Der Mensch als Artefakt

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    • Der Mensch als Artefakt

      Man könnte wohl sagen, dass jede technologische Errungenschaft den Menschen einen Schritt weiter gebracht hat. Die Zähmung des Feuers, die Erfindung des Rades, Agrarwirtschaft, Dampfmaschine etc. Wenn man allerdings so redet, liegt die Frage nicht fern, wohin weiter? Der rein mathematischen Iteration als Fortschritt fügen wir gemeinhin die Konnotation "neu", "modern", "besser" hinzu - also fortschrittliches Denken z.B. - wir entwickeln uns weiter.

      Aus anthropologischer Sicht passiert aber etwas ganz anderes. Wir entwickeln uns anders, und zwar weg von der Natur. Dieses "anders" ist zunächst einmal völlig neutral zu betrachten. Den wirkenden Selektionsfaktoren der natürlichen Evolution entziehen wir uns Schritt für Schritt und ersetzen sie durch vornehmlich nützliche Institutionen (Medizin, Schule etc.). Durch dieses schrittweise langsame Abrücken von der Natur entstehen zugleich neue Selektionsfaktoren, die auf uns zurückwirken. Auch hier finden wir techné, welche diese Faktoren (inzwischen menschengemacht) eindämmen (Juristik, Strafvollzug, Militär etc.). Der Mensch ist so von einer natürlichen Evolution zu einer kulturhaften, technisierten Evolution übergegangen, die er selbst bestimmt. Anthropologisch betrachtet ist der Mensch ein Artefakt, ein kulturelles Kunstwerk.
      Es ist gut, ins philosophische Nichts zu springen. Besser ist es, wieder heil nach Hause zu kommen.

      Willst du einen Menschen wirklich lehren, musst du ihn zuvor erkennen.
    • iselilja schrieb:

      Anthropologisch betrachtet ist der Mensch ein Artefakt, ein kulturelles Kunstwerk.




      "Anthropologisch" betrachtet sowieso und ich finde deine Idee fabelhaft mich, beziehungsweise
      auch die kulturelle MITkunstwerke ( also die Mitmenschen ) auf unsere spontane Selbstverständnis
      - irgendwie - auch Naturwesen zu sein, aufmerksam zu machen. Ohne genau bestimmen zu können,
      was man ist, wo man steht haben wir nun mal Schwierigkeiten einzuschätzen, woher wir kommen.

      Es ist eine relativ kurze Sequenz unserer Phylogenese, dass wir schnell Redensarten bei der Hand haben
      uns aufgrund unserer Geistigkeit von den Tieren und erst recht von den menschenähnlichen Geschöpfen
      der Urwälder und Zoos abzugrenzen. Der anfängliche Stolz hat sich zwar etwas gelegt, wodurch es
      möglich wurde "ich habe mich ´tierisch´ gefreut" zu sagen aber es kann immer noch passieren,
      dass wir im Momenten der Ratlosigkeit unseren Feinden unterstellen, sie hätten sich - als sie in
      unsren Schützengräber eingebrochen sind - ´tierisch´ benommen. Mit den Artefakten in ihren Händen.

      Davon fällt mir ein: wir sollten (noch thesenhaft, d.h. vorläufig ) bei den Artefakten bleiben, wenn von Menschen
      die Rede sein soll ...um den Künstlern etwa Verständigungsversuche zu zugestehen, wenn sie sich ihrerseits
      (von uns) abzugrenzen suchen und dem Kunstwerk eigens Ausdruck verleihen bzw. es durchscheinen lassen,
      wie es zum Beispiel Rilke macht:


      RAINER MARIA RILKE: ARCHAISCHER TORSO APOLLOS

      Wir kannten nicht sein unerhörtes Haupt
      darin die Augenäpfel reiften. Aber
      sein Torso glüht noch wie ein Kandelaber,
      in dem sein Schauen, nur zurückgeschraubt,

      sich hält und glänzt. Sonst könnte nicht der Bug
      der Brust dich blenden, und im leisen Drehen
      der Lenden könnte nicht ein Lächeln gehen
      zu jener Mitte, die die Zeugung trug.

      Sonst stünde dieser Stein entstellt und kurz
      unter der Schultern durchsichtigem Sturz
      und flimmerte nicht so wie Raubtierfelle;

      und bräche nicht aus allen seinen Rändern
      aus wie ein Stern: denn da ist keine Stelle,
      die dich nicht sieht. Du mußt dein Leben ändern.


      zit. nach P. Sloterdijk: Du mußt dein Leben ändern, s. 40.

      Warum ich auf den Ausdruck "Artefakt" bestehe, ein Beispiel aus Haruki Murakamis Roman:
      "Die Pilgerjahre des farblosen Herren Tazaki", s. 128.:

      ">> ´Creative-Business-Seminare´<< ?
      >> Die Bezeichnung ist neu, aber im Grunde bietet er eine Art Selbsterfahrungskurse an<<, sagte Sara.
      >>Eine leichte improvisierte Gehirnwäsche zur Ausbildung von Firmensoldaten. Statt heiliger Schriften
      benutzen sie ein Handbuch, und statt Erleuchtung und Paradies versprechen sie dir eine Karriere und ein
      hohes Jahresgehalt. Die neue Religion im Zeitalter des Pragmatismus. Allerdings ohne mystische Elemente,
      alles ist konkret und logisch berechenbar. Clean und leicht verständlich. Bestimmt werden nicht wenige davon
      positiv bestärkt. Aber im Grunde ist es nicht anderes als die hypnotisierende Wirkung eines bequemen Denksystems.
      Alle Theorien und Werte, die dort propagiert werden, dienen nur diesem Ziel. Aber Akas Firma hat momentan
      einen sehr guten Ruf, und eine ganze Menge ortansässige Unternehmen haben Verträge mit ihr abgeschlossen.
      Die Webseite der Firma präsentiert ein breit gefächertes Spektrum, das von Boot Camps für Nachwuchskräfte
      über Sommerprogramme für leitende Angestellte in Luxusressorts bis zum hochklassigen Power Coaching für
      Führungskräfte reicht. Die Pauschalangbote sind zumindest ganz schön. Sie führen junge Angestellte ausführlich
      in die Firmenetikette und den Gebrauch korrekter Sprache ein. Ich persönlich würde mich dafür bedanken,
      aber für ein Unternehmen ist so etwas wahrscheinlich attraktiv...<< ".


      Die Beispiele sollten weder charakteristisch noch erschöpfend im in Hinblick auf die erwähnte Phylogenese sein....
      Ein Leben beginnt gewöhnlich mit der Geburt---meins nicht.
      Zumindest weiß ich nicht, wie ich ins Leben gekommen bin.

      (W.Moers: Die 13 1/2 Leben des Käpt'n Blaubär, Kapitel 1.: Mein Leben als Zwergpirat, 1. Satz)
    • iselilja schrieb:

      Auch hier finden wir techné, welche diese Faktoren (inzwischen menschengemacht) eindämmen (Juristik, Strafvollzug, Militär etc.). Der Mensch ist so von einer natürlichen Evolution zu einer kulturhaften, technisierten Evolution übergegangen, die er selbst bestimmt.


      ui,
      der Mensch macht Fehler und was er zur Behebung dieser Fehler anstellt, bewirkt Folgefehler
      der Mensch bleibt deshalb in einer Sackgasse stehen,
      die entsprechende Kultur wird aussterben

      ein Beispiel wäre die temperierte Tonleiter
      denn diese verfälscht die Intervalle
      und folglich wird dann seltsam komponiert
      und das hört man dann auch im 19. Jahrhundert
      und der vermeintliche Ausbruch in die 12-Ton Musik geht komplett in die Hose

      'bestimmt' ist allerdings das falsche Worte
      der Mensch ist ein getriebener, solange er das Niveau für Glaube, Liebe, Hoffnung nicht erreicht hat

      daß der Mensch das Niveau in sich trägt,
      zeigt wieder das Beispiel Musik
      Mehrklänge erzeugen nämlich eine Kaskade von Differenztönen
      unser Erkenntnisapparat nimmt diesen Geräusch aber als einen Klang wahr
    • Wenn ich durch die Stadt schlendere, muss ich hin und wieder auf Ampeln achten, darauf, dass das Handy im Empfangsbereich liegt, eventuell darauf, dass der Bäcker geöffnet hat. Ansonsten kann ich den Gedanken freien Lauf lassen und mich am kontrastierenden Blau des Himmels erfreuen. Es reicht aus, den neben mir schlendernden Hund auf das Wort "Strasse!" zu konditionieren. Ansonsten wirkt auch er gelassen und erfreut sich an meiner Freude. Erfreuen tut mich aber nicht nur der blaue Himmel, auch meine Gedanken drehen sich vielleicht um die erfreuliche Tatsache, dass die Chance an Cholera zu sterben gegen Null geht. Auch die Gefahr, dass meine Nachkommen gefressen werden kann vernachlässigt werden. Mir selbst ist diese Gefahr sowieso fremd. Gefressen wird höchstens mein Bankkonto, meine konditionale Verfassung auf Arbeit, meine geistige Unversehrtheit im Kino oder am Zeitungskiosk. Aber des schönen Wetters wegen streife ich diese Gedanken schnell ab - ich will Erholung.

      ***

      Das frei lebende (auch wild genannte) Tier im Wald kann diese Freuden nicht teilen. Erholung hat hier eine andere Bedeutung - und den Gedanken freien Lauf zu lassen, könnte das Leben kosten. Die Frage nach der objektiven Erklärbarkeit von Kunst stellt sich ihm nicht. Es hat keine Zeit, eine Logie zu entwickeln, eine Zoologie nicht und eine Anthropologie schon gar nicht. Letzteres könnten höchstens obiger sorgenfreier Hund oder das massenhaft gehaltene Nutztier, zumindest hätten sie genug Zeit dafür.

      ***

      Auf meinem Erholungsspaziergang komme ich an einer Galerie vorbei, die ich fast übersehen hätte und trete neugierig ein. Die Neugier meines Hundes hält sich in anderen Grenzen, und er kommt wieder zu mir nachdem er den Schritt einiges Besucher und dessen Hundedame logiert hat. Mit treuen Hundeaugen folgt er meinem Blick auf das Unbekannte vor mir an der Wand. Dass sein Interesse nur von kurzer Zeit ist und er sich wieder der Hundedame widmet entzieht sich meiner Faszination. Allmählich beginne ich zu erkennen, was doch so augenscheinlich offen vor mir hängt. Sinnwelten eröffnen sich und dringen zu mir. Des Künstlers Anliegen suche ich und finde ganz was anderes. Ich bin berührt von der tieferen schönen Wahrheit. Schade dass mein Hund das nicht versteht, denke ich mir so.
      Es ist gut, ins philosophische Nichts zu springen. Besser ist es, wieder heil nach Hause zu kommen.

      Willst du einen Menschen wirklich lehren, musst du ihn zuvor erkennen.
    • Hi Iselilja-
      Anthropologisch betrachtet ist der Mensch ein Artefakt, ein kulturelles Kunstwerk.


      du unterscheidest strikt Mensch und Tier in deinen Beispielen, aber auch Tiere können Artefakte sein. Die Frage nach Kunst wird sich einem Tier nicht in dem Maß und der Verwendung wie einem Menschen stellen, wobei, wenn ich es recht bedenke, will auch das Tier Aufmerksamkeit erregen und sei es 'nur' aus dem Wunsch nach Paarung. Betrachtest du freilebende Löwen in der Savanne, dann kannst du dir leid sehen wie sehr sich diese entspannen und faulenzen können ohne auf irgendetwas zu achten als auf ihre Bedürfnisse und Instinkte. Auch Tiere entwickeln eine bestimmte Logie nach der sie um den Liebespartner werben oder ihren Hunger befriedigen wollen. Mein Hund z.B. weiß sehr genau wie er es anstellen muss, dass er Futter oder Leckerlis bekommt, oder wenn er spazieren gehen will. Also will ich Lebewesen als Artefakte betrachten, dann auch Tiere und Pflanzen, die sich auch ihre Bereiche suchen in denen sie gut wachsen können.
    • idea schrieb:

      Betrachtest du freilebende Löwen in der Savanne, dann kannst du dir leid sehen wie sehr sich diese entspannen und faulenzen können ohne auf irgendetwas zu achten als auf ihre Bedürfnisse und Instinkte.


      Der Löwe scheint es sich tatsächlich oft leisten zu können. Vielleicht auch der Grund, warum man ihn (mystifizierender weise) als König der Savanne bezeichnet. Ich würde ihn lieber in der savannischen Nahrungskette ganz oben sehen, wie den Menschen in der global selbstgebastelten Nahrungskette.

      idea schrieb:

      Auch Tiere entwickeln eine bestimmte Logie nach der sie um den Liebespartner werben oder ihren Hunger befriedigen wollen. Mein Hund z.B. weiß sehr genau wie er es anstellen muss, dass er Futter oder Leckerlis bekommt, oder wenn er spazieren gehen will. Also will ich Lebewesen als Artefakte betrachten, dann auch Tiere und Pflanzen, die sich auch ihre Bereiche suchen in denen sie gut wachsen können.


      Diesem Gedanken versuche ich in einem anderen Thread gerade auf den Grund zu gehen. Im Prinzip teile ich Deine Ansichten dazu, was ich ja schon angedeutet habe.

      iselilja schrieb:

      Es hat keine Zeit, eine Logie zu entwickeln, eine Zoologie nicht und eine Anthropologie schon gar nicht. Letzteres könnten höchstens obiger sorgenfreier Hund oder das massenhaft gehaltene Nutztier, zumindest hätten sie genug Zeit dafür.




      lieben Gruß
      Es ist gut, ins philosophische Nichts zu springen. Besser ist es, wieder heil nach Hause zu kommen.

      Willst du einen Menschen wirklich lehren, musst du ihn zuvor erkennen.
    • idea schrieb:

      Ich würde ihn lieber in der savannischen Nahrungskette ganz oben sehen, wie den Menschen in der global selbstgebastelten Nahrungskette.

      Du würdest Löwen und Menschen essen? Kannibalismus ist auch in Deutschland verboten, wenn ich nicht irre <X


      Idea ;) was ich meinte war, dass es sich Löwen z.B. leisten können, weil sie ähnlich wie der Mensch in ihrem Umfeld keine Fressfeinde haben.
      Es ist gut, ins philosophische Nichts zu springen. Besser ist es, wieder heil nach Hause zu kommen.

      Willst du einen Menschen wirklich lehren, musst du ihn zuvor erkennen.
    • scilla schrieb:

      Erholung

      es kann schön sein,
      das eigentlich Unwichtige, das man mühsam erlernt hat,
      sich wieder vor Augen zu führen

      weil man diese Leistung als ein Stück Lebenswerk betrachtet
      und mit besonderen Gefühlen verbindet

      Verklärung


      Ja, die Reflexion des Gegenwärtigen ist zugleich auch die des Gelernten. Ich kann mich nicht einmal entscheiden, ob es besser wäre, "dummer weise" oder "glücklicher weise" festzustellen, dass der Mensch sowohl Künstliches als auch Kunstvolles zustande bringt. Das Artefakt verkörpert begrifflich ja irgendwie beides.

      lieben Gruß
      Es ist gut, ins philosophische Nichts zu springen. Besser ist es, wieder heil nach Hause zu kommen.

      Willst du einen Menschen wirklich lehren, musst du ihn zuvor erkennen.
    • byLaszlo schrieb:

      Davon fällt mir ein: wir sollten (noch thesenhaft, d.h. vorläufig ) bei den Artefakten bleiben, wenn von Menschen die Rede sein soll ...um den Künstlern etwa Verständigungsversuche zu zugestehen, wenn sie sich ihrerseits (von uns) abzugrenzen suchen und dem Kunstwerk eigens Ausdruck verleihen bzw. es durchscheinen lassen, wie es zum Beispiel Rilke macht [...]


      Was in etwas schwebt Dir da so vor? Anthropologisch und technisch ließe sich gewiss noch eine Menge sagen, was vielleicht sogar über Thesen hinausgehen könnte.

      lieben Gruß
      Es ist gut, ins philosophische Nichts zu springen. Besser ist es, wieder heil nach Hause zu kommen.

      Willst du einen Menschen wirklich lehren, musst du ihn zuvor erkennen.
    • iselilja schrieb:

      byLaszlo schrieb:

      Davon fällt mir ein: wir sollten (noch thesenhaft, d.h. vorläufig ) bei den Artefakten bleiben, wenn von Menschen die Rede sein soll ...um den Künstlern etwa Verständigungsversuche zu zugestehen, wenn sie sich ihrerseits (von uns) abzugrenzen suchen und dem Kunstwerk eigens Ausdruck verleihen bzw. es durchscheinen lassen, wie es zum Beispiel Rilke macht [...]


      Was in etwas schwebt Dir da so vor? Anthropologisch und technisch ließe sich gewiss noch eine Menge sagen, was vielleicht sogar über Thesen hinausgehen könnte.

      lieben Gruß



      ich muss mich bei dir entschuldigen: Dein Thema (Der Mensch als Artefakt) ist mir innerhalb eines Tages über den Kopf
      hinausgewachsen. Das begann damit, dass ich anlässlich deines Beitrages mit einem Begriffs-Trias "Natur - Artefakt -
      Kunstwerk" zu operieren anfing. Deine Intention gibt eine solche Annäherung durchaus her...

      Andererseits befinde ich mich z.Zt. in einer erbitterten Diskussion in meinem Literaturkreis (hier in Freiburg) über ein
      nebenher laufendes Thema " Literatur-Kunst " und in meinem Beitrag von gestern musste daher unverständlich bleiben,
      wieso ich auf eine Trennung zwischen Artefakt und Kunstwerk bestehe - denn "anthropologisch" gesehen gibt sie nicht
      viel her, es sei denn, man will sich auf die spezielle Fragen der Kulturanthropologie fokussieren.

      Aus meiner Begriffs-Trias geht vielleicht hervor, warum ich dagegen bin, dass der Begriff "Kunstwerk" dem die Artefakte
      produzierenden Menschen zugeschrieben wird: es stimmt zwar, dass der Mensch während er Artefakte herstellt, sich selbst
      formt und ihm dabei brauchbare Regel des Selbstformungsprozesses auffallen. Ich denke aber, dass der Mensch bei
      dieser Selbstproduktion nur Artefakte (als Menschen) herstellen kann. Es sind nämlich andere, bis auf weiteres uns
      unzugängliche Prozesse die unter den Artefakten die Kunstwerke nominieren.


      Ob der Mensch sich von der "Natur" entfernt in dem er u.a. Artefakten produziert, ist in der Tat eine anthropologische (in meinen
      Augen etwas anmaßende) Frage. Inwiefern dieses Sich-Entfernen vielleicht ein Naturprozess ist, mit dieser Frage würde man
      den anthropologischen Rahmen verlassen.
      Ein Leben beginnt gewöhnlich mit der Geburt---meins nicht.
      Zumindest weiß ich nicht, wie ich ins Leben gekommen bin.

      (W.Moers: Die 13 1/2 Leben des Käpt'n Blaubär, Kapitel 1.: Mein Leben als Zwergpirat, 1. Satz)
    • Hallo byLaszlo,

      erst mal muss ich sagen, dass es mich freut, dass Du nicht so leichtfertig den Schwung in die Kunst hinnimmst. Die Paralleelen liegen zwar sprachlich auf der Hand, doch wer die Hände benutzt (wie Heidegger sinnieren würde) erkennt auch den Unterschied, der sich sprachlich allenfalls andeuten lässt.

      Der Mensch als Artefakt ist so gesehen in einer Ambivalenz seiner eigenen Unkenntnis (Anthropologie/Kunstwissenschaft) gefangen. Sie zu durchbrechen ist gleichsam schwerer als nur eine Valenz davon zu beurteilen - etwa das Kunstwerk. Der Mensch als Kunstwerk begegnet uns hin und wieder, manchmal auch jenseits ornamentarischer Zurschaustellung - etwa als Poet. Der Mensch als Produkt künstlicher Selbstkonditionierung ist dabei die transzendente Kehrseite der Medaille, ohne die es aber das Kunstwerk vermutlich nicht gäbe. Das Poetische, das Kunstvolle wird sinnwidrig, wenn es die Kunst selbst thematisiert - es kann nur den transzendenten Blick auf das andere wagen.

      lieben Gruß
      Es ist gut, ins philosophische Nichts zu springen. Besser ist es, wieder heil nach Hause zu kommen.

      Willst du einen Menschen wirklich lehren, musst du ihn zuvor erkennen.
    • `Ô´

      zum Gruße
      Keine Frage, Mensch ist Artefakt, vor allem seiner Selbst.
      Zwar von seiner biologischen Seite Evolutions geworden auf 'natürliche' Weise,
      legt er nach seiner Fertigstellung als Homo Sapiens, in einer bisher nie
      dagewesenen Beschleunigung eine selbsterschaffene Entwicklung vor,
      welche der doch recht gemächlichen 'natürlichen' Evolution
      völlig neue Maßstäbe setzt.. !
      Wo ehemals Evolutionsspannen von 100000en Jahren zählten,
      gings nun in 1000er-Schritten weiter, verdichtet sich zu 100ertern
      und strebt neuerdings auf die 10erSprünge los. , .

      Wohin dies weiterführt steht jenseits
      unseres derzeit erforschten Horizontes.
      Doch Eines bleibt uns Menschlein gewiss, , ,
      All dieses rastlose Neuschaffen und Neugestalten,
      das alles ist Menschen geschaffen und somit Artefakt im besten Sinne.
      Menschheitsgeschichte wird so gewissermaßen Menschen-Schöpfung
      bis ins nette Jetzt und in eine grandiose Zukunft. , ~

      d'künftig

      D

      oderetwanicht

      D
    • Hallo iselilja und byLaszlo,

      ich denke, das was einen menschlichen Artefakt allgemein von einem menschlichen Artefakt, welcher imstande ist, Kunstwerke (dinglich) zu gestalten, unterscheidet, ist SEIN und TUN. Wobei das TUN nur dann ein wirklich historienüberstehender Artefakt zu SEIN imstande ist, wenn es im menschlichen, gerade lebenden Artefakt, immer noch ETWAS AUSLÖSEND TUT.

      Soweit mal die Wortspielerei.

      Ich möchte aber noch dazusagen, ein menschlicher Körper ist "natürlich Schön" und die Genesis mit der Geschichte von der künstlerischen Gestaltung des Menschen ein bereits darüber reflektierende Gleichnis aus einer Zeit noch vor unserem religös enthobenen Kunstverständnis.
      Eigentlich wird der Mensch erst als seine modebedingt idealisierte Darstellung oder zeitgenössisch wortgewandete Beschreibung ein Artefakt.
      Sogesehen ist der Mensch in seinem Verständnis als ein in Raum und Zeit eingebettetes Wesen (<jeder ist ein kind seiner zeit>) genauso ein NATÜRLICHES SEIN, wie jede andere unbeeinträchtigt in ihrer ökologischen Niesche lebende Tierart. Bei dem heutigen Bildungsstandard ist aber alleine die Reflexion in Wort und Bild über dieses SEIN eben schon als ein Artefakt zu betrachten.
      Dass dies die Kunst in Definitionsprobleme bringt, was Volkskunst, was hohe Kunst und was Unterhaltungskunst ist, ist schon ein Folgeproblem des Selbstverständnisses des modernen Menschen kreativ zu handeln und sich selbst darzustellen.

      Ich bin ein Freund der Weisheit,
      aber nicht alle ihrer Freunde
      sind auch meine Freunde.

    • idea schrieb:

      Diskursant -

      der Mensch ist so beschaffen, dass er sich in seiner Entwicklung 'Gott sei Dank' nicht selbst überholen kann - es sei denn dies wäre Gottes Wille ;)




      Davon fällt mir die Idee ein, dass die verschiedenen Äusserungen Gottes zwar noch als
      symbolische Artefakte durchgehen mögen, aber auf Gott selbst passt die Trennung
      Natur/Kultur nicht so sehr...oder: was meint ihr ?
      Ein Leben beginnt gewöhnlich mit der Geburt---meins nicht.
      Zumindest weiß ich nicht, wie ich ins Leben gekommen bin.

      (W.Moers: Die 13 1/2 Leben des Käpt'n Blaubär, Kapitel 1.: Mein Leben als Zwergpirat, 1. Satz)
    • Hallo byLaszlo,

      Natur und Kultur sind beide materiell, Gott selbst verstehe ich als höchsten Ausdruck der tranzendenten Kraft. Dass laut Bibel aus dieser Transzendenz - Kraft Worte zu Materie werden können, ist Glaube. Dass in Gleichnissen von einem Gott als älteres Ebenbild des Ebenbildes Mensch erzählt wird, welcher gestalterisch bei der Erschaffung der Welt im Uridealzustand tätig als Schöpfer gewirkt hat, sind auch aus der heutigen christlichen Sicht keine so seienden Realitäten, sondern Metapher für Wahrheiten wie die Ewigkeit Gottes, den Willen Gottes das Gute zu fördern, aber auch die Wahrheit, dass Gott zürnen und seine Güte verweigern kann, wenn man sich nicht an ein Minimum an Vorgaben des Verhaltens hält.

      Daraus ergibt sich nach jahrundertelanger Angst vor einem weiteren Zürnen Gottes für die "schon sich an Toleranz und Offenheit in ihrem andersartig dressiertem Untertanenbewusstein überholende" - WELT der MENSCHEN. Diese Welt, die wegen oft als "Verschwörungstheorien" auftretender Angst einer Vernichtung anheim fällt, weil man selber nicht realisert bzw einfach nicht "wahr haben kann", dass Gott das duldet.

      Wir befinden uns laut Kirche momentan in einer Sekulärisierung, einem Zustand, wo Gott für unser Bewusstsein, aber eben auch wir für seines, "nicht da" ist. Das heißt, Gott ist nicht in unserem Wirkungsbereich, er ist nicht transzendent, sondern immanent für uns. - Das heißt weiters, wenn Gott vielleicht auch zürnen mag, tut er es nicht so, dass wir es merken oder wir davon betroffen sind.

      Hier im Forum gibt es einen Thread über "Eigengöttlichkeit" - "Zu sein wie Gott" ist lange für viele nur mehr ein psychologisch - philosophisches Lernthema. Wer sagt, der Mensch habe sich hierbei nicht selbst überholt, hat meines Erachtens einfach nicht recht.

      Ich bin ein Freund der Weisheit,
      aber nicht alle ihrer Freunde
      sind auch meine Freunde.

    • Der dialektische Umschwung von Quantität zu (neuer) Qualität wurde in der Philosophie ja weitestgehend systematisch gedacht und erörtert - etwa Gesellschaft als System, oder die Genesis als zeitliches System. Der Mensch als Individuum wird ja in der Regel in dieses System hineingeboren, in dem er sich dann orientiert (Glauben/Wissen/Zweifeln/Probieren etc.) aber auch schafft (Arbeit/Nahrungssuche/Kunst etc.). Interessant finde auch ich hier den Gedanken des Sich-Selbst-Einholens, schon allein weil Dialektik bisher nie auf das Individuum Mensch gedacht wurde. Der Mensch selbst aber (als Individuum) bringt für sich die neue Qualität hervor, vielleicht auch weil er sich eben doch reflexiv einholen will. Das Kunsthafte daran ist ja gerade die neue Qualität - sowohl in der Reflexion als auch im Schaffen. Interessanter als der aufrechte Gang ist hierbei das Gehen auf zwei Beinen.

      Die absolute Konstanz eines monotheistischen Gottes ist hierbei zugleich das erkennende Festhalten an etwas, das ein dialektisches Beschreiben des Ganzen erst ermöglicht (Marx würde sich bei meinen Worten vermutlich im Grabe umdrehen). Und dennoch benötigt man (schon rein logisch) diese Trinität von Konstanz, Zukunft und Reflexion, wenn man denn überhaupt vom Menschen sprechen will. Das Artefakt ist ja hierbei eigentlich nur eine Metapher, die sich in diesem Sprechen künstlerisch versucht. Man könnte es auch so ausdrücken: der religiöse Umschlag von Polytheismus zu Monotheismus ist selbst nur ein dialektischer Schritt des Einholens - was viele nicht davon abhält, es als Überholen (oder gar überholt) zu interpretieren.

      lieben Gruß
      Es ist gut, ins philosophische Nichts zu springen. Besser ist es, wieder heil nach Hause zu kommen.

      Willst du einen Menschen wirklich lehren, musst du ihn zuvor erkennen.

      Dieser Beitrag wurde bereits 3 mal editiert, zuletzt von iselilja ()

    • Hallo iselilja,

      zur "Trinität" von "Konstanz", "Zukunft" und "Reflexion", so deine Worte, liest man in dem Jüdischen Beibuch zur Bibel, der Kaballah, geschrieben vor ca 4000 Jahren, dieses bereits:

      Gott sagt: "Ich bin derjenige, der WAR und IST und ewig SEIN WIRD" über den Sinninhalt seines Namens.

      Somit ist deine Erkenntnis der menschlichen Dialektik für dich, Iselilja, zwar neu gefunden, aber schätzungsweise über den Daumen gepeilt doppelt so alt wie das Christentum, wird sie Gott schon in ganz ähnlicher Form zugesprochen.

      Im Erkennen des Menschen als ebenso gleich gestricktes Wesen, bestätigt nun zumindest das Ebenbild das Original in der Autentizität der Wahrheit des psychisch Anlagengleichen.

      Ich bin ein Freund der Weisheit,
      aber nicht alle ihrer Freunde
      sind auch meine Freunde.