehr zieht

      das Buch von Avanessian & Hennig
      taugt aber nur dann etwas,
      wenn es tatsächlich konkrete Ergebnisse liefert,
      denn sonst taucht in ein paar Monaten/Jahren der nächste Begriff auf,
      den niemand kennt

      in meinem BUCH geht es konkret zur Sache

      1. Exposition
      1.1. Die Wissenschaft der Toten
      1.2. Willkommen an Bord!
      1.3. Die Gliederung der Realität
      2. Durchführung
      2.1. Theorie der Wissenschaft
      2.2. Theorie des Vaterlandes
      2.3. Theorie der Stadt
      2.4. Theorie des Schicksals
      2.5. Theorie der Anmaßung
      2.6. Theorie der Gerechtigkeit
      2.7. Theorie der Marktwirtschaft
      2.8. Theorie der Idole
      2.9. Theorie der Intelligenz
      2.10. Theorie des Schwärmens
      2.11. Theorie des Prinzips
      2.12. Theorie der Ernte
      2.13. Theorie der Berufung
      2.14. Theorie der Vier Elemente

      2.15. Zur Methode
      3. Reprise
      3.1. Der dualistische Bodensatz
      3.2. Die indogermanische Voreingenommenheit
      3.3. Sokrates ist sterblich

      3.4. Das greifbare Fehlurteil
      4. Coda
      4.1. Vorsprung durch Technik?
      4.2. Der Widerstand der Subkultur
      4.3. Der Dämon der Gesellschaft
      4.4. Die Kritik des Herrn K


      im Inhaltsverzeichnis von Avanessian & Hennig sehe ich jedoch nur wenig Konkretes

      I. POETIK UND POIESIS
      Die metanoetische Sprache (Zaum’) des russischen Futurismus
      Die poetische Funktion der Sprache (Roman Jakobson)
      Poetik vs. Poietik
      Experimentelle Poietik
      Poietische Linguistik
      Die vermeintliche Arbitrarität der Sprache
      Poetische Fachsprachen (Ulf Stolterfoht)

      II. SPRACHANALYTISCHE PHILOSOPHIE
      Herstellung einer Teil/Ganzes Relation durch Rekursion
      Der hermeneutische Zirkel
      Triadische Zeichenlogik
      Die Unterbrechung des Zeichendreiecks
      Der linguistic turn der analytischen Philosophie oder
      Das Signifikat ist ein Prädikat des Signifikanten
      S meint X
      Ontologische Dinge und individuals (Peter Strawson)

      III. SPEKULATION
      Spekulatives Dreieck
      Die methodischen Elemente: Subjekt - Objekt - Anderer
      Turn vs. Circle: Probleme mit dem Verb ‘sein’
      Abduktion
      Poetisierung der Philosophie

      IV. KOGNITION
      Kognitive Rekursivität (Thomas Metzinger)
      Das symbolische Gehirn
      Koevolution von Sprache und Gehirn
      Vier Grammatiken (universal, generativ, extralinguistisch, kognitiv)
      Metanoia als Anagramm von Anatomie – Semiotik des Gehirns (Terrence Deacon)

      V. METANOIA
      Ästhetischer Moment
      Sprachlicher Aspekt
      Ethischer (und religiöser) Impuls
      Zeitlichkeit: Über das Denken hinaus
    • Avanessian & Hennig schrieb:

      Die methodischen Elemente: Subjekt - Objekt - Anderer
      da sieht mir zu esoterisch aus


      Subjekt und Objekt werden durch die Umwelt überwunden
      die Umwelt lässt sich konkret erforschen
      und das tun seit ewigen Zeiten die Ärzte und die Geographen (und die Bodenkundler),
      indem sie die Realität diagnostizieren


      Avanessian & Hennig schrieb:

      Probleme mit dem Verb ‘sein’
      diese Kapitel würde mich interessieren,
      denn dasselbe habe ich auch in meinem Buch

      scilla schrieb:

      3.2. Die indogermanische Voreingenommenheit
      3.3. Sokrates ist sterblich
    • Fliege schrieb:

      Ryoba schrieb:

      Die Argumentation ist hier m.E., dass das Subjekt sich durch das Lesen eines Buches verändert. Das Subjekt ist ein Teil der Welt. Und die Veränderung des Subjekts vollzieht sich vermittelt durch die Sprache. Die Veränderung des Subjekts impliziert eine Veränderung seiner Sicht auf die Welt und der Welt zugleich.
      Ja, so mag man argumentieren. Doch tut man das, so müsste man auch einer Katze, die eine Maus tötet, attestieren, sie mache "die Welt zu einer anderen". Ich würde das bestenfalls für eine geschwollene Formulierung zur Beschreibung eines banalen Ereignisses halten.

      Ryoba schrieb:

      "[...] Eher schon macht uns Metanoia zum Subjekt einer neuen Wahrheit, eines neuen objektiven Ganzen, dessen Teil wir geworden sind. Darin, dass wir die neue (objektive) Wahrheit nun ganz unmittelbar (subjektiv) verkörpern, liegt auch der Grund für die radikale Immanenz von Metanoia: Wir sind stets gleichursprünglich mit der neu entstandenen Welt, mit der Welt, so wie wir sie neu verstehen. [...]"
      Eine solche konstruktivistische Weltsicht lässt mit einer realistischen Metaphysik meines Erachtens nicht vereinbaren. Deine Einschätzung ist diesbezüglich durchaus wohlwollender.
      Kannst du nochmal kurz sagen, was eine realistische Metaphysik für Grundannahmen vertritt, die mit dem von Avanessian vertreten Ansatz unvereinbar sind? Ich nehme an es geht um die unabhängige Existenz der Welt vom Denken und der Sprache, oder?

      Eine Wandlung, im Sinne der Metanoia, ist ja eben kein banales Ereignis, sondern eine tiefgreifende Änderung des Subjekts und des Selbst. Diese Möglichkeit kann vielleicht unter Rückgriff auf den Bildungsbegriff auch als Transformation der Selbst- und Weltverhältnisse beschrieben werden. Bildungsprozesse selbst theoretisch zu erfassen ist überaus problematisch, da das Problem der Erklärung der Entstehung des Neuen sich ja auch immer im Spannungsfeld von Determination und Emergenz bewegt. Ich bin gespannt wie sich das Buch dazu äußert.

      scilla schrieb:

      Avanessian & Hennig schrieb:

      Die methodischen Elemente: Subjekt - Objekt - Anderer
      da sieht mir zu esoterisch aus

      Avanessian & Hennig schrieb:

      Probleme mit dem Verb ‘sein’
      diese Kapitel würde mich interessieren,
      Wenn sie mit dem Anderen eine brauchbare Erklärung geben können, wie die Subjekt-Objekt Differenz überwunden werden kann, wäre das doch auch schon etwas.

      Darf ich fragen, was der Titel Deines Buches ist ? Es klingt auf jeden Fall nach einem thematischen Rundumschlag. ;)

      Zu dem Kapitel über das Verb "sein" kann ich gerne, was schreiben, wenn ich mit der Lektüre so weit bin.

      scilla schrieb:

      das Wort Metanoia kennt kein Mensch

      wenn ich wikipedia richtig verstehe,
      soll dadurch ausgedrückt werden,
      daß es durch die Rekonstruktion
      einer zuvor verlustig gegangenen oder aufgegeben Ordnung
      zu einem Qualitätssprung im Ordnungssinn kommen kann

      das Phänomen kennt jeder,
      der etwas rekapituliert
      und dabei feststellt, daß die alte Logik nicht mehr zieht



      Bei der Wikipedia-Begriffsbestimmung von "Metanoia" bin ich mir nicht ganz so sicher, ob das hier zutreffend ist. Ich denke nicht, dass die Rekonstruktion der aufgegebenen/gescheiterten Ordnung der Impuls zu der Metanoia ist, vielmehr ist ja das "Lesen eines Buchs", um bei dem Ausgangsbeispiel des Texts zu bleiben, eine neue Erfahrung. Und diese neue Erfahrung ist der Anstoß, Impuls oder krisenhafte Auslöser der tiefgreifenden Veränderung.
      Metanoia hat in der christlichen Tradition die Bedeutung der Umkehr und Buße, mit dem Ziel der Hinwendung zu Gott (Vom Saulus zum Paulus). Also auch daran wird der radikale Wandel, der impliziert wird, deutlich, meine ich.
      ERKLÄRUNG AN DAS FORUM
      "Volksverhetzung ist keine Meinung. Hass ist keine politische Position"
    • scilla schrieb:

      Avanessian & Hennig schrieb:

      Die methodischen Elemente: Subjekt - Objekt - Anderer
      da sieht mir zu esoterisch aus

      Subjekt und Objekt werden durch die Umwelt überwunden
      die Umwelt lässt sich konkret erforschen
      und das tun seit ewigen Zeiten die Ärzte und die Geographen (und die Bodenkundler),
      indem sie die Realität die Realität diagnostizieren

      Das mit dem Diagnostizieren musst du nochmal näher erklären. Wie kann man die Realität diagnostizieren? Also die Weißkittel haben als klassische Profession ja gewissermaßen eine fast göttliche Autorität, die sie zum Diagnostizieren ermächtigt. Bei Ihnen hat die Diagnose in dem Dreischritt Anamnese - Diagnose - Behandlung die Funktion der fallverstehenden und kategorisierenden Einordnung von gemessenen Daten, Symptomen, und biographischer Entwicklung des Patienten in ein Erklärungsmodell, das eine angemessene Behandlung ermöglicht. Es fällt mir jedoch schwer hier eine Analogie zur Philosophie zu ziehen.
      Die konkrete Erforschung der Umwelt ist ja eben eine Domäne der Geographen und Geologen. Die Philosophie kann die Subjekt-Objekt-Spaltung nur überwinden, wenn sie von der Sozialität und Materialität (der Umwelt) her denkt. Das Diagnostizieren können wir den Ärzten und Geographen überlassen.
      ERKLÄRUNG AN DAS FORUM
      "Volksverhetzung ist keine Meinung. Hass ist keine politische Position"
    • Ryoba schrieb:

      Kannst du nochmal kurz sagen, was eine realistische Metaphysik für Grundannahmen vertritt, die mit dem von Avanessian vertreten Ansatz unvereinbar sind? Ich nehme an es geht um die unabhängige Existenz der Welt vom Denken und der Sprache, oder?
      "[Der Begriff] 'spekulativer Realismus' [wurde] bei einer Konferenz am Londoner Goldsmiths-College 2007 geprägt, dort sprachen [...] Ray Brassier, Iain Hamilton Grant, Graham Harman und Quentin Meillassoux." - "Der 'neue Realismus' ist der Ausstieg aus der Postmoderne. Die Welt existiert unabhängig von dem Bild oder der Vorstellung, die wir Menschen uns von ihr machen. Ana Teixeira Pinto erklärt [...]: 'Die Welt existiert mit oder ohne uns, und ihre Struktur hat keine Beziehung zu unserer begrifflichen Erfassung.'" - "Wer sich tiefer einarbeitet, stößt auf den Korrelationismus - das ist der Makel, von dem die neuen Realisten die Philosphie befreien. Wieder liefert Ana Pinto eine pointierte Erklärung: 'Korrelationismus ist eine von Meillassoux geprägte Wortschöpfung, die den Umstand bezeichnet, dass, seit Kant, das philosophische Denken in der Annahme gefangen blieb, ein jeder Versuch, die Wirklichkeit darzustellen, gebe letztlich die Perspektive des Beobachters wieder - das Denken bewege sich also in einem korrelationistischen Zirkel.'" - "Der Korrelationismus ist das, wovon sie [die Realisten] sich abgrenzen. Dabei ist vor allem die Postmoderne gemeint, für die die Welt vor allem als Konstrukt, als Wahrnehmung, im Grunde Geist war" (Art-Magazin, 8. Januar 2014).
      "Wir alle, die wir in freien und offenen Gesellschaften leben wollen [...]: Wir alle haben ein Problem mit dem Islam" (Heiko Heinisch; in: The European, 20. Januar 2015). — "Der algerische Schriftsteller Boualem Sansal hat kürzlich als Zeuge vor Gericht in Paris gesagt, der Antisemitismus sei Teil der islamischen Kultur, er werde im Koran, in den Moscheen und in den Familien verbreitet" (FAZ, 11. Dezember 2017). — "Wer Gastrecht missbraucht, der hat Gastrecht verwirkt."
    • @ Fliege

      Inwieweit wäre die Drei-Welten-Theorie ein möglicher Ausweg aus dem Korrelationismus?
      Soweit ich mich erinnere wurden die drei Welten ( z.B. von Frege und Popper) grob unterteilt in:

      1) physikalische Welt
      2) Vorstellungen/ Bewusstsein
      3) objektive Gedanken

      Wenn man nun zugesteht, das Gedanken sich von ihrem Träger lösen können und ihnen damit eine objektive Existenz zukommt, wäre doch die Möglichkeit eines Wissens, das die Welt repräsentiert, wie sie ist, gegeben. Also könnte Wissen als von einem Träger losgelöster wahrer Gedanke gefasst werden.

      Frege schrieb:

      Nicht alles ist Vorstellung. So kann ich denn auch den Gedanken als unabhängig von mir anerkennen, den auch andere Menschen ebenso wie ich fassen können. Ich kann eine Wissenschaft anerkennen, an der viele sich forschend betätigen können. Wir sind nicht Träger der Gedanken, wie wir Träger unserer Vorstellungen sind. Wir haben einen Gedanken, nicht, wie wir etwa einen Sinneseindruck haben; wir sehen aber auch einen Gedanken nicht, wie wir etwa einen Stern sehen. Darum ist es anzuraten, hier einen besonderen Ausdruck zu wählen, und als solcher bietet sich uns das Wort „fassen” dar
      aus Frege: Der Gedanke

      Ich würde dafür plädieren, dass man nun unter objektiven Gedanken, nicht nur mathematische Wahrheiten und wahres Wissen, sondern auch kulturelle Objektivierungen, wie beispielsweise Musikkompositionen, Literatur und philosophische Theorien verstehen könnte. Wobei man sich damit wieder einige Probleme einhandeln würde aufgrund der Fiktionalität und dem Wahrheitsbegriff.
      ERKLÄRUNG AN DAS FORUM
      "Volksverhetzung ist keine Meinung. Hass ist keine politische Position"
    • Fliege schrieb:

      [Der Begriff] 'spekulativer Realismus' [wurde] bei einer Konferenz am Londoner Goldsmiths-College 2007 geprägt,
      ich habe den Begriff umgangssprachlich mehrere Jahre früher verwendet

      schriftlich habe ich das gefunden

      hier nenne ich das Betreffende eine Setzung

      Widerlegung des hypothetischen Realismus

      schwierig,
      mir fällt zunächst der Unterschied zwischen einer losen Idee,
      die man verfolgt
      und einer Setzung ein

      eine Setzung würde ich nicht mehr als Hypothese bezeichnen

      eine Setzung ermöglicht eine Diagnose
      die lose Idee hingegen nur die Prognose eines Trends

      ......

      eine Setzung ist für mich auch ein Ameisenhaufen mit seinem 'durchdachten' Innenleben

      zur Hypothese werden Ameisen erst werden,
      wenn sie vom Aussterben bedroht sind
      (das wird der Mensch nicht erleben)

      Ameisen verdrängen seit hundert Millionen Jahren die Termiten
      Termiten gibt es aber immer noch
      (Termitenbauten haben halt auch ein 'durchdachtes' Innenleben)

      (Laubbäume verdrängen seit ... die Nadelbäume,
      Nadelbäume gibt es immer noch)

      ....

      ein drittes Beispiel für eine Setzung kommt aus der Leichtathletik

      die Hochspringer ändern ihre Technik, um höher zu springen

      (Purzelbaum vor/seitwärts, Schere, rück/seitwärts ...)

      mit jeder dieser Techniken komme ich höher als Otto Normal

      ergo
      selbst hoffnungslos veraltete Techniken lassen sich nicht falsifizieren

      denkforum.at/threads/unumgehba…viduell.5354/#post-148176

      ein Tag zuvor, am 19. August 2007 hatte ich das geschrieben

      unsere Organe haben sich an die wahre Umwelt angepasst
      es besteht die Möglichkeit,
      daß das Weltbild (je nach entwickeltem Sinnesorgan) unterschiedlich ausfällt (Fledermaus, Schlange, Adler, Spinne),
      aber es hat zweifellos was mit der wahren Umwelt zu tun,
      sonst wären bereits die Vorfahren ausgestorben

      denkforum.at/threads/unumgehba…viduell.5354/#post-148174


      Ryoba schrieb:

      Wenn man nun zugesteht, das Gedanken sich von ihrem Träger lösen können und ihnen damit eine objektive Existenz zukommt

      Hypostase

      aktuell bin ich an Tabelle 15
      preisgabe.de/tabellen.pdf

      die Hypostase ist bereits geknackt
      und wird bald veröffentlicht

      Ryoba schrieb:

      Ich würde dafür plädieren, dass man nun unter objektiven Gedanken, nicht nur mathematische Wahrheiten und wahres Wissen,

      die Mathematiker haben Grundlagenprobleme
      das, was die erzählen, ist nicht zwingend die Wahrheit
      ... es funktioniert aber !!!

      dieses Funktionieren ist der kurzfristige Teil der Welt

      langfristig (Höherentwicklung), von außen (Ding), von innen (Diagnose)
      ist eine andere Baustelle
    • Nach dem Vorgeplänkel und den Vermutungen, ob es sich denn bei Avanessians und Hennings Buch Metanoia um ein Dokument des Spekulativen Realismus handeln könne, das diesen Namen auch verdient, wende ich mich mal dem ersten Kapitel zu.

      1. Poetik. Prinzipien der Poeisis in der Sprache

      Und ich merke schnell es geht linguistisch zu in diesem Kapitel. Linguistische Fachbegriffe werden einemnur so um die Ohren geschleudert: Es geht um Langue, Parole,Kompetenz, Performanz, Paradigma, Modus, Tempus, Aspekt um nur einigezu nennen. Jakobson, Guillaume, Chomsky und Saussure geben sich die Klinke in die Hand in diesen Kapitel. Die linguistischen Begrifflichkeiten sind von den ähnlich- oder gleichlautendenphilosophischen Begriffen zu unterscheiden. Deshalb möchte ich kurz einige für die Argumentation wesentlichen Begriffe kurz erläutern:


      Paradigma bezeichnet in der Linguistikein Flexionsmuster nach dem alle Verben gleich flektiert werden. Etwa (spr)ingen – (spr)ang – (gespr)ungen , (s)ingen – (s)ang– (ges)ungen usf.... Allgemeiner ist ein Paradigma ein Schema nachdem Worte oder Sätze gebildet werden. Sprachliche Einheiten, die an derselben Stelle einer sprachlichen Struktur vorkommen können stehen in einem paradigmatischen Verhältnis zueinander. (auf vertikalerEbene)
      Das Syntagma dagegen sind die zu einer sprachlichen Sequenz zusammengesetzten sprachlichen Einheiten (auf horizontaler Ebene)

      Beispiel: Das Kleid ist rot/grün/gelb/...

      Die Satzsequenz aus den Wörtern istdas Syntagma und rot/grün/gelb/..... verhalten sich paradigmatischzueinander, bilden also das Paradigma.

      Modus bezieht sich auf die Verbformen. Es wird unterschieden zwischen Modus realis (Indikativ, Energikus) und irrealis (Nezessitativ, Konjunktiv,Imperativ, Optativ, Potentialis)

      Die Poeisis ist wiederum einphilosophischer Begriff, der auf Aristoteles zurück geht. Erbezeichnete damit eine herstellende Tätigkeit, die ein Produktaußerhalb ihrer selbst zum Ziel hat im Gegensatz zur Praxis, dieeine Handlung vollzieht, ohne ein Ziel außerhalb ihrer selbst zuhaben.

      Langue ist die Sprache als statischesSystem von Regeln und Paradigmen. Der Sprecher kann insofern er übersprachliche Kompetenz verfügt eine unendliche Zahl von Aussagenbilden.

      Parole ist die gesprochene Sprache.Chomsky bezeichnet dies dann als die Performanz im Gegensatz zur Kompetenz.
      ERKLÄRUNG AN DAS FORUM
      "Volksverhetzung ist keine Meinung. Hass ist keine politische Position"

      Dieser Beitrag wurde bereits 3 mal editiert, zuletzt von Ryoba ()

    • Es geht den Autoren darum einen spekulativen Sprachrealismus zu explizieren. Dabei geht es um die realistische Existenz der Sprache an sich und deren Bezug auf die Realität. Die Sprache wird gefasst als ein sich evolutiventwickelndes System. Was schon Saussure und andere zuvor in der synchronen und der diachronen Sprachwissenschaft voneinander trennten, versucht die spekulative Poetik zusammen zu denken:

      „Jedes System liegt als Evolutionvor, und jede Evolution hat Systemcharakter. Die Einlösung dieserMethodenperspektive steht aber noch aus.“

      Zentral scheinen mir diese Punkte zu sein:

      1. Die Potentialiät von Sprache wird der bloßen Aktualisierung der gegebenen Sprache gegenüber gestellt.
      2. Die Metapher als Grundprinzip der Sprache wird durch das der Metonymie ersetzt
      3. Das Diktum von der Arbitrarität des Zeichens wird durch eine Referenz vermittelst selbstreferenzieller Rekursion abgelöst
      4. Die Poetik der Sprache wird in einem umfassenden Sinne verstanden als ihr wesentlicher Charakter und schließt die Poeisis mit ein.
      ERKLÄRUNG AN DAS FORUM
      "Volksverhetzung ist keine Meinung. Hass ist keine politische Position"

      Dieser Beitrag wurde bereits 1 mal editiert, zuletzt von Ryoba ()

    • zu 1)

      Die Betrachtung der Potentialiät von Sprache geht auf den Linguisten Guillaume zurück. Dieser betrachtet das Sein der Sprache als begründet in ihrer Grammatik und diese ist stets in Entwicklung begriffen. Die Morphologie und Ontologie der Sprache ersetzte er folgerichtig durch eine Morphogenie und Ontogenie. Die Potentialität der Sprache vollzieht sich im Sprechen. Sie schafft neue Paradigmen und ermöglicht damit die Adaption der Sprache an eine sich verändernde Wirklichkeit. Im Sprechen werden gegeben Paradigmen aktualisiert und neue Paradigmen geschaffen: Sprache hergestellt. Daher ist die Potentialität der Sprache mit der poeitischen Funktion eng verbunden.
      Die Potentialiät der Sprache ist ein Fall des Problems der Emergenz des Neuen in einem bestehenden System. Von welchem Punkt aus kann das Neue entstehen und von welchem Punkt aus kann es rückblickend erklärt werden. Die Autoren argumentieren hier behelfsmäßig mit einer Überlagerung von Modus und Tempus. Die Potentialität der Sprache liege dem Sprechen in beiden Richtungen der Zeit voraus: sie entspringe in der Zukunft und habe ihre Heimat in der Möglichkeit. Hier bleiben die Autoren sehr vage und andeutend, indem sie von zeitlichen Paradoxien sprechen.

      Als Beispiel nennen sie den Satz: „Die Gegenwart war zukünftig, ist gegenwärtig und wird vergangen sein.“

      In dem Satz liegt die Zukunft auf beiden Seiten sowohl der Vergangenheit als auch der Zukunft der Gegenwart, einmal als Adjektiv „zukünftig“ und einmal als Zeitform des Futur „wird vergangen sein“.
      ERKLÄRUNG AN DAS FORUM
      "Volksverhetzung ist keine Meinung. Hass ist keine politische Position"

      Dieser Beitrag wurde bereits 1 mal editiert, zuletzt von Ryoba ()

    • Ryoba schrieb:

      Die Betrachtung der Potentialiät
      Potenz oder Potentialität ?

      das ist wichtig, denn das Potential ist dualistisch (idealistisch)
      die Potenz ist nichtdualistisch

      die Sprache als Ideal anzunehmen,
      geht in Richtung Kunstsprache (Formalismus)
      und der Fehler liegt dann darin,
      daß man (für die mathematische Funktion) das Prädikat als das verwendete Verb setzt
      und nicht als das zugrundeliegende Sein

      Ryoba schrieb:

      Die Potentialiät der Sprache ist ein Fall des Problems der Emergenz des Neuen in einem bestehenden System.
      das Neue kann durch eine
      • Periode (alles ist schon mal dagewesen)
      • Potenz (Qualitätssprung durch Synthese)
      • Phase (Höherentwicklung)
      entstehen

      'Potentialität' ist hierfür definitiv das falsche Wort

      Ryoba schrieb:

      Die Potentialität der Sprache liege dem Sprechen in beiden Richtungen der Zeit voraus: sie entspringe in der Zukunft und habe ihre Heimat in der Möglichkeit.

      die beiden Richtungen der Zeit sind das Vorher und das Nachher

      dieser Dualismus (a priori/a posteriori) wird durch das JETZT (SEIN) überwunden
      im Dualismus selber gibt es NICHTS (Nihilismus)

      Ryoba schrieb:

      Als Beispiel nennen sie den Satz: „Die Gegenwart war zukünftig, ist gegenwärtig und wird vergangen sein.“

      im Beispielsatz liegt der Schwerpunkt auf dem JETZT
      (jetzt ist das Sein)

      Ryoba schrieb:

      In dem Satz liegt die Zukunft auf beiden Seiten sowohl der Vergangenheit als auch der Zukunft der Gegenwart, einmal als Adjektiv „zukünftig“ und einmal als Zeitform des Futur „wird vergangen sein“.

      die Autoren legen den Schwerpunkt aber auf eine (dualistische?) Zukunft
      das ist pervers


      Ryoba,
      ich bin gespannt, wie es weitergeht
    • scilla schrieb:

      Ryoba schrieb:

      Die Betrachtung der Potentialiät
      Potenz oder Potentialität ?
      das ist wichtig, denn das Potential ist dualistisch (idealistisch)
      die Potenz ist nichtdualistisch

      die Sprache als Ideal anzunehmen,
      geht in Richtung Kunstsprache (Formalismus)
      und der Fehler liegt dann darin,
      daß man (für die mathematische Funktion) das Prädikat als das verwendete Verb setzt
      und nicht als das zugrundeliegende Sein
      Potentialität im Gegensatz zur Aktualität der Sprache.
      Warum sollte Potentialität dualistisch/idealistisch und Potenz nichtdualistisch sein? Kommt das nicht auf den Kontext an? Wie kann ein Wort an sich dualistisch sein? Noch dazu leuchtet mir das bei Potentialität nicht ein.

      Eine Idealsprache wird von den Autoren nicht angenommen. Sie gehen von dem gegebenen System der Sprache bestehend aus Grammatik, Syntax etc... aus.


      scilla schrieb:


      Ryoba schrieb:

      Die Potentialiät der Sprache ist ein Fall des Problems der Emergenz des Neuen in einem bestehenden System.
      das Neue kann durch eine
      • Periode (alles ist schon mal dagewesen)
      • Potenz (Qualitätssprung durch Synthese)
      • Phase (Höherentwicklung)
      entstehen

      'Potentialität' ist hierfür definitiv das falsche Wort
      Ich kann mir weder unter Periode, noch unter Phase, noch unter Potenz eine Erklärug der Entstehung des Neuen in der Sprache in Form eines neuen Paradigmas vorstellen. Sorry, aber das sind für mich einfach nur Schlagwörter aus einem anderen Gebiet, die mit Sprache nicht viel zu tun haben, jedenfalls erschließt sich mir der Zusammenhang nicht...


      scilla schrieb:

      Ryoba schrieb:

      Die Potentialität der Sprache liege dem Sprechen in beiden Richtungen der Zeit voraus: sie entspringe in der Zukunft und habe ihre Heimat in der Möglichkeit.
      die beiden Richtungen der Zeit sind das Vorher und das Nachher

      dieser Dualismus (a priori/a posteriori) wird durch das JETZT (SEIN) überwunden
      im Dualismus selber gibt es NICHTS (Nihilismus)

      Ryoba schrieb:

      Als Beispiel nennen sie den Satz: „Die Gegenwart war zukünftig, ist gegenwärtig und wird vergangen sein.“
      im Beispielsatz liegt der Schwerpunkt auf dem JETZT
      (jetzt ist das Sein)

      Ryoba schrieb:

      In dem Satz liegt die Zukunft auf beiden Seiten sowohl der Vergangenheit als auch der Zukunft der Gegenwart, einmal als Adjektiv „zukünftig“ und einmal als Zeitform des Futur „wird vergangen sein“.
      die Autoren legen den Schwerpunkt aber auf eine (dualistische?) Zukunft
      das ist pervers


      Ryoba,
      ich bin gespannt, wie es weitergeht
      Die Erklärung der Autoren, dass die Potentialität sich im Sprechen vollzieht und der Gegenwart in beiden Richtungen "voraus liege" ist unbefriedigend. Die Potentialität vollzieht sich Sprechen, also in der Gegenwart. Wenn man jedoch nicht davon ausgehen will, dass das Neue vom Himmel fällt oder spontan aus dem Nichts hoch ploppt, muss man eine in der Vergangenheit liegende Motivation/Möglichkeit suchen.
      Die Autoren gehen dagegen davon aus, es reiche zu postulieren, dass das Potentielle in der Zukunft liegt und zugleich die Grundlage jedes Sprechens darstellt. Die potenzialisierende Funktion der Sprache aktualisiert nicht bloß das gegebene Paradigma, sondern transformiert es und schafft so eine dynamische Sprache....
      ERKLÄRUNG AN DAS FORUM
      "Volksverhetzung ist keine Meinung. Hass ist keine politische Position"
    • Ryoba schrieb:

      Warum sollte Potentialität dualistisch/idealistisch und Potenz nichtdualistisch sein? Kommt das nicht auf den Kontext an? Wie kann ein Wort an sich dualistisch sein? Noch dazu leuchtet mir das bei Potentialität nicht ein.
      Gott hatte Eier (Hoden oder Eizellen)
      das ist seine/ihre Potenz

      das Potential ist eine Ästhetik
      (sieh an, was da alles möglich wäre!
      wie schön es doch sein könnte!)

      Ryoba schrieb:

      Potentialität im Gegensatz zur Aktualität der Sprache.
      damit kann ich nichts anfangen

      wenn ein Satz schlecht formuliert ist,
      dann kann man ihn besser formulieren

      aber sonst lässt sich ein Satz aus allen möglichen Wörtern
      in beliebiger Länge (auch ohne Verb) formulieren
      die Aussage der Sätze steht sogar meist zwischen den Zeilen

      wie der Satz zu verstehen ist,
      ergibt sich aus dem Kontext
      und dieser Kontext wird über das Sein ergründet
      (und nicht über das Potential)

      ich habe ein Buch,
      das ebenfalls in die Richtung Aktualität/Potentialität geht,
      aber das verstehe ich in bestimmten Bereichen nicht,
      obwohl mir andere glasklar sind

      SCIACCA Akt und Sein


      der Urakt als Synthese
      dazu aber noch eine Idee (in der Zukunft?)
      für mich wäre die Idee auch synthetisch
      oder eben die Potenz Gottes
      (die platonische Idee hat aber keine Potenz
      dafür ein Potential)

      books.google.de/books?id=VeifN…0akt%20und%20sein&f=false
    • scilla schrieb:

      Ryoba schrieb:

      Warum sollte Potentialität dualistisch/idealistisch und Potenz nichtdualistisch sein? Kommt das nicht auf den Kontext an? Wie kann ein Wort an sich dualistisch sein? Noch dazu leuchtet mir das bei Potentialität nicht ein.
      Gott hatte Eier (Hoden oder Eizellen)das ist seine/ihre Potenz

      das Potential ist eine Ästhetik
      (sieh an, was da alles möglich wäre!
      wie schön es doch sein könnte!)
      Da Gott es ja bekanntlich schaffte Maria zu schwängern ohne den Liebesakt zu vollziehen halte ich es für fragwürdig, ob er oder sie Eier oder Eierstöcke hat.
      Die Periode ist für mich keine Erklärung des Neuen, da sie ja etwas zirkuläres und wiederkehrendes bezeichnet. Potenz kann im Sinne der sexuellen Reproduktion die Entstehung von etwas Neuem erklären. Die sexuelle Reproduktion ist die Rekombination von zwei unterschiedlichen Genomen zu etwas Neuem und damit anders als die klonale Reproduktion, die nichts Neues hervor bringt. Allerdings hat Sprache keine Fortplanzungsorgane, daher ist diese Erklärung auch unzutreffend.
      Was ich mir unter Phase vorstellen soll, weiß ich immer noch nicht.

      scilla schrieb:

      Ryoba schrieb:

      Ryoba schrieb:

      Potentialität im Gegensatz zur Aktualität der Sprache.
      damit kann ich nichts anfangen
      wenn ein Satz schlecht formuliert ist,
      dann kann man ihn besser formulieren

      aber sonst lässt sich ein Satz aus allen möglichen Wörtern
      in beliebiger Länge (auch ohne Verb) formulieren
      die Aussage der Sätze steht sogar meist zwischen den Zeilen
      Ich hatte doch geschrieben, dass die potenzialisierende Funktion der Sprache, nach den Autoren, in einer Herstellung eines neuen Paradigmas besteht. Im Sprechen vollzieht sich immer die Aktualisierung des gegebenen Paradigmas (Sprache als System) und die Schaffung eines neuen Paradigmas (Sprache als dynamische Evolution).

      Grüße
      ERKLÄRUNG AN DAS FORUM
      "Volksverhetzung ist keine Meinung. Hass ist keine politische Position"
    • @Potenzialität
      Saussure - meine ich, nicht ganz sicher - hatte ja herausgearbeitet, dass es sich mit den Aspekten - worunter auch Modus und Tempus fallen - so verhält, dass sie funktional in jeder Sprache - seit ~6000 Jahren - quasi identisch auftreten, jedoch vielfach unterschiedlich, mal explizit, mal implizit, repräsentiert sind. Also quasi ein bestimmtes Repertoire individueller Erfahrung geschuldeter Bezugsmodi vorliegt, das sprachlich auf die eine oder andere Weise zum Ausdruck kommt, sprachlicher Vermittlung zugrunde liegt.
      Das wäre natürlich insofern relevant, ob ein sprachontologisches Modell gefahren werden könnte oder nicht vielmehr Sprache als individueller Erfahrung abgewonnen zu betrachten wäre.
      In dem Sinne wäre von Potenzialität bezogen auf Sprachliches allgemein die Rede. Konkrete Sprachen setzen das lediglich auf die eine oder andere Art um?
      Gruß,
      n0\/0n

      deutsch.
      think, tank.