"Begriffe haben" (Thesen, Referate)

    • "Begriffe haben" (Thesen, Referate)

      In seinem Buch "Angst vor der Wahrheit" argumentiert Paul Boghossian für die schlichte, einfache Wahrheit ("plain truth"). Damit meint er Wahrheit, die nicht abhängig sein soll von (regionalen, kontingenten) Redeweisen, Vokabularen und Sprachspielen. Nun geht es ihm freilich grundsätzlich um die Wahrheit von Propositionen. Eine Proposition ist, nach landläufigem Verständnis, der Sinn eines Satzes, der davon unberührt bleibt, ob man nach ihm fragt oder ihn behauptet, meint, glaubt usw. Ob ich meine, dass p, oder frage, ob p, oder behaupte, dass p - der propositionale Gehalt "dass p" bleibt invariant. Er bleibt auch invariant bezüglich der Sprecher; denn wenn etwa Person A fragt, ob es wahr sei, dass p, und Person B mit einem "Ja" ihre Meinung bekundet, es sei wahr, so beziehen sich beide auf denselben propositionalen Gehalt (oder Sachverhalt), der durch "dass p" ausgedrückt wird.

      Frege, auf den sich Boghossian übrigens vage beruft, meint, Propositionen (die bei ihm "Gedanken" heißen) hätten "keinen Träger". Während Empfindungen, Wahrnehmungen oder allgemein: Vorstellungen von etwas immer die Vorstellungen einer bestimmten Person seien, die sie "hat", seien Gedanken von ihrem jeweiligen Denker unabhängig. Dieses Keinen-Träger-Haben bzw. dieses Unabhängig-Sein von Trägern können wir auch als Personen-Invarianz ausdrücken: der Gehalt von "dass p" bleibt unverändert davon, welche Person jeweils meint, glaubt, behauptet, hofft, befürchtet, dass p.

      Propositionen, so erläutert Boghossian weiter, seien aus Begriffen zusammengesetzt. Um also z.B. meinen zu können, dass Jupiter 16 Monde hat, müsse man die Begriffe "Jupiter", "Monde", "16" und "haben" haben. Hier noch einmal das Zitat aus der englischen Originalausgabe:

      A propositional content (or proposition, for short) is built up out of concepts. So, for someone to be able to believe the proposition that Jupiter has sixteen moons, they must have the concepts out of which that particular proposition is built, namely, the concept Jupiter, the concept having, the concept sixteen, and the concept moon. (S. 11; Hervorhebungen im Original)

      Man muss also die Begriffe haben. Aber was bedeutet das: "einen Begriff haben"? Denn da hier mit "Begriff" ja die Bausteine von Propositionen (Gedanken, Sachverhalten) gemeint sind, müsste auf sie ja ebenfalls die Eigenschaft der Personen-Invarianz zutreffen. Konkret: Der Gehalt des Begriffs "Jupiter" oder des Begriffs "Mond" müsste unabhängig davon sein, welche Person diesen Begriff verwendet oder "hat". Und folglich könnte man einen Begriff nicht auf die gleiche Weise "haben", wie man einen Schmerz im Knie oder einen Sinneseindruck von etwas "hat". Der Sinneseindruck etwa, den ich von Jupiter habe, wenn ich ihn am nächtlichen Himmel sehe, ist offenbar etwas anderes als der Begriff von Jupiter, den ich habe; und so ist auch das "Haben" meines Sinneseindrucks vom "Haben" des Begriffs verschieden.


      Dem eigentümlichen "Haben" von Begriffen möchte ich in diesem Thread auf die Spur kommen. Es ist wohl leicht einzusehen, dass das Begriffe-Haben von wesentlicher Bedeutung ist für die Möglichkeit von personenunabhängiger Verständlichkeit, Bedeutung und Wahrheit.

      Wie schon der deutsche Ausdruck "Begriff" andeutet - der eng an das lateinische Wort "conceptus" angelehnt ist -, handelt es sich bei begrifflich Artikuliertem grundsätzlich um Begreifbares, Verständliches, Nachvollziehbares. Einen Begriff zu haben, ohne ihn zu "erfassen" - das wäre ungereimt. Man kann zwar Laute nachahmen oder Wörter nachplappern, ohne sie zu verstehen, aber wovon man einen Begriff hat, das versteht man auch. Begriffe können darum nicht dasselbe sein wie die Laute und Wörter, die wir mithilfe unserer "Sprechwerkzeuge" absondern. Und wenn Freges Behauptung zutrifft, dass Gedanken (und damit auch Begriffe) keinen "Träger" haben, dann können auch die Laute und Wörter nicht die "Träger" der Gedanken und Begriffe sein. Aber lassen sie sich sinnvoll als völlig unabhängig von den tatsächlich ausgesprochenen Lauten, Wörtern, Sätzen denken? Frege selbst geht ja davon aus, dass der Gedanke (die Proposition, der Sachverhalt) jeweils der in einem Satz ausgedrückte Gedanke sei. Kann man sich sinnvoll denken, dass es Propositionen (samt Begriffen) auch dann geben könnte, wenn es keine faktischen Sätze gäbe, die von kontingenten Personen unter kontingenten, unwiederholbaren Umständen zum Zwecke der Verständigung hervorgebracht werden?


      Das Haben von Begriffen (und Gedanken im Fregeschen Sinne) ist offenbar mit mancherlei Schwierigkeiten verbunden, und angesichts der Wichtigkeit von Begriffen ist etwas Aufklärung darüber wünschenswert. Wir könnten nun in diesem Thread einfach eine bunte Sammlung von philosophischen Meinungen und Ansätzen zum Begriff zusammentragen. Aber weil dies ein Thread im Rahmen des Pragmatismus-Projekts ist, darf ich mir wohl erlauben, pragmatistische Ansätze zu bevorzugen. Mit "bevorzugen" meine ich nun nicht, dass ich dogmatisch von ihrer alleinigen Wahrheit ausgehe, nein, ich möchte sie nur als Einstieg in die Kontroverse benutzen. Und zwar möchte ich zunächst zwei Autoren zu Rate ziehen: Peter Janich und Robert Brandom.

      Janich bietet sich als Einstieg an, weil er (in seinem neuen Buch "Sprache und Methode. Eine Einführung in philosophische Reflexion", Tübingen 2014, = UTB 4124) eine gut verständliche und knappe Erläuterung des Begriffs gibt.

      Und Brandom bietet sich an, weil er neben seiner überaus detaillierten und verzweigten Analyse des Begrifflichen auch eine Verortung seiner Position innerhalb der verschiedenen modernen philosophischen Paradigmen vornimmt. Dieser Entwurf einer "Landkarte" von kontroversen philosophischen Ansätzen bildet das erste Kapitel von "Begründen und Begreifen. Eine Einführung in den Inferentialismus" (Frankfurt/M 2001, = stw 1689). *)

      Ich finde ja, dass die Anschaffung dieser beiden Bücher sich für jeden lohnt, der sich ernsthaft für Philosophie interessiert. Aber die Teilnahme an der Diskussion soll nicht davon abhängen. Ich werde versuchen, die Positionen dieser Autoren zu referieren und auf Nachfrage zu erläutern, so dass jeder Interessierte "mitkommen" kann. Eure Nachfragen sind nicht nur willkommen, sie wären mir sogar eine Hilfe beim Referieren.

      Gruß,
      H.


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      *) Von "Articulating Reasons" - so heißt Brandoms Einführung im Original - ließ sich mal eine PDF-Datei im Internet finden; wer Interesse daran hat, möge sich per PN an mich wenden.

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    • Peter Janich: Sprache und Methode

      Bevor ich auf Janichs Verständnis von „Begriff“ eingehe, sei hier kurz der Ansatz seines srachphilosophischen Unternehmens angedeutet.

      Das Buch "Sprache und Methode" (SuM) repräsentiert einen in der heutigen Philosophie selten gewordenen Publikationstyp: Es ist ein Lehrbuch, in dem Janich seine eigene philosophische Position im Grundriss systematisch darstellt. Er tut dies in schlichter, gelenkiger Prosa, frei von jedem akademischen Jargon, und kommt dabei ohne Fußnoten und Literaturverzeichnis aus. Jede methodische Entscheidung wird bedacht und begründet, und so führt das Buch zugleich in die philosophische Reflexion überhaupt ein.

      Dem Inhalt nach könnte man es als ein logisches Propädeutikum charakterisieren, das die Grundlagen einer wissenschaftstauglichen Sprachphilosophie bereitstellt, indem es deren wesentliche Termini und Begriffsbildungsverfahren einführt. Aber dabei bezieht Janich natürlich Position. Sprechen wird als Handlung verstanden, die gelingen oder scheitern kann, und so geht der Einführung des sprachphilosophischen Vokabulars eine kleine Handlungsstheorie voraus. Aber damit nicht genug: Im Unterschied zu – ich glaube, allen – anderen logischen Propädeutiken steuert Janich nicht, als sei es eine Selbstverständlichkeit, auf die behauptende Rede los (Aussagen, die wahr oder falsch sein können), sondern er reflektiert deren Einbettung in die auffordernde Rede. Diese betrachtet er als die grundlegendere, methodisch frühere Form des sprachlichen Handelns. Dazu ein Zitat:

      „Da gibt es zum Teil Jahrhunderte alte Traditionen, die Sprechen nur als Behaupten diskutieren – meist mit Blick auf die Frage, was 'Wahrheit' sei – und ihm die Aufgabe zuweisen, die Welt, die Wirklichkeit oder die Natur zu beschreiben und darzustellen, wie die Dinge sich in Wirklichkeit verhalten. Oft geschieht dies in der Hoffnung, dass mit Kenntnis der (natürlichen wie kultürlichen) Welt eine Vorbedingung für das Handelnkönnen, für ein sich Zurechtfinden bereitgestellt wird. Die Zuweisung dieser Aufgabe hat, wie sich auch der philosophische Laie leicht vor Augen führen kann, für die Frage der Bedeutung von Wörtern und die Geltung von Sätzen weitreichende Folgen. Eine solche Folge ist, in zugespitzter Form, dass die Struktur der Begriffe und Urteile hinreichend auf die Struktur der Welt passen muss, sie hinreichend gut wiedergeben oder gar abbilden muss, um die Orientierungsleistung zu erbringen, die von dem sprachlich formulierten Wissen über die Welt erwartet wird.“ (SuM S. 44)

      Handeln, somit auch das Sprachhandeln, muss gelernt werden, und das ist nur möglich in der Kommunikation mit anderen handlungsfähigen Personen. Das elementare Charakteristikum von Handlungen sieht Janich darin, dass wir uns für ihr Gelingen oder Scheitern gegenseitig verantwortlich machen. Er versteht also Handlungen grundsätzlich nicht als das Tun isolierter Personen, und schon gar nicht die sprachlichen Handlungen. - Der Ansatz beim behauptenden Reden (Assertion, Urteil, Aussage), auf den die herkömmliche Sprachphilosophie überwiegend festgelegt oder sogar beschränkt war, hat auch dazu geführt, die elementaren sprachlichen Handlungen als monologisch misszuverstehen:

      „Anschaulich gesagt, Sprache in ihrer Bedeutungsfunktion an den Anfang sprachphilosophischer Überlegungen zu stellen, geht von einem monologischen Sprechen aus, das einer beschriebenen Welt gegenübersteht. 'Monologisch' heißt dabei, von der Einbettung allen Sprechens beim Lernen, Üben und Anwenden in eine gemeinschaftliche Praxis mit anderen Menschen weitgehend abzusehen und sich Sprache gleichsam so vorzustellen, als säße der Sprecher vor einem Blatt Papier und versuchte, bedeutungsvolle und gültige Sätze auf das Papier zu bringen. (…)

      Programm der folgenden Bereitstellung eines sprachphilosophischen Vokabulars ist es dagegen, bei Sprache als Mittel menschlicher Kommunikation anzusetzen und von dort her die traditionellen Probleme der Signifikationsfunktion der Sprache aufzurollen. Kommunikation und Signifikation stehen also nicht als zwei gleichberechtigte oder von einander unabhängige Aspekte nebeneinander. Vielmehr sind Gelingen und Erfolg von menschlicher Kommunikation im Dienst der Lebensbewältigung in Handlungsgemeinschaften die Grundlage dafür, alle Funktionen der Sprache zu bestimmen, von der Unterscheidung elementarer Sprachhandlungstypen wie dem Auffordern, dem Fragen, dem Behaupten und den performativen Sprechakten über das Bestimmen von Wort- und Satzsorten bis zu den Kunstsprachen der Wissenschaft und der Philosophie.“ (SuM S.45f.)

      „Sprache und Methode“ ist, wie gesagt, ein Lehrbuch. Aber was genau wird darin gelehrt? Einfach nur die persönliche Weltsicht Peter Janichs, konkret: die Anwendung seiner pragmatistischen Überzeugungen auf die Sprache? Zwar geht das Unternehmen, Sprache als ein gelingendes oder scheiterndes, erfolgreiches oder erfolgloses Handeln zu rekonstruieren, auf eine persönliche Entscheidung zurück, doch sind ja die Meinungen der Autoren gewöhnlich nicht das, was den Inhalt von Lehrbüchern ausmacht. Was gelehrt werden kann, ist vielmehr ein gesichertes Wissen oder auch ein Können, das aufgrund seiner geregelten Struktur übertragbar und also personenunabhängig auszuüben ist. Das spezifische Können, das Janich in diesem Buch lehrt, charakterisiert er selbst so:

      Wie lassen sich Misslingen und Misserfolg menschlicher Kommunikation vermeiden? Und ist diese Kunst des Vermeidens von Misslingen und Misserfolg selbst durch Sprechen über Sprache in lehr- und lernbare Verfahren zu bringen?“ (S. 47)

      Dabei unterstellt Janich, dass die Vermeidung des kommunikativem Misslingens ein erstrebenswertes Ziel ist. Die Luxusperspektive, nach der mancher Missverständnisse als produktiv begreifen mag, lässt er angesichts der Nöte, die das Scheitern der Verständigung verursacht, auf sich beruhen.

      An dieser Stelle wird auch verständlich, was Janich meint, wenn er sagt, in seinem Lehrbuch werde das Sprechen als Handeln „methodisch rekonstruiert“. Ausgehend vom tatsächlichen Spracherwerb und Sprachgebrauch werden die „Verfahrensweisen“ aufgegriffen, die schon im Alltag den Erfolg der Verständigung herbeiführen, indem sie die Bedeutung der jeweiligen Rede für die Sprecher kontrollierbar machen. Denn offenbar misslingt ja Kommunikation nicht immerzu. Dieses faktisch bereits vorhandene praktische Können muss also nicht neu und künstlich erfunden werden. Es genügt, es re-konstruierend in eine explizite sprachliche Form (z.B. als Regeln) zu bringen und so auch explizit zu lehren.

      Nun soll aber die Rekonstruktion auch eine „methodische“ sein. Dazu Janich selbst:

      „Methodisch soll eine solche Rekonstruktion heißen, weil es dabei um bestimmte Wege im Sinne der Reihenfolge von Einzelschritten geht (von altgriechisch hodos, der Weg). Im Handeln spielen Reihenfolgeprobleme eine fundamentale Rolle. So bestehen ja auch elementare Formen täglicher Lebensbewältigung immer wieder aus Handlungsketten, bei denen Teilhandlungen nur bei Strafe des Misserfolgs der ganzen Handlungskette vertauscht werden können. (…)
      Auch Lerngeschichten für Wörter und Sätze sind häufig an solche Reihenfolgen gebunden, oder sie misslingen. Man muss erst zählen gelernt haben, bevor man zusammenzählen lernen kann, und das Zusammenzählen muss man gelernt haben, bevor man das Multiplizieren lernen kann.“ (SuM S. 49f.)

      Man könnte solche Reihenfolgen, von denen das Gelingen komplexer Handlungen abhängt, auch eine Verkettung von notwendigen „Voraussetzungen“ nennen, was freilich insofern etwas schief wäre, als ja dabei nichts „gesetzt“ wird. Kant sprach bezüglich dieses Problemkomplexes gern von „Bedingungen der Möglichkeit“; ob er sich dabei ganz im Klaren darüber war, dass man es mit Erfolgsbedingungen von Handlungen zu tun hat, wäre eine interessante Frage...

      Wie auch immer: Janich ist der Überzeugung, dass auch die sprachphilosophische Rekonstruktion der gelingenden Kommunikation eine komplizierte Form des Handelns ist und insofern auch scheitern kann, wenn bestimmte methodische Reihenfolgen nicht beachtet werden. Und so unterstellt er sein Unternehmen dem „Prinzip der methodischen Ordnung“:

      „Wegen dieser Verletzungen des Zusammenhangs von nichtsprachlichen und sprachlichen Handlungen, wie er im Alltagsleben unverzichtbar (und generell anerkannt) ist, wird für die komplexen Formen des Redens in den Wissenschaften ein Prinzip der methodischen Ordnung formuliert. Es regelt den beschriebenen Zusammenhang von Sprechen und nichtsprachlichem Handeln. Es verbietet, in vorschreibender oder beschreibender Rede die Reihenfolge von Teilhandlungen einer Handlungskette anders wiederzugeben, als diese ausgeführt werden müssen, um ihren Zweck zu erreichen. (...)

      Wer anders als nach dem Prinzip der methodischen Ordnung redet, formuliert wertlose Vorschriften (Gebrauchsanweisungen, Rezepte, Regeln) oder erzählt unglaubwürdige Geschichten, gibt falsche Berichte usw. Das heißt also, das Prinzip der methodischen Ordnung gilt nicht 'absolut', 'unbedingt' oder (mit einem philosophischen, gleichbedeutenden Wort) 'kategorisch', sondern selbst nur relativ zu weiteren Zwecken. Wer den Zweck verfolgt, auf wertlose Vorschriften und unglaubwürdige Geschichten zu verzichten, tut gut daran, das dafür geeignete Mittel zu ergreifen und das Prinzip der methodischen Ordnung zu befolgen.“ (SuM S. 31f.)


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    • Der Begriff nach Frege

      Vor Kant und Frege ging man in Erkenntnistheorie und Logik davon aus, dass Aussagen bzw. Urteile aus Begriffen zusammengesetzt seien. Die Begriffe wurden also als das Einfache und Primäre verstanden, die Aussagen/Urteile dagegen als das Sekundäre, Abgeleitete. Danach gliederte sich die Logik in die Lehren vom Begriff, vom Urteil und vom Schluss (Syllogismus). Selbst Kant, der in der Sache von dieser Denkweise abwich, hielt in seiner Logik-Vorlesung noch an der traditionellen Dreigliederung fest. Worin bestand aber seine Abweichung? Kant verstand Begriffe gewissermaßen als funktionale Komponenten der Urteile. Unser Verstand, so sagte er, könne keinen anderen Gebrauch von den Begriffen machen als den zu urteilen.

      Traditionell an Kants Lehre vom Begriff war noch, dass er ihn – mentalistisch - als eine „Vorstellung“ (idea) des Bewusstseins (lat.: mens, engl.: mind) interpretierte. Darin war er sich mit wohl sämtlichen maßgeblichen Philosophen seit Descartes einig. Einig war man sich ferner darin, dass die Vorstellungen (Bewusstseinsinhalte) sich in zwei Klassen aufteilten: einerseits in die sinnlichen Anschauungen, die immer Anschauungen von Einzelnem waren, andererseits in die Begriffe, die man als allgemein insofern verstand, als sie auf mannigfaltige singuläre Anschauungen angewendet werden konnten. Bekanntlich nahmen die Empiristen zusätzlich an, dass sinnliche Anschauungen die einzige Quelle unseres Wissens seien, und das hatte zur Folge, dass die allgemeinen Vorstellungen – eben die Begriffe – erst durch eine eigenständige Leistung des Verstandes gewonnen werden können: nämlich durch Abstraktion. (Darauf wird zurück zu kommen sein.)

      Was diese traditionelle Begriffslehre wesentlich vom modernen, an Frege anknüpfenden Verständnis unterschied, war die Annahme, es lasse sich die Bedeutung der Begriffe unabhängig von ihrer Verwendung in Aussagen bzw. Urteilen klären (und zwar über ihre Repräsentationsfunktion: während Eigennamen für Einzelnes standen, repräsentierten Begriffe Allgemeines). Frege machte Ernst mit Kants noch etwas vage bleibenden Bemerkungen über das Verhältnis von Urteil und Begriffen, indem er das Urteil als die elementare logische Einheit interpretierte. Die Teile der Aussage (und ihre Bedeutung) müssen daher aus ihrer Rolle im Satzganzen verstanden werden. Besonders für die Prädikat-Terme – die „Begriffe“ im engeren Sinne – war das folgenreich. Frege charakterisierte die Prädikate (... ist P) bekanntlich als Funktionen, die für sich genommen „ungesättigt“ seien [F(x)]; erst indem man Eigennamen in die Leerstellen der Prädikat-Terme einsetzt – quasi als „Argumente“ -, [Fa, Fb, Fc...] nimmt das Funktionsganze einen bestimmten Sinn und eine Bedeutung an. Im Sinne dieser logischen Analyse versteht Frege Begriffe als die Bedeutungen von Prädikaten. ("Bedeutung" hier nicht in der Fregeschen Terminologie.)

      An Freges Auszeichnung des Aussageganzen als der elementaren sprachlichen Bedeutungseinheit hielt auch der späte Wittgenstein fest, obwohl er sich weniger für die logische Analyse interessierte als den praktischen Sprachgebrauch. Nicht mit isolierten Wörtern mache man einen „Zug im Sprachspiel“, sondern erst mit Sätzen. (In der Umgangssprache durchaus übliche Äußerungen, die nur aus einem Wort bestehen - wie „Platte!“ oder „Hintermann!“ -, verstand Wittgenstein konsequenterweise als Ein-Wort-Sätze. Entscheidend ist dabei also – wie für die Logik – nicht die linguistische Gestalt der sprachlichen Äußerungen, sondern ihre Rolle als Bedeutungseinheit in der Kommunikation.)

      Für die pragmatische Sprachphilosophie – der sich ja auch Peter Janich zurechnet – sollte Wittgensteins Würdigung des faktischen Sprachgebrauchs als der „Basis“ jeder formalen (semantischen, logischen) Analyse der Sprache wegweisend sein. Trotzdem blieb aber eine ausgearbeitete pragmatische Semantik noch lange eher ein Postulat. Janich liefert in seiner pragmatisch-logischen Propädeutik „Sprache und Methode“ auch keine detaillierte Ausarbeitung. Aber er ist, wie schon im letzten Beitrag angedeutet, der Einzige, der den Rekonstruktionsweg vom Handeln über sprachliches Handeln bis hin zur formalen Logik konsequent skizziert.

      Welche Rolle in dieser pragmatischen Rekonstruktion die Begriffe spielen, werde ich im nächsten Beitrag genauer herauszuarbeiten versuchen.

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    • Begriff und Bedeutung

      Hier sei der Text vollständig zitiert, mit dem Peter Janich die Wörter "Begriff" und "Bedeutung" als Termini im Rahmen seiner Rekonstruktion erläutert und festlegt. Das erlaube ich mir, obwohl Janich dabei auf vorherige Erläuterungen und Termini zurückgreift, ohne sie noch einmal zu erklären - was manchem Leser erst einmal Verständnisprobleme bereiten wird. Aber man kann eben nicht alles auf einmal sagen, und irgendwo muss ein Anfang gemacht werden. Nur die Termini Prädikator, Prädikatorenregel und Abstraktor seien vorweg erläutert:

      Prädikatoren werden solche Ausdrücke (Wörter) genannt, die Personen, Handlungen, Dingen, Geschehnissen, kurz: Gegenständen zu- oder abgesprochen werden können. Diese Bezeichnung (sie geht auf R.Carnap zurück) soll die traditionelle Rede von "Prädikaten" ersetzen, um der Verwechslung der logischen Wortsorte mit dem grammatischen Satzteil namens "Prädikat" vorzubeugen.

      Prädikatorenregeln heißen Erläuterungen, die die Bedeutungen von Prädikatoren durch Angabe ihrer Verhältnisse untereinander bestimmen. (Beispiele: Was nicht rot ist, kann gelb, blau, grün, violett sein. Was rot ist, ist nicht grün - und umgekehrt. Dieses Grün ist heller als das Rot, aber dunkler als das Gelb.)

      Ein Abstraktor ist ein Prädikator, der durch (die Handlung der) Abstraktion gewonnen wird. Ein solcher Prädikator bezeichnet also einen "abstrakten Gegenstand". (Das Wort "Wasservogel" ist ein Abstraktor im Verhältnis zu "Ente", "Gans", "Schwan", "Blesshuhn", und zwar hinsichtlich der Eigenschaft "schwimmfähig".)

      Diese Erläuterungen mussten hier sein, weil Janich den Terminus Begriff als ein Beispiel für das Abstraktionsverfahren einführt.

      'Begriff' ist ein Abstraktor relativ zum Konkretum 'Wort'. Dazu setzen wir fest, dass Prädikatoren Exemplare von Wörtern sind (übrigens den Prädikator 'Abstraktor' eingeschlossen). Sind dann Prädikatoren für bestimmte Zwecke in ihrer Verwendung ausdrücklich festgelegt, etwa durch Bezug auf ausgezeichnete Standardexemplare, durch ein System von Prädikatorenregeln, durch explizite Definition oder durch Abstraktion, mögen sie Termini heißen - bezugnehmend auf die Bedeutung des Lateinischen terminare, abgrenzen. Termini sind also nichts anderes als in ihrer Verwendung abgegrenzte, festgelegte Wörter.

      Wo solche Festlegungen verfügbar sind, kann auch entschieden werden, ob zwei verschiedene Wörter kraft Festlegung gleich verwendet werden. Die explizite Definition ist sozusagen der reinste Fall einer ausdrücklichen Vereinbarung von Verwendungsgleichheit. Sollten also, was überlicherweise in der Alltagssprache nicht der Fall ist, die Wörter "Schimmel" und "weißes Pferd" bzw. "Junggeselle" und "unverheirateter Mann" ausdrücklich als verwendungsgleich verabredet sein, so hat man hier zwei Beispiele für eine Äquivalenzrelation "verwendungsgleich". In der Tradition nennt man solche Wörter auch
      synonym. Und nun greift das Abstraktionsverfahren: verwendungsgleiche bzw. synonyme Termini stellen denselben Begriff dar. Das Verhältnis von Wort bzw. Prädikator zu Begriff ist also gemäß Abstraktionsverfahren logisch gesehen dasselbe wie das Verhältnis von Zahlwort bzw. Zählzeichen zu Zahl. Begriffe sind Abstrakta relativ zu den Konkreta "Wörter" bzw. "Termini" bzw. "explizit bestimmte Prädikatoren"; das Wort "Begriff" selbst ist ein Abstraktor.

      Wegen des Bezugs von Begriffen auf Verwendungsgleichheit oder Synonymität liegt es nahe, jetzt auch dem in diesem Buch laufend, aber ohne Erläuterung verwendeten Wort 'Bedeutung' eine methodische Rekonstruktion zu geben. Wo von der Verwendung mit Blick auf Verwendungsgleichheit von Wörtern die Rede ist, redet man - per definitionem - von
      Bedeutung. Von der Bedeutung von Wörtern zu reden ist also verwendungsgleich zur Rede über die Verwendung von Wörtern. Mit anderen Worten, die Wörter 'Verwendung' und 'Bedeutung' sind, bezogen auf Prädikatoren, synonym. Und der Leser wird schon nicht mehr überrascht sein, die Wörter 'Verwendung' und 'Bedeutung' selbst als Abstraktoren zu erkennen, weil sie ja durch Invarianz bezüglich "verwendungsgleich" bzw. "bedeutungsgleich" (oder "synonym") gebildet sind. Damit ist jetzt auch die Sprechweise rekonstruiert zu sagen, ein Begriff sei die Bedeutung eines Wortes.

      Wir können hier nicht darauf eingehen, dass in einer bestimmten Tradition der sprachanalytischen Philosophie die "Existenz" von bedeutungsgleichen, d.h. synonymen sprachlichen Ausdrücken bestritten worden ist (explizit von W.v.O Quine). Die dort vorgebrachten Einwände beziehen sich auf eine Beschreibung empirisch vorgefundener, tatsächlich gesprochener Sprache. Demgegenüber sind die vorangegangenen Erläuterungen zum Abstraktor "Begriff" auf eine Synonymität bezogen, die ausdrücklich rekonstruierend hergestellt wurde. Die Einwände, mit denen die Existenz synonymer Ausdrücke bestritten wurde, sind also durch Herstellung von Synonymität außer Kraft gesetzt worden. Dabei hat man sich nicht eine welt- oder lebensfremde Künstlichkeit zuschulden kommen lassen. Denn es gibt so gut wie keinen Bereich tatsächlichen Sprechens, von der Alltagssprache bis zu den raffinierten wissenschaftlichen und philosophischen Terminologien, in denen nicht immer wieder Sprachgebräuche ausdrücklich festgelegt werden, und sei es als Mittel der Konfliktlösung oder der Beseitigung von Missverständnissen. Und der Leser möge sich veranschaulichen, dass diese Festlegungsmöglichkeiten von Sprachgebräuchen weder ein Normierungsluxus noch eine philosophische Spitzfindigkeit sind. Vielmehr lebt z.B. der ganze Bereich des rechtlichen Verpflichtens davon, diese Pflichten so genau wie möglich sprachlich festzulegen, von der Straßenverkehrsordnung und den Steuergesetzen bis zum Strafgesetzbuch und zur Verfassung von Staaten. Wer also im Übergang von Wörtern zu Begriffen und der dafür unverzichtbaren Feststellung von Bedeutungsgleichheit eine unzumutbare Gängelung des Sprachgebrauchs erkennen wollte, verkennt, dass er selbst, als rechtlich verpflichteter Staatsbürger, auch auf das Mittel der Bedeutungsfestlegung von rechtlich einschlägigen Begriffen verpflichtet ist.
      (SuM S. 149f.)

    • Der Prädikator "verwendungsgleich", der bei Janichs Erläuterung des Begriffs eine zentrale Rolle spielt, ist (mindestens) zweistellig. D.h. er bezeichnet eine Relation zwischen verschiedenen Gegenständen, in diesem Fall: zwischen verschiedenen Wörtern. Es wurde auch schon erwähnt, um welche Art von Relation es sich handelt, nämlich um Äquivalenz. Verwendungsgleiche Wörter sind also äquivalent. Sie lassen sich beliebig durch einander ersetzen, ohne dass die Bedeutung der Sätze, in denen sie verwendet werden, sich änderte. Ob ich sage "Das weiße Pferd nahm den Wassergraben spielend" oder "Der Schimmel nahm den Wassergraben spielend", macht keinen Unterschied für die Bedeutung des Satzes und für seine Wahrheit oder Unwahrheit. Das lässt sich auch so sagen: man darf davon absehen, welches der beiden Wörter jeweils verwendet wird - oder auch: man darf davon "abstrahieren", da die verschiedenen Wörter "denselben Begriff" darstellen. (Der Prädikator "Begriff", hatten wir gelesen, sei ein "Abstraktor".) Die Erlaubnis für dieses "Absehen" oder diese "Abstraktion" geht von der Äquivalenzrelation zwischen den Ausdrücken "weißes Pferd" und "Schimmel" aus.

      Es sind nun aber außer der Verwendungsgleichheit noch vielerlei andere Äquivalenzrelationen zwischen Prädikatoren möglich, die eine Abstraktion erlauben. In meinem Beispiel "Ente, Gans, Schwan und Blesshuhn sind Wasservögel" ist "Wasservogel" ein Abstraktor hinsichtlich der Äquivalenzrelation "schwimmfähig". Unter dem Gesichtspunkt der Schwimmfähigkeit sind die Unterschiede zwischen "Ente", "Gans", "Schwan" und "Blesshuhn" vernachlässigenswert, irrelevant. Diese Äquivalenz erlaubt mir, von ihnen invariant zu sprechen.
      Janichs Einführungsbeispiel in "Sprache und Methode" ist die Zahl. "Zahl" ist ein Abstraktor in Bezug auf Zahlwörter und Zahlzeichen über der Äquivalenzrelation der Zählgleichheit. Ob ich "vier", "quattro", "four", "4", "IV", "0100" schreibe oder - wie der Kellner auf dem Bierdeckel - vier senkrechte Striche mache: "IIII" - ich stelle jedes Mal eine Zahl mit demselben Zählergebnis dar. In dieser Hinsicht sind also die verschiedenen Ausdrücke gleichwertig. In anderen Hinsichten sind sie es natürlich nicht. Darum ist bei der expliziten Darstellung (oder Rekonstruktion) einer Abstraktion immer anzugeben, hinsichtlich welcher Äquivalenzrelation der jeweilige Begriff ein Abstraktor ist. Auch die Konkreta, als die jeweilige Abstraktions"basis", sind anzugeben. - Damit ist auch geklärt, was traditionell "abstrakter Gegenstand" (auch "Abstraktum") genannt wird; Abstraktoren sind Bezeichnungen abstrakter Gegenstände.

      Janich charakterisiert das Abstraktionsverfahren allgemein so:
      "Abstrakta werden aus Konkreta dadurch gebildet, dass über letztere invariant bezüglich einer Äquivalenzrelation gesprochen wird. Dabei bedeutet die Invarianz die Unveränderlichkeit bezüglich wahr und falsch. (...) Für eine gelungene Anwendung des Abstraktionsverfahrens hat man sich also zu fragen, ob [eine] und wenn ja, welche Äquivalenzrelation vorliegt bzw. bestimmt werden kann, relativ zu der invariant Aussagen über konkrete Gegenstände gemacht werden können." (SuM S. 148)


      (Im nächsten Beitrag werde ich noch einige Anmerkungen Janichs zu traditionellen Theorien der Abstraktion beifügen. Sie sind so wichtig, dass sie es verdienen, ausführlich zitiert zu werden.)

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    • Abstraktionstheorien

      Leider ist in der deutschen Gebrauchssprache die Rede von abstrakt, abstrahieren und Abstraktion ebenso geläufig wie unklar. Eine abstrakte Malerei wird einer gegenständlichen gegenübergestellt, abstrakt als unanschaulich, wenig konkret, ja manchmal nur im Sinne von abgehoben und unverständlich gemeint. Dazu gibt es dann eine Art populärer Abstraktionstheorie, die sich an die wörtliche Bedeutung des "Abziehens" oder "Absehens" hält: So müsse man z.B. von den tatsächlich gesehenen Bäumen abziehen, d.h. davon absehen, was sie an Unterschieden hätten, um zum "abstrakten Begriff Baum" zu kommen. Ob ein Baum ein junger Setzling oder eine alte Eiche am Ende der Lebensdauer ist, Blätter oder Nadeln trägt, oder gar eine Palme ist, soll dabei keine Rolle spielen. Bei dieser Auffassung handelt es sich (übrigens mit der wörtlichen Übersetzung des Lateinischen abstrahere aus dem Griechischen aphairein) um einen Rückgriff auf die Aphairesis-Lehre von Aristoteles. Aristoteles beabsichtigte, gegen die Philosophie seines Lehrers Plato gewandt, die "abstrakten" Gegenstände der Geometrie durch ein solches Abziehverfahren zu bestimmen. Danach wäre der geometrische Gegenstand "Kreis" durch ein Absehen von Farbe, Material und ähnlichem bei kreisförmigen Rädern, Tellern usw. zu gewinnen. Diese gleichsam negative Abstraktionstheorie, wonach der der zu bestimmende Gegenstand der übrigbleibende Rest ist, wenn man all seine sonstigen Eigenschaften übergeht, birgt große Schwierigkeiten. Vereinfacht gesagt, die negative Bestimmung von abstrakten Gegenständen lässt sich nicht in eine Anweisung übersetzen, welche Eigenschaften des abstrakten Gegenstandes nun positiv bestimmt sind. Sprachkritisch gewendet, ein Wort "Kreis" kann in seiner Verwendung nicht dadurch bestimmt werden, dass wir bei der Rede über Räder oder Teller auf die Prädikatoren 'Holz', 'Ton', 'schwarz' oder ähnliche verzichten.

      Das Zahl- und Zählbeispiel deutet schon einen anderen Weg an: Was Zahlen "sind", d.h. wie das Wort 'Zahl' zu verwenden ist, wird auf Zählgleichheit bezogen. Man spricht also nicht darüber, dass man von der unterschiedlichen Lautgestalt der beiden Zahlwörter "zehn" und (italienisch) "dieci" bzw. von der Gestalt der Zählziechen X und 10 abzusehen habe, um die Zahl 10 zu gewinnen. Vielmehr wird positiv gesagt, man rede von Zahlen statt von Zahlwörtern bzw. Zählzeichen, wenn man "invariant bezüglich Zählgleichheit" spricht. "Invariant" bedeutet, wörtlich übersetzt, "ohne Veränderung". Es verändert sich nichts am Zählergebnis, wenn wir vom Wort "zehn" auf das italienische "dieci" übergehen, oder unser Zählergebnis mit einer römischen statt einer arabischen Ziffer notieren.

      Wer nun noch einmal die Frage "Was sind Zahlen?" aufwirft und mit den Antworten "Das Wort 'Zahl' ist ein Abstraktor", "Zahlen werden durch Zahlwörter bzw. durch Ziffern dargestellt" und "Zahlen sind Abstrakta, die durch invariantes Reden bezüglich Zählgleichheit gebildet werden" nicht zufrieden ist, müsste angeben, wonach er fragt. Es liegt der Verdacht nahe, dass eine Antwort im Sinne der klassischen Definitionslehre gesucht wird, also etwa ein Genus proximum und eine spezifische Differenz. Aber alle Versuche dieser Art müssten doch wieder das Spezifikum der Zahlen als Zählergebnis erfassen.

      Eine andere, ebenfalls philosophisch nicht haltbare Auffassung besagt, dass Abstraktion ein psychologisch zu beschreibender, mentaler Vorgang sei, weshalb man bis in die Alltagssprache hinein z.B. vom Abstraktionsvermögen einer Person spricht. Das prinzipielle Problem dieser psychologischen Auffassung ist, dass diese Charakterisierung der Handlung des Abstrahierens nicht daran vorbei kann, über die Gegenstände und Ergebnisse des Abstrahierens genaue Angaben zu machen; mit anderen Worten muss auch dann explizit gesagt werden, wie man denn genau das Abstrahieren anzustellen hätte, um mit diesem mentalen Prozess z.B. von konkreten Gegenständen (wie Ziffern auf einem Ziffernblatt) zu abstrakten Gegenständen wie Zahlen zu kommen.

      Darum geht das vorliegende Buch den anderen, den methodischen Weg, der um Bedeutung und Geltung von sprachlichen Ausdrücken bemüht ist. Auch dort ist "Abstrahieren" selbstverständlich eine Handlung, die allerdings als Handlungsschema explizit beschrieben, und zwar als sprachliches Handlungsschema beschrieben wird. Das Wort 'Abstraktion' gehört also in dieselbe Gruppe von Wörtern wie 'Definition', 'Prädikatorenregel' oder 'exemplarische Bestimmung von Prädikatoren'.

      Das Wort 'Abstraktor' ist seinerseits ein Prädikator, genauer ein Prädikatorenprädikator. Denn wir sagen ja, das Wort 'Zahl' sei ein Abstraktor, d.h. wir sprechen einem Wort den Prädikator 'Abstraktor' zu (und z.B. den Prädikator 'Tisch' ab).

      Der Leser führe sich selbst den Unterschied der Verwendung des Wortes 'Zahl' und von Zahlwörtern vor Augen. Schon in alltäglichen Aussagen über Berechnungen, umso mehr in mathematischen Aussagen können wir nämlich bestimmten Zahlen Prädikatoren zu- oder absprechen. So können wir etwa sinnvoll (und wahr) behaupten, dass die Zahl 4 das Doppelte der Zahl 2 ist oder dass die Zahl 2 die einzige gerade Primzahl ist. Dagegen können wir keine vergleichbaren Aussagen über den Abstraktor 'Zahl' machen. Der Abstraktor 'Zahl' hat keine arithmetischen (also auch keine "mathematischen") Eigenschaften.
      (SuM S. 146f.)

    • Sachverhalt und Tatsache

      Als weitere Beispiele für Begriffsbildung durch Abstraktion rekonstruiert Janich die Ausdrücke "Sachverhalt" und "Tatsache". Da diese Ausdrücke oft zu Kontroversen führen (auch hier im Forum), sind Janichs Erläuterungen dazu vielleicht nicht ganz uninteressant.

      Janich bestimmt das Verhältnis von Aussage und Sachverhalt analog zum Verhältnis von Wort und Begriff. Danach stellen Aussagen Sachverhalte dar, und die dafür erforderliche Äquivalenzrelation ist die Inhaltsgleichheit von Aussagen: "Wenn nämlich alle sprachlichen Ausdrücke an Nominatorenstelle dieselben Gegenstände benennen, und wenn alle Prädikatoren synonym sind, stellen (im Wortlaut) verschiedene Aussagen denselben Sachverhalt dar." (SuM S. 151)

      Beispiel:

      "François Hollande empfing die deutsche Bundeskanzlerin herzlich."
      "Der französische Präsident begrüßte Angela Merkel mit Umarmung und Wangenküssen."

      Zwei Sprecher könnten sich zwar darüber uneins sein, ob eine Begrüßung mit Umarmung und Wangenküssen nun eine "herzliche" Begrüßung sei oder - bedenkt man französische Üblichkeiten - vielleicht doch nur eine "förmliche". Aus deutscher Sicht ist das Bussi-Geben allerdings gegenüber einem bloßen Handschlag klar eine Steigerung in Richtung Herzlichkeit. Aber das wären vielleicht doch eher kleinliche Bedenken. Im Wesentlichen dürften die Sprecher doch darin einig werden, dass mit den beiden Sätzen "dasselbe gesagt", also derselbe Sachverhalt dargestellt werde.

      (Bei dieser Gelegenheit sei noch kurz darauf hingewiesen, dass auch schon die Prädikatoren "Aussage" und "Satz" Abstraktoren sind, und zwar im Verhältnis zu konkreten Äußerungen. Sagt ein Sprecher im Verlauf einer Unterhaltung "denselben" Satz wie kurz vorher sein Gesprächspartner, so handelt es sich ja um zwei verschiedene Äußerungen auch dann, wenn sie sich im Wortlaut nicht unterscheiden. Die Äquivalenzrelation, hinsichtlich derer mit dem Wort "Satz" von den Äußerungen abstrahiert wird, ist also die Gleichheit im Wortlaut. - Aber zurück zu Janich.)

      Sachverhalte sind nach diesem Vorschlag abstrakte Gegenstände und beziehen sich auf konkrete Gegenstände, nämlich die Aussagen. Dieser Umstand irritiert gerne den erkenntnistheoretischen Laien, wenn er darauf verweist, dass es ja auch Sachverhalte "gibt", d.h. dass sich ja auch Sachen verhalten, über die keine Aussagen gemacht werden. Ob z.B. auf der uns abgewandten Rückseite des Mondes an einer bestimmten Stelle gerade ein Meteorit einschlägt oder nicht, ist uns unbekannt und deshalb auch nicht Gegenstand irgendeiner Aussage. Dennoch könne doch dieses dem Menschen unbekannte Naturereignis nicht davon abhängig sein, ob nun irgendein Mensch darüber eine Behauptung aufstellt oder nicht.

      Wer diesem Problem aufgesessen ist, ist offensichtlich in eine selbst gestellte Falle getappt. Das Problem selbst lässt sich nämlich nicht formulieren, ohne doch einen Satz über das fragliche, menschen- und sprachunabhängige Geschehnis auszusprechen oder niederzuschreiben (wie ja soeben hier im Text geschehen). Tatsächlich dürfen wir davon ausgehen, dass laufend beliebig Vieles geschieht, ohne dass dies Gegenstand irgendeiner Behauptung wird, wie wir ja auch selbst handeln können, ohne diese Handlung gleichzeitig beschreiben oder sonst sprachlich begleiten zu müssen. Wer spazieren geht, behauptet nicht, dass er spazieren geht, sondern führt eine nichtsprachliche Handlung aus. Aber wenn von einem Sachverhalt wie einem Spaziergang einer Person x zum Zeitpunkt t gesprochen wird, wird trivialerweise eben darüber gesprochen, d.h. es werden Sätze geäußert, Behauptungen aufgestellt usw. Die vorgeschlagene Bindung von 'Sachverhalt' an 'Aussage' ist also weder ein besonderes Risiko noch gar eine unzulässige Einengung etwa natürlicher Wirklichkeit auf einen Bezug zur menschlicher Beschreibung. Vielmehr gilt selbstverständlich: solange man nicht über Sachverhalte spricht, spricht man nicht über sie. Dann kann man in eben diesem Sinne noch nicht einmal behaupten, dass es sie "gibt", oder dass sie "existieren" ohne dass man darüber spricht.

      Recht besehen ist die Anbindung des Gebrauchs von 'Sachverhalt' an 'Aussagen' nicht eine Einengung, sondern eine enorme Erweiterung über das hinaus, was geschieht, seien es nun Handlungen oder Naturereignisse. Denn in Aussagen können auch Sachverhalte fingiert werden, die nicht wirklich geschehen (in beachtenswerter Analogie zu den Kennzeichnungen im Falle der Adressoren und Eigennamen, wo ja z.B. mit Wörtern wie 'Rübezahl' oder 'Odysseus' ebenfalls etwas fingiert wird). Die Sachverhalte, die in Aussagen von Märchen, Romanen, oder auch unkontrollierbaren wissenschaftlichen Hypothesen oder Theorien vorkommen, sind fingiert, also frei erfunden und beanspruchen nicht, wahr oder falsch zu sein; oder sie können diesen Anspruch wenigstens nicht einlösen.

      Um fingierte und unter diesen die nicht bestehenden von den bestehenden Sachverhalten zu unterscheiden, verwendet man üblicherweise das Wort 'Tatsache'.
      Tatsachen sind bestehende Sachverhalte. Ob ein Sachverhalt besteht oder nicht, wird - entsprechend der Bestimmung des Abstraktors 'Sachverhalt' - durch Aussagen festgestellt. Danach stellen wahre Aussagen wirkliche Sachverhalte, und damit (d.h. bedeutungsgleich) Tatsachen dar. Falsche Aussagen stellen keine wirklichen Sachverhalte und mithin keine Tatsachen dar. Deshalb gilt es im Deutschen auch zu recht nicht als korrekt, von "falschen Tatsachen" zu sprechen. Tatsachen können verdreht sein, d.h. können falsch dargestellt werden, aber sie können nicht nicht bestehen. Wer eine Aussage zunächst für wahr gehalten hat, um dann deren Falschheit zugeben zu müssen, hat nicht einen bestehenden Sachverhalt zum Verschwinden gebracht, sondern sich lediglich geirrt bezüglich des Bestehens eines Sachverhaltes bzw. des Vorliegens einer Tatsache.

      Diese Beispiele zeigen, dass eine sorgfältige Rekonstruktion der Verwendung von Wörtern wie 'Sachverhalt' und 'Tatsache' kein Selbstzweck ist, sondern ein unverzichtbares Werkzeug für die Klärung und Beilegung philosophischer Kontroversen z.B. im Bereich der Erkenntnistheorie. (Die häufig anzutreffende Meinung, die sich menschenunabhängig verhaltenden Sachen, die Tatsachen, würden ihre Bilder, die Aussagen, wahr machen, ist damit begründet als falsch verworfen: man müsste ja schon zur Darstellung dieser Meinung über "Sachen" und "Tatsachen" sprechen, ohne über sie zu sprechen; ein performativer Selbstwiderspruch also, vom Schönheitsfehler ganz abgesehen, dass in 'Tatsache' das Wort 'Tat' enthalten ist.)

      Abschließend lässt sich über das Abstraktionsverfahren sagen, dass es unverzichtbar ist für eine Leistung unserer Sprache, die wir im Alltag wie in den Wissenschaften und der Philosophie unter keinen Umständen missen könnten: es sind letztlich immer Abstraktionsverfahren, die wir anwenden, wenn wir von der sprachlichen Darstellung auf das Dargestellte, und zwar wiederum sprechend, übergehen wollen. Mit anderen Worten, weil wir Sprechen in der Form des Handelns, bei dem es auf Bedeutung und Geltung ankommt, betrachten, sehen wir tatsächlich im Sprechen und dann auch in der Reflexion auf dieses Sprechen von den Zufälligkeiten der Form, des Ausdrucks, der Wortwahl usw. ab und erfassen das durch Sprache Dargestellte, Behauptete oder auch Geforderte. Dieser Übergang vom sprachlichen Ausdruck zur Bedeutung ist mit dem Ziel einer expliziten Bestimmung der fraglichen Wörter über Äquivalenzrelation wie verwendungsgleich, bedeutungsgleich, synonym, inhaltsgleich usw. bestimmt worden.

      (SuM, S. 152f.)
    • Noch einmal: das Problem

      Im Eröffnungsbeitrag habe ich drei Punkte angesprochen, die mir für das Begriffe-Haben zentral zu sein scheinen:

      1. den grundlegenden Unterschied des Begrifflichen zu individuellen Vorstellungen und Empfindungen,

      2. die Möglichkeit einer trans-individuellen Begriffsbedeutung und

      3. das Verhältnis des Begrifflichen zur Sprache.


      Zu 1.

      Es herrscht unter Philosophen wohl Einverständnis darüber, dass Begriffe etwas „Allgemeines“ sind. Begriffe können auf eine Mehrzahl von Gegenständen zutreffen. Im Verhältnis zu einem Begriff sind die Gegenstände, auf die er zutrifft, austauschbare Beispiele, „Exemplare“. Anders stellt sich das Verhältnis von Eigennamen zu den jeweils benannten Gegenständen oder Personen dar. Eigennamen werden verwendet, um bestimmte Gegenstände herauszugreifen oder sie direkt anzusprechen. Namen können darum dem Benannten sozusagen „anhaften“, sie können es „repräsentieren“. Es überrascht darum nicht, dass sich allerlei magische Vorstellungen mit der Bedeutung von Eigennamen verbanden und verbinden. Im Unterschied dazu ist das Verhältnis der Begriffe zu individuellen Gegenständen erheblich distanzierter. Sie werden verwendet, um „Mengen“ von Gegenständen abzugrenzen und zusammenzufassen. Die Elemente dieser Mengen können untereinander sehr verschieden sein. Es genügt schon, dass sie sich nur in einem einzigen Merkmal ähneln, um ein Element derselben Menge zu werden oder, wie man auch sagt, unter denselben Begriff zu fallen. So können etwa Stromkabel und Rosen Elemente derselben Menge sein, obwohl sie in ihrem „Wesen“ miteinander kaum etwas zu tun haben. Die Zugehörigkeit zu derselben Menge (sagen wir: der roten Gegenstände) würde ihnen eher willkürlich, „von außen“ zugesprochen; sie würde nicht viel über Rosen und Stromkabel und etwaige „Gemeinsamkeiten“ zwischen ihnen besagen.

      Einen Begriff oder eine sinnliche Wahrnehmung von etwas zu haben, sind darum sehr verschiedene Arten des „Habens“. Unsere sinnliche Wahrnehmungen von etwas sind sehr viel reichhaltiger, differenzierter als unsere Begriffe von etwas. Sie liefern Ähnlichkeiten immer zusammen mit mannigfaltigen Unterschieden. Auch sind sinnliche Wahrnehmungen immer räumlich und zeitlich genau bestimmt. Sie setzen uns jeweils in ein singuläres Verhältnis zum Wahrgenommenen. Sinnlichen Wahrnehmungen sind wir mehr oder weniger ausgeliefert. Sie widerfahren uns, wir „rezipieren“ sie. Wir können nicht über sie verfügen. Das Haben eines Begriffs von etwas ist dagegen ein willkürliches Verfügen, ein von uns selbst kontrolliertes Können.

      Sinnliche Wahrnehmungen lassen sich wegen des singulären Verhältnisses, in das sie uns zum jeweils Wahrgenommenen versetzen, auch nicht übertragen. Es sind in einem strikten Sinne immer unsere eigenen Eindrücke. Niemand kann sie uns nehmen, aber niemand kann sie auch mit uns teilen. Zwar darf man davon ausgehen, dass wir unter ähnlichen Umständen ähnliche Wahrnehmungen und Empfindungen haben; auch gibt es ja so etwas wie Empathie, unmittelbares Mitgefühl. Aber wenn jemand einen Schmerz im Knie hat, kann er diese Empfindung anderen nicht derart mitteilen oder auf sie übertragen, dass sie ebenfalls einen Schmerz im Knie bekommen. (Und das ist wohl auch ganz gut so. Ich stelle mir gerade vor, wie es früher den Zuschauern öffentlicher Folterungen und Hinrichtungen ergangen sein mag. Sicher hatten viele Zuschauer „Mitleid“ oder „Mitgefühl“ mit den Delinquenten, aber diese Regungen müssen sich doch in einem erträglichen Rahmen gehalten haben. Es muss auf irgendeine Weise sogar ein Genuss gewesen sein zuzuschauen. Denn die Leute wurden ja nicht zum Zuschauen gezwungen, sie wurden von diesem Spektakel irgendwie angezogen. Eine sonderlich abschreckende Wirkung scheint von diesen Strafen auch nicht ausgegangen zu sein.)

      Mit der Übertragbarkeit oder Mitteilbarkeit von Begriffen sieht es doch sehr anders aus. Begriffe sind kein individueller „Besitz“, von dem andere grundsätzlich ausgeschlossen wären. Man darf sie durchaus als ein potentielles „Gemeingut“ ansehen. Und darin scheint auch ihr besonderer Wert zu liegen. Gerade die sinnliche „Armut“ der Begriffe macht sie – zusammen mit ihrer beliebigen Verfügbarkeit – zur Mitteilung besonders geeignet. Und so ist es grundsätzlich kein Problem, jemanden dazu zu bringen, dass er z.B. denselben Begriff der Primzahl oder des Wasservogels „hat“ wie man selbst.

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    • Zu 2.

      Aber vielleicht ist das voreilig? Kann man nicht berechtigtermaßen daran zweifeln, dass verschiedene Personen sich bei der Verwendung eines Begriffs exakt dasselbe darunter vorstellen? Machen wir nicht immer wieder die Erfahrung, dass verschiedene Sprecher zwar dasselbe Wort verwenden, aber plötzlich feststellen müssen, doch sehr Unterschiedliches, sogar Unvereinbares damit zu meinen? Ja, das kommt nicht nur bei bekanntermaßen mehrdeutigen Wörtern vor (wie „Flügel“ oder „Schloss“), sondern immer wieder auch bei scheinbar unmissverständlichen Wörtern. So mögen manche Sprecher Seeadler oder Flamingos wie selbstverständlich zu den Wasservögeln zählen, weil Gewässer nun einmal deren bevorzugter Lebensraum und Wassertiere ihre Nahrungsgrundlage sind, während andere Sprecher den Begriff nur schwimmfähigen Vögel vorbehalten. Außerdem darf man davon ausgehen, dass jeder Sprecher aufgrund seiner persönlichen Lebens- und Lerngeschichte mit bestimmten Wörtern ganz eigene Vorstellungen verbindet. So wird jemand, der unter einer Vogelphobie leidet, mit dem Wort „Wasservogel“ ganz anderes konnotieren als jemand, der sich ein Vergnügen daraus macht, seine Brotreste zu sammeln und sonntags an die Enten, Gänse und Schwäne im Stadtpark zu verfüttern.

      Wenn man also die Möglichkeit einer personen-invarianten Begriffsbedeutung erwägt, kann damit sinnvoller Weise keine vollständige Übereinstimmung gemeint sein; dazu sind die individuellen Assoziationen und Konnotationen zu vielfältig. Übereinstimmung zwischen verschiedenen Sprechern ist nur möglich, wenn sie sich auf einen kontrollierbaren Teil des jeweils mit einem Begriff Meinbaren beschränkt. So mag etwa der Vogelphobiker Wasservögel als lauter Spielarten von Monstern erleben, während der Entenfütterer sie als potentielle Kuscheltiere sieht, aber sie können trotz dieser unterschiedlichen Erlebnisweisen durchaus die gleichen Vogelarten meinen, wenn sie von „Wasservögeln“ sprechen, d.h. ihr Begriff kann denselben „Umfang“, dieselbe „Extension“ haben, d.h. auf dieselbe Menge von Exemplaren zutreffen. Wir sind also bei den Kriterien für die Bedeutungsgleichheit von Begriffen sehr bescheiden. Es genügt uns, wenige ausgewählte Merkmale ins Zentrum zu rücken, anhand derer sich die Mannigfaltigkeit des Meinbaren – z.B. Greifvögel, Wasservögel, Watvögel, Laufvögel, Zugvögel... - grob unterscheiden und zusammenfassen lässt.

      Ja, man kann wohl sagen, dass gerade die Befähigung zu einer solchen Genügsamkeit oder Selektivität ein spezifisches Merkmal des Verfügens über Begriffe ist. Stellt man sich nämlich vor, dass der Vogelphobiker völlig von den Gefühlswelten absorbiert würde, die sich ihm schon bei der bloßen Erwähnung von Wasservögeln auftun, so wäre diese andrängende Erlebnisfülle ein schwerwiegendes Hindernis für das Fassen eines klaren und deutlichen Begriffs von diesen Tieren. Oder umgekehrt gesagt: Die Fähigkeit, einen klaren und deutlichen Begriff von etwas zu bilden, scheint einher zu gehen mit der Fähigkeit, sich von den eigenen emotionalen Konnotationen und Assoziationen gewissermaßen zu distanzieren und sich bei der Begriffsverwendung auf bestimmte, als wesentlich betrachtete und sozusagen „neutrale“ Aspekte der jeweils gemeinten Sache zu beschränken. Erst eine solche distanzierte, kontrollierte und selektive Herangehensweise eröffnet überhaupt die Chance, Begriffe mit personen-invarianter Bedeutung zu gewinnen und zu verwenden.

      Im Eröffnungsbeitrag hatte ich kurz auf Freges These hingewiesen, Gedanken hätten keinen „Träger“. Seine Gründe für diese zunächst vielleicht seltsam anmutende These hängen eng mit dem Problem einer nicht personengebundenen Begriffsbedeutung zusammen:


      Ist der Gedanke eine Vorstellung? Wenn der Gedanke, den ich im pythagoreischen Lehrsatz ausspreche, ebenso von andern wie von mir als wahr anerkannt werden kann, dann gehört er nicht zum Inhalte meines Bewußtseins, dann bin ich nicht sein Träger und kann ihn trotzdem als wahr anerkennen. Wenn es aber gar nicht derselbe Gedanke ist, der von mir und der von jenem als Inhalt des pythagoreischen Lehrsatzes angesehen wird, dann dürfte man eigentlich nicht sagen „der pythagoreische Lehrsatz”, sondern „mein pythagoreischer Lehrsatz”, „sein pythagoreischer Lehrsatz”, und diese wären verschieden; denn der Sinn gehört notwendig zum Satze. Dann kann mein Gedanke Inhalt meines Bewußtseins, sein Gedanke Inhalt seines Bewußtseins sein. Könnte dann der Sinn meines pythagoreischen Lehrsatzes wahr, der seines falsch sein?

      (...)

      Wenn jeder Gedanke eines Trägers bedarf, zu dessen Bewußtseinsinhalte er gehört, so ist er Gedanke nur dieses Trägers, und es gibt keine Wissenschaft, welche vielen gemeinsam wäre, an welcher viele arbeiten könnten; sondern ich habe vielleicht meine Wissenschaft, nämlich ein Ganzes von Gedanken, deren Träger ich bin, ein anderer hat seine Wissenschaft. Jeder von uns beschäftigt sich mit Inhalten seines Bewußtseins. Ein Widerspruch zwischen beiden Wissenschaften ist dann nicht möglich; und es ist eigentlich müßig, sich um die Wahrheit zu streiten, ebenso müßig, ja beinahe lächerlich, wie es wäre, wenn zwei Leute sich stritten, ob ein Hundertmarkschein echt wäre, wobei jeder von beiden denjenigen meinte, den er selber in seiner Tasche hätte, und das Wort „echt” in seinem besonderen Sinne verstände. Wenn jemand die Gedanken für Vorstellungen hält, so ist das, was er damit als wahr anerkennt, nach seiner eigenen Meinung Inhalt seines Bewußtseins und geht andere eigentlich gar nichts an. Und wenn er von mir die Meinung hörte, der Gedanke wäre nicht Vorstellung, so könnte er das nicht bestreiten; denn das ginge ihn ja nun wieder nichts an.

      (G. Frege: Der Gedanke. Eine logische Untersuchung. Beiträge zur Philosophie des deutschen Idealismus 2 1918-1919, S. 68f.)


      Frege zeigt damit knapp, aber überzeugend auf, dass eine psychologistische Interpretation begrifflicher Bedeutung zum Scheitern verurteilt ist. Denn sie untergräbt die Möglichkeit einer trans-individuellen Wahrheit von Aussagen, die eigenen eingeschlossen. Nun zieht Frege aus diesem Befund allerdings Konsequenzen, die stark an Platons Ideenontologie erinnern: Da Gedanken weder sinnlich wahrnehmbare Dinge noch subjektive Vorstellungen seien, müsse man ein „drittes Reich“ annehmen, dem jene Entitäten angehörten, die wahr oder falsch sein können – also die von Sätzen ausgedrückten Gedanken. In diesem Reich existierte dann z.B. der Satz des Pythagoras zeitlos wahr, unabhängig davon, ob jemand ihn dächte und als wahr anerkennte oder nicht.

      Solche Spekulationen sind aber nicht zwingend. Frege zieht nämlich nicht in Erwägung, ob man den Gegensatz von privatem Bewusstsein und öffentlich zugänglichen Dingen wirklich als Ausgangsposition zugrundelegen muss. Ist die Konsequenz aus dieser Annahme, dass auch ich selbst in einen privaten und einen öffentlichen Teil zerfallen müsste, wirklich überzeugend? Liegt es nicht z.B. näher, die Sprache – die als öffentlich zugängliches und kontrollierbares Medium der Bedeutungsübertragung unverzichtbar für jede Wissenschaft ist – als Ausgangspunkt zu wählen und die Probleme des privaten Vorstellens und der intersubjektiven Wahrheitsgeltung von daher aufzurollen? Dass Frege, dessen ganzes Denken doch um die Sprache kreiste, einen solchen Ansatz gar nicht in Betracht gezogen zu haben scheint, mutet rätselhaft an.

      Was das Problem der „Trägerschaft“ für Gedanken (Propositionen) und ihre Wahrheit angeht, so lässt es sich ohne platonistische Spekulationen lösen, indem man vom öffentlichen, grundsätzlich intersubjektiven und kommunikativen Sprachgebrauch ausgeht. Die Frage, wie es möglich sei, dass verschiedene Personen mit ihren privaten Vorstellungswelten dieselben Gedanken fassen, wird dann ersetzt durch die Frage, wie es möglich sei, Wörter auf die gleiche Weise zu verwenden. Diese Frage ist sicherlich nicht leicht zu beantworten. Da aber Wortverwendung eine grundsätzlich öffentliche Angelegenheit ist, stehen die Chancen, sie einer Antwort zuzuführen, von vornherein sehr viel besser.

      (Fortsetzung folgt.)

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    • Zu 3.


      Es sind letztlich immer Abstraktionsverfahren, die wir anwenden,
      wenn wir von der sprachlichen Darstellung zum Dargestellten,
      und zwar immer noch sprechend, übergehen wollen.

      (P. Janich)


      Ich komme noch einmal zurück auf Freges These, dass die von Sätzen ausgedrückten Gedanken keinenTräger hätten, dass sie also nicht bloß subjektive Vorstellungen oder Bewusstseinsinhalte sein oder auf solche zurückgeführt werden könnten. Seine Gründe für diese These halte ich für überzeugend, und somit gilt es, die mit guten Gründen postulierte Nicht-Subjektivität oder Trans-Subjektivität propositionaler Gehalte festzuhalten, auch wenn man Freges Erhebung der Gedanken zu unabhängigen, zeit- und ortlosen Entitäten eines dritten Reiches (neben Dingen und subjektiven Vorstellungen) nicht zustimmt.

      Wie lässt sich aber ein nicht-subjektiver Gehalt von Sätzen ohne eine solche befremdliche These erklären? Wie ist es möglich, dass Sätze nicht-subjektive Inhalte ausdrücken können, obwohl diese Sätze doch immer von einzelnen Subjekten ausgesprochen, verantwortet und interpretiert werden müssen, um überhaupt in der Welt zu sein? Wie ist es möglich, dass die Handlungen einzelner Personen Gehalte hervorbringen, die transindividuell gelten?

      Verdeutlichen wir uns das Problem im Detail!

      Es ist streng genommen unmöglich, zweimal exakt dasselbe zu tun (z.B. in denselben Fluss zu steigen). Jede Handlung ist ein singuläres, unwiederholbares Ereignis. Und doch würden wir nicht zögern zu behaupten, dass die beiden rot markierten Zeichenketten, die ich durch zwei singuläre Aktualisierungen eines Handlungsschemas hervorgebracht habe, zwei Instanzen desselben Wortes sind. Auch wenn sich mehrere Personen unterhalten, werden sie wie selbstverständlich davon ausgehen, dass die von ihnen hervorgebrachten Lautgebilde in vielen Fällen dieselben Wörter „sind“, obwohl doch diese Lautgebilde sich de facto unbestreitbar unterscheiden. Der eine von ihnen sagt vielleicht nur „is“, der andere hat einen s-Fehler und sagt „itht“, der dritte sagt etwas, das eher wie „üst“ klingt usw. Man braucht sich nur in die Lage eines Ausländers oder eines Kindes zu versetzen, das noch in den Anfängen des Spracherwerbs steckt, um sich klar zu machen, wie wenig selbstverständlich es doch ist, dass diese verschiedenen Lautgebilde alle dasselbe Wort darstellen. Sie tun es offenbar nur für Sprecher, die eine gewisse individuelle Variationsbreite in der Aussprache tolerieren können, deren Interpretation flexibel genug ist, von den faktischen individuellen Variationen abzusehen. Dazu müssen sie eine gewisse Großzügigkeit und Entgegenkommen walten lassen – und natürlich: abstrahieren können. D.h. sie müssen bereit und in der Lage sein, die verschiedenen Aussprachen trotz ihrer faktischen Variationen als äquivalent, als gleichwertig zu behandeln im Blick auf deren übergeordnete kommunikative Funktion.

      Diese Überlegung zeigt, dass das, was Frege für die Ebene der Satzinhalte geltend macht, auch schon auf niedrigerer Ebene gilt. Auch einzelne Wörter müssen, wenn man sie auf ihre Rolle in der sprachlichen Verständigung hin untersucht, bereits als „trägerlos“ und ihre Bedeutung als sprecher-invariant angesehen werden. Aber die Überlegung zeigt auch, dass der kommunikative Zeichengebrauch nur dann interpersonelle Bedeutungsgleichheit herstellt, wenn die beteiligten Sprecher daran aktiv mitwirken. Ohne ihre tätige Bereitschaft, sich gegenseitig Äquivalenzen einzuräumen, wo faktische Differenzen sind, käme Bedeutungsgleichheit nicht zustande, ja könnten verschiedene Personen nicht einmal dasselbe Wort gebrauchen.

      Werden durch eine solche Sicht der Dinge die „ewigen Wahrheiten“ - wie sie z.B. der Satz des Pythagoras ausdrückt – nicht in den Staub gezogen? Soll das „trägerlose“ Sein der Gedanken letztlich von so etwas Profanem und Unverlässlichem abhängen wie der gutwilligen, kooperativen Interpretationsleistung sterblicher Individuen? Öffnet sich da nicht der Abgrund des – horribile dictu - Relativismus? Nun, wem es plausibler erscheint, den Satz des Pythagoras, mit dem jeder Geometrie-Schüler umgehen kann und der seine Praktikabilität in ungezählten profanen technischen Anwendungen bewährt, zu einem Numinosum zu erheben, das als zeitlose Wahrheit vom Himmel gefallen ist und dessen Dasein wir fehlbaren Erdenbewohner nur demütig hinnehmen können, der mag diesen Glauben pflegen. Mir leuchtet der pragmatische Erklärungsansatz eher ein, der die von unseren Sätzen ausgedrückten Gedanken auf unsere eigenen Leistungen und Handlungen zurückführt.