Das menschenmögliche Wissen

    • Lutger schrieb:

      1. Ich weiß, dass ich nichts weiß. (PLATON/SOKRATES)
      2. Da steh' ich nun, ich armer Tor, und bin so klug als wie zuvor. (GOETHE/FAUST)
      Über derartige Outings solcher Artgenossen "hinausgelangen", was heißt das sonst als tollpatschig hinter sie zurückfallen?

      Ganz genau verstehe ich zwar nicht, worauf du hinaus willst, aber es sicher eine Einsicht, sein eigenes Wissen zu hinterfragen, zu relativieren und als nicht "das einzig richtige" anzunehmen.
      Sowohl Sokrates als auch Goethe ging es um (einzelne) Situationen, nicht um das Zurückweisen jeglichen WIssens (Sokrates ist genauer mit "Ich weiß, dass ich nicht [ohne s] weiß." zu übersetzen.)

      Gruß, Burkart
      Der Mensch als Philosophierender ist Ausgangspunkt aller Philosophie.
      Folgerung: Philosophie, die den Menschen ignoriert, macht einen Fehler.
    • Burkart schrieb:

      (Sokrates ist genauer mit "Ich weiß, dass ich nicht [ohne s] weiß." zu übersetzen.)


      Die Unterscheidung von "nicht wissen" und "nichts wissen" ist im sokratischen Fall unerheblich. Denn es geht um keine bestimmte Negation. Genauer gesagt, geht es um die Reihe aller bestimmten Negationen von "etwas wissen". Die Untersuchungsmethode, die hier zugrundeliegt, ist die Aporetik, der eingeschlagene Weg vom Bekannten zum Unbekannten. Das "nicht" hat bei dieser Vorgehensweise sozusagen eine ausnehmend starke Tendenz zum "nichts".

      Wir können immer so tun, als ob wir alles, vieles, weniges oder nichts wüssten. Sokrates sah sich (laut Apologie) genötigt, nur deswegen ein Weiser, sogar der Weiseste, genannt werden zu können, weil er im Gegensatz zu allen vorgeblich Wissenden, aber nachweislich Unwissenden, jedesmal sich bewusst war, "dass wir nichts wissen können". Er muss sich mit dieser "armen" Weisheit auf der sicheren Seite gefühlt haben, bewahrt einen doch eine solche "docta ignorantia" (Cusanus) vor der faustischen Blamage, am Ende tief gefallen zu sein und als "armer Tor" dazustehen. Stattdessen kommt er in den "ironischen" Genuss, am besten zu lachen, weil zuletzt zu lachen.
      LG
    • Mir scheint im Nichtwissen läge das Wissen bzw. die definitive Gewissheit, die wir gern im positiven Sinn über Dinge hätten. Die Falsifizierung als Einsicht in die einst als Wissen geglaubte Annahme lässt sich wohl nicht überschreiten. Diese Ansicht scheint mir Sokrates deutlich gemacht zu haben und Goethes Faust geht auch in diese Richtung obgleich das für letzteren ein eher frustrierendes Eingeständnis ist, was es aber nicht sein muss. Man kann sich von einer Menge Vorbehalte lösen, wenn sie als Nichtwissen gewusst werden können. Dieser zerstörerische Charakter, mit dem man dann manch Luftschlösser zu Fall bringt, wird aber anscheinend häufig nicht gern gesehen.^^
    • marcus d schrieb:

      das für letzteren [Faust] ein eher frustrierendes Eingeständnis ist, was es aber nicht sein muss


      Im Gegensatz zum Typen Sokrates hat der Typ Faustus etwas Selbstzerstörerisches. Am Ende des Bildungswegs eines Universalgelehrten muss Goethes tragischer Held sich die Sinnlosigkeit seines aufwändigen Unterfangens eingestehen. Platons 'Spiritus rector' hingegen gibt sich auf jedem Gebiet unprofessionell – auch bei den Hebammen hat der Maieutiker sich allenfalls etwas abgeschaut. Er wird früh so klug wie möglich. Der Rest ist Fragen. Daraus macht er eine fröhliche Wissenschaft. Er hat gut lachen, weil er sich zuvor eben nicht herumgequält hat mit dem Erwerb dieser oder jener Fachkompetenzen, die mehr das Geltungsbedürfnis bedienen, als der reinen Wissbegierde, der Weisheitsliebe, der Philosophie die Ehre zu geben. Fachleute müssen Entscheider, also im Stande sein, das Fragen abzubrechen, um professionell wirken zu können.

      Auch für Faust ist das, was er studiert hat, ein Fächerkanon, Philosophie eingeschlossen, auf dass er es einmal zu einem anerkanntem akademischen Titelträger bringen sollte. Doch nachdem er im Bildungsbetrieb alles erreicht hat, kommen ihm auf einmal Selbstzweifel. Hat er überhaupt etwas, vor allem seinen Schülern, zu sagen? Er bemerkt die Eitelkeit seiner "an der Nase herum" führenden Geschäftigkeit. Trotzdem bleibt er weiterhin 'ergebnisorientiert', ergibt sich der Magie, um schließlich mit dem Teufel zu paktieren. Im Teufelskreis kann man nur frustriert sein, euphorische Intermezzi inbegriffen. Fausts Schöpfer Goethe hat sich da schon eher freischaffen können. Doch wer weiß.
      LG